Junger palästinensischer Christ hält ein Kreuz
 

Indien: Ein Jahrzehnt der Christenverfolgung

Hintergrundbericht: Zunahme der Übergriffe auf Christen - Nationalisten wollen Christen "zurückbekehren"

(NEU DELHI) – In den vergangenen zehn Jahren haben die Angriffe auf Christen in Indien zugenommen, meldet der Informationsdienst Compass Direct unter Berufung auf einen Bericht der Evangelischen Allianz Indiens (EFI). Demnach ist es seit 2001 jährlich durchschnittlich zu mehr als 130 Übergriffen gekommen. Allein im vergangenen Jahr wurden 149 gewalttätige Angriffe gegen Christen registriert. Die meisten Fälle wurden aus den Bundesstaaten Karnataka und Andhra Pradesh im Süden Indiens sowie den Nachbarstaaten Madhya Pradesh und Chhattisgarh gemeldet. 2,7 Millionen der insgesamt 23 Millionen indischen Christen leben in diesen vier Staaten, die die EFI als Zentrum der Christenverfolgung betrachtet. Während es in den nördlich-zentral gelegenen Landesteilen seit zehn Jahren Spannungen gibt, begann die Eskalation in Südindien im Jahr 2010.

Angriffe in den Bundesstaaten im Jahr 2010:
Karnataka: mindestens 56
Chhattisgarh: 18
Andhra Pradesh: 15
Madhya Pradesh: 13

Laut EFI zeigt die Konzentration der Verfolgung auf diese vier Staaten, dass "die Angriffe keine Einzelfälle, sondern Teil einer systematischen Kampagne einflussreicher hindu-nationalistischer Organisationen sind, welche sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen und Straflosigkeit genießen".

Im Jahr 2009 gab es in Gesamtindien mehr als 152 Übergriffe auf Christen. Die genannten Bundesstaaten führen nach Angaben der Evangelischen Allianz Indiens (EFI) die Liste gewalttätiger Zwischenfälle an:

48 in Karnataka
29 in Andhra Pradeh
15 in Madhya Pradesh
14 in Chhattisharh

Drei der Staaten – Karnataka, Chhattisgarh und Madhya Pradesh – werden von der Hindu-nationalistischen "Bharatiya Janata Party" (BJP) regiert. Im von der gemäßigten Kongresspartei regierten Andhra Pradesh wurden die Übergriffe zumeist von hindu-nationalistischen Gruppen verübt.

Bundesstaat Orissa
Die EFI hat in ihrem Bericht den Behörden Versäumnisse bei der Aufklärung von Straftaten vorgeworfen. Nach den gewaltigen Unruhen gegen Christen in den Jahren 2007 und 2008 im Bezirk Kandhamal (Orissa) hätten die Behörden nur "wenige Anstrengungen unternommen, sich mit den Ursachen der Spannungen zu befassen". Als solche seien polarisierende Propaganda gegen Christen sowie die Aktivitäten einflussreicher Hindugruppen zu nennen. Diese Gruppen repräsentierten jedoch nicht die gemäßigte, tolerante Hindu-Gemeinschaft in Indien, sondern die extremistische Ausprägung des Hindu-Nationalismus. Bei Ausschreitungen im Bezirk Kandhamal während der Weihnachtstage im Jahr 2007 kamen laut Gesamtindischem Christenrat (AICC) vier Christen ums Leben. 730 Häuser sowie 95 Kirchen wurden niedergebrannt. Den Angriffen gingen rund 200 Verfolgungsfälle in anderen Teilen des Landes voraus. Im August 2008 brach im Bezirk Kandhamal erneut Gewalt aus. Über 100 Menschen starben, 4.640 Häusern und 252 Kirchen sowie 13 Bildungseinrichtungen wurden beschädigt oder völlig zerstört. Mehr als 50.000 Christen mussten aus ihren Dörfern fliehen, viele konnten bis heute nicht zurückkehren. Schnell breitete sich die Gewalt in den darauffolgenden Wochen auf andere Staaten aus. Berichten zufolge kam es im Bundesstaat Karnataka im August und September 2008 zu 28 Angriffen.

Überblick Jahre 2001 bis 2006
Nach Angaben der "Christian Legal Association of India" gab es im Jahr 2006 mindestens 130 Fälle – im Durchschnitt mehr als zwei pro Woche. In 2005 wurden mindestens 165 Übergriffe auf Christen bekannt; aus den Jahren 2001 bis 2004 jährlich mindestens 200 Vorfälle.

Großangelegte Rückbekehrungsaktion
Konservativ-nationalistische Hindus haben im April 2010 angekündigt, im kommenden Februar im Bezirk Mandla (Madhya Pradesh) eine Großveranstaltung mit zwei Millionen Hindus abzuhalten. Ziel sei es, Christen zum Hinduismus "zurückzubekehren" sowie Pastoren, Evangelisten und ausländische Entwicklungshelfer aus dem Bezirk zu vertreiben. In der Vergangenheit haben vergleichbare Großveranstaltungen schon zu Gewaltausbrüchen geführt. Zwar liege die Verantwortung für solche Veranstaltungen nach Recht und Gesetz in kommunaler Hand, doch sei die Reaktion der Zentralregierung auf diese Aktion ein entscheidendes Signal dafür, was in den kommenden Monaten und Jahren in Indien für die Behandlung der christlichen Minderheit zu erwarten sei, so der Informationsdienst Compass Direct. Die erste derartige Aktion 1998 in der Provinz Dangs im Bundesstaat Gujarat war der Ausgangspunkt für Diskriminierungen gegen Christen, die in gewalttätigen Übergriffen mündeten. 

Anti-Bekehrungsgesetze
Obwohl Politikern zunehmend klar werde, dass religionsbezogene Konflikte politisch nicht länger förderlich sind, sei es vielleicht zu früh, eine Veränderung an der Basis zu erwarten, kommentiert Compass Direct: Bislang wurde keines der in einigen Bundesstaaten geltenden sogenannten "Anti-Bekehrungsgesetze" zurückgenommen. Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Orissa und Arunachal Pradesh hatten bereits vor 2001 solche Gesetze zur Regulierung von Konversionen eingeführt. In drei weiteren Staaten – Gujarat, Rajasthan und Himachal Pradesh – wurden vergleichbare Regeln eingebracht. Zwei Staaten streben eine Verschärfung bestehender Gesetze an. In Arunachal Pradesh und Rajasthan sind die vorgelegten "Anti-Bekehrungsgesetze" noch nicht in Kraft getreten.

Religionswechsel muss Behörden gemeldet werden
Anti-Bekehrungsgesetze werden vor allem als Vorwand missbraucht, sozial und missionarisch aktive Christen zu drangsalieren. Die Gesetze verlangen, dass Behörden der Religionswechsel eines Hindus gemeldet wird. Bei Unterlassung können sowohl der Konvertit als auch Geistliche mit einer Geldstrafe belegt oder inhaftiert werden. In einigen Bundesstaaten ist ein angestrebter Religionswechsel zuvor behördlich zu genehmigen.

Christen im Visier
Seit 1998 sind Christen verstärkt Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. Als die in Italien geborene Sonia Gandhi – die aus einer katholischen Familie stammt – Präsidentin der Kongresspartei Indiens wurde, gerieten Christen ins Visier der rechtkonservativen, hindu-nationalistischen Partei BJP sowie der extremistischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) - dem wichtigsten Verband nationalistischer Hindugruppen. Gandhi, Ehefrau des früheren Premierminister Indiens Rajiv Gandhi, galt als Hauptbedrohung für die BJP, die im selben Jahr erstmals auf Bundesebene an die Macht gekommen war. Im Jahr 2001 begann die Verfolgung in Indien. Christen wurden ermordet, verprügelt, vergewaltigt, schikaniert, fälschlicherweise beschuldigt, ausgegrenzt und ihr Eigentum zerstört. Besonders stark verfolgt wurden sie in den zentralindischen Staaten, die vorwiegend von Stammesvölkern bewohnt werden. Die Maßnahmen zielten offensichtlich darauf ab, Sonia Gandhi dahin zu bewegen, sich für Christen einzusetzen. Damit hätte man sie als Führerin der christlichen Minderheit und Gegnerin der Hindu-Mehrheit, deren Führung die BJP für sich beansprucht, brandmarken können. Beobachter waren daher nicht überrascht, dass Frau Gandhi sich nie direkt gegen Christenverfolgung in Indien ausgesprochen hat.

Zerwürfnis unter Nationalisten
Als nationalistische Hindugruppen Ende 2008 mit Bombenanschlägen in Verbindung gebracht wurden, distanzierten sich RSS und BJP von den Terrorverdächtigen. Bei Wahlkampagnen, sowohl auf kommunaler als auch auf Landesebene, änderte die BJP ihre bisherige Strategie und nahm eine relativ moderate Haltung ein. Vor allem die nationale Führung der BJP wurde gemäßigter. Sie war in den beiden aufeinander folgenden allgemeinen Wahlen von 2004 und 2009 unterlegen. Damit hatten die Wähler deutlich gezeigt, dass sie mehr an wirtschaftlicher Entwicklung und Modernisierung interessiert waren als an polarisierendem Nationalismus. Die Häufigkeit von Übergriffen auf Christen bleibt dennoch hoch. Denn in den Führungsebenen von BJP und RSS finden sich sowohl national als auch regional einige nationalistische Hardliner, deren Ziel ein rein hinduistisches Indien Staat bleibt. Wie sich die Lagerbildung unter den Nationalisten im kommenden Jahrzehnt auswirken wird, bleibt abzuwarten. Spekuliert wird, dass frühere Anhänger der RSS eigene Splittergruppen bilden könnten.

Bitte beten Sie für die christliche Minderheit in Indien, die fast täglich Diskriminierung und Verfolgung durch Extremisten ausgesetzt ist.   

 

QuelleCompass Direct