Länderprofil Afghanistan

Afghanistan

3
Weltverfolgungsindex
2017
Flagge Afghanistan
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Islamische Republik
Rang Vorjahr
4
ISO
AF
Karte Afghanistan
Karte Afghanistan
Christen
einige Tausend
Bevölkerung
34.17
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 16.667
Familienleben: 16.427
Gesellschaftliches Leben: 15.145
Leben im Staat: 15.625
Kirchliches Leben: 14.844
Auftreten von Gewalt: 10.556

Berichtszeitraum: 1. November 2015 – 31. Oktober 2016

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

89 Punkte / Platz 3 (WVI 2016: 88 Punkte / Platz 4)


Triebkräfte der Verfolgung

„Islamische Unterdrückung“ (Haupttriebkraft), etwas geringer ausgeprägt „Ethnisch begründete Anfeindungen“ und „Organisiertes Verbrechen und Korruption“.


Aktuelle Einflüsse

Afghanistan ist schon seit Jahrhunderten ein unruhiges Land. Von den Persern regiert, erlangte es 1709 seine Unabhängigkeit. Der Nordwesten des Landes ist auch als Teil des alten „Khorasan“ bekannt, ein Name, der im Januar 2015 wieder Bedeutung erlangte, als Kämpfer dem „Islamischen Staat“ (IS) die Treue schworen und damit das „Kalifat von Khorasan“ ausgerufen wurde. Sie kämpfen im Nordosten gegen die afghanischen Regierungstruppen und greifen außerdem muslimische Minderheiten wie die schiitischen Hazara an. In Angriffswellen im Juli, August und Oktober 2016 haben sowohl die Taliban als auch der IS ihre Macht demonstriert.


Betroffene Kategorien von Christen

Die einzigen Christen, die sich noch im Land befinden, sind ehemalige Muslime. Läden und Geschäfte werden schon allein bei dem Verdacht, es könnte sich bei den Inhabern um konvertierte Christen handeln, zerstört.


Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

  • Der allgemeine Druck auf Christen ist auf einem extrem hohen Niveau und hat sich im Berichtszeitraum des WVI 2017 noch leicht verstärkt.
  • Der Druck ist in allen Lebensbereichen extrem hoch. Islamische Unterdrückung geht vor allem von Familien, Freunden und dem Lebensumfeld, aber auch von örtlichen religiösen Leitern aus. Die staatlichen Behörden sind schwach und der Islam ist ein willkommener verbindender Faktor, zumal die Gesellschaft sich darüber einig ist, dass eine Abkehr vom Islam nicht toleriert werden kann.
  • Das Maß an Gewalt gegen Christen ist unvermindert sehr hoch und liegt nur einen Bruchteil unter der Weltverfolgungsindex-Erhebung von 2016. Mehrere ehemalige Muslime wurden getötet, nachdem ihre Bekehrung zu Jesus Christus von der (entfernteren) Verwandtschaft entdeckt worden war. Andere Familien haben ihre christlichen Verwandten in psychiatrische Krankenhäuser einweisen lassen, da niemand mit gesundem Verstand jemals den Islam verlassen würde. Wenn der christliche Glaube entdeckt wird, wird der Besitz der Betroffenen zerstört oder ihnen weggenommen. Allein der Verdacht, jemand könnte Christ geworden sein, kann diese Handlungen nach sich ziehen.


Ausblick

Die größten Herausforderungen für Afghanistan im Jahr 2017:

  • Die katastrophale Sicherheitslage;
  • Der große Zustrom von Flüchtlingen, die aus Pakistan und dem Iran zurückgeschickt werden;
  • Die steigende Opiumproduktion, durch die sich militante Gruppen finanzieren und Korruption gefördert wird. Das führt zu einer Verstärkung der Verfolgungstriebkräfte „Islamische Unterdrückung“ und „Organisiertes Verbrechen und Korruption“, was sich wiederum negativ auf die tief verborgenen kleinen christlichen Gemeinschaften auswirkt.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit 89 Punkten steht Afghanistan auf Platz 3 des Weltverfolgungsindex (WVI) 2017. Im Jahr 2016 nahm Afghanistan mit 88 Punkten Platz 4 ein. Der Druck auf Christen ist in allen Lebensbereichen extrem hoch. Die Wertung der Kategorie Gewalt ist weiterhin sehr hoch und vergleichbar mit dem WVI 2016.

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2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung: Die Islamische Republik Afghanistan erlaubt keine Hinwendung zum christlichen Glauben und erkennt Christen nicht an. Der Abfall vom Islam ist für Familie und Gemeinschaft eine große Schande. Deshalb verbergen Christen muslimischer Herkunft ihren neuen Glauben so gut wie möglich. Noch immer beherrschen die Taliban Teile des Landes; ihr beachtlicher Einfluss wird durch viele Angriffe und Kämpfe gegen Regierungstruppen deutlich, die in mehreren Provinzen um Macht ringen. Die neue Führung der Taliban ist noch stärker geneigt, extremistische religiöse Ansichten zu vertreten und ihre Aktionen zu verstärken, um ihre Herrschaft auszuweiten. Das führt zu einer steigenden Zahl von Todesopfern und Flüchtlingen (laut UN wurden von Januar bis September 2016 8.397 Zivilisten getötet oder verletzt und 382.371 vertrieben).

Alle afghanischen Christen sind ehemalige Muslime. Werden sie entdeckt, erleiden sie Diskriminierungen und Feindseligkeiten bis hin zur Tötung durch Familie, Freunde und Gesellschaft. Geistliche muslimische Leiter sind dabei oft die Anstifter und auch örtliche Behörden sind nicht selten involviert. Wer den Islam verlässt und entsprechend als Abtrünniger angesehen wird, befindet sich in einer extrem gefährlichen Situation.


Ethnisch begründete Anfeindungen: Das Konzept einer Nation ist der afghanischen Denkweise fremd. Zuerst kommt die eigene Familie, dann der Clan, anschließend der eigene Stamm und dann die Volksgruppe – sie gelten als wesentlich wichtiger als der Staat. Sich um die Familie, das Dorf, den Stamm oder das eigene Volk zu kümmern, ist tief verwurzelt. Sollte es jemand wagen, den eigenen Stamm zu verlassen, um sich etwas Neuem und gar noch Ausländischem zu öffnen, wird enormer Druck ausgeübt, damit die Person zu den Traditionen zurückkehrt. Tut sie das nicht, gilt sie als Verräter und wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Dies gilt für alle Arten von Abweichung, ganz besonders aber für den christlichen Glauben. Denn er gilt als westliche Religion und wird als feindlich gegen die afghanische Kultur, Gesellschaft und dem Islam angesehen. Insofern kommt das Verlassen des Islam einem Hochverrat gleich.


Organisiertes Verbrechen und Korruption: Der Mangel an Exportgütern hat zu einer großen Schieflage in der Handelsbilanz und damit zu ständiger Geldnot geführt. Erschreckende 80% des Bruttoinlandproduktes (BIP) kommen aus der Schattenwirtschaft. Korruption und organisiertes Verbrechen sind allgegenwärtig. Davon sind auch Christen betroffen, die überwiegend der armen Bevölkerungsmehrheit angehören. Eines der großen wirtschaftlichen Probleme Afghanistans ist der Anbau von und Handel mit Drogen wie Opium, denn kein anderer Ernteertrag ist so lukrativ. Im Vergleich zum Weizen erzielt ein Bauer mit dem Anbau von Mohn den elffachen Gewinn. Daher macht der Drogenhandel etwa 15% des offiziellen BIP aus. Die Taliban sind intensiv an diesem Geschäft beteiligt. Geschätzte 70-80% der Einnahmen landen in ihren Taschen.

Das Zentrum des Mohnanbaus ist die im Süden gelegene Provinz Helmand, etwa 50% des für Mohnanbau geeigneten Bodens befinden sich dort. Dies ist auch eine Hochburg der Taliban. Im Oktober 2016 zeigte sich das UN-Büro zur Drogen- und Verbrechensbekämpfung besorgt über die im Vergleich zum Vorjahr etwa 43%ige Zunahme der Opiumproduktion in Afghanistan, eine Gesamtmenge von 4.800 Tonnen. Insgesamt haben sich die Anbauflächen für Mohn um 10% vergrößert. Es ist kein Geheimnis, dass mit dem Gewinn bewaffnete militante Gruppen unterstützt werden und die Korruption weiter angeheizt wird. Wer sich den Drogenbossen in den Weg stellt, wird aus dem Weg geräumt, eine weitverbreitete Praxis. Die Situation wird durch Drogenbarone, die in vielen Gebieten die Bewohner unterdrücken, noch schwieriger, denn immer mehr Teile des Landes geraten dadurch außer Kontrolle. Das betrifft zumeist nicht speziell Christen, denn die sind praktisch nicht erkennbar. Doch sind sie von dieser Situation ebenfalls betroffen und können von keiner Seite Hilfe erwarten.

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3. Aktuelle Einflüsse

Afghanistan ist schon seit Jahrhunderten eine unberechenbare Region. Bevor es 1709 die Unabhängigkeit erlangte, wurde es von den Persern regiert. Der Nordwesten des Landes ist Teil des alten „Khorasan“; ein Name, der wieder Bedeutung erlangte, als militante Muslime im Januar 2015 dem „Islamischen Staat“ (IS) Treue schworen und die Einführung des „Kalifats von Khorasan“ bekanntgaben (das alte Khorasan umschloss auch Landesteile des Iran und von Pakistan). Sie kämpfen im Nordosten des Landes gegen afghanische Truppen und greifen weiterhin muslimische Minderheiten wie die schiitischen Hazara an. Das westliche Konzept eines Nationalstaats ist den Afghanen fremd. Ihre Loyalität gilt Stamm, Sprache und Volksgruppe, jedoch nicht dem Staat. Aus diesem Grund muss man jede Entscheidung des Landes aus diesen Blickwinkeln sehen. Wer in Kabul regiert, regiert noch lange nicht die Provinzen. Das erklärt zumindest teilweise die komplizierte Politik des Landes.

Seit den 1970er-Jahren wurde Afghanistan mit Kriegen überzogen und diente als Arena für das „Große Spiel“ von Nachbarstaaten und Supermächten, allen voran Pakistan, Indien, Russland, China und den USA. Für kurze Zeit gelang es den Taliban im Oktober 2015 Kundus zu erobern, die erste größere Stadt unter ihrer Kontrolle seit 2001. Durch diesen Schachzug haben die Taliban deutlich gemacht, dass immer noch mit ihnen zu rechnen ist, was auch in den großen Angriffen im Juli, August und Oktober 2016 deutlich wurde. Da auch andere militante Gruppen in Afghanistan aktiv sind, ist die steigende Zahl ziviler Opfer nicht überraschend. Im Mai 2016, weniger als ein Jahr nach der Mitteilung, dass ihr Anführer im Jahr 2013 gestorben war und für ihn nun ein Nachfolger eingesetzt wurde, mussten die Taliban einen Rückschlag hinnehmen, als ebendieser bei einem Drohnenangriff getötet wurde. Der jetzige Anführer, Mullah Haibatullah, ist als strenger Geistlicher bekannt. Seine Ernennung gibt keine Hoffnung auf einen Rückgang oder gar ein Ende der Kämpfe. Bis auf weiteres wurden alle Friedensgespräche mit den Taliban auf Eis gelegt und es ist unwahrscheinlich, dass sie in naher Zukunft wieder aufgenommen werden.

Eine weitere dauerhafte Herausforderung ergibt sich aus der Finanzierung radikaler islamistischer Gruppen. In einem Bericht aus dem Juni 2016 beschreibt „Global Witness“, wie kostbare Mineralien einigen dieser Gruppen im Norden Afghanistans finanzielle Einkünfte sichern. Weitere (besonders für die Taliban) wichtige Einkommensquellen sind Drogen wie Opium. Aus diesem Grund haben sie mit aller Kraft versucht, möglichst viel Kontrolle über die südliche Provinz Helmand zu erlangen. Diese Region ist als Wiege des Drogenhandels bekannt. Die Taliban verdienen daran nicht allein, auch Orts- und Regierungsbeamte erhalten ihren Anteil.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

Die einzige WVI-Kategorie von Christen sind ehemalige Muslime. Ausländische Christen wurden im aktuellen Berichtszeitraum erneut nicht einbezogen. Von ihnen gibt es nur sehr wenige, sie werden stark abgeschirmt und beschützt, sodass sie von der Situation des Landes nicht betroffen sind.

Christen muslimischer Herkunft tun alles, damit ihr christlicher Glaube nicht von Familie, Nachbarn, Freunden oder dem weitläufigeren Lebensumfeld aufgedeckt wird. Je nach Familie müssen sie um ihr Leben fürchten. Es ist für sie einfach nicht möglich, ihr Christsein öffentlich auszuleben. Berichten zufolge wurden Geschäfte und andere Unternehmen schon allein auf den Verdacht hin, es könnte sich um einen Christen handeln, zerstört.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 16.667
Familienleben: 16.427
Gesellschaftliches Leben: 15.145
Leben im Staat: 15.625
Kirchliches Leben: 14.844
Auftreten von Gewalt: 10.556

Grafik: Verfolgungsmuster Afghanistan

 

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenspiel der Triebkräfte hervorgerufen werden.


Erläuterung zum Verfolgungsmuster Afghanistan:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen ist extrem hoch und leicht von 15,478 (WVI 2016) auf 15,724 gestiegen. Das Land fällt weiter auseinander. Islamische extremistische Gruppierungen wetteifern um die Macht, während die Regierung der Nationalen Einheit weiter gespalten bleibt. Örtliche Machthaber sind oft weitaus wichtiger als die Regierung in Kabul.
  • In allen Lebensbereichen ist der Druck extrem hoch. Im Bereich „Privatleben“ wurde die höchstmögliche Punktzahl vergeben, dicht darauf folgen „Familienleben“, „Leben im Staat“ und „Gesellschaftliches Leben“. Der Druck im familiären, privaten und gesellschaftlichen Umfeld ist bezeichnend für streng islamische Länder. Der Druck im Leben im Staat weist auf eine Regierung hin, die sich konsequent an eine strenge Auslegung der Regeln des Islam hält, ungeachtet aller Versprechen, auf Menschenrechte zu achten.
  • Der Druck durch Islamische Unterdrückung ist in allen Lebensbereichen spürbar und wird vor allem durch Familie, Freunde und Lebensumfeld ausgeübt. Die staatlichen Behörden sind schwach und der Islam ist ein willkommener einender Faktor. Vor allem, da die Gesellschaft eine Konversion weg vom Islam übereinstimmend ablehnt.
  • Die Wertung im Bereich „Auftreten von Gewalt“ ist in diesem Berichtszeitraum weiterhin sehr hoch und nur minimal geringer als im Vorjahr (von 10,741 auf 10,556).


Privatleben: Sowohl die Regierung als auch der durchschnittliche Afghane meinen, kein Afghane könne Christ sein und es sei ungesetzlich, einen anderen als den muslimischen Glauben zu haben. Deshalb müssen ehemalige Muslime sehr vorsichtig sein. Schon der Verdacht, jemand könnte sich einem anderen Glauben zugewandt haben, kann ernste Folgen wie Verhaftung und Zerstörung des Lebensdomizils oder eines Geschäfts haben. Oft verheimlichen Eltern ihren Kindern den Glauben. Weil sie nie wissen können, welche Familienmitglieder vom IS oder der Taliban rekrutiert wurden, können sie ihren Glauben nur für sich privat ausleben und es ist absolute Vorsicht geboten, wem sie in Bezug auf ihren Glauben vertrauen können. Gesellschaftliche Kontrolle ist sehr präsent, sodass es sehr schwierig ist, seinen neuen Glauben langfristig zu verheimlichen. Das gilt besonders für Familien mit Kindern. Zudem befinden sich ehemalige Muslime in einer Zwickmühle, weil sie ihre Kinder nicht auf eine Madrassa schicken wollen, sie ihnen aber auch nichts von ihrem neuen Glauben erzählen können, da es einfach viel zu gefährlich ist. Der Islam ist die einzige Religion im Land. Ein Treffen mit anderen Christen kann nur unter extremen Vorsichtsmaßnahmen stattfinden.


Familienleben: Man kann sich nur mit islamischer Religionszugehörigkeit registrieren lassen. Jeder Bürger wird also als Muslim registriert. Alles andere wäre inakzeptabel und undenkbar. Es ist nicht möglich, eine Konversion eintragen zu lassen. Eine Taufe ist eine Straftat, für die die Todesstrafe droht. Deshalb finden Taufen heimlich statt. Da die meisten Christen ihren Glauben geheim halten, werden sie nach islamischem Ritus beerdigt. Wenn herauskommt, dass eine Familie sich zu Jesus Christus bekehrt hat, werden ihre Kinder zur Adoption in eine muslimische Familie gegeben, wo ihnen ein Leben voller Übergriffe vonseiten der neuen Familie und der Schule droht. Wenn es eine Familie schafft, ihren Glauben geheim zu halten, müssen die Kinder dennoch eine Madrassa besuchen. Wenn sie den Glauben ihrer Eltern kennen, kann dies zu Verwirrung führen. Kommt der neue Glaube ans Licht, wird der Ehepartner sehr wahrscheinlich gezwungen, die Scheidung einzureichen. Er verliert das Sorgerecht an den muslimischen Ehepartner und alle Erbschaftsansprüche. Manchmal werden ehemalige Muslime in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, weil die Familien glauben, dass niemand mit gesundem Verstand jemals den Islam verlassen würde.


Gesellschaftliches Leben: Jeder enttarnte Christ verliert den Zugang zu Gemeinschaftsmitteln und Gesundheitsfürsorge. Alle Menschen stehen unter dem Druck, die Moschee zu besuchen, sodass ein ehemaliger Muslim nicht einfach fernbleiben kann, ohne Verdacht zu erregen. Das soziale Umfeld übt erheblichen Druck aus. Um Loyalität und Ordnung sicherzustellen wird jeder beobachtet. Vermutet man bei jemandem ein Abweichen, wird er dazu gebracht, wieder auf den rechten Weg der religiösen und politischen Gesinnung zurückzukehren – sei es durch körperliche Folter oder mithilfe okkulter Praktiken, da viele Afghanen abergläubisch sind. Ehemalige Muslime haben zudem Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil sie sie vor falscher Indoktrinierung schützen wollen und sie befürchten, ein Kind könnte sie verraten. Das führt zu einer Vielzahl von Komplikationen. Im Fall einer Entdeckung werden Christen auf jeden Fall zur weiteren Untersuchung und Befragung mitgenommen. Diese Verhöre sind intensiv, ungeachtet dessen, ob sie es mit der Regierung, der Taliban oder dem IS zu tun haben.


Leben im Staat: Da Artikel 3 der Verfassung festlegt, dass kein Gesetz den Lehren und Grundlagen des Islam entgegenstehen darf, sind Einschränkungen in vielen Lebensbereichen unumgänglich. Und da die Wortwahl viel Spielraum zulässt, bleibt oft unklar, was als unangemessen oder gegen den Islam verstanden werden kann. In der Islamischen Republik Afghanistan ist es niemandem erlaubt, den Islam zu verlassen. Abwendung vom Islam kommt der Lästerung des Islam und des Propheten gleich. Weder Christen noch Angehörige anderer religiöser – selbst muslimischer – Minderheiten haben Religionsfreiheit. Jeder muss sich dem Islam und mit ihm den Anforderungen des Stammes und der Kultur fügen. Werden Christen angeklagt, so offiziell nicht wegen ihres Glaubens, sondern wegen anderer ernster Verbrechen, die sie vermeintlich begangen haben (z.B. Verrat wegen der Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten, Mord oder Drogenhandel).


Kirchliches Leben: In Afghanistan gibt es keine öffentlich zugängige Kirche. Die einzig genutzte Kapelle befindet sich im Keller der italienischen Botschaft in Kabul. Sie ist nur für eine kleine Zahl ausländischer Christen in Kabul zugänglich, überwiegend diplomatisches und militärisches Personal, das noch in der Stadt arbeitet. Jede Form einer organisierten öffentlichen Versammlung, von denen die Taliban oder Überwachungsorgane Wind bekommen, erregt starke Aufmerksamkeit. Zellen von Christen (wie klein sie auch sein mögen) müssen bei der Wahl ihrer Treffpunkte extrem vorsichtig sein. Sie werden häufig eine Zeit lang beschattet, bis sie sich mit einer größeren Gruppe treffen, um z.B. gemeinsam Bibeln zu verteilen. An dem Punkt werden sie zum Verhör abgeführt. Christliche Literatur darf natürlich nicht legal eingeführt werden, das Internet wird scharf überwacht. In den abgelegenen Teilen des Landes ist das Internet ohnehin nicht zugänglich.


Auftreten von Gewalt: Die Gewalt gegen Christen ist in Afghanistan sehr stark ausgeprägt. Obwohl im Berichtszeitraum für den WVI 2017 keine Morde an christlichen Arbeitern aus dem Ausland verzeichnet wurden, wurden mehrere ehemalige Muslime von (entfernten) Verwandten getötet, nachdem ihr christlicher Glaube entdeckt worden war. Jedes Gebäude, das im Verdacht steht, etwas mit der christlichen Untergrundgemeinschaft zu tun zu haben, rückt ins Visier der Behörden, wird geschlossen oder von Dorfbewohnern mit Unterstützung der Behörden beschädigt – ungeachtet dessen, ob die Anschuldigungen stimmen oder nicht. Im Juli 2016 wurde eine katholische Entwicklungshelferin aus Indien von einer kriminellen Bande verschleppt und nach sechs Wochen befreit.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Afghanistan sieht weiterhin einer unsicheren und gewalttätigen Zukunft entgegen. Das ist einer der Gründe für den relativ hohen Anteil von Afghanen unter den Flüchtlingen in Europa. Die Zukunft sieht für Christen düster aus. Wachsende Islamische Unterdrückung von heimischen und ausländischen Gruppierungen ist auch weiterhin die Haupttriebkraft der Verfolgung afghanischer Christen. Beobachter haben kaum Hoffnung auf einen ausgehandelten, umfassenden Frieden mit den Taliban, anderen Rebellen und den regionalen Kriegsherren. Im Grunde genommen gibt es dafür vier Gründe:

  1. Politisch: Die Grundlage, auf der Präsident Ghani regiert, ist wackelig und seine Beziehung zum Administrationschef des Landes, Abdullah Abdullah, ist angespannt, um es gelinde auszudrücken. Die Regierung der Nationalen Einheit, deren zweijährige Vereinbarung im September 2016 ablief, zeigt zunehmende Risse.
  2. Wirtschaftlich: Die staatlichen Einnahmen decken magere 29% des Haushalts ab. Damit kann die Regierung kaum die Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisten.
  3. Militärisch: Mindestens ein Drittel des Landes wird von Rebellen bedroht, die ihre Angriffe intensiviert haben und immer mehr Land einnehmen. Dies ist der Fall, obwohl die USA und andere internationale Kräfte ihren militärischen Abzug verlangsamt haben.
  4. Geostrategisch: Bis auf weiteres hält Pakistan die Schlüssel für eine umfassende Lösung der Lage Afghanistans in den Händen. Das wurde erst im Juni 2016 wieder deutlich, als Pakistan androhte, die geschätzt drei Millionen afghanischen Flüchtlinge zurückzuschicken. Das würde Afghanistan völlig überfordern. Außerdem blühen Organisiertes Verbrechen und Korruption weiter, weil die wachsende Opiumproduktion Terroristengruppen finanziert, was wiederum zu noch mehr Gewalt gegen Christen führt.

Anders als im Berichtszeitraum des WVI 2016 gibt es dieses Mal keinen Silberstreif am Horizont. Menschlich gesprochen liegt es völlig im Dunkeln, woher die Hoffnung für eine verbesserte Situation kommen könnte. Das gilt besonders für die kleine Gemeinschaft von Christen in Afghanistan: Die Verfolgung wird nicht abnehmen.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Afghanistan:

  • Christen muslimischer Herkunft stehen starkem Druck ihrer Familie, ihrer Freunde und Nachbarn gegenüber, ihren christlichen Glauben zu widerrufen. Je nach Familie müssen sie sogar um ihr Leben fürchten. Offen als Christ zu leben, ist nicht möglich. Bitte beten Sie für Mut und Schutz für die Christen in Afghanistan.
  • Die islamische Republik Afghanistan erlaubt es nicht, vom Islam weg zu einer anderen Religion zu wechseln. Es wird als Abfall vom Islam gesehen und bringt Schande auf die Familie und das gesellschaftliche Umfeld. Bitte beten Sie dafür, dass eine Veränderung im Land geschieht, dass es Offenheit gibt für andere Religionen als dem Islam.
  • Die sehr wenigen Christen mit muslimischem Hintergrund im Land müssen sich weiter verstecken. Die wachsende Gewalt schafft ein generelles Gefühl der Unsicherheit und es gibt keine Anzeichen für eine Verbesserung in absehbarer Zukunft. Bitte beten Sie für Stabilität und Frieden in Afghanistan.

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