Länderprofil Türkei

Türkei

37
Weltverfolgungsindex
2017
Flagge Türkei
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Republik
Rang Vorjahr
45
ISO
TR
Karte Türkei
Karte Türkei
Christen
0,19
Bevölkerung
80.42
Islamische Unterdrückung
Religiös motivierter Nationalismus
Diktatorische paranoia
Privatleben: 11.771
Familienleben: 9.135
Gesellschaftliches Leben: 9.455
Leben im Staat: 10.612
Kirchliches Leben: 7.813
Auftreten von Gewalt: 8.519

Berichtszeitraum: 1. November 2015 – 31. Oktober 2016

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

57 Punkte / Platz 37 (WVI 2016: 55 Punkte / Platz 45)

Triebkräfte der Verfolgung

Die Triebkräfte der Christenverfolgung in der Türkei sind „Islamische Unterdrückung“ vermischt mit „Religiös motiviertem Nationalismus“ und in geringerem Ausmaß „Diktatorische Paranoia“.

Aktuelle Einflüsse

Am 15. Juli 2016 veränderte sich die Situation des Landes dramatisch, als ein Staatsstreich gegen Präsident Erdogan fehlschlug. Die darauf folgende Reaktion der Regierung war so heftig, dass sich das Land nun zu einer Diktatur gewandelt hat, was Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft hat.

Betroffene Kategorien von Christen

Alle erfassten Kategorien von Christen existieren in der Türkei und erleben Verfolgung in unterschiedlicher Intensität. Gemeinden ausländischer Christen und Arbeitsmigranten leben in den größeren Städten und sind meist nicht anerkannt oder registriert, es sei denn sie treffen sich in historischen Kirchengebäuden. Sie können sich ungestört treffen, solange keine türkischen Bürger oder muslimische Flüchtlinge unter den Teilnehmern sind. Christen aus traditionellen Kirchen werden als „fremd“ bzw. „ausländisch“ eingestuft, regelmäßig überwacht und sind gewissen Kontrollen vonseiten der Regierung ausgesetzt. Christen muslimischer Herkunft werden als Verräter der türkischen Identität gesehen und tragen die Hauptlast der Verfolgung, die von Familie, Freunden, der Gesellschaft und lokalen Behörden ausgeht. Christen aus protestantischen Freikirchen formen meist kleine Gruppen. Viele von ihnen treffen sich in Häusern, was zu Widerstand von Nachbarn führen kann.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

  • Insgesamt ist der Druck auf Christen im Berichtszeitraum des WVI 2017 etwas zurückgegangen, obwohl er sich weiterhin auf hohem Niveau bewegt. Der Rückgang des Drucks wirkt sich vor allem im Bereich Kirchliches Leben aus.
  • Am stärksten ist der Druck in den Bereichen Privatleben und Leben im Staat, gefolgt von Leben in der Gesellschaft und Familienleben. Dieses Muster ist ungewöhnlich. Es ist ein Resultat der Haupttriebkraft Islamische Unterdrückung, die sehr starke nationalistische Elemente aufweist. Der türkische Nationalismus führt zu Diktatorischer Paranoia, die zweite Triebkraft der Christenverfolgung im Land.
  • Die Zahl der gewalttätigen Übergriffe stieg im Berichtszeitraum des WVI 2017 an.
  • Die Gesamtsituation der Verfolgung in der Türkei spiegelt den ungewöhnlichen Sachverhalt von wachsendem Nationalismus vermischt mit der zunehmenden Islamisierung der türkischen Gesellschaft wider.

Ausblick

Nach dem fehlgeschlagenen Staatsstreich im Juli 2016 hat sich die Situation in der Türkei dramatisch verändert. Die Regierung nimmt immer mehr diktatorische Züge an, Nationalismus wie auch Islamismus sind auf dem Vormarsch. Der Kampf gegen die militante kurdische Minderheit wurde verstärkt. Auf dem internationalen Parkett begann die Türkei mit größerer Bestimmtheit aufzutreten und engagierte sich militärisch in Syrien und dem Irak (wobei sie hauptsächlich kurdische Streitmächte angriff). Als Folge der neuen, strikten Politik der Regierung stieg auch die Intoleranz gegen all jene, die sich nicht auf Erdogans Seite schlagen. Die winzige christliche Minderheit erfährt – ähnlich wie die meisten Nicht-Sunniten – wachsenden Druck, der sich auch zunehmend in gewalttätigen Übergriffen äußert. Dieser Trend wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach fortsetzen.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 57 Punkten belegt die Türkei Platz 37 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2017. Auf dem WVI 2016 nahm die Türkei mit 55 Punkten Platz 45 ein. Am 15. Juli 2016 veränderte sich die Situation des Landes dramatisch, als ein Staatsstreich gegen Präsident Erdogan fehlschlug. Die darauf folgende Reaktion der Regierung war so heftig, dass sich das Land nun zu einer Diktatur gewandelt hat, was Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft hat.

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2. Triebkräfte der Verfolgung

Die Triebkräfte der Christenverfolgung in der Türkei sind Islamische Unterdrückung und in geringerem Ausmaß Diktatorische Paranoia. Dabei gilt es zu beachten, dass der Islamische Extremismus mit stark ausgeprägtem religiös motiviertem Nationalismus vermischt ist. Die Türkei ist der einzige muslimische Staat, in dem Nationalismus eine derart zentrale Rolle spielt.

Islamische Unterdrückung: Von den Auswirkungen eines heftigen, fanatischen Nationalismus sind alle Christen in der Türkei betroffen. Christen muslimischer Herkunft sind dem größten Druck ausgesetzt. Familie, Freunde und die Gesellschaft üben häufig starken Druck auf christliche Konvertiten aus, zum Islam – der Religion der Väter – zurückzukehren. Nach allgemeiner Ansicht wird ein wahrer Türke als Muslim geboren, was auch im Personalausweis jedes türkischen Bürgers festgehalten wird. Ein Glaubenswechsel stellt daher nicht allein eine Verletzung der Familienehre dar, sondern wird auch als Beleidigung der türkischen Identität gesehen. Dies kann zu Gerichtsverhandlungen und Gefängnisstrafen führen. Die gefährliche Mischung von Islamisierung und Nationalismus betrifft auch Christen nicht-muslimischer Herkunft, die meist ethnischen Minderheiten (wie Griechen, Armenier und Syrer) angehören. Sie werden kaum als vollwertige Mitglieder der türkischen Gesellschaft wahrgenommen und erfahren verschiedene Arten von Behinderungen in rechtlichen Belangen und bei bürokratischen Angelegenheiten.

Diktatorische Paranoia: Nach dem fehlgeschlagenen Staatsstreich im Juli 2016 hat Präsident Erdogans Regierung die demokratische Maske fallenlassen und schränkt nun offen die Freiheiten der türkischen Gesellschaft ein. Die Medien wurden eingeschränkt und alle Formen von Opposition werden gnadenlos verfolgt. Das Regime hat den sunnitischen Islam zur religiösen Norm des Landes erklärt, was Christen noch stärker an den Rand drängt.

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3. Aktuelle Einflüsse

Vor dem 15. Juli 2016 konnten drei Haupttrends in der Türkei beobachtet werden: der wachsende Einfluss des extremistischen Islam, der ethnische Konflikt zwischen Türken und Kurden und die politische Abkehr von der Demokratie. Jeder dieser miteinander verbundenen Trends betraf auch die Kirche. Am 15. Juli 2016 veränderte sich die Situation des Landes dramatisch, als ein Staatsstreich gegen Präsident Erdogan fehlschlug. Die darauf folgende Reaktion der Regierung war so heftig, dass sich das Land nun zu einer Diktatur gewandelt hat, was Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft hat.

Der wachsende Einfluss des extremistischen Islam: Es ist kein Geheimnis, dass Präsident Erdogan die Türkei von einem säkularen in einen sunnitisch-muslimischen Staat umwandeln möchte. Bisher geschahen dahingehende Veränderungen in kleinen Schritten. Obwohl Präsident Erdogan und seine Unterstützer konservative Muslime sind, schien es anfangs keine Verbindungen zu extremistisch-islamischen Gruppierungen zu geben. Im Laufe der vergangenen Jahre tauchten jedoch wiederholt Verbindungen zwischen dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) und der türkischen Regierung auf. Dem türkischen Geheimdienst MIT wurde sogar vorgeworfen, den IS mit Waffen zu beliefern. Die jüngsten Angriffe der türkischen Armee in Syrien und dem Irak richten sich zwar offiziell gegen den IS, in Wirklichkeit wurden aber vor allem gezielt kurdische Truppen angegriffen. Andererseits veröffentlichten türkische Medien Berichte über Zellen des IS, die in praktisch allen größeren türkischen Städten operieren.

Der ethnische Konflikt zwischen Kurden und Türken: Der Anschlag in der Stadt Suruç im Juli 2015 bedeutete das Ende des Friedensprozesses mit den Kurden, der seit den 1990er Jahren in Gang war. Das erneute Aufleben des Bürgerkriegs im Südosten des Landes führte auch zu einer weiterhin steigenden Zahl an Opfern. Der latente Nationalismus, der immer schon einen entscheidenden Faktor in der Türkei darstellte, flammte neu auf, was alle Minderheiten (religiöse wie ethnische) zu spüren bekamen. Griechische, armenische und syrische Christen gerieten dadurch unter Druck. Christen mit ethnisch-türkischem Hintergrund erhielten Morddrohungen.

Grundlegende Veränderungen in der politischen Landschaft: Die wichtigste politische Partei der Türkei ist Präsident Erdogans AKP. Sie strebt an, das Land entgegen seines derzeit noch säkularen Charakters wieder zu islamisieren, der in den 1920er Jahren von Kemal Atatürk durchgesetzt wurde. Die Atmosphäre um die Parlamentswahlen am 1. November 2015 war spannungsgeladen und polarisierend. Aus den Wahlen ging die AKP als Sieger hervor und verfügt seitdem über eine Mehrheit im Parlament. Sofort nach dem Wahlsieg kündigten Erdogan und die AKP eine Verfassungsänderung an, um eine Präsidialherrschaft zu etablieren. Diese Verfassungsänderung wurde bislang nicht umgesetzt. Am 15. Juli 2016 kam es zu einem Staatsstreich gegen Präsident Erdogan, der jedoch scheiterte. Die Regierung schlug hart zurück. Der islamische Prediger und ehemalige Verbündete des Präsidenten, Fethullah Gülen (im selbst gewählten Exil in den USA), wurde beschuldigt, hinter dem Staatsstreich zu stehen. Zehntausende Soldaten, Polizeikräfte, Richter, Politiker, Journalisten, Lehrer, Imame, etc. wurden wegen mutmaßlicher Unterstützung Gülens festgenommen. Nationalistische Tendenzen hatten bereits zuvor eine wichtige Rolle in der Türkei gespielt, nahmen nun jedoch eine ganz neue Dimension an. Minderheiten sind dadurch steigendem Druck ausgesetzt.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

In der Türkei leben alle im Weltverfolgungsindex definierten Kategorien von Christen, und alle erfahren Verfolgung in unterschiedlicher Intensität.

Gemeinschaften ausländischer Christen und Arbeitsmigranten: Christen dieser Gruppe befinden sich hauptsächlich in großen Städten. Dazu gehören eritreische, äthiopische, irakische, iranische, ägyptische, afghanische und nordafrikanische Gemeinschaften, von denen viele ohne Visa in die Türkei einreisen können. Die Gemeinden sind nicht registriert oder anerkannt, können sich aber meist ungestört treffen, solange keine türkischen Bürger unter den Teilnehmern sind.

Christen aus traditionellen Kirchen: Diese Gruppe besteht aus armenischen, griechischen, assyrischen, syrisch-orthodoxen und katholischen Kirchen, die alle überwacht werden und Einschränkungen vonseiten der Regierung erfahren. Ihre Mitglieder werden als „fremd“ angesehen, sowohl seitens der Behörden als auch in der Wahrnehmung der Allgemeinheit.

Christen muslimischer Herkunft: Diese Gruppe ehemaliger Muslime trägt die Hauptlast der Verfolgung in der Türkei. Druck wird von der Familie, Freunden, Gemeinschaft und sogar den lokalen Behörden ausgeübt. Sie werden auch als Verräter der türkischen Identität gesehen.

Christen aus protestantischen Freikirchen: Zu ihnen zählen unter anderem evangelikale, Baptisten- und Pfingstgemeinden. Diese meist kleinen Gruppen haben Schwierigkeiten überhaupt zu bestehen, Viele von ihnen treffen sich daher in ihren Häusern, was zu Widerstand vonseiten der Nachbarn führen kann.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 11.771
Familienleben: 9.135
Gesellschaftliches Leben: 9.455
Leben im Staat: 10.612
Kirchliches Leben: 7.813
Auftreten von Gewalt: 8.519

Grafik: Verfolgungsmuster Türkei

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenspiel der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster Türkei:

  • Im Berichtszeitraum ist der Druck auf Christen in allen Lebensbereichen außer im Bereich Kirchliches Leben gestiegen. Durch den Rückgang im Bereich Kirchliches Leben ist der Durchschnittswert für den Druck von 9,930 (WVI 2016) auf 9,757 gefallen.
  • Der stärksten herrscht in den Bereichen Privatleben, Leben im Staat und Gesellschaftliches Leben; dies ist charakteristisch für eine Situation, in der religiös motivierter Nationalismus eine treibende Kraft hinter der Verfolgung ist.
  • Die Triebkraft Islamische Unterdrückung wirkt sich vor allem auf die Bereiche Privatleben, Familienleben sowie Gesellschaftliches Leben aus und zielt besonders auf Christen muslimischer Herkunft. Diktatorische Paranoia hingegen – die Triebkraft, die auf die autoritäre Regierung zurückzuführen ist – trifft alle Christen, vor allem in den Bereichen Privatleben, Leben im Staat und Kirchliches Leben.
  • Die Anzahl der registrierten gewaltsamen Übergriffe ist von 5,185 (WVI 2016) auf 8,519 Punkte drastisch angestiegen. Dies ist vor allem auf den zunehmenden Nationalismus zurückzuführen.
  • Die Gesamtsituation der Verfolgung spiegelt das ungewöhnliche Zusammenwirken von wachsendem Nationalismus mit der zunehmenden Islamisierung in der türkischen Gesellschaft wider.

Privatleben: Das türkische Gesetz verbietet Glaubenswechsel nicht. Die sozialen und familiären Auswirkungen, wenn jemand vom Islam zum Christentum oder von einer christlichen Denomination zu einer anderen konvertiert, sind jedoch beträchtlich. Dies führt manche Christen dazu, ein Doppelleben zu führen und ihren neuen Glauben zu verbergen. Christen muslimischer Herkunft, die ihre Identität vor ihrer Familie verheimlichen, können nur heimlich beten und müssen ihre Bibel, christliche Literatur, christliches Fernsehen und Webseiten verstecken. Auch haben diese Christen oft zu große Angst, um sich mit Glaubensgeschwistern zu treffen. Die Hinwendung zum christlichen Glauben gilt weithin als inakzeptabel. Gerade in konservativen Familien haben es christliche Konvertiten – besonders Frauen – sehr schwer, ihren Glauben offen zu leben. Christen muslimischer Herkunft werden streng von ihrer Familie und Nachbarschaft überwacht und manchmal sogar von ihren Familien unter Hausarrest gestellt, um sie zu zwingen, ihren neuen Glauben zu widerrufen.

Familienleben: Obwohl Christen muslimischer Herkunft die Religionszugehörigkeit auf ihrem Personalausweis ändern können, ist dies oft ein schwieriger und anstrengender Prozess. Ist im Ausweis noch „Muslim“ eingetragen, werden die Kinder dieser Christen gezwungen, in den Schulen Islamkurse zu besuchen. Sofern die Eltern ihre Religionszugehörigkeit nicht offiziell ändern lassen, werden die Kinder automatisch als sunnitische Muslime registriert. Konvertiten kann bei der Entdeckung ihres Glaubenswechsels Scheidung und Enterbung drohen. Eine christliche Trauung durchzuführen, kann sich als sehr schwierig herausstellen. Christen muslimischer Herkunft erfahren manchmal auch Probleme bei Begräbnissen. Sie werden vor die Wahl gestellt, entweder islamischen Riten zu folgen oder kein offizielles Begräbnis zu erhalten. Kinder von Christen, besonders von Konvertiten, werden oft schikaniert, entweder aufgrund der religiösen Intoleranz oder eines übersteigerten Nationalismus seitens der Gesellschaft. Ehepartner von christlichen Konvertiten werden manchmal unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen.

Gesellschaftliches Leben: Christen muslimischer Herkunft werden vonseiten ihrer Familie, Freunde und Nachbarschaft stark unter Druck gesetzt, ihren Glauben aufzugeben. Der schulische Lehrplan enthält Islamkurse für alle Schüler, auch wenn es nicht-muslimischen offen steht, sich davon befreien zu lassen. Berichten zufolge werden jedoch immer wieder Schüler, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, durch Lehrer diskriminiert. In ländlichen Gebieten erfahren christliche Schüler regelmäßig Diskriminierung durch Lehrer und Mitschüler. Außerdem gibt es Beschwerden über die abfällige Darstellung von Minderheiten in Lehrbüchern. Christen, die an türkischen Universitäten studieren, erhalten keinen Zugang zu höheren Positionen oder gar eine Professur. Darüber hinaus haben Christen keinen Zugang zu staatlichen Anstellungen und sind auch am privaten Arbeitsmarkt Diskriminierung ausgesetzt, vor allem, wenn ihr Arbeitgeber Beziehungen zur Regierung hat. Da die Religionszugehörigkeit auf jedem Ausweis festgehalten wird, ist es sehr leicht, christliche Antragssteller zu identifizieren. Christen sind in der Türkei eine Randgruppe – eine Quelle ging sogar so weit zu sagen, dass sie faktisch „Dhimmi“-Status haben (Dhimmis sind „Schutzbefohlene“ des Islam mit eingeschränkten Rechten).

Leben im Staat: Die türkische Verfassung handhabt die Rechte religiöser Minderheiten sehr restriktiv. Die Änderung der Religionszugehörigkeit im Ausweis ist ein schwieriger Prozess, der sich im Fall eines erfolgreichen Ausganges häufig als Quelle weiterer Diskriminierung erweist. Christen muslimischer Herkunft, vor allem jene, die im Südosten des Landes als Gemeindeleiter tätig sind, werden manchmal aufgrund ihres christlichen Glaubens von Polizei und Sicherheitskräften respektlos behandelt. Baugenehmigungen für eine Kirche oder die Lizenz für das Abhalten religiöser Zusammenkünfte sind oft nur sehr schwierig zu erhalten. Unter den Parlamentsabgeordneten sind lediglich vier Christen. Der Zugang zu Arbeitsstellen im öffentlichen Sektor, dem staatlichen Sicherheitsapparat und bei der Polizei wird Christen generell verwehrt. Auch ein Aufstieg im Militär ist trotz der allgemeinen Wehrpflicht nicht möglich. Der zunehmende Nationalismus verursachte zudem Schwierigkeiten für nicht-muslimische Geschäftsinhaber. Lokale Medien und vor allem Kolumnisten sind Christen gegenüber voreingenommen. Es gab mehrere Berichte von Intoleranz, Fanatismus und durch religiösen Hass motivierten Verbrechen gegen türkisch-protestantische Gemeinden, wie zum Beispiel versuchte Brandstiftung und Drohungen. Auch gibt es Bedenken hinsichtlich der Unparteilichkeit der Justiz in Fällen, welche die christliche Minderheit betreffen.

Kirchliches Leben: Es ist nahezu unmöglich, eine neue Kirche zu registrieren, auch wenn sich kleinere Gemeinden als Verein registrieren lassen können. Der türkische Geheimdienst (MIT) beobachtet diese christlichen Gruppen und ihre Aktivitäten sehr genau. Es war unmöglich, eine offizielle Genehmigung für die Reparatur oder Renovierung von Kirchengebäuden zu erhalten. Kirchengebäude, Seminare und Schulen, die in der Vergangenheit konfisziert wurden (wie in Diyarbakir im April 2016), werden nicht wieder zurückgegeben. Aktivitäten außerhalb der Kirche zu organisieren, gilt als evangelistische Tätigkeit und wird daher von lokalen Behörden und der Gesellschaft verhindert. Christen muslimischer Herkunft in Gemeinden zu integrieren, wird vor allem durch die Gesellschaft erschwert. Ein Wechsel von Leitern der griechisch-orthodoxen und armenisch-apostolischen Kirche muss vom Staat genehmigt werden, obwohl sie Leiter von Gemeinschaften sind, die laut Gesetz gar nicht existieren, genauso wenig wie ihre Amtspositionen. Die Ausbildung christlicher Leiter ist vom Gesetz her nicht möglich. Es gibt christliche Materialien in türkischer Sprache, aber ihre Verteilung ist äußerst riskant, da dies sofort mit Evangelisierung in Verbindung gebracht wird. Der Aufbau von Stiftungen, die neue religiöse Gemeinden unterstützen wollen, ist gemäß Artikel 101 des Türkischen Bürgerlichen Gesetzbuchs verboten. Manchmal wird ausländischen christlichen Arbeitern die Erneuerung ihres Visums oder ihrer Aufenthaltserlaubnis ohne Begründung verweigert.

Auftreten von Gewalt: Im Berichtszeitraum wurden zehn Kirchen beschlagnahmt, geschlossen oder attackiert. Ein syrischer Christ wurde entführt (aber bald danach wieder befreit). Der wachsende Konflikt mit den bewaffneten kurdischen Einheiten sowie der fehlgeschlagene Staatsstreich führten zu Reaktionen, durch die dutzende Christen gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen; manche flohen sogar aus dem Land.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Nach dem fehlgeschlagenen Staatsstreich im Juli 2016 haben hat sich die Situation in der Türkei dramatisch verändert. Die Regierung nimmt immer mehr diktatorische Züge an, Nationalismus wie auch Islamismus sind auf dem Vormarsch. Der Kampf gegen die militante kurdische Minderheit wurde verstärkt. Auf dem internationalen Parkett begann die Türkei mit größerer Bestimmtheit aufzutreten und engagierte sich militärisch in Syrien und dem Irak (wobei sie hauptsächlich kurdische Streitmächte angriff). Als Folge der neuen, strikten Politik der Regierung stieg auch die Intoleranz gegen all jene, die sich nicht auf Erdogans Seite schlagen. Die winzige christliche Minderheit erfährt – ähnlich wie die meisten Nicht-Sunniten – wachsenden Druck, der sich auch zunehmend in gewalttätigen Übergriffen äußert. Dieser Trend wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach fortsetzen.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für die Türkei:

  • dafür, dass Gott diejenigen, die Verfolgung erfahren, befähigt, alle ihre Hoffnung und all ihr Vertrauen in ihn zu setzen.
  • für Christen muslimischer Herkunft, dass sie gnadenvoll und weise ihren Familien zu dienen. Sie erleben oft massiven Druck von Familie, Freunden und ihrem Umfeld, zum Islam zurückzukehren.
  • für diejenigen, die als Verräter gebrandmarkt wurden, weil sie den christlichen Glauben angenommen haben. Obwohl der Wechsel des Glaubens durch türkische Gesetze nicht verboten ist, gibt es schwere soziale und familiäre Folgen.

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