Länderprofil Tunesien

Tunesien

29
Weltverfolgungsindex
2017
Flagge Tunesien
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Republik
Rang Vorjahr
32
ISO
TN
Karte Tunesien
Karte Tunesien
Christen
0,02
Bevölkerung
11.50
Islamische Unterdrückung
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 12.083
Familienleben: 13.381
Gesellschaftliches Leben: 10.577
Leben im Staat: 10.807
Kirchliches Leben: 11.666
Auftreten von Gewalt: 2.963

Berichtszeitraum: 1. November 2015 – 31. Oktober 2016

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

61 Punkte / Platz 29 (WVI 2016: 58 Punkte / Platz 32)

Triebkräfte der Verfolgung

Die Triebkräfte der Verfolgung von Christen sind in Tunesien „Islamische Unterdrückung“ (Haupttriebkraft) und, in geringerem Maß, „Organisiertes Verbrechen und Korruption“.

Aktuelle Einflüsse

Ausgelöst durch massive soziale, wirtschaftliche und politische Unzufriedenheit, führte die „Jasmin Revolution“ (Arabischer Frühling) im Jahr 2011 zum Sturz des damaligen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali. Seitdem hat sich die politische Landschaft Tunesiens deutlich verändert. Trotz des viel gefeierten Demokratisierungsprozesses steht das Land vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Großen Anteil daran haben regional agierende islamistische Milizen, die eine ernste Gefährdung der Sicherheit darstellen. Dadurch ist der Tourismussektor stark beeinträchtigt.

Betroffene Kategorien von Christen

In Tunesien leben zwei Kategorien von Christen: Gemeinschaften ausländischer Christen und Arbeitsmigranten sowie Christen muslimischer Herkunft. Die Christen muslimischer Herkunft tragen die Hauptlast der Verfolgung, während ausländische Christen ihren Glauben relativ frei ausleben können. Die öffentliche Weitergabe des Evangeliums wird allerdings nicht geduldet.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

  • Generell bewegt sich der Druck auf Christen in Tunesien auf hohem Niveau; er hat sich seit dem Weltverfolgungsindex 2016 deutlich erhöht.
  • Der Druck wirkt sich am stärksten in den Bereichen Familien- und Privatleben aus. Dies ist typisch für eine Situation, die von Islamischer Unterdrückung gekennzeichnet wird. Christen muslimischer Herkunft haben große Schwierigkeiten, einen ungestörten Raum für gemeinsame Gottesdienste zu finden und erleben starken Widerstand durch ihre Familie.
  • Bei einem insgesamt hohen Niveau verzeichnen die Bereiche „Leben im Staat“ und „Gesellschaftliches Leben“ die niedrigsten Punktwertungen. Dies spiegelt den positiven Einfluss mächtiger säkularer und liberaler Gruppen im Land wider.
  • Die Punktwertung für Gewalt ist gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, bleibt aber weiterhin auf hohem Niveau. Die Aktivitäten islamistischer Milizen im benachbarten Libyen wirkten sich auch auf Tunesien aus.
  • Die generelle Verfolgungssituation in Tunesien wird maßgeblich geprägt von Islamischer Unterdrückung. Sie führt zu Intoleranz gegenüber allen Christen, besonders jedoch gegenüber Christen muslimischer Herkunft. Die Aktivitäten islamistischer Milizen in Tunesien und in der weiteren Region erhöhen den Druck auf Christen zusätzlich.

Ausblick

Trotz der relativ stabilen politischen Situation in Tunesien ist nicht zu erwarten, dass sich der Druck auf Christen in naher Zukunft verringern wird. Das gesellschaftliche und kulturelle Klima ist Christen gegenüber feindselig (besonders in den ländlichen Regionen), und dies hat sich durch die politischen Veränderungen im Land seit dem Arabischen Frühling nicht geändert. Die Demokratisierung hat nicht zu mehr Toleranz und Sicherheit für Christen in Tunesien geführt. Diese Entwicklung wird sich in der absehbaren Zukunft sehr wahrscheinlich fortsetzen.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 61 Punkten belegt Tunesien Platz 29 auf dem Weltverfolgungsindex 2017. Das entspricht einem Anstieg um 3 Punkte gegenüber dem Jahr 2016 (58), als Tunesien Rang 32 einnahm.

Obwohl Tunesiens demokratische Fortschritte eine wichtige Entwicklung darstellen und dem Land zu mehr Stabilität verholfen haben, fördert die Regierung weiterhin den Islam, zum Nachteil anderer Religionen. Zudem wird die Gesellschaft Tunesiens immer konservativer, besonders in den ländlichen Gebieten, was bedeutet, dass ein größerer Wert auf das Befolgen islamischer Vorschriften und Traditionen gelegt wird.

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2. Triebkräfte der Verfolgung

Die Triebkräfte der Verfolgung in Tunesien sind „Islamische Unterdrückung“ und in geringerem Maße „Organisiertes Verbrechen und Korruption“.

Islamische Unterdrückung: Diese Triebkraft wirkt auf verschiedenen Ebenen. Auf der Ebene der Familie erleben Christen, die aus dem Islam konvertiert sind, oft Widerstand von ihren Angehörigen. In einigen Fällen wurden Christen muslimischer Herkunft von ihren eigenen Familien zuhause eingesperrt. Auf der gesellschaftlichen Ebene verbreiten gewalttätige Salafisten im ganzen Land Angst. Im politischen Bereich spielen islamische Parteien immer noch eine wichtige Rolle.

Organisierte Kriminalität und Korruption: Die Verbindungen zwischen den islamistischen Bewegungen und der organisierten Kriminalität sollten nicht unterschätzt werden. Sie schaffen große Unruhe in der tunesischen Gesellschaft und lassen die bereits jetzt schon große Angst der Christen wachsen.

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3. Aktuelle Einflüsse

Die massive soziale, wirtschaftliche und politische Unzufriedenheit führte im Jahr 2011 zu der Jasmin Revolution (Arabischer Frühling). Am 14. Januar 2011 flohen Präsident Zine El Abidine Ben Ali und sein innerer Kreis aus dem Land nach Saudi-Arabien und wurden durch eine Übergangsregierung abgelöst. Seitdem hat sich die politische Landschaft in Tunesien verändert. Am 26. Januar 2014 wurde eine neue Verfassung angenommen. Die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Dezember 2014 markierten das Ende der Übergangsperiode. Aus der Stichwahl ging Beji Caid Essebsi als Sieger hervor und wurde zum neuen Präsidenten erklärt.

Da bislang keine Partei in der Lage war, eine Mehrheit im Parlament zu erringen und wegen der anhaltenden Schwierigkeiten der tunesischen Wirtschaft, hat es seit den Parlamentswahlen 2014 einen konstanten Wechsel von Premierministern und Regierungen gegeben. Die Hauptherausforderungen, denen diese Nachfolgeregierungen der nationalen Einheit gegenüberstehen, sind 1. die wachsende Bedrohung durch militante islamistische Gruppen in der Region und 2. die wirtschaftliche Krise. Letztere ist besonders durch den Rückgang des Tourismus bedingt, der eine wesentliche Säule der tunesischen Wirtschaft war. Zum jetzigen Zeitpunkt (Januar 2017) führt Youssef Chahed eine Einheitsregierung, die aus einer Koalition von säkularen, islamistischen und Linksparteien besteht; sie wird zudem von Parteilosen und einer Gewerkschaft unterstützt.

Trotz der Herausforderungen in den Bereichen Sicherheit und Wirtschaft ist Tunesien das einzige Land, in dem der Arabische Frühling zum Entstehen einer demokratisch legitimierten Regierung geführt hat; in ihr regieren säkulare und islamistische Parteien auf Basis von Konsens und Kompromissen. Eine interessante Entwicklung in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass Tunesiens ehemals größte und bekannteste islamistische Partei, Ennadha, aufgelöst und in eine säkulare Partei umgewandelt worden ist. Zur gleichen Zeit gibt es radikalislamische Parteien wie die Hizb ut-Tahrir, die von der tunesischen Regierung als Gefahr für die öffentliche Ordnung bezeichnet wird und gegen die ein Verbotsverfahren läuft.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

In Tunesien leben zwei Kategorien von Christen:

Gemeinschaften ausländischer Christen und Arbeitsmigranten: Ausländische Christen erleben ein gewisses Maß an Freiheit, allerdings wird die öffentliche Verbreitung des Evangeliums nicht toleriert. Ausländische Christen, die in den wenigen internationalen Gemeinden Gottesdienst feiern, erleben kaum Probleme; die einheimischen Christen tragen die Hauptlast der Verfolgung (siehe unten).

Christen muslimischer Herkunft erleben verschiedene Formen der Verfolgung, z.B. durch Familienmitglieder. Andererseits haben sie besonders durch das Internet relativ gute Möglichkeiten, an Informationen über den christlichen Glauben zu gelangen.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 12.083
Familienleben: 13.381
Gesellschaftliches Leben: 10.577
Leben im Staat: 10.807
Kirchliches Leben: 11.666
Auftreten von Gewalt: 2.963

Grafik: Verfolgungsmuster Tunesien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenspiel der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster Tunesien:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen bewegt sich auf einem sehr hohen Niveau (11,703) und hat sich gegenüber dem Weltverfolgungsindex 2016 (10,886) deutlich erhöht.
  • Der Druck ist im Bereich der Familie am höchsten (13,381), gefolgt vom Privatleben (12,083) und dem Gemeindeleben (11,666). Dies spiegelt den Druck wieder, den Christen muslimischer Herkunft durch ihre Familien erfahren, und die Einschränkungen und Drohungen, die sie besonders in den ländlichen Gebieten erleben.
  • Die Punktwertung für Gewalt liegt mit 2,963 relativ hoch, ist jedoch gegenüber dem Vorjahr (3,148) zurückgegangen.
  • Die generelle Situation der Christen in Tunesien verschlechtert sich kontinuierlich angesichts einer immer konservativer werdenden muslimischen Bevölkerung. Islamisten verbreiten Angst und islamistische Parteien sind im Parlament aktiv.

Privatleben: Christen muslimischer Herkunft erleben besonders dann Druck, wenn ihr Glaubenswechsel im privaten Umfeld bekannt wird. Dabei existieren deutliche Unterschiede zwischen den ländlichen Bereichen und der Hauptstadt Tunis, wo die Situation vergleichsweise besser ist. Alle Christen mit muslimischer Herkunft erleben irgendeine Art von Widerstand, Ablehnung und/oder Verfolgung wegen ihres Glaubenswechsels. Besonders stark betroffen die Jungen unter ihnen, die kaum Gelegenheiten finden regelmäßig in der Bibel zu lesen und einen Platz zum persönlichen Gebet zu finden.

Familienleben: Im Bereich der Familie sind der Freiheit für Christen enge Grenzen gesetzt. Christliche Familien müssen viele Einschränkungen überwinden, um ihr Familienleben auf christliche Art zu leben. Jeder Tunesier wird automatisch als Muslim registriert. Ausländer erfahren keine Probleme, solange ihre Kinder ihre fremde Nationalität behalten. Christen muslimischer Herkunft müssen akzeptieren, dass ihre offiziellen Dokumente sie als Muslime ausweisen. Jeder Versuch dies zu ändern, ist zum Scheitern verurteilt und bringt negative Folgen mit sich.

Gesellschaftliches Leben: Christen muslimischer Herkunft werden von ihrer Familie und Menschen in ihrem Umfeld bedroht, wenn ihr Glaubenswechsel bekannt wird. Besonders in ländlichen Gebieten haben junge christliche Frauen muslimischer Herkunft Angst, zur Heirat mit einem Muslim gezwungen zu werden. Es sind außerdem Fälle bekannt, bei denen Christen muslimischer Herkunft aus der Universität ausgeschlossen wurden oder nicht zur Schule gehen können, da sie von Zuhause verstoßen wurden. Christliche Ladenbesitzer werden gelegentlich aufgrund ihres Glaubens stigmatisiert und erleiden dadurch Einbußen.

Leben im Staat: Im Umgang mit den Behörden werden Christen in der Regel benachteiligt. Es gibt kaum Christen unter den hochrangigen Politikern oder Beamten in Tunesien. Eine offizielle Registrierung ihrer Gemeinde ist für tunesische Christen muslimischer Herkunft unmöglich. Nur ausländischen Kirchen ist es erlaubt, christliche Symbole zu zeigen.

Kirchliches Leben: Obwohl die tunesische Verfassung derzeit die Religionsfreiheit respektiert und die Abkehr vom Islam nicht verboten ist, agieren Vertreter der Regierung in der Praxis oft ganz anders. Der Import christlicher Bücher in Arabisch wird von den Behörden behindert. Tunesische Christen mit muslimischer Herkunft können ihre Gemeinden nicht anmelden. Seit der tunesischen Unabhängigkeit im Jahre 1956 hat keine neue Gemeinde eine offizielle Registrierung erhalten. Dies steht im krassen Kontrast zum Gesetz, das den Bau und den Betrieb von Moscheen reguliert. Registrierte Gemeinden können frei agieren, stehen aber vor einer Vielzahl praktischer Probleme. Das betrifft besonders ihre Gebäude, die Einstellung von Mitarbeitern sowie das Einholen von Genehmigungen für die Veröffentlichung und Verbreitung christlicher Texte in Arabisch.

Auftreten von Gewalt: Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2017 waren Christen in einigen Fällen Gewalt ausgesetzt. Darunter waren drei Fälle von Zwangsheirat, mehr als zehn gewalttätige Angriffen auf christliche Jugendliche durch ihre Altersgenossen und mehrere Angriffe auf das Eigentum von Christen.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

  1. Trotz der relativ stabilen politischen Situation in Tunesien ist nicht zu erwarten, dass sich der Druck auf Christen in naher Zukunft verringern wird. Tatsächlich haben die politischen Veränderungen keinen spürbaren Einfluss auf die unverändert anti-christlich eingestellte Gesellschaft und die Kultur gehabt. Tunesiens Verfassung mag wie ein positiver Schritt nach vorn aussehen, aber die Formulierungen sind so allgemein, dass sie eine restriktive Auslegung möglich machen. In welchem Maß es dazu kommt, wird stark von der jeweiligen Regierung und ihrer Einstellung gegenüber religiösen Minderheiten abhängen.
  2. Tunesien steht der konkreten Bedrohung von Instabilität und Konflikten gegenüber, bedingt durch verstärkte Aktivitäten islamistischer Gruppen. Die Situation wird derzeit immer beunruhigender, da derzeit viele tunesische Anhänger des Islamischen Staates von den Kämpfen aus Libyen zurückkehren. Sollten Gruppen wie Hizb ut-Tahrir ihren Einfluss in Tunesien ausbauen, wird sich die Lage der Christen im Land deutlich verschlimmern; ihre Verfolgung wird in diesem Fall intensiver und gewalttätiger werden.
  3. Die tunesische Wirtschaft ist in einer schlechten Verfassung, unter anderem bedingt durch die Angriffe von Islamisten auf Touristen im März und Juni 2015. Wenn sich die wirtschaftliche Situation des Landes nicht verbessert, wird die politische Stabilität des Landes negativ beeinflusst. Daraus könnte sich für radikalislamische Gruppen eine Möglichkeit bieten, ihren Einfluss in Tunesien auszubauen. Dies wäre eine gefährliche Entwicklung für Christen und wird sehr wahrscheinlich zu einer stärkeren Verfolgung führen.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Tunesien:

  • für alle tunesischen Christen, die wegen ihres Glaubens verstoßen und verfolgt werden. Viele ringen um Hoffnung und wissen nicht, wie sie mit ihrem Leben fortfahren sollen.
  • für junge Christen, die heiraten wollen; andersgläubige Familienmitglieder üben großen Druck auf sie aus und legen ihnen zahlreiche Hindernisse in den Weg.
  • dass Jesus die Versuche der Islamisten, Chaos im Land zu stiften, vereitelt. Beten Sie, dass der Herr ihre Herzen anrührt und sie ihre Knie vor Jesus beugen.

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