Länderprofil Palästinensergebiete

Palästinensergebiete

36
Weltverfolgungsindex
2018
Flagge Palästinensergebiete
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Palästinensische Behörde
Platz Vorjahr
23
ISO
PS
Karte Palästinensergebiete
Karte Palästinensergebiete
Christen
0,07
Bevölkerung
4.93
Religiös motivierter Nationalismus
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Privatleben: 12.100
Familienleben: 12.800
Gesellschaftliches Leben: 10.700
Leben im Staat: 10.500
Kirchliches Leben: 12.600
Auftreten von Gewalt: 1.100
Länderprofil Palästinensergebiete

Berichtszeitraum: 1. November 2016 – 31. Oktober 2017

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

60 Punkte / Platz 36 (WVI 2017: 64 Punkte / Platz 23)

Von wem Verfolgung ausgeht

Palästinensische Christen leiden täglich unter dem anhaltenden palästinensisch-israelischen Konflikt. Ihre ethnische Zugehörigkeit führt zu vielen Einschränkungen von israelischer Seite. Wie andere Palästinenser erfahren Christen diese Einschränkungen im alltäglichen Leben und sie sind ein wichtiger Antrieb, das Land zu verlassen. Ihr Glauben macht sie zudem zur Minderheit in der mehrheitlich muslimischen palästinensischen Gesellschaft.

Auch wenn die Palästinensergebiete als Bund gesehen werden, sind sie de facto zwei verschiedene Gebiete: Gaza, das von der Hamas kontrolliert wird, und das Westjordanland, in dem die Fatah-Partei regiert. Die Gesetze im Westjordanland schützen im Generellen die Religionsfreiheit, wohingegen sie in Gaza eingeschränkt wird. In beiden Gebieten verfolgt die Regierung nicht aktiv Christen, im Westjordanland haben Christen sogar Positionen innerhalb der (lokalen) Regierung inne. Die palästinensische Gesellschaft ist jedoch konservativ geprägt und den Glauben zu wechseln ist schwierig. Die Abkehr vom Islam hin zum christlichen Glauben wird nicht akzeptiert, aber auch der Wechsel von einer christlichen Denomination zu einer anderen wird mit Argwohn betrachtet.

Auswirkungen der Verfolgung auf Christen

Es gibt drei Gruppen von Christen in den Palästinensergebieten, von denen jede mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen hat:

Christen traditioneller Kirchen stellen die größte Gruppe dar. Sie haben gute Beziehungen mit den palästinensischen Regierungsbehörden, müssen aber in ihrem Auftreten gegenüber Muslimen generell diplomatisch sein. Seit dem Auftauchen des „Islamischen Staates“ (IS) und anderer militanter Gruppen, die den Einfluss eines extremistischen Islam stärken, müssen Christen dabei noch vorsichtiger sein. Die größten täglichen Herausforderungen für die Christen dieser Gemeinschaften liegen in Problemen mit der israelischen Regierung. Dazu gehören Angelegenheiten, die Reisen und Visa betreffen, was es geistlichen Leitern schwermacht, in Gebiete zu reisen, in denen sie für Gemeindemitglieder zuständig sind – vor allem, wenn sich diese außerhalb des Westjordanlands oder Jerusalems befinden, wie in Jordanien. Zudem gab es Berichte von Belästigungen von Kirchenleitern durch jüdische Extremisten.

Christen aus protestantischen Freikirchen bilden eine zweite Gruppe. Ihre Anzahl ist nicht groß, aber durch Evangelisationen und Konferenzen, bei denen theologische Bildung vermittelt wird, haben sie ein gewisses Maß an Einfluss. Auch sie haben mit Einschränkungen durch die israelische Regierung zu kämpfen, sind aber auch Widerstand vonseiten der traditionellen Kirchen ausgesetzt. Dies ist zum Teil durch verschiedene theologische Ansichten bedingt, insbesondere, was den Status Israels betrifft. Traditionelle Kirchen nehmen Mitglieder protestantischer Freikirchen häufig als westlich oder zionistisch wahr und unterstellen ihnen, auf der Seite Israels zu stehen. Leiter aller Denominationen versuchen, ihre Gemeinde zu schützen. So erfahren Christen, die sich einer anderen Denomination anschließen, meist von traditionellen Kirchen zu neueren protestantischen Freikirchen, manchmal Druck von ihrer (Groß)Familie oder ihrem Umfeld.

Eine dritte Gruppe besteht aus Christen mit muslimischem Hintergrund. Sie tragen die Hauptlast der Verfolgung, da ihr Glaubenswechsel von ihrem Umfeld und ihrer Familie meist nicht akzeptiert wird. Es ist für sie schwierig, sich existierenden Gemeinden anzuschließen, da diese Benachteiligung vonseiten der muslimischen Bevölkerung befürchten.

Aufgrund der Einschränkungen durch die israelische Regierung, die zu einer wirtschaftlich schlechten Situation geführt haben, und der Angst vor einem wachsenden extremistischen Islam, sind viele Christen ausgewandert, und die Anzahl der Christen, die in den Palästinensergebieten geblieben sind, sinkt rapide.

Beispiele

  • Während des Berichtszeitraums wurde gemeldet, dass ein Christ muslimischer Herkunft im Gazastreifen von seiner Familie körperlich angegriffen wurde. Er versteckt sich seitdem an einem sichereren Ort.
  • Muslimen von Jesus zu erzählen, ist nicht per Gesetz verboten, bleibt aufgrund des Drucks von der Gesellschaft jedoch schwierig. Einige Christen haben Angst davor, die Beziehungen zu ihren muslimischen Nachbarn zu gefährden, wenn sie zu viel von ihrem Glauben erzählen.
  • Laut einem Bericht des US-Außenministeriums zum Nahostkonflikt von 2016, liefert „eine Kombination von Faktoren […] den Antrieb für die steigende Emigration von Christen aus Jerusalem und dem Westjordanland, inklusive der begrenzten Möglichkeiten für christliche Gemeinschaften in Jerusalem, sich aufgrund von Einschränkungen durch die Obrigkeiten in Jerusalem oder israelische Behörden im sogenannten Bereich C zu erweitern; die Schwierigkeiten, die christliche Leiter bei der Beschaffung israelischer Visa und Aufenthaltsgenehmigungen erfahren; Einschränkungen seitens Israel für Familiennachzug; steuerliche Probleme; und ökonomische Schwierigkeiten, die durch die von Israel auferlegten Reisebeschränkungen geschaffen wurden.“

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Die Gesamtpunktzahl der Palästinensergebiete ist von 64 Punkten im Weltverfolgungsindex (WVI) 2017 auf 60 Punkte im aktuellen Berichtszeitraum gesunken. Open Doors wurden weniger Fälle von gegen Christen gerichteter Gewalt berichtet. Zudem wurde eine Verfeinerung der Beurteilung der Situation von Christen muslimischer Herkunft vorgenommen, die ebenfalls zu einer sinkenden Punktzahl führte.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Religiös motivierter Nationalismus

Palästinensische Christen sagen, dass die israelische Kontrolle des Westjordanlands und ihre starke Begrenzung Gazas die Gründe für ihre größten Leiden sind. Diese bestehen aus der Fremdkontrolle aller Grenzen, verbunden mit einem Genehmigungssystem für die Einreise nach Israel und für Reisen zwischen Gaza und dem Westjordanland, wodurch beispielsweise die Möglichkeiten, heilige Stätten in Jerusalem zu besuchen, eingeschränkt sind.

Zudem besitzt Israel die volle Kontrolle über etwa 60 Prozent der Fläche des Westjordanlands, wobei die sogenannten C-Gebiete gemäß dem Oslo-Friedensprozess behandelt werden. Die israelische Kontrolle trennt dabei alle Gebiete, die der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstehen. Checkpunkte innerhalb des Westjordanlands werden genutzt, um das Gebiet zu kontrollieren und die jüdischen Siedlungen zu schützen. Diese Kontrolle schafft Unsicherheit, begrenzt wirtschaftliches Wachstum und schränkt die Bewegungsfreiheit ein, wodurch die christlichen Gemeinschaften im Westjordanland isoliert werden.

Ohne Hoffnung auf eine politische Lösung sehen viele Christen keine Zukunft für sich in den Palästinensergebieten und wandern in andere Teile der Welt aus. Die israelische Kontrolle des Westjordanlands hat auch mit der Überzeugung zu tun, dieses Gebiet sei Teil des biblischen Israels, das nur Juden gehört. Nichtjuden, zu denen auch palästinensische Christen gehören, fühlen sich, als würde ihnen der Platz für ein würdiges Leben im Westjordanland verweigert werden.

Islamische Unterdrückung

Christen sind überall in den Palästinensergebieten von Verfolgung betroffen, obwohl der Druck in Gaza aufgrund der dort aktiven islamisch-extremistischen Bewegungen deutlich stärker ist als im Westjordanland. In Gaza sind islamistische Kämpfer aktiv, die noch extremistischer sind als die Hamas und mittlerweile auch im Westjordanland Fuß fassen. Dies schließt Zellen des „Islamischen Staates“ (IS) ein, sowohl aktive als auch „schlafende“. Auch wenn diese Gruppen bisher keine große Macht besitzen, so darf ihr Einfluss doch nicht unterschätzt werden.

Diktatorische Paranoia

„Diktatorische Paranoia“ ist mit schlichter Gier und der Wahrung der Interessen einer kleinen Gruppe verbunden. Beide Parteien innerhalb der Palästinensischen Autonomiebehörde, Fatah und Hamas, versuchen, ihre Macht mit allen notwendigen Mitteln aufrechtzuerhalten. Es kann gefährlich sein, sie in ihrem jeweiligen Territorium zu kritisieren. Vetternwirtschaft ist in der Clangesellschaft weit verbreitet, und Menschen mit Verbindungen zu den Machthabern sind zumeist wohlhabend. Da es seit Jahren keine Wahlen gab, ist die demokratische Legitimität der Regierung gering. Insgesamt scheint die Hamas in den Palästinensergebieten beliebter zu sein als die Fatah, die den international anerkannten Teil der Palästinensischen Autonomiebehörde bildet. Politisch aktive Christen sind zumeist in der Fatah engagiert, die für sich beansprucht, auf säkularen Grundsätzen gegründet zu sein.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Diese Triebkraft zielt darauf ab, den anhaltenden Einfluss jahrhundertealter Normen und Werte zu sichern. In den Palästinensergebieten ist dies sehr eng mit dem Islam verknüpft und wirkt sich vor allem auf Christen muslimischer Herkunft aus. So wie im gesamten Nahen Osten besteht zwischen der Religion und der Familienidentität eine enge Verbindung, weshalb es als Verrat an der Familie betrachtet wird, den Islam zu verlassen. Viele Familien üben starken Druck auf Angehörige aus, die Christen geworden sind, zum Islam zurückzukehren, die Region zu verlassen oder zumindest nicht über ihren neuen Glauben zu sprechen. In vielen Fällen werden Christen mit muslimischem Hintergrund wegen ihres Glaubens aus ihren Familien verstoßen.

3. Verfolger

Verfolger der Triebkraft Religiös motivierter Nationalismus

Palästinensische Christen sehen sich im Alltag meist dem Druck israelischer Regierungsbeamter, vor allem der israelischen Sicherheitskräfte, ausgesetzt. Auch Konfrontationen mit den israelischen Bewohnern des Westjordanlands, den sogenannten Siedlern, können einschüchternd sein. Sowohl die Sicherheitskräfte als auch die Siedler sind gut bewaffnet, letztere sind jedoch mehr für ihren Eifer bekannt als gewöhnliche israelische Soldaten.

Verfolger der Triebkraft Islamische Unterdrückung

Da die Anzahl der palästinensischen Christen sehr klein ist (laut World Christian Database 1,4% im Vergleich zur muslimischen Mehrheit), geht der stärkste Druck in subtiler Form von gewöhnlichen Bürgern aus. Das kann an der Kleidungsordnung für Frauen gesehen werden, die durch missbilligende Blicke oder Kommentare aufgezwungen wird. Die palästinensische Gesellschaft ist konservativ, obwohl es in den Städten mehr Freiheiten gibt als in den ländlichen Gebieten. Der Großteil der Christen gehört traditionellen Kirchen an. Sie müssen sich vorsichtig verhalten, weil sie von der muslimischen Bevölkerung als „anders“ angesehen werden. Ein Feldforscher sagt: „Die Mehrheit verspeist hier die Minderheit. Christen isolieren sich deshalb aus Angst, die Gesellschaft gegen sich aufzubringen, selbst.“

Verfolger der Triebkraft Ethnisch begründete Anfeindungen

Mitglieder der (Groß)Familie eines Christen muslimischer Herkunft üben großen Druck auf diese Christen aus, damit sie ihren Glauben aufgeben. Sie denken, dass ein Glaubenswechsel zum christlichen Glauben Schande über die Familie bringt. Teilweise werden Christen mit muslimischem Hintergrund aus ihren Familien verstoßen und belästigt. Die Situation für christliche Konvertiten ist in Gaza noch schlimmer, da die christliche Gemeinschaft dort sehr klein ist und es kaum Orte gibt, um sich zu verstecken.

Verfolger der Triebkraft Diktatorische Paranoia

Palästinensische Regierungsbeamte und andere Menschen, die zu einer der beiden politischen Parteien der Palästinensischen Autonomiebehörde gehören, sind weitere Verfolger, obwohl manche Christen traditionell in der Fatah und der nationalistischen Bewegung engagiert sind. Die meisten Christen unterstützen die Gruppierungen in ihrem Ringen mit den israelischen Behörden und erleben daher von dieser Seite keine Schwierigkeiten. Dennoch ist die Meinungsfreiheit und daher auch die Religionsfreiheit eingeschränkt, vor allem, wenn Kritik geübt wird an der Autonomiebehörde, insbesondere in Gaza. Christen sind zudem Druck durch die israelische Kontrolle ausgesetzt.

4. Hintergrund

Die Palästinensergebiete werden von drei verschiedenen Regierungen regiert, bzw. beeinflusst:

  • Die im Westjordanland regierende Fatah-Partei gründet formell auf säkularen (nicht dem politischen Islam folgenden) Prinzipien. Dennoch besagt das Grundgesetz, dass die Werte der Scharia die Quelle der Gesetzgebung sein sollen. Christen genießen einige Rechte und einige sind sogar in den höchsten Regierungsebenen aktiv.
  • Die islamistische Hamas regiert de facto in Gaza. Ihre Regierung fußt auf dem Islam und den Gesetzen der Scharia. Christen werden größtenteils toleriert, da ihre Anzahl sehr gering ist.
  • In den meisten Teilen des Westjordanlands besitzt das israelische Militärgesetz Gültigkeit, was zu großen Einschränkungen für alle Palästinenser führt, auch für Christen. Die Anzahl der Christen ist in beiden Teilen der Palästinensergebiete über die Zeit stark gesunken, was an Auswanderung und einer geringeren Geburtenrate liegt. Ein Hoffnungsschimmer ist die kleine, aber wachsende Zahl von Christen muslimischer Herkunft.

Nachdem die islamistische Hamas eine entscheidende Mehrheit in den Parlamentswahlen 2006 gewinnen konnte, wurde eine Regierung der nationalen Einheit geformt, an der sowohl die Hamas als auch die Fatah teilhatten. Spannungen über die Kontrolle der palästinensischen Sicherheitstruppen führten zu einem Bürgerkrieg in Gaza, bei dem die Hamas 2007 mit Gewalt die Macht übernahm. Seitdem gibt es zwei miteinander rivalisierende Administrationen innerhalb der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die Beziehung zwischen den beiden politischen Parteien ist von tiefem Misstrauen geprägt, das den Einfluss von Stammesdenken und Clanrivalitäten innerhalb der palästinensischen arabischen Gemeinschaft offenlegt. Anhänger einer Seite wurden von der anderen gefangengenommen und misshandelt. Währenddessen gewinnt die Hamas sowohl in Gaza als auch im Westjordanland an Popularität. Wiederannäherungsversuche zwischen Fatah und Hamas führten zu der Formierung der Palästinensischen Einheitsregierung im Juni 2014. Damit sollte der Weg für parlamentarische Wahlen geebnet werden. Diese wurden jedoch nicht abgehalten, da die Regierung im Juni 2015 zurücktrat. Mitglieder der Hamas nahmen an einer Konferenz der Fatah im November 2016 teil, die Spannungen hielten aber an. Im Oktober 2017 kamen beide Parteien zu einer Übereinkunft, bei der die administrativen Behörden Gazas der Palästinensischen Autonomiebehörde übertragen wurden. Auch die Kontrolle der Grenzen wurde ihr übertragen. Die Hamas behält jedoch ihren militärischen Flügel und kontrolliert de facto noch immer den Gazastreifen. Im November 2017 wurde angekündigt, dass Wahlen Ende 2018 stattfinden sollen.

Andere religiöse Minderheiten wie die Beduinen und die Samaritaner in Nablus werden nicht direkt verfolgt, die Lebensbedingungen für die erstgenannten sind jedoch schwierig. Insbesondere die Beduinen, die in C-Gebieten im Westjordanland leben, haben große Schwierigkeiten mit den israelischen Behörden und der Armee.

5. Betroffene Kategorien von Christen

Christen aus traditionellen Kirchen

Die größten traditionellen Kirchen sind die Römisch-Katholische und die Griechisch-Orthodoxe Kirche. Sie sind, wie auch einige andere Kirchengemeinden, registriert und es gibt mehrere Gemeinschaften im Westjordanland und zwei, eine griechisch-orthodoxe und eine römisch-katholische, in Gaza. Manche Mitglieder der orthodoxen und der katholischen Kirche in Gaza stehen in der Gefahr, zum Islam zu konvertieren – entweder, weil sie sich eingesperrt fühlen, oder weil sie den Drohungen nicht standhalten können oder auch, weil ihnen Häuser, Ehefrauen, Arbeitsstellen oder Studienabschlüsse versprochen werden, wenn sie zum Islam konvertieren. Im Westjordanland haben Christen die Freiheit, Gottesdienste zu feiern, solange sie das Evangelium nicht an Muslime weitergeben. Die Kirchengemeinden haben hier einen weitaus größeren Einfluss auf die Gesellschaft als die Anzahl der Christen vermuten lassen würde. Sowohl die Römisch-Katholische Kirche als auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche betreiben Privatschulen, die auch von vielen Kindern muslimischer Familien besucht werden. Religionsunterricht wird hier getrennt gehalten.

Christen muslimischer Herkunft und Christen, die zu einer anderen Kirchengemeinde wechseln

Je nach Einstellung der Familie erleben beide Gruppen Druck von ihren Angehörigen, ihren neuen Glauben aufzugeben. Wenn Christen die Kirche wechseln, beispielsweise aus einer traditionellen Kirche in eine protestantische Freikirche, führt dies oft zu Problemen mit ihren Familien. Christen mit muslimischem Hintergrund erfahren die stärkste Verfolgung aller Christen in den Palästinensergebieten. Im Westjordanland werden sie bedroht und unter Druck gesetzt; in Gaza ist ihre Situation so gefährlich, dass sie ihren Glauben unter höchster Geheimhaltung leben müssen. Nichtsdestoweniger wächst die Zahl der Christen muslimischer Herkunft langsam.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Es gibt einige evangelikale Gemeinden im Westjordanland und eine in Gaza. Leiter der traditionellen Kirchen empfinden die evangelikalen Kirchen oft als Bedrohung für ihre Gemeinden. Protestantische Gemeinden sind dafür bekannt, dass sie einen Schwerpunkt auf Evangelisation legen, was ihnen Druck vonseiten der Gesellschaft einbringen kann.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 12.100
Familienleben: 12.800
Gesellschaftliches Leben: 10.700
Leben im Staat: 10.500
Kirchliches Leben: 12.600
Auftreten von Gewalt: 1.100

Grafik: Verfolgungsmuster Palästinensergebiete

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster

  • Die durchschnittliche Wertung für Druck auf Christen in den Palästinensergebieten ist von 12,4 Punkten im Weltverfolgungsindex 2017 auf 11,7 Punkte im aktuellen Berichtszeitraum gesunken. Dies liegt zum Teil auch an einer Verfeinerung der Analyse der Situation von Christen muslimischer Herkunft.
  • Christen mit muslimischem Hintergrund erfahren Druck besonders in den Lebensbereichen „Privatleben“ und „Familienleben“. Am stärksten ist der Druck im Bereich „Familienleben“. Religiöse (wie Verbot der Apostasie) und kulturelle Werte (wie Familienehre) sind miteinander verbunden und schaffen eine Situation, in der es sehr schwierig ist, den Islam zu verlassen.
  • Der Wert für das „Auftreten von Gewalt“ ist von 2,2 Punkten auf 1,1 Punkte gesunken. Es gab keine signifikanten Veränderungen der Umstände, es wurden dennoch weniger Fälle von gegen Christen gerichteter Gewalt berichtet.

Privatleben

Sowohl Christen muslimischer Herkunft als auch Christen, die zu einer anderen Kirche wechseln, erleben Druck in diesem Lebensbereich. In Gaza ist die Situation für Christen mit muslimischem Hintergrund sehr gefährlich. Doch auch im Westjordanland können diese Christen ihren Glauben nicht öffentlich leben. Wenn sie in ihrer Umgebung auch nur den Eindruck erwecken, dass sie sich dem christlichen Glauben zugewandt haben könnten, kann dies ernste Konsequenzen für sie haben. Alle anderen Kategorien von Christen haben mehr Freiheit, ihren Glauben privat auszuleben, solange sie diesen nicht an Muslime weitergeben. In Gaza ist es für Christen muslimischer Herkunft gefährlich, christliche Symbole wie Kreuze in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Familienleben

Wenn ihr Glaube entdeckt wird, werden Christen muslimischer Herkunft von ihren Familien unter Druck gesetzt. Dies geschieht besonders in Gaza, in geringerem Ausmaß jedoch auch im Westjordanland. Wenn bekannt ist, dass ihre Eltern Christen geworden sind, werden die Kinder von Konvertiten sehr wahrscheinlich schikaniert oder diskriminiert, ebenfalls vor allem in Gaza. Kinder von Christen aus traditionellen Kirchen erleben in Schulen in Gaza zum Teil ebenfalls Diskriminierungen. Bis auf Christen muslimischer Herkunft haben die meisten Christen allgemein die Freiheit, ihre christlichen Überzeugungen im Familienleben zu leben. Wenn jedoch ein christlicher Ehemann und Familienvater zum Islam konvertiert und sich von seiner christlichen Ehefrau scheiden lässt, werden ihre Kinder (wenn sie jünger als 18 Jahre sind) automatisch Muslime. Auch Christinnen, die mit einem Muslim verheiratet sind und dann geschieden werden, wird das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ein großer Teil des Familienrechts auf der Scharia beruht, die Christen nicht die gleichen Rechte zugesteht wie Muslimen.

Gesellschaftliches Leben

In Gaza und den mehrheitlich von Muslimen bewohnten Gebieten des Westjordanlands steht die gesamte lokale christliche Bevölkerung unter Druck. Hinzu kommt, dass der Nahe Osten generell von politischen Unruhen und dem wachsenden Einfluss eines extremistischen Islam geprägt ist, was sich besonders auch in Gaza zeigt. Christliche Frauen fühlen sich unter Druck gesetzt, sich mehr zu bedecken, beispielsweise durch lange Ärmel in der Öffentlichkeit. Tun sie dies nicht, riskieren sie, belästigt zu werden. Die Zahl der Christen nimmt ab, während der Einfluss des extremistischen Islam zunimmt. Aus Sicherheitsgründen müssen die meisten Christen mit muslimischem Hintergrund ihren neuen Glauben vor ihrer Umgebung geheim halten.

Leben im Staat

Im Westjordanland ist die Religionsfreiheit grundsätzlich gesetzlich geschützt, wogegen die Gesetze in Gaza die Religionsfreiheit eher einschränken. Das palästinensische Grundgesetz – das zurzeit als vorläufige Verfassung fungiert – erklärt den Islam zur offiziellen Religion und die Scharia (die islamische Gesetzgebung) zur Hauptquelle der Rechtsprechung. Die Behörden versagen zum Teil darin, die Rechte von Christen zu schützen, und in einigen Fällen sind Christen, vor allem muslimischer Herkunft, dazu gezwungen zu fliehen, um in Sicherheit leben zu können. In den gesamten Palästinensergebieten werden Christen beim Umgang mit den Behörden zumindest subtil diskriminiert, vor allem in Gaza. In Gebieten mit einer größeren christlichen Bevölkerung, wie dem Gebiet um Bethlehem, ist dies weniger verbreitet. Dennoch sind Christen selbst an der Regierung beteiligt. Während des Ramadan ist es gesellschaftlich nicht akzeptabel, tagsüber in der Öffentlichkeit zu essen. Als religiöse Minderheit, die in der mehrheitlich muslimischen Gesellschaft häufig mit dem (christlichen) Westen assoziiert wird, sind Christen besonders vorsichtig darin, ihre Meinung zu äußern, und neigen zur Selbstzensur. Christen muslimischer Herkunft können mit den Behörden nicht offen als Christen interagieren.

Kirchliches Leben

Christen muslimischer Herkunft können sich nicht offiziell als Gemeinde versammeln oder einer bestehenden Kirche anschließen, sowohl in Gaza als auch im Westjordanland. Für nicht-registrierte protestantische Gemeinden ist es im Westjordanland schwierig, eine Baugenehmigung für ein Kirchengebäude zu erhalten. In Gaza ist dies für alle Kategorien von Christen praktisch unmöglich. Christliche Literatur oder Bibeln in das Westjordanland einzuführen, kann Probleme mit sich bringen; in Gaza ist es aufgrund der israelischen Kontrolle und Bürokratie sehr schwierig.

Innerhalb der Palästinensergebiete gibt es in einigen Bereichen Spannungen zwischen verschiedenen Gemeinden. Im 19. und 20. Jahrhundert bestanden diese Spannungen vor allem zwischen der „alten“ Griechisch-Orthodoxen und der „neuen“ Römisch-Katholischen Kirche. Heutzutage sind Freikirchen die neuen Gemeinden, die von den traditionellen Kirchen misstrauisch betrachtet werden. Dies ist zum Teil durch verschiedene theologische Ansichten bedingt, insbesondere, was den Status Israels betrifft. Traditionelle Kirchen nehmen Mitglieder protestantischer Freikirchen häufig als westlich oder zionistisch wahr und unterstellen ihnen, auf der Seite Israels zu stehen. Leiter aller Denominationen versuchen, ihre Gemeinde zu schützen. So erfahren Christen, die sich einer anderen Denomination anschließen, manchmal Druck von ihrer (Groß)Familie oder ihrem Umfeld.

Auftreten von Gewalt

Der Wert für das „Auftreten von Gewalt“ befindet sich auf einem sehr niedrigen Niveau. Im Berichtszeitraum wurde kein Christ für seinen Glauben verhaftet und nach den Berichten, die Open Doors erhalten hat, wurden weniger Kirchengebäude beschädigt. Ein Christ muslimischer Herkunft wurde in Gaza von seiner Familie körperlich angegriffen und musste sich verstecken. Eine Christin mit muslimischem Hintergrund wurde laut einem Bericht unter Hausarrest gestellt. Dennoch muss bedacht werden, dass nicht jeder Fall von Gewalt berichtet wird, insbesondere, wenn er innerhalb einer Familie geschieht.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Teilweise sehen muslimische Nachbarn auf christliche Mädchen und Frauen herab, weil sie offensichtlich nicht Muslime sind, beispielsweise, weil sie nicht verschleiert sind. Die in der Gesellschaft verbreitete und akzeptierte Praxis der Ehrenmorde lässt Mädchen und Frauen schutzlos zurück. Dies hält beispielsweise muslimische Mädchen davon ab, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden, weil sie Angst haben, dass ein Familienmitglied sie töten könnte.

Männer

Diskriminierungen am Arbeitsplatz betreffen zumeist Männer. Da sie zumeist die Versorger der Familie sind, leidet darunter auch die gesamte Familie.

8. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Ohne die Hoffnung auf eine nachhaltige politische Lösung für den Konflikt mit Israel sind erneute Ausbrüche von Unruhen im Nahostkonflikt in Gaza und dem Westjordanland in den kommenden Jahren wahrscheinlich. Unter anderem behindern auch die Spannungen zwischen Hamas und Fatah die Staatenbildung und Reformen. Versöhnungsversuche zwischen den beiden Parteien haben bisher nicht gefruchtet und es gibt keine Garantie dafür, dass das im Oktober 2017 geschlossene Abkommen die Hängepartie beendet. Für Ende 2018 wurden Wahlen in den Palästinensergebieten angekündigt. Sollten sie stattfinden, werden sie die ersten Wahlen seit mehr als zehn Jahren sein und könnten einen Richtungswechsel in der palästinensischen Politik bedeuten. Die Ergebnisse und möglichen Konsequenzen dieser Wahlen sind unvorhersehbar und könnten leicht zu weiteren internen Konflikten und neuen Aufständen gegen Israel führen. Doch die Wahlen wurden im November 2017 angekündigt und könnten in den kommenden Monaten eines stillen Todes sterben, wie schon andere Versuche, Wahlen abzuhalten.

Da der Friedensprozess wahrscheinlich weiterhin stagniert, bleiben die Chancen auf neue Ausbrüche von Gewalt relativ hoch. Der alternde palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat laut Berichten mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und es scheint keinen klaren Plan für einen Nachfolger zu geben.

Insbesondere in Gaza gestaltet sich die sozioökonomische Situation sehr schlecht. Die Arbeitslosenquote ist hoch, die Jugendarbeitslosenquote noch höher. Es gibt jeden Tag nur für einige Stunden Elektrizität, und das Gebiet ist überbevölkert. Die kleine christliche Minderheit sieht kaum eine Perspektive für die Zukunft. Die sozioökonomische Situation im Westjordanland ist etwas besser, aber Arbeitslosigkeit ist auch hier ein großes Problem. Die größte Bedrohung für alle Bewohner der Palästinensergebiete ist jedoch die fehlende Hoffnung auf eine politische Lösung für den Konflikt in naher Zukunft. Die derzeitige Situation kann leicht zu neuen Ausbrüchen von Gewalt führen. Dies verschlechtert die Lebensqualität für alle Palästinenser, einschließlich der Christen, was zu einer fortwährenden Auswanderung vieler Christen führt. Laut einigen palästinensischen Christen wird es bereits in einer Generation keine Christen mehr in den Palästinensergebieten geben, sollte sich die Situation nicht bald ändern.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für die Palästinensergebiete

  • Der Druck in den Palästinensergebieten verstärkt sich aufgrund der Instabilität der Region und weil es keinen Fortschritt in der Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts gibt. Beten Sie für Frieden und Stabilität in der gesamten Region.
  • Beten Sie, dass die Christen in den Palästinensergebieten als Licht inmitten des Konflikts scheinen können. Beten Sie, dass Gott sie zu Friedensstiftern macht.
  • Beten Sie, dass die Christen Salz und Licht im Land sind und Gottes Liebe unter ihren Nachbarn weitergeben.

Alle Felder müssen ausgefüllt werden. Die E-Mail wird über Ihr E-Mail-Programm verschickt.

Drucken Herunterladen