Länderprofil Palästinensergebiete

Palästinensergebiete

49
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Palästinensergebiete
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Palästinensische Behörde
Platz Vorjahr
36
ISO
PS
Karte Palästinensergebiete
Christen
0,05
Bevölkerung
5.05
Religiös motivierter Nationalismus
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Privatleben: 11.400
Familienleben: 12.300
Gesellschaftliches Leben: 9.000
Leben im Staat: 10.600
Kirchliches Leben: 11.800
Auftreten von Gewalt: 2.400

Länderprofil Palästinensergebiete

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 49 / 57 Punkte (WVI 2018: Platz 36 / 60 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Religiös motivierter Nationalismus: Die Vorherrschaft Israels im Westjordanland und sein fester Griff auf den Gazastreifen bereitet den palästinensischen Christen große Schwierigkeiten und ist ein wichtiger Faktor für Auswanderung.

Islamische Unterdrückung: Islamische Milizen, die extremistischer sind als die Hamas, sind in Gaza aktiv und auch im Westjordanland präsent, was die Christen Angriffe befürchten lässt.

Diktatorische Paranoia: Fatah und Hamas versuchen, ihre Macht um jeden Preis zu erhalten. Es kann gefährlich sein, sie in ihrem jeweiligen Territorium zu kritisieren.

Ethnisch begründete Anfeindungen: Die palästinensische Gesellschaft ist konservativ, wobei Stammesdenken eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt. Dies ist ein wesentlicher Faktor, der Muslime daran hindert, Jesus Christus nachzufolgen.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Die palästinensische Gesellschaft ist konservativ und der Übertritt vom Islam zum christlichen Glauben oder der Wechsel von einer Denomination zur anderen ist aufgrund der engen Verbindung zwischen Familie und Religion inakzeptabel oder gesellschaftlich unerwünscht. Im Allgemeinen schützen Gesetze die Religionsfreiheit im Westjordanland, während sie im Gazastreifen eingeschränkt ist. Palästinensische Christen leiden täglich unter dem anhaltenden palästinensisch-israelischen Konflikt. Ihre Volkszugehörigkeit führt zu vielen Einschränkungen vonseiten Israels. Wie andere Palästinenser erleben Christen diese Einschränkungen täglich, und sie bilden einen wichtigen Anreiz auszuwandern. Ihre Religion bringt Christen auch in eine Minderheitenposition innerhalb der palästinensischen Gemeinschaft, die mehrheitlich muslimisch ist.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Alle christlichen Gruppierungen haben Probleme mit Reise- und anderen Einschränkungen, die von den israelischen Behörden auferlegt werden. Ehemalige Muslime tragen die Hauptlast der Verfolgung, und es ist schwierig für sie, sich in bestehende Kirchen zu integrieren. Der Einfluss der islamisch-extremistischen Ideologie wächst, und traditionelle Kirchen müssen im Kontakt mit Muslimen diplomatisch sein. Es kommt auch zu Schikanen gegen Kirchenführer durch extremistische Juden. Christen, die nicht den größeren traditionellen Kirchen angehören, stoßen manchmal auf Widerstand von größeren Kirchen in theologischen Fragen oder weil man ihnen vorwirft, „Schafe zu stehlen“. Aber solche Probleme treten selbst unter den freikirchlichen Gemeinden auf.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Die Evangelisation von Muslimen ist nicht gesetzlich verboten, bleibt aber wegen des gesellschaftlichen Drucks schwierig. Einige Christen haben Angst davor, ihre Beziehungen zu ihren muslimischen Nachbarn zu gefährden, wenn sie zu aktiv an Evangelisation beteiligt sind.
  • Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2019 wurde mindestens eine ehemalige Muslima für einige Zeit im Heim der Familie festgehalten. Es wurden mehrere Zwangsverheiratungen von ehemaligen Muslimas mit muslimischen Männern gemeldet, und eine Reihe von Christen muslimischer Herkunft musste aufgrund des Drucks aus Familie und Gesellschaft ihren Wohnsitz innerhalb des Landes verlegen.
  • Der Bericht des US-Außenministeriums über Israel und die Palästinensergebiete im Jahr 2017 hält fest (S. 39): „Eine Kombination von Faktoren gab auch weiterhin den Anstoß für eine zunehmende Auswanderung von Christen aus Jerusalem und dem Westjordanland. Dazu gehören politische Instabilität; die begrenzte Möglichkeit christlicher Gemeinden im Gebiet von Jerusalem, sich aufgrund von Baubeschränkungen durch Jerusalems Stadtverwaltung oder israelische Behörden im Gebiet C zu erweitern; die Schwierigkeiten christlicher Geistlicher bei der Erlangung israelischer Visa und Aufenthaltserlaubnisse; Beschränkungen der Familienzusammenführung durch die israelische Regierung; Vertrauensverlust in den Friedensprozess; und wirtschaftliche Schwierigkeiten, die durch die Errichtung der Sicherheitsabsperrung und die Einführung von Reisebeschränkungen entstehen“.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit 57 Punkten belegten die Palästinensergebiete im Weltverfolgungsindex 2019 Platz 49. Im Vergleich zum WVI 2018 sank die Punktzahl um drei Punkte. Dieser Rückgang ist vor allem darauf zurückzuführen, dass von weniger Druck in bestimmten Lebensbereichen berichtet wird.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Generell sind Christen in den gesamten Palästinensergebieten von Islamischer Unterdrückung betroffen, obwohl der Druck im Gazastreifen deutlich höher ist als im Westjordanland, da es aktive islamisch-extremistische Bewegungen gibt. Militante Islamisten, die noch extremistischer sind als die Hamas, waren in Gaza aktiv und sind auch im Westjordanland präsent. Dazu gehören Zellen des Islamischen Staats (IS) – bei denen es sich entweder um aktive oder um Schläferzellen handelt. Trotz der Tatsache, dass diese Gruppen noch keine große Macht haben, kann ihr Einfluss nicht ignoriert werden.

Darüber hinaus haben traditionelle Normen und Werte anhaltenden Einfluss und werden nach wie vor angewandt. Das ist in den Palästinensergebieten sehr stark mit dem Islam vermischt und betrifft vor allem Christen muslimischer Herkunft. Wie im übrigen Nahen Osten sind Religion und Familienidentität miteinander verwoben. Daher wird das Verlassen des Islam als Verrat an der eigenen Familie bewertet. Im Allgemeinen üben Familien starken sozialen Druck auf ehemalige Muslime aus, damit sie zum Islam zurückkehren, die Region verlassen oder den neuen Glauben geheim halten. In vielen Fällen werden Christen muslimischer Herkunft aufgrund ihres neuen Glaubens von ihren Familien vertrieben.

Diktatorische Paranoia

Diktatorische Paranoia ist mit schlichter Gier und der Wahrung der Interessen einer kleinen Gruppe verbunden. Vetternwirtschaft ist in der clanbasierten Gesellschaft weit verbreitet, und Menschen mit Beziehungen zu den Machthabern sind meistens wohlhabend. Christen sind traditionell mit der Fatah und der nationalistischen Bewegung verbunden. Die meisten Christen unterstützen diese Fraktionen in ihrem Kampf gegen die israelischen Behörden und stoßen auf keine Schwierigkeiten. Doch ohne Wahlen ist die demokratische Legitimität der Regierung seit vielen Jahren schwach. Beide Parteien innerhalb der Palästinensischen Autonomiebehörde, Fatah und Hamas, versuchen, die Macht mit allen erforderlichen Mitteln zu erhalten. Meinungsfreiheit und damit auch die Religionsfreiheit sind eingeschränkt; wenn Kirchenführer die palästinensischen Behörden oder ihre islamische Regierung kritisieren, kann dies negative Folgen haben, insbesondere in Gaza. Christen sind auch dem Druck der israelischen Regierungskontrolle ausgesetzt; zum Beispiel müssen Kirchenführer in Jerusalem vorsichtig vorgehen, um Privilegien wie den erleichterten Zugang zum Erhalt von Visa und Genehmigungen nicht zu verlieren.

Religiöser Nationalismus

Palästinensische Christen berichten, dass es die Kontrolle Israels über das Westjordanland und der feste Griff auf den Gazastreifen ist, der den größten Druck in ihrem Leben verursacht. Dieser Druck kommt: 1. von der externen Kontrolle Israels – d.h. der Kontrolle sämtlicher Grenzen (mit Ausnahme der Gaza-Grenze zu Ägypten), in Verbindung mit einem Zulassungssystem für die Einreise nach Israel und für die Reise zwischen Gaza und dem Westjordanland, wodurch die Möglichkeit, beispielsweise heilige Stätten in Jerusalem zu besuchen, eingeschränkt wird; und 2. von der internen Kontrolle Israels über etwa 60% des Westjordanlandes (Gebiete, die zum Gebiet C im Rahmen des Osloer Abkommens gehören) – ein Gebiet, das alle von der palästinensischen Behörde kontrollierten Regionen trennt. Interne Kontrollpunkte innerhalb des Westjordanlandes dienen der Kontrolle des Gebiets und dem Schutz der israelischen Siedlungen im Westjordanland. Diese Kontrolle schafft Unsicherheit, begrenzt die wirtschaftliche Entwicklung und schränkt die Bewegungsfreiheit ein und isoliert so die christlichen Gemeinschaften im Westjordanland.

Ohne Hoffnung auf eine politische Lösung sehen viele Christen in den Palästinensergebieten keine Zukunft für sich und wandern in andere Teile der Welt aus. Die israelische Kontrolle über das Westjordanland ist mit der Ansicht verbunden, dass das Westjordanland Teil des biblischen Israel ist, das nur Juden gehört. Das allgemeine Gefühl unter Nichtjuden (einschließlich palästinensischer Christen) ist, dass ihnen kein Raum gelassen wird, um ein menschenwürdiges Leben im Westjordanland zu führen.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Die palästinensische Gesellschaft ist konservativ, wobei Stammesdenken eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt. Dies hat direkten Einfluss auf die Möglichkeiten für Muslime, sich dem Christentum zuzuwenden. Die Abkehr vom Islam wird nicht nur als Wechsel der Religion, sondern auch als Wechsel zu einer neuen Identität angesehen. Daher wird ein Glaubenswechsel als eine Abkehr von der eigenen (erweiterten) Familie und von den Werten, mit denen man aufgewachsen ist, betrachtet. Konversion ist also ein Akt der Respektlosigkeit in einer Gesellschaft, in der die Familienehre eines ihrer Kernelemente ist.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

Die Zahl der palästinensischen Christen ist im Vergleich zur muslimischen Mehrheit sehr gering (0,9 % laut World Christian Database 2018). In diesem Kontext ist der größte Druck der subtile Druck der Normalbürger. Dies ist bei den Bekleidungsregeln für Frauen zu sehen, die durch missbilligende Blicke oder Kommentare durchgesetzt werden. Die palästinensische Gesellschaft ist konservativ, mit mehr Freiheit in den Städten als in den ländlichen Gebieten. Die meisten Christen gehören zu den traditionellen christlichen Kirchen. Sie müssen umsichtig handeln, da sie von der muslimischen Gesellschaft als „anders“ angesehen werden. Ein Experte für das Land sagte: „Die Mehrheit verspeist hier die Minderheit. Die Christen isolieren sich selbst, aus Angst, die Gesellschaft auf die eine oder andere Weise zu verärgern“.

Mitglieder der (erweiterten) Familie werden viel Druck auf einen Konvertiten ausüben, seinen christlichen Glauben aufzugeben. Für sie zerstören Konvertiten zum christlichen Glauben die Ehre der Familie. Vor allem ehemalige Muslime werden von ihren Familien vertrieben und schikaniert. Die Situation ist für sie in Gaza noch schlimmer, da die christliche Gemeinschaft klein ist und es kaum Verstecke gibt.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

Auch von palästinensischen Regierungsbeamten und andere Personen, die mit einer der beiden politischen Parteien innerhalb der palästinensischen Behörde verbunden sind, geht manchmal Verfolgung aus. Die Kritik an den palästinensischen Behörden oder ihrer islamischen Regierung kann negative Folgen haben, insbesondere in Gaza. Christen stehen auch unter dem Druck der israelischen Regierung, da Kirchenführer in Jerusalem vorsichtig vorgehen müssen, um Visa- und Einreiserechte nicht zu verlieren.

Ausgehend von Religiösem Nationalismus

Palästinensische Christen stehen in ihrem Alltag meist unter dem Druck von israelischen Regierungsbeamten, vor allem der israelischen Sicherheitskräfte. Auch die Auseinandersetzungen mit den israelischen Bewohnern des Westjordanlandes, den Siedlern, können einschüchternd sein. Sowohl die Sicherheitskräfte als auch die Siedler sind gut bewaffnet. Aber letztere sind für ihren größeren Eifer bekannt als gewöhnliche israelische Soldaten.

Ausgehend von Ethnisch begründeten Anfeindungen

Das Stammesdenken wird hauptsächlich von der Gesellschaft im Allgemeinen getragen, aber es wird auch von den Regierungsbehörden gefördert, wenn sie Stammesbräuchen und „Versöhnungstreffen“ Vorrang vor staatlich festgelegten Gesetzen und der Rechtsstaatlichkeit geben. In diesem System sind Minderheiten wie Christen meist im Nachteil. Mitglieder der (erweiterten) Familie verfolgen ehemalige Muslime, weil sie gegen Stammesbräuche, z.B. die Familienehre, verstoßen haben.

4. Hintergrund

Die Palästinensergebiete werden von drei verschiedenen Regierungen regiert oder beeinflusst:

  • Die Fatah-Partei regiert im Westjordanland und basiert formal auf säkularen Prinzipien, ist also nicht islamistisch, obwohl das Grundgesetz besagt, dass die Prinzipien des islamischen Scharia-Rechts die Hauptquelle für die Gesetzgebung sein sollen. Christen haben etliche Rechte und sind sogar auf den höchsten Regierungsebenen aktiv.
  • Die islamistische Hamas beherrscht de facto den Gazastreifen. Sie orientiert sich bei ihrer Amtsführung an den Gesetzen des Islam und der Scharia. Christen werden weitgehend toleriert, da ihre Zahl gering ist.
  • Das israelische Militärrecht gilt in den meisten Teilen des Westjordanlandes und führt zu großen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit aller Palästinenser, einschließlich der Christen.

Seit 2007 gibt es innerhalb der Palästinensischen Behörde zwei rivalisierende Regierungen. Die Beziehung zwischen der Hamas in Gaza und der Fatah im Westjordanland ist von gegenseitigem Misstrauen geprägt, woran der Einfluss von Stammesdenken und Clanrivalitäten innerhalb der palästinensisch-arabischen Gesellschaft deutlich wird. Im Oktober 2017 erzielten beide Parteien eine Vereinbarung, in der die Verwaltungsbehörden in Gaza an die Palästinensische Autonomiebehörde übertragen wurden. Auch die Grenzkontrolle wurde an die Palästinensische Autonomiebehörde übergeben. Die Hamas behält jedoch ihren militärischen Flügel und hat de facto den Gazastreifen weiterhin unter ihrer Kontrolle. Die Gesamtzahl der Christen ist in beiden Teilen der Palästinensergebiete aufgrund von Auswanderung und niedrigen Geburtenraten zurückgegangen.

Im Mai 2018 fanden an der Gaza-Grenze Demonstrationen statt, bei denen Tausende von Palästinensern durch israelische Sicherheitskräfte verwundet und Hunderte getötet wurden. Im Sommer 2018 nahmen Hamas und andere Gruppen ihre Granatwerferangriffe auf Israel wieder auf, worauf israelische Streitkräfte als Reaktion aus der Luft zurückschlugen.

5. Betroffene Christen

Christen aus traditionellen Kirchen

Die beiden größten Konfessionen in dieser Kategorie sind griechisch-orthodox und römisch-katholisch. Sie sind offiziell registriert und haben mehrere Kirchengemeinden im Westjordanland und jeweils eine im Gazastreifen. In Gaza stehen Christen aus diesen Kirchen in der Gefahr, dem Druck nachzugeben und angesichts von Drohungen zum Islam zu konvertieren. Zudem lockt man sie mit verschiedenen Versprechungen. Im Westjordanland haben sie die Freiheit, Gottesdienste zu feiern, solange sie nicht unter Muslimen missionieren. Diese Kirchen haben einen bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft. Sowohl die römisch-katholischen als auch die griechisch-orthodoxen Kirchen betreiben Privatschulen, die auch von vielen Muslimen besucht werden. Der Religionsunterricht wird jedoch separat abgehalten.

Christliche Konvertiten

Die meisten Konvertiten haben einen muslimischen Hintergrund, aber auch Christen, die ihre Denomination gewechselt haben, gehören zu dieser Kategorie. Je nach Familie erfahren beide Gruppen Druck von Familienmitgliedern, ihren neuen Glauben aufzugeben. Wenn Christen z.B. von einer traditionellen Kirche zu einer Freikirche wechseln, bereitet das oft Schwierigkeiten mit ihren Familien. Allerdings sind ehemalige Muslime definitiv der schwersten Verfolgung aller Kategorien von Christen ausgesetzt. Im Westjordanland werden sie bedroht und unter großen Druck gesetzt, im Gazastreifen ist ihre Situation so gefährlich, dass sie ihren christlichen Glauben unter größter Geheimhaltung leben. Dennoch wächst langsam die Zahl der Christen mit muslimischem Hintergrund.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Im Westjordanland gibt es mehrere evangelikale Kirchen und in Gaza eine Baptistenkirche. Leiter der traditionellen Kirchen sehen die Existenz evangelikaler Kirchen oft als Bedrohung.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 11.4
Familienleben 12.3
Gesellschaftliches Leben 9
Leben im Staat 10.6
Kirchliches Leben 11.8
Auftreten von Gewalt 2.4

Grafik: Verfolgungsmuster Palästinensergebiete

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen beträgt ein sehr hohes Maß (11,0 Punkte), die Punktzahl ging aber gegenüber 11,7 im Weltverfolgungsindex 2018 zurück. Der Grund für diesen Rückgang ist der geringere Druck auf ehemalige Muslime, insbesondere im gesellschaftlichen Leben.
  • Obwohl alle Lebensbereiche einen hohen oder sehr hohen Druck aufweisen, ist der Druck in den Bereichen „Familienleben“ und „Kirchliches Leben“ am größten. Der Druck im Familienleben spiegelt die Schwierigkeiten wider, mit denen Christen muslimischer Herkunft konfrontiert sind, wenn sie zum Beispiel eine christliche Hochzeit oder Beerdigung wünschen. Der Druck im Bereich des Kirchlichen Lebens zeigt die Grenzen, die die Kirchen bei der Evangelisierung und Integration von Christen mit muslimischem Hintergrund erfahren.
  • Der Wert für Gewalt stieg von 1,1 im Weltverfolgungsindex 2018 auf 2,4 im WVI 2019.

Privatleben

Sowohl ehemalige Muslime als auch Christen, die ihre Denomination gewechselt haben, erfahren Druck in diesem Lebensbereich. In Gaza ist die Situation für Christen mit muslimischem Hintergrund sehr ernst. Das Zeigen christlicher Symbole (z. B. Kreuze) ist für sie gefährlich. Auch im Westjordanland können ehemalige Muslime ihren christlichen Glauben nicht offen ausüben. Wenn sie den Menschen in ihrer Umgebung den Eindruck vermitteln, dass sie Christen sein könnten, kann das schwerwiegende Folgen haben. Alle anderen Kategorien von Christen haben mehr Freiheit, ihren Glauben privat auszuüben, solange sie nicht unter Muslimen evangelisieren.

Familienleben

Wenn ihr Glaube entdeckt wird, werden Konvertiten von ihren Familien unter Druck gesetzt, vor allem im Gazastreifen, aber auch – in geringerem Maße – im Westjordanland. Die Kinder von bekannten Christen muslimischer Herkunft werden häufig schikaniert oder diskriminiert, insbesondere in Gaza. In Gaza werden auch Kinder aus traditionellen christlichen Kirchen in Schulen diskriminiert. Mit Ausnahme von Konvertiten sind die meisten Christen in der Regel frei, ihre christlichen Überzeugungen im Kreis der Familie zu leben. Wenn jedoch ein christlicher Ehemann und Vater zum Islam konvertiert und sich von seiner christlichen Frau scheiden lässt, würden ihre Kinder (wenn sie unter 18 Jahre alt sind) automatisch zu Muslimen werden. Auch erhält nie der christliche Partner das Sorgerecht, wenn eine Ehe zwischen einem christlichen und einem muslimischen Partner geschieden wird. Dies erklärt sich daraus, dass ein großer Teil des Familienrechts von der Scharia geregelt wird, welche Christen nicht gleichberechtigt mit Muslimen behandelt.

Gesellschaftliches Leben

Im Gazastreifen – und in mehrheitlich muslimischen Orten im Westjordanland – herrscht Druck auf die gesamte lokale christliche Gemeinschaft. Hinzu kommen der allgemeine Kontext der politischen Unruhen und der wachsende Einfluss des extremistischen Islam im Nahen Osten, insbesondere in Gaza. Christliche Frauen könnten sich unter Druck gesetzt fühlen, sich zu verhüllen, wenn sie hinausgehen – z.B. in der Öffentlichkeit lange Ärmel zu tragen. Wenn sie es nicht tun, riskieren sie, Opfer von Belästigungen zu werden. Die Zahl der Christen nimmt ab und der Einfluss des extremistischen Islam wächst. Aus Sicherheitsgründen müssen die meisten Christen muslimischer Herkunft ihren neuen Glauben vor ihrem Lebensumfeld verbergen.

Leben im Staat

Die Gesetze im Westjordanland schützen im Allgemeinen die Religionsfreiheit, während die im Gazastreifen restriktiv sind. Das palästinensische Grundgesetz – das als vorläufige Verfassung fungiert – bezeichnet den Islam als offizielle Religion und die Scharia (das islamische Recht) als wichtigste Quelle der Gesetzgebung. Die Behörden versäumen es manchmal, die Rechte einzelner Christen zu wahren und zu schützen, und in einigen Fällen müssen Christen – meist ehemalige Muslime – an sichere Orte woanders in der Region fliehen. Im Umgang mit den Behörden gibt es in den gesamten Palästinensergebieten, insbesondere in Gaza, eine unterschwellige Diskriminierung, die allerdings in Gebieten mit einer großen christlichen Bevölkerung (wie in der Region Bethlehem) weniger verbreitet ist. Dennoch haben Christen innerhalb der Regierung Ämter inne. Während des Ramadans ist es sozial inakzeptabel, tagsüber in der Öffentlichkeit Lebensmittel zu sich zu nehmen. Als religiöse Minderheit in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft – und einer, die oft mit dem („christlichen“) Westen identifiziert wird – müssen Christen vorsichtig sein, wenn sie ihre Meinung äußern und deshalb praktizieren sie Selbstzensur. Ehemalige Muslime können sich nicht offen als Christen zu erkennen geben, wenn sie mit den Behörden zu tun haben.

Kirchliches Leben

Christen muslimischer Herkunft können sich weder offiziell als Gemeinde versammeln, noch können sie offen in bestehende Kirchen im Gazastreifen und im Westjordanland eintreten. Für nicht registrierte protestantische Kirchen ist es schwierig, die Erlaubnis zum Bau einer Kirche im Westjordanland zu erhalten. In Gaza ist dies für alle Formen des Christentums praktisch unmöglich. Der Import von Materialien (einschließlich christlicher Literatur oder Bibeln) in das Westjordanland kann problematisch sein und ist für Gaza aufgrund der israelischen Kontrolle und Bürokratie schwierig.

Innerhalb der palästinensischen Gebiete gibt es einige Reibungspunkte zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen. Im 19. und 20. Jahrhundert fanden hauptsächlich Streitigkeiten zwischen der „alten“ griechisch-orthodoxen und der „neuen“ römisch-katholischen Kirche statt. Heutzutage sind es die Evangelikalen, die neu sind und von den traditionellen Kirchen mit Argwohn aufgenommen werden. Dies wird zum Teil durch unterschiedliche theologische Ansichten verursacht, insbesondere wenn es um den Status Israels geht, wo die traditionellen Kirchen die Evangelikalen als westlich oder zionistisch und mehr auf der Seite Israels sehen. Leiter aller Kirchengemeinden versuchen, ihre eigene Herde zu schützen. Daher erfahren Christen, die ihre Kirchenzugehörigkeit gewechselt haben, manchmal Druck von ihrer (Groß-)Familie oder dem Lebensumfeld.

Gewalt

Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen ist im Allgemeinen gering. Es gibt islamische Extremisten, aber deren Hauptanliegen ist der Kampf gegen israelische Streitkräfte. Wenn es Gewalt gegen Christen gibt, geschieht dies im familiären Bereich, und die Verursacher dieser Gewalt sind Familienmitglieder. Mehr ehemalige Muslime als zuvor haben im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2019 Informationen beigesteuert, was dazu geführt hat, dass mehr gewalttätige Vorfälle erfasst wurden und damit eine höhere Punktzahl erreicht wurde.

Beispiele dazu im Abschnitt „Zusammenfassung“.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Manchmal werden christliche Mädchen und Frauen von ihren muslimischen Nachbarn verachtet, weil sie offensichtlich keine Muslime sind (z.B. verschleiern sie sich nicht). Obwohl nicht von der Regierung aufgezwungen, gibt es eine gesellschaftlich vorgeschriebene Kleiderordnung für christliche Frauen, die sie verpflichtet, sich bis auf ihre Köpfe in der Öffentlichkeit zu bedecken.

Eine Bekehrung aus dem Islam zu Jesus Christus wird als große Schande empfunden, und das betrifft insbesondere Frauen und Mädchen, da sie stärker von der Familie abhängig sind. Dadurch werden sie stärker von der Familie oder dem unmittelbaren Lebensumfeld verfolgt. Familienmitglieder können fast immer ungestraft gegen ehemalige Muslimas vorgehen. Es gibt auch bekannte Fälle von Hausarrest durch die Familie. Wenn eine ehemalige Muslima verheiratet ist, kann sie von ihrem Mann geschieden werden und das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren. Es gibt auch das Problem der Ehrenmorde, eine akzeptierte Praxis, die Mädchen und Frauen angreifbar macht, obwohl bekannte Fälle selten sind.

Männer

Die Diskriminierung am Arbeitsplatz betrifft vor allem Männer – und ihre Familien, da sie in der Regel die Haupternährer der Familie sind. Die israelische Vorherrschaft und die katastrophale wirtschaftliche Situation lassen die palästinensischen Männer sich machtlos fühlen. Ein Experte für das Land schreibt: „Die ständige Demütigung der Besatzung, die Kontrolle an den Grenzübergängen, trifft die Menschen in ihrer Würde. Männer (bzw. Jungen) schämen sich und sind nicht in der Lage zu reagieren. Das könnte sich auf die Familie zu Hause auswirken, besonders auf die Frauen.“ Immer mehr Männer bleiben Single, weil sie nicht genug verdienen, um für eine Ehe oder für eine Familie zu sorgen. Viele christliche Männer wollen die Palästinensergebiete verlassen, um im Ausland einen Job zu finden. Eine solche Auswanderung schwächt die palästinensische christliche Gemeinschaft ernsthaft, da nur die leistungsfähigeren Männer über die notwendigen Qualifikationen und finanziellen Mittel verfügen, um im Ausland einen Arbeitsplatz zu finden.

Junge ehemalige Muslime sind in der Regel gezwungen, ihre Familien zu verlassen, haben dann aber oft Probleme bei der Integration in bestehende Kirchen. Die christliche Gemeinschaft hat Schwierigkeiten, diese bedürftigen und oft einsamen Menschen aufzufangen.

8. Die Verfolgung von anderen religiösen Minderheiten

Minderheiten wie die Beduinen und die Samaritaner in Nablus werden nicht besonders verfolgt, obwohl die Lebensbedingungen der Ersteren schwierig sind. Vor allem die Beduinen, die im Gebiet C des Westjordanlandes leben, haben viele Probleme mit den israelischen Militär- und Zivilbehörden.

Es gibt keine anderen nennenswerten Minderheiten in den Palästinensergebieten, die einer Diskriminierung ausgesetzt sein könnten.

9. Ausblick

Der politische Ausblick

Ohne jegliche Hoffnung auf eine nachhaltige politische Lösung des sich zuspitzenden Konflikts mit Israel dürften in den nächsten Jahren weiterhin Ausbrüche israelisch-palästinensischer Unruhen im Gazastreifen und im Westjordanland zu verzeichnen sein. Eine Nationenbildung und Reformen werden unter anderem durch die Spaltungen zwischen Hamas und Fatah behindert. Versöhnungsversuche zwischen beiden Parteien sind wiederholt gescheitert, und es gibt keine Garantien dafür, dass die jüngste Einigung vom Oktober 2017 aus der Sackgasse führt. Eines der dringlichsten Probleme im Moment ist die Nachfolge des amtierenden Präsidenten Abbas. Er altert zusehends und hat angeblich gesundheitliche Probleme, und es scheint keinen klaren Fahrplan für seine Nachfolge zu geben. Wenn er stirbt, sind die möglichen Folgen unvorhersehbar und können leicht zu weiteren internen Konflikten führen.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Die Beziehungen zwischen den Regierungsbehörden und den christlichen Gemeinden sind im Allgemeinen gut. Angeblich machen auch die evangelikalen Kirchen Schritte zu einer offiziellen Anerkennung durch die palästinensische Behörde. Dennoch bleibt die Gesellschaft konservativ und der Islam ist die Norm. Ehemalige Muslime werden zweifellos weiterhin der Hauptlast der Verfolgung ausgesetzt sein. Weder wird es jemals zu einer offiziellen Anerkennung ihrer Bekehrung zum christlichen Glauben kommen, noch wird ein solcher Schritt von Familien und Gesellschaft akzeptiert. Auf der einen Seite könnte sich der Extremismus verringern, wenn Gruppen wie der Islamische Staat im nahen Syrien und Irak an Macht verlieren. Gleichzeitig werden junge Männer jedoch wahrscheinlich extremistischer, wenn sie verzweifelt sind und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren haben.

Mit Hinblick auf Religiös motivierten Nationalismus: Seit die US-Botschaft nach Jerusalem verlegt wurde, befindet sich die Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts auf einem neuen Tiefpunkt. Es ist unwahrscheinlich, dass die israelischen Wahlen im Jahr 2019 zu einer Regierung führen werden, die das tägliche Leben in den Palästinensergebieten effektiv verbessern wird. Es ist wahrscheinlicher, dass eine neue rechte Regierung gewählt wird, die weiterhin israelische Siedlungen im Westjordanland baut und die wachsende palästinensische Bevölkerung immer weiter zurückdrängt. Es ist daher unwahrscheinlich, dass beispielsweise Reisebeschränkungen aufgehoben werden. Solange sich die wirtschaftliche Situation nicht verbessert, werden die Christen weiter in andere Länder auswandern und damit zur weiteren Ausgrenzung der schrumpfenden christlichen Gemeinschaft beitragen.

Mit Hinblick auf Ethnisch begründete Anfeindungen: Die neue Generation in den Palästinensergebieten will ihre Familien und traditionellen Bräuche ehren, aber sie will auch ein modernes (westliches) Leben. Auf lange Sicht könnte dies zu einer offeneren und liberaleren Gesellschaft führen, aber vorerst bleibt die Gesellschaft konservativ. Die Ehre der Familie durch Bekehrung zu Jesus Christus zu beleidigen, wird ein großes Problem bleiben.

Mit Hinblick auf Diktatorische Paranoia: Sowohl Hamas als auch Fatah unterbinden kritische Stimmen. Christen und Kirchen müssen in dieser Hinsicht behutsam vorgehen, obwohl die meisten Kirchen nicht beabsichtigen, die Behörden zu kritisieren, da sie Beziehungen zu den Behörden haben, selbst in Gaza. Einige Christen sind in die Fatah-Bewegung involviert oder arbeiten für die Palästinensische Autonomiebehörde.

Schlussfolgerung

Da der Friedensprozess wahrscheinlich stagnieren wird, bleibt das Risiko für neue Gewaltausbrüche hoch. Insbesondere in Gaza ist die sozioökonomische Situation schlecht: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Jugendarbeitslosigkeit noch höher, es gibt nur wenige Stunden am Tag Strom und das Gebiet ist überbevölkert. Die winzige christliche Minderheit hat fast keine Zukunftsperspektiven. Die sozioökonomische Situation im Westjordanland verbessert sich, aber auch dort ist die Arbeitslosigkeit ein großes Problem. Die größte Herausforderung für alle Bewohner der Palästinensergebiete ist jedoch der Mangel an Hoffnung auf eine politische Lösung des Konflikts. So könnte die aktuelle Situation leicht zu einem Ausbruch von Gewalt führen. Diese Unsicherheit beeinträchtigt die Lebensqualität aller Palästinenser, einschließlich der Christen, negativ, was zu einer kontinuierlichen Abwanderung der Palästinenser führt. Nach Ansicht einiger palästinensischer Christen wird es, wenn die gegenwärtige Situation anhält, innerhalb einer Generation keine Christen mehr geben.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für die Palästinensergebiete:

  • Die Christen in den Palästinensergebieten sind eine Minderheit, die immer kleiner wird. Beten Sie, dass die palästinensische Kirche – die direkt auf die ersten Gläubigen in der Apostelgeschichte zurückgeht – Salz und Licht unter ihrem Volk ist.
  • Beten Sie besonders für isolierte Christen im Norden des Westjordanlandes. Open Doors unterstützt sie mit Materialien, Jugendaktivitäten und Ermutigung vor Ort, um ihnen zu helfen, zu überleben und zu gedeihen.
  • Im Allgemeinen hat die Hoffnungslosigkeit in den Palästinensergebieten zugenommen, da die Instabilität in der Region wächst und keine Fortschritte bei der Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts erzielt wurden. Beten Sie, dass Frieden und Stabilität in diese Region gelangen.

Alle Felder müssen ausgefüllt werden. Die E-Mail wird über Ihr E-Mail-Programm verschickt.