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Ein Jahr nach der Gewalt in Orissa

Vor einem Jahr zogen Hindu-Extremisten im ostindischen Bundesstaat Orissa zu brutalen Vergeltungsschlägen gegen Christen aus. Noch heute brauchen die Opfer weiter Hilfe. "Wenn ein Glied leidet, leidet die anderen mit, schreibt der Apostel Paulus in der Bibel (1. Kor 12,26)", sagt Markus Rode, Leiter von Open Doors in Deutschland. " Deshalb hoffen die indischen Christen auch auf die Solidarität der weltweiten Gemeinde Jesu. Viele haben alles verloren. Sie stehen vor den Herausforderungen eines Neuanfangs; müssen eine neue Heimat finden und Häuser, Geschäfte und Kirchen wieder aufbauen. Dazu brauchen sie Mut und Gottvertrauen.

Blutige Bilanz
Den Mord an einem Hindu-Führer am 23. August 2008 in der Provinz Kandhamal schoben dessen Anhänger der christlichen Minderheit zu. Maoisten bekannten sich zu der Tat. Doch unbeirrt zogen aufgehetzte Hindus über mehrere Wochen zu pogromartigen Vergeltungsschlägen gegen Christen aus. Sie waren bewaffnet mit Äxten, Macheten, Schusswaffen oder Kerosinkanistern. In 14 der 30 Distrikte in Orissa kam es zu Unruhen. Die blutige Bilanz: 120 Tote, hunderte Verletzte und 315 völlig zerstörte Dörfer. Nach amtlichen Schätzungen wurden 252 Kirchen, 4.640 Häuser und 13 Schulen zerstört. 54.000 Menschen flohen in umliegende Wälder oder in ein Flüchtlingslager. Es sollen die schlimmsten Ausschreitungen gegen Christen seit der Unabhängigkeit Indiens (1947) gewesen sein.

Hilfe fortgesetzt
Dank der Unterstützung von Christen weltweit setzt Open Doors die Hilfsdienste in Orissa fort. Gemeinsam mit einheimischen Partnern und Gemeinden wurden bislang an 7.000 Familien in mehreren Orten Kisten verteilt - jeweils bestückt mit Kochgeräten, Lebensmitteln, Seife, Medikamenten, Moskitonetzen und einer Bibel. Traumatisiert von den schrecklichen Ereignissen und ohne Hoffnung weinen viele noch immer aus Verzweiflung, berichten indische Mitarbeiter. In einer zweiten Projektphase bietet das Werk daher u.a. Traumaseminare in Gemeinden und Flüchtlingslagern an.

Angriff überlebt
"Seit Monaten lebe ich im Flüchtlingslager. Als die Gewalt ausbrach, waren wir in der Kirche und beteten", erzählt Abraham Mali, ein Augenzeuge. "Wir hatten große Angst. Ich versuchte, mit den Angreifern zu reden. Einer schlug mich nieder und ich musste mit einer Kopfwunde ins Krankenhaus. Sie brannten die Kirche nieder, plünderten die Häuser. Viele wurden schwer verletzt, ein Mitbruder lebend verbrannt. Meine Frau war im neunten Monat schwanger; auf der Flucht verlor sie unser Baby. Unser Dorf wurde schon früher mehrmals überfallen. Die meisten wollen nicht mehr zurück. Ich bin dankbar, dass ich durch Gottes Gnade überlebt habe. Doch ich mache mir Sorgen. Bitte betet, dass die Lage nicht schlimmer wird und auch für die fanatischen Hindus. Sie hetzen die Jugend auf und sagen, wir seien Terroristen."

4.000 Menschen noch immer in Flüchtlingslagern
"Für den Moment linderte die erste Hilfe vieler Organisationen und der Regierung die große Not", so Markus Rode. Doch langfristig würden sich viele vergessen fühlen. Die für Betroffene von der indischen Regierung für den Wiederaufbau bereitgestellten rund 150 Euro (10.000 Rupien) verbrauchten die Familien für Lebensmittel und Medizin. Weitere zugesagte Hilfe kam nicht nach. Viele Vertriebene zogen in andere Gebiete oder zu Verwandten. Ohne Perspektive leben noch immer rund 4.000 Menschen in Flüchtlingslagern. Ihre Lebensumstände sind erschreckend. Selbst wenn ihre Häuser nicht zerstört sind, wagen sich aus Angst vor neuen Übergriffen viele nicht zurück in ihre Dörfer. Nachbarn und Radikale fordern ihre Konversion zum Hinduismus.

Dorfbewohner: "Wir haben Angst"
Die Rückkehr in ihr altes Leben bleibt beispielsweise 290 christlichen Familien in der Ortschaft Rudangia/Kandhamal verwehrt. Sie leben in Zelten in einem Flüchtlingslager. Ihre Häuser und Felder liegen unmittelbar vor ihnen. Dorthin zurück dürfen sie nur, wenn sie Jesus abschwören und Hindus werden. "Sie haben uns verboten, im Dschungel Holz zu holen. Wie sollen wir aber neue Häuser oder Kirchen bauen", fragt ein Dorfbewohner. Die Hasskampagne der Anhänger des ermordeten Hinduführers hetzte auch ihre Nachbarn gegen sie auf. Einst lebten sie durchaus friedlich miteinander. "Wir haben Angst, auf unsere Felder zu gehen und sie zu bestellen. Wie soll ich also für meine Familie sorgen", fragt ein Bauer. Für die Ortschaft stellte die Regierung nach zehn Tagen die Verteilung von Hilfsgütern ein. Wo einst Kirchen standen, werden Hindu-Tempel erbaut, berichten Dorfbewohner. An Kirchenruinen schmierten Fanatiker ihr Programm: "Indien ist für Hindus".

 

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