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Pakistan: Blasphemieanklage überraschend abgewiesen

Starkes Hoffnungszeichen für Christen / Richter untergetaucht

 

(KELKHEIM, 22. Februar 2013) – Eine äußerst ungewöhnliche Wendung nahm Ende Januar ein Gerichtsverfahren gegen Barkat Masih im pakistanischen Bahawalpur, Provinz Punjab. Der Christ stand unter Blasphemieanklage, was in Pakistan bislang ungeachtet der Beweislage fast automatisch zu drakonischen Strafen bis hin zu Todesurteilen führte. Doch in diesem Fall sprach der zuständige Richter den Angeklagten zur Überraschung aller Beteiligten frei.

Fragwürdige Anklage

Zwei Männer im GesprächDer 56-jährige Masih arbeitete als Hausmeister an einer Schule. Im September 2011 besuchte er eine regelmäße Zusammenkunft von Muslimen in seinem Heimatdorf, die dort in lockerer Runde islamischen Liedern lauschen und Zeit miteinander verbringen. Der dafür genutzte ehemalige Hindutempel wird seit über 60 Jahren von der Familie Masih gepflegt und befindet sich auf einem Grundstück das seit Generationen in ihrem Besitz ist.

Barkat Masih kennt die beiden Männer, die an diesem Tag ein Streitgespräch mit ihm begannen: Muhammad Saleem und Muhammad Shoaib. Er schilderte die Begegnung gegenüber World Watch Monitor: "Sie behaupteten, ich hätte mich im Gespräch mit ihnen abfällig über den Propheten Mohammed geäußert. Ich habe gar nicht verstanden, was sie von mir wollten. Dann beschuldigten sie mich, schwarze Magie zu betreiben, obwohl ich – wie sie wussten – weder lesen noch schreiben kann. Schließlich vertrieben andere Besucher die beiden Streithähne."
Doch schon kurz darauf, am 1. Oktober 2012 verhaftete die Polizei den Christen aufgrund einer von diesen Männern gegen ihn erhobenen Blasphemieklage. (Symbolfoto Open Doors)

Gefängnis trotz offensichtlichem Unrecht

Laut Paragraph 295-C des pakistanischen Gesetzbuches ist das abfällige Reden über den islamischen Propheten Mohammed mit der Todesstrafe zu ahnden. Mit dieser Aussicht verbrachte der 56-Jährige die folgenden 16 Monate im Bezirksgefängnis von Bahawalpur, während seine Frau und ihre fünf Kinder in großer Ungewissheit im Dorf zurückblieben. Dort kam es zu Demonstrationen aufgebrachter Muslime, die von Masihs Inhaftierung gehört hatten.
Der erste mit dem Fall betraute Richter weigerte sich aus Angst um seine persönliche Sicherheit, die delikate Angelegenheit zu bearbeiten. Ein anderer Richter ordnete jedoch eine polizeiliche Untersuchung an, die das Naheliegende bestätigte: "25 Menschen haben schriftlich die Unschuld des Beklagten bezeugt und erklärt, die wahre Motivation der Kläger sei ihr Interesse an dem Grundbesitz der Familie Masih" – so der Bericht des Ermittlungsbeamten Shiraz Upal.

Richter mit Rückgrat

Am 28. Januar erschien der Anwalt der Kläger vor Gericht und sollte Belege für die Anklage vorlegen – die hatte er allerdings nicht. Daraufhin entschied Richter Chaudhry Jamil, das Verfahren einzustellen und sprach Barkat Masih frei.

"In all meinen Jahren als Rechtsanwalt habe ich noch nie erlebt, dass ein Richter in einem solchen Fall derartig mutig gehandelt hat!" Mit diesen Worten kommentierte Masihs Anwalt Allah Rakha die für alle Beteiligten absolut unerwartete Entscheidung. Er sei nach der Urteilsverkündung eine Zeitlang buchstäblich sprachlos gewesen. Nicht so die Anklagevertreter: Ihre wütenden und lautstarken Proteste veranlassten den Richter, sich zügig aus dem Gerichtssaal zurückziehen.
Üblicherweise delegieren Richter derartig brisante Fälle an höhere Instanzen, was für den Angeklagten langwierige und kräftezehrende Wartezeiten in Haft bedeutet. In mehr als einem Fall kam es während solcher Zeiten bereits zur Lynchjustiz durch aufgebrachte Extremisten.

Unerwartete Hoffnung für Christen

Einige Regierungsvertreter erklärten den überraschenden Ausgang des Falls mit dem Verweis auf das Verfahren gegen Rimsha Masih. Auch das 16-jährige Mädchen war im August 2012 der Blasphemie angeklagt, später jedoch wegen der offensichtlich fingierten Vorwürfe ebenfalls freigesprochen worden. "Rimshas Fall hat den Menschen in unserem Land die Augen für den Missbrauch der Blasphemiegesetze geöffnet", erklärte Napolean Qayyum, Mitglied der Minderheitenkommission der Pakistanischen Volkspartei (Pakistan People’s Party) gegenüber der Zeitung Pakistan Today. Auch Anwalt Allah Rakha drückte gegenüber World Watch Monitor die Hoffnung aus, dass Rimshas Fall der Beginn einer Zeitenwende im Blick auf die Blasphemiegesetze ist – wenngleich diese von weiten Teilen der pakistanischen Wählerschaft befürwortet werden. "Das oberste Gericht in Islamabad hat in seiner Urteilsbegründung bestätigt, dass die Blasphemiegesetze zum Austragen persönlicher Zwistigkeiten missbraucht werden und deshalb die Untersuchungsbehörden aufgefordert, derartig ernste Vorwürfe gründlich zu prüfen. 99 Prozent dieser Anklagen sind haltlos, und doch werden dadurch zahllose Menschen gezwungen, sich permanent zu verstecken, weil sie selbst im Fall eines Freispruches in Lebensgefahr schweben."

Die Zahlen der pakistanischen Kommission für Menschenrechte belegen diese traurige Wahrheit: In den letzten 20 Jahren gab es 647 Anklagen wegen Blasphemie, die Hälfte davon gegen Nicht-Muslime (zum Vergleich: 96% der Einwohner Pakistans folgen dem Islam). 20 Angeklagte erlebten ihre Gerichtsverhandlung nicht mehr. Auch Ahmad, der mutige Richter aus Bahawalpur, weiß, wie gefährlich es ist, den tiefverwurzelten Empfindsamkeiten seiner Landsleute im Bezug zum Islam entgegenzutreten. Er lasse sein Amt auf unbestimmte Zeit ruhen, weiß Allah Rakha zu berichten. Doch für den Anwalt sind die jüngsten Freisprüche trotzdem Anlass zu vorsichtigem Optimismus und Grund zu der Hoffnung, "dass am Ende schließlich die Gerechtigkeit siegen wird."

Ein neues Leben für Barkat Masih

Barkat Masih wird – genauso wie andere der Blasphemie Angeklagte – mit seiner Familie nicht wieder in seine Heimat zurückkehren können. Sie werden umziehen und an einem anderen Ort ein neues Leben beginnen müssen. In dem mit fast 170 Millionen Einwohnern zweitgrößten muslimischen Land stellen Christen eine kleine, bedrängte Minderheit dar, die in der Vergangenheit regelmäßig von Übergriffen betroffen war. Auf dem aktuellen Weltverfolgungsindex von Open Doors rangiert Pakistan an 13. Stelle.

*Namen aus Sicherheitsgründen ungenannt


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