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Verschärfter Druck auf Christen im Nordsudan

Interview: Was bedeutet die Unabhängigkeit für Christen im Nordsudan?

(Open Doors) – Anfang Januar dieses Jahres stimmten die Menschen im Südsudan ab: Sie wollen einen eigenen Staat und nicht mehr zum Norden des ostafrikanischen Landes gehören. Am kommenden Samstag, den 9. Juli, wird damit der Südsudan zum 54. Staat Afrikas. Die Beziehungen zwischen beiden Landesteilen sind seit Jahrzehnten konfliktreich. Es gibt hunderte von Ethnien, die wiederum eigene Stammes- und Sprachgruppen gebildet haben. Auch religiös ist es ein geteiltes Land: Während im animistisch-christlichen Süden Religionsfreiheit herrscht, gilt in nördlichen Bundesstaaten das islamische Recht. Schätzungsweise 20 Prozent Christen gibt es dort unter den 34 Millionen Einwohnern, so das Hilfswerk für verfolgte Christen Open Doors. Doch verlässliche Zahlen gibt es derzeit nicht. Inwiefern wird sich durch die Unabhängigkeit die Situation der Christen in Nordsudan ändern?

Dazu ein Interview mit Dr. Daniel Ottenberg, Referent für Menschenrechte bei Open Doors Deutschland e.V. (Kelkheim).

ein südsudanesischer Christ beim Gebet/Open DoorsIm Nordsudan leben Christen in 16 Bundesstaaten bereits unter dem islamischen Recht. Wird sich der Druck auf sie nach der Unabhängigkeit verschärfen?

Daniel Ottenberg: Die Lage ist noch recht unübersichtlich. Doch viele Christen befürchten weitere Einschränkungen ihrer Glaubensfreiheit. Bisher hatten sie beispielsweise in der Hauptstadt Khartum relative Freiheit. Sie konnten Gottesdienste feiern und auch über ihren Glauben sprechen. Dennoch versuchte die muslimische Regierung beständig, christliche Aktivitäten einzuschränken. Und je ländlicher die Region wird, desto stärker die Einschränkungen. Besonders hoch ist der Verfolgungsdruck durch Familien und Nachbarn auf Muslime, die Christen wurden. Vor Kurzem wurde ein Ehepaar in Khartum, beide ehemalige Muslime, in ihrer Wohnung von mehreren radikalen Muslimen angegriffen. Monate zuvor war das Paar aus ihrem Heimatort geflohen. Verwandte hatten die Beiden wegen ihres Glaubenswechsels massiv bedroht. Der eigene Bruder brach der Frau ein Bein und ihr Vater peitschte sie aus, weil sie Christin geworden war. Insgesamt wird erwartet, dass sich Gesellschaft und Kultur des Nordens weiter islamisieren. Der Druck auf Christen wird zunehmen, sich diesen Veränderungen anzupassen. Ihnen würden weniger Freiheiten zugestanden.

Viele Christen haben nach dem Referendum den Norden Richtung Süden verlassen. Warum?

Daniel Ottenberg: Viele der Christen, die jetzt in den Süden kommen, stammen ursprünglich aus diesem Landesteil und waren auf der Suche nach Arbeit in den Norden ausgewandert. Andere haben schlichtweg Angst vor der Zukunft: Bereits im Dezember 2010 hatte der sudanesische Präsident Omar al Bashir öffentlich angekündigt, dass im Falle einer Unabhängigkeit vom Süden die Scharia noch schärfer durchgesetzt werden würde. Sie gilt als wesentliche Quelle für Recht und Verfassung. Dann, so Bashir, würde man auf die Vielfalt der Kulturen und andere Ethnien keine Rücksicht mehr nehmen müssen. Dies ist eine beängstigende Drohung. Wenn man bedenkt, dass auf Apostasie, also dem Abfall vom Islam, nach islamischem Recht die Todesstrafe steht, wären Christen muslimischer Herkunft ihres Lebens nicht mehr sicher. Und auch Glaubensgespräche zwischen Christen und Muslime könnten leicht als Bekehrungsversuch eines Muslims verstanden und geahndet werden. Denn obwohl die Scharia eigentlich nur für Muslime gilt, würden auch Christen und andere Minderheiten ihr unterworfen.

Welche Hilfe brauchen die Christen jetzt?

Daniel Ottenberg: Vor allem die Gewissheit, von der Weltgemeinschaft nicht vergessen zu sein und insbesondere nicht von den Christen. Auf politischer Ebene bedeutet dies, weiterhin Druck auf die Regierung des Nordens auszuüben, die Rechte religiöser und anderer Minderheiten zu wahren. Doch das Wichtigste ist und bleibt der geistliche Beistand im Gebet. Christen im Sudan sollen sicher wissen, in Zeiten drohender Verfolgung nicht alleine zu sein, damit sie mit ihren Gemeinden gestärkt und in der Einheit vorangehen. So könnten Kirchengemeinden hierzulande beispielweise als Zeichen der Solidarität am kommenden Sonntag, also nach der Unabhängigkeitserklärung, über die Situation informieren und für die Glaubensgeschwister beten.

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