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Äthiopien Länderprofil

Äthiopien

Stand des Länderprofils: Januar 2017

Berichtszeitraum: 1. November 2015 – 31. Oktober 2016
Informationen zur gegenwärtigen Entwicklung des Landes entnehmen Sie unseren Aktuellen Meldungen.


Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung
Ausführliches Länderprofil
   1. Position auf dem Weltverfolgungsindex
   2. Triebkräfte der Verfolgung
   3. Aktuelle Einflüsse
   4. Betroffene Kategorien von Christen
   5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
   6. Ausblick
   7. Gebetsanliegen



Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

64 Punkte / Platz 22 (WVI 2016: 67 Punkte / Platz 18)

Triebkräfte der Verfolgung

Die fünf Triebkräfte der Verfolgung in Äthiopien sind „Islamische Unterdrückung“ und „Konfessioneller Protektionismus“ (Haupttriebkräfte) sowie „Ethnisch begründete Anfeindungen“, „Diktatorische Paranoia“ und „Säkulare Intoleranz“.

Aktuelle Einflüsse

Die Geschichte Äthiopiens ist seit langer Zeit sowohl vom Christentum als auch vom Islam geprägt. Im Laufe der Zeit haben beide Religionen versucht, ihren Einfluss auszuweiten. Zudem ist Äthiopien eine Stammesgesellschaft. Die Stämme sind dem christlichen Glauben gegenüber im Allgemeinen nicht wohlgesinnt, und in manchen Regionen wie Afar und Somali ist die Stammesidentität eng mit dem Islam verbunden. Darüber hinaus hat die herrschende Partei die Plattformen für Meinungs- und Versammlungsfreiheit geschlossen. Die Regierung versucht, alle religiösen Institutionen zu kontrollieren, in dem Bestreben, abweichende Meinungen zu unterbinden. Und schließlich gelingt es der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche (EOC) nicht, sich mit der wachsenden Anzahl sowohl von evangelischen Christen aus traditionellen Kirchen und protestantischen Freikirchen als auch reformorientierten Gruppierungen innerhalb der EOC zu versöhnen. Ultra-konservative EOC-Gruppierungen verwenden in ihren Magazinen, Zeitungen und auf ihren Webseiten hetzerisches Vokabular gegen Protestanten und Evangelikale. Sie werden mit Begriffen wie „Neulinge“, „Falsche Propheten“ oder „Menafikan“ (Leugner der Jungfrau Maria und der Heiligen) betitelt. Zudem ist es wichtig festzuhalten, dass das Land in den Jahren 2015 und 2016 von massiven Protesten und Gewalt geprägt war. Deshalb ist Äthiopien seit Oktober 2016 bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Profils im Ausnahmezustand.

Betroffene Kategorien von Christen

Drei der vier im WVI unterschiedenen Kategorien von Christen leben in Äthiopien und erleben Verfolgung in unterschiedlicher Intensität. Diese sind Christen aus traditionellen Kirchen, Christen muslimischer und animistischer Herkunft sowie Christen, die ihre Denomination gewechselt haben, und schließlich Christen aus protestantischen Freikirchen.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

  • Insgesamt ist der Druck auf Christen sehr groß, nahm aber im Vergleich zum WVI 2016 stark ab.
  • Am stärksten ist der Druck in den Bereichen „Leben im Staat“ und „kirchliches Leben“, die beide eine sehr hohe Punktzahl aufweisen. Dies ist hauptsächlich auf die Triebkraft Diktatorische Paranoia zurückzuführen.
  • Konfessioneller Protektionismus und Islamische Unterdrückung tragen am stärksten zu den Problemen von Christen in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“ und „Gesellschaftliches Leben“, die alle eine hohe Punktezahl aufweisen, bei.
  • Die Punktzahl im Bereich Gewalt ist seit dem WVI 2016 beträchtlich gestiegen.
  • Die Gesamtsituation der Christenverfolgung in Äthiopien ergibt sich aus dem Zusammenwirken aller fünf Triebkräfte und ist hauptsächlich ein Resultat der Auswirkungen von Islamischer Unterdrückung und Konfessionellem Protektionismus.

Ausblick

Seit Oktober 2016 befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Die Stabilität des Landes wird maßgeblich von der Reaktion der Bürger abhängen, wenn dieser aufgehoben wird. Unabhängig davon wird die Verfolgung von (vor allem protestantischen) Christen durch extremistische Muslime und konfessionelle Protektionisten sehr wahrscheinlich andauern.

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Ausführliches Länderprofil


1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 64 Punkten belegt Äthiopien Platz 22 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2017. 2016 nahm das Land mit 67 Punkten Platz 18 ein. Die Gesamtpunktzahl sank um 3 Punkte, was auf die Verringerung des Drucks auf Christen zurückzuführen ist, doch die Wertung für den Bereich Gewalt stieg an.

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2. Triebkräfte der Verfolgung

Die fünf Triebkräfte der Verfolgung in Äthiopien sind „Islamische Unterdrückung“ und „Konfessioneller Protektionismus“ (Haupttriebkräfte) sowie „Exklusives Stammesdenken“, „Diktatorische Paranoia“ und „Säkulare Intoleranz“. Diese fünf Triebkräfte bilden in ihrem Zusammenspiel eine komplexe Verfolgungsdynamik im Land.

Islamische Unterdrückung: Die Bevölkerung des Landes besteht zu ungefähr 63 Prozent aus Christen und zu 34 Prozent aus Muslimen. Letztere Gruppe dominiert die Regionen Afar und Somali und Teile der Region Oromia. Vor dem Hintergrund eines auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zunehmend extremistischen (oder politischen) Islam, hat die Gefährdung verschiedener Kategorien von Christen in fast allen Lebensbereichen zugenommen. Dies gilt besonders für die ländlichen Gebiete, welche von Muslimen dominiert werden. Die dort lebenden Christen werden von Muslimen drangsaliert, ihnen wird der Zugang zu kommunalen Versorgungseinrichtungen verwehrt und sie werden Opfer gewalttätiger Übergriffe. Christliche Konvertiten, wie Christen muslimischer Herkunft, werden geächtet und ihnen werden Familienrechte wie Erbrecht oder das Sorgerecht für ihre Kinder verwehrt. Wichtig ist auch zu beachten, dass der wachsende extremistische Islam in den Nachbarländern Somalia und dem Sudan auch auf Äthiopien übergreift.

Konfessioneller Protektionismus: Dies ist die zweite Haupttriebkraft der Christenverfolgung und geht von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche (EOC) aus. Viele Jahre lang hat die EOC Christen verfolgt, die sich von ihr abgewendet haben, um sich entweder den protestantischen Freikirchen oder einer der Erneuerungsbewegungen innerhalb der EOC anzuschließen. Diese Verfolgung nimmt verschiedene Formen an. Beispielsweise gibt es gewalttätige Übergriffe von Mitgliedern der EOC auf die reformierten Gruppierungen. Mitglieder der EOC nutzen zudem ihre Verbindungen zur Regierung, um die Entwicklung von nicht-orthodoxen Kirchen einzudämmen. Sie unterstützen beispielsweise auch die Regierung in der Verabschiedung von Gesetzen, welche die Ausdehnung des protestantischen Glaubens einschränken soll. So befreit zum Beispiel das Registrierungsgesetz einzig die Orthodoxe Kirche von der Pflicht einer Registrierung. Außerdem besitzt die EOC eine starke Medienpräsenz, die sie verwendet, um Protestanten und Unterstützer der Erneuerungsbewegungen zu dämonisieren.

Ethnisch begründete Anfeindungen: Im letzten Vierteljahrhundert hatte die ethnisch orientierte Politik große Auswirkungen auf alle Lebensbereiche im Land. Dieser politische Diskurs propagiert die Suche nach „Wurzeln und Identität“, was zu einer feindseligen Haltung Einzelner und ganzer Gruppierungen gegenüber Christen führte. Von 1974 bis 1991 befand sich das Land unter kommunistischer Herrschaft. Nach einem 17-jährigen Kampf mehrerer ethnischer Gruppen gegen die Regierung wurden die Kommunisten entmachtet. Den ethnischen Gruppen wurden 1991 im Rahmen der äthiopischen Übergangsverfassung – Statuten, die nach dem Fall des kommunistischen Regimes eingesetzt wurden – Anerkennung und Schutz ihrer eigenen Kultur und Identität zugesichert. Was anfangs politisch sinnvoll und richtig erschien, mündete schließlich in eine Ablehnung der Christen durch einige dieser ethnischen Gruppierungen. In Regionen wie Afar oder Somali sind Islam und Stammeszugehörigkeit untrennbar miteinander verbunden. Manche Stämme fordern von den Christen, sich an Kämpfen gegen andere Stämme zu beteiligen und bestrafen Verweigerung.

Diktatorische Paranoia: Die äthiopische Regierung wird immer autoritärer. Sie hat den Raum für die Zivilgesellschaft sowie für religiöse Institutionen geschlossen. Obwohl hochrangige Regierungsmitglieder, wie der Premierminister, Protestanten sind, ist die Regierung gegenüber Religion im Allgemeinen und Christen im Besonderen argwöhnisch. Zum einen ist die Regierung davon überzeugt, dass religiöse Gruppen die Menschen äußerst wirksam organisieren können, was Bedenken weckt, diese könnten durch ihre Aktivitäten theoretisch auch einen Umsturz herbeiführen. Zum anderen hält die Regierung Protestanten für gefährlich, insbesondere die Mitglieder protestantischer Freikirchen. Sie hegt den Verdacht, diese seien ausländische Spione, die einen Regimewechsel anstreben, obwohl es keinerlei Fakten gibt, die diesen Verdacht unterstützen würden. Zudem vermutet die Regierung, dass es in den Reihen der EOC eine erhebliche Anzahl von Leitern gibt, die Unterstützer der Oppositionsgruppen sind. Die Regierung hat Gesetze verabschiedet, die den Handlungsspielraum von religiösen Institutionen limitieren. „Freedom House“ stuft das Land in seinem Bericht 2016 als „nicht frei“ ein. Die Regierung rief aufgrund der anhaltenden Demonstrationen im Oktober 2016 den Ausnahmezustand aus. Im Allgemeinen hängt die Verfolgung von Christen durch die Regierung untrennbar mit Sicherung von deren Machterhalt zusammen.

Säkulare Intoleranz: Bis 1974 war die EOC Staatsreligion in Äthiopien. Als 1974 die kommunistische Militärjunta an die Macht kam, vertrieb sie die Religion aus dem öffentlichen Leben. Nach 17 Jahren Bürgerkrieg wurde das Regime 1991 von Rebellen verdrängt. Die Rebellengruppen formten anschließend eine Übergangsregierung. 1995 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. In Artikel 11 der Verfassung steht ausdrücklich: „Staat und Religion sind getrennt; es soll keine Staatsreligion geben; der Staat soll sich nicht in religiöse Angelegenheiten einmischen und die Religion soll sich nicht in staatliche Angelegenheiten einmischen.“ Dennoch traten einige Probleme auf. Ein Experte meinte dazu, es gebe „eine Spannung in der Umsetzung des Säkularismus in Äthiopien, die so weit geht, dass die Annahme, die säkularen Prinzipien würden die Religionsfreiheit untergraben, gerechtfertigt scheint. Das Verbot, Rundfunkprogramme für religiöse Zwecke auszustrahlen, wie auch das Verbot religiöser Aktivitäten in Bildungsinstitutionen schränken die Religionsfreiheit und die Freiheit, Religion zu lehren und zu predigen, ein.“

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3. Aktuelle Einflüsse

Äthiopien ist ein Land, in dem verschiedene Triebkräfte Druck auf Christen in allen Lebensbereichen ausüben. Der folgende Abschnitt gibt Hintergrundinformationen zu der Verfolgungssituation in Äthiopien.

Proteste und Ausnahmezustand – aktuelle Ereignisse: Im Berichtszeitraum des WVI 2017 wurde Äthiopien von zahlreichen politischen Turbulenzen heimgesucht. Auf die anhaltenden und massiven Demonstrationen, die besonders in der Region Oromia stattfanden, reagierte die Regierung mit Gewalt. Allerdings zielten Sicherheitskräfte nicht in besonderer Weise auf Christen und schienen unparteiisch vorzugehen, zumindest was die Religion der Demonstranten betraf. Einige Berichte sprachen von Angriffen auf Kirchen in einem mehrheitlich muslimischen Gebiet in Oromia. Jedoch waren die Anführer der Proteste schnell dabei, diese Angriffe zu verurteilen und riefen die Demonstranten dazu auf, sicherzustellen, dass die Proteste nicht zu religiösen Konflikten oder Spaltungen führen würden. An dem Konflikt in Oromia wurde einmal mehr deutlich, dass die ethnische Zugehörigkeit wichtiger ist als die religiöse. In der Amhara-Region waren die meisten Gebiete, in denen es zu Protesten und Unruhen kam, mehrheitlich koptisch-orthodox.

Historische Perspektive: Äthiopiens Geschichte ist seit langer Zeit sowohl vom Christentum als auch vom Islam geprägt. Im Lauf der Zeit haben beide Religionen versucht, ihren Einfluss auszuweiten und dabei manch blutige Schlacht geschlagen, in welche auch ausländische Akteure wie die Türkei, Portugal und Ägypten involviert waren. Außerdem leben in Äthiopien viele Stämme. Sie sind dem christlichen Glauben gegenüber im Allgemeinen nicht wohlgesinnt und in manchen Regionen wie Afar und Somali ist ihre Identität mit dem Islam verbunden. Zudem hat die herrschende Partei die Plattformen für Meinungs- und Versammlungsfreiheit geschlossen und versucht, alle religiösen Institutionen zu kontrollieren, mit dem Bestreben, Meinungsverschiedenheiten zu unterbinden. 2009 erließ die Regierung ein Gesetz, das die Religions-, Vereinigungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit einschränkt. Christlichen Wohlfahrtsorganisationen ist es nun verboten, Gelder aus dem Ausland für Menschenrechtsangelegenheiten, Konfliktlösung und demokratiebezogene Themen zu erhalten. Die regierende Partei sicherte ihren Machterhalt durch die Behauptung, bei den Wahlen im Mai 2015 100 Prozent der Sitze im Parlament gewonnen zu haben. Es scheint, als habe Premierminister Hailemariam Desalegn alle Aufrufe der internationalen Gemeinschaft zu Reformen, wie etwa der Zivilgesellschaft, der Pressefreiheit etc. mehr Raum zu gewähren, ignoriert. Infolge der Proteste und der Gewalt, von denen das Land 2015 und 2016 erschüttert wurde, löste der Premierminister das Kabinett auf. Viele Investoren haben das Land wegen der herrschenden Unsicherheit verlassen. Dennoch bleibt Äthiopien ein Hauptempfänger der internationalen Hilfsprogramme.

Entwicklungen in der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche (EOC): Immer noch geht die EOC gezielt gegen Protestanten und reformorientierte Gruppen innerhalb der EOC selbst vor. Dies geschieht vor allem durch fanatische Untergruppen der EOC. In ihren Magazinen und Zeitungen sowie auf ihren Webseiten verwenden sie hetzerisches Vokabular gegen Protestanten und Evangelikale. Mit Begriffen wie „Neulinge“, „Falsche Propheten“ oder „Menafikan“ (Leugner der Jungfrau Maria und der Heiligen) stellen sie Protestanten als Ungläubige bzw. Abweichler dar. Man nimmt an, dass die protestantische Gemeinschaft im Land jährlich um 6,7% wächst. Um einen Bezug herzustellen: Laut der Volkszählung von 1994 machten Christen ca. 61,6% der Bevölkerung aus, Muslime 32,8% und Animisten 4,6%. In dieser Zeit machten die äthiopisch-orthodoxen Christen die Hälfte der Bevölkerung aus, Protestanten lediglich 10%. Bei einer Zählung 2007 ergab sich, dass nun lediglich 43,5% der Bevölkerung orthodoxe Kirchgänger waren, Protestanten 18,6% und Muslime 33,9%. Dieser rasche demografische Wandel hat Feindseligkeiten gegenüber den Protestanten vonseiten der EOC und der Muslime hervorgerufen. Die meisten Protestanten kommen aus der EOC.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

In Äthiopien leben drei Kategorien von Christen:

Christen aus traditionellen Kirchen: Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche (EOC) ist dafür ein typisches Beispiel. Sie ist im Land stark vertreten. An ihr lässt sich die Komplexität der Verfolgungsdynamik gut aufzeigen, denn sie ist selbst von Verfolgung betroffen und spielt gleichzeitig eine maßgebliche Rolle als Verfolger. Christen aus dieser Kategorie erfahren Verfolgung durch die Regierung und islamische Extremisten. Auch in Stammesgebieten ist der Druck auf EOC-Mitglieder hoch.

Christen muslimischer und animistischer Herkunft sowie Christen, die ihre Denomination gewechselt haben: Letztere sind Christen, die aus traditionellen Kirchen wie der EOC stammen und sich anderen christlichen Glaubensrichtungen zugewandt haben. All diese christlichen Konvertiten erleben in Äthiopien Verfolgung durch verschiedene Triebkräfte. In vorrangig muslimischen Landesteilen werden Christen muslimischer Herkunft von Mitgliedern ihrer Familie oder Großfamilie sowie durch Dorfälteste und andere Leiter, wie etwa Leiter nicht-christlicher Religionsgemeinschaften, bedrängt. In von der EOC geprägten Regionen geht die Verfolgung von der EOC aus. In allen Landesteilen ist aber auch die Verfolgung durch die Regierung spürbar. In Gebieten, in denen Ethnisch begründete Anfeindungen dominieren, können Konvertiten Verfolgung vonseiten der Anhänger der traditionellen Glaubenssysteme erfahren und von Muslimen, die versuchen, sie zur Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten zu zwingen.

Christen aus protestantischen Freikirchen: Hierzu zählen beispielsweise evangelikale und Pfingstgemeinden. Diese Kategorie von Christen ist im Land stark vertreten. Sie erleiden vielfältige Verfolgung durch die Regierung, die EOC und den Islam. Diese Gruppe der Protestanten wächst im Vergleich zu anderen Kirchen zahlenmäßig sehr schnell.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Grafik: Verfolgungsmuster Äthiopien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenspiel der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster Äthiopien:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen blieb sehr groß (11,003), ließ aber im Vergleich zu der Wertung des WVI 2016 (11,987) nach.
  • Am stärksten ist der Druck in den Bereichen Leben im Staat (12,004) und kirchliches Leben (11,719). Dies ist charakteristisch für ein Land, in dem Diktatorische Paranoia herrscht.
  • In mehrheitlich muslimischen Gebieten ist die Verfolgung in den Bereichen Privatleben und Familienleben am stärksten und betrifft vor allem Christen muslimischer Herkunft. Dies ist auf die Triebkraft Islamische Unterdrückung zurückzuführen.
  • Die Wertung für den Bereich Gewalt stieg von 7,037 aus dem Berichtszeitraum des WVI 2016 auf 9,260.
  • Die Gesamtsituation der Christenverfolgung in Äthiopien kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Obwohl der Druck auf Christen nachgelassen hat, ist die Gewalt, die aus den Triebkräften Islamische Unterdrückung und Konfessioneller Protektionismus resultiert, besorgniserregend stark angestiegen.

Privatleben: In diesem Lebensbereich sind Christen muslimischer Herkunft sowie Christen, welche die EOC verlassen haben, am stärksten betroffen. Christliche Konvertiten erfahren Widerstand und werden häufig von Familie und Gemeinschaft geächtet. Eltern, Familienmitglieder, Verwandte oder sogar andere Dorfbewohner zeigen zumindest eine gewisse Form von Widerstand. Der Besitz christlicher Materialien, Zugang zu christlichen Medien und selbst das Zusammentreffen mit anderen Christen erweisen sich als problematisch. Wenn ein Christ orthodoxen Hintergrunds die EOC verlässt und sich einer protestantischen Gruppe anschließt (vor Ort werden diese Pentay genannt), werden Familienmitglieder, Priester und fanatische Gruppierungen der EOC diese Person verfolgen. Manchmal werden die betreffenden Personen sogar gezwungen, Weihwasser zu trinken, da angenommen wird, sie seien von einem Dämon besessen.

Familienleben: Auch in diesem Bereich sind christliche Konvertiten auf besondere Weise von verschiedenen Formen von Verfolgung betroffen. Im Todesfall wird nicht-äthiopisch-orthodoxen Christen sowohl in muslimisch dominierten Regionen als auch in EOC-dominierten Regionen häufig ein Platz auf dem Friedhof verweigert. In den muslimischen Regionen müssen christliche Kinder islamische Schulen besuchen. In vielen Teilen des Landes werden Kinder christlicher Eltern zudem wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert.

Gesellschaftliches Leben: In einer auf die dörfliche Gemeinschaft orientierten Gesellschaft wie Äthiopien spielen religiöse Unterschiede in vielerlei Hinsicht eine entscheidende Rolle. In von der EOC geprägten Regionen üben Familie, Kommune und Kirchenleiter erheblichen Druck auf Anhänger protestantischer Freikirchen und auf Christen, die die EOC verlassen haben, aus. Den Christen mit muslimischem Hintergrund wird vonseiten der Imame, Madrassa-Lehrer und öffentlichen Leitungsverantwortlichen das Leben schwer gemacht. Mancherorts wird Christen die Nutzung kommunaler Versorgungseinrichtungen verwehrt. In anderen Gegenden werden Christen bewusst überwacht und an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert. Häufig erfahren sie, dass die Gesellschaft sie als ungewollte Gruppe betrachtet. Manchmal wird Christen, besonders christlichen Konvertiten, in der Erntezeit jegliche Hilfe verweigert, während sich andere Dorfbewohner gegenseitig beim Einholen der Ernte unterstützen.

Leben im Staat: In diesem Bereich wurde die höchste Punktzahl (12,004) verzeichnet, was auch einen massiven Einfluss auf die anderen Lebensbereiche hat. Ist eine Regierung tolerant, offen, transparent und demokratisch, spiegelt sich dies oft auch in einer toleranten und offenen Gesellschaft wider. Ist jedoch das Gegenteil der Fall, findet sich häufig auch in allen Gesellschaftsschichten Feindseligkeit gegenüber Diversität. Auf staatlicher Ebene will die äthiopische Regierung unter allen Umständen jeden Bereich der Gesellschaft kontrollieren. Religionsfreiheit wird konsequent durch entsprechende Gesetzgebung im Bereich der Zivilgesellschaft, die die Meinungs- und Versammlungsfreiheit einschränken, unterdrückt. Sicherheits- und Verwaltungsauflagen werden als Grund genutzt, um missionarische Aktivitäten im Land zu verhindern. Berichten zufolge sind Regierungsbehörden auch nachlässig in der Strafverfolgung von Gewalttaten gegen Christen. Im Berichtszeitraum rief die Regierung zum ersten Mal seit 25 Jahren den Ausnahmezustand aus, was auch Auswirkungen auf christliche Gemeinden hat, für die es nun schwieriger ist, sich in der Öffentlichkeit zu versammeln und die manchmal sogar starken Druck erfahren, umfassende Selbstzensur zu üben, um sich keiner Aussage schuldig zu machen, die den weitreichenden und vieldeutigen Ausnahmezustand verletzen könnte. Die nationalen Gesetze schränken auch die Ausstrahlung von religiösen Inhalten im Rundfunk ein. Außerdem wurde ein Verbot religiöser Veranstaltungen, einschließlich Gebetsgruppen, in Bildungseinrichtungen verhängt.

Kirchliches Leben: In diesem Bereich nimmt der Druck viele unterschiedliche Formen an: Zum einen ist es schwierig, Religionsgemeinschaften zu registrieren. Muslimische Gemeinschaften und die EOC unterliegen dieser Anforderung nicht, doch für andere christliche Gemeinschaften ist eine Registrierung die Voraussetzung, um legal tätig zu werden. Zum anderen beobachten Beamte mit Beziehungen zur EOC andere christliche Gemeinschaften und nutzen ihre Stellung, um diesen ihre Registrierungsbescheinigung zu verwehren. In muslimischen Regionen kann es riskant sein, sich öffentlich gegen Verfolger zu stellen, weshalb Gemeindeleiter Verfolger meist nicht öffentlich verurteilen. Aus Angst vor Übergriffen verstecken zudem viele Christen muslimischer Herkunft aus vorwiegend muslimischen Regionen ihren Glauben und wagen es oft nicht einmal, eine Kirche zu besuchen.

Auftreten von Gewalt: Das oben angeführte Verfolgungsmuster zeigt, dass die Wertung für den Bereich Gewalt im Berichtszeitraum des WVI 2017 um mehr als 2 Punkte angestiegen ist. Es wurden mehr als 100 Übergriffe gegen Christen verzeichnet, darunter Gefängnisstrafen, Mord, physische Gewalt sowie Angriffe auf Geschäfte. Dahinter stehen in erster Linie Islamische Unterdrückung und Konfessioneller Protektionismus. Kirchengebäude wurden angegriffen und einige christliche Familien wurden vertrieben.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Äthiopien steht am Scheideweg. Die landesweiten Proteste und Demonstrationen, die nun seit mehr als einem Jahr andauern, haben die Regierung dazu veranlasst, zum ersten Mal seit 1991 den Ausnahmezustand auszurufen. Davon abgesehen hängt die Zukunft der Kirche Äthiopiens von folgenden Faktoren ab: Erstens spielen die seit vielen Jahren bestehende strukturelle Vetternwirtschaft und offene Diskriminierung eine große Rolle (wie z.B. die Begünstigung der EOC). Zweitens ist die Verfolgungssituation in Äthiopien davon geprägt, dass die Regierung geschickt eine Gruppe gegen die andere ausspielt, um ihre politische Macht zu erhalten. So werden Angriffe auf Kirchengebäude und Gewalt gegen Christen von der Regierung häufig nicht geahndet (Politik der Beschwichtigung). Drittens schwächt der Konflikt zwischen den unterschiedlichen christlichen Kirchen die Gemeinschaft der Christen und verhindert ein gemeinsames Aufstehen gegen Verfolgung. Heftigste diesbezügliche Vorwürfe seitens der EOC gegenüber den Protestanten zeigen dies deutlich.

Äthiopien liegt am Horn von Afrika – einer der unberechenbarsten Regionen des Kontinents. Der Zustrom von Somaliern hat starke Auswirkungen auf die Christen in Äthiopien, denn mit mehr als fünf Millionen Somaliern ist Äthiopien das Land mit der größten somalischen Gemeinschaft außerhalb Somalias. Die beiden Länder teilen eine lange, sehr durchlässige Grenze. Somalias militante Islamisten stellen gerne heraus, dass Äthiopien ein christliches Land sei und daher historisch betrachtet als Feind gelte. Diese Einschätzung unterstrich einer ihrer Anführer, als er Somalia aufgrund Äthiopiens militärischen Vorgehens gegen die Al Shabaab-Miliz in Somalia als „ein muslimisches, arabisches Land, das von dem christlichen Land Äthiopien überfallen wurde“ bezeichnete. Dabei ist zu beachten, dass Al Shabaab Äthiopien mehrfach mit Angriffen gedroht hat. Ohne eine entscheidende Schwächung der von Al Shabaab-Miliz stehen Äthiopien in den nächsten Jahren möglicherweise ähnliche Angriffe wie die in Kenia bevor.

In der Zukunft des Landes zeichnen sich daher folgende Entwicklungen ab:

  1. Die Verfolgung der Christen (insbesondere von Protestanten) wird von extremistischen Muslimen und aus den Reihen fanatischer Gruppierungen innerhalb der EOC vorangetrieben werden.
  2. Islamische Unterdrückung wird weiter zunehmen und zukünftig eine Gefahr für den Staat und die Christen darstellen.
  3. Seit Oktober 2016 befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Die Stabilität des Landes hängt maßgeblich davon ab, wie die Zivilbevölkerung reagieren wird, wenn der Ausnahmezustand aufgehoben wird.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Äthiopien:

  • Die Regierung hat die Bereiche, in denen religiöse Institutionen aktiv werden können, eingeschränkt. Bitte beten Sie für eine größere Freiheit für die Gemeinden und dass sie in der Lage sind, positive Beziehungen zur Regierung aufzubauen.
  • Beten Sie um Einheit innerhalb des Leibes Christi. Leider gibt es viele Meinungsverschiedenheiten zwischen den Denominationen.
  • Verfolgung im Familienumfeld und im gesellschaftlichen Leben ist Alltag. In vielen Fällen wird Christen der Zugriff auf gemeinschaftliche Ressourcen verweigert und sie werden auf der Suche nach Arbeit diskriminiert. Bitte beten Sie, dass Jesus für die Christen in Äthiopien sorgt.

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