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Äthiopien Länderprofil

Äthiopien

Stand des Länderprofils: Januar 2016

Berichtszeitraum: 1. November 2014 bis 31. Oktober 2015
Informationen zur gegenwärtigen Entwicklung des Landes entnehmen Sie unseren Aktuellen Meldungen.

 

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung
1. Position auf dem Weltverfolgungsindex
2. Triebkräfte von Verfolgung
3. Aktuelle Einflüsse
4. Betroffene Kategorien von Christen
5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
6. Ausblick
7. Gebetsanliegen

 

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex: Mit einer Wertung von 67 Punkten belegt Äthiopien den 18. Platz auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2016. Im WVI 2015 belegte Äthiopien den 22. Platz mit einer Punktzahl von 61 Punkten.

Triebkräfte von Verfolgung: Die Haupttriebkräfte der Christenverfolgung in Äthiopien sind „Islamischer Extremismus“, „Konfessioneller Protektionismus“, „Exklusives Stammesdenken“ und „Diktatorische Paranoia“. Der durchschnittliche Wert der Verfolgung über alle Lebensbereiche hinweg ist im Gegensatz zum Vorjahr deutlich angestiegen. Der Wert für das Auftreten von Gewalt ist niedriger als im Vorjahr aber immer noch hoch. Die Kombination der unterschiedlichen Triebkräfte der Verfolgung hat zu einem allmählichen Anstieg des Verfolgungsdrucks geführt. Die Verfolgung ist dabei im Bereich „Privatleben“ am stärksten. Die Lebensbereiche „Gesellschaftliches Leben“ und „Kirchliches Leben“ befinden sich jedoch auch über dem Durchschnitt.

Aktuelle Einflüsse: Die Geschichte Äthiopiens ist seit langer Zeit vom Christentum und dem Islam geprägt. Im Laufe der Zeit haben beide Religionen versucht, ihren Einfluss auszuweiten. Zudem ist Äthiopien eine Stammesgesellschaft. Die Stämme sind dem christlichen Glauben gegenüber im Allgemeinen nicht wohlgesonnen, in manchen Regionen wie Afar und in der somalischen Region sind sie mit dem Islam verbunden. Darüber hinaus hat die herrschende Partei die Plattformen für Meinungs- und Versammlungsfreiheit geschlossen und versucht, alle religiösen Institutionen zu kontrollieren, auch um Meinungsverschiedenheiten keinen Raum zu geben. Und schließlich gelingt es der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche (EOC) nicht, sich mit der wachsenden Anzahl sowohl von evangelischen Christen aus traditionellen Kirchen und protestantischen Freikirchen als auch reformorientierten Gruppierungen innerhalb der EOC zu versöhnen. Fanatische EOC-Gruppierungen verwenden in ihren Magazinen und Zeitungen sowie auf ihren Webseiten hetzerisches Vokabular gegen Protestanten und Evangelikale. Sie werden mit Begriffen wie „Neulinge", „Falsche Propheten" oder „Menafikan" (Leugner der Jungfrau Maria und der Heiligen) betitelt.

Betroffene Kategorien von Christen: Alle historischen Kirchen und Gemeinschaften von protestantischen Freikirchen als auch Konvertiten erfahren Verfolgung. Mit Konvertiten sind Christen muslimischer Herkunft gemeint sowie Christen, die aus traditionellen Kirchen wie der EOC stammen und sich anderen Glaubensrichtungen zugewandt haben; auch ehemalige Anhänger von Naturreligionen fallen unter diesen Begriff.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt: Die Verfolgung in Äthiopien geht von vier Triebkräften aus: Islamischem Extremismus, Konfessionellem Protektionismus, Exklusivem Stammesdenken und Diktatorischer Paranoia. Die durchschnittliche Wertung für den Druck auf Christen ist erheblich höher als im letzten Jahr. Die Punktzahl für das „Auftreten von Gewalt“ ist niedriger, aber immer noch ziemlich hoch. Die Kombination der Triebkräfte von Verfolgung hat zur einem stufenweise ansteigenden Verfolgungsdruck geführt. Am stärksten ist der Verfolgungsdruck im Bereich „Privatleben“. Die Wertungen für „Gesellschaftliches Leben“ und „Kirchliches Leben“ liegen ebenfalls über dem Durchschnitt.

Ausblick: Die Verfolgung der Christen (insbesondere Protestanten) wird vom Islamischen Extremismus und dem Konfessionellen Protektionismus vorangetrieben.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 67 Punkten belegt Äthiopien Platz 18 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2016. Im Jahr 2015 nahm Äthiopien mit 61 Punkten Rang 22 ein. Dies reflektiert den zunehmenden Druck auf Christen in allen Lebensbereichen.

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2. Triebkräfte von Verfolgung

Die fünf Triebkräfte der Christenverfolgung in Äthiopien sind derzeit „Islamischer Extremismus“ und „Konfessioneller Protektionismus“ als Haupttriebkräfte. In einem geringeren Maß findet sich „Exklusives Stammesdenken“, „Totalitäre Paranoia“ und „Säkulare Intoleranz“. Diese fünf Triebkräfte der Christenverfolgung schaffen eine komplexe Verfolgungssituation im Land.

Islamischer Extremismus: Die Bevölkerung des Landes besteht zu ungefähr 63 Prozent aus Christen und zu 34 Prozent aus Muslimen. Letztere Gruppe dominiert die Regionen Afar und Somali und Teile des Oromo-Gebiets. Vor dem Hintergrund eines auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene zunehmend extremistischen (oder politischen) Islam, hat die Gefährdung aller Kategorien von Christen in sämtlichen Lebensbereichen zugenommen. Dies gilt besonders für die östlichen und südlich-zentralen Landesteile, welche von Muslimen dominiert werden. Die dort lebenden Christen werden von Muslimen drangsaliert und aus der Gemeinschaft ausgegrenzt; der Zugang zu kommunalen Versorgungseinrichtungen wird ihnen verwehrt. Hinzu kommen gewaltsame Übergriffe gegen Christen. Wichtig zu beachten ist der Einfluss der Situation in Somalia und dem Sudan, zwei Länder in denen der extremistische Islam heranwächst, auf Äthiopien.

Konfessioneller Protektionismus: Dies ist die zweite Haupttriebkraft der Christenverfolgung. Viele Jahre lang hat die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche (EOC) Christen verfolgt, die sich von ihr abgewendet haben, um sich entweder den protestantischen Freikirchen oder einer der Erneuerungsbewegungen innerhalb der EOC anzuschließen. Diese Verfolgung zeigt sich in vielerlei Hinsicht. Beispielsweise greifen Mitglieder der EOC die reformierten Gruppierungen innerhalb der EOC oftmals an. Die Mitglieder der EOC nutzen zudem ihre Verbindungen zur Regierung, um die Entwicklung von nicht-orthodoxen Kirchen einzudämmen. Sie unterstützen beispielsweise auch die Regierung in der Verabschiedung von Gesetzen, die die Ausdehnung des protestantischen Glaubens einschränken soll. So befreit zum Beispiel das Registrierungsgesetz einzig die Orthodoxe Kirche von einer Registrierung.

Exklusives Stammesdenken: Seit 1991 ist „Identität" ein großes politisches Thema, das alle Lebensbereiche im Land betrifft. Dabei geht es um einen politischen Diskurs, der sich mit Kultur, Sprache und der Geschichte der Stämme auseinandersetzt. Die Suche nach „Wurzeln und Identität" führte zu einer feindseligen Haltung Einzelner und ganzer Gruppierungen gegenüber Christen. Bis 1974 bestimmte die EOC die Staatsreligion. Von 1974 bis 1991 kam das Land unter kommunistische Herrschaft. Nach 17-jährigem Kampf mehrerer ethnischer Gruppen gegen die Regierung wurden die Kommunisten entmachtet. Den ethnischen Gruppen wurden 1991 im Rahmen der äthiopischen Übergangsverfassung – Statuten, die nach dem Fall des kommunistischen Regimes eingesetzt wurden – Anerkennung und Schutz ihrer eigenen Kultur und Identität zugesichert. Was anfangs politisch sinnvoll und richtig erschien, mündete schließlich in eine Ablehnung der Christen durch einige dieser ethnischen Gruppierungen. Der Stamm der Oromo beispielsweise will seinen traditionellen Glauben „Wakefeta" erhalten. Wakefeta ist gleichzeitig Kultur und Religion. Manche Stämme fordern von den Christen, sich an Kämpfen gegen andere Stämme zu beteiligen und bestrafen Verweigerung. In anderen Regionen wie Afar oder der Somali-Region sind Religion und Stammeszugehörigkeit so eng miteinander verflochten, dass das Verlassen des Islam gleichbedeutend mit dem Verlassen des Stammes ist.

Diktatorische Paranoia: Diese Triebkraft von Verfolgung gewinnt stetig an Bedeutung. Obwohl hochrangige Regierungsmitglieder wie der Sprecher des Repräsentantenhauses und der Premierminister Protestanten sind, ist die Regierung gegenüber Religion im Allgemeinen und Christen im Besonderen argwöhnisch. Zum einen ist die Regierung davon überzeugt, dass jede Religion die Menschen wirksamer organisieren und miteinander verbinden kann, als jeder Demagoge. Würden derart organisierte Gruppen gegen die Regierung aufgewiegelt, wäre die Gefahr eines Umsturzes sehr groß. Zum anderen hält die Regierung die Protestanten für gefährlich, insbesondere die Mitglieder protestantischer Freikirchen. Sie hegt den Verdacht, hinter den Gemeinden stünden vom Ausland gesteuerte Kräfte, die einen Regimewechsel anstreben. Zudem vermutet die Regierung in den Reihen der EOC eine ansehnliche Anzahl von Leitern, die Unterstützer der Oppositionsgruppen sind. Die Regierung hat Gesetze verabschiedet, die den Handlungsspielraum von religiösen Institutionen limitieren. Auf dem Pressefreiheitsindex liegt Äthiopien auf Platz 142 von 180 und im Bericht von Freedom House 2015 wird das Land als „nicht frei“ eingestuft. Im Allgemeinen hängt die Verfolgung von Christen durch die Regierung untrennbar mit der Frage zusammen, wer die Macht hat.

Säkulare Intoleranz: Bis 1974 war die EOC Staatsreligion in Äthiopien. Als 1974 die kommunistische Militärjunta an die Macht kam, vertrieben sie die Religion aus dem öffentlichen Leben. Nach 17 Jahren Bürgerkrieg wurde das Regime 1991 von Rebellen verdrängt. Die Rebellengruppen formten anschließend eine Übergangsregierung. 1995 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. In Artikel 11 der Verfassung steht ausdrücklich: „Staat und Religion sind getrennt; es soll keine Staatsreligion geben; der Staat soll sich nicht in religiöse Angelegenheiten einmischen und die Religion soll sich nicht in staatliche Angelegenheiten einmischen.“ Dennoch traten einige Probleme auf. Verfassungsrechtler glauben, dass „es eine Spannung zwischen der Implementierung des Säkularismus in Äthiopien und dem Ausmaß der Durchsetzung dieser säkularen Prinzipien, welche die Religionsfreiheit untergraben, gibt. Das Verbot der Etablierung von Rundfunkprogrammen für religiöse Zwecke, wie auch das Verbot religiöser Aktivitäten in Bildungsinstitutionen schränken die Religionsfreiheit und die Freiheit, Religion zu lehren und zu predigen, ein.“

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3. Aktuelle Einflüsse

Äthiopien ist ein Land, in dem verschiedene Triebkräfte von Verfolgung in allen Lebensbereichen Druck auf Christen ausüben. Verfolgung geschieht hier nicht lautstark, sondern Christen leiden im Stillen. Die folgenden Punkte sollen helfen, die Verfolgungssituation in Äthiopien besser zu verstehen.

Erstens ist Äthiopiens Geschichte seit langer Zeit vom Christentum und dem Islam geprägt. Im Lauf der Zeit haben beide Religionen versucht, ihren Einfluss auszuweiten und dabei manch blutige Schlacht geschlagen, in welche auch ausländische Akteure wie die Türkei, Portugal und Ägypten involviert waren. Zweitens leben in Äthiopien viele Stämme. Sie sind dem christlichen Glauben gegenüber im Allgemeinen nicht wohlgesonnen und in manchen Regionen wie Afar und Somali sind sie mit dem Islam verbunden. Drittens hat die herrschende Partei die Plattformen für Meinungs- und Versammlungsfreiheit geschlossen und versucht, alle religiösen Institutionen zu kontrollieren, auch um Meinungsverschiedenheiten keinen Raum zu geben. 2009 erließ die Regierung ein Gesetz, dass die Religions-, Vereinigungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit einschränkt. Christlichen Wohltätigkeitsverbänden ist es nun verboten, Gelder aus dem Ausland für Menschenrechtsangelegenheiten, Konfliktlösungen und demokratiebezogene Themen zu erhalten. Die regierende Partei festigte ihren Zugriff auf die Macht durch die Behauptung, bei den Wahlen im Mai 2015 100 Prozent der Sitze im Parlament gewonnen zu haben. Es scheint, als habe Premierminister Hailemariam Desalegn alle Aufrufe der internationalen Gemeinschaft nach Reformen, wie etwa der Zivilgesellschaft, der Pressefreiheit, etc. mehr Raum zu gewähren, ignoriert. Ungeachtet dessen bleibt Äthiopien ein Hauptempfänger der internationalen Hilfsprogramme.

Als vierter Punkt taucht erneut die EOC auf, welche gezielt gegen Protestanten und reformorientierte Gruppen innerhalb der EOC selbst vorgeht. Dies geschieht vor allem durch fanatistische Untergruppen der EOC. In ihren Magazinen und Zeitungen sowie auf ihren Webseiten verwenden sie hetzerisches Vokabular gegen Protestanten und Evangelikale. Mit Begriffen wie „Neulinge", „Falsche Propheten" oder „Menafikan" (Leugner der Jungfrau Maria und der Heiligen) stellen sie Protestanten als Ungläubige bzw. Abweichler dar. Man nimmt an, dass die protestantische Gemeinschaft im Land jährlich um 6,7 Prozent wächst. Um einen Bezug herzustellen: Laut der Volkszählung von 1994 machten Christen ca. 61,6% der Bevölkerung aus, Muslime 32,8%, Animisten 4,6% und Katholiken 0,9%. In dieser Zeit machten die äthiopisch-orthodoxen Christen die Hälfte der Bevölkerung aus, Protestanten lediglich 10%. Bei einer Zählung 2007 ergab sich, dass orthodoxe Kirchengänger nun lediglich 43,5% der Bevölkerung ausmachten, Protestanten 18,6% und Muslime 33,9%. Dieser rasche demografische Wandel hat Feindseligkeiten gegenüber den Protestanten vonseiten der EOC und der Muslime hervorgerufen. Die meisten Protestanten kommen jedoch aus der EOC.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

In Äthiopien gibt es drei Kategorien von Christen:

Angehörige historisch gewachsener Kirchen: Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche (EOC) ist dafür ein typisches Beispiel. Sie ist im Land stark vertreten. An ihr lässt sich die Komplexität der Verfolgungsdynamik gut aufzeigen, denn sie ist selbst von Verfolgung betroffen und spielt gleichzeitig eine maßgebliche Rolle als Verfolger. Christen dieser Kategorie erfahren Verfolgung durch die Regierung und islamische Extremisten. Auch in Stammesgebieten ist der Druck auf EOC-Mitglieder hoch.

Christliche Konvertiten: Gemeint sind Christen muslimischer Herkunft sowie Christen, die aus traditionellen Kirchen wie der EOC stammen und sich anderen Glaubensrichtungen zugewandt haben; auch ehemalige Anhänger von Naturreligionen fallen unter diesen Begriff. Konvertiten erleben in Äthiopien Verfolgung durch verschiedene Triebkräfte. In vorrangig muslimischen Landesteilen werden Christen muslimischer Herkunft von Mitgliedern ihrer Familie oder Großfamilie bedrängt, außerdem durch Dorfälteste und andere Leiter, wie etwa Leiter nicht-christlicher Religionsgemeinschaften. In von der EOC geprägten Regionen geht die Verfolgung von der EOC aus. In allen Landesteilen ist aber auch die Verfolgung durch die Regierung spürbar. In Gebieten, in denen Exklusives Stammesdenken dominiert, können Konvertiten Verfolgung von Seiten der Anhänger der traditionellen Glaubenssysteme erfahren und von Muslimen, die versuchen, sie zur Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten zu zwingen.

Mitglieder von protestantischen Freikirchen (z.B. Evangelikale und Pfingstgemeinden): Diese Kategorie von Christen ist im Land stark vertreten. Sie erleiden vielfältige Verfolgung durch die Regierung, die EOC und den Islam. Diese Gruppe der Protestanten wächst im Vergleich zu anderen Kirchen zahlenmäßig sehr schnell.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Erläuterung zum Verfolgungsmuster: Das Verfolgungsmuster für Äthiopien zeigt die Werte für Islamischen Extremismus, Konfessionellen Protektionismus, Exklusives Stammesdenken und Diktatorische Paranoia. Der Durchschnittswert der ersten fünf Blöcke (11,987) zeigt, dass der Druck auf Christen signifikant höher ist als im vergangenen Jahr (10,539). Der höchste Anstieg ist im „Leben im Staat“ und im „Gesellschaftlichen Leben“ zu vermerken. Gefolgt vom „Kirchlichen, Privat- und Familienleben“. Der Wert für „Gewalt“ ist zwar niedriger, bleibt aber weiter relativ hoch: von 8,704 (WVI 2015) auf 7,037. Dies lässt vermuten, dass der kombinierte Effekt der vier Triebkräfte zu einer allmählichen Zunahme von Verfolgung geführt hat. Wie das unten stehende Verfolgungsmuster zeigt, ist der Verfolgungsdruck im Bereich „Privatleben“ am stärksten. Die Wertungen für „Gesellschaftliches Leben“ und „Kirchliches Leben“ liegen ebenfalls über dem Durchschnitt.

(Bitte beachten Sie: Die oberen Zahlen zeigen drei Dezimalstellen an. Sie sind nicht als Tausende zu verstehen.)

Privatleben: Äthiopische Christen erleben die meiste Verfolgung in ihrem Privatleben. Widerstand zu erleben, ist für Konvertiten völlig normal. Open Doors Mitarbeiter berichten, dass „Christen muslimischer Herkunft es besonders schwer haben. Eine problemlose Eingliederung von Konvertiten ist in Äthiopien kaum denkbar. Eltern, Familienmitglieder, Verwandte und Bekannte stellen sich ihrer Hinwendung zum christlichen Glauben für gewöhnlich entgegen." Der Besitz christlicher Materialien, Zugang zu christlichen Medien und selbst das Zusammentreffen mit anderen Christen erweisen sich als problematisch. Wenn ein Christ orthodoxen Hintergrunds die EOC verlässt und sich einer protestantischen Gruppe anschließt (vor Ort werden diese Pentay genannt), werden Familienmitglieder, Priester und andere fanatische Gruppierungen der EOC diese Person verfolgen.

Familienleben: Verfolgung in ihrem Familienleben ist für Christen in Äthiopien relativ üblich. Im Todesfall wird nicht-äthiopisch-orthodoxen Christen ein Platz auf dem Friedhof sowohl in muslimisch dominierten Regionen als auch in EOC dominierten Regionen verweigert. In den muslimischen Regionen müssen christliche Kinder islamische Schulen besuchen. In vielen Teilen des Landes werden Kinder christlicher Eltern zudem wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert.

Gesellschaftliches Leben: In von der EOC geprägten Regionen üben Familie, die Kommune und Kirchenleiter erheblichen Druck auf Anhänger protestantischer Freikirchen und auf Christen, die die EOC verlassen haben, aus. Konvertiten mit muslimischem Hintergrund wird von Seiten der Imame, Madrassa-Lehrern und öffentlichen Leitungsverantwortlichen das Leben schwer gemacht. Mancherorts wird Christen die Nutzung kommunaler Versorgungseinrichtungen verwehrt. In anderen Gegenden werden Christen bewusst überwacht und an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert.

Leben im Staat: Die Regierung will unter allen Umständen jeden Bereich der Gesellschaft kontrollieren. Religionsfreiheit wird konsequent durch entsprechende Gesetzgebung sowie durch Einschränkung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit unterdrückt. Sicherheits- und Verwaltungsauflagen werden als Grund genutzt, um missionarische Aktivitäten im Land zu verhindern. Berichten zufolge sind Regierungsbehörden auch nachlässig in der Strafverfolgung von Gewalttaten gegen Christen. Auch andere Triebkräfte nutzen ihren Einfluss in der Regierung gegen Christen. Beispielsweise sind in manchen Regionen das Schul- und auch das Gerichtssystem so konzipiert, dass sie Christen negativ betreffen.

Kirchliches Leben: Die Registrierung von Religionsgemeinschaften ist ein Problem. Muslimische Gemeinschaften und die EOC unterliegen dieser Anforderung nicht, für andere christliche Gemeinschaften ist eine Registrierung die Voraussetzung, um legal tätig zu werden. Beamte mit Beziehungen zur EOC beobachten Berichten zufolge andere christliche Gemeinschaften. In muslimischen Regionen kann es riskant sein, sich öffentlich gegen Verfolger zu stellen. Gemeindeleiter wagen sich hier meist nicht aus der Deckung. Aus Angst vor Übergriffen verstecken zudem viele Konvertiten ihren Glauben in Regionen in denen der Islam weit verbreitet ist.

Auftreten von Gewalt: Wenn man das Verfolgungsmuster betrachtet, ist der Wert für Gewalt im Vergleich zum Vorjahr leicht zurückgegangen. Dennoch gab es einige gewalttätige Übergriffe. Laut Berichten eines Open Doors Feldforschers gab es im Berichtszeitraum 135 Vorfälle. Die Vorfälle waren vor allem auf die Triebkräfte der Verfolgung Islamischer Extremismus und Konfessioneller Protektionismus zurückzuführen. Der Islamische Extremismus war für ca. 50 Prozent der Vorfälle verantwortlich, Konfessioneller Protektionismus für ca. 25 Prozent. Drei Christen wurden ermordet. Viele Kirchen wurden zerstört und es gab gewalttätige Übergriffe auf das Eigentum von Christen. So waren einige Christen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und/oder abzutauchen.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche:

Die Zukunft der Kirche Äthiopiens hängt von folgenden Faktoren ab: Erstens spielen die seit vielen Jahren bestehende strukturelle Vetternwirtschaft und offene Diskriminierung eine große Rolle (Begünstigung der EOC). Zweitens wurde in der Vergangenheit die Verfolgung dadurch verstärkt, dass die Regierung geschickt eine Gruppe gegen die andere ausgespielt hat, um ihre politische Macht zu erhalten. So wird Gewalt gegen Kirchengebäude und Christen von der Regierung häufig nicht geahndet (Politik der Beschwichtigung). Drittens schwächt der Konflikt zwischen den unterschiedlichen christlichen Kirchen die Gemeinschaft der Christen und verhindert ein gemeinsames Aufstehen gegen Verfolgung. Heftigste diesbezügliche Vorwürfe seitens der EOC gegenüber den Protestanten zeigen dies deutlich.

Nicht zuletzt spielen auch regionale Dynamiken eine Rolle. Äthiopien liegt am Horn von Afrika – einer der unberechenbarsten Regionen des Kontinents. Der Zustrom von Somaliern hat starke Auswirkungen auf die Christen in Äthiopien, denn mit mehr als fünf Millionen Somaliern ist Äthiopien das Land mit der größten somalischen Gemeinschaft außerhalb Somalias. Die beiden Länder teilen eine lange gemeinsame, sehr durchlässige Grenze. Somalias militante Islamisten stellen gerne heraus, dass Äthiopien ein christliches Land sei und daher historisch betrachtet als Feind gilt. Diese Einschätzung unterstrich einer ihrer Anführer, als er Somalia aufgrund Äthiopiens militärischen Vorgehens gegen Al Shabaab Milizen in Somalia als „ein muslimisches, arabisches Land, das von dem christlichen Land Äthiopien überfallen wurde" bezeichnete. Dabei ist zu beachten, dass Al Shabaab Äthiopien mehrfach mit Angriffen gedroht hat. Ohne eine entscheidende Schwächung von Al Shabaab Milizen stehen Äthiopien in den nächsten Jahren ähnliche Angriffe wie die in Kenia bevor.

Die Zukunft wird vermutlich wie folgt aussehen: Die Verfolgung der Christen (insbesondere Protestanten) wird von extremistischen Muslimen und aus den Reihen fanatischer Gruppierungen innerhalb der EOC vorangetrieben. Islamischer Extremismus wird weiter zunehmen und zukünftig eine Gefahr für den Staat und die Christen darstellen.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Äthiopien:

  • um Gottes Schutz für die Hausgruppen der Christen muslimischer Herkunft
  • um Barmherzigkeit in den Herzen der Leiter der äthiopisch-orthodoxen Gemeinden gegenüber Christen, die sich den neueren protestantischen Gemeinden anschließen
  • um Gottes Beistand für die Menschen, die sich von den Stammesreligionen zu Jesus bekehren, damit sie in ihren Dörfern mit der isolierung und Bedrohungen zurecht kommen

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