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Aserbaidschan

Aserbaidschan

Stand des Länderprofils: Januar 2016

Berichtszeitraum: 1. November 2014 bis 31. Oktober 2015

 

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung
1. Position auf dem Weltverfolgungsindex
2. Triebkräfte von Verfolgung
3. Aktuelle Einflüsse
4. Betroffene Kategorien von Christen
5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
6. Ausblick
7. Gebetsanliegen

 

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex: 57 Punkte / Platz 34
(WVI 2015: 50 Punkte / Platz 46)

Triebkräfte von Verfolgung: Die Triebkräfte der Christenverfolgung in Aserbaidschan sind „Diktatorische Paranoia“ und in geringerem Maße auch „Islamischer Extremismus“. Anzumerken ist hierbei, dass die Diktatorische Paranoia in Aserbaidschan ein Produkt der kommunistischen Vergangenheit ist und daher aus der kommunistischen Unterdrückung entstand, auch wenn die Ideologie des Kommunismus seit Jahren in Aserbaidschan als überwunden gilt.

Aktuelle Einflüsse: Die Regierung Aserbaidschans schenkt der Religion viel Aufmerksamkeit. Offiziell ist das Land säkular und Religion wird toleriert. Trotzdem ist das Maß der Überwachung so unglaublich hoch, dass die Christen in Aserbaidschan nicht wissen, wem sie noch vertrauen können. Ein weiteres Zeichen des Drucks, den die Regierung aufbaut, ist die Tatsache, dass die Christen aus dem Volk der Aseri es leichter finden, in Ländern wie Georgien und dem Iran zu evangelisieren als in ihrem eigenen Land.

Betroffene Kategorien von Christen: In Aserbaidschan gibt es alle Kategorien von Christen und alle erleben auf die eine oder andere Art Verfolgung.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt: Die Verfolgung von Christen hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Die Wertung im Bereich „Auftreten von Gewalt“ liegt etwas unter der des Vorjahres. Daraus lässt sich ableiten, dass das Regime seine Kontrolle über die Gesellschaft weiter ausgebaut hat. Der stärkste Druck auf Christen herrscht in den Bereichen „Privatleben“, „Leben im Staat“ und „Kirchliches Leben“. Dies ist charakteristisch für eine Situation, in der Diktatorische Paranoia die vorherrschende Triebkraft von Verfolgung darstellt. Der Islamische Extremismus wirkt sich besonders in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“ und „Gesellschaftliches Leben“ aus und wird von dem sozialen Umfeld ausgeübt.

Ausblick: Es ist zu erwarten, dass das derzeitige Regime seine Kontrolle über jeden einzelnen Aspekt des Lebens in Aserbaidschan fortsetzen wird – und, falls möglich, diese sogar noch verstärkt. Die Regierung propagiert Aserbaidschan weiterhin überall als das „Land der Toleranz“ und behält all jene im Visier, die es wagen, dies in Frage zu stellen. Die Kirche Aserbaidschans muss mit der enorm strikten Überwachung und dem Druck zurechtkommen. Unter diesen Umständen ist es bemerkenswert, dass die Kirche bisher überlebt hat und sogar leicht gewachsen ist.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 57 Punkten belegt Aserbaidschan Platz 34 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2016. Das entspricht einem Anstieg um 7 Punkte gegenüber dem Jahr 2015, als Aserbaidschan mit 50 Punkten auf Rang 46 lag. Dieser Anstieg ist hauptsächlich auf die enorme Kontrolle zurückzuführen, die das Regime auf das gesamte Land ausübt, einschließlich auf die Religion. Die Überwachung aller religiösen Aktivitäten ist immens. Die Christen sind voller Angst und wissen nicht, wem sie noch vertrauen können.

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2. Triebkräfte von Verfolgung

Die Triebkräfte der Christenverfolgung in Aserbaidschan sind „Diktatorische Paranoia“ und in geringerem Maße auch „Islamischer Extremismus“. Anzumerken ist hierbei, dass die Diktatorische Paranoia in Aserbaidschan ein Produkt der kommunistischen Vergangenheit ist und daher aus der kommunistischen Unterdrückung entstand, auch wenn die Ideologie des Kommunismus seit vielen Jahren in Aserbaidschan als überwunden gilt.

Diktatorische Paranoia: Neben den vom Staat geführten und staatlich kontrollierten Institutionen sind keine religiösen Aktivitäten erlaubt. Sowohl Mitglieder traditioneller protestantischer Kirchen wie auch Zeugen Jehovas werden häufig als „Extremisten“ gebrandmarkt, weil sie ihre Religion außerhalb staatlich legitimierter Strukturen ausüben. Der Druck vonseiten der Behörden wurde im Jahr 2015 stärker. Es ist üblich, Mitglieder protestantischer Kirchen als Anhänger fremder Sekten zu betrachten, die spionieren und das derzeitige politische System zerstören wollen. Daher müssen sie nicht nur kontrolliert, sondern – falls nötig – auch ausgelöscht werden. Sicherheitskräfte hören vermehrt Verdächtige ab, um „Extremisten“ zu entdecken. Dies beeinträchtigt auch die Christen und Kirchen. Ein anderes Ziel der Überwachung ist der Religionsunterricht, gegen den härter vorgegangen wird, gleichgültig, um welche Religion es sich handelt.

Kommunistische Unterdrückung: Das historische Fundament, auf dem das derzeitige Regime aufbaut, ist der Kommunismus. Heute leistet er jedoch keinen ideologischen Beitrag mehr, die Positionen des Regimes zu stützen. Trotzdem sind immer noch viele Kontrollsysteme und -mechanismen des kommunistischen Systems vorhanden.

Islamischer Extremismus: Druck auf Christen vonseiten islamischer Gruppen zielt vor allem auf Christen muslimischer Herkunft ab. Wenn sich Einheimische dem Christentum zuwenden, erfahren sie Druck und in manchen Fällen auch physische Gewalt von ihren Familien, Freunden und ihrem sozialen Umfeld. Damit sollen sie zur Reue und zur Rückkehr zu ihrem alten Glauben gezwungen werden. Einige Christen muslimischer Herkunft werden über lange Zeit eingesperrt und auch geschlagen. Örtliche Mullahs predigen gegen sie, wodurch sich der Druck noch verstärkt. Christen mit muslimischem Hintergrund können schlussendlich auch aus ihrem sozialen Umfeld ausgeschlossen werden. Daher sind sie sehr bemüht, ihren Glauben geheim zu halten – und werden sogenannte „geheime Christen“.

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3. Aktuelle Einflüsse

Aserbaidschan grenzt an Russland, Georgien, Armenien, die Türkei und den Iran. Offiziell ist das Land ein säkularer Staat. Die Bevölkerung ist überwiegend muslimisch. Unter den ehemaligen Sowjetrepubliken nimmt Aserbaidschan eine Sonderstellung ein, da hier hauptsächlich Schiiten leben (85 Prozent der Muslime Aserbaidschans) und nur eine kleine Minderheit von sunnitischen Muslimen. Die Regierung steht jeder Form von religiösem Fanatismus negativ gegenüber. Das trifft auch auf die Haltung gegenüber Christen zu. Ein fundamentalistischer Islam gilt für die Machthaber des Landes als destabilisierender Faktor.

Die Regierung von Aserbaidschan ist sehr darum bemüht, das Land sehr positiv zu präsentieren. Bei internationalen Treffen stellen Vertreter Aserbaidschans ihr Land als das „Land der Toleranz“ dar, was Propaganda ist. Kritische Organisationen versucht man dazu zu bewegen, ihre Berichte zu korrigieren. Ausländische Vertreter werden eingeladen, nach Aserbaidschan zu kommen, um sich selbst davon zu überzeugen, wie gut alles ist. Natürlich werden diese Gäste nur sorgfältig ausgewählte Aseri treffen, die ihnen bestätigen, dass alles gut ist und es keine Verfolgung gibt. Internationale Menschenrechts- und Presseorganisationen berichten allerdings auch weiterhin, dass gegen jede Form unabhängigen und kritischen Verhaltens in Aserbaidschan gnadenlos vorgegangen wird.

Das aserbaidschanische Regime geht bei der Verfolgung der christlichen Minderheit sehr klug vor. Open Doors liegen Berichte über Pastoren vor, die für etwa eine Woche inhaftiert wurden und dann wieder freikamen. Jeder geht dann davon aus, dass derjenige während seiner Gefangennahme ausgesagt hat und somit kann ihm keiner mehr vertrauen. Andere bekommen plötzlich ein großes Geschenk (z.B. ein Auto) – und dann denken die Leute in ihrem Umfeld natürlich, dass sie auf der Gehaltsliste der Regierung stehen. Die meisten Kirchen sind infiltriert und überall gibt es Spione. Daher wissen Christen nicht mehr, wem sie vertrauen können. Dies spiegelt sich auch in den Berichten über Verfolgung wider: niemand wagt, darüber zu berichten, aus Angst, gefangen genommen zu werden.

Schließlich gibt es noch die verpflichtenden Neu-Registrierungen: Alle sechs bis sieben Jahre müssen sich alle Kirchen erneut registrieren lassen. Man kann es wohl kaum als Zufall betrachten, dass jedes Mal weniger Kirchen eine erneute Registrierung erhalten. Im letzten Zyklus mussten sich alle Kirchen und religiösen Gruppen ihre Registrierung bis zum 1. Januar 2010 erneuern lassen, doch seitdem wurde keine neue Kirche mehr registriert.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

In Aserbaidschan gibt es alle Kategorien von Christen und alle erleben auf die eine oder andere Art Verfolgung:

Gemeinschaften von im Exil lebenden Christen oder christlichen Gastarbeitern: Die meisten dieser Gruppen bleiben nur unter sich und sind kaum evangelistisch tätig.

Christen aus traditionellen Kirchen (von denen die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) bei Weitem die größte ist) evangelisieren nicht unter den Aseri. Sie können ziemlich unbehelligt arbeiten, da das Regime in Aserbaidschan sie nicht als Gefahr betrachtet.

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten) sind die am stärksten verfolgte Gruppe von Christen in Aserbaidschan. Neben einigen Beschränkungen vonseiten des Staates sind sie auch dem starken Druck der Familie, von Freunden und des sozialen Umfelds ausgesetzt. Wobei für sie letzterer der weitaus stärkere ist.

Mitglieder protestantischer Freikirchen, zu denen Baptisten, Evangelikale und Pfingstgemeinden gehören, sind die zweite Gruppe, die verfolgt wird, da sie evangelisieren. Sie leiden unter vielen Razzien, Bedrohungen, Inhaftierungen und Geldstrafen vonseiten der Behörden.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Erläuterung zum Verfolgungsmuster: Das Verfolgungsmuster für Aserbaidschan basiert auf der Summe der Wertungen für Diktatorische Paranoia und Islamischen Extremismus. Die durchschnittliche Wertung der fünf Lebensbereiche liegt bei 11,293 Punkten und verdeutlicht, dass der Druck auf Christen gegenüber dem Vorjahr (9,769) beträchtlich zugenommen hat. Im Bereich „Auftreten von Gewalt“ (0,556) ist der Wert gegenüber dem letzten Jahr (1,111) zurückgegangen. Daraus lässt sich ableiten, dass das Regime seine Kontrolle über die Gesellschaft weiter ausgebaut hat. Wie das unten stehende Diagramm veranschaulicht, herrscht der stärkste Druck auf Christen in den Bereichen „Privatleben“, „Leben im Staat“ und „Kirchliches Leben“. Dies ist charakteristisch für eine Situation, in der Diktatorische Paranoia die vorherrschende Triebkraft von Verfolgung darstellt. Der Islamische Extremismus wirkt sich hingegen besonders in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“ und „Gesellschaftliches Leben“ aus und wird von dem sozialen Umfeld ausgeübt.

(Bitte beachten Sie: Die oberen Zahlen zeigen drei Dezimalstellen an. Sie sind nicht als Tausende zu verstehen.)

Privatleben: Bekehrungen zum christlichen Glauben erzeugen viel Gegenwind vonseiten der Familie, Freunden und dem privaten Umfeld. Christen muslimischer Herkunft müssen vorsichtig sein, wenn sie beten oder Gottesdienste durchführen wollen, da sie unter ständiger Beobachtung durch ihre Umgebung sind. Da der Staat mehr oder weniger verbietet, religiöses Material im Land zu benutzen, führt dessen Besitz – falls er entdeckt wird – zu Problemen. Es ist riskant für Christen mit muslimischem Hintergrund, sich als Christen zu erkennen zu geben, da dies unerwünschte Aufmerksamkeit vonseiten des Staates oder des sozialen Umfelds nach sich zieht. Alle Medien sind staatlich kontrolliert, einschließlich des Internetzugangs. Einige Seiten sind gesperrt, aber tatsächlich sind die einzige Gruppe, die mit dem Aufsuchen christlicher Seiten tatsächlich ein Risiko eingeht, Christen muslimischer Herkunft. Über den Glauben zu sprechen, ist ein Risikofaktor, wieder besonders für Konvertiten. Die Überwachung durch Geheimdienstagenten ist einer der Hauptgründe für diese Form der Verfolgung. Neben Christen mit muslimischem Hintergrund sind die meisten Protestanten ähnlichen Risiken ausgesetzt, da ihre Versammlungen gesetzlich nicht registriert sind und als illegal gelten.

Familienleben: Taufen werden immer mit Evangelisation und Bekehrung in Verbindung gebracht. Darauf haben sowohl der Staat als auch das soziale Umfeld ein Hauptaugenmerk. Die Familien der Christen mit muslimischem Hintergrund bekommen häufig große Probleme, wenn sie ihre Verstorbenen beerdigen wollen, da die Kommunen dies verweigern können. Christliche Familien können keine Pflegekinder aufnehmen. In Aserbaidschan gibt es keinen Religionsunterricht. Die schulische Bildung ist rein säkular, allerdings müssen alle Schüler am staatlichen Islamunterricht teilnehmen, da er Teil des Lehrplans ist. Eltern können ihren Glauben nur zu Hause mit ihren Kinder teilen, aber dafür gibt es auf legalem Wege kein Material. Christliche Kinder erleben immer wieder Verleumdung durch ihr soziales Umfeld, und Muslime setzen alles daran, damit ihre Kinder nichts mit christlichen Kindern zu tun haben. Wenn bekannt wird, dass sich jemand zum christlichen Glauben bekehrt hat, kann die Familie die Christen unter Hausarrest stellen. Wenn sich jemand zum christlichen Glauben bekehrt hat, üben Familie, Freunde und das soziale Umfeld Druck auf den Ehemann/die Ehefrau aus, sich scheiden zu lassen.

Gesellschaftliches Leben: Bedrohungen durch Familie, Freunde und das soziale Umfeld (auch durch den Imam vor Ort) sind an der Tagesordnung und der Staat bedroht regelmäßig nicht-registrierte Gläubige. Christen mit muslimischem Hintergrund werden von ihrem sozialen Umfeld genau beobachtet und oft gezwungen, an islamischen Zeremonien und Festen teilzunehmen. Der Druck, den das soziale Umfeld auf Konvertiten ausübt, damit sie ihrem neuen Glauben abschwören, ist meist enorm. Besonders in ländlichen Regionen werden verschiedene Taktiken angewandt: Schläge, Hausarrest, Heiratszwang und Ausschluss aus der Gemeinschaft. Kinder von Konvertiten haben auf örtlicher Ebene immer wieder Nachteile in ihrer Schullaufbahn. Immer wieder wird berichtet, dass Christen entlassen, diskriminiert oder gar nicht erst angestellt werden, wenn ihr Glaube bekannt ist. Protestantische Geschäftsleute werden gravierend bei der Arbeit behindert. Diese Art der Verfolgung kommt sowohl durch die Regierung als auch durch das soziale Umfeld und schließt Aseri-Christen aus. Es gibt viele Belege, dass besonders Christen mit muslimischem Hintergrund enorme wirtschaftliche Konsequenzen ertragen müssen, als ein Teil der Verfolgungsstrategie gegen sie. Dazu kommt noch, dass protestantische Kirchen, die generell nicht registriert sind, keine Darlehen bekommen, keine Konten eröffnen können und auch keine Immobilien mieten können. Oft bekommen diese nicht-registrierten protestantischen Kirchen Geldstrafen auferlegt. Dies ist die am häufigsten von den Behörden angewandte Methode, um hart gegen diese Kirchen vorzugehen, noch vor gravierenderen Formen der Bestrafung (Razzien, Gefangennahmen, Schließung von Kirchen). Von Zeit zu Zeit werden Menschen zu Befragungen auf die Polizeistation gerufen. Gelegentlich wurden Christen muslimischer Herkunft auch aus ihrem sozialen Umfeld vertrieben, wenn sie ihrem neuen Glauben nicht abschworen – jedoch geschieht dies nur auf dem Land.

Leben im Staat: Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit; jedoch gibt es andere Gesetze und Richtlinien, die in der Praxis die Religionsfreiheit einschränken, besonders für Mitglieder einiger religiöser Minderheiten. Aserbaidschanische Menschenrechtsgruppen kritisieren schon lange die Regierung, da sie keine Alternative zum vorgeschriebenen Militärdienst anbietet für Menschen, die dies nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Auch wenn Christen generell ohne allzu große Hindernisse ins Ausland reisen können, werden Vertreter internationaler Konferenzen sehr sorgfältig ausgewählt – sie müssen das Land als das „Land der Toleranz“ präsentieren. Im Umgang mit den Behörden werden Christen nicht fair behandelt. Wenn bekannt wird, dass jemand Christ ist, wird er oder sie große Probleme haben, eine Arbeitsstelle zu finden, schon gar nicht bei der Regierung, genauso wenig bei der Armee. Der Druck auf Christen abseits der großen Städte ist noch höher. Ihre Meinung in der Öffentlichkeit zu äußern, ist für alle Christen gefährlich, da der christliche Glaube erstens mit dem Erzfeind Armenien in Verbindung gebracht wird und zweitens alles, was man für religiöses Predigen hält, sowohl von der Regierung als auch vom islamischen Umfeld allenfalls misstrauisch geduldet wird. In der Öffentlichkeit werden christliche Einstellungen sowohl seitens der Regierung als auch von der islamischen Gesellschaft für potentiell destabilisierend gehalten und gelten als Import aus dem Ausland. Behörden, die Christen verfolgen, tun dies mit Rückendeckung durch das Gesetz und interpretieren ihre Gesetzesauslegung generell so, wie sie es für angemessen halten. Die Behörden können stets davon ausgehen, dass ihr Handeln nicht strafrechtlich verfolgt wird. Da die aserbaidschanische Justiz nicht unabhängig von der Regierung ist, bekommen Christen keine fairen Prozesse. Aserbaidschan ist sehr um sein positives Image im Ausland bemüht; man arbeitet hart daran, vor der OSZE, der EU und anderen internationalen Organisationen gut dazustehen. Wenn ein negativer Bericht über ihr Land veröffentlicht wird, tut die Regierung alles, um dagegen vorzugehen. Sie erklärt, dass internationale Beobachtung möglich ist, und stellt doch zugleich sicher, dass vieles im Verborgenen bleibt.

Kirchliches Leben: Nur registrierte Kirchen dürfen Versammlungen abhalten. Alle anderen Treffen sind illegal. Jedoch sollte man darauf hinweisen, dass auch die Gemeinden, die ihre Registrierung verloren haben, sich weiterhin versammeln, allerdings unter dem ständigen Risiko, dass eine Razzia durchgeführt wird. Aserbaidschan hat eine einfache, aber hochwirksame Methode gefunden, Kirchen auszuschalten: Man ruft einfach eine neue Runde von obligatorischen Neu-Registrierungen aus. Immer weniger Kirchen sind dabei erfolgreich. Der Staat überwacht alle religiösen Aktivitäten und hat dabei besonders nicht-registrierte Gruppen im Visier. Für einen Neubau oder eine Renovierung sind besondere Anträge bei den Behörden nötig. In der Vergangenheit, während der Sowjetregierung, wurden zahlreiche Kirchen konfisziert, und beispielsweise die Baptisten in der Hauptstadt Baku versuchen immer noch, ihr altes Gebäude zurückzubekommen, was aber hartnäckig verweigert wird. Während es den meisten Kirchen möglich ist, sich innerhalb ihrer Gebäude zu versammeln, brauchen selbst registrierte Gruppen Genehmigungen, wenn sie Treffen außerhalb ihres Gebäudes organisieren wollen. Jugendarbeit ist sehr stark eingeschränkt und jegliches christliche Material muss durch das Komitee für Religionsangelegenheiten genehmigt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass der Import, das Drucken und die Verteilung blockiert sind. Religiöses Material öffentlich zu verkaufen, ist nicht möglich. Wenn es bei einem Treffen von Christen eine Razzia gibt, wird christliches Material konfisziert. Es gibt keine Ausbildungsmöglichkeiten und selbst die ROK muss ihre Studenten ins Ausland schicken. Die Medien in Aserbaidschan sind staatlich kontrolliert und daher haben Christen keinen Zugang. Die einzige Ausnahme ist, dass die ROK Weihnachts- und Osteransprachen zeigen kann. Christen können in geringem Maß Sozialarbeit verrichten – z.B. in Gefängnissen (wo es normalerweise auch eine Kapelle gibt). Berichte haben gezeigt, dass Arbeiter aus dem Ausland keine Visa bekommen haben und dass die Einfuhr von religiöser Literatur strafrechtlich verfolgt wird. Auch dürfen Ausländer nicht in Aserbaidschan predigen. In der Vergangenheit hat man Arbeiter aus dem Ausland eindeutig eingeschränkt. Da der Staat der Hauptakteur der Verfolgung ist, haben die Christen Angst, sich dagegen auszusprechen – sie kennen die Konsequenzen.

Auftreten von Gewalt: Oberflächlich betrachtet, scheint die Verfolgung in Aserbaidschan nicht sehr gewaltsam zu sein. Jedoch liegt dies daran, dass die Kirche nur klein ist und Christen Angst vor den Auswirkungen haben, wenn sie von allen Vorfällen berichten würden. Wir können nur die Spitze des Eisbergs sehen; sicherlich ist die wirkliche Zahl der Vorkommnisse viel höher. Unsere Kontaktpersonen berichteten, dass mindestens zehn Christen mit muslimischem Hintergrund von ihrer Verwandtschaft misshandelt wurden.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche:

Es ist zu erwarten, dass das derzeitige Regime seine Kontrolle über jeden einzelnen Bereich des Lebens in Aserbaidschan fortsetzen wird – und, falls möglich, diese sogar noch verstärkt. Die Regierung propagiert weiterhin überall Aserbaidschan als das „Land der Toleranz“ und behält all jene im Visier, die es wagen, dies in Frage zu stellen. Die Kirche Aserbaidschans muss mit der enorm strikten Überwachung und dem Druck zurechtkommen. Unter diesen Umständen ist es bemerkenswert, dass die Kirche bisher überlebt hat und sogar leicht gewachsen ist.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Aserbaidschan:

  • um Unterscheidungsvermögen für die Christen, dass sie wissen, wem sie vertrauen können
  • um Schutzräume, in denen Christen sich versammeln, offen austauschen und Unterweisung aus der Bibel bekommen können
  • um Gunst bei den Behörden, dass neue Kirchen registriert werden
  • dass die Gemeinden trotz der intensiven Überwachung einen fröhlichen, ansteckenden Glauben leben können

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