Spenden Sie jetzt 
 
Länderprofil China

China

Stand des Länderprofils: Januar 2017

Berichtszeitraum: 1. November 2015 – 31. Oktober 2016
Informationen zur gegenwärtigen Entwicklung des Landes entnehmen Sie unseren Aktuellen Meldungen.


Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung
Ausführliches Länderprofil
   1. Position auf dem Weltverfolgungsindex
   2. Triebkräfte der Verfolgung
   3. Aktuelle Einflüsse
   4. Betroffene Kategorien von Christen
   5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
   6. Ausblick
   7. Gebetsanliegen



Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

57 Punkte / Platz 39 (WVI 2016: 57 Punkte / Platz 33)

Triebkräfte der Verfolgung

Die Haupttriebkraft der Christenverfolgung in China ist „Kommunistische Unterdrückung“, in geringerem Ausmaß treten auch „Islamische Unterdrückung“ und „Religiös motivierter Nationalismus“ in Erscheinung.

Aktuelle Einflüsse

Ein beträchtlicher Teil der Verfolgung betrifft die kleinen Minderheiten von Konvertiten unter den Tibetern und den muslimischen Uiguren, doch auch die Christen der Han-Mehrheit erfahren zunehmend Einschränkungen. Die Kampagne in der Provinz Zhejiang, in deren Verlauf viele Kreuze niedergerissen und zerstört wurden, scheint zwar weitgehend beendet, doch in mehreren Provinzen werden weiterhin Gemeindeversammlungen gestört. Das neue Gesetz zur Regulierung von Nichtregierungsorganisationen und der Entwurf einer neuen Religionsverordnung sind Anzeichen dafür, dass besonders Christen wieder verstärkt kontrolliert werden. Da Christen die größte gesellschaftliche Kraft sind, die nicht von der Kommunistischen Partei kontrolliert wird, werden verstärkt Anstrengungen unternommen, sie unter staatliche Kontrolle zu bringen.

Betroffene Kategorien von Christen

Alle Kategorien von Christen leiden in China unter Verfolgung. Gemeinschaften ausländischer Christen und Arbeitsmigranten, Christen aus traditionellen Kirchen (einschließlich der von der Regierung kontrollierten Kirchen) und Christen aus protestantischen Freikirchen werden überwacht und in der Ausübung ihres Rechts auf Religionsfreiheit eingeschränkt. Besonders stark verfolgt werden jedoch christliche Konvertiten – eine sehr kleine Gruppe von Christen muslimischer oder tibetischer Herkunft. In ihrem Fall geht die Verfolgung nicht vom Staat aus, sondern von ihrer Familie, dem gesellschaftlichen Umfeld und religiösen Leitern.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

  • Insgesamt bleibt der hohe Druck auf Christen bestehen und ist im Vergleich zum Berichtszeitraum des WVI 2016 nahezu unverändert.
  • Der stärkste Druck herrscht in den Lebensbereichen Kirchliches Leben und Privatleben. Während der Druck im Bereich des kirchlichen Lebens typisch ist für die Auswirkungen Kommunistischer Unterdrückung, geht der hohe Druck im Privatleben auf die Probleme von Christen muslimischer und tibetischer Herkunft zurück.
  • Islamische Unterdrückung und Religiös motivierter Nationalismus wirken sich im Privatleben, aber auch in den Bereichen Familienleben und Gesellschaftliches Leben aus. Doch auch in diesen Bereichen sind die Folgen der Kommunistischen Unterdrückung spürbar, beispielsweise in Bildungsfragen.
  • Der Bereich Gewalt weist eine sehr hohe Punktezahl auf und ist seit dem Berichtszeitraum des WVI 2016 angestiegen. Das ist darauf zurückzuführen, dass Kirchen geschlossen und Grundbesitzer unter Druck gesetzt wurden, ihre Räumlichkeiten nicht mehr an Christen zu vermieten. Noch immer ist eine beträchtliche Anzahl von Christen im Gefängnis.

Ausblick

In den ersten vier Jahren der Regierung von Präsident Xi Jinping kam es zu Freiheitseinschränkungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Dieser Trend wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach in der nahen Zukunft auch auf die Kirche auswirken. Bereits jetzt zeichnen sich höhere Beschränkungen durch lokale Behörden ab, die den Bewegungsspielraum der Kirchen einschränken, indem sie die kommunistische Ideologie betonen und Gemeinden unter Druck setzen, ihren Dienst diesen Ideologien anzupassen. Diese Entwicklungen werden sich allem Anschein nach fortsetzen, wie das neue Gesetz zur Regulierung von Nichtregierungsorganisationen und der Entwurf einer neuen Religionsverordnung vermuten lassen. Kommunistische Unterdrückung wird die Haupttriebkraft der Christenverfolgung in China bleiben.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis



Ausführliches Länderprofil


1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 57 Punkten belegt China Platz 39 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2017. Im Vorjahr nahm China mit derselben Punktezahl Platz 33 ein. Die jüngsten Signale der kommunistischen Regierung weisen zwar auf verstärkte Einschränkungen hin, diese Entwicklung wirkte sich jedoch noch nicht auf das Endergebnis des WVI 2017 aus, da die neuen Gesetze noch nicht umgesetzt wurden.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

2. Triebkräfte der Verfolgung

Kommunistische Unterdrückung: Das große Ziel der kommunistischen Partei ist der Machterhalt, den sie durch nationale Einheit und die Minimierung ausländischer Einflüsse zu sichern versucht. Die Regierenden werden alles aus ihrer Sicht Nötige tun, um in diesem Bestreben Erfolg zu haben. Im Berichtszeitraum des WVI 2017 berief sich China zunehmend auf seine ideologischen Wurzeln. Der Versuch, die „Seele“ der Regierungspartei wiederherzustellen, hat zu wachsendem Konservatismus und zum verstärkten Einsatz von kommunistischer Ideologie und Rhetorik geführt. Einige Beobachter fühlen sich durch die Rhetorik und ideologische Einstellung von Präsident Xi Jinping sogar an Mao Tse Tung erinnert. Parteiorgane wie die Zentralkommission zur Kontrolle der Disziplin gewinnen an Macht und haben im Berichtszeitraum sogar eine Untersuchung der Religionsverwaltung vorgenommen. Der Konfuzianismus wird als chinesisch gepriesen; wenn jemand unbedingt religiös sein müsse, dann solle er dem Konfuzianismus anhängen, so die Empfehlung von Xi Jinping. Um seine eigene Macht und die gesellschaftliche Harmonie zu sichern, kontrolliert das Regime alle Religionen, darunter auch die stark wachsende christliche Minderheit. Dies gilt vor allem für die aufständischen Minderheitsregionen Tibet und das muslimische Xinjiang. Die Regierung hat die Kontrolle in diesen Gebieten verstärkt, was nicht nur ethnische Aufständische zu spüren bekommen, sondern auch einzelne Gruppen von christlichen Konvertiten und sogar Han-Christen. In den meisten Regionen Chinas werden christliche Aktivitäten eher beobachtet als kontrolliert. Einige nicht registrierte Hauskirchen waren jedoch von dem Programm zur Auslöschung sogenannter „böser Kulte“ betroffen, da manche dieser Gruppierungen – verzerrte und nur noch schwer erkennbare – christliche Wurzeln haben. In Bezug auf die meist von Han-Chinesen besuchten Kirchen sprechen Beobachter von drei Arten von Kirchen: den illegalen „schwarzen“ Kirchen (wie z. B. dem Vatikan gegenüber loyale Katholiken), welche vom Staat bekämpft werden, den staatlich anerkannten „roten“ Kirchen, die kontrolliert werden, und den „grauen“, die trotz fehlender Genehmigung toleriert werden und der die Mehrheit der chinesischen Christen angehört.

Islamische Unterdrückung: Die Situation im von der muslimischen Minderheit der Uiguren geprägten Xinjiang im Nordwesten Chinas gibt Anlass zu wachsender Besorgnis. Einigen Berichten zufolge schleusen sich islamische Extremisten aus dem Ausland in die Region ein. Die Lage der wenigen Christen muslimischer Herkunft – höchstwahrscheinlich ein paar Tausend – ist bereits sehr schwierig. Nun wird diese Gruppe noch stärker eingeschränkt als zuvor. Sie sind erhöhtem Druck vonseiten der Regierung ausgesetzt und müssen zusätzlich mit Verfolgung durch die eigene Familie, Nachbarn und Freunde rechnen. Jedes Abweichen von der islamischen Glaubenstradition wird als Schande und sogar Verrat angesehen, da nach gängigem Verständnis jeder Uigure Muslim sein sollte. Auch wenn es schwierig ist, Berichte über die Situation von Christen muslimischer Herkunft zu erhalten, so weisen doch alle vorliegenden Informationen auf eine Verschlechterung hin. Gelegentlich kommt es sogar zu physischer Gewalt durch Familienangehörige.

Religiös motivierter Nationalismus: Ähnliche Entwicklungen wie im Einflussbereich der Islamischen Unterdrückung bringen auch die noch kleinere Gruppe tibetischer Christen buddhistischer Herkunft zunehmend in Schwierigkeiten (Tibet). Druck und Gewalt nehmen zu und die Behörden tun alles in ihrer Macht Stehende, um die tibetischen Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterbinden. Tibetische Christen sind starkem Widerstand vonseiten ihrer Familie, Freunden und der Gesellschaft ausgesetzt. In dieser Region einen „abweichenden“ Glauben zu haben, kann einen hohen Preis kosten, da ein Konvertit automatisch von der Gemeinschaft ausgeschlossen wird.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

3. Aktuelle Einflüsse

China bleibt eines der kompliziertesten Länder auf dem Weltverfolgungsindex, da es so facettenreich und vielfältig ist. Die Kampagne in der Provinz Zhejiang, in deren Verlauf viele Kreuze niedergerissen und zerstört wurden, scheint zwar weitgehend beendet. Gemeindeversammlungen werden jedoch weiterhin gestört oder sogar aufgelöst, wenn die Behörden dies aufgrund der Anwesenheit von Ausländern, Medienvertretern oder großen Teilnehmerzahl für nötig halten. In Zheijiang wurden Hauskirchen Anfang September 2016 infolge des G-20-Gipfeltreffens angehalten, ihre Treffen einzustellen. Um das Ziel der kommunistischen Partei, den Machterhalt durch nationale Einheit und die Begrenzung ausländischer Einflüsse, zu erreichen, wird weiterhin energisch eine Kampagne gegen Korruption geführt. Es zeigt sich immer klarer, dass eines der Ziele von Präsiden Xi darin besteht, den Einfluss anderer Parteifraktionen zu reduzieren.

Doch es gibt viele weitere Herausforderungen für die Führung des Landes: Eine ist die Abschwächung des Wirtschaftswachstums; ein weiterer Punkt betrifft die Fähigkeit der Behörden, die allgemeine Sicherheit zu garantieren. Dies wurde vor allem bei den Explosionen einer Reihe von Paketbomben deutlich, die im Oktober 2015 in der Provinz Guangxi sieben Leben forderten. Die bisherigen Antworten der Regierung waren von Vorsicht geprägt und streng ideologisch. Die Lockerung der Ein-Kind-Politik etwa ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann diese Maßnahme zur Lösung einiger sozialer Probleme der alternden Bevölkerung beitragen, andererseits setzt sie notwendigerweise ein weiteres Wirtschaftswachstum voraus.

Um seine eigene Macht und die gesellschaftliche Harmonie zu sichern, kontrolliert das Regime alle Religionen. Die Frage des kirchlichen Wachstums und seiner Regulierung gewinnt zunehmend an Gewicht. Im April 2016 fand das erste hochrangige Treffen zum Thema Religion hinter verschlossenen Türen statt. Obwohl darüber nur wenige Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, wurde berichtet, dass Präsident Xi Jinping vor religiösem Einfluss aus dem Ausland warnte. Auch die Sinisierung (gezielte Förderung chinesischer Traditionen bei gleichzeitiger Schwächung anderer kultureller Einflüsse) bleibt ein wichtiges Thema. Die Zentrale Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei Chinas (Central Commission for Discipline Inspection, CCDI), die auch als Anti-Korruptions-Aufsicht fungiert, hat am 6. Juni 2016 einen angeblich sehr kritischen Bericht über die Arbeit der Religionsbehörde (State Authority on Religious Affairs, SARA) vorgelegt. Gerüchten zufolge sollen Religionen künftig stärker und direkt von der Kommunistischen Partei kontrolliert werden – höchstwahrscheinlich von der parteieigenen UFWD („United Front Work Department“), statt von einem Verwaltungsbüro wie SARA. Dies würde die Lage der Christen vermutlich erschweren, da sie dadurch direkt unter der Aufsicht der Partei stünden.

In diesem Zusammenhang steht auch ein weiteres brisantes Thema: das Wachstum der Kirche. Offizielle Schätzungen zur Anzahl der Christen in China fallen eher niedrig aus. Andere gehen davon aus, dass ihre Zahl – einschließlich der registrierten Drei-Selbst-Bewegung, des protestantischen Hauskirchennetzwerks, der Katholisch-Patriotischen Vereinigung und der dem Vatikan verbundenen Römisch-Katholischen Kirche – die Anzahl der Anhänger der kommunistischen Partei zahlenmäßig übertrifft. Diese beläuft sich auf rund 88 Millionen. Einige Schätzungen gehen von 130 Millionen Christen aus. In dem Buch „A star in the East: the rise of Christianity in China“, veröffentlicht im Mai 2015, berechnet der Autor Rodney Stark, dass sich die Zahl der Christen in China im Jahr 2030 auf 295 Millionen belaufen würde, sollte sich das Wachstum der letzten Jahrzehnte von schätzungsweise 8 % pro Jahr unvermindert fortsetzen. Damit wäre China die weltweit größte christliche Nation. Auch wenn man Zweifel an diesen Vermutungen und Kalkulationen haben mag, so zeigt doch die große Spanne an Einschätzungen wie schon die Diskussion an sich, dass China nicht leicht zu verstehen ist. Ebenfalls deutlich wird: Verfolgung und ein starkes Wachstum der christlichen Gemeinde schließen sich nicht aus. In jedem Fall erklärt dieser Trend die Nervosität der Kommunistischen Partei im Blick auf das Wachstum der Kirchen. Christen sind ohne Frage die größte gesellschaftliche Kraft, die nicht von der Kommunistischen Partei kontrolliert wird. Während heute mehr Freiheit herrscht als noch vor 30 Jahren, setzt sich die Christenverfolgung auch unter der Han-Mehrheit fort. Der Bewegungsspielraum für Christen wird kleiner, wie das neue Gesetz zur Regulierung von Nichtregierungsorganisationen und der Entwurf der neuen Religionsverordnung deutlich machen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

4. Betroffene Kategorien von Christen

In China erfahren alle vier Kategorien von Christen Verfolgung, wenn auch in unterschiedlicher Intensität.

Gemeinschaften ausländischer Christen und Arbeitsmigranten: Diese Gruppe wird im Wesentlichen überwacht und kann nur eingeschränkten Kontakt zu lokalen Kirchen haben.

Christen aus traditionellen Kirchen und von der Regierung kontrollierten Kirchen: Diese Kategorie lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Besonderheit der chinesischen Christenheit. Es gibt registrierte und von der Regierung anerkannte Kirchen – die protestantische Drei-Selbst-Bewegung und die Katholisch-Patriotische Vereinigung – und nicht registrierte, unabhängige Kirchen. Auf katholischer Seite sind dies die treuen Anhänger des Vatikans.

Christen muslimischer und tibetisch-buddhistischer Herkunft: Während Christen in China im Vergleich zu den 1980er Jahren grundsätzlich mehr Freiheiten haben, gilt dies nicht für die kleinen Gemeinschaften christlicher Konvertiten. Da sie in Regionen ethnischer Minderheiten leben, die aufgrund von Unabhängigkeitsbestrebungen sehr unbeständig sind, erleben Konvertiten Druck von zwei Seiten: einerseits vonseiten der Regierung, die jegliche vermeintlich politischen oder gefährlichen Aktivitäten unterbindet. Andererseits versuchen Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn die Konvertiten dazu zu zwingen, zum „wahren Glauben“ zurückzukehren. In den fraglichen Regionen stellt die Religion nicht zuletzt einen wichtigen, einenden Faktor dar, um sich vom „Unterdrücker“ abzugrenzen.

Christen aus protestantischen Freikirchen: Zu dieser Gruppe von Christen zählen evangelikale, Baptisten- und Pfingstgemeinden sowie eine Vielzahl von Gemeinden mit verschiedensten Namen. Auf der protestantischen Seite sind hier die sogenannten Hauskirchen gemeint, auch wenn dieser Begriff missverständlich ist: Einige dieser Gemeinden haben mehrere tausend Mitglieder und treffen sich nicht heimlich, sondern offen in Geschäftsgebäuden. Wie bereits im Bereich der Triebkräfte der Verfolgung erwähnt, ist das Hauptziel der Regierung, die Kontrolle über die Gesellschaft zu behalten. Dadurch sind alle Christen in unterschiedlichem Maß betroffen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Grafik: Verfolgungsmuster China

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenspiel der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster China:

  • Insgesamt bleibt der hohe Druck auf Christen bestehen, wie am Durchschnittswert für den Druck in den Lebensbereichen (9,662) zu sehen ist. Er ist im Vergleich zum Berichtszeitraum des WVI 2016 (9,823) minimal zurückgegangen.
  • Der stärkste Druck herrscht in den Bereichen Kirchliches Leben (12,813) und Privatleben (10,313). Während der Druck im Bereich des kirchlichen Lebens typisch ist für die Auswirkungen Kommunistischer Unterdrückung, geht der hohe Druck im Privatleben auf die Probleme von Christen muslimischer und tibetischer Herkunft zurück.
  • Islamische Unterdrückung und Religiös motivierter Nationalismus wirken sich im Privatleben, aber auch in den Bereichen des Familienlebens und des gesellschaftlichen Lebens aus. Doch auch in diesen Bereichen sind die Folgen der Kommunistischen Unterdrückung spürbar, beispielsweise in Bildungsfragen.
  • Im Bereich Kirchliches Leben bleibt es bei einer sehr hohen Wertung, die allerdings gegenüber dem Vorjahr von 13,450 auf 12,813 zurückgegangen ist. Grund dafür ist die Beendigung der Kampagne in Zhejiang, in deren Verlauf viele Kreuze niedergerissen und zerstört wurden.
  • Der Bereich Gewalt weist eine sehr hohe Punktezahl auf, die seit dem Berichtszeitraum des WVI 2016 angestiegen ist. Das ist darauf zurückzuführen, dass Kirchen geschlossen und Hausbesitzer unter Druck gesetzt wurden, ihre Räumlichkeiten nicht mehr an Christen zu vermieten. Es wurden zwar keine Christen umgebracht, doch eine beträchtliche Anzahl von ihnen befindet sich immer noch im Gefängnis. Generell haben die Behörden gelernt, dass offene Gewalt für negative internationale Schlagzeilen sorgt. Deshalb bevorzugen sie mittlerweile subtilere Methoden, um Druck auszuüben, so etwa: christliche Leiter „zum Tee treffen“.

Privatleben: Christen uigurisch-muslimischer oder tibetisch-buddhistischer Herkunft müssen zu jeder Zeit auf der Hut sein. Das betrifft sowohl die Art und Weise, in der sie beten, als auch das Lesen der Bibel. Besonders davon betroffen sind diejenigen, die in ihrer Familie die einzigen Christen sind. Sie müssen Bibeln und andere christliche Literatur sorgfältig verstecken und können darin nur mit großer Vorsicht lesen, da strenggläubige muslimische oder tibetisch-buddhistische Familien dies nicht akzeptieren. Sich mit anderen Christen zu treffen, stellt unter diesen Umständen eine besondere Herausforderung dar: Es ist nicht nur für die Konvertiten selbst gefährlich, sondern kann auch ganze christliche Versammlungen in Gefahr bringen. Bekannte Konvertiten werden genauestens überwacht, bedroht und erleben in einigen Fällen auch physischen oder psychischen Missbrauch. Auch in streng kommunistischen Familien leiden Christen unter Einschränkungen.

Familienleben: In Tibet und Xinjiang ist die Situation sehr angespannt, jeder Glaubenswechsel wird als Schande für die Familie und als Verrat an der Gesellschaft angesehen. Daher sind Konvertiten sehr darauf bedacht, ihren neu gewonnenen Glauben geheim zu halten. Wird jemand als Christ entdeckt, drohen Scheidung und der Verlust des Erbrechts. Taufen, christliche Trauungen oder Beerdigungen zu organisieren, erweist sich als äußerst schwierig. Von christlichen Konvertiten wird erwartet dass sie traditionelle Hochzeitsriten befolgen. Deshalb kann eine christliche Trauung, wenn überhaupt, nur im Geheimen stattfinden. Wird in Xinjiang oder Tibet ein Christ dabei entdeckt, dass er eine Taufe organisiert, drohen ihm sogar einige Monate in Haft. Alle Kinder von Christen werden gezwungen, nicht-christliche Inhalte zu lernen; das atheistische Bildungssystem richtet sich gegen Glaubensinhalte. Christliche Konvertiten werden von ihren Familien unter Druck gesetzt, ihre Kinder im Sinne der traditionellen Werte und Religion ihrer Vorfahren zu erziehen.

Gesellschaftliches Leben: Christen muslimischer und buddhistischer Herkunft erleben Druck vonseiten ihrer Familie, Freunde und Nachbarn, ihren christlichen Glauben zu widerrufen. Ihre Kinder werden in der Schule diskriminiert und sind mit Vorurteilen von muslimischen oder tibetischen Lehrern und Mitschülern konfrontiert. Überwachungsmaßnahmen (z.B. durch Schulbehörden und Nachbarschaftskomitees) sind im ganzen Land verbreitet; Christen sind davon ebenso wie alle anderen Bürger betroffen. Dennoch stehen bekanntere Christen häufig unter besonderer Beobachtung. Für Christen ist es eine Herausforderung sich gesellschaftlich zu engagieren, da die meisten Gemeinschaftsorganisationen auch politische Elemente beinhalten. In den ländlichen Gebieten Tibets haben Lamas einen großen Einfluss auf das alltägliche Leben der Menschen (z.B. durch die Kontrolle des Gesundheitswesens), weil viele von ihnen Mitarbeiter lokaler Regierungsbehörden sind. In ihren Händen liegt die Verwaltung der Grundversorgung, einschließlich der Verteilung staatlicher Hilfsgüter an einzelne Familien. Dabei werden christliche Konvertiten häufig diskriminiert oder sogar ganz von der Versorgung ausgeschlossen. Alle Anhänger von Religionen sind von Regierungsposten ausgeschlossen, die eine Parteimitgliedschaft voraussetzen. Zwar werden Christen nicht von der Polizei verhört, sie erhalten jedoch Einladungen von den Behörden „gemeinsam eine Tasse Tee zu trinken“, wann immer jene es für nötig halten. Der langsam steigende Druck wurde von einem ausländischen Christen aus Beijing folgendermaßen beschrieben: „Früher haben mich die Behörden einmal im Jahr besucht, doch jetzt ist das Misstrauen so groß, dass sie zweimal in der Woche kommen.“

Leben im Staat: Während China Religionsfreiheit in seiner Verfassung anerkennt, gibt es bei der Umsetzung dieser Freiheit große Defizite. Die Regierung propagiert weiterhin ihre kommunistische und atheistische Ideologie. Im Berichtszeitraum des WVI 2017 wurde betont, dass sogar pensionierte Staatsbeamte jegliche religiöse Aktivitäten vermeiden sollen. Da die Medien vom Staat kontrolliert werden, sind sie allen Religionen gegenüber voreingenommen, was sich auch auf die Berichterstattung über Christen auswirkt. In den Provinzen Xinjiang und Tibet ist das öffentliche Zeigen religiöser Symbole für Christen problematisch. Das neue Gesetz zur Regulierung von Nichtregierungsorganisationen, das am 1. Januar 2017 in Kraft treten soll, wird vermutlich auch Auswirkungen auf Christen haben. Dadurch wird es nicht nur komplizierter, mit ausländischen Organisationen zusammenzuarbeiten, auch die Entgegennahme von Geldern aus dem Ausland wird schwieriger werden; die staatliche Kontrolle wird deutlich intensiviert.

Kirchliches Leben: Die Regierung ist daran interessiert, eine „harmonische Gesellschaft“ aufrechtzuerhalten. In Bezug auf Religion bedeutet dies, Kirchen zu „verwalten“, ob sie nun registriert oder nicht registriert sind, ob sie „schwarz“, „rot“ oder „grau“ sind. Die nie veröffentlichten, doch allseits wohlbekannten Regeln für alle christlichen Kirche sind: 1. Abgabe regelmäßiger Berichte an die Behörden über jüngste Aktivitäten; 2. keine Mitwirkung von oder Unterstützung durch ausländische Christen, auch nicht in Form von Geldmitteln; 3. keine öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten; 4. nur „reguläre“ christliche Aktivitäten während sensibler Phasen.

Die Religionsbehörde (State Authority on Religious Affairs, SARA) veröffentlichte im September 2016 eine neuen Religionsverordnung, die zu einer verstärkten Kontrolle kirchlicher Aktivitäten führen könnte. Jedoch bleibt abzuwarten, wie die Verordnung tatsächlich umgesetzt wird. Auf jeden Fall scheint die Verordnung vier klare Vorgaben zu enthalten: 1. Kirchen müssen sich „sinisieren“ (= der chinesischen Kultur und Tradition anpassen), 2. sie müssen legalisiert werden, 3. Behörden müssen lernen, Religion besser zu verstehen, um sie bis in die kleinsten Bereiche steuern zu können, 4. Angestellte in religiösen Bereichen müssen „gestärkt“ werden (eine Umschreibung für Fortbildung im ideologischen Sinne). Manche vermuten, dass die zweite Vorgabe die Behörden dazu veranlassen könnte, den tausenden chinesischen Hauskirchen eine Möglichkeit der Registrierung anzubieten. Jedoch gibt es keine Gewissheit, wie solch ein Angebot aussehen würde und welche Bedingungen daran geknüpft wären.

Es ist jedoch zu bedenken, dass die Umsetzung der neuen Verordnung Sache der lokalen Behörden ist, was zu einem größeren Ausmaß an Vorurteilen und erhöhter Kontrolle auf lokaler Ebene führen könnte. Christen in China erleben heutzutage enorme Unterschiede in Bezug auf die Freiheiten in verschiedenen Landesteilen. Die Mehrzahl der Beobachter stimmt jedoch darin überein, dass diese Freiheiten abnehmen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die christlichen Gemeinden Angst vor der Zukunft haben. Ein chinesischer Pastor sagte hierzu: „Unserer Erfahrung nach führt erhöhte Verfolgung zu Erweckung und Wachstum in der Kirche. Schon früher haben wir Verfolgung überstanden, wir werden auch überstehen, was jetzt auf uns zukommt.“ Andere christliche Leiter erwarten, dass die Gemeinden sogar davon profitieren werden, wenn sie sich wieder als kleinere, „familienartige“ Gruppen formieren müssen. Die Überwachung der Kirchen hat bislang nur im Fall einiger sehr großer, einflussreicher Gemeinden zu deren Schließung geführt (sie werden häufig als politische Akteure wahrgenommen). Dennoch schwebt ein Damoklesschwert über allen nicht-registrierten Kirchen Chinas. Wenn Peking es verlangt, werden die Behörden sie auffordern, sich unter dem Dach der Drei-Selbst-Bewegung registrieren zu lassen und entsprechend den oben genannten Richtlinien zu handeln, oder sie werden letztendlich geschlossen werden.

Auftreten von Gewalt: Der hohe Wert im Bereich Gewalt (8,519) ist darauf zurückzuführen, dass Kirchen geschlossen und Hausbesitzer unter Druck gesetzt wurden, ihre Räumlichkeiten nicht mehr an Christen zu vermieten. Es wurden zwar keine Christen umgebracht, doch befindet sich immer noch eine beträchtliche Anzahl von ihnen im Gefängnis. Im Berichtszeitraum des WVI 2017 haben die Festnahmen einiger christlicher Menschenrechts-Anwälte für Schlagzeilen gesorgt, wie die Verhaftung von Zhang Kai, der im Februar 2016 nach einigen Monaten Haft entlassen wurde. Meistens haben die offiziellen Anklagepunkte nichts mit Religion zu tun. Generell haben die Behörden gelernt, dass offene Gewalt für negative internationale Schlagzeilen sorgt und sind deshalb zu „freundlicheren“ Methoden übergegangen, wie oben ausgeführt wurde.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

In den ersten vier Jahren der Regierung von Präsident Xi Jinping kam es in allen Bereichen der Gesellschaft zu drastischeren Freiheitseinschränkungen als in den vergangenen Jahren. Dieser Trend wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach in der nahen Zukunft auch auf die Kirche auswirken. Bereits jetzt zeichnen sich höhere Beschränkungen durch Behörden ab, die – allerdings auf indirekte Weise – den Bewegungsspielraum der Kirchen verkleinern. Darin wird die kommunistische Ideologie betont und Gemeinden werden unter Druck gesetzt, ihren Dienst dieser Ideologie anzupassen. Derartige Entwicklungen werden sich voraussichtlich fortsetzen, wie das neue Gesetz zur Regulierung von Nichtregierungsorganisationen und der Entwurf einer neuen Religionsverordnung vermuten lassen. „Kontrolle“ und „Beschränkung“ könnten sich in den nächsten Jahren zu den neuen Schlagworten für die chinesische Kirche entwickeln. Die chinesischen Behörden haben in ihrem Umgang mit Christen dazugelernt. Sie haben gemerkt, dass gewaltsame Reaktionen und langfristige Freiheitsstrafen für negative internationale Schlagzeilen sorgen, und dass sie dieselben Ergebnisse auch mit weniger gewaltsamen Mitteln erreichen können. Dennoch ist Gewalt weiterhin ein Thema, wie die Kampagne in Zhejiang zeigt. In ihrem Verlauf wurden viele Kreuze niedergerissen und zerstört, wie im Berichtszeitraum des WVI 2016 zu sehen war. Allerdings ist die gewöhnliche Methode Christen in die gewünschte Richtung zu lenken, sie „zum Tee einzuladen“, und so bis in die kleinsten Bereiche zu kontrollieren.

In dieser Fülle an Herausforderungen versucht Chinas Regierung, alles ruhig zu halten. Um die eigene Macht und die gesellschaftliche Harmonie zu bewahren, kontrolliert sie alle Religionen, so auch die stark wachsende christliche Minderheit. Die entscheidende Frage für die Zukunft der Christen in China wird sein, ob die Regierungsbehörden sie auch als eine positive Kraft für die Gesellschaft wahrnehmen. In diesem Fall könnten die Christen zu Partnern bei der Verbesserung und Weiterentwicklung der Gesellschaft werden, die eine wichtige Rolle beim Aufbau einer „harmonischen Gesellschaft“ spielen. Es ist jedoch auch möglich, dass die Regierung noch tiefer in die Belange der Kirchen eingreifen wird, um ihre Macht zu sichern und dazu noch größeren Druck auf die Christen ausübt. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die lokalen Gemeinden als ein Gewinn wahrgenommen und geschätzt oder als Bedrohung abgelehnt werden. Der Berichtszeitraum deutet stark auf Letzteres hin, so dass die Christen vermutlich weiterhin von Kommunistischer Unterdrückung betroffen sein werden. Dennoch gibt es Spielraum für eine Entwicklung in beide Richtungen.

Für weitere Unruhe sorgte das lang erwartet Urteil des Ständigen Schiedshofs in Den Haag, das am 12. Juli 2016 veröffentlicht wurde. Es stellte eine herbe Niederlage für Chinas Ansprüche auf das Südchinesische Meer dar. Dieser Konflikt führte zu Spaltungen während Zusammenkünften der ASEAN-Staaten, da China auf seine Verbündeten Druck ausübte, alle aus seiner Sicht schädlichen Stellungnahmen zu blockieren. Obwohl China bereits verlautbarte, dass es sich nicht an das Urteil gebunden fühle, wird es doch schwierig werden, dieses vollkommen zu ignorieren. Das Urteil wird zwar keine direkten Auswirkungen auf die Christen haben, doch ist zu erwarten, dass die Regierung ihre ideologischen Anstrengungen verstärken, einen noch konservativeren Kurs einschlagen und möglicherweise in eine Einstellung „sie gegen uns“ verfallen wird. All dies wird auch stark von der Reaktion der US-Regierung abhängen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für China:

  • für das geistliche Wachstum der uigurischen Christen muslimischer Herkunft und der tibetischen Christen buddhistischer Herkunft. Obwohl es heutzutage allgemein mehr Freiheit für Christen in China gibt, erleben diese Christen in ihren kleinen Gemeinschaften Druck von Familie, Freunden und dem gesellschaftlichen Umfeld.
  • dafür, dass die chinesischen Christen versuchen, die vielen Atheisten und Anhänger des Konfuzianismus zu erreichen, die noch nie etwas vom Evangelium gehört haben. Beten Sie auch, dass die chinesischen Christen dies weise und liebevoll tun.
  • dass Jesus Christus sich den Regierungsbeamten persönlich zeigt, die versuchen, die Gemeinde unter Kontrolle zu halten.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis