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Libyen Länderprofil

Libyen

Stand des Länderprofils: Januar 2016

Berichtszeitraum: 1. November 2014 bis 31. Oktober 2015
Informationen zur gegenwärtigen Entwicklung des Landes entnehmen Sie unseren Aktuellen Meldungen.

 

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung
1. Position auf dem Weltverfolgungsindex
2. Triebkräfte von Verfolgung
3. Aktuelle Einflüsse
4. Betroffene Kategorien von Christen
5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
6. Ausblick
7. Gebetsanliegen

 

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex: 79 Punkte / Platz 10
(WVI 2015: 76 Punkte / Platz 13)

Triebkräfte von Verfolgung: „Islamischer Extremismus“ (Haupttriebkraft) und weniger stark „Organisiertes Verbrechen und Korruption“ (in Verbindung mit Islamischem Extremismus)

Aktuelle Einflüsse: Libyen versucht noch immer, sich vom Volksaufstand und heftigem Bürgerkrieg von Februar bis Oktober 2011 gegen Muammar Gaddafi zu erholen, der sein Land 40 Jahre regiert hat. Nun wächst der Einfluss des Islamischen Staates (IS) im Land. Die Sicherheitsprobleme Libyens aufgrund der Entlassung und Entwaffnung von Soldaten und wegen der Eingliederung lokaler Milizen in die Armee dauern an und werden durch Menschenhandel sowie Schmuggel von Waffen ins und aus dem Land sogar noch größer.

Betroffene Kategorien von Christen: Christliche Gastarbeiter dürfen sich in ihren eigenen Kirchen treffen, Libyer dürfen daran nicht teilnehmen. Libysche Christen halten ihren Glauben geheim. Gottesdienstbesuche sind ihnen verboten. Sie haben Furcht, sich mit anderen Christen zu treffen, denn religiöse Treffen (außer muslimische) sind verboten.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt: Die Verfolgungssituation hat sich zum Vorjahr etwas verschlechtert. Die Punktzahl für die Bereiche „Leben in der Gesellschaft“, „im Staat“ sowie „Kirchliches Leben“ ist angestiegen, ebenso für das „Auftreten von Gewalt“. Es ergibt sich eine unberechenbare Situation, wobei der Druck gleichbleibend hoch ist, mit kleinen Spitzen im „Privat- und Kirchlichem Leben“.

Ausblick: Das starke Aufkommen lokaler, inklusive militanter salafistischer Milizen, gepaart mit einer schwachen Zentralregierung, machen eine Verbesserung der Lage für die Christen unwahrscheinlich. Die weitverbreiteten und straflosen Übergriffe gegen Christen werden wohl weiter anhalten. Straftaten wie Entführung und Ermordung von christlichen Gastarbeitern zeigen, wie mächtig und offen islamistische Gruppen inklusive IS in einem Land auftreten, das dabei ist, in absoluter Gesetzlosigkeit zu versinken. Die strukturell verankerte Straflosigkeit lässt eine Kultur der Dschihadisten aufblühen, eine Verbesserung der Situation ist daher nicht absehbar.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 79 Punkten belegt Libyen Platz 10 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2016. 2015 nahm das Land mit 76 Punkten Rang 13 ein. Die bereits zuvor äußerst schwierige Lage für Christen hat sich weiter verschlechtert und befördert Libyen zum ersten Mal unter die ersten zehn Länder des WVI. Im bestehenden Umfeld von Anarchie und fehlender Rechtsstaatlichkeit, werden die Christen – einheimische wie auch ausländische – zwischen fanatischen religiösen Gruppen und kriminellen Banden aufgerieben. Die Furcht unter Christen war bereits im Vorjahr hoch, nun ist auch die Gewalt abermals angewachsen. Die Folgen aus dem Niedergang von Gaddafis diktatorischem Regime und der Fall des Staates in die Hände einer sektiererischen und machtlosen Regierung haben alles verschlimmert.

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2. Triebkräfte von Verfolgung

Die Triebkräfte von Verfolgung, die sich auf die Christen in Libyen auswirken, sind der „Islamische Extremismus“ (Haupttriebkraft) und weniger stark „Organisiertes Verbrechen und Korruption“ (in Verbindung mit Islamischem Extremismus).

Islamischer Extremismus: Diese Triebkraft äußert sich vielfältig. Der Islam ist tief verwurzelt in Libyens Kultur, deshalb erleben Muslime, die sich dem christlichen Glauben zuwenden, großen Druck seitens ihrer Familien und der Gesellschaft. Nach dem Sturz Gaddafis haben islamistische Gruppen inklusive Salafisten und andere Dschihadisten praktisch freie Hand im Land und sammeln kontinuierlich weitere Unterstützer.

Organisiertes Verbrechen und Korruption: Da Korruption so weit verbreitet ist, trägt sie wesentlich zum weiteren Verfall der anhaltenden Rechtsstaatlichkeit und zur Straflosigkeit bei. Diese Triebkraft ist eng verknüpft mit Islamischem Extremismus.

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3. Aktuelle Einflüsse

Libyen ist noch immer dabei, sich vom Volksaufstand und heftigem Bürgerkrieg von Februar bis Oktober 2011 gegen Muammar Gaddafi zu erholen, der sein Land 40 Jahre regiert hat. Nach dem Bürgerkrieg übernahm der Nationale Übergangsrat (NTC) die Führung; dieser Verband aus Milizen sowie ethnischen und politischen Bewegungen hatte sich gegen Gaddafi gestemmt.

Zurzeit wird Libyen von dem 200 Personen starken General National Congress (GNC) verwaltet, einer Übergangsregierung, die seit Oktober 2012 im Amt ist. Gegenwärtig gibt es keine Partei oder Miliz mit alleiniger Vormachtstellung, weshalb Politik nur durch Konsens im gesamten Land gemacht werden kann. Der GNC kontrolliert zudem nur Teile des Landes, weitere Gruppierungen andere Teile. Zwischen diesen Gruppierungen gibt es laufende Friedensgespräche.

Der Einfluss des Islamischen Staates (IS) nimmt jedoch immer weiter zu. Die Allgegenwart bewaffneter Milizen ist ein Beleg für das mangelnde Vertrauen der Bevölkerung in die Politik(er); verstärkt wird dies noch durch die Erinnerung an die brutale Unterdrückung unter dem Regime von Muammar Gaddafi. Die Abhängigkeit der Gesellschaft von Milizen und deren Scheineingliederung als paramilitärische Einheiten in die „nationale“ libysche Verteidigungsarmee (die Regierung bezahlt die Gehälter) hat den Schutz von Bürgerrechten wie beispielsweise Religionsfreiheit in einigen Regionen des Landes sehr schwierig gemacht.

Seit dem Sturz von Gaddafi sind die Christen, die zuvor die größte nicht-muslimische religiöse Gruppe im Land stellten, Ziel von Einschüchterungskampagnen, Verhaftungen und Ermordungen seitens militanter sunnitischer Organisationen geworden. Der Einfluss der mit dem IS vernetzten Gruppierungen, die sich durch Enthauptungen und andere Barbareien hervortaten, nimmt zu. In den letzten Jahren wurden Berichten zufolge Hunderte von Christen von paramilitärischen Gruppen entführt und eingekerkert. Auch die Koptische Kirche wurde angegriffen.

Die Sicherheitsprobleme Libyens aufgrund der Entlassung und Entwaffnung von Soldaten und wegen der Eingliederung lokaler Milizen in die Armee dauern an und werden durch Menschenhandel sowie Schmuggel von Waffen ins und aus dem Land sogar noch größer. Ein Bericht von Amnesty International vom 10. Mai 2015 beschreibt die fortschreitende Gesetzlosigkeit, in der Libyen gefangen ist und listet zahlreiche Beispiele von Entführungen, Folter, sexueller Gewalt und Diskriminierung durch Menschenhändler, Schmuggler und organisierte kriminelle Banden auf. Der Bericht verweist besonders auf die prekäre Situation religiöser Minderheiten: „Insbesondere christliche Gastarbeiter und Flüchtlinge werden verfolgt und stehen am meisten in Gefahr von Missbrauch durch bewaffnete Gruppen, die ihr Verständnis des islamischen Gesetzes erzwingen wollen.“

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4. Betroffene Kategorien von Christen

Zwei Kategorien von Christen sind in Libyen anzutreffen: Christliche Gastarbeiter, die zumeist aus Subsahara-Afrika und weniger aus Ägypten kommen sowie eine kleine Schar libyscher einheimischer Christen; sie sind alle ehemalige Muslime.

Kirchen ausländischer Christen bzw. von Gastarbeitern: Christliche Gastarbeiter dürfen ihre eigenen Kirchen haben, libysche Christen dürfen diese Gottesdienste jedoch nicht besuchen. Bereits unter der despotischen Herrschaft Gaddafis war die Lage der Christen sehr hart. Ausländische Christen bzw. christliche Gastarbeiter zumeist aus Nachbarstaaten hatten etwas mehr Freiheit. Schwarze und nicht-arabische Afrikaner erleiden doppelte Verfolgung: aus rassistischen und auch aus religiösen Gründen.

Christen muslimischer Herkunft: Libysche Christen halten ihren Glauben geheim. Gottesdienstbesuch ist ihnen nicht gestattet. Ihre Anzahl ist sehr gering, doch mit dem Aufkommen christlicher Fernseh- und Internetangebote in Arabisch wächst das Interesse am christlichen Glauben. Wie in den meisten muslimischen Ländern ist die Abkehr vom Islam mit starkem Druck verbunden. Der geht am stärksten von der Familie aus, Christen wurden Berichten zufolge durch ihre Familien verprügelt. Die meisten libyschen Christen wagen nicht, sich mit anderen Christen zu treffen, denn alle religiösen Versammlungen – ausgenommen muslimische – sind verboten.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Erläuterung zum Verfolgungsmuster: Das Verfolgungsmuster für Libyen basiert auf der Summe der Wertungen für Islamischen Extremismus in Verbindung mit Organisiertem Verbrechen und Korruption. Die durchschnittliche Wertung der fünf Lebensbereiche liegt bei 13,827 Punkten und verdeutlicht, dass der Druck auf Christen gegenüber dem Vorjahr (13,356) zugenommen hat. Im Bereich „Auftreten von Gewalt“ stehen den 8,889 Punkten vom Vorjahr nun 9,630 Punkte gegenüber. Die Verfolgungssituation hat sich im Vergleich zum Vorjahr leicht verschlechtert, der Verfolgungsdruck in den Bereichen „Leben in der Gesellschaft“ und „Leben im Staat“ sowie „Kirchliches Leben“ hat jedoch zugenommen; das gilt auch für den Bereich „Auftreten von Gewalt“. Die ermittelten Daten weisen auf eine unberechenbare Lage hin. Wie das unten stehende Diagramm veranschaulicht, ist die Verfolgung in allen Lebensbereichen etwa gleich, mit kleinen Spitzen in den Bereichen „Privatleben“ und „Kirchliches Leben“.

(Bitte beachten Sie: Die oberen Zahlen zeigen drei Dezimalstellen an. Sie sind nicht als Tausende zu verstehen.)

Privatleben: Christen muslimischer Herkunft werden in dieser sehr konservativen Gesellschaft von ihren Familien abgewiesen. Wegen der kontinuierlichen Unterdrückung und Intoleranz seitens Familie und Gesellschaft wagen sie selten, über ihren Glauben zu sprechen. Viele von ihnen verlassen das Land bzw. erwägen dies.

Familienleben: Eine der großen Herausforderungen für Christen muslimischer Herkunft ist, einen Ehepartner zu finden. Nach überliefertem islamischem Recht muss ein nicht-muslimischer Mann zum Islam konvertieren, um eine Muslima heiraten zu können. Die Islamisten in Libyen sind derart extremistisch ausgerichtet, dass sie sogar Sufis (Sufi = Anhänger einer mystischen Strömung des Islam) verfolgen.

Leben in der Gesellschaft: Wegen der schwachen Zentralregierung treibt eine große Anzahl von Milizen mit religiöser sowie nicht-religiöser Agenda straffrei ihr Unwesen im Land. Sie gehen am stärksten gegen die besonders gefährdeten Gruppen im Land vor, dazu gehören die Christen. Sie verbreiten eine Kultur der Furcht, wodurch die Freiheiten der Christen stark eingeschränkt sind.

Leben im Staat: Unter der Herrschaft von Gaddafi ging Verfolgung am stärksten von Regime und Geheimdienst aus. Gegenwärtig sind hauptsächlich islamistische Bewegungen wie der IS und Salafisten für Druck und Gewalt gegen Christen verantwortlich in einem Land, dessen Zentralregierung kraftlos und Rechtsstaatlichkeit abwesend ist. Auch kriminelle Banden üben Druck auf Christen aus.

Kirchliches Leben: Ein normales kirchliches Leben gibt es für Christen libyscher Herkunft nicht. Gastarbeiter dürfen Gottesdienste halten, jedoch mit erheblichen Sicherheitsrisiken. Die Einfuhr christlicher Literatur inklusive Bibeln in Arabisch ist streng verboten. Auch das erschwert das Wachstum der einheimischen Gemeinden. Die Missionierung von Muslimen ist offiziell verboten.

Auftreten von Gewalt: Im Berichtszeitraum gab es drei große gewaltsame Übergriffe gegen Christen, die alle Teil eines strukturellen Musters von Entführungen und Ermordungen von christlichen Gastarbeitern sind. Im Juni 2015 wurden 86 (andere nennen 88) eritreische Gastarbeiter, die der Unterdrückung in ihrem Heimatland zu entkommen suchten, von Anhängern des IS in Libyen entführt. Im April 2015 wurden 79 äthiopische und eritreische Flüchtlinge entführt und mehr als 30 von ihnen grausam ermordet. Im Februar 2015 wurden 21 meist koptische Gastarbeiter aus Ägypten von Anhängern des IS ermordet.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche:

  1. Das starke Aufkommen lokaler, auch militanter salafistischer Milizen, gepaart mit einer schwachen Zentralregierung, machen eine Verbesserung der Lage für die Christen unwahrscheinlich, die weitverbreiteten und straflosen Übergriffe gegen Christen werden wohl weiter anhalten. Für die absehbare Zukunft wird die Regierung in Libyen
    1. gegen die Macht der verschiedenen bewaffneten Milizen vorgehen müssen
    2. mithilfe der Gewinne aus der Ölförderung eine vielschichtige Wirtschaft aufbauen und Arbeit für die junge Generation schaffen müssen
    3. den Übergang zur Demokratie vorantreiben müssen, der dem Staat Autorität verleiht
    4. sich mit Nachbarstaaten und interessierten globalen Akteuren zusammentun müssen, um die Sicherheit in der Trans-Sahara zu verbessern.
    Keine dieser Aufgaben ist einfach und wird ohne die Mithilfe der internationalen Gemeinschaft nur schwerlich umzusetzen sein.
  2. Leiter der Staatssicherheit in der Region Bengasi haben Aussagen gemacht, die als aufwieglerisch gegen Christen verstanden werden können. Hussein bin Hmeid, ein Kommandeur des präventiven Sicherheitsapparates in Bengasi stellte klar, dass Libyen ein „zu 100 Prozent muslimisches Land“ sei. Abdul Salam Bargathi, vormals Mitglied von Ansar al-Shariah und Kommandeur der gleichen Einrichtung in Bengasi, sprach eine ähnlich zu interpretierende Drohung aus. Zwar werde er weiterhin seinen Sicherheitskräften Anordnung geben, die Kirchen in der Region Bengasi zu beschützen, Christen in Libyen könnten jedoch leicht als Gefahr für die nationale Sicherheit gesehen werden. Deshalb sollten sie zerstörte Kirchen nicht wieder aufbauen, noch irgendetwas tun, was als Versuch der Missionierung missverstanden werden könnte.
  3. Gewaltsame Übergriffe mit Entführungen und Ermordungen christlicher Gastarbeiter zeigen deutlich die Macht und Sichtbarkeit islamistischer Gruppen, inklusive des IS, in einem Land, das immer mehr in die Gesetzlosigkeit abdriftet. Mit diesen Vorfällen verbreiten die extremistischen Muslime und besonders die Anhänger des IS eine klare Botschaft: „Libyen ist ein muslimisches Land. Christen haben nicht einmal das Recht, durch Libyen zu reisen.“ Es spielt dabei keine Rolle, ob die Christen Gemeindemitarbeiter oder Gastarbeiter sind; alle Christen sind gemeint. Da die dschihadistischen Gruppierungen straffrei ausgehen, wird sich die Situation in naher Zukunft kaum ändern.
  4. Gastarbeiter aus dem Subsahara-Afrika stellen die Mehrheit der christlichen Bevölkerung in Libyen. Sie stehen weiterhin in Gefahr, Ziel von Angriffen lokaler religiös motivierter Milizen zu werden und auch von Einheimischen, die (weil oft arbeitslos) einen Sündenbock zum Abreagieren ihrer Enttäuschungen suchen.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Libyen:

  • um Gottes Schutz vor Gewalttaten seitens sowohl militanter islamistischer als auch krimineller Gruppierungen gegen Christen
  • um Wachstum der christlichen Hausgruppen ehemaliger Muslime und um sicheren Zugang zu christlichen Satellitenfernsehprogrammen und Internetseiten
  • um eine stabile Regierung, die auch für die Rechte der christlichen Minderheit sorgt

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