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Länderprofil Tunesien

Tunesien

Stand des Länderprofils: Januar 2016

Berichtszeitraum: 1. November 2014 bis 31. Oktober 2015

 

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung
1. Position auf dem Weltverfolgungsindex
2. Triebkräfte von Verfolgung
3. Aktuelle Einflüsse
4. Betroffene Kategorien von Christen
5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
6. Ausblick
7. Gebetsanliegen

 

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex: 58 Punkte / Platz 32
(WVI 2015: 55 Punkte / Platz 36)

Triebkräfte von Verfolgung: Die Triebkräfte der Verfolgung von Christen in Tunesien sind „Islamischer Extremismus“ und in geringerem Umfang „Organisiertes Verbrechen und Korruption“.

Aktuelle Einflüsse: Es gab viele soziale Unruhen im Land, die maßgeblich zu den Demonstrationen führten, aus denen letztendlich die sogenannte Jasmin-Revolution hervorging – benannt nach der Nationalblume Tunesiens. Am 14. Januar 2011 flohen Präsident Zine El Abidine Ben Ali und sein Kreis von Vertrauten nach Saudi-Arabien. Nach einigen Tagen der Demonstrationen erkannte der Präsident, dass es unter der Bevölkerung keine Unterstützung mehr für sein Regime gab. Das Regime fiel und eine Übergangsregierung wurde eingesetzt. Am 26. Januar 2014 wurde eine neue Verfassung verabschiedet.

Betroffene Kategorien von Christen: Ausländische Christen genießen eine gewisse Freiheit, aber öffentliches Evangelisieren wird nicht geduldet. Christen muslimischen Hintergrunds sind Druck von unterschiedlichen Seiten ausgesetzt. Sie sind eindeutig höherem Druck ausgesetzt als die wenigen internationalen Gemeinden im Land.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt: Die Verfolgung von Christen wird maßgeblich durch den Islamischen Extremismus bestimmt. Der Druck auf Christen ist im Bereich „Familienleben“ am höchsten, gefolgt von den Bereichen „Privatleben“, „Kirchliches Leben“ und „Gesellschaftliches Leben“. Mit den Angriffen von Extremisten auf Touristen wuchs die Angst der Christen im Land. Obwohl sie nicht gezielt gegen Christen vorgehen, hat die Präsenz islamischer Extremisten eine erhebliche psychische Wirkung. Als Reaktion auf die Angriffe setzt die Polizei nun deutlich strenger gesetzliche Vorgaben durch.

Ausblick: Obwohl sich die politische Lage in Tunesien stabilisiert zu haben scheint, bedeutet das nicht, dass erwartet werden kann, dass der Druck auf Christen abnimmt. Tatsächlich bleiben Kultur und Gesellschaft in ihren Einstellungen christenfeindlich, besonders in den ländlichen Regionen, und dies wird durch die politischen Veränderungen nicht beeinflusst.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 58 Punkten belegt Tunesien Platz 32 auf dem Weltverfolgungsindex 2016. Das entspricht einem Anstieg um drei Punkte gegenüber dem Jahr 2015 (55), als das Land Rang 36 einnahm. Der Anstieg der Punktzahl erklärt sich zum Teil durch eine geringfügige Zunahme gewalttätiger Übergriffe; hauptsächlich liegt er aber in dem erhöhten Druck auf Christen begründet. Obwohl die neue Verfassung einen wichtigen Schritt auf dem Weg hin zu mehr Stabilität in Tunesien darstellt, schützt sie den Islam auf Kosten anderer Religionen. Darüber hinaus wird die Gesellschaft Tunesiens konservativer, besonders in ländlichen Regionen, was eine größere Betonung eines praktisch gelebten Islam mit sich bringt.

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2. Triebkräfte von Verfolgung

Die Triebkräfte der Verfolgung von Christen in Tunesien sind „Islamischer Extremismus“ und in geringerem Umfang „Organisiertes Verbrechen und Korruption“.

Islamischer Extremismus: Der Islamische Extremismus ist auf verschiedenen Ebenen präsent. Auf familiärer Ebene erfahren Konvertiten zum christlichen Glauben keinerlei Unterstützung für ihre Entscheidung. Es gibt Fälle, in denen Christen muslimischen Hintergrunds von ihrer eigenen Familie in ihren Häusern eingesperrt wurden. Auf der gesellschaftlichen Ebene verbreiten gewaltbereite Salafisten quer durch das Land Angst und Schrecken. Auf der politischen Ebene erlitten die islamistischen Parteien bei den letzten Parlamentswahlen zwar Verluste, dennoch bleiben sie ein wichtiger politischer Faktor.

Organisiertes Verbrechen und Korruption: Die Verbindungen zwischen einigen islamistischen Bewegungen und dem organisierten Verbrechen sollten nicht unterschätzt werden. Sie schüren eine große Unruhe in der tunesischen Gesellschaft und steigern die bereits große Angst unter den Christen. Hier sind weitere Recherchen im Jahr 2016 nötig.

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3. Aktuelle Einflüsse

Es gab viele soziale Unruhen im Land, die maßgeblich zu den Demonstrationen führten, aus denen letztendlich die sogenannte Jasmin-Revolution hervorging – benannt nach der Nationalblume Tunesiens. Am 14. Januar 2011 flohen Präsident Zine El Abidine Ben Ali und sein Kreis von Vertrauten nach Saudi-Arabien. Nach einigen Tagen der Demonstrationen erkannte der Präsident, dass es unter der Bevölkerung keine Unterstützung mehr für sein Regime gab. Das Regime fiel und eine Übergangsregierung wurde eingesetzt. Am 26. Januar 2014 wurde einer neuen Verfassung zugestimmt.

Im Dezember 2014 führte Tunesien Präsidentschafts- und Parlamentswahlen durch; dies markierte das Ende der Übergangsperiode. Die Präsidentschaftswahl ging in eine zweite Runde und in dieser Stichwahl wurde Beji Caid Essebsi zum Sieger erklärt. Essebsi ist ein erfahrener Politiker, der bereits als Minister und Sprecher des Parlaments unter Ben Alis Regime diente. Während einige warnten, dass Essebsis Sieg die Gefahr einer Rückkehr von Ben Alis autoritärem Regime berge, versucht Essebsi aus seiner Erfahrung Kapital zu schlagen und sich selbst als erfahrenen Technokraten darzustellen, der in der Lage sei, für Stabilität zu sorgen und einen dringenden wirtschaftlichen Wandel herbeizuführen.

Bei den Parlamentswahlen erzielte keine der Parteien eine Mehrheit. Essebsis gemäßigte und säkulare Partei „Nidaa Tunis“ gewann die meisten Sitze im Parlament. „Ennahda“, die „moderate“ islamische Partei, welche die Wahlen direkt nach der Revolution gewonnen und für eine Weile die Übergangsregierung angeführt hatte, gewann die zweitgrößte Anzahl an Sitzen. Anfangs versuchte der von Essebsi eingesetzte Premierminister, eine Mehrheitsregierung auf die Beine zu stellen, ging aber schließlich eine Koalitionsregierung mir Ennahda und weiteren, kleineren Parteien ein.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

Es gibt nur zwei Kategorien von Christen in Tunesien: ausländische Christen und Christen muslimischen Hintergrunds.

Ausländische Christen: Gemeinschaften ausländischer Christen oder Migranten genießen eine gewisse Freiheit, aber öffentliches Evangelisieren wird nicht geduldet. Diese Christen erleben kaum Probleme, während nahezu alle einheimischen Christen mit Problemen zu kämpfen haben.

Christen muslimischen Hintergrunds: Sie haben mit Druck aus verschiedenen Richtungen zu kämpfen. Sie sind eindeutig mehr Schwierigkeiten ausgesetzt als die wenigen internationalen Gemeinden im Land.

Christen (und andere) können mehr oder weniger frei Informationen über den christlichen Glauben suchen und erhalten, vor allem gilt dies für Online-Inhalte.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Erläuterung zum Verfolgungsmuster: Das Verfolgungsmuster für Tunesien zeigt die Wertungen für Islamischen Extremismus. Die durchschnittliche Punktzahl für die ersten fünf Bereiche (10,889), die den Druck auf Christen zeigen, ist höher als im letzten Jahr (10,458). Die Punktzahl für Gewalt ist ebenfalls leicht angestiegen, von 2,593 (WVI 2015) auf 3,148. Beides deutet darauf hin, dass sich der Druck auf Christen insgesamt erhöht hat. Die Zunahme der Gewalt, wie sie sich auch in den extremistischen Angriffen auf Touristen niederschlug, hat die Angst der Christen im Land verstärkt. Obwohl sie nicht gezielt gegen Christen vorgehen, hat die Präsenz von islamischen Extremisten eine nicht unerhebliche psychische Wirkung. Als Reaktion auf die Angriffe setzt die Polizei nun deutlich strenger gesetzliche Vorgaben durch. Wie das Verfolgungsmuster zeigt, ist der Druck auf Christen im Bereich „Familienleben“ am höchsten, gefolgt von „Privatleben“, „Kirchliches Leben“ und „Gesellschaftliches Leben“.

(Bitte beachten Sie: Die oberen Zahlen zeigen drei Dezimalstellen an. Sie sind nicht als Tausende zu verstehen.)

Privatleben: Christen stehen besonders dann unter Druck, wenn ihre Entscheidung für den christlichen Glauben im privaten Umfeld bekannt ist, obwohl es deutliche Unterschiede zwischen den ländlichen Regionen und der Hauptstadt Tunis gibt, wo die Situation vergleichsweise besser ist. Nahezu jeder Christ muslimischen Hintergrunds hat eine Geschichte von Widerständen, Ablehnung und/oder Verfolgung, bedingt durch die Entscheidung, den Glauben zu wechseln. Besonders für junge Christen muslimischen Hintergrunds ist es schwierig, offen die Bibel zu lesen und zu beten.

Familienleben: Für christliche Familien ist es schwierig, ihr Familienleben nach christlichen Werten zu leben, da Richter immer wieder willkürliche Interpretationen des islamischen Gesetzes vornehmen. Jeder Tunesier wird automatisch als Muslim registriert. Ausländer bekommen keine Schwierigkeiten, solange ihre Kinder die fremde Staatsangehörigkeit behalten. Christen muslimischen Hintergrunds müssen hinnehmen, dass sie als Muslim registriert werden. Das zu ändern ist unmöglich und der Versuch zieht schnell negative Konsequenzen nach sich.

Gesellschaftliches Leben: Christen muslimischen Hintergrunds werden von ihrer Familie und ihrem Umfeld bedroht, wenn ihre Entscheidung für den christlichen Glauben bekannt wird. Besonders in den ländlichen Gegenden fürchten junge Christinnen muslimischen Hintergrunds, zu einer Ehe mit einem Muslim gezwungen zu werden. Zudem sind Fälle bekannt, in denen Christen muslimischen Hintergrunds von der Universität ausgeschlossen wurden oder nicht zur Schule gehen konnten, weil sie aus ihrem Zuhause vertrieben wurden. Nicht selten wird Kunden geraten, nicht in christlichen Geschäften einzukaufen.

Leben im Staat: Im Umgang mit Behörden werden Christen oft benachteiligt. Eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist für Christen meist extrem schwierig, wenn nicht unmöglich. Tunesische Kirchen können sich nicht registrieren lassen. Ausländische Kirchen sind die einzigen, die christliche Symbole zeigen dürfen.

Kirchliches Leben: Obwohl die tunesische Verfassung derzeit Religionsfreiheit anerkennt und die Abkehr vom Islam nicht verboten ist, handeln Vertreter der Regierung oft gegenteilig. Der Import christlicher Bücher in arabischer Sprache wird von den Behörden behindert, einheimische Kirchen können sich nicht registrieren lassen – keine einzige Kirche wurde seit der Unabhängigkeit Tunesiens 1956 anerkannt. Dies steht im krassen Kontrast zum Gesetz, das Moscheen betrifft. Kirchen ist es erlaubt, frei zu arbeiten, doch sie erleben praktische Schwierigkeiten, besonders wenn es um ihre Grundstücke, das Einstellen von Personal und die Erlaubnis geht, christliches Material auf Arabisch zu veröffentlichen und zu verbreiten.

Auftreten von Gewalt: Gewalttätige Übergriffe im Berichtszeitraum umfassen die Beschädigung einer Kirche, viele Fälle von Verletzungen von Christen muslimischen Hintergrunds sowie der Verwüstung ihrer Häuser und Geschäfte und einige Berichte von Entführungen. Bedingt durch die Vertraulichkeit dieser Informationen können keine Einzelheiten veröffentlicht werden.

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6. Ausblick

  1. Obwohl sich die politische Lage in Tunesien stabilisiert zu haben scheint, bedeutet das nicht, dass erwartet werden kann, dass der Druck auf Christen abnimmt. Tatsächlich bleiben Kultur und Gesellschaft in ihren Einstellungen christenfeindlich, besonders in den ländlichen Regionen, und dies wird durch politische Veränderungen nicht beeinflusst.
  2. Tunesiens Verfassung mag wie ein positiver Schritt aussehen, aber die Formulierungen sind allgemein genug, um restriktive Auslegungen möglich zu machen. Alles hängt sehr stark von der neu gewählten Regierung ab. Die islamistische Ennahda hat die Parlamentswahlen vom 26. Oktober 2014 verloren, genießt aber immer noch viel Unterstützung, besonders in den ländlichen Gebieten. Darüber hinaus musste die siegreiche säkulare Partei eine Koalition mit der Ennahda eingehen, da sie nicht genug Sitze für eine Mehrheit gewinnen konnte. Zudem ist die säkulare Partei, die die Wahlen im Dezember 2014 gewann, gegenüber Christen nicht unbedingt aufgeschlossen.
  3. Der „International Crisis Group“ (ICG) zufolge stand der „Islamische Staat“ (IS) hinter dem Angriff in Sousse vom 26. Juni 2015, bei dem 38 Touristen getötet wurden. ICG interpretiert diesen Anschlag vor dem Hintergrund von „Risiken, die durch die Vermischung von Kriminalität und dschihadistischen Gruppen entstehen, besonders im Umfeld von Städten und den Grenzgebieten, die vom Staat vernachlässigt werden“, und zeigt auch eine mangelnde Professionalität der tunesischen Sicherheitskräfte auf. Die Verbindungen zwischen islamistischen Bewegungen und der organisierten Kriminalität sollten nicht unterschätzt werden. Sie bedingen erhebliche Unruhe in der tunesischen Gesellschaft, welche die bereits große Angst der Christen noch erhöht. Der Vorfall ist zudem ein klarer Hinweis auf die Existenz von bewaffneten Islamistengruppen, auf die umgehend reagiert werden muss.
  4. Im Juli 2015 stimmte das tunesische Parlament mit überwältigender Mehrheit einem neuen Anti-Terror-Gesetz zu (BBC, 25. Juli 2015), das auch die Todesstrafe für Terroristen vorsieht. Menschenrechtsorganisationen sind besorgt, dass dieses Gesetz dazu benutzt werden könnte, die politische Opposition zum Schweigen zu bringen. Analysten wie Hayet Bin Said sind der Meinung, dass dem Extremismus eher durch eine Reform des Bildungssystems entgegengetreten werden sollte, wie er in einem Gatestone-Artikel vom 11. August betont. Es gibt kein Allheilmittel gegen Terrorismus, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass islamistische Gewalt ein wachsender Grund zur Sorge in Tunesien ist und dass extremistische Muslime deutlich sichtbar bleiben. Darüber hinaus ist es wichtig, daran zu erinnern, dass Tunesiens politische Entwicklungen, darunter auch die Situation der Minderheiten wie Christen, nicht so positiv sind, wie es die Medien allgemein darstellen.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Tunesien:

  • Um Vertrauen in Gottes Herrschaft trotz einer spürbaren Islamisierung der Gesellschaft
  • Um Weisheit im Umgang mit dem Einfluss und der Gewaltbereitschaft der salafistischen Gruppierungen im Land
  • Um den besonderen Schutz Gottes für die Christen muslimischer Herkunft und deren Hausgemeinden in ländlichen Gebieten

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