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Türkei

Türkei

Stand des Länderprofils: Januar 2016

Berichtszeitraum: 1. November 2014 bis 31. Oktober 2015
Informationen zur gegenwärtigen Entwicklung des Landes entnehmen Sie unseren Aktuellen Meldungen.

 

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung
1. Position auf dem Weltverfolgungsindex
2. Triebkräfte von Verfolgung
3. Aktuelle Einflüsse
4. Betroffene Kategorien von Christen
5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
6. Ausblick
7. Gebetsanliegen

 

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex: 55 Punkte / Platz 45
(WVI 2015: 52 Punkte / Platz 41)

Triebkräfte von Verfolgung: Die Triebkraft von Verfolgung ist „Islamischer Extremismus“.

Aktuelle Einflüsse: Im Moment gibt es in der Türkei drei starke Trends: Die zunehmende Anwesenheit des extremistischen Islam, der ethnische Konflikt mit der kurdischen Minderheit und die grundlegende Veränderung der politischen Landschaft. All diese Trends hängen zusammen und haben Auswirkungen auf die Christen in der Türkei.

Betroffene Kategorien von Christen: In der Türkei existieren alle Kategorien von Christen. Alle sind von Verfolgung betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Maß.

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt: Der allgemein herrschende Druck auf Christen liegt in etwa auf dem Niveau des Vorjahres, während der Wert für die gewalttätigen Übergriffe deutlich gestiegen ist. Am stärksten betroffen ist das Privatleben, gefolgt von den Bereichen „Leben im Staat“ und „Kirchliches Leben“. Besonders Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten) erleiden in ihrem Privatleben starke Verfolgung, ausgeübt von Familienmitgliedern und ihr gesellschaftliches Umfeld. Alle Christen sind mit Herausforderungen in den Bereichen „Leben im Staat“ und „Kirchliches Leben“ konfrontiert. Zusätzlich verstärkt wird der Druck durch den türkischen Nationalismus und die Bemühungen des Regimes, das Land zu islamisieren.

Ausblick: Es ist zu erwarten, dass die Türkei ihre Anstrengungen zur schrittweisen Ausweitung des islamischen Einflusses und der damit einhergehenden Diskriminierung von Christen und anderen religiösen Minderheiten fortsetzen wird. Die erneuten Kämpfe zwischen den Streitkräften der Regierung und den Kurden wird den türkischen Nationalismus neu aufleben lassen, was Auswirkungen auf alle Christen in der Türkei haben wird, vor allem aber auf die Konvertiten. Die Anwesenheit islamischer Fundamentalisten in der Türkei hat sich bereits als starke Bedrohung für protestantische Pastoren erwiesen; Christen muslimischer Herkunft haben eine ähnliche Behandlung zu erwarten.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 55 Punkten belegt die Türkei Platz 45 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2016. Im Jahr 2015 nahm die Türkei mit 52 Punkten Rang 41 ein. Dieser Anstieg liegt teilweise in der Zunahme gewalttätiger Übergriffe begründet und betrifft alle Lebensbereiche gleichermaßen.

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2. Triebkräfte von Verfolgung

Die Triebkraft der Verfolgung von Christen in der Türkei ist „Islamischer Extremismus“.

Islamischer Extremismus: Der islamische Extremismus hat Auswirkungen auf alle Christen in der Türkei. Er wird zusätzlich durch ein hohes Maß an Nationalismus verstärkt. Den größten Druck erfahren Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten). Familie, Freunde und Gesellschaft versuchen mit aller Macht, sie zum Islam zurückzubringen, dem Glauben ihrer Vorfahren. Tritt jemand gegen den Willen der Familie zum christlichen Glauben über, so gilt es als Frage der Familienehre, dies vor Verwandten, Nachbarn und Bekannten zu verheimlichen. Das hohe Maß an Nationalismus verstärkt den Druck auf Konvertiten zusätzlich. Nach allgemeiner Überzeugung kommt ein „echter“ Türke als Muslim zur Welt; jedes Ausweisdokument enthält die Religionszugehörigkeit. Deshalb ist eine Hinwendung zum christlichen Glauben nicht nur eine Verletzung der Familienehre, sondern wird ebenfalls als Beleidigung der türkischen Identität verstanden. Dies kann zu Gerichtsverhandlungen und Inhaftierungen führen. Diese Mischung aus Islam und Nationalismus hat auch Auswirkungen auf andere Christen aus ethnischen Minderheiten. Sie werden kaum als vollwertige Mitglieder der türkischen Gesellschaft angesehen und erfahren alle Arten rechtlicher und bürokratischer Behinderungen. Im August 2015 haben 15 türkische protestantische Pastoren Todesdrohungen des Islamischen Staates (IS) erhalten; im Folgemonat wurden einige in einem IS-Video angegriffen. Die Hauptaussage des Videos war: „Konvertiere oder stirb!“

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3. Aktuelle Einflüsse

Im Moment gibt es in der Türkei drei starke Trends: Die zunehmende Anwesenheit des extremistischen Islam, der ethnische Konflikt mit der kurdischen Minderheit und die grundlegende Veränderung der politischen Landschaft. All diese Trends hängen zusammen und haben Auswirkungen auf die Christen in der Türkei.

Die zunehmende Anwesenheit des extremistischen Islam:

Der Aufstieg des IS im benachbarten Syrien und dem Irak hatte auch Auswirkungen auf die Türkei. Obwohl die Regierung von Präsident Erdogan sich nie öffentlich auf die Seite des IS gestellt hat, waren viele stillschweigende Entwicklungen zu beobachten, die die Aufrichtigkeit der Regierung in Frage stellen. Es gab Berichte in den türkischen Medien über Schiffsladungen mit Waffen für den IS, die vom türkischen Geheimdienst (MIT) durchgeführt wurden. Kürzlich hat der Leiter des MIT, der auch sehr eng mit dem Präsidenten verbunden ist, öffentlich die russischen Attacken auf „aufrichtige Muslime“ verurteilt und den IS „eine Realität“ und „ein gut organisiertes und beliebtes Unternehmen“ genannt.
Zudem gab es in den Medien Berichte über IS-Zellen, die in der gesamten Türkei operieren, IS-Rekrutierungsstellen auf türkischem Gebiet, sowie die Behandlung verwundeter IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern.
Im Zeitraum von Juli bis Oktober 2015 kam es zu einer Reihe größerer Bombenanschläge, denen Dutzende Menschen zum Opfer fielen. Ermittlungen lassen vermuten, dass der IS hinter diesen Anschlägen steckt. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat die Türkei darauf nicht mit Angriffen gegen den IS reagiert. Stattdessen hat sie weiterhin Standorte der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) im Irak und in der Türkei bombardiert. Hier zeigt sich eine Verbindung zu dem ethnischen Konflikt.
Die Tatsache, dass der IS in der Türkei aktiv ist, erhielt im August 2015 eine weitere Bestätigung: Gegen 15 türkisch-protestantische Gemeinden und ihre Leiter ergingen scharfe Todesdrohungen via Facebook, E-Mail, Webseiten und Handy. Dies berichtete der Informationsdienst World Watch Monitor.

Der ethnische Konflikt mit der kurdischen Minderheit:

Im Juli 2015 wurden bei einem Bombenanschlag in Suruç an der türkisch-syrischen Grenze viele Menschen getötet, mehrheitlich Kurden. Die Reaktion der Kurden in der Türkei und darüber hinaus lieferte der Türkei einen willkommener Vorwand, den Friedensprozess mit den Kurden zu beenden, der seit den 1990er Jahren lief. Alle Bemühungen wurden mit einem Schlag beendet, als die türkische Polizei, Armee und Luftwaffe anfingen, kurdische Standorte in der Türkei, aber auch dem Irak, anzugreifen und zu bombardieren.
Damit begann ein regelrechter Schlagabtausch zwischen den Kurden und der Türkei. Dadurch fiel das Land in einen Bürgerkriegszustand zurück, während die Zahl der Todesopfer beständig steigt. Besonders im Süd-Osten der Türkei, wo einst die syrisch-orthodoxen Christen lebten, ist Reisen äußerst unsicher geworden.
Parallel zu dieser Entwicklung breitete sich eine teilweise paranoide Form von Nationalismus, der schon immer ein wichtiger Faktor in der Türkei gewesen ist, schlagartig aus. Das hat Auswirkungen auf alle Minderheiten, sowohl ethnische als auch religiöse. Griechische, armenische und syrische Christen wurden bedroht. Ethnische Türken, die vom Islam zum Christentum übergetreten waren, erhielten sogar Morddrohungen. Dahinter steckten nicht nur IS-Anhänger, sondern auch „moderate“ Muslime – ein weiteres Indiz für den wachsenden Einfluss des extremistischen Islam.

Grundlegende Veränderungen in der politischen Landschaft:

Im Juni 2015 erlebte Präsident Erdogan bei den parlamentarischen Wahlen seine erste Niederlage, als es seiner Partei „AKP“ nicht gelang, die absolute Mehrheit im Parlament zu gewinnen. Der Grund dafür lag darin, dass viele kurdische Wähler die AKP nicht wählten und stattdessen für die kurdische Partei „HDP“ stimmten (hier zeigt sich wieder die Verbindung zum ethnischen Konflikt). Die AKP erklärte bereits während des Wahlkampfes ihre Absicht, im Fall einer entsprechenden Mehrheit die türkische Verfassung zu reformieren. Ziel dieser Reformpläne war die Etablierung einer präsidialen Demokratie – ein Staat, in dem nicht das Parlament, sondern der Präsident alle finalen Entscheidungen trifft.
Der Wahlausgang war für Präsident Erdogan eine bittere Enttäuschung, und er tat alles in seiner Macht stehende, um die Bildung einer großen Koalition zu verhindern. Die türkische Verfassung erlaubt dem Präsidenten Neuwahlen einzuberufen, wenn es nach einer Wahl nicht rechtzeitig gelingt, eine Regierungskoalition zu bilden. Die Frist verstrich und Erdogan kündigte neue parlamentarische Wahlen für den 1. November an.
Zum Zeitpunkt der Wahlen am 1. November war die Atmosphäre angespannt und polarisiert. Letzten Endes gewann die AKP wieder die Mehrheit im Parlament, sodass eine Koalition nicht länger nötig war. Unmittelbar nach dem Wahlsieg verkündeten Erdogan und die AKP, dass die neue Verfassung ihre höchste Priorität sei, um die präsidiale Herrschaft zu etablieren. Die Wahlen brachten auch bei den anderen Trends keine nennenswerten Veränderungen. Der Konflikt mit den Kurden besteht weiterhin, wie auch die Zurückhaltung der Türken, gegen den IS vorzugehen.
Die AKP ist verantwortlich für den allmählichen Abbau des türkischen Säkularismus, der 1923 von Kemal Atatürk eingeführt wurde. Stattdessen verfolgt die AKP nun eine Agenda der Islamisierung des Landes. Dies gefällt einem Großteil der konservativen Wähler, besonders in den ländlichen Gebieten. Hier wird auch die Verbindung zum religiösen Konflikt deutlich. Kaum jemand zweifelt daran, dass Präsident Erdogan seine Agenda der Islamisierung nach dem Sieg der AKP weiter fortsetzen wird. Die Türkei wird sich vermutlich mittelfristig in eine de facto Diktatur verwandeln, da nach der Verfassungsreform alle Macht beim Präsidenten liegen wird. Auch die Zensur der Medien ist in der Türkei bereits sehr ausgeprägt. Es gibt keine Pressefreiheit.
Auch auf internationaler Ebene hat die türkische Regierung in den letzten Jahrzehnten eine starke Wende vollzogen. Mittlerweile unterstützt sie islamische Regime wie die Muslimbruderschaft in Ägypten und die Hamas/PLO in Israel/Palästina. Israel und dem syrischen Präsidenten Assad hingegen steht die türkische Regierung sehr feindlich gegenüber. Präsident Erdogan macht kein Geheimnis daraus, dass er die Türkei als eines der führenden Länder der Region sieht, was in den Ländern des arabischen Nahen Ostens sehr verhalten aufgenommen wird. Dort dominieren im Blick auf die (von Erdogan bewunderte) osmanische Vergangenheit stark negative Gefühle.

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4. Betroffene Kategorien von Christen

In der Türkei existieren alle vier Kategorien von Christen. Alle sind von Verfolgung betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Maß.

Ausländische Christen: Diese Gruppe lebt überwiegend in den Großstädten: Ostafrikaner (Eritreer und Äthiopier), Iraker, Iraner, Ägypter, Afghanen, Nordafrikaner; viele von ihnen können ohne ein Visum in die Türkei einreisen. Da sie nicht registriert sind, können sie ihren Glauben unbemerkt leben. Das ändert sich allerdings, sobald türkische Bürger zu den Treffen hinzustoßen.

Mitglieder traditioneller Kirchen: Historische armenische, griechische, syrische und katholische Kirchen werden überwacht und gelegentlichen Kontrollen und Einschränkungen durch die Regierung unterzogen. Ihre Mitglieder werden sowohl in behördlichen Angelegenheiten als auch in der öffentlichen Wahrnehmung wie Ausländer behandelt.

Christen mit muslimischem Hintergrund (Konvertiten): Sie müssen die Hauptlast der Verfolgung in der Türkei tragen. Druck kommt von der Familie, Freunden, der Nachbarschaft und sogar lokalen Behörden. Sie werden als Verräter der türkischen Identität und damit des Islam betrachtet.

Mitglieder protestantischer Freikirchen: (z.B. Baptisten, Evangelikale oder Pfingstler): Sie haben größte Probleme, ihren Glauben auszuleben. Finanziell sind sie kaum dazu in der Lage, eigene Räumlichkeiten für den Gottesdienst zu mieten. Viele von ihnen treffen sich deshalb weiterhin in ihren Privatwohnungen, wogegen jedoch Nachbarn protestieren können.

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5. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Erläuterung zum Verfolgungsmuster: Das Verfolgungsmuster für die Türkei illustriert die Auswirkung des Islamischen Extremismus auf die verschiedenen Lebensbereiche. Die durchschnittliche Wertung der fünf Bereiche liegt bei 9,930 Punkten und damit in etwa auf dem Niveau des Vorjahres (9,829). Der Punktzahl für den Bereich „Auftreten von Gewalt“ ist deutlich angestiegen: von 2,407 (WVI 2015) auf 5,185. Dies lässt vermuten, dass der stets präsente Druck auf Christen immer mehr in offene Gewalt umschlägt. Wie das unten stehende Diagramm veranschaulicht, ist der Verfolgungsdruck in den Bereichen „Privatleben“, „Leben im Staat“ sowie „Kirchliches Leben“ am stärksten ausgeprägt. Der Druck auf Christen muslimischer Herkunft ist besonders im Privatleben sehr hoch und wird zumeist durch das direkte private Umfeld ausgeübt. Der allgemeine Druck wird durch den türkischen Nationalismus und ein Regime angeheizt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, das Land zu islamisieren.

(Bitte beachten Sie: Die oberen Zahlen zeigen drei Dezimalstellen an. Sie sind nicht als Tausende zu verstehen.)

Privatleben: Das türkische Gesetz verbietet Glaubenswechsel nicht, dennoch hat es soziale und familiäre Auswirkungen, wenn man vom Islam zum Christentum oder von einer christlichen Denomination zu einer anderen konvertiert. Dies zwingt Christen manchmal dazu, ein Doppelleben zu führen und ihre Konversion zu verbergen. Christen, die ihre Identität vor ihrer Familie verheimlichen, müssen auch ihre Gebete, Bibeln, christliche Literatur, christliches Fernsehen und Webseiten verstecken. Die dadurch oftmals praktizierte Selbstzensur hält sie auch davon ab, sich mit anderen Christen zu treffen. Christliche Symbole wie beispielsweise das Kreuz zu zeigen, würde bedeuten, dass andere dies bemerken und besonders Konvertiten in Gefahr bringen. Selbst Christen, die offen mit ihrem Glauben umgehen, halten sich mit dem Tragen solcher Symbole an der Arbeitsstelle oder in der Schule zurück, da sie negative Reaktionen fürchten. Die Hinwendung zum christlichen Glauben gilt weithin als inakzeptabel. Gerade in konservativen Familien haben es die Konvertiten sehr schwer, offen ihren Glauben zu leben – besonders Frauen. Mitglieder des türkischen Geheimdienstes MIT sind dafür bekannt, dass sie heimlich türkische Gottesdienste besuchen, um die Besucher zu beobachten und die Gottesdienste inhaltlich zu überwachen. In den größtenteils christlichen Dörfern im Südosten des Landes geschieht dies nicht. Christen muslimischer Herkunft werden streng von ihrer Familie und Nachbarschaft überwacht und manchmal sogar von ihren Familien unter Hausarrest gestellt, um sie zum Widerrufen ihres neuen Glaubens zu zwingen.

Familienleben: Für Konvertiten ist es sehr kompliziert, ihre neue Religionszugehörigkeit auf ihrem Ausweisdokument eintragen zu lassen. Wenn auf dem Ausweis noch „Muslim“ steht, werden die Kinder dieser Christen gezwungen, in den Schulen Islamkurse zu besuchen. Sofern die Eltern ihre Religionszugehörigkeit nicht offiziell ändern lassen, wird bei Kindern automatisch die sunnitische Zugehörigkeit eingetragen. Wenn Konvertiten entdeckt werden, droht ihnen Scheidung und Enterbung. Eine Taufe, christliche Trauung oder Beerdigung zu organisieren kann sehr schwierig oder gar unmöglich sein. Konvertiten können außerdem von ihren Familien isoliert oder sogar gezwungen werden, das Familienheim zu verlassen.

Gesellschaftliches Leben: Der Wunsch der Regierung, die Türkei in eine konservative und islamische Gesellschaft zu verwandeln, erschwert den christlichen Minderheiten das Leben enorm. Diskriminierung und Hassreden basierend auf Ethnizität und Religion wurden in den letzten Jahren immer gängiger. Der Druck des IS wurde im Juli 2015 sichtbar, als 15 protestantische Pastoren bedroht wurden, obwohl die Zahl gewalttätiger Anschläge noch relativ niedrig bleibt. Immer wieder schickt der türkische Geheimdienst MIT seine Spione in Gemeinden und überwacht Predigten in Gottesdiensten. Dies geschieht nicht in mehrheitlich christlichen Dörfern. Die türkische Gesellschaft wird immer konservativer und der Islam tritt immer dominanter auf. Christen werden mitunter gezwungen, an gesellschaftlichen Veranstaltungen mit religiösem Inhalt teilzunehmen, wie dem islamischen Fastenbrechen. Christen muslimischer Herkunft werden vonseiten ihrer Familie, Freunde und Nachbarschaft stark unter Druck gesetzt, ihren Glauben aufzugeben. Ein weiterer Bereich, in dem christliche Minderheiten Einschränkungen erleben, ist das Recht auf Bildung. Der schulische Lehrplan enthält Islamkurse für alle Schüler, auch wenn es nicht-muslimischen offen steht, sich davon befreien zu lassen. Berichten zufolge werden jedoch immer wieder Schüler, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, durch Lehrer diskriminiert. Außerdem gibt es Beschwerden über die abfällige Darstellung von Minderheiten in Lehrbüchern. Christen, die an türkischen Universitäten studieren, erhalten keinen Zugang zu höheren Positionen oder gar einer Professur. Diskriminierung fängt jedoch schon sehr viel früher an. Muslimische Schüler können die Punkte, die sie in den Islamkursen erwerben, im Bewerbungsprozess an Universitäten nutzen. Vor allem in den ländlichen Gebieten werden christliche Schüler vonseiten der Schüler und Lehrer diskriminiert. Außerdem sind Christen an ihren Arbeitsplätzen regelmäßig Diskriminierung ausgesetzt, vor allem, wenn ihre Arbeitgeber Beziehungen zur Regierung haben. Sie haben keinen Zugang zu staatlichen Anstellungen. Da die Religionszugehörigkeit auf jedem Ausweis festgehalten wird, ist es sehr leicht, christliche Antragssteller zu identifizieren. Im Berichtszeitraum gab es Vorfälle, bei denen Mitglieder von christlichen Kirchen und Gemeinden von der Polizei zum Verhör einbestellt wurden, auch wenn dies nicht systematisch geschah. Es ist festzuhalten, dass Vorurteile gegen Christen und nicht-muslimische Minderheiten im vergangenen Jahr stark zugenommen haben. Regierungsvertreter und Entscheidungsträger haben in dieser Zeit ihre polarisierende und feindselige Rhetorik gegenüber Minderheiten deutlich verstärkt, und dadurch die Diskriminierung aufgrund von Religion, Ethnie oder sexueller Präferenz angeheizt. Christen sind in der Türkei eine Randgruppe – eine Quelle ging sogar soweit zu sagen, dass sie faktisch „Dhimmi“-Status haben (Dhimmis = „Schutzbefohlene“ des Islam mit eingeschränkten Rechten).

Leben im Staat: Türkischer Nationalismus und – seitdem die AKP an der Macht ist – auch Islamischer Extremismus nehmen starken Einfluss auf die (christlichen) Minderheiten. Die Türkei hat weder die universelle Menschenrechtserklärung noch den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte vollständig implementiert. Die türkische Verfassung steht den Rechten religiöser Minderheiten sehr restriktiv gegenüber. Die Europäische Union hat die Mängel des Schutzes der Religionsfreiheit immer wieder kritisiert und Ankara dazu aufgerufen, das Recht auf verschiedene Lebensstile zu respektieren, sowohl einen säkularen als auch glaubensbasierten, und die Rechte der religiösen Minderheiten des Landes zu schützen. Die eigene Religionszugehörigkeit auf seinem Ausweis ändern zu lassen, ist ein schwieriger Prozess, bei dem die Antragssteller häufig diskriminiert werden. In der Türkei gibt es eine allgemeine Wehrpflicht, die alle männlichen, türkischen Staatsangehörigen ungeachtet ihrer Rasse oder Religion einschließt. Kriegsdienstverweigerer werden rechtlich belangt und können sogar ins Gefängnis kommen. Der Wehrdienst ist naturgemäß sehr nationalistisch geprägt, und so gab es in der Vergangenheit immer wieder Berichte von Diskriminierung religiöser Minderheiten. Das seit 2012 zunehmend autoritäre Auftreten der regierenden AKP hat die Situation der religiösen Minderheiten weiter verschlimmert. Christen muslimischer Herkunft, vor im Südosten des Landes als Gemeindeleiter tätige, werden aufgrund ihrer offenen christlichen Identität von der Polizei und Sicherheitskräften respektlos behandelt. Die Schwierigkeiten, Baugenehmigungen für Kirchen oder den eine Lizenz für das Abhalten religiöser Zusammenkünfte zu bekommen, machen deutlich, dass die Diskriminierung von Christen durch Behörden und im öffentlichen Dienst alltäglich ist. In den ländlichen Gebieten kommt es immer wieder vor, dass Regierungsstellen Land von syrisch-orthodoxen Christen konfiszieren. Es gibt im Parlament lediglich vier Christen, allerdings keinen einzigen Christen im öffentlichen Dienst, in der Justiz oder im Militär. Der Anstieg des Nationalismus hat in der Vergangenheit auch Schwierigkeiten für nicht-muslimische Geschäftsbesitzer verursacht. In den staatlich kontrollierten Medien treten Christen nicht in Erscheinung. Lokale Medien und vor allem Kolumnisten hegen gegenüber Christen starke Vorurteile. Es gab mehrere Berichte von Intoleranz und durch religiösen Hass motivierten Verbrechen gegen türkisch-protestantische Gemeinden, wie zum Beispiel versuchte Brandstiftung und Drohungen. Konvertiten erleben zudem immer wieder Demütigungen und Bedrohungen. Christliche Symbole zu tragen, ist in den größeren Städten weniger ein Problem, im Osten des Landes wird der Druck allerdings immer stärker. Diyarbakir und Gegenden weiter östlich der Stadt werden verstärkt islamisiert, was zu immer größerem Druck gegenüber Gemeinden und ihren Mitgliedern führt, keine religiösen Symbole mehr zu zeigen. Die Regierung und die Gerichtsbarkeit scheinen Mörder und Mitverschwörer zu schützen, wie an stark in der Öffentlichkeit stehenden Fällen der ermordeten Christen von Malatya deutlich wird, die seit Jahren verhandelt werden. Die öffentlichen Medien tendieren dazu, die ermordeten Christen für schuldig zu halten, weil sie sich angeblich falsch verhalten hätten. Es gibt Grund zum Zweifel an der Objektivität der Justiz bei Fällen, die christliche Minderheiten betreffen. Vor allem die kleine protestantische Gemeinschaft erfährt signifikantes Misstrauen von Seiten der Justiz. Das Vertrauen der Nicht-Muslime in die Gerichtsbarkeit ist stark dadurch belastet, dass Hassredner nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Kirchliches Leben: Es ist nahezu unmöglich, eine neue Kirche zu registrieren, auch wenn sich kleinere Gemeinden als Verein registrieren können. Der türkische Geheimdienst MIT beobachtet diese christlichen Gruppen und ihre Aktivitäten sehr genau. Es ist unmöglich, Kirchengebäude zu reparieren oder zu renovieren. Kirchengebäude, Bibelschulen oder Schulen, die in der Vergangenheit konfisziert wurden, werden nicht wieder zurückgegeben. Aktivitäten außerhalb der Kirche zu organisieren, gilt als evangelistische Tätigkeit und wird daher verhindert. Konvertiten können kaum offen in Gemeinden integriert werden. Griechisch-orthodoxe und armenisch-apostolische Leiter werden nur mit staatlicher Erlaubnis anerkannt, besonders wenn diese Leiter von religiösen Gemeinschaften sind, die laut Gesetz nicht existieren und deren persönliche Position gesetzlich nicht anerkannt wird. Die Ausbildung christlicher Leiter ist unmöglich. 15 protestantische Leiter haben vom IS Todesdrohungen erhalten. Es gibt christliche Materialien in türkischer Sprache, aber ihre Verteilung ist äußerst risikoreich. Der Aufbau von Stiftungen, die neue religiöse Gemeinden unterstützen wollen, ist gemäß Artikel 101 des türkischen Bürgerlichen Gesetzbuchs verboten. Manchmal wird ausländischen christlichen Arbeitern die Erneuerung ihres Visums oder ihrer Aufenthaltserlaubnis ohne Begründung untersagt.

Auftreten von Gewalt: Die Verfolgung ist in der Türkei momentan nicht sehr gewaltsam, auch wenn das Maß der Gewalt seit dem letzten WVI zugenommen hat. Im Berichtszeitraum wurden acht Gemeinden attackiert und mehrere Christen wurden verletzt. Am 28. Mai 2015 wurde berichtet, dass Jugendliche christliche Helfer in einem jesidischen Flüchtlingscamp in Şirnak mit Steinen bewarfen. Am 26. Mai erlitt ein weiblicher Flüchtling eine Fehlgeburt, weil sie von drei Jugendlichen außerhalb des Camps mit Steinen beworfen worden war.

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6. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche:

Der amtierende Präsident Erdogan wird für absehbare Zukunft die Führung der türkischen Regierung innehaben.Deshalb ist zu erwarten, dass die Türkei den Weg der Ausweitung islamischer Einflüsse weitergehen und dem starken Mann und Herrscher folgen wird. Eine Konsequenz davon wird die anhaltende Diskriminierung von Christen und anderen religiösen Minderheiten sein. Der erneute Kampf gegen die kurdische Bevölkerung wird den türkischen Nationalismus in neue Höhen führen, was Auswirkungen auf alle Christen in der Türkei haben wird, vor allem aber auf Konvertiten. Die Anwesenheit islamischer Fundamentalisten in der Türkei hat sich bereits als starke Bedrohung für protestantische Pastoren erwiesen; Christen muslimischer Herkunft haben eine ähnliche Behandlung zu erwarten.

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7. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Türkei:

  • um eine faire Berichterstattung über Christen und christliche Einrichtungen in den Medien
  • um Gunst für die Christen und Gemeinden bei den Behörden, damit ein funktionierendes Gemeindeleben möglich wird
  • um Schutz und Stärkung im Glauben für alle Christen, besonders aber für die Pastoren, die mehr als andere im Visier von Behörden und Extremisten stehen
  • um offene Türen für das Evangelium und die Liebe Jesu unter den Türken

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