Olympische Winterspiele in Peking 2022

Fliegen auf Sicht

Wie Christen in China mit dem steigenden Druck umgehen

Die Veranstaltung der Olympischen Winterspiele in Peking lässt den Druck für Christen in China steigen. Zu den coronabedingten Einschränkungen kommt hinzu, dass der Staat ein großes Interesse daran hat, sich in dieser aufmerksamkeitsreichen Zeit von seiner besten Seite zu zeigen. Damit die Christen dem Regime keine Probleme bereiten, werden die Maßnahmen zumindest zeitweise verschärft, das hat die Erfahrung anderer Großveranstaltungen in China gezeigt. Hinzu kommt dieses Jahr, dass im November der 20. Parteikongress der Kommunistischen Partei Chinas stattfinden wird, bei dem Präsident Xi Jinping seine dritte Amtszeit als Generalsekretär antreten will. Das gab es schon seit Jahrzehnten nicht mehr, da diese Position in der Vergangenheit auf zwei Amtszeiten begrenzt worden war.


„Wir fliegen auf Sicht“, sagte ein chinesischer Christ gegenüber Open Doors mit Hinblick auf die aktuelle Situation. Bisher fanden Christen in China immer kreative Wege, mit den Einschränkungen der Regierung umzugehen. Aber wenn der Freiraum insgesamt kleiner wird, wird ist es schwieriger, sich darin geschickt zu bewegen – und es wird vor allem für Christen aus nichtregistrierten Gemeinden wahrscheinlicher, dass sie aus einer schrumpfenden Grauzone in die Illegalität gedrängt werden.

Zur allgemeinen Situation von Christen in China

Die christliche Minderheit wird von der Kommunistischen Partei als Bedrohung angesehen. Die Partei verfolgt eine Politik der „Sinisierung“ der Kirchen. Das bedeutet, dass die Kommunistische Partei die Kirchen immer stärker kontrolliert und versucht, sie an ihre Werte und Ziele anzupassen. Früher wurden vor allem große Kirchen, die politisch aktiv waren oder ausländische Gäste einluden, überwacht und geschlossen; jetzt kann dies jede Kirche treffen, ob unabhängig oder staatlich anerkannt. Anstatt jedoch ein Kirchengebäude öffentlich zu schließen, verweigern die Behörden einfach die Wiedereröffnung, nachdem die coronabedingten Beschränkungen aufgehoben worden sind. Infolgedessen sind einige Kirchen und Gottesdienstorte einfach verschwunden. Die Gemeinden müssen sich häufig in kleine Gruppen aufteilen, die sich online treffen.
 

Mehrer Männer sitzen mit ihren Bibeln um eine Tisch
Viele Chinesische Christen müssen sich in kleineren Gruppen Zuhause oder online treffen


Außerdem stehen christliche Konvertiten aus dem Islam oder dem tibetischen Buddhismus unter erheblichem Druck. Wird ein Konvertit von seiner Gemeinschaft oder Familie entdeckt, so folgen häufig Drohungen, tätliche Angriffe oder eine Anzeige bei der Polizei. Es kommt auch vor, dass Ehepartner zur Scheidung gezwungen werden.

Durch die Olympischen Winterspiele dieses Jahr rückt China wieder mehr in den Blick der Weltöffentlichkeit. Zu diesem Anlass haben wir unseren Analysten für Asien interviewt und ihn nach der aktuellen Situation für Christen in China gefragt. Er berichtet, wie es den verfolgten Christen in China geht und wie die Verfolgung vor Ort aussieht.
 

Die Bibel in China – wie lange noch?

Schon im Jahr 2018 verbot die chinesische Regierung den Verkauf von gedruckten Bibeln über das Internet. Einzig Buchläden der staatlich anerkannten Drei-Selbst-Bewegung bieten seither noch die Möglichkeit, eine Bibel in Buchform legal zu erwerben. Dort müssen aber häufig diejenigen, die Bibeln für größere Gruppen von Christen kaufen wollen, ihre persönlichen Daten hinterlegen.
 

Eine Person sitzt mit einer Tasse und einer Bibel an einem Tisch
Der Erwerb von Bibeln in Buchform wird immer schwieriger, weshalb digitale Bibeln weit verbreitet sind


Deshalb wurden digitale Bibeln schnell zur Norm. Doch auch dagegen geht das Regime nun immer stärker vor. Im Juli 2020 beispielsweise wurden alle vier Mitarbeiter eines beliebten Herstellers von Audiobibeln festgenommen und später zu Haft- und Geldstrafen verurteilt. Man warf ihnen „illegale Geschäfte“ vor – ein Hieb aus dem Nichts, hatte ihr Betrieb doch seit vielen Jahren bestanden und war auch offiziell registriert gewesen. Darüber hinaus schränkt die Regierung schon seit Jahren die freie Meinungsäußerung im Internet ein und zensiert Online-Inhalte. App-Anbieter müssen zunehmend offizielle Genehmigungen für ihre Produkte einholen, die zu erhalten fast unmöglich zu sein scheint. Von diesen Restriktionen sind auch Bibel-Apps betroffen. So ist seit Oktober 2021 die bekannte Bibel-App „Olive Tree“ in China nicht mehr zugänglich.

Zhang Ming*

„Ich habe keine Angst,
obwohl mir sehr bewusst ist,
dass die Verfolgung zunimmt.“

Während so immer mehr Bibeln aus dem Netz verschwinden, bleiben die chinesischen Christen zuversichtlich, dass sie auch in Zukunft mit Gottes Hilfe Wege finden werden, an Bibeln zu gelangen. „Ich habe keine Angst, obwohl mir sehr bewusst ist, dass die Verfolgung zunimmt“, meint Zhang Ming*, ein Christ aus China. „Verfolgung und Schwierigkeiten können wir nicht allein durchstehen, aber wenn wir dem Herrn vertrauen, werden wir siegreich darin sein.“
 

Hintergrund: Verfolgung und Erweckung in China

Eigentlich hat der christliche Glaube in China eine lange Geschichte. Bereits im 7. Jahrhundert gab es Christen in China. Im 13. Jahrhundert wirkten katholische, ab dem frühen 19. Jahrhundert evangelische Missionare im Land, doch blieben Christen lange Zeit eine kleine Minderheit. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei unter Mao Zedong wurden Christen stark verfolgt, doch gelang es den Machthabern nicht, die Kirche auszulöschen – im Gegenteil.

Bald nach Ausrufung der Volksrepublik (VR) China 1949 wurden die Kirchen gedrängt, sich staatlich kontrollierten Verbänden anzuschließen: der protestantischen „Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung“ oder der „Katholisch-Patriotischen Vereinigung“. Pastoren, die sich weigerten, wurden verfolgt. Trotz der Gefahr bildeten sich Hauskirchen, die sich in kleinen Gruppen trafen. In den 1960er-Jahren schottete sich das Land völlig von der Außenwelt ab. Alle Ausländer waren bereits ausgewiesen worden. Niemand durfte die VR China besuchen, niemand verlassen. Mit einer „Kulturrevolution“ wollte Mao das Land von antikommunistischen Einflüssen reinigen. Viele Pastoren wurden verhaftet und manche hingerichtet, doch die Hauskirchen versammelten sich weiterhin – wenn nötig, um 4 Uhr morgens, im Schutz der Dunkelheit, in Höhlen, Wäldern oder Zuckerrohrfeldern. Sie lernten, durch Fenster und Hintertüren zu fliehen oder sich die ganze Nacht auf den Feldern zu verstecken.

Nach Maos Tod begann sich das Land zu öffnen. Auch die Kirche hatte etwas mehr Freiheit und erlebte seit den 1980er-Jahren ein enormes Wachstum. Selbst in Gefängnissen gab es kleine Erweckungen, denn inhaftierte Christen erklärten ihren Mithäftlingen mutig das Evangelium. In vielen Hauskirchen besaß nur der Leiter eine Bibel, aber oft keinerlei biblisch-theologische Ausbildung. Damit war die Gefahr von Missverständnissen oder Irrlehren verbunden. Open Doors begann daher mit Schulungen von Gemeindeleitern. In den 1990er-Jahren nahmen Druck und Überwachung wieder zu. Nach der Jahrtausendwende folgte eine Zeit relativer Freiheit für die chinesischen Gemeinden, bis sich mit dem Amtsantritt von Präsident Xi Jinping das Blatt erneut wendete. Er erklärte, Religionen müssten staatlich kontrolliert und „sinisiert“ (der chinesischen Kultur angepasst) werden. Seither wächst der Druck auf die Gemeinden durch immer restriktivere Gesetze, verschärfte Überwachung, Verhaftungen von Pastoren und die Schließung Tausender Kirchen.
 

*Name geändert

 

Diese Texte sind ein Auszug und eine Vorveröffentlichung aus unserem Monatsmagzin für April. Lesen Sie mehr zur Situation der Christen in China.

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