Christen in Nordkorea

Seit 2002 steht Nordkorea auf Platz 1 des Weltverfolgungsindex von Open Doors. Auch wenn einige Showkirchen in der Hauptstadt Pjöngjang den Anschein von Religionsfreiheit erwecken sollen, werden Christen auf das Schärfste verfolgt. Wenn sie entdeckt werden, werden sie in eines der gefürchteten Arbeitslager verschleppt oder auf der Stelle getötet.

1903–1910 hatten sich in einer großen Erweckung viele Koreaner entschieden, Jesus nachzufolgen, vor allem im Norden des Landes. Pjöngjang wurde wegen seiner vielen Kirchen als „Jerusalem des Ostens“ bekannt. Während der japanischen Besatzung 1910–1945 wurden Christen verfolgt, weil sie die Kaiserverehrung verweigerten. Kim Il Sung ließ in der 1948 gegründeten „Demokratischen Volksrepublik Korea“ Christen hart und systematisch verfolgen. Bis zum Ende des Koreakrieges (1950–1953) flohen bis zu 1,5 Millionen Nordkoreaner in den Süden, unter ihnen viele Christen. Im Norden wurden zehntausende Christen inhaftiert, in entlegene Regionen verbannt oder getötet. Vor dem Koreakrieg gab es schätzungsweise 500.000 Christen in Nordkorea, zehn Jahre später schien die Kirche aus dem Land verschwunden zu sein. Doch blieb eine Untergrundgemeinde heimlicher Christen erhalten, welche bis heute über 70 Jahre schwerer Verfolgung überdauert hat und sogar wieder gewachsen ist.
 

Symbolbild: Nordkoreanische Christinnen in Südkorea
Symbolbild: Nordkoreanische Christinnen in Südkorea

Indoktrinierung und Überwachung

Nordkorea ist offiziell ein atheistischer, kommunistisch-stalinistischer Staat. In der Praxis steht allerdings der Führerkult im Vordergrund. Die gottgleiche Verehrung der Kim-Familie lässt keinerlei Raum für eine andere Religion. Jeder Nordkoreaner muss über 100 Seiten ideologischer Lehrmaterialien auswendig lernen, darunter Gedichte und Lieder, welche die Kim-Dynastie verherrlichen. Zehntausende Denkmäler wurden zu ihrer Ehre im Land errichtet. Bereits im Kleinkindalter beginnt die staatliche Indoktrination. Kinder können dadurch so stark beeinflusst werden, dass sie ihre Eltern verraten – in der Überzeugung, das Richtige zu tun. Aus diesem Grund erzählen viele Christen ihren Kindern nichts von Jesus. Im Erwachsenenalter setzt sich die Indoktrinierung fort: Die Teilnahme an wöchentlichen Versammlungen zur ideologischen Schulung ist ebenso Pflicht wie Sitzungen, in denen Selbstkritik geübt werden muss. Die gesellschaftliche Kontrolle ist enorm, etwa durch das kommunistische System der Nachbarschaftswache. Geheimdienste machen mit ausgefeilten Methoden Jagd auf Christen und versuchen, Untergrundnetzwerke aufzuspüren. „Es gibt ein Sprichwort in Nordkorea: ‚Wenn drei sich treffen, ist einer ein Spion‘“, erklärt Sang Hwa*, die aus dem Land fliehen konnte und inzwischen in Südkorea lebt.

Verfolgung konnte die Gemeinde nicht auslöschen

Trotz aller Gefahren halten Christen an ihrem Glauben fest. Einige wagen es, ihren Glauben an ihre Kinder weiterzugeben. „Mein Vater betete mehr als fünf Jahre, bevor Gott ihm die Möglichkeit gab, mir das Evangelium zu erklären“, berichtet Sang Hwa. So besteht die Untergrundgemeinde nicht nur aus den noch lebenden Christen, welche den christlichen Glauben vor Kim Il Sungs Machtübernahme kennengelernt haben – auch aus der Kinder- und Enkelgeneration folgen einige Jesus nach. Andere Nordkoreaner wurden nach ihrer Flucht in China Christen und kehrten zurück, um das Evangelium weiterzugeben. Doch ist es nicht nur sehr gefährlich, sondern aufgrund der Indoktrination auch sehr schwierig, den Glauben zu vermitteln, selbst innerhalb der Familie. Manche Nordkoreaner verstehen erst nach der Flucht ins Ausland, was ihnen ihre Angehörigen eigentlich sagen wollten.

Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Einen schweren Einschnitt für Nordkorea bedeutete der Tod Kim Il Sungs 1994. Kurz nach seinem Tod brach eine schwere Hungersnot aus. Viele Nordkoreaner flohen nach China, wo sich Christen um die Flüchtlinge kümmerten. Nicht wenige Nordkoreaner fanden dort zum Glauben an Jesus. Auch in Nordkorea selbst hat Kim Il Sungs Tod einiges aufgebrochen. Hana*, eine Christin, die inzwischen aus Nordkorea fliehen konnte, erklärt: „Nachdem Kim Il Sung 1994 starb, haben sich so viele Dinge in unserem Land geändert. Bis dahin dachten die meisten Leute wirklich, er sei ein Gott. Nach seinem Tod wurde uns bewusst, dass die Führer Menschen waren wie wir. Dann kam die Hungersnot und die Unterdrückung wurde schlimmer. Die Menschen verzweifelten. Seit dem Tod Kim Il Sungs gibt es einen enormen geistlichen Durst unter den Nordkoreanern.“ Durch Flüchtlinge, die wieder nach Nordkorea zurückkamen, sowie durch eingeschmuggelte Materialien wie südkoreanische Filme dringen immer mehr Informationen in das extrem abgeschottete Land, welche Zweifel an der Regierungspropaganda säen.

*Name geändert

Blickpunkt Nordkorea

 

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