Konvertitenbericht 2021

Editorial von Markus Rode zur Erhebung

„Wird die Menschenwürde christlicher Konvertiten angetastet?“

Markus Rode ordnet die Ergebnisse ein, die in der repräsentativen Erhebung zu sehen sind, welche Open Doors 2021 zur asylrechtlichen Situation von christlichen Konvertiten veröffentlicht hat.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Mit diesem wichtigsten Artikel des Grundgesetzes verpflichtet sich die Bundesrepublik Deutschland, die individuellen Menschenrechte jedes Einzelnen besonders zu achten und zu schützen.


Das gilt auch für die Flüchtlinge, die Deutschland aufgenommen hat, besonders in den Jahren 2015 und 2016 auf dem Gipfel der sogenannten „Flüchtlingskrise”, um sie vor Kriegen und Verfolgung zu schützen.
 

Zur Würde des Menschen gehört der persönliche und frei gewählte Glaube, der durch das Recht auf Religionsfreiheit geschützt ist. In den muslimischen Herkunftsländern, aus denen viele der Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wird diesem Recht kaum Beachtung geschenkt. Davon betroffen ist auch die Mehrheitsbevölkerung, vor allem aber Anhängern nichtmuslimischer Religionen wie den Christen wird dieses Recht durchweg verweigert. In Ländern wie Syrien, Iran, dem Irak, Pakistan und Afghanistan wird die Konversion zum christlichen Glauben oder einer anderen Religion als Apostasie, d. h. Abfall vom Islam, in Anlehnung an den Koran als todeswürdiges Verbrechen geahndet.


Die Herkunftsländer der meisten Flüchtlinge belegen auf dem jährlich von Open Doors veröffentlichten Weltverfolgungsindex die vorderen Plätze. Sie gehören zu den Ländern, in denen Christen einem sehr hohen bis extremen Maß an Verfolgung ausgesetzt sind. Zum Wunsch nach Frieden und Freiheit gehört für die allermeisten Flüchtlinge auch die Möglichkeit, ihren Glauben frei zu wählen und auszuleben – ohne Furcht vor staatlichen Behörden, religiösen Extremisten oder ihren eigenen Angehörigen.


Zehntausende Flüchtlinge haben sich in Deutschland für den christlichen Glauben entschieden. Sie wurden hier getauft und nehmen am Leben der Kirchengemeinden teil. Insofern sehen wir mit großer Sorge, dass in den Asylverfahren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und auch in Verhandlungen der Verwaltungsgerichte die Bescheinigungen der Pfarrer und Pfarrerinnen sowie Pastoren und Pastorinnen zum Glaubensleben der Konvertiten immer noch viel zu wenig Beachtung finden. Open Doors hatte bereits in der Erhebung vom Oktober 2019 darauf hingewiesen und um Nachbesserung gebeten. Hinzu kommt, dass sich die Verwaltungsgerichte vielfach an den Bescheiden des BAMF orientieren, so dass auch die besonders gefährdeten christlichen Konvertiten noch seltener als in den ersten Jahren der Flüchtlingskrise Asyl in Deutschland erhalten und in mehreren Fällen bereits in Länder wie Afghanistan oder Iran abgeschoben wurden.


Eine Prüfung von Asylverfahren im Geiste von Artikel 1 des Grundgesetzes würde dazu führen, dass das Recht auf Religionsfreiheit für alle Menschen in unserem Land gleichermaßen geschützt wird. Ablehnungsbescheide, die sich über die freie Bekundung des Glaubens von Konvertiten hinwegsetzen und in denen die Bescheinigungen der sie betreuenden Geistlichen kaum Berücksichtigung finden – wie in den Erhebungen ersichtlich – berauben die Flüchtlinge ihrer Menschenwürde.


Sicher gibt es auch einige schwarze Schafe, die eine Konversion lediglich vortäuschen. Diese Einzelfälle dürfen jedoch nicht zu einem Generalverdacht gegen alle Konvertiten führen, als bekenne sich ein Großteil von ihnen lediglich aus asyltaktischen Gründen zum christlichen Glauben. Besonders iranische Asylbewerber sehen sich häufig mit diesem Verdacht konfrontiert. Tatsächlich kommt es aber gerade in Iran seit Jahren zu einer hohen Zahl von Konversionen trotz harter Verfolgung.


Die von uns und unseren Partnern vorgelegte repräsentative Erhebung zur Situation der Asylverfahren und -entscheide ist die zweite ihrer Art. Sie soll als Grundlage für ein Umdenken dienen. Ich hoffe sehr, dass dieser Bericht die Situation der vielfach bereits traumatisierten christlichen Konvertiten in Deutschland verbessert. Hier wäre entscheidend, dass die offensichtlich mangelnde Vertrauensbasis der Politik zu den Geistlichen aller Kirchen und zu den christlichen Konvertiten gestärkt würde.


In einer Zeit weltweit zunehmender Verfolgung von Christen bedarf es eines Weckrufes, damit Politiker sowie Richter und BAMF-Entscheider sich ihrer besonderen Verantwortung für den Schutz der Menschenwürde stellen – gerade für solche, die aufgrund ihres Glaubens diskriminiert und verfolgt werden. Möge diese Erhebung dazu einen wichtigen Beitrag leisten.
 

Kelkheim, den 06.08.2021

Markus Rode
Leiter Open Doors Deutschland

 

Zur Erhebung 2021

 

Christliche Flüchtlinge in Deutschland
In den vergangenen Jahren haben wir mithilfe von Erhebungen die Situation christlicher Flüchtlinge in Deutschland beleuchtet und Forderungen an die Politik gestellt.
Zusammenfassung der Erhebung 2021
In der Executive Summary erfahren Sie in zusammengefasster Form mehr über Aufbau, Form und Ergebnisse der Erhebung zur Situation geflüchteter Konvertiten 2021.