Interview interview

Interview: Wozu eine Kirche, die kein Evangelium predigt?

Wie turkmenische Christen darum ringen, trotz Verfolgung von ihrem Glauben zu reden

Batyr kommt aus Turkmenistan. Wegen seines Glaubens hat er schlimmste Folter erlitten, dann floh er aus dem Land. Seither lebt er im europäischen Exil. Als wir ihn trafen, berichtete er von neuen Formen, mit denen die turkmenischen Hauskirchen verfolgt werden; er erzählte von seiner Vision einer lebendigen Kirche, die in Turkmenistan das Evangelium weiterträgt – und wie er persönlich zu Jesus Christus fand.
 

Batyr aus Turkmenistan im Interview
Bild: Batyr aus Turkmenistan, jetzt im Exil, im Interview

Batyr, als Du zum Glauben kamst, gab es noch kaum turkmenische Christen.

Ja, ich war erst der siebte Turkmene, der zum Glauben an Jesus kam. Das war 1993. Vorher waren wir alle Muslime, wie die anderen Turkmenen auch.

Wie hast Du dann vom christlichen Glauben erfahren?

Durch einen turkmenischen Mann, der in Moskau studierte. Als die Sowjetunion 1991 auseinanderbrach, traf er dort Missionare und bekehrte sich. Begeistert vom Glauben kam er zurück nach Turkmenistan und in mein Dorf. Durch sein Zeugnis bin ich Christ geworden.

Und bis dahin gab es im ganzen Land noch keine Christen?

Doch, es gab zwei russische Kirchen. Aber dort waren nur Russen, keine Turkmenen. Und zur Zeit des Kommunismus war es diesen russischen Christen nicht erlaubt, auch nur einen einzigen Satz aus der Bibel auf Turkmenisch zu übersetzen. Sie haben auch nicht evangelisiert. Und so waren wir die erste Generation von Turkmenen, die Christen wurden.

Wart ihr damals schon mit Anfeindungen konfrontiert?

Ja, mit großen. Der neue Glaube stand gegen den Islam. Er stand gegen die Kultur, die Politik, die Gesellschaft und einfach alles. Die Menschen konnten nicht begreifen, wie ein Turkmene Christ werden kann. Nach ihrem Verständnis gilt der Glaube von der Geburt an. Wenn du zum Beispiel Russe bist, bist du schon als Christ geboren. Wenn du Turkmene bist, bist du als Muslim geboren. Wenn man vom Christentum zum Islam konvertieren will, gibt es aber keine Probleme – nur andersherum.

Wie ist die Situation heute? Werden Christen in Turkmenistan verfolgt?

Das Problem ist immer noch dasselbe. Nur: 2016 ist ein neues Religionsgesetz erlassen worden. Jetzt ist es für Christen noch schwerer geworden. Wenn ein Pastor das Evangelium verkündet, verstößt er gegen das Gesetz. Dann kann er vor Gericht bestraft werden. Aber wenn die Kirche das Evangelium nicht predigt – wozu brauchen wir dann eine Kirche in dieser Welt? Außerdem verbietet das neue Gesetz es, vom Islam zum Christentum überzutreten. Schon früher, auch ohne das Gesetz, wurden Konvertiten verfolgt, aber jetzt ist es im Gesetz festgeschrieben. In einem Satz zusammengefasst sagt das Gesetz aus, dass Turkmenen ihre Religion nicht frei wählen dürfen.

Welche Auswirkungen hat das für die Hauskirchen?

Es wird jedes Jahr schwieriger, sich zu treffen. Jeder Pastor, Gemeindeleiter oder Ältester, der den Behörden bekannt ist, wird 24 Stunden am Tag beobachtet. Ihre Telefone werden abgehört. Wenn ein Pastor aus dem Fenster schaut, sieht er das Auto vom Geheimdienst vor seiner Wohnung stehen. 24 Stunden am Tag steht es da. Das Personal wechselt sich ab, damit sie ihn die ganze Zeit beobachten können. Wohin er auch fährt und wer ihn besucht – alles wird notiert. Denn sie wissen, dass die Versammlungen der Hauskirchen nicht ohne Pastoren und Älteste stattfinden. Es ist sehr schwer oder sogar unmöglich für Pastoren, ihre Hausgemeinden zu führen.

Das heißt, die Verfolgung trifft jetzt gerade die Pastoren und Leiter?

Ja, sie bauen jetzt großen psychischen Druck auf Pastoren und Gemeindeleiter auf. Jeden Monat werden sie „eingeladen“ und müssen sich vor den Beamten rechtfertigen, was sie tun und erklären, wo sie wohnen. Außerdem besteht die totale Kontrolle und Überwachung, von der ich schon gesprochen habe. Das ist sehr schwierig. Solange diese Kontrolle besteht, können die Gemeinden nicht richtig aktiv sein. Man könnte also sagen, dass die Art der Verfolgung sich gewandelt hat. Ich würde sagen, dass die gegenwärtige Situation viel schlimmer ist als die vorherige.

Wie können wir für die Christen in Turkmenistan beten?

Bitte betet, dass der Herr uns Glauben schenkt. Betet, dass wir nicht von Angst geleitet, sondern von Gottesfurcht erfüllt sind. In Apostelgeschichte 4,29-31 beten die Apostel: „Höre nun, Herr, wie sie uns drohen, und hilf uns als deinen Dienern, furchtlos und unerschrocken deine Botschaft zu verkünden. Erweise deine Macht, und lass durch den Namen deines heiligen Dieners Jesus Kranke geheilt werden und Wunder und außergewöhnliche Dinge geschehen!“ Das ist das Gebet der Christen in Turkmenistan. Und das, die frohe Botschaft zu verkünden, ist die Funktion der Kirche. Wenn sie diese Funktion nicht erfüllt – wozu brauchen wir sie dann?

Vielen Dank, Batyr.

Dieses Interview wurde am 06.06.2018 von Mitarbeitern von Open Doors Deutschland geführt.

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