Länderprofil Indonesien

Indonesien

47
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Indonesien
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
49
ISO
ID
Karte Indonesien
Christen
33,19
Bevölkerung
272.22
Islamische Unterdrückung
Religiös motivierter Nationalismus
Privatleben: 11.500
Familienleben: 11.400
Gesellschaftliches Leben: 12.400
Leben im Staat: 10.700
Kirchliches Leben: 9.300
Auftreten von Gewalt: 7.800

Länderprofil Indonesien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 47 / 63 Punkte (WVI 2020: Platz 49 / 60 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Viele Christen muslimischer Herkunft erleben Druck durch ihre Familie. Die Intensität des Drucks variiert jedoch je nach Familiensituation und Ort und besteht meist aus Isolation, verbalen Angriffen wie Beschimpfungen usw. Nur ein kleiner Teil der christlichen Konvertiten muss körperliche Gewalt für seinen christlichen Glauben erleiden. Außerdem hängt der Grad der Verfolgung davon ab, in welcher Region Indonesiens sich all dieses abspielt. Es gibt bestimmte Brennpunkte wie West-Java oder Aceh, in denen extremistisch-islamische Gruppen stark sind und einen großen Einfluss auf Gesellschaft und Politik ausüben.

Sobald entdeckt wird, dass eine Kirche das Evangelium verkündigt, wie es viele evangelikale und Pfingstgemeinden tun, bekommt diese Probleme mit extremistischen islamischen Gruppen. Ebenfalls von der Region abhängig haben protestantische Freikirchen Schwierigkeiten, eine Erlaubnis zu erhalten, um Kirchengebäude zu bauen. Selbst wenn sie es schaffen, alle rechtlichen Vorgaben zu erfüllen (inklusive gewonnener Gerichtsprozesse), ignorieren lokale Behörden sie oft. Es gab auch Berichte von katholischen Kirchen, die ebenfalls Schwierigkeiten hatten, Baugenehmigungen zu erhalten. Auch wenn die Wertung auf dem Weltverfolgungsindex 2021 und 2020 niedriger ist als 2019, geht der Trend nur in eine Richtung: Die Situation der Christen hat sich in den letzten Jahren verschlechtert; die indonesische Gesellschaft ist hinsichtlich des Islam konservativer geworden. Während der Covid-19-Krise gab es mehrere Vorfälle, die zeigten, dass eine stärker werdende, intolerante Haltung gegenüber Religionsfreiheit für Minderheiten existiert, insbesondere für Christen.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

63

47

2020

60

49

2019

65

30

2018

59

38

2017

55

46

Der Anstieg der Wertung um 3,3 Punkte im Vergleich zum Weltverfolgungsindex 2020 ist darauf zurückzuführen, dass über mehr Druck auf Christen berichtet wurde. Dadurch stieg die Punktzahl in allen Lebensbereichen bis auf das kirchliche Leben an; hier ging der Druck leicht zurück. Im zweiten Berichtszeitraum in Folge gab es keine Bombenangriffe auf Kirchen. Einige Kirchen wurden jedoch bei ihren Treffen behindert. Ein Pastor in Papua wurde getötet, vermutlich von einem Soldaten der Regierung. Mehr als 50 Christen wurden von ihrem Land in Ost-Nusa-Tenggara vertrieben. Dutzende extremistischer Muslime wurden von den Behörden festgenommen und Anschläge so verhindert.

2. Trends und Entwicklungen

1) Die Regierung kämpft damit, das Land zu einen, während sich immer mehr Menschen radikalisieren

Indonesien stehen schwierige Zeiten bevor. Die Tatsache, dass ethnische und religiöse Zugehörigkeit ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für politische Zwecke missbraucht wurden, hat viele Indonesier schockiert und dem internationalen Image des Landes als Förderer eines toleranten Islam erheblich geschadet. Die Radikalisierung geht weiter und findet zunehmend online statt; Schulen, Universitäten und Behörden tun sich schwer, ein Gegenmittel dafür zu finden. Bezüglich des Islamismus in Indonesien müssen in den kommenden Monaten und Jahren eine Reihe von Entwicklungen beobachtet werden:

  • Die größte islamische Organisation Indonesiens, Nahdlatul Ulama (NU), ist in einen Kampf um ihre theologische Ausrichtung verwickelt. Viele junge Geistliche sehen die relativ liberale Ausrichtung des Islam Nusantara (auch „Inselislam“ genannt) als nicht vereinbar mit klassischer islamischer Theologie und den zugehörigen Werten. Mehrere junge Geistliche haben innerhalb der NU eine Gruppe gebildet, die sich „Wahrer Pfad“ nennt. Jahrzehntelang verfolgte die NU einen gemäßigten Kurs, verbunden mit politischer Neutralität, doch in den letzten Jahren ist sie zunehmend islamistisch und politisch aktiv geworden. Es bleibt abzuwarten, ob die Tatsache, dass der Vizepräsident ein hoher Würdenträger der NU ist, zu einer konservativeren Politik führen wird. Ebenso sind viele Mitglieder der Muhammadiyah-Organisation nicht mit ihrem Leiter einverstanden und haben entschieden, sich ebenfalls radikaleren Gruppen anzuschließen. Die Tatsache, dass junge Mitglieder der Muhammadiyah eher an einem radikalen Islamverständnis interessiert sind, wird Konsequenzen für alle zukünftigen Wahlen haben. Beide Organisationen kämpfen darum, ihre Vision eines gemäßigten Islam in einer pluralistischen Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen und junge Menschen einzubinden.
  • Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch das Wiedererstarken extremistischer und gewalttätiger islamischer Gruppen bleibt abzuwarten, wie erfolgreich die Behörden bei der Eindämmung dieser Bedrohung sind und ob sich die Angriffe auf die Sicherheitsorgane beschränken oder wieder religiöse Minderheiten zum Ziel haben werden. Gleichzeitig muss die Regierung Wege finden, die Unterstützung der Gesellschaft für solche Gruppen in bestimmten Regionen des Landes zu verringern. Dass diese Radikalisierung mehr und mehr online stattfindet, macht diese Aufgabe nicht einfacher. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass bis Ende 2021 etwa 270 wegen terrorismusbezogener Anklagen verurteilte Gefängnisinsassen zur Entlassung anstehen, wobei diejenigen, die sich in Polizeigewahrsam befinden, nicht berücksichtigt sind. Auch wenn die Rückfallquote nur etwa 10 Prozent beträgt, stellt dies eine große Herausforderung für die Behörden und die Gesellschaft insgesamt dar. Eine wachsende Zahl von indonesischen Anhängern der Ideologie des sogenannten „Islamischen Staats“ (IS) greift auf Heimunterricht zurück, um eine Generation von militanten „IS-Kindern“ aufzuziehen.
  • Eine weitere Frage, die es zu beobachten gilt, ist, ob Indonesien seine Blasphemiegesetze erweitern wird und wie die mögliche Umsetzung aussehen könnte. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) haben eindringlich vor einem solchen Schritt gewarnt, aber der Präsident könnte ihn als eine hervorragende Möglichkeit sehen, dem wachsenden Konservatismus in der Gesellschaft entgegenzukommen. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass die Stimmabgabe für extremistische Parteien auf lokaler Ebene nicht unbedingt das Ausmaß der Gewalt erhöht, aber dennoch die Mehrheitsbevölkerung ermutigt, radikalere und intolerantere Ansichten zu übernehmen.

2) Wachsender Autoritarismus und Polarisierung

Die Tatsache, dass Indonesien Gefahr läuft, seinen Ruf als Vertreter eines toleranten Islam zu verlieren, bedeutet auch, dass die Regierung sich verpflichtet fühlt, das Motto des Landes „Einheit in der Vielfalt“ noch offener zu verteidigen, um der Gründungsideologie der Nation, der Pancasila, treu zu bleiben. Es wird jedoch eine enorme Herausforderung sein alle Bürger zu berücksichtigen, einschließlich aller ethnischen und religiösen Minderheiten. Es wurden Anstrengungen unternommen, ein Gesetz zur Umsetzung der Pancasila zu entwerfen. Aber dies würde die Gefahr bergen, dass die Auslegung der Pancasila monopolisiert und als politische Waffe missbraucht werden könnte, was sowohl dem inklusiven Ansatz der Pancasila, als auch der Stellung der religiösen Minderheiten schaden würde. Diesem Thema wurde sogar das Potenzial zugeschrieben, verschiedene islamistische Gruppen wieder zusammenzubringen, die sich für ein gemeinsames Anliegen einsetzen. Die Rückkehr des Anführers der militanten „Front Pembela Islam“ („Islamische Verteidigerfront“, FPI), Rizieq, nach Indonesien könnte sich als Katalysator für die islamisch-extremistischen Gruppen erweisen. Eine seiner ersten Predigten nach seiner Ankunft gab den Ton an, der in Zukunft zu erwarten ist: In dieser Predigt forderte er die Hinrichtung derjenigen, die Blasphemie gegen den Islam begehen. Es ist beruhigend, dass das Oberste Verwaltungsgericht entschieden hat, dass die flächendeckende Internetsperre in Papua rechtswidrig war, so dass es noch Korrekturen gibt. Dennoch sind weitere Herausforderungen zu erwarten.

Das zweite Kabinett von Präsident Joko Widodo (weithin bekannt als „Jokowi“) umfasst sechs Minister mit militärischem Hintergrund (einschließlich des Ministers für Religion) und einen mit polizeilichem Hintergrund, was zeigt, wie sehr Indonesien immer noch auf die Streitkräfte zählt und wie wichtig Sicherheitsfragen sind. Es wäre jedoch eine Übertreibung, von einer „Remilitarisierung“ der indonesischen Politik zu sprechen. Autoritarismus und Majoritarismus werden auch in dem Bemühen eingesetzt, das Land zusammenzuhalten und Schwierigkeiten und Spannungen auszugleichen. Eine weitere Facette des wachsenden Autoritarismus ist die Fortführung und tatsächliche Zunahme dynastischer Politik. Indonesien war dafür schon immer anfällig, aber die Regionalwahlen im Dezember 2020 (die nach Ende des Berichtszeitraums stattfanden) zeigten einen neuen Höhepunkt: Der älteste Sohn von Präsident Jokowi kandidierte für den Bürgermeisterposten in Surakarta und in Tangerang Selatan trat die Nichte des Verteidigungsministers Prabowo Subianto gegen die Tochter des Vizepräsidenten Ma'ruf Amin an. Dies verdeutlicht, wie schwierig es für Minderheiten ist, sich eine Stimme gegen die persönlichen Interessen der Mächtigen zu verschaffen.

Schließlich zeigte sich der weithin anerkannte demokratische Niedergang Indonesiens in seiner Reaktion auf die Covid-19-Krise. Während wachsender religiöser Konservatismus und Populismus eine starke Rolle spielten, wurde die zunehmende politische Polarisierung des Landes zwischen Islamisten und sogenannten Pluralisten als entscheidend angesehen. Diese Polarisierung wird auch weiterhin die indonesische Politik bestimmen.

3) Covid, China und andere Herausforderungen

Die inkonsequente und schwache Reaktion der Regierung auf die Covid-19-Krise wird längerfristige Folgen weit über die soziale und wirtschaftliche Landschaft des Landes hinaus haben. Eine zusätzliche Herausforderung ist die Frage, wie sich Indonesien als aufstrebende politische und wirtschaftliche Kraft als viertgrößtes Land der Welt und größtes muslimisches Land positioniert.

Eine der größten Herausforderungen ist, eine funktionierende Beziehung mit China zu finden. Obwohl Indonesien behauptet, keine territorialen Streitigkeiten mit China und chinesischen Ansprüchen im Südchinesischen Meer zu haben, ist dies nur halb wahr, wie das Gegenüberstehen einer chinesischen Flottille und indonesischen Streitkräften im Dezember 2019 / Januar 2020 im indonesischen Natuna-Meer zeigte. Die Installation einer militärischen Kommandozentrale in der Region war bereits ein deutliches Signal, aber die Übersendung einer diplomatischen Mitteilung an den UN-Generalsekretär, die sich gegen Chinas Ansprüche aussprach, war eine seltene öffentliche Positionierung der indonesischen Politik, die die Position der ASEAN in dieser Frage unterstützte.

Die kontinuierliche Finanzierung durch Saudi-Arabien hat Indonesien in den letzten drei Jahrzehnten verändert. In den letzten Jahren hat sich der tolerante und integrative Islam in Indonesien in einen sehr viel konservativeren verwandelt, da das Land ein Hauptempfänger des gesamten Spektrums der saudischen Missionierung wurde. Es bleibt abzuwarten, wie sich Indonesien auch in dieser Hinsicht positioniert und inwieweit sich die Gesellschaft und die muslimischen Organisationen, die die Pancasila verteidigen (wie NU und Muhammadiyah), gegenüber diesen Bemühungen als widerstandsfähig oder sogar als kontraproduktiv erweisen. Der Grad der Freiheit, den religiöse Minderheiten wie Christen genießen, hängt zum Teil von diesen Faktoren ab.

3. Religiöse Situation im Land

Laut der Schätzung der World Christian Database (WCD) sind 79,5 Prozent der Bevölkerung Muslime. Zudem gibt es Millionen von Atheisten/Agnostikern und Anhänger ethnischer Religionen, des Hinduismus (hauptsächlich auf Bali), des chinesischen Volksglaubens und des Buddhismus.

Während der christliche Glaube eine wichtige Religion im Osten Indonesiens wurde, wurde der Islam in den westlichen und zentralen Teilen des Landes stark, besonders auf der bevölkerungsreichsten Insel: Java. Die besondere Interpretation des Islam in Indonesien, die von seiner größten Organisation Nahdlatul Ulama „Islam Nusantara“ genannt wurde, ist relativ moderat und tolerant gegenüber anderen Religionen. Sie erhielt jedoch mit der erfolgreichen Blasphemie-Kampagne während der Wahl des Gouverneurs von Jakarta Anfang 2017 einen schweren Schlag. Gouverneur „Ahok“ war der erste christliche Gouverneur in Jakarta seit mehr als fünf Jahrzehnten, so dass sich seine Gefängnisstrafe wegen Blasphemie und der emotional aufgeladene (und religiös motivierte) Wahlkampf als einschneidende Veränderung für die Christen im Land erweisen könnte. Ein weiterer Schock waren die Bombenanschläge auf drei Kirchen in Surabaya im Mai 2018. Umfragen zeigen, dass eine wachsende Zahl von Muslimen negative Ansichten über religiöse Minderheiten wie Christen hat.

Der Einfluss extremistischer islamischer Organisationen wächst. Weder die nationale noch Lokalregierungen wagen es, ihre Forderungen zu ignorieren, da sie öffentliche Unruhen fürchten. Solche Organisationen, von denen eine der radikalsten und lautstärksten die „Front Pembela Islam“ („Islamische Verteidigerfront“, FPI) ist, spielten eine prominente Rolle bei den Präsidentschaftswahlen und unterstützten Jokowis Rivalen, Prabowo Subianto, einen ehemaligen Armeegeneral. Allerdings hat die FPI ihren Status als offizielle Massenorganisation („Ormas“) nicht erneuert, so dass sie ohne rechtliche Anerkennung bleibt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bewegung illegal ist oder einfach verschwindet. Im November 2019 erklärte der Minister für religiöse Angelegenheiten öffentlich, dass er eine Erneuerung des Status unterstützt und sagte sogar, dass die FPI daran beteiligt sei, „das Land voranzubringen“. Die FPI braucht den Ormas-Status jedoch gar nicht, um Anhänger zu mobilisieren, vor allem jetzt, da ihr Anführer im November 2020 nach Indonesien zurückgekehrt ist. Bei seiner Ankunft begrüßten ihn große Menschenmengen auf den Straßen vor dem Flughafen. Die indonesische Regierung hat 2017 Maßnahmen ergriffen, um die islamisch-extremistische Gruppe „Hizb-ut-Tahrir Indonesia“ zu verbieten, aber dies ist nur eine der kleineren Gruppen, die in Indonesien aktiv sind.

Indonesien war und ist – zusammen mit den Philippinen – das religiöseste Land der Welt. Eine im Juli 2020 veröffentlichte Umfrage zeigt dies: 98 Prozent der Befragten gaben an, dass Religion in ihrem Leben sehr wichtig ist. Die weitaus größere Herausforderung ist, dass die Gesellschaft als Ganzes zunehmend konservative Ansichten in Bezug auf Religion vertritt. Eine im Mai 2018 veröffentlichte Studie ergab, dass eine wachsende Zahl von Studenten islamistische Ansichten vertritt und 39 Prozent der Befragten mit extremistischer islamischer Ideologie in Berührung gekommen waren. Die lokale Nichtregierungsorganisation „Setara Institute“ veröffentlichte im Juni 2019 eine Studie über zehn staatliche Universitäten in Indonesien, die zeigt, wie islamische Extremisten universitäre Strukturen nutzen, um Anhänger zu gewinnen. So wird die nächste Generation zu sehr konservativen oder sogar extremistischen islamischen Ansichten erzogen. Dies wird in Zukunft wahrscheinlich zu einer Zunahme der gesellschaftlichen Diskriminierung und sogar zu Gewalt gegen Christen führen – nicht nur in Aceh und anderen Brennpunkten.

Eine der großen Unbekannten im Moment ist, wie die größten muslimischen Organisationen des Landes (die NU und die Muhammadiyah) der wachsenden Radikalisierung im Land begegnen werden. Traditionell galten sie als moderat und tolerant gegenüber anderen religiösen Gruppen, aber besonders die Jugendorganisation der NU hat sich lautstark für ein konservativeres Verständnis des Islam eingesetzt. Während Vizepräsident Amin eine hochrangige Figur in der NU ist, setzt sich der Generalsekretär der NU, Yahya Staquf, weiterhin stark gegen extremistische Interpretationen des Islam ein, ein Kampf, von dem er zugibt, dass er nicht optimistisch ist, ihn zu gewinnen.

Religiöse Minderheiten wie die Ahmadiyya (eine muslimische Minderheit) und Christen sind häufig Ziel von Diskriminierung und Gewalttaten, aber Indonesien ist immer noch eine sehr vielfältige Nation: Eine Provinz, Aceh, an der Westspitze Sumatras, wird von der Scharia regiert und verschärft ihre Regeln sogar noch. Mehrere andere Provinzen haben ebenfalls durch die Scharia inspirierte Gesetze eingeführt, was insbesondere Christen in eine schwierige Situation bringt. Gleichzeitig gibt es aber auch Provinzen mit christlicher Mehrheit und mit Hindu-Mehrheit. Dennoch haben die massiven Demonstrationen gegen Jakartas Ex-Gouverneur Ahok und die Anschläge auf drei Kirchen im Mai 2018 Christen und andere religiöse Minderheiten in Indonesien nervös gemacht, da islamisch-extremistische Gruppen immer offener auftreten und offensichtlich immer mehr Einfluss im öffentlichen Raum gewinnen.

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Indonesien ist ein Land, das durch seine Vielfalt sowohl gesegnet als auch herausgefordert ist. Es beheimatet die größte muslimische Bevölkerung der Welt, deren vorherrschende Ausprägung des Glaubens traditionell eher tolerant ist, was Minderheiten gewisse Freiheiten einräumt. Oft wird der Glaube als „Islam Nusantara“ oder „Inselislam“ bezeichnet, ein Begriff, der von der größten muslimischen Organisation (NU) geprägt wurde und sich auf die einmalige Topographie des Archipels mit seinen mehr als 17.000 Inseln und seine Vielfalt bezieht. Sowohl hinsichtlich Geografie als auch Religion ist Indonesien eines der am stärksten dezentralisierten und vielfältigsten Länder der Erde. Obwohl die Verfassung Indonesiens Religionsfreiheit zusichert, gelten in verschiedenen Regionen und Territorien des Landes unterschiedlichste islamische Gesetzesergänzungen, inklusive der Scharia in der Provinz Aceh. Obwohl einige extremistische und sogar gewalttätige islamische Gruppen offiziell verboten wurden, üben sie weiterhin einen erheblichen Einfluss aus. Die Behörden lernen eine Lektion, die Regierungen auf der ganzen Welt gerade lernen: Ein einfaches Verbot islamisch-extremistischer Gruppen lässt sie nicht verschwinden. Oft tauchen sie einfach unter einem anderen Namen wieder auf. Die Rückkehr des Brandpredigers Rizieq, Anführer der FPI, am 10. November 2020 wird nicht nur radikale Rhetorik (auch gegen Minderheiten) mit sich bringen, sondern auch ein stark erhöhtes Potenzial, Anhänger zu mobilisieren, auf die Straße zu gehen. So steigt der Druck auf die Regierung, ihren Forderungen nachzugeben.

Indonesiens Universitäten sind bekanntermaßen Brutstätten der islamischen Radikalisierung, und so ist es nicht verwunderlich, dass eine im Mai 2018 von der indonesischen Regierung veröffentlichte Studie ergab, dass eine wachsende Zahl von Studenten islamistische Ansichten vertritt. Geld aus Saudi-Arabien fließt zu Bildungszwecken nach Indonesien und bewirkt, dass die wahhabitische Ideologie ins Land gebracht wird. Die schwere Aufgabe, intoleranten und manchmal absolut christenfeindlichen Einstellungen zu begegnen, wurde zuletzt durch ein Forschungspapier deutlich, das am 1. Juni 2018 auf der Online-Plattform „New Mandala“ vorgestellt wurde. In dem Papier werden Unterschiede der 34 Provinzen Indonesiens diskutiert. In der Studie wurden Stellungnahmen zu fünf Aussagen erfragt wie

1. „Christen sind oft unehrlich und selbstsüchtig.“

2. „Indonesien wäre ein besserer Ort, wenn es keine Christen im Land gäbe.“

3. „Christen haben das Recht, als Verwaltungschef, Bürgermeister oder Gouverneur gewählt zu werden, auch in Regionen, in denen Muslime die Mehrheit bilden.“

4. „Ich wäre dagegen, wenn in meiner Nachbarschaft eine Kirche gebaut werden würde.“

5. „Christen muss es erlaubt sein, Demonstrationen gegen die Diskriminierung ihrer Religion zu organisieren.“

Trotz einiger Bedenken hinsichtlich der verwendeten Methodik sind die Resultate deutlich genug: Generell gesprochen, ist Aceh am wenigsten tolerant, am tolerantesten ist Nordkalimantan. Unter den Provinzen auf Java ist Banten die am wenigsten tolerante, gefolgt von Jakarta, West-Java Ost-Java und Yogyakarta. Die radikale Ideologie breitet ihre Wurzeln aus, und nicht nur Christen sind davon betroffen; auch muslimische Minderheiten wie die Ahmadiyya leiden darunter.

Die großen Proteste gegen Ahok haben zu einer vermehrt intoleranten Einstellung in der Gesellschaft geführt, wie ein Forschungspapier zeigte. Während 2016 in einer Umfrage des „Indonesia Survey Institute“ noch 48 Prozent der Befragten angaben, sie wären gegen einen nichtmuslimischen Präsidenten, stieg diese Zahl 2018 auf 59 Prozent. Ein ähnlicher Anstieg macht sich bemerkbar, wenn die Frage hinsichtlich des Vizepräsidenten, der Gouverneure und der Bürgermeister gestellt wird. Auf der anderen Seite zeigt die Befragung, dass die Anzahl der Personen, die den Bau eines nichtmuslimischen Gotteshauses in ihrer Nachbarschaft ablehnen, von 64 Prozent auf 52 Prozent gefallen ist. Das stellt jedoch immer noch mehr als die Hälfte der Befragten dar.

Eine im Oktober 2018 veröffentlichte Studie ergab, dass 57 Prozent aller Lehrer anderen Religionen intolerant gegenüberstehen. Das Zentrum für Studien des Islam und der Gesellschaft an der staatlichen islamischen Universität „Syarif Hidayatullah“ fand in seiner Studie heraus, dass mehr als 37 Prozent seiner Lehrer angaben, dass sie „Intoleranz ausgeübt haben oder dies planten“. 56 Prozent von ihnen missfiel die Errichtung von Gotteshäusern durch Nichtmuslime in ihrer Nachbarschaft und 21 Prozent lehnten religiöse Feste andersgläubiger Nachbarn ab. Angesichts der Tatsache, dass diese Personengruppe den Auftrag hat, Indonesiens nächste Generation zu unterrichten und auszubilden, sieht dies für die Zukunft des Landes nicht sehr vielversprechend aus und die Triebkraft islamische Unterdrückung wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit weiterhin an Kraft gewinnen. Es ist nicht davon auszugehen, dass sich diese Ansichten in den vergangenen zwei Jahren seit den Umfragen stark verändert haben.

Religiös motivierter Nationalismus

Auch wenn der Einfluss dieser Triebkraft von Verfolgung als gering eingestuft wird, wird er hier aufgeführt – schon als Zeugnis der Diversität Indonesiens, da diese Triebkraft von der hinduistischen Minderheit ausgeht. Wie bereits erwähnt, ist Indonesien eines der vielfältigsten Länder der Erde, was Sprache, Ethnie oder Religion betrifft. Ein Beispiel dafür ist die vorwiegend hinduistische Insel Bali. Wenn ein Hindu Christ wird, steht er oder sie einem starken Druck von Familie, Freunden und Nachbarn gegenüber, zum Glauben der Vorväter zurückzukehren.

5. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

  • Gewalttätige religiöse Gruppen und ideologische Interessengruppen: Es gibt eine Vielzahl von gewalttätigen und teilweise terroristischen Gruppen, von denen zwei von der Regierung verboten wurden: Hizb-ut Tahrir Indonesien im Mai 2017 und Jemaah Anshorut Daulah im Juli 2018. Im Alltag wirken Gruppen wie die FPI, das „Islamic Community Forum“ (FUI), die „Islamic Jihad Front“ (FJI) und der „Indonesische Mudschahedin-Rat“ (MMI) viel stärker auf die christlichen Gemeinden ein und stehen beispielsweise hinter Aktionen gegen Kirchen. Diese Organisationen üben einen zunehmenden Einfluss auf Gesellschaft und Politik aus.
    Sie verwenden öffentlich strenge religiöse Interpretationen, um die Umsetzung der Scharia und die Verletzung der Rechte religiöser Minderheiten zu rechtfertigen. Sie sind in der Lage, hunderttausende Menschen für Demonstrationen auf die Straßen zu bringen, zudem werden sie von manchen Politikern und Parteien benutzt, um einen Vorteil in den Wahlen zu erlangen. In letzter Zeit haben einige von ihnen begonnen, selbst islamische politische Parteien aufzubauen. Die Grenze zu ideologischen Interessengruppen ist sehr schmal und schwer zu ziehen. Aber nicht alle extremistischen islamischen Gruppen greifen zu Gewalt.
  • Gewöhnliche Bürger: Lokale Gemeinschaften werden immer aktiver darin, Kirchengemeinden daran zu hindern, sich zu treffen. Sie beschweren sich über ihre Präsenz, manchmal mit dem Argument, dass sie ihren islamischen Glauben reinhalten müssten und die Präsenz einer christlichen Kirche dies erschwere. Auch die steigende Popularität sehr konservativer islamischer Prediger im Internet trägt zu dieser Haltung bei. Dies kann manchmal zu Mobgewalt und zur erzwungenen Schließung von Kirchen und Gemeinden führen, oft vorangetrieben durch die genannten gewalttätigen religiösen Gruppen.
  • Regierungsbeamte: Die Regierung an sich ist auf der nationalen Ebene weniger ein Verfolger, obwohl sie sich auch nicht zu sehr um die Situation der religiösen Minderheiten bemüht. Alle Regierungsbeamten haben geschworen, der nationalen Ideologie des Landes, Pancasila, zu folgen und sie zu verteidigen. In der Praxis jedoch machen es Regierungsbeamte (vor allem auf lokaler Ebene) Christen schwer, Genehmigungen für Kirchen zu erhalten und versäumen es absichtlich, Täter, die Straftaten gegen Christen verübt haben, vor Gericht zu bringen. In vielen Fällen sind die Beamten mehr darauf bedacht, die Harmonie in einer Gemeinschaft zu bewahren, als die Rechte der Minderheit zu schützen. Dies ist von Region zu Region unterschiedlich, aber im Allgemeinen gilt auch hier die Liste der Provinzen, die oben im Abschnitt Triebkräfte der Verfolgung genannt wurden.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Verfolgung geht von extremistischen islamischen Leitern aus, die durch ihre Predigten in Moscheen und auch in Massenmedien Hass gegen Christen und andere religiöse Minderheiten schüren, besonders im Internet und in den sozialen Medien. Ein Beispiel dafür ist Abdul Somad. Manche haben in der Vergangenheit auch schon Anschläge mit geplant. Wenn gewöhnliche Bürger aufgewiegelt werden, um gegen eine Minderheit vorzugehen, werden sie oft von (ihren) religiösen Leitern angeführt. Dies können Leiter aus der örtlichen Moschee sein, aber es können auch Anführer von außerhalb der Ortschaft sein. Ein Beispiel hierfür ist die FPI, die mit der Rückkehr ihres Anführers aus dem selbstgewählten Exil an Stärke und organisatorischer Kraft gewinnt.
  • Die eigene (Groß-)Familie: In vielen Fällen werden Christen muslimischer Herkunft von ihren eigenen Familien dazu gedrängt, zu ihrem ursprünglichen Glauben zurückzukehren. Manchmal kappt die Familie einfach alle Verbindungen. Im Allgemeinen ist soziale Ächtung und verbale Gewalt eine alltägliche Erfahrung für christliche Konvertiten. Obwohl körperliche Gewalt selten ist, ziehen viele Christen muslimischer Herkunft es vor, wenn möglich, in größere Städte zu ziehen, was manchmal durch die starke Arbeitsmigration erleichtert wird.
  • Politische Parteien: Einige politische Parteien haben eine islamistische Agenda. Mehrere konservative muslimische Parteien, wie z.B. die PKS, sind dafür bekannt, ihr Ziel einer rein islamischen Nation voranzutreiben. Oft sind es ihre Vertreter, die hinter den Entwürfen und der Verabschiedung Scharia-inspirierter Vorschriften, auch im Bereich der Bildung, stehen, obwohl nur relativ wenige Wähler auf nationaler Ebene hinter ihnen stehen. Sie stehen im Verdacht, Verbindungen zu einigen der gewalttätigen Selbstschutzgruppen zu haben, vermeiden aber sorgfältig jede sichtbare Verbindung. Auf nationaler Ebene ist die PKS im Moment die einzige Oppositionspartei, was es vielleicht leichter macht, für ihre Positionen einzutreten. Es bleibt abzuwarten, ob die neu gegründeten islamischen Parteien (Ummah-Partei, New Masyumi etc.) politische Zugkraft gewinnen.

Ausgehend von Religiös motiviertem Nationalismus

  • Die eigene (Groß-)Familie: Der stärkste Druck für Christen hinduistischer Herkunft kommt von ihrer eigenen Familie. Sie versuchen konstant, den Konvertiten zu überzeugen, zu seinem traditionellen Glauben zurückzukehren. Die Höhe des Drucks variiert von Familie zu Familie.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Christen mit hinduistischem Hintergrund stehen unter dem Druck ihrer religiösen Anführer, die das Verlassen des Hinduismus als eine ernsthafte Schwächung ihrer Gemeinschaft sehen, die sich bereits in einer Minderheitsposition befindet. Sie werden ihren Einfluss in der Gemeinschaft nutzen, um Glaubensübertritte zu bekämpfen und, wenn möglich, die Konvertiten wieder zum Hinduismus zurückzubringen.
  • Gewöhnliche Bürger: Zusätzlich zu dem bereits oben erwähnten Druck zeigen Freunde, Nachbarn und das soziale Umfeld den christlichen Konvertiten oft, dass sie sich selbst aus der Gesellschaft ausgeschlossen haben. Das gilt besonders für ländliche Gegenden.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Der hauptsächliche Brennpunkt der Verfolgung in Indonesien ist die Provinz Aceh an der Nordwestspitze von Sumatra, die einzige Provinz, die der Scharia unterliegt. Dort wurden im Oktober 2015 in großem Stil Kirchen geschlossen und der Bau neuer Kirchen ist dort viel schwieriger als in anderen Provinzen – ja fast unmöglich. Christen muslimischer Herkunft laufen in vielen Teilen Indonesiens Gefahr, auf heftigen Widerstand zu stoßen, aber in Aceh sehen sie sich wahrscheinlich dem stärksten Druck ausgesetzt.

Weitere Hotspots sind Regionen innerhalb der Provinzen West-Sumatra (Sumatera Barat), Banten und West-Java (Jawa Barat), zudem in Ost- und Zentraljava (Jawa Timur und Jawa Tengah). Die Anti-Terror-Polizei, Densus 88, geht wirkungsvoll gegen potenziell gewalttätige extremistisch-islamische Aktivitäten im ganzen Land vor.

7. Betroffene Christen

Christen aus traditionellen Kirchen

Dies sind Gruppen wie die Römisch-Katholische Kirche, aber auch Kirchen, die in Verbindung mit verschiedenen Ethnien stehen (wie die „Batak Christian Protestant Church“). Sie werden überwacht und erleben Verfolgung, wenn festgestellt wird, dass sie wachsen. Die traditionellen Kirchen in ärmeren Regionen wie Papua, Ost-Nusa-Tenggara und Mentawai erleben aggressive Islamisierungsversuche, besonders unter Kindern.

Christen anderer religiöser Herkunft

Die meisten christlichen Konvertiten haben einen muslimischen Hintergrund und stehen der schwersten Verfolgung gegenüber, besonders in den Brennpunkten. Dort werden sie streng überwacht und versuchen, in ihrem Umfeld nicht aufzufallen. Wenn ihr Glaubenswechsel bekannt wird, werden sie unter Druck gesetzt, ihren neuen Glauben aufzugeben. Ähnlich verhält es sich auf der überwiegend hinduistischen Insel Bali: Wenn ein Hindu Christ wird, steht er/sie unter starkem Druck. Der Druck auf die Konvertiten kommt hauptsächlich von der Familie, von Freunden, dem Umfeld und den lokalen Behörden. Im Allgemeinen ist der Druck auf Christen anderer religiöser Herkunft in Städten geringer als in ländlichen Gebieten.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Die Hauptgemeinden in dieser Kategorie sind baptistische, evangelikale und Pfingstgemeinden. Sie fallen zumeist durch ihre oft leidenschaftliche Verkündigung der christlichen Botschaft auf, was dazu führt, dass sie sowohl ins Fadenkreuz des sozialen Umfelds als auch extremistisch-islamischer Gruppierungen geraten. Eine Kirche zu bauen oder zu renovieren, kann sehr kompliziert sein: Die Behörden müssen eine Genehmigung erteilen und islamische Gruppen und Nachbarn versuchen oft, den eigentlichen Bauprozess zu behindern. Dies kann alle Konfessionen betreffen, wie sich in Jambi zeigte, wo 2019 eine Methodisten-, eine Pfingst- und eine Huria-Kristen-Kirche geschlossen wurden. Auch katholische Kirchen können von diesem Problem betroffen sein.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 11.5
Familienleben 11.4
Gesellschaftliches Leben 12.4
Leben im Staat 10.7
Kirchliches Leben 9.3
Auftreten von Gewalt 7.8

Grafik: Verfolgungsmuster Indonesien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen in Indonesien beträgt ein hohes Maß und stieg von 10,7 Punkten im Weltverfolgungsindex 2020 auf 11,1 im Weltverfolgungsindex 2021.
  • Am stärksten ist der Druck im Bereich des gesellschaftlichen Lebens und des Privatlebens, dicht gefolgt vom Familienleben. Dieses Muster ist typisch für eine Situation, in der Christen muslimischer Herkunft die stärkste Verfolgung erleben.
  • Im aktuellen Berichtszeitraum stieg der Wert für das Auftreten von Gewalt gegen Christen um 1,3 Punkte. Der Wert hatte im Weltverfolgungsindex 2019 aufgrund des dreifachen Selbstmordanschlags auf Kirchen in Surabaya im Mai 2018 12,0 Punkte betragen. Zwei Jahre lang hat es nun keine großen Anschläge auf Kirchen gegeben, aber im September 2020 wurde ein Pastor in Papua gefoltert und getötet.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Während es legal ist, von einer Religion zur anderen zu konvertieren, zumindest was die sechs offiziell anerkannten Religionen betrifft, wird die Hinwendung zum christlichen Glauben von vielen Familien verachtet und sogar strikt abgelehnt. Es gibt Fälle, in denen Konvertiten aus ihren Familien geworfen wurden oder ihnen ihre Kinder weggenommen wurden. Sie müssen zudem mit weiteren Problemen rechnen, beispielsweise wenn sie versuchen, die Religion auf ihrem Ausweis ändern zu lassen. Mit diesem Wissen ziehen es die meisten Konvertiten vor, nicht aufzufallen und ihren neu gewonnenen Glauben für sich zu behalten.

War es für Christen riskant, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden, die nicht zum engsten Kreis gehören (erweiterte Familie, andere)?

Da die Hinwendung zum christlichen Glauben nicht als Privatsache angesehen wird, werden Familie und Gesellschaft normalerweise nicht stillschweigend zuhören, wenn die neuen Christen ihren Glauben mitteilen. Aber auch andere Christen müssen weise sein in dem, was sie sagen und zu wem, da das Reden über den eigenen Glauben als Versuch der Missionierung angesehen werden kann. Dies gilt insbesondere in den Brennpunkten wie Aceh, Ost-Java, Banten, West-Java und West-Sumatra, aber auch zunehmend an anderen Orten.

War es für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder Facebook etc.)?

Viele Christen in Indonesien sind sehr aktiv in sozialen Medien und können dort auch offen über ihren Glauben sprechen. Für Christen, die aus einem muslimischen oder hinduistischen Hintergrund kommen, ist es jedoch gefährlich, ihre Identität auf diese Weise zu offenbaren, und deshalb drücken sie ihren Glauben selten in schriftlicher Form aus. Besonders seit dem Fall des Ex-Gouverneurs Ahok sind Christen zunehmend vorsichtig, um nicht den Zorn der Öffentlichkeit zu provozieren. Sie wägen ihre Worte sorgfältig ab, sodass sie nicht als Verleumdung eines anderen Glaubens oder Evangelisation ausgelegt werden können.

War es für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen?

Während es normalerweise kein Problem ist, christliche Symbole zu Hause zu tragen oder zu zeigen, ist dies bei Konvertiten oft anders, da es auf ihren neuen Glauben hinweist und daher unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zieht. In Regionen, in denen der Islam strenger wird, ziehen es selbst Christen aus traditionellen Kirchen und protestantischen Freikirchen oft vor, kein sichtbares christliches Symbol in der Öffentlichkeit zu tragen, um keinen Ärger in ihrem sozialen Umfeld zu provozieren.

Familienleben

Sind christliche Paare aufgrund ihres Glaubens daran gehindert worden, Kinder zu adoptieren oder sie als Pflegekinder aufzunehmen?

Basierend auf dem Gesetz der Republik Indonesien Nr. 23 aus dem Jahr 2002 zum Schutz von Kindern und unterstützt durch die Regierungsverordnung Nr. 54 aus dem Jahr 2007 müssen Ehepartner, die ein Kind adoptieren, demselben Glauben oder derselben Religion angehören wie die biologischen Eltern des Kindes. Wenn die Religion der biologischen Eltern des Kindes nicht bekannt ist, wird die Religion der Mehrheit der Bevölkerung in der Region zugrunde gelegt.

Wurden christliche Kinder unter Druck gesetzt, auf irgendeiner Bildungsebene an antichristlichem oder an die Mehrheitsreligion propagierendem Unterricht teilzunehmen?

Die Regierung hat eine Verordnung erlassen, nach der die Schulen christliche Lehrer für den Religionsunterricht bereitstellen müssen. Viele Schulen auf der Regierungs-/Provinzebene wie in Aceh, Madura, West-Nusa-Tenggara und West-Sumatra haben jedoch Schwierigkeiten, christliche Lehrer zu finden. Das bedeutet, dass viele christliche Kinder den Islamunterricht besuchen müssen. In einigen Fällen ist es auch möglich, dass sie in eine Kirche außerhalb der Schule geschickt werden, um christlichen Unterricht zu erhalten. Obwohl die Christen, die den islamischen Unterricht besuchen, in der Regel die Prüfungen bestehen, ist es sehr schwer für sie, gute Noten zu bekommen. Um solchen Druck zu vermeiden, schicken christliche Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf eine Privatschule.

Sind Kinder von Christen wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert oder diskriminiert worden?

Viele christliche Kinder werden wegen ihres Glaubens in der Schule schikaniert; sie werden manchmal „kafir“ (Ungläubige) genannt, ihnen wird gesagt, dass Gott nur den Islam anerkennt und dass Christen in die Hölle kommen werden. Manchmal tragen selbst die Lehrer dazu bei, indem sie der Klasse beispielsweise erzählen, dass Christen drei Götter hätten. Es gibt Berichte, dass Mobbing aus Glaubensgründen auch auf höheren Bildungsebenen vorkommen kann, wie etwa an der Universität, wo sogar einige Dozenten Studenten, die Christen sind, offen verspotten. In einigen Regionen kann sich das Mobbing zu Einschüchterung oder Druck entwickeln, den christlichen Glauben zu verleugnen. Viele muslimische Familien verbieten ihren Kindern, mit christlichen Kindern zu spielen.

Wurden christliche Taufen behindert?

Die Taufe war schon immer ein Problem für Christen anderer religiöser Herkunft. Oft müssen sie aus Sicherheitsgründen weit weg von ihrer Heimat getauft werden. Ist ein Taufgottesdienst möglich, wird versucht, ihn ohne viel Aufhebens durchzuführen, und nicht viele Menschen können daran teilnehmen. Behinderungen von Taufen wurden aus Aceh, West- und Ost-Java und Süd- und Nord-Kalimantan berichtet, wo Christen ihre Nachbarschaft verlassen mussten, um sich taufen zu lassen, und trotzdem unter Druck gesetzt wurden, wenn ihre Taufe bekannt wurde. Einige Konvertiten bekommen Angst, wenn ihre Mentoren oder Leiter sie ermutigen, sich taufen zu lassen.

Gesellschaftliches Leben

Haben Christen auf irgendeiner Ebene im Bereich ihrer Bildung aus religiösen Gründen Nachteile erlitten (z. B. Einschränkungen des Zugangs zur Bildung)?

Bildung ist der größte Bereich, in dem die Diskriminierung von Christen in Indonesien stattfindet. Es gibt Berichte aus vielen Provinzen wie Aceh, West-Sumatra, West-Java, Ost-Java, West-Nusa-Tenggara und Gorontalo, die darauf hinweisen, dass Diskriminierung häufig vorkommt und die Zahl der Christen, die an angesehenen öffentlichen Universitäten studieren dürfen, sehr begrenzt ist. Viele christliche Studenten, die begabt sind, entscheiden sich für ein Studium im Ausland, wenn ihre Eltern wohlhabend genug sind, oder für ein Studium an christlichen Universitäten, die ebenfalls teuer sind und deren Qualität im Vergleich zu staatlichen Universitäten oft schlechter ist. Es gibt einige Stipendien, die von der Regierung für indonesische Studenten bereitgestellt werden, um an angesehenen Universitäten im In- und Ausland zu studieren, aber sie werden hauptsächlich an muslimische Studenten vergeben. In der Schule kommt es vor, dass Christen trotz bester Noten nicht auf dem ersten Platz ihrer Klasse landeten. Es wurde von einem Fall berichtet, in dem ein Kind keine Schuluniform erhielt, während seine muslimischen Altersgenossen sie kostenlos bekamen.

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Ein sichtbares Beispiel dafür sind die in Aceh durchgesetzten Kleidervorschriften. Auch in anderen Teilen Indonesiens sieht man immer häufiger islamische Schleier und sogar komplette Verhüllungen für Frauen. Ein anderes Beispiel ist, dass Christen in manchen Gegenden schikaniert und geächtet werden, weil sie als unrein gelten, da sie Schweinefleisch essen. Im November 2019 warnte der indonesische Ulema-Rat (MUI) Muslime sogar davor, Grüße aus anderen Religionen zu verwenden, da dies auf Ketzerei hinauslaufen könnte. In ganz Indonesien gibt es einen wachsenden Trend zu ausschließlich muslimischen Nachbarschaften („Scharia-Wohnkomplexe“), in denen einige Bauträger Wohnkomplexe nur für muslimische Bewohner bauen und es Nichtmuslimen verboten ist, dort ein Haus zu mieten/zu kaufen. Die ausschließlich von Muslimen bewohnten Komplexe in und um Jakarta schießen wie Pilze aus dem Boden. 81 solcher Gebiete wurden in den letzten Jahren eröffnet und weitere sind geplant, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Dieser Trend wird es Regierungspolitikern erschweren, Indonesien als eine multikulturelle, mehrsprachige und multireligiöse Gesellschaft zu bewahren, die auch die Rechte von Minderheiten respektiert.

Wurden Christen von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt, ihren Glauben zu widerrufen?

Dieser Druck wird stark auf Christen mit muslimischem Hintergrund ausgeübt und kann sogar dazu führen, dass sie dem Druck nicht mehr standhalten und zum Islam zurückkehren. Dieser Druck kann aber auch auf Christen ohne Konversionshintergrund ausgeübt werden, besonders an Orten wie Aceh, West-Sumatra, Bima (West-Nusa Tenggara), Madura (Ost-Java), Padang, Banten und West-Java. Dieser Druck ist normalerweise nicht gewaltsam und kommt in subtilen Formen vor wie „Witzen“ oder „hilfreichen Ratschlägen, um in der beruflichen oder akademischen Welt voranzukommen“. An anderen Orten wie Mentawai (West-Sumatra), Papua, Ost-Nusa-Tenggara Timur oder Jambi (beim Stamm der Anak Dalam) geht der Druck, zum Islam zu konvertieren, mit der Verpflichtung einher, etwas über den Islam zu lernen, wenn sie finanzielle und pädagogische Unterstützung und medizinische Versorgung erhalten wollen.

Wurden Christen am Arbeitsplatz im öffentlichen oder privaten Bereich aus religiösen Gründen diskriminiert?

Die Diskriminierung von Christen auf der Arbeit ist normal, besonders in öffentlichen Ämtern auf der lokalen und regionalen Ebene. Auf der nationalen Ebene ist sie weniger stark ausgeprägt. Natürlich ist es schwer zu beweisen, dass Diskriminierung religiöse Motive hat, aber es gibt viele Berichte. Zum Beispiel: In Zentral- und Ost-Java, West-Nusa Tenggara und Aceh ist es für viele Christen schwer (oder sogar unmöglich), befördert zu werden. Christen muslimischer Herkunft sehen sich mit diskriminierendem Verhalten ihrer Arbeitgeber und Kollegen konfrontiert, wenn diese von ihrem christlichen Glauben erfahren. Schülern schlechte Noten im Religionsunterricht zu geben, soll verhindern, dass die Schüler die Mindestvoraussetzungen für eine Beamtenschaft erfüllen. Folglich schaffen es nur wenige Christen in den öffentlichen Dienst. Im Juni 2019 bezog sich der indonesische Verteidigungsminister öffentlich auf eine unveröffentlichte Studie, die zeigte, dass 3 Prozent der Soldaten – rund 12.000 Angehörige der Streitkräfte – extremistischen islamischen Ansichten gegenüber positiv eingestellt sind. Ebenfalls im Juni 2019 zeigte ein Bericht, dass sich eine extremistisch-islamische Ideologie im öffentlichen Dienst und in verschiedenen Ministerien ausbreitet. Aus diesem Grund sollen hochrangige Beamte in Zukunft überprüft werden.

Leben im Staat

Wurden Christen daran gehindert, ihre Ansichten oder Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern?

In den letzten drei Jahren sind Christen sehr vorsichtig geworden ihre Ansichten in der Öffentlichkeit mitzuteilen, besonders wenn es um Religion geht. Ein Auslöser dafür war der Fall Ahok. Selbst viele gemäßigte Muslime werden immer vorsichtiger. Aussagen, die als gegen den Islam gerichtet wahrgenommen werden, enden schnell mit einer Anklage wegen Blasphemie. Der jüngste prominente Vorfall betraf 2018 die Politikerin Grace Natalie.

Schränkt die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) die Religionsfreiheit, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ein?

Die Verfassung schränkt die Freiheit von Christen nicht direkt ein, aber sie erkennt nur sechs Glaubensrichtungen an: Islam, Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus. Das Verfassungsgericht machte in einem Urteil vom 7. November 2017 deutlich, dass alle Religionen gleich zu behandeln sind, auch indigene Religionen. Die Umsetzung ist jedoch noch lückenhaft und nur wenige Gemeinschaften wenden sie tatsächlich an. Angesichts des Widerstandes, mit dem sie konfrontiert ist, ist es unwahrscheinlich, dass diese Entscheidung in naher Zukunft landesweit umgesetzt wird. Die Gesetzgebung auf lokaler Ebene schränkt die Religionsfreiheit oft weiter ein. Auch wird die Freiheit für Christen, ihre Religion auszuleben, durch den „Präsidialerlass über religiöse Harmonie, die Förderung von Foren für religiöse Harmonie und den Bau von Gotteshäusern“ aus dem Jahr 2006 behindert, was es schwierig macht, Baugenehmigungen für Kirchengebäude zu erhalten. Mehrere Provinzen haben Zusatzgesetze aus der Scharia eingeführt, die Christen ebenfalls betreffen.

Sind Christen zum Gegenstand von Hetzkampagnen oder Hassreden geworden?

Hassreden gegen Christen und christliche Leiter sind fast überall in Indonesien zu finden, sogar in den sogenannten christlichen Gebieten wie Nord-Sumatra. In vielen Predigten und Vorträgen in Moscheen und anderen Orten werden Christen oft verleumdet und als Sündenböcke dargestellt. Verleumdungskampagnen finden aber auch in schriftlicher Form statt, zum Beispiel als Plakate und Transparente, die Anschuldigungen gegen Christen erheben oder die Präsenz von Kirchen ablehnen. Ein Beispiel aus dem Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 war eine Behauptung des bekannten Predigers Abdul Somad, der in einer Videopredigt, die in sozialen Medien zirkulierte, sagte, ein „Ungläubigen-Geist“ (infidel genie) lebe im christlichen Kreuz.

Wurden Personen, die Christen Schaden zugefügt haben, bewusst von der Strafverfolgung ausgenommen?

Ein Vorfall, der dies veranschaulicht, war die Störung des Gottesdienstes im Haus eines Christen während der Covid-19-Krise durch einen von einem muslimischen Geistlichen angeführten Mob. Die Polizei unternahm nichts gegen die Täter.

Kirchliches Leben

War es für Kirchen schwierig, von behördlichen Stellen eine Registrierung oder einen offiziellen Status zu erhalten?

Kirchen kämpfen mit massiven Problemen bei der Registrierung von Kirchengemeinden und beim Bau von Kirchengebäuden. Auf der Grundlage des revidierten Gemeinsamen Ministerialerlasses von 2006 kann eine Kirche nur dann tätig werden, wenn: 1) ihre Gemeinde mindestens 90 Mitglieder hat, 2) sie die Zustimmung von 60 Nachbarn eines anderen Glaubens erhält und 3) sie die Zustimmung sowohl des Verwaltungschefs einer Provinz als auch des interreligiösen Harmonieforums hat. Viele Kirchen haben Schwierigkeiten, diese Genehmigung zu bekommen, selbst wenn sie alle Auflagen erfüllen. Und selbst wenn sie es schaffen, eine Genehmigung zu erhalten, haben sie keine Garantie, dass die Regierung oder die lokale Polizei sie schützen wird.

In einem Fall übermittelte eine Gemeinde ihren Antrag auf Anerkennung bereits vor fünf Jahren und hat seitdem nie wieder etwas von den Behörden gehört. In anderen Fällen blockieren extremistische Gruppierungen einfach die Eingänge der Kirchengebäude: Die Behörden scheitern dann daran, das Gesetz durchzusetzen, selbst wenn die Gerichte im Sinne der Kirchen entschieden haben. Wegen all dieser Schwierigkeiten, mit denen sie zu rechnen haben, versuchen viele Kirchen gar nicht erst, eine Genehmigung zu erhalten. Basierend auf einer Studie der Nationalen Kommission für Menschenrechte (Komnas HAM) haben 85 Prozent aller für Religionszwecke genutzten Gebäude in Indonesien keine korrekte Genehmigung, besonders in ländlichen Gebieten. Das beinhaltet Moscheen, Kirchen und die Gebäude anderer Religionen. Bevor eine Kirche gebaut werden darf, verlangt die Lokalregierung von Aceh, dass die Gemeinde 150 Unterschriften von Nachbarn eines anderen Glaubens einsammelt. In der Provinz Banten gibt es eine vom Gouverneur erlassene Landesverordnung, die die Präsenz von Kirchen auf bestimmte Städte beschränkt.

Die Regeln des Dekrets aus dem Jahr 2006 wurden nun vor den Obersten Gerichtshof gebracht und es bleibt abzuwarten, ob sie unverändert bleiben. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt 2014 hat sich Präsident Jokowi vorsichtig kritisch zu den Schwierigkeiten geäußert, mit denen Gläubige von Minderheitenreligionen konfrontiert sind, wenn sie ein Gotteshaus einrichten wollen.

Wurden kirchliche Aktivitäten überwacht, behindert, gestört oder blockiert?

An vielen Orten werden Gemeinden überwacht, besonders wenn sie aktiv das Evangelium weitergeben oder im Verdacht stehen, Konvertiten zu integrieren. Dies gilt für ländliche Gebiete, aber auch in den Städten beobachten extremistische Gruppen christliche Gottesdienste und schüchtern die Gemeinden gegebenenfalls ein. Sie sind dafür bekannt, Protestkundgebungen gegen Kirchen anzustiften und die Einheimischen zu mobilisieren. In anderen Fällen werden Transparente aufgestellt, die vor Kirchen warnen und falsche und beleidigende Behauptungen aufstellen. Manchmal werden Kirchengebäude einfach von extremistisch-islamischen Gruppen, die auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken, blockiert oder geschlossen. Selbst zu einer Zeit, als Covid-19 Restriktionen auferlegt wurden, gab es Berichte aus mehreren Orten wie Riau, West-Java und Aceh, dass kirchliche Versammlungen von Mobs gestört wurden.

Wurden Kirchen daran gehindert, christliche Aktivitäten außerhalb der Kirchengebäude zu organisieren?

Aufgrund der Covid-19-Einschränkungen waren Treffen im Freien nicht möglich. Aber zu anderen Zeiten waren Versammlungen im Freien oft nicht erlaubt, weil man befürchtete, dass sie den Verdacht der versuchten Missionierung hervorrufen könnten. Im Jahr 2017 musste eine geplante Veranstaltung im Stadion von Yogyakarta zur Feier von 500 Jahren protestantischer Reformation aufgrund von Protesten der lokalen Bevölkerung und des radikalen MUI abgesagt werden.

Wurden Kirchen daran gehindert, Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) offen zu integrieren?

Wie bereits oben erwähnt, verbietet die Verfassung den Wechsel der Religionszugehörigkeit nicht, sofern er innerhalb der sechs anerkannten Religionen stattfindet. Folglich gibt es in Indonesien keine schriftliche Regelung, die Kirchen die Aufnahme von Konvertiten verbietet. Deshalb sind viele Kirchen in den größten Städten selbstbewusst genug, neue Christen mit muslimischer oder anderer Herkunft aufzunehmen. Manchmal sind dies sogar (Social-Media-)Prominente, deren Glaubenswechsel viel Aufmerksamkeit erregt. Dies lässt jedoch die Tatsache außen vor, dass es in Dörfern und ländlichen Gebieten ganz anders zugeht, da Kirchen dort schnell der Missionierung und der „Christianisierung“ bezichtigt werden können. Deshalb sind viele Kirchen vorsichtig und werden davon absehen, Konvertiten aufzunehmen und zu integrieren.

Auftreten von Gewalt

Für den Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2021 gilt Folgendes:

  • Getötete Christen / Angriffe auf Christen: Am 19. September 2020 wurde Pastor Yeremia Zanambani in der Nähe von Bomba, im Bezirk Intan Jaya, in der unruhigen Provinz Papua getötet. Unabhängige Untersuchungen, von denen eine von der Regierung unterstützt wurde, ergaben, dass indonesische Soldaten vermutlich für den Mord verantwortlich waren.
  • Verhaftungen von Christen: Mindestens zwei Christen wurden aufgrund ihres Glaubens verhaftet. Aus Sicherheitsgründen können keine Details veröffentlicht werden.
  • Angriffe auf Kirchen / Häuser und Geschäfte von Christen: Mehrere Kirchen in Yogyakarta, Jakarta, West-Java, Aceh und Sumatra mussten aufgrund von Protesten extremistischer Gruppen, die die Nachbarschaft aufhetzten, geschlossen werden.
  • Christen, die aus ihrem Zuhause vertrieben wurden: Im August 2020 wurden mindestens 50 katholische Christen von einem Grundstück in Ost-Nusa-Tenggara vertrieben.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Im Bericht zur internationalen Religionsfreiheit des US-Außenministeriums für 2019 steht:

  • „Religiöse Gruppen außerhalb der sechs staatlich anerkannten Religionen (Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus und Islam, wobei letzterer von der Regierung und der Gesellschaft weithin als sunnitischer Islam interpretiert wird) berichteten erneut über Probleme bei der Angabe ihrer Religion auf ihren Ausweisen (KTPs), obwohl ein Urteil des Verfassungsgerichts von 2017 dies erlaubt. Anhänger einheimischer Glaubensrichtungen können ihre spezifischen Namen jedoch nicht eingeben, weil es zu viele sind. Verschiedene Gerichtsbarkeiten einigten sich darauf, einen gemeinsamen Begriff zu verwenden, nämlich ‚Glaube an den einen Gott‘. Drei Jurisdiktionen begannen mit der Ausgabe von KTPs, die als Glaubenskategorie ‚Glaube an einen Gott‘ aufführen konnten, aber diese Praxis wurde nicht auf breiter Basis umgesetzt.
  • Die Regierung unterstützte weiterhin eine Smartphone-App namens Smart Pakem, die es Bürgern erlaubt, Ketzerei- oder Blasphemie-Berichte gegen Einzelpersonen oder Gruppen einzureichen, die, nach Ansicht der Regierung, inoffiziellen oder unorthodoxen religiösen Praktiken nachgehen. Jakartas Staatsanwaltschaft startete die App im Dezember 2018 mit dem erklärten Ziel, das Meldesystem für Ketzerei und Blasphemie zu vereinfachen“. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen kritisieren die App und befürchten, sie könnte Toleranz und Religionsfreiheit untergraben. Laut Human Rights Watch identifiziert die App mehrere religiöse Gruppen und ihre Leiter (einschließlich Ahmadiyya, Schiiten und Gafatar), beschreibt ihre ‚abweichenden Lehren‘ und stellt die Adressen ihrer lokalen Büros zu Verfügung.“

Ahmadis und Schiiten stehen unter genauer Überwachung, sowohl der Behörden als auch extremistischer sunnitischer Gruppen. Anhänger traditioneller einheimischer Religionen wurden bisher von den Behörden nicht anerkannt. Das Urteil des Verfassungsgerichts vom November 2017 wurde immer noch nicht umgesetzt, da Gruppen wie der „Indonesische Ulama Council“ nicht wollen, dass die traditionellen Religionen auf die gleiche Stufe gestellt werden wie der Islam, etwa wenn es um den Vermerk der Religion auf dem Ausweis geht. Die Stadt Bandung war landesweit die sechste Kommune, die beschlossen hat, neue Ausweise und Familienausweise für Anhänger der einheimischen Religionen auszustellen.

Auch wenn es noch gewisse Schwierigkeiten zu überwinden gilt (und die Anhänger der einheimischen Religionen – ebenso wie die anderer Minderheitsreligionen – immer noch beträchtlich diskriminiert werden), ist dies ein bedeutender Schritt nach dem Urteil des Verfassungsgerichts vom November 2017.

Laut einer am 11. November 2019 veröffentlichten Studie des Setara-Instituts wurden in den letzten zwölf Jahren 554 Vorfälle gegen die Ahmadiyya und 324 gegen die „Aliran Keagaman“ (lokale traditionelle Religionen) gezählt. Bei 379 Vorfällen waren Christen betroffen (Protestanten bei 328 und Katholiken bei 51). Von allen in dieser Zeitspanne betroffenen religiösen Gebäuden waren die Hälfte (199) christliche Kirchen.

Auch die hinduistische Minderheit wird marginalisiert. Dutzende von Muslimen protestierten gegen den geplanten Bau des ersten Hindu-Tempels in der Stadt Bekasi, West-Java. Ohne einen Tempel in ihrer Nähe müssen mindestens 6.000 Hindus zu den großen religiösen Feiertagen zum Tempel Pura Agung Tirta Buana im Landkreis Bekasi gehen. Bei ähnlichen Vorfällen kamen die Demonstranten auch von „außen“, was darauf schließen lässt, dass selbst wenn unter den Bewohnern alles friedlich ist, Unruhestifter absichtlich versuchen, Minderheiten zu schikanieren. Solche Vorfälle haben dazu geführt, dass West-Java und Jakarta in unabhängigen Indizes zur Intoleranz an der Spitze stehen.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Indonesien:

  • Beten Sie für Christen muslimischer Herkunft, die von Familie und Umfeld stark unter Druck gesetzt werden, ihrem neuen Glauben an Jesus abzuschwören. Bitten Sie Gott, dass er ihnen die Unterstützung gibt, die sie brauchen – und auch Zugang zu einer Bibel sowie Schulungen, sie zu lesen und im Glauben zu wachsen.
  • Beten Sie, dass Gemeinden, die versuchen, Räume für ihre Gottesdienste zu bekommen, die Gunst der Regierung finden und ihnen die Freiheit gewährt wird, sich in Frieden zu versammeln und Gott anzubeten.
  • Beten Sie, dass Gott den Leitern und ehrenamtlichen Mitarbeitern den Mut und die Ausdauer gibt, die sie brauchen, um die Gemeinde in Indonesien zu leiten und ihr zu dienen.
  • Beten Sie für christliche Kinder und Jugendliche, die wegen ihres Glaubens oft Diskriminierung und Isolation ausgesetzt sind. Bitten Sie Gott, ihnen Hoffnung zu geben, ihren Glauben zu stärken, und ihnen die Gewissheit zu geben, dass sie in Christus nicht allein sind.