Weltverfolgungsindex 2022

Schwerpunkte und Entwicklungen

Die Verfolgung und Diskriminierung von Christen hat sich im letzten Jahr weltweit verschärft. Das wird im neuen Weltverfolgungsindex deutlich, der die 50 Länder mit der stärksten Christenverfolgung auflistet. Lesen Sie hier ausgewählte Entwicklungen und Schwerpunkte zum aktuellen Weltverfolgungsindex, laden Sie ausführlichere Informationen dazu herunter oder schauen Sie ein Video zum Thema.

1. Sieg der Taliban gibt Islamisten Auftrieb – Afghanistan vor Nordkorea auf Rang 1

Der Sieg der Taliban bestärkt extremistisch-islamische Gruppierungen in Afrika und Asien in ihrem Ziel, auch andere Regierungen zu stürzen und Länder einzunehmen. Christen in Afghanistan, die entdeckt werden, droht die Ermordung. Deshalb sind viele in Nachbarländer geflohen, wo sie als Christen mit muslimischem Hintergrund und nicht anerkannte Flüchtlinge derzeit unter schwierigsten Bedingungen und großer Gefahr leben. Christliche Mädchen und Frauen sind bedroht, vergewaltigt oder zwangsverheiratet zu werden.

Seit vielen Jahren leiden Christen in Afghanistan und Nordkorea gleichermaßen unter extrem hohen Druck in allen untersuchten Lebensbereichen. Durch die Machtübernahme der Taliban ist das Ausmaß der Gewalt gegen christliche Konvertiten, die als vom Islam Abgefallene gelten, nun extrem hoch. Afghanistan nimmt somit die Position 1 des Weltverfolgungsindex ein, während Nordkorea erstmals nach 20 Jahren auf Rang 2 fällt, ohne dass sich die Situation für Christen verbessert hat. Vielmehr hat ein neues „Gesetz gegen reaktionäres Gedankengut“ zur Entdeckung von Hauskirchen und Verhaftung von Christen geführt.

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan wurde von islamischen Extremisten weltweit gefeiert, beispielsweise im Nachbarland Pakistan (# 8). Verbindungen zu den Taliban hat etwa auch die Organisation Jemaah Islamiyah in Indonesien (# 28), die 2002 die Anschläge auf Bali verübte.

2. Weltweite Bedrohung und Vertreibung von Christen nimmt zu

Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) wurden im Jahr 2021 etwa 84 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben, entweder innerhalb ihres eigenen Landes oder – 26 Millionen – über die Grenzen hinweg. Viele von ihnen sind Christen, die vor Verfolgung fliehen: Hunderttausende sind etwa in der Sahelzone (z.B. Burkina Faso, DRK) von islamistischer Gewalt betroffen oder fliehen vor Zwangsrekrutierung (Eritrea # 6), Bürgerkrieg (Sudan # 13), staatlicher Repression (Iran # 9) und/oder familiärer Unterdrückung aufgrund ihres Glaubens. Die überwiegende Mehrheit verbleibt in ihrer Region, als Binnenvertriebene oder als Flüchtlinge.

In Teilen Afrikas südlich der Sahara (einschließlich des Nordostens von Kenia) haben Untersuchungen gezeigt, dass die christliche Bevölkerung weitgehend verschwunden ist. In den letzten Jahren wurden in Burkina Faso, Mali und Niger (# 33) Hunderte von Kirchen geschlossen oder zerstört – allein in Nigeria kamen im aktuellen Berichtszeitraum 470 hinzu. Würden die Christen zurückkehren, ist davon auszugehen, dass sie erneut gewalttätigen Angriffen ausgesetzt wären.

Nach ihrer Vertreibung und auf der Flucht drohen ihnen Erpressung, Menschenhandel, Vergewaltigung und Inhaftierung. Dies gilt umso mehr, wenn sie jemals Libyen (# 4) erreichen. In weiteren Ländern von Subsahara-Afrika und Asien sehen Christen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um der ständigen Diskriminierung sowie dem Druck im juristischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich zu entkommen. Die ständige Abwanderung schwächt die bestehenden Kirchengemeinden.

In Syrien (# 15) und Jordanien (# 39) sowie im Irak (# 14) und Libanon leben Christen weiterhin in Flüchtlingslagern. Sie berichten, dass sie dort sehr gefährdet sind. Und in Myanmar (# 12) wurden Forschungen zufolge im aktuellen Berichtszeitraum 200.000 Christen vertrieben und weitere 20.000 von ihnen sind aus dem Land geflohen.

3. Chinas Modell einer ideologischen und zentralisierten Kontrolle der Religion wird exportiert

Chinas (# 17) infrastrukturelle Initiative „Neue Seidenstraße“ schließt auch die Komponente der „digitalen Technologie“ ein. Damit nehmen die wirtschaftliche Stärke und der Einfluss Chinas weiter zu, genauso aber auch der chinesisch-kommunistische Nationalismus. Die dafür erforderliche soziale Stabilität will das Regime mit Anordnungen von oben her erreichen, und nicht etwa durch Wahl- und Redefreiheit oder durch Freiheit im Bereich Religion und Glauben. Religiöse Leiter in China wissen, dass sie sich anpassen müssen. Neue Vorschriften vom Mai 2021 – in Fortsetzung der Vorschriften vom Februar 2018 und Februar 2020 – verlangen von ihnen, dass sie „das Vaterland lieben sowie die Führung der Kommunistischen Partei und das sozialistische System unterstützen“. Sie werden daraufhin überprüft, ob ihre Aktivitäten „die nationale Sicherheit gefährden, die nationale Einheit untergraben und das Land spalten“. Gleichzeitig schränken neue Vorschriften den Umfang der Kontakte von Bürgern mit im Land befindlichen Ausländern ein. Durch immer striktere staatliche Regeln sind zahlreiche christliche Inhalte und nahezu alle Bibeln aus dem Netz verschwunden.

Das „chinesische Modell“, jedoch verknüpft mit anderen Ideologien oder Religionen, wird in jüngster Zeit in so unterschiedlichen Ländern wie Sri Lanka (# 52), Myanmar und Malaysia (# 50) nachgeahmt, genauso aber auch in zentralasiatischen Staaten. In diesen Ländern wurden die Beschränkungen für Andersdenkende im Rahmen von „Ein Land, ein Volk, eine Religion“ verschärft.

4. Autoritäre Regierungen und Kriminelle nutzen COVID-Beschränkungen für Druck auf Kirchen

Chinas rasche und drakonische Reaktion auf COVID-19 ist gut dokumentiert. In einigen Regionen, in denen keine Beschränkungen mehr nötig waren, mussten jedoch viele der staatlich anerkannten Drei-Selbst-Kirchen sowie der nicht-registrierten Kirchen geschlossen bleiben. Die Christen trafen sich deshalb in Wohnungen oder online und formten kleinere Zellgruppen. Berichten aus den Provinzen Henan und Jiangxi zufolge sind alle staatlich genehmigten religiösen Einrichtungen mittlerweile mit Überwachungskameras ausgestattet.

Die während der Pandemie getroffenen Maßnahmen des Regimes lieferten offenbar ausreichend Hinweise dafür, dass die Überwachung durch digitale Technologie innerhalb des Landes sehr gut funktioniert. Seitdem ist sie weltweit gefragt, nicht zuletzt bei anderen autoritären Regierungen. In Vietnam (# 19) beispielsweise nutzten staatliche und nichtstaatliche Akteure die Pandemie, um Kirchen zu verleumden und leiteten strafrechtliche Ermittlungen gegen eine Kirche ein.

Von Westafrika bis Mittelamerika nutzten islamistische und/oder organisierte kriminelle Gruppen die Fokussierung von Regierungen auf die Bekämpfung der Pandemie dazu, ihre Macht und territoriale Kontrolle weiter zu festigen und/oder auszuweiten. Dazu wurde bereits umfangreich im Rahmen der Veröffentlichung des Weltverfolgungsindex 2021 berichtet.

Video: Alle Entwicklungen auf einen Blick