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Ägypten: Zum Anschlag auf eine koptische Kirche

KOMMENTAR: Christen in Ägypten sind nur Bürger zweiter Klasse - Anschlag in Alexandria ist keine Überraschung<br>

von Dr. Daniel Ottenberg, Referat Menschenrechte Open Doors

(KELKHEIM, 04. Januar 2011, Open Doors) – Die Explosion einer Autobombe vor einer koptischen Kirche in Alexandria am 1. Januar, bei dem 21 Menschen getötet und mehrere Dutzend andere verletzt wurden, bestätigt einmal mehr, dass in Ägypten ein Klima der Feindseligkeit und der Ablehnung gegenüber der christlichen Minderheit im Land herrscht.

Selbst wenn sich die Annahme der ägyptischen Regierung, der Anschlag sei durch die Terrorgruppe Al Kaida verübt worden, als richtig herausstellen sollte, hat das Verhalten der Regierung den Nährboden für diesen Anschlag bereitet. Die koptische Minderheit, seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. im Land präsent, aber auch die protestantische Minderheit – die zusammen immerhin etwa 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen – sehen sich in der Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt. Die koptischen Demonstrationen richten sich daher auch nicht gegen ausländische Kräfte, sondern gegen die Haltung der ägyptischen Regierung und Gesellschaft.

Änderung der Religionszugehörigkeit faktisch unmöglich
Ägypten ist nach Artikel 2 seiner Verfassung ein islamischer Staat, dessen Hauptrechtsquelle die Scharia ist. Jeder Personalausweis enthält auch die Angabe der Religionszugehörigkeit seines Inhabers. Wenn ein Muslim zu einer anderen Religion konvertiert und folglich auch eine Änderung seines Passes erreichen will, ist dies faktisch unmöglich. Exemplarisch hierfür ist Maher Ahmad El-Gohary, der im März 2010 versuchte, gerichtlich die Eintragung der Religionszugehörigkeit in seinem Pass durchzusetzen. Dies wurde ihm nicht nur verwehrt. Vielmehr wurden er und seine Familie als "vom Islam Abgefallene" auch mit dem Tode bedroht.

Diskriminierung von Christen alltäglich
Ausbau, Renovierung und erst recht der Neubau christlicher Kirchen und Versammlungsstätten muss behördlich genehmigt werden – ein Weg, der mit vielen Schikanen versehen ist und häufig nicht zum Ziel führt. Christen müssen jederzeit damit rechnen, dass muslimische Nachbarn gegen sie vorgehen und Sicherheitskräfte nichts zu ihrem Schutz unternehmen, entgegen aller Versicherungen der Politik. So wurden am 15. November 2010 mindestens 23 Wohnungen und mehrere Geschäfte in einem christlichen Viertel zerstört und niedergebrannt, wobei mehrere Christen verletzt wurden. Auslöser war das Gerücht, dass ein junger koptischer Christ eine Beziehung zu einem muslimischen Mädchen aus der Nachbarschaft haben soll. Auch wenn sich dieses Gerücht nicht bewahrheitet hat, genügte es, um Gewalt gegen die christliche Minderheit im Bezirk Qena hervorzurufen. Häufig schüren auch die Medien solche Gerüchte. So wurde bereits im Juli 2010 berichtet, die koptische Kirche halte zwei Ehefrauen koptischer Priester, die zum Islam konvertiert seien, gegen ihren Willen gefangen. Ein anderes Gerücht besagte, die Kopten würden mit israelischer Hilfe Waffen horten, um gegen die islamische Mehrheit losschlagen zu können. Auch wenn sich all diese Gerüchte als falsch erweisen, führen sie doch dazu, dass die Christen eingeschüchtert werden. Häufig genügt ein Funke und die Gewalt bricht aus.

Keine staatliche Diskriminierung?
Auch der Fall Ashraf Thabet zeigt, dass Christen als Bürger Zweiter Klasse behandelt werden. Thabet, ein ehemaliger Muslim aus Port Said, wurde wegen der "Diffamierung einer offenbarten Religion" gemäß dem ägyptischen Strafgesetz angeklagt. Seine ehemaligen Freunde hatten ihn bei islamischen Geistlichen angezeigt, die wiederum den ägyptischen Geheimdienst informierten. Dieser lud Thabet zunächst vor, durchsuchte im März 2010 dann seine Wohnung und beschlagnahmte mehrere Gegenstände, darunter seinen Computer. Er wurde für 132 Tage in Untersuchungshaft genommen und unzähligen Verhören unterzogen. Muslimische Geistliche hatten inzwischen seine Frau überzeugt, sich von ihm scheiden zu lassen und ihn mit den Kindern zu verlassen. Zwar wurde Thabet am 1. August wieder aus dem Gefängnis entlassen, doch behielt man seinen Pass ein. Seine Arbeitsstelle hat er verloren. Eine erneute Verhaftung samt Verurteilung schwebt wie ein Damoklesschwert über ihm.

Höchste Zeit zu handeln
"Angesichts des Leidens christlicher Minderheiten in so vielen Ländern, nicht nur in Ägypten, rufe ich alle Politiker und Entscheidungsträger dazu auf, Anschläge und Diskriminierung nicht nur als Randnotiz wahrzunehmen, sondern auf die ägyptische Regierung einzuwirken", so Markus Rode, Leiter des christlichen Hilfswerks Open Doors in Deutschland. Angesichts der im September anstehenden Präsidentenwahlen fordert er die Politik dazu auf, nicht nur die Situation in Ägypten genau zu beobachten, sondern auch verstärkt darauf zu achten, dass die christliche Minderheit nicht weiterhin marginalisiert wird. Open Doors unterstützt seit vielen Jahren die christliche Minderheit in Ägypten mit Ausbildungsprojekten und schafft wirtschaftliche Perspektiven.


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