Länderprofil Ägypten

Ägypten

16
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Ägypten
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
16
Karte Ägypten
Christen
16,25
Bevölkerung
102.94
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Privatleben: 12.500
Familienleben: 13.200
Gesellschaftliches Leben: 11.500
Leben im Staat: 12.700
Kirchliches Leben: 11.000
Auftreten von Gewalt: 14.100

Länderprofil Ägypten

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 16 / 75 Punkte (WVI 2020: Platz 16 / 76 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Laut Berichten von ägyptischen Christen gehen Verletzungen der Religionsfreiheit hauptsächlich von ihrem sozialen Umfeld aus. Vorfälle reichen von der Belästigung christlicher Frauen auf offener Straße bis dahin, dass eine ganze christliche Kommune von einem wütenden Mob aus ihren Häusern verjagt wurde; ihr Besitz wurde geraubt. Diese Vorfälle ereignen sich vor allem in den ländlichen Gebieten Oberägyptens, wo salafistische Gruppen aktiv sind. Die islamisch-salafistische Partei al-Nour ist weiterhin politisch aktiv, obwohl die Verfassung in Artikel 74 religiöse Parteien verbietet. Ihr Einfluss ist besonders in ländlichen Gegenden groß, wo es viel Armut und Analphabetentum gibt.

Die al-Azhar-Universität, eine der einflussreichsten islamischen Universitäten der Welt, nimmt eine prominente Stellung in der ägyptischen Gesellschaft und sogar in der Verfassung ein. Laut dem Groß-Imam der Universität, Ahmad al-Tayyib, erlaubt der Islam es Muslimen nicht, den christlichen Glauben anzunehmen.

Auch wenn sich die ägyptische Regierung immer wieder positiv zu Christen äußert, werden Christen vor allem in Oberägypten immer wieder Opfer von Angriffen. Die lokalen Behörden schützen sie oft nicht und wenden die entsprechenden Gesetze nicht an. Doch aufgrund des diktatorischen Charakters der Regierung dürfen sich weder Kirchenleiter noch Christen öffentlich zu diesem Missstand äußern.

Außerdem werden Kirchen und christlichen Nichtregierungsorganisationen Einschränkungen auferlegt, was den Bau von neuen Kirchen oder sozialen Einrichtungen angeht. Dies steht in starkem Kontrast dazu, wie Moscheen und islamische Organisationen behandelt werden. Christen aller konfessionellen Prägungen haben Schwierigkeiten bei der Suche nach (neuen) Orten für gemeinsame Gottesdienste. Die Schwierigkeiten resultieren sowohl aus staatlichen Restriktionen als auch aus der Feindseligkeit vonseiten des sozialen Umfeldes und Gewalt durch Mobs.

Christen mit muslimischem Hintergrund haben große Schwierigkeiten, ihren Glauben zu leben, da sie enormem Druck vonseiten ihrer (Groß-)Familie ausgesetzt sind, zum Islam zurückzukehren. Der Staat macht es ihnen zudem unmöglich, ihren Glaubenswechsel offiziell anzuerkennen.

 

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

75

16

2020

76

16

2019

76

16

2018

70

17

2017

65

21

Der Rückgang um einen Punkt im Weltverfolgungsindex 2021 liegt größtenteils darin begründet, dass es weniger Berichte über Morde gab. Die niedrigere Anzahl von Vorfällen könnte das Resultat der Covid-19-Pandemie sein, da die Ägypter angewiesen wurden, so viel wie möglich zu Hause zu bleiben. Dennoch verbleibt die Gewalt gegen Christen auf einem extremen Niveau; neben anderen Berichten von Vorfällen, wurden mindestens acht Christen getötet, 82 wurden angegriffen.

2. Trends und Entwicklungen

1) Ägypten bleibt empfänglich für den Einfluss des extremistischen Islam

Bedingt durch seine strategische Position, seine territoriale Größe und seine Bevölkerungszahl sowie seinen historischen und diplomatischen Einfluss ist Ägypten ein wichtiges Land in der Region. Die Kirche spielt ebenfalls eine bedeutsame Rolle, da der christliche Bevölkerungsanteil in Ägypten die größte überlebende christliche Population in der Region darstellt. Während des gesamten 20. Jahrhunderts und darüber hinaus scheint ein Wettstreit gegensätzlicher Visionen zu herrschen, wie der ägyptische Staat aussehen soll. Eine Vision (die durch die Armee und das politische Establishment vorangetrieben wird) setzt den Schwerpunkt auf den Nationalismus gegenüber der Religion, während auf der anderen Seite Islamisten (inklusive der Muslimbruderschaft) die Religion zum Fundament und dem zentralen Element der ägyptischen Identität machen wollen. Beide Konzepte haben den ägyptischen Christen in Sachen Rechte und Sicherheit wenig geboten. Und während sich der Wettstreit dieser beiden Lager weiter entfaltet, sehen sich die ägyptischen Christen oft im politischen Kreuzfeuer gefangen und müssen dabei schwierige Entscheidungen treffen. Die hohe Analphabetenrate, die wirtschaftliche Stagnation und der demographische Druck bedeuten auch, dass – unabhängig von der politischen Situation im Land – die ägyptische Gesellschaft weiterhin für den Einfluss der extremistischen und intolerantesten Versionen des Islam anfällig ist, die besonders für die Jugend und die Armen attraktiv sind.

2) Christen sind weiterhin verwundbar und gefährdet

Trotz der Bemühungen der Regierung zur Bekämpfung der gewalttätigen Angriffe auf Christen, wird das Gefühl der Verwundbarkeit und Unsicherheit, das sich unter den Christen in Ägypten verbreitet hat, auf absehbare Zeit anhalten. Das Ausmaß, in dem solche Angriffe weitergehen oder zunehmen, wird den Verlauf der Verfolgungsdynamik in Ägypten bestimmen. Die gewaltfreien Formen der Verfolgung, die in verschiedenen Lebensbereichen vorherrschen, werden wahrscheinlich ohne große positive Veränderungen fortbestehen.

3. Religiöse Situation im Land

Der Islam ist die vorherrschende Religion in Ägypten. Open Doors schätzt die Zahl der Christen auf 16.250.000. Die Gesamtzahl und der prozentuale Anteil der Christen sind jedoch umstritten, wobei die ägyptischen Christen ihren Bevölkerungsanteil mit über 15% angeben. Obwohl das Christentum tiefe Wurzeln in Ägypten hat, die Jahrhunderte vor dem Aufkommen des Islam in Nordafrika zurückreichen, werden Christen im modernen Ägypten oft benachteiligt und als Bürger zweiter Klasse behandelt. Christen sind im ganzen Land zu finden, aber „sie sind besonders in Oberägypten (dem südlichen Teil Ägyptens) und in Großstädten wie Kairo und Alexandria konzentriert. Vorstädte in Kairo, in anderen Städten und in einigen Dörfern werden manchmal als ‚christliche Gebiete‘ betrachtet oder beschrieben, aber nur wenige sind ausschließlich christlich (oder muslimisch).“ (Australisches Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und Handel, Mai 2017)

Humanist International schreibt in seinem Bericht zur Gedankenfreiheit („Freedom of Thought Report“, abgerufen am 9. September 2020): „Der ägyptische Personalausweis beinhaltet eine Rubrik zur Religionszugehörigkeit. Nur Mitglieder der drei ‚offenbarten Religionen‘ werden anerkannt.“ ... Personen, die in eine muslimische Familie hineingeboren werden, sich aber später vom Islam abwenden, dürfen ihre Religionszugehörigkeit auf ihrem Personalausweis nicht ändern. Seit dem „Arabischen Frühling“ ist die Angelegenheit um den Personalausweis ein wichtiges Wahlkampfthema für die koptischen Christen geworden, da religiöse Spannungen zugenommen haben.“

Innerhalb des religiösen Kontexts sind Männer und Frauen erheblichem Druck ausgesetzt, besonders Muslime, die den christlichen Glauben angenommen haben. Das ägyptische Recht erlaubt Christen, zum Islam zu konvertieren. Trotz mehrerer Kampagnen gegen die Ungleichbehandlung, ist das Gegenteil allerdings nicht vorgesehen. So darf eine Christin einen Muslim heiraten, aber ein Christ darf keine Muslima heiraten.

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Die Triebkraft islamische Unterdrückung hat in Ägypten viele Gesichter. Die islamische Kultur fördert eine Sichtweise in der ägyptischen Gesellschaft, wonach Christen als Bürger zweiter Klasse betrachtet werden. Dies führt zur Diskriminierung von Christen im politischen Bereich und im Umgang mit staatlichen Behörden. Sie schafft zudem ein Umfeld, in dem der Staat zurückhaltend ist, die Grundrechte der Christen anzuerkennen und durchzusetzen. Im Familienleben stehen Christen muslimischer Herkunft unter großem Druck, ihren Glauben zu widerrufen. Auch vonseiten ihrer Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz leiden Christen im Alltag unter islamischer Unterdrückung. Es gab zudem mehrere gewalttätige Angriffe extremistischer islamischer Gruppen, die auf Christen abzielten. Diese Gruppen sind jedoch hauptsächlich im Sinai im Nordosten Ägyptens aktiv.

Diktatorische Paranoia

Der traditionell autoritäre Führungsstil ist vielleicht die einzige Konstante in Ägyptens politischem System, das zwischen 2011 und 2014, in nur drei Jahren, drei Regimewechsel erlebte. Die jeweiligen Machthaber glichen sich in ihrem autoritären Regierungsstil. 2011 wurde die langjährige Diktatur Husni Mubaraks durch massive Proteste der Bevölkerung beendet, was schließlich zur umstrittenen Wahl der Muslimbruderschaft führte. Die von Mohammed Mursi geführte Regierung agierte nicht demokratisch und wurde 2013 durch einen nationalen Aufstand mit Unterstützung des Militärs abgesetzt. Gegenwärtig wird das Land von einer Zivilregierung unter dem früheren General Abd al-Fattah al-Sisi regiert, der bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2014 an die Macht kam und im März 2018 wiedergewählt wurde. Seine Regierung betrachtet die Einhaltung grundlegender Menschenrechte und demokratischen Pluralismus offenbar als nachrangig gegenüber den schwerwiegenden Herausforderungen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Sicherheit. In diesem Kontext ist Religionsfreiheit für Christen nicht vollständig gewährleistet.

Unterdrückung durch den Clan/Stamm

Obwohl nur wenige Beobachter einen ethnischen Unterschied zwischen (christlichen) Kopten und (muslimischen) Arabern sehen, treten Christen und Muslime als zwei verschiedene Gruppen in der ägyptischen Gesellschaft auf. Wie in vielen anderen arabischen Ländern beeinflusst das Stammesdenken stark die Wahrnehmung von Gruppen, was schnell zu verbaler oder körperlicher Gewalt gegen Menschen außerhalb der eigenen Gruppe führen kann. In Oberägypten kommt es zum Beispiel häufig zu Übergriffen durch Mobs, wenn Christen versuchen, die offizielle Anerkennung eines Kirchengebäudes zu erreichen. Islamische Unterdrückung und ethnisch begründete Anfeindungen vermischen sich in solchen Fällen, was dazu führt, dass sich die christliche Minderheit stets vorsichtig verhalten muss. Zudem sind Christen muslimischer Herkunft Druck durch ihre (Groß-) Familie ausgesetzt, da ihnen vorgeworfen wird, Werte wie die Ehre der Familie verletzt zu haben.

5. Verfolger

Ausgehend von islamischer Unterdrückung

  • Die eigene (Groß-)Familie: Die Hinwendung einer Person vom Islam zum christlichen Glauben wird von ihrer Familie als Verrat am Islam verstanden, da der Islam als allumfassende Grundlage der Gesellschaft gilt, die nicht verlassen werden darf. Diese tiefen islamischen Überzeugungen sind ein wichtiger Grund dafür, warum sich Verwandte gegen Familienmitglieder wenden, die den christlichen Glauben annehmen.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Extremistische islamische Hassprediger spielen eine entscheidende Rolle dabei, die Atmosphäre der Intoleranz aufrechtzuerhalten und Feindseligkeit gegenüber Christen zu schüren.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Militante islamische Gruppen wie der „Islamische Staat“ (IS) sind für viele der gewalttätigsten und grausamsten Taten gegen Christen verantwortlich.
  • Gewöhnliche Bürger und Mobs: Gewöhnliche Bürger, deren Ansichten von intoleranten und extremistischen Imamen geprägt sind, treiben die Verfolgung von Christen maßgeblich voran und sind für den größten Teil des Drucks verantwortlich, dem Christen in ihrem täglichen Leben in ihrer Nachbarschaft und bei der Arbeit ausgesetzt sind. Dabei sind die gesellschaftliche Feindseligkeit und die Vorurteile gegenüber Christen in den ärmeren und ländlichen Teilen Ägyptens stärker ausgeprägt.
  • Regierungsbeamte: Auch Regierungsbeamte wirken als Verfolger, weil sie es versäumen, die Rechte der Christen zu verteidigen. Häufig schützen sie Christen zum Beispiel nicht vor Angriffen durch Mobs. Darüber hinaus tragen sie durch diskriminierende Handlungen zur Verfolgung von Christen bei. Durch ihre Weigerung, die Hinwendung vom Islam zum christlichen Glauben anzuerkennen, verletzen sie die Grundrechte von Christen maßgeblich.

Ausgehend von diktatorischer Paranoia

  • Regierungsbeamte: Regierungsbeamte, unter ihnen Justizbeamte, lokale Verwaltungsbeamte sowie Angehörige verschiedener Zweige des Sicherheitsapparates in Ägypten gehören in diesem Zusammenhang zu den Hauptverfolgern. Die Regierung von Präsident Abd al-Fattah al-Sisi versucht, sich die Unterstützung der Bevölkerungsmehrheit zu sichern und an der Macht zu bleiben. So hat die Regierung trotz gegenteiliger Versprechen die bestehenden Einschränkungen der Religionsfreiheit ägyptischer Christen beibehalten. Kirchenleiter in Ägypten werden vom Staat dauerhaft überwacht. Außerdem wird die Meinungsfreiheit aller ägyptischen Bürger durch die Regierung al-Sisis extrem eingeschränkt. Deshalb können sich Christen nicht öffentlich gegen die Ungerechtigkeit und Verfolgung aussprechen.

Ausgehend von Unterdrückung durch den Clan/Stamm

  • Die eigene (Groß-)Familie: Ausgehend von einem auf dem Islam basierenden Stammesdenken betrachten Großfamilien die Hinwendung eines Familienmitglieds zum christlichen Glauben als Verrat und als Schande für die Familie, die es wiedergutzumachen gilt.
  • Anführer ethnischer Gruppen: Extremistische und intolerante Imame und Anführer ethnischer Gruppen bestärken häufig die Tendenz, den Übertritt vom Islam zum Christentum als Verrat sowohl des Islam als auch der Familie zu betrachten. Dies geschieht durch Aufrufe an die örtliche muslimische Bevölkerung, ihren Glauben vor der anderen Gruppe, den Christen, zu schützen.
  • Gewöhnliche Bürger und Mobs: Die Gesellschaft fungiert als eine Art Wächter; sie sorgt dafür, dass die Ehre und Macht eines Clans erhalten bleiben. Das gilt besonders für ländliche Gegenden. So können schon Behauptungen, dass Christen mehr öffentlicher Raum zugestanden wird (beispielsweise dadurch, dass ihre Kirche anerkannt wurde), zu Angriffen von Mobs führen.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Oberägypten, der südliche Teil des Landes, ist dafür bekannt, konservativer und extremistischer zu sein als der Norden. Die meisten Vorfälle und Angriffe von Mobs gegen Christen ereignen sich in dieser Region, insbesondere in der berüchtigten Provinz al-Minya, wo die meisten Angriffe auf Christen geschehen. Doch auch Christen in den wirtschaftlich benachteiligten ländlichen Gebieten im Norden erleben ein ähnliches Maß an Unterdrückung durch extremistische Muslime, insbesondere in den Dörfern und Städten des Nildeltas.

Während islamisch-extremistische Gruppen wie die Muslimbruderschaft im ganzen Land Unterstützer haben, sind gewalttätige islamisch-militante Gruppen nur im Nordosten des Landes auf der Sinai-Halbinsel offen aktiv.

7. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Ausländische Christen in Ägypten werden nicht in die Isolation gedrängt. Diese Kategorie ist daher nicht in der Bewertung und Analyse des Weltverfolgungsindex enthalten.

Christen aus traditionellen Kirchen

Die größte Kirche dieser Kategorie ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche. Es gibt auch etablierte protestantische Gemeinschaften im gesamten Land. Die zahlenmäßig starke koptische Minderheit genießt trotz erheblicher Schwierigkeiten (wie Diskriminierung bei der Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Gesetzgebung, die das Gemeindeleben erheblich einschränkt) ein gewisses Maß an Toleranz seitens des Staates und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung. Dies liegt an ihrer historischen Präsenz und ihrer beträchtlichen Größe von mehreren Millionen Mitgliedern. In den letzten Jahren hat sich die Lage jedoch verschlechtert, da auch Christen traditioneller Kirchen von ihren Nachbarn sowie islamisch-extremistischen Gruppierungen angegriffen wurden.

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Es gibt eine kleine, aber wachsende Zahl von Christen muslimischer Herkunft, die die Hauptlast der Verfolgung tragen, zumeist vonseiten der eigenen Familie. Diese bestraft sie dafür, dass sie den Islam verlassen haben, oft durch Schläge oder Vertreibung aus dem Haus.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Es gibt mehrere evangelikale und pfingstkirchliche Gruppen im Land, manche von ihnen Christen muslimischer Herkunft in der zweiten, dritten oder noch weiter zurückführenden Generation. Andere stammen aus einem orthodoxen Hintergrund. Sie erleben Druck sowohl durch die muslimische Gesellschaft als auch – in einem geringeren Maße – durch die Koptisch-Orthodoxe Kirche.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

 

Privatleben 12.5
Familienleben 13.2
Gesellschaftliches Leben 11.5
Leben im Staat 12.7
Kirchliches Leben 11
Auftreten von Gewalt 14.1

 

Grafik: Verfolgungsmuster Ägypten

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen ist sehr hoch (12,2 Punkte), gestiegen von 11,9 Punkten im Weltverfolgungsindex 2020.
  • Alle Lebensbereiche weisen einen sehr hohen Druck auf, allerdings ist der Druck in den Bereichen Privatleben und Leben im Staat am größten. Die mit 13,2 Punkten sehr hohe Wertung des Bereichs Familienleben resultiert insbesondere aus den Schwierigkeiten, mit denen Christen muslimischer Herkunft in Bezug auf christliche Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen konfrontiert sind. Die sehr hohe Punktzahl für das Leben im Staat spiegelt das Ausmaß der Diskriminierung wider, mit der alle Christen – insbesondere diejenigen muslimischer Herkunft – im Umgang mit den Behörden konfrontiert sind. Es besteht immer die Gefahr, der Blasphemie beschuldigt zu werden, gefolgt von Gewalt durch Mobs, wobei die Polizei und andere Behörden sich oft auf die Seite der Ankläger und Angreifer stellen, um die öffentliche Ordnung zu bewahren.
  • Der Wert für Auftreten von Gewalt liegt auf einem extremen Niveau, sinkt aber leicht von 16,1 Punkten im Weltverfolgungsindex 2020 auf 14,1 Punkte im Weltverfolgungsindex 2021.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Der Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen Glauben („Apostasie“) ist offiziell nicht gesetzlich verboten. Ein Beschluss des Kairoer Verwaltungsgerichtes aus dem Jahr 2008 besagt jedoch, dass die freie Religionsausübung gewissen Einschränkungen unterliege und dass der Glaubenswechsel vom Islam zu einem anderen Glauben eine Verletzung der Prinzipien des Islam und deshalb verboten sei. Auch laut den Blasphemiegesetzen ist ein Glaubenswechsel strafbar. Die Feindseligkeit der Gesellschaft gegenüber Christen muslimischer Herkunft ist sehr hoch. Bloße Gerüchte über einen Glaubenswechsel können zu Gewalt durch Mobs führen, insbesondere in ländlichen Gegenden. Der Glaubenswechsel wird als sehr große Schande für die Familienehre gesehen. Häufig verstoßen Familien Personen, die sich dem christlichen Glauben zuwenden. Sie versuchen, die betreffenden Familienmitglieder zur Widerrufung ihres neuen Glaubens zu bewegen oder sogar, sie zu töten.

War es für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen?

Die Verwendung von christlichen Symbolen und Bildern, zum Beispiel in Autos, ging aufgrund von Angst vor Gewalt gegen Christen zurück. Die meisten, wenn nicht gar alle koptischen Christen tragen ein tätowiertes Kreuz auf ihrem Handgelenk oder Arm. Es dient als Erkennungszeichen beim Betreten einer Kirche. Das macht sie jedoch auch für Angreifer leichter erkennbar. Christen muslimischer Herkunft müssen besonders vorsichtig sein, denn das Tragen christlicher Symbole kann dazu führen, dass ihr neuer Glaube entdeckt wird oder dass ihre Familien oder ihr soziales Umfeld ihnen unangenehme Fragen stellen.

War es für Christen riskant, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden, die nicht zum engsten Kreis gehören (erweiterte Familie, andere)?

Um Blasphemievorwürfe zu vermeiden, sprechen die meisten Christen nur mit Personen über ihren Glauben, die sie gut kennen oder denen sie vertrauen. Ein Gespräch über den Glauben könnte leicht als Missionierungsversuch verstanden werden, was von der ägyptischen Gesellschaft stark abgelehnt wird. Für Christen muslimischer Herkunft ist es besonders riskant, Gespräche über den Glauben zu führen, da hierdurch ihr neuer Glaube entdeckt werden könnte.

War es für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder Facebook etc.)?

In jüngster Vergangenheit wurden mehrere Christen muslimischer Herkunft verhaftet, die ihren christlichen Glauben in den sozialen Medien öffentlich gemacht hatten. Aus Angst vor den Reaktionen ihrer Familie und ihres sozialen Umfeldes äußern sich die meisten Christen muslimischer Herkunft nicht öffentlich im Internet zu ihrem christlichen Glauben. Darüber hinaus kommen auch die Blasphemiegesetze häufig zum Einsatz, um gegen diejenigen vorzugehen, die den Islam kritisieren. Mehrere Christen wurden bereits verhaftet oder fielen Angriffen durch Mobs zum Opfer, weil sie angeblich in den sozialen Medien den Islam beleidigt hatten. Trotzdem teilen viele Christen eine große Anzahl an Bibelversen, christlichen Bildern oder andere christliche Inhalte im Internet.

Familienleben

Sind Kinder von Christen automatisch unter der Staats- oder Mehrheitsreligion registriert worden?

Für Christen muslimischer Herkunft ist es schwierig bis unmöglich, die Religionszugehörigkeit auf ihrem Personalausweis ändern zu lassen. Kinder haben automatisch dieselbe Religionszugehörigkeit wie ihr Vater. Deshalb werden Kinder eines christlichen Vaters muslimischer Herkunft automatisch als Muslime registriert. Wenn beide Elternteile den christlichen Glauben annehmen, ist ihre Ehe nach ägyptischem Recht nicht mehr gültig. Ihre Kinder werden als unehelich angesehen.

Wurden christliche Kinder unter Druck gesetzt, auf irgendeiner Bildungsebene an antichristlichem oder an die Mehrheitsreligion propagierendem Unterricht teilzunehmen?

Kinder christlicher Eltern muslimischer Herkunft müssen am Islamunterricht teilnehmen, da der Glaubenswechsel ihrer Eltern nicht anerkannt wird. Aber auch andere christliche Kinder sehen sich in der Schule mit Schwierigkeiten konfrontiert, da der gesamte ägyptische Lehrplan sehr stark von islamischen Lehren und Inhalten beeinflusst ist. Zwar dürfen christliche Kinder ihren eigenen Religionsunterricht besuchen, doch müssen sie ebenso wie ihre muslimischen Mitschüler Teile des Koran und anderer islamischer Literatur auswendig lernen. Teilweise enthält das Unterrichtsmaterial der ägyptischen Schulen auch Lehren, die sich gegen den christlichen Glauben wenden. Kindern aus privilegierten christlichen Familien bleibt dies alles manchmal erspart, da ihre Eltern es sich leisten können, sie auf christliche Privatschulen zu schicken. Doch das ist nur wenigen christlichen Familien finanziell möglich.

Wurden Ehepartner von Konvertiten von Dritten unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen (gleichgültig ob erfolgreich oder nicht)?

Dieses Problem betrifft vor allem Christen muslimischer Herkunft. Der Druck vonseiten der Familie oder des sozialen Umfelds auf Ehepartner von Christen muslimischer Herkunft ist aufgrund der rechtlichen Auswirkungen einer Scheidung hoch. Doch selbst wenn es nicht zu einer Scheidung kommt, verliert der Ehepartner christlichen Glaubens gemäß der Scharia sein Erb- und Vormundschaftsrecht.

Wurde die Registrierung von Geburt, Hochzeit, Tod usw. von Christen behindert oder unmöglich gemacht?

Christen muslimischer Herkunft sehen sich hier mit den größten Schwierigkeiten konfrontiert. Wenn sie kirchlich heiraten wollen, bleibt ihnen oft nur, dies heimlich oder im Ausland zu tun, da ihr Glaubenswechsel weder von den Behörden noch von der Gesellschaft anerkannt wird.

Nach der Scharia sind Ehen zwischen christlichen Männern und muslimischen Frauen unmöglich. Da ihr Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen Glauben nicht anerkannt wird, gelten christliche Frauen muslimischer Herkunft weiterhin als muslimisch. Wenn sie mit einem christlichen Mann Kinder haben, gelten diese Kinder folglich als unehelich. Christen muslimischer Herkunft müssen ihre Kinder als Muslime registrieren lassen.

Gesellschaftliches Leben

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Diskriminierung von und Feindschaft gegen Christen ist weit verbreitet und in allen Lebensbereichen zu spüren. Christen werden von Beamten aller Ebenen und von großen Teilen der Gesellschaft nicht als gleichberechtigte Mitmenschen mit demselben Anspruch auf Schutz und Sicherheit akzeptiert. Auch wenn jede ägyptische Frau gewisse Formen von (sexueller) Belästigung erfahren kann, sind christliche Frauen doch besonders gefährdet, da sie sich nicht verschleiern. Das Ausmaß des Drucks und der Diskriminierung ist unterschiedlich; oft ist der Druck auf Christen in Städten geringer als in ländlichen Gegenden.

Wurden Christen am Arbeitsplatz im öffentlichen oder privaten Bereich aus religiösen Gründen diskriminiert?

Diese Diskriminierung geschieht auf mehreren Ebenen. Christen bekommen keine Anstellungen im Geheimdienst oder hohe Positionen in der Armee oder Polizei. Auch in hohen Regierungsämtern sind Christen unterrepräsentiert. Im privaten Sektor hängt die Diskriminierung davon ab, wie tolerant der Arbeitgeber ist, doch werden Christen auch hier regelmäßig diskriminiert. Dies führt dazu, dass Kopten und andere Christen häufig selbst unternehmerisch tätig sind, da sie sich nicht darauf verlassen können, im öffentlichen Bereich oder bei privaten (nichtchristlichen) Arbeitgebern eine Anstellung zu finden. Zudem gab es in den letzten zehn Jahren keinen einzigen christlichen Spieler in der ägyptischen Nationalmannschaft, obwohl Christen mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Christen werden diskriminiert und ihnen werden Möglichkeiten vorenthalten, in den besten Fußballvereinen des Landes zu spielen.

Wurden Christen von ihren lokalen Gemeinschaften oder von privaten Gruppen überwacht (dazu gehören auch Meldungen an die Polizei, Beschattung, das Abhören von Telefonleitungen, das Lesen/Zensieren von E-Mails usw.)?

Die Überwachung von Christen geschieht auf mehreren Ebenen. Örtliche Behörden oder islamistische Gruppen wissen, in welcher Nachbarschaft oder wo im Dorf Christen wohnen. Sie beobachten die Christen, um sicherzugehen, dass sie den Islam nicht dadurch beleidigen, dass sie das Evangelium weitergeben oder auf andere Art und Weise Anstoß erregen. Dieses Problem existiert vor allem in armen Stadtvierteln und ländlichen Gebieten – insbesondere in Oberägypten – und weniger häufig in urbanen Gegenden. In den letzten Jahren wurden immer wieder Christen angegriffen, da sie angeblich den Islam beleidigt oder eine Beziehung mit einer muslimischen Frau gehabt hatten. Da in ärmeren Stadtvierteln und / oder ländlichen Gebieten weniger Polizeikräfte im Einsatz sind und diese Orte von der Regierung nicht so stark überwacht werden, bleiben Angriffe auf Christen durch Mobs häufig unbestraft. Auch auf staatlicher Ebene werden Christen überwacht. Der Sicherheitsdienst bespitzelt Christen muslimischer Herkunft – und versucht, sie dazu zu zwingen, Informationen über Gruppen für Christen muslimischer Herkunft preiszugeben.

Wurden Christen aus religiösen Gründen mit Geldstrafen belegt (z.B. Dschizya-Steuer, Gemeindesteuer, Schutzgeld)?

In Ägypten existiert der Brauch des sogenannten „Versöhnungsrats“. Kommt es zu Angriffen auf Christen oder Kirchen, zwingen die (örtlichen) Behörden die betroffenen Christen oft dazu, vor einem solchen Versöhnungsrat zu erscheinen und von einer Strafanzeige gegen ihre Angreifer abzusehen. Sie müssen den Beschlüssen des Rates zustimmen, die meistens den Tätern zugutekommen und auf Kosten der christlichen Opfer gehen. Manchmal werden die Christen sogar gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen und ihr Dorf zu verlassen. Obwohl das Anliegen dieses Rates eigentlich die friedliche Aussöhnung aller beteiligten Parteien ist, schafft dieser Brauch in der Realität doch vielmehr ein Klima der Straffreiheit, was weitere Angriffe unterstützt.

Leben im Staat

Schränkt die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) die Religionsfreiheit, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ein?

Die Scharia ist gemäß der ägyptischen Verfassung die „Hauptquelle der Rechtsprechung“. Ehemalige Muslime, die den christlichen Glauben angenommen haben, sind folglich nicht von der Verfassung geschützt, obwohl es in Artikel 64 heißt, dass „die Glaubensfreiheit vollkommen“ sei. Offiziell anerkannte Christen dürfen ihre Angelegenheiten des Personenstandsgesetzes und ihre religiösen Angelegenheiten selbst handhaben, doch in Fällen zwischen einem Muslim und einem Nichtmuslim gilt die Scharia.

Haben sich Beamte auf irgendeiner Ebene geweigert, die Bekehrung einer Person in den Systemen der Regierungsverwaltung, in Ausweisen usw. offiziell anzuerkennen?

Obwohl ein Glaubenswechsel nicht gesetzlich verboten ist, wird in der Praxis stark dagegen vorgegangen. Wenn ein Christ muslimischer Herkunft seine Religionszugehörigkeit offiziell ändern lassen will, stellen ihn die Behörden mit großer Wahrscheinlichkeit unter Beobachtung und berufen sich auf die Blasphemiegesetze, um strafrechtlich gegen ihn vorzugehen.

Wurden Christen daran gehindert, ihre Ansichten oder Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern?

Christen müssen hier vor allem zwei Dinge beachten: Zum einen dürfen sie den Islam in keiner Weise beleidigen oder kritisieren. Jeder Vorwurf der Blasphemie – ob begründet oder nicht – kann zu strafrechtlicher Verfolgung und gewaltsamen Angriffen durch Mobs führen. Zum anderen hat sich die Regierung von Präsident Abd al-Fattah al-Sisi zu einer strikten Diktatur entwickelt. Sich gegen die Regierung zu äußern, kann zu Verhaftung, Folter und Gefängnisstrafen führen.

Wurden Personen, die Christen Schaden zugefügt haben, bewusst von der Strafverfolgung ausgenommen?

In vielen Teilen des Landes ist es üblich, dass diejenigen, die Christen schikanieren oder ihre Häuser plündern, ungestraft bleiben – entweder weil die Behörden bewusst „ein Auge zudrücken“ oder weil der Fall vor einem sogenannten „Versöhnungsrat“ verhandelt wird. Außerdem gilt es als Privat- und Familienangelegenheit, wenn ein Christ muslimischer Herkunft von seiner eigenen Familie schlecht behandelt wird. Konvertiten werden von der Regierung nicht geschützt. Ihre Familie kann sie sogar töten – und kommt immer noch so gut wie straffrei davon.

Kirchliches Leben

Wurden Kirchen daran gehindert, christliche Aktivitäten außerhalb der Kirchengebäude zu organisieren?

Je nachdem, in welchem Teil Ägyptens sie sich befinden, ist es Kirchen manchmal möglich, Aktivitäten im Freien (beispielsweise Aktivitäten für Kinder) durchzuführen, wenn sie kein großes Aufsehen damit erregen. Prozessionen werden von Kirchen häufig jedoch nicht veranstaltet. Sie befürchten Angriffe von islamisch-extremistischen Gruppen oder Mobs, die solche Umzüge als Zurschaustellung einer Bedrohung für den Islam verstehen könnten.

Wurden Kirchen daran gehindert, Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) offen zu integrieren?

Die Verkündigung des Evangeliums und ein Wechsel des Glaubens werden in Ägypten stark abgelehnt. Kirchen nehmen nur sehr selten Christen muslimischer Herkunft auf, um Schwierigkeiten mit der ägyptischen Regierung und Gesellschaft zu vermeiden – bezichtigen diese die Kirchen doch schnell der Missionierung. Vorwürfe dieser Art können zu Angriffen auf Kirchen und Kirchenschließungen aus „Sicherheitsgründen“ führen.

Wurden kirchliche Aktivitäten überwacht, behindert, gestört oder blockiert?

Die Polizei und der Geheimdienst verlangen üblicherweise einen Plan mit allen Veranstaltungen einer Gemeinde. Darüber hinaus können sie – mit der Begründung, die nationale Sicherheit zu schützen – jede beliebige dieser Gemeindeveranstaltungen verbieten. Außerdem mischen sich manchmal Polizisten in Zivil unter die Gottesdienstbesucher, um zu überwachen, was in den Kirchen gepredigt wird. Auch sind viele Gemeinden mit Widerstand oder sogar Gewalt vonseiten der ägyptischen Gesellschaft konfrontiert, insbesondere wenn sie ihr Kirchengebäude nach dem 2016 erlassenen Gesetz zum Bau von Kirchen registrieren lassen wollen.

Wurden christliche Gemeinden beim Bau oder der Renovierung von Kirchengebäuden oder bei der Zurückforderung bzw. erneuten Nutzung historischer religiöser Gebäude und Gotteshäusern behindert, die ihnen früher genommen wurden?

Die Regierung erkennt zwar seit dem 2016 erlassenen Gesetz zum Bau von Kirchen immer wieder Kirchen an; tausende von Gemeinden warten jedoch immer noch darauf, offiziell anerkannt zu werden. In vielen anderen Dörfern, in denen Christen leben, gibt es nicht einmal eine Kirche. Wollen Christen eine Kirche bauen, müssen sie immer noch sehr viele administrative Hindernisse (wie Sicherheitsüberprüfungen) überwinden. In vielen Fällen geht auch von der Gesellschaft großer Widerstand gegen den Kirchenbau aus.

Auftreten von Gewalt

Für den Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2021 gilt Folgendes:

  • Getötete Christen: Während des Berichtszeitraums zum Weltverfolgungsindex 2021 ereignete sich kein größerer Terroranschlag, wie in den vergangenen Jahren. Doch wurden Berichten zufolge bei anderen Vorfällen insgesamt mindestens acht weitere Christen getötet – der Großteil davon in Oberägypten. In einigen Fällen war ihr christlicher Glaube eindeutig der Grund für ihre Tötung. In den anderen Fällen scheint es ebenfalls sehr plausibel, dass die Christen aufgrund ihres Glaubens getötet wurden, da Christen in Ägypten als Bürger zweiter Klasse gelten und – insbesondere in Oberägypten – der Mord an einem Christen häufig nicht bestraft wird.
  • Angriffe auf Christen: Viele Christen wurden wegen ihres Glaubens an Jesus Christus angegriffen und einige dabei sehr schwer verletzt. Viele christliche Mädchen wurden entführt und sexuell missbraucht, andere dazu gezwungen, einen muslimischen Mann zu heiraten. Außerdem wurden hunderte christliche Mädchen Opfer von sexueller Belästigung. Berichten zufolge werden christliche Mädchen systematisch angegriffen; ihre Entführer bekommen ein Kopfgeld für jedes entführte Mädchen.
  • Verhaftungen von Christen: Mehrere Christen wurden verhaftet. In den meisten Fällen waren sie von einem Mob angegriffen worden. Ihre Festnahme erfolgte, um die Situation zu deeskalieren und ihre Angreifer zufrieden zu stellen. Mindestens ein Christ wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem er der Blasphemie beschuldigt worden war.
  • Angriffe auf Kirchen: Mehrere Kirchen wurden angegriffen oder von der Polizei geschlossen, häufig nachdem ein Mob die Kirche angegriffen hatte oder nachdem ihre Registrierung abgelehnt worden war. Mindestens drei Kirchen wurden niedergebrannt.
  • Angriffe auf Häuser und Geschäfte von Christen: Mehrere Häuser und Geschäfte von Christen wurden von Mobs angegriffen und beschädigt. In anderen Fällen wurden einzelne Geschäfte und Häuser gezielt angegriffen.
  • Straffreiheit für Angreifer: Nicht selten bleiben Angriffe gegen Christen ungestraft.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Andere religiöse Gruppen, die in Ägypten Verfolgung erleben, sind die muslimischen Minderheiten der Schiiten und Sufis, des Weiteren Bahai, Mormonen und Zeugen Jehovas. Besonders schiitische Muslime werden von sunnitischen Kämpfern angegriffen, was es für sie gefährlich macht, ihren Glauben offen zu leben. Mormonen, Bahai und Zeugen Jehovas wird die Anerkennung durch die Behörden verweigert, was es ihnen erschwert, Gottesdienstgebäude zu errichten. Der missionarische Eifer und entsprechende Aktivitäten solcher Gruppen gelten als illegal, und so sind die Anhänger sowohl vonseiten der Staatsbeamten als auch der Gesellschaft, einschließlich Ägyptern mit christlichem Hintergrund, mit Feindseligkeit konfrontiert.

Da in Ägypten offiziell nur die drei ‚göttlichen Religionen‘ anerkannt werden, besitzen viele ältere Ägypter, die den Bahai oder anderen religiösen Minderheiten angehören, weder einen Ausweis, noch eine Geburts- oder Heiratsurkunde. „Eine kleine – jedoch bei Weitem nicht ausreichende – Verbesserung der Situation trat 2009 ein. Zwei Bahai wurde erlaubt, eine vierte Option bei der Religionszugehörigkeit auf ihrem Ausweis zu wählen: ‚- ‘ . [...] Personen, die in eine muslimische Familie hineingeboren werden, sich aber später vom Islam abwenden, dürfen ihre Religionszugehörigkeit auf ihrem Personalausweis nicht ändern." („Freedom of Thought Report“, s.o.).

Ein Beispiel für Gewalt gegen andere religiöse Gruppen trug sich im November 2017 zu, als sunnitische Kämpfer eine volle Sufi-Moschee auf der Sinai-Halbinsel angriffen, wobei mehr als 300 Menschen getötet wurden (New York Times, 24. November 2017).

Auch Atheisten werden sehr häufig Opfer von Verfolgung, besonders wenn sie in den sozialen Medien aktiv sind. So wurde beispielsweise der Blogger und Atheist Sherif Gaber von den ägyptischen Behörden mehrfach verhaftet und gefoltert (Inside Arabia, 2. November 2019).

Berichte anderer Quellen:

Laut Berichts zur internationalen Religionsfreiheit des US-Außenministeriums 2019 (IRF 2019, Seiten 6, 11 und 13):

  • „Das Gesetz erkennt den Bahai-Glauben oder seine religiösen Gesetze nicht an und verbietet Institutionen und Gemeindeaktivitäten der Bahai. Obwohl die Regierung „christlich“ in den Personalausweisen der Zeugen Jehovas auflistet, verbietet ein Erlass des Präsidenten alle Aktivitäten der Zeugen Jehovas“
  • „Bemühungen zur Bekämpfung des Atheismus erhielten manchmal offizielle Unterstützung, auch von mehreren Parlamentsmitgliedern, obwohl Präsident al-Sisi Ende 2018 erklärte, dass Einzelpersonen das „Recht haben, Gott anzubeten“, wie sie es für richtig halten, oder „sogar nichts anzubeten“
  • „Nach Angaben der Minority Rights Group International (MRGI), einer internationalen Nichtregierungsorganisation, gab es weiterhin keine Husseiniyahs im Land, und schiitische Muslime waren nach wie vor nicht in der Lage, öffentliche Gotteshäuser zu errichten. Laut MRGI „hat der Staat es versäumt, das Recht der Schiiten auf die Ausübung ihrer religiösen Rituale zu respektieren“, und MRGI gibt an, dass die Sicherheitsdienste schiitische Bürger, die auf religiösen Pilgerreisen sind, häufig Verhören unterworfen haben, darunter manchmal mit Folter. Die Schiiten riskierten den Vorwurf der Blasphemie, wenn sie ihre religiösen Ansichten öffentlich äußerten, öffentlich beteten oder Bücher besaßen, die das schiitische Denken unterstützen. Schiitische Muslime gaben an, sie seien vom Dienst in den Streitkräften sowie in den Sicherheits- und Nachrichtendiensten ausgeschlossen.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Ägypten:

  • Beten Sie für die Freilassung aller gefangen gehaltenen Christen und um Sicherheit aller Christen in ihrem täglichen Leben.
  • Beten Sie, dass alle falschen Anschuldigungen und sinnlosen Angriffe gegen Christen aufhören und dass das die Polizei danach strebt, Gerechtigkeit auch für Christen durchzusetzen.
  • Beten Sie, dass die Christen in Ägypten Mut und Weisheit haben, das Licht Christi in ihrem Umfeld hell erstrahlen zu lassen.