Länderprofil Ägypten

Ägypten

16
Weltverfolgungsindex
2020
Flagge Ägypten
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
16
ISO
EG
Karte Ägypten
Christen
16,25
Bevölkerung
101.17
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen
Privatleben: 12.100
Familienleben: 13.100
Gesellschaftliches Leben: 10.700
Leben im Staat: 13.200
Kirchliches Leben: 10.500
Auftreten von Gewalt: 16.100

Länderprofil Ägypten

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 16 / 76 Punkte (WVI 2019: Platz 16 / 76 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. November 2018 – 31. Oktober 2019

Zusammenfassung

Laut Berichten ägyptischer Christen geht die Verfolgung hauptsächlich von ihrem sozialen Umfeld aus. Beispiele reichen von christlichen Frauen, die auf offener Straße belästigt wurden, bis hin zu einer ganzen christlichen Nachbarschaft, die von einem wütenden Mob dazu gezwungen wurde, aus ihren Häusern zu fliehen – ihr Besitz wurde beschlagnahmt. Diese Vorfälle ereignen sich vor allem in den ländlichen Gebieten Oberägyptens, wo salafistische Gruppen aktiv sind. Ihr Einfluss ist besonders groß in ländlichen Gegenden, wo es viel Armut und Analphabetentum gibt.

Eine prominente Stellung in der ägyptischen Gesellschaft und sogar in der Verfassung nimmt die Al-Azhar-Universität ein. Laut dem Groß-Imam der Universität, Ahmad al-Tayyib, erlaubt der Islam es Muslimen nicht, den christlichen Glauben anzunehmen.

Auch wenn sich die ägyptische Regierung immer wieder positiv über Christen äußert, werden Christen vor allem in Oberägypten doch regelmäßig Opfer von Angriffen, weil die lokalen Behörden sie oft nicht schützen, und die entsprechenden Gesetze nicht angewandt werden. Aufgrund des diktatorischen Wesens des Regimes dürfen sich weder Kirchenleiter noch Christen öffentlich zu diesem Missstand äußern.

Außerdem werden Kirchen und christlichen Nichtregierungsorganisationen Einschränkungen auferlegt, was den Bau von neuen Kirchengebäuden oder sozialen Einrichtungen angeht. Dies steht im Kontrast dazu, wie Moscheen und islamische Organisationen behandelt werden. Alle Christen haben Schwierigkeiten, einen Ort für gemeinsame Gottesdienste zu finden. Die Schwierigkeiten resultieren sowohl aus staatlichen Restriktionen als auch aus der Feindseligkeit vonseiten des sozialen Umfeldes und Gewalt durch Mobs.

Christen muslimischer Herkunft haben große Schwierigkeiten, ihren Glauben zu leben, da sie enormem Druck vonseiten ihrer (Groß-)Familie ausgesetzt sind, zum Islam zurückzukehren. Der Staat macht es ihnen zudem unmöglich, eine offizielle Anerkennung ihres Glaubenswechsels zu erhalten.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Am 2. November 2018 wurden sieben christliche Pilger getötet und mindestens 19 weitere verletzt, als die Busse, mit denen sie in der Provinz al-Minya unterwegs waren, von Islamisten beschossen wurden. Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 wurden mindestens 16 weitere Christen wegen ihres Glaubens getötet oder kamen unter rätselhaften Umständen ums Leben – die meisten davon in Oberägypten.
  • Im Juni 2019 wurden koptische Christen von einem wütenden Mob angegriffen, da einer von ihnen eine angeblich „blasphemische“ Äußerung auf Facebook veröffentlicht hatte. Die Polizei nahm einige der Kopten fest und inhaftierte denjenigen, der den Facebookeintrag geschrieben hatte.
  • Die Regierung erkennt zwar seit dem 2016 erlassenen Gesetz zum Bau von Kirchen immer wieder einige Kirchengemeinden an, Tausende von ihnen warten jedoch immer noch darauf, offiziell anerkannt zu werden. Der Antrag auf die formelle Anerkennung zieht manchmal Gewalt durch Mobs oder die Schließung der Kirche durch die Sicherheitsbehörden nach sich.
  • In mindestens fünf Kirchen brachen Brände aus – die Gemeinden bezweifeln, dass dies zufällig geschah.

Meldungen und Beiträge zu Ägypten

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Marqos
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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 76 Punkten belegt Ägypten Platz 16 auf dem Weltverfolgungsindex 2020 – dieselbe Punktzahl und Platzierung wie im Vorjahr. Obwohl im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 nur ein großer Angriff auf Christen von Islamisten verübt wurde, blieb das Ausmaß des „Auftretens von Gewalt“ doch extrem hoch. Mindestens 23 Christen wurden getötet und 124 weitere angegriffen.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Die Triebkraft „Islamische Unterdrückung“ hat in Ägypten viele Gesichter. Die islamische Kultur unterstützt eine Sichtweise in der ägyptischen Gesellschaft, wonach Christen als Bürger zweiter Klasse betrachtet werden. Diese Sichtweise führt zur Diskriminierung von Christen im politischen Bereich und im Umgang mit staatlichen Behörden. Sie schafft zudem ein Umfeld, in dem der Staat die Grundrechte der Christen nicht ausreichend anerkennt und durchsetzt. Im Familienleben stehen Christen muslimischer Herkunft unter großem Druck, ihren Glauben zu widerrufen. Auch vonseiten ihrer Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz leiden Christen im Alltag unter Islamischer Unterdrückung. Es gab zudem mehrere gewalttätige Angriffe islamisch-extremistischer Gruppen, die auf Christen abzielten. Diese Gruppen sind jedoch hauptsächlich auf der nordöstlichen Sinai-Halbinsel aktiv.

Diktatorische Paranoia

Der traditionell autoritäre Führungsstil ist vielleicht die einzige Konstante in Ägyptens politischem System, das in nur drei Jahren, zwischen 2011 und 2014, drei Regimewechsel erlebte. Die jeweiligen Machthaber glichen sich in ihrem autoritären Regierungsstil. 2011 wurde die langjährige Diktatur Husni Mubaraks durch massive Proteste der Bevölkerung beendet, was schließlich zur umstrittenen Wahl der Muslimbruderschaft führte. Die von Mohammed Mursi geführte Regierung agierte nicht demokratisch und wurde 2013 durch einen nationalen Aufstand mit Unterstützung des Militärs abgesetzt.

Gegenwärtig wird das Land von einer Zivilregierung unter dem früheren General Abd al-Fattah al-Sisi regiert, der bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2014 an die Macht kam und im März 2018 wiedergewählt wurde. Seine Regierung betrachtet die Einhaltung grundlegender Menschenrechte und demokratischen Pluralismus offenbar als nachrangig gegenüber den schwerwiegenden Herausforderungen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Sicherheit. In diesem Kontext ist Religionsfreiheit für Christen nicht vollständig gewährleistet.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen

Obwohl nur wenige argumentieren, dass es einen ethnischen Unterschied zwischen (christlichen) Kopten und (muslimischen) Arabern gäbe, treten Christen und Muslime als zwei verschiedene Gruppen in der ägyptischen Gesellschaft auf. Wie in vielen anderen arabischen Ländern beeinflusst das Stammesdenken stark dieses Gruppendenken, was schnell zu verbaler oder körperlicher Gewalt gegen die andere Gruppe führen kann. In Oberägypten kommt es zum Beispiel häufig zu Übergriffen durch Mobs, wenn Christen versuchen, die offizielle Anerkennung eines Kirchengebäudes durchzusetzen. Islamische Unterdrückung und „Ethnisch begründete Anfeindungen“ vermischen sich in solchen Fällen, was dazu führt, dass sich die christliche Minderheit stets vorsichtig verhalten muss.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

  • Die eigene (Groß-)Familie: Die Hinwendung einer Person vom Islam zum christlichen Glauben wird von ihrer Familie als Verrat am Islam verstanden, da der Islam als allumfassende Grundlage der Gesellschaft gilt, die nicht verlassen werden darf. Diese tief islamischen Überzeugungen sind ein wichtiger Grund dafür, warum sich Verwandte gegen Familienmitglieder wenden, die den christlichen Glauben annehmen.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Islamisch-extremistische Hassprediger spielen eine entscheidende Rolle dabei, die Atmosphäre der Intoleranz aufrechtzuerhalten und Feindseligkeit gegenüber Christen zu schüren.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Militante islamische Gruppen wie der „Islamische Staat“ (IS) sind für viele der gewalttätigsten und grausamsten Taten gegen Christen verantwortlich.
  • Gewöhnliche Bürger und Mobs: Gewöhnliche Bürger, deren Ansichten von intoleranten und extremistischen Imamen geprägt sind, treiben die Verfolgung von Christen maßgeblich voran und sind für den größten Teil des Drucks verantwortlich, dem Christen in ihrem täglichen Leben, in ihrer Nachbarschaft und bei der Arbeit ausgesetzt sind. Feindseligkeit aus der Gesellschaft und Vorurteile gegenüber Christen sind in den ärmeren und ländlichen Teilen Ägyptens stärker ausgeprägt.
  • Regierungsbeamte: Auch Regierungsbeamte wirken als Verfolger, weil sie es versäumen, die Rechte der Christen zu verteidigen, indem sie Christen zum Beispiel nicht vor Angriffen von Mobs schützen. Auch durch diskriminierende Handlungen tragen sie zur Verfolgung von Christen bei. Durch ihre Weigerung, die Hinwendung vom Islam zum christlichen Glauben anzuerkennen, verletzen sie die Grundrechte von Christen maßgeblich.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

  • Regierungsbeamte: Regierungsbeamte, unter ihnen Justizbeamte, lokale Verwaltungsbeamte sowie Angehörige verschiedener Zweige des Sicherheitsapparates in Ägypten, gehören in diesem Zusammenhang zu den Hauptverfolgern. Die Regierung von Präsident Abd al-Fattah al-Sisi versucht, die Unterstützung durch die Mehrheit der Bevölkerung abzusichern und an der Macht zu bleiben. So hat die Regierung trotz gegenteiliger Versprechen die bestehenden Einschränkungen der Religionsfreiheit ägyptischer Christen beibehalten. Kirchenleiter werden vom ägyptischen Staat ständig überwacht. Außerdem wird die Meinungsfreiheit aller ägyptischen Bürger sehr stark durch die Regierung al-Sisis eingeschränkt. Deshalb können sich Christen nicht öffentlich gegen die Ungerechtigkeiten und Verfolgung aussprechen.

Ausgehend von Ethnisch oder traditionell begründeten Anfeindungen

  • Die eigene (Groß-)Familie: Ausgehend von einem auf dem Islam basierenden Stammesdenken betrachten Großfamilien die Hinwendung eines Familienmitglieds zum christlichen Glauben als Verrat und als Schande für die Familie, die es wiedergutzumachen gilt.
  • Anführer ethnischer Gruppen: Die Tendenz, den Übertritt vom Islam zum Christentum als Verrat sowohl des Islam als auch der Familie zu sehen, wird durch extremistische und intolerante Imame und Anführer ethnischer Gruppen bestärkt, wenn sie die örtliche muslimische Bevölkerung dazu aufrufen, ihren Glauben vor der anderen Gruppe, den Christen, zu schützen.
  • Gewöhnliche Bürger und Mobs: Die Gesellschaft fungiert als eine Art Wächter; sie sorgt dafür, dass die Ehre und Macht der Gruppe erhalten bleiben. Das gilt besonders für ländliche Gegenden. So können schon Behauptungen, dass Christen mehr öffentlicher Raum zugestanden wird (beispielsweise dadurch, dass ihre Kirche anerkannt wurde), zu Angriffen von Mobs führen.

4. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Oberägypten, der südliche Teil des Landes, ist dafür bekannt, konservativer und extremistischer zu sein als der Norden. Die meisten Vorfälle und Angriffe von Mobs gegen Christen ereignen sich in dieser Region, insbesondere in der Provinz al-Minya, wo die meisten Angriffe auf Christen geschehen – vor allem in ökonomisch benachteiligten, ländlichen Gegenden.

Während islamisch-extremistische Gruppen wie die Muslimbruderschaft im ganzen Land Unterstützer haben, sind gewalttätige islamisch-militante Gruppen nur im Nordosten der Sinai-Halbinsel offen aktiv. Der jüngste größere Vorfall ereignete sich im Januar 2019, als ein Polizist beim Entschärfen einer Bombe, die in der Nähe einer Kirche in Kairo platziert worden war, getötet wurde.

5. Betroffene Christen

Christen aus traditionellen Kirchen

Die größte Kirche dieser Kategorie ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche. Es gibt jedoch auch langbestehende protestantische Denominationen im gesamten Land. Die zahlenmäßig starke koptische Minderheit genießt trotz erheblicher Schwierigkeiten (wie Diskriminierung bei der Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Gesetzgebung, die das Gemeindeleben erheblich einschränken) ein gewisses Maß an Toleranz seitens des Staates und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung aufgrund ihrer historischen Präsenz und ihrer beträchtlichen Größe von mehreren Millionen Mitgliedern. In den letzten Jahren hat sich die Lage jedoch verschlechtert, da auch Christen traditioneller Kirchen von ihren Nachbarn sowie islamisch-extremistischen Gruppierungen angegriffen wurden.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Es gibt eine kleine, aber wachsende Zahl von Christen muslimischer Herkunft, die die Hauptlast der Verfolgung tragen, zumeist durch die eigene Familie. Diese bestraft sie dafür, dass sie den Islam verlassen haben, oft durch Schläge oder Vertreibung von ihrem Wohnort.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Es gibt mehrere evangelikale und pfingstkirchliche Gruppen im Land, manche von ihnen Christen muslimischer Herkunft in der zweiten, dritten oder noch weiter zurückführenden Generation. Andere stammen aus einem orthodoxen Hintergrund. Sie erfahren Druck sowohl durch die muslimische Gesellschaft als auch – in einem geringeren Maße – durch die Koptisch-Orthodoxe Kirche.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.1
Familienleben 13.1
Gesellschaftliches Leben 10.7
Leben im Staat 13.2
Kirchliches Leben 10.5
Auftreten von Gewalt 16.1

Grafik: Verfolgungsmuster Ägypten

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen erreicht ein sehr hohes Niveau. Mit 11,9 Punkten hat sich diese Kategorie im Vergleich zum Vorjahr nicht maßgeblich geändert (12,0 Punkte im Weltverfolgungsindex 2019).
  • In allen Lebensbereichen ist das Niveau des Druckes auf Christen sehr hoch, am höchsten jedoch in den Bereichen „Familienleben“ und „Leben im Staat“. Die mit 13,1 Punkten sehr hohe Wertung des Bereichs „Familienleben“ resultiert insbesondere aus den Schwierigkeiten, mit denen Christen muslimischer Herkunft in Bezug auf christliche Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen konfrontiert sind. Die ebenfalls sehr hohe Wertung von „Leben im Staat“ spiegelt das Maß der Diskriminierung von Christen – insbesondere von Christen muslimischer Herkunft – im Umgang mit den Behörden wider. Es besteht immer die Gefahr, der Blasphemie beschuldigt zu werden, gefolgt von Gewalt durch Mobs, wobei die Polizei und andere Behörden sich oft auf die Seite der Ankläger und Angreifer stellen, um die öffentliche Ordnung zu bewahren.
  • Der Wert für „Auftreten von Gewalt“ hat ein extremes Niveau mit einem Anstieg von 15,9 Punkten im Vorjahr auf 16,1 Punkte auf dem diesjährigen Weltverfolgungsindex.

Zu jedem der Lebensbereiche sind im Folgenden jeweils ausgewählte Teilaspekte genannt, die im betreffenden Lebensbereich für die Christen zu den gravierendsten Schwierigkeiten gehören.

Privatleben

  • Die Hinwendung zum christlichen Glauben, darunter auch der Übertritt zu einer anderen christlichen Denomination, wird stark abgelehnt, verboten oder auch bestraft: Der Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen Glauben („Apostasie“) ist offiziell nicht gesetzlich verboten. Ein Grundsatzurteil des Kairoer Verwaltungsgerichts aus dem Jahr 2008 besagt jedoch, dass die freie Religionsausübung gewissen Einschränkungen unterliege und dass der Glaubenswechsel vom Islam zu einem anderen Glauben eine Verletzung der Prinzipien des Islam und deshalb verboten sei. Auch laut den Blasphemiegesetzen ist ein Glaubenswechsel strafbar. Die Feindseligkeit innerhalb der Gesellschaft gegenüber Christen muslimischer Herkunft ist sehr hoch. Bloße Gerüchte eines Glaubenswechsels können zu Gewalt durch Mobs führen, insbesondere in ländlichen Gegenden. Der Glaubenswechsel wird als sehr große Schande für die Familienehre gesehen. Häufig verstoßen Familien Personen, die sich dem christlichen Glauben zuwenden, wollen sie dazu bringen, ihren neuen Glauben zu widerrufen, oder versuchen sogar, sie zu töten.
  • Es ist gefährlich für Christen, ihrem Glauben in schriftlicher Form persönlich Ausdruck zu geben, etwa in Internetblogs oder auf Facebook: In jüngster Vergangenheit wurden mehrere Christen muslimischer Herkunft verhaftet, die ihren christlichen Glauben auf Social Media öffentlich gemacht hatten. Aus Angst vor den Reaktionen ihrer Familie und ihrem sozialen Umfeld äußern sich die meisten Christen muslimischer Herkunft nicht öffentlich im Internet zu ihrem christlichen Glauben. Darüber hinaus kommen auch die Blasphemiegesetze häufig zum Einsatz, um gegen diejenigen vorzugehen, die den Islam kritisieren. Mehrere Christen wurden bereits verhaftet oder fielen Angriffen durch Mobs zum Opfer, weil sie angeblich auf Social Media den Islam beleidigt hatten. Trotzdem teilen viele Christen eine große Anzahl an Bibelversen, christlichen Bildern oder andere christliche Inhalte im Internet.
  • Es ist für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen: Die Verwendung von christlichen Symbolen und Bildern, zum Beispiel in Autos, ging aufgrund von Angst vor Gewalt gegen Christen zurück. Die meisten, wenn nicht gar alle koptischen Christen tragen ein tätowiertes Kreuz auf ihrem Handgelenk oder Arm. Es dient als Erkennungszeichen beim Betreten einer Kirche. Das macht sie jedoch auch für Angreifer leichter erkennbar. Christen muslimischer Herkunft müssen besonders vorsichtig sein, denn das Tragen christlicher Symbole könnte dazu führen, dass ihr neuer Glaube entdeckt wird oder, dass ihre Familien oder ihr soziales Umfeld ihnen unangenehme Fragen stellen.
  • Es ist ein Risiko für Christen, mit anderen als mit ihren Familienangehörigen über ihren Glauben zu sprechen: Um nicht der Blasphemie bezichtigt zu werden, sprechen die meisten Christen nur mit Personen, die sie gut kennen oder denen sie vertrauen, über ihren Glauben. Ein Gespräch über den Glauben könnte leicht als Missionierungsversuch verstanden werden, was von der ägyptischen Gesellschaft stark abgelehnt wird. Für Christen muslimischer Herkunft ist es besonders riskant, Gespräch über den Glauben zu führen, da dabei ihr neuer christlicher Glaube entdeckt werden könnte.

Christen muslimischer Herkunft erfahren zu Hause starke Einschränkungen. Jegliche Form privaten Gottesdienstes (z. B. das Singen von Anbetungsliedern) ist für sie riskant und es wird großer Druck auf sie ausgeübt, an den täglichen islamischen Gebeten, am Fasten während des Ramadan und anderen Verpflichtungen der islamischen Religion teilzunehmen. Im Gegensatz zu Christen muslimischer Herkunft sind koptische Christen wenig oder gar keinem Druck in diesem Lebensbereich ausgesetzt.

Familienleben

  • Kinder von Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) werden automatisch unter der Mehrheitsreligion registriert: Für Christen muslimischer Herkunft ist es schwierig bis unmöglich, ihre Religionszugehörigkeit in ihrem Personalausweis zu ändern. Kinder haben automatisch dieselbe Religionszugehörigkeit wie ihr Vater. Deshalb werden Kinder eines christlichen Vaters muslimischer Herkunft automatisch als Muslime registriert. Wenn beide Elternteile den christlichen Glauben annehmen, ist ihre Ehe nach ägyptischem Recht nicht mehr gültig. Ihre Kinder werden als unehelich angesehen.
  • Kinder christlicher Eltern werden dazu gedrängt, an nichtchristlichem Unterricht oder dem allgemeinen Religionsunterricht teilzunehmen: Kinder christlicher Eltern muslimischer Herkunft müssen am Islamunterricht teilnehmen, da der Glaubenswechsel ihrer Eltern nicht anerkannt wird. Aber auch andere christliche Kinder sehen sich in der Schule mit Schwierigkeiten konfrontiert, da der gesamte ägyptische Lehrplan sehr stark von islamischen Lehren und Inhalten beeinflusst ist. Zwar dürfen christliche Kinder ihren eigenen Religionsunterricht besuchen, doch müssen sie ebenso wie ihre muslimischen Mitschüler Teile des Koran und anderer islamischer Literatur auswendig lernen. Teilweise enthält das Unterrichtsmaterial der ägyptischen Schulen auch Lehren, die sich gegen das Christentum wenden. Kindern aus privilegierten christlichen Familien bleibt dies alles manchmal erspart, da ihre Eltern es sich leisten können, sie auf christliche Privatschulen zu schicken. Doch das ist nur wenigen christlichen Familien finanziell möglich.
  • Ehepartner von Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) werden (erfolgreich oder nicht erfolgreich) von anderen unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen: Dieses Problem betrifft vor allem Christen muslimischer Herkunft. Der Druck vonseiten der Familie oder des sozialen Umfelds auf Ehepartner von Christen muslimischer Herkunft ist aufgrund der rechtlichen Auswirkungen einer Scheidung hoch. Doch selbst wenn es nicht zu einer Scheidung kommt, verliert der Ehepartner christlichen Glaubens gemäß der Scharia sein Erb- und Vormundschaftsrecht.
  • Die Geburt, Hochzeit oder den Tod von Christen registrieren zu lassen, wird be- oder verhindert: Christen muslimischer Herkunft sehen sich hier mit den größten Schwierigkeiten konfrontiert. Wenn sie kirchlich heiraten wollen, bleibt ihnen oft nur, dies heimlich oder im Ausland zu tun, da ihr Glaubenswechsel weder von den Behörden noch von der Gesellschaft anerkannt wird. Nach der Scharia sind Ehen zwischen christlichen Männern und muslimischen Frauen unmöglich. Da ihr Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen Glauben nicht anerkannt wird, gelten christliche Frauen muslimischer Herkunft weiterhin als muslimisch. Wenn sie mit einem christlichen Mann Kinder haben, gelten diese Kinder folglich als unehelich. Christen muslimischer Herkunft müssen ihre Kinder als Muslime registrieren lassen.

Besonders in ländlichen Gebieten werden Christen muslimischer Herkunft vonseiten ihrer (Groß-) Familie enorm unter Druck gesetzt, ihren christlichen Glauben zu widerrufen. Unter koptischen Christen ist der Druck in diesem Lebensbereich sehr viel niedriger, aber schon der Druck auf Christen, die zu einer anderen Denomination übergetreten sind, kann körperliche Übergriffe und Todesdrohungen beinhalten.

Gesellschaftliches Leben

  • Christen werden im Alltag belästigt, bedroht oder behindert wegen glaubensbedingter Gründe, zum Beispiel weil sie nicht den Vorschriften für Kleidung oder Bärte entsprechen: Diskriminierung von und Feindschaft gegen Christen ist weit verbreitet und in allen Lebensbereichen zu spüren. Christen werden von Beamten aller Ebenen und von großen Teilen der Gesellschaft nicht als gleichberechtigte Bürger mit demselben Anspruch auf Schutz und Sicherheit akzeptiert. Auch wenn jede ägyptische Frau gewisse Formen von (sexueller) Belästigung erfahren kann, sind christliche Frauen diesbezüglich besonders gefährdet, da sie sich nicht verschleiern. Das Niveau des Druckes und der Diskriminierung ist unterschiedlich; oft ist der Druck auf Christen in Städten geringer als in ländlichen Gegenden.
  • Christen stehen unter Beobachtung durch ihr soziales oder privates Umfeld. Sie werden beispielsweise bei der Polizei angezeigt, beschattet, ihre Telefongespräche werden mitgehört, E-Mails gelesen oder zensiert: Die Überwachung von Christen geschieht auf mehreren Ebenen. Örtliche Behörden oder islamistische Gruppen wissen, in welcher Nachbarschaft oder wo im Dorf Christen wohnen. Sie beobachten die Christen, um sicherzugehen, dass sie den Islam nicht dadurch beleidigen, dass sie das Evangelium weitergeben oder auf andere Art und Weise Anstoß erregen. Dieses Problem existiert vor allem in armen Stadtvierteln und ländlichen Gebieten – insbesondere in Oberägypten – und weniger häufig in urbanen Gegenden. In den letzten Jahren wurden immer wieder Christen angegriffen, da sie angeblich den Islam beleidigt oder eine Beziehung mit einer muslimischen Frau gehabt hatten. Da in ärmeren Stadtvierteln bzw. ländlichen Gebieten weniger Polizeikräfte im Einsatz sind und diese Orte von der Regierung nicht so stark überwacht werden, bleiben Angriffe auf Christen durch Mobs häufig unbestraft. Auch auf staatlicher Ebene werden Christen überwacht. Die Sicherheitsbehörden und Geheimdienste bespitzeln Christen muslimischer Herkunft – und versuchen, sie dazu zu zwingen, Informationen über christliche Gruppen für Christen muslimischer Herkunft preiszugeben.
  • Christen wurden Geldstrafen wegen ihres Glaubens auferlegt beispielsweise die Zahlung der Dschizya, von Gemeinschaftssteuern oder Schutzgeld: Der Brauch des sogenannten „traditionellen Versöhnungsrats“ ist hier relevant. Kommt es zu Angriffen auf Christen oder Kirchen, zwingen die (örtlichen) Behörden die betroffenen Christen oft dazu, vor einem solchen Versöhnungsrat zu erscheinen und von einer Strafanzeige gegen ihre Angreifer abzusehen. Sie müssen den Beschlüssen des Rats zustimmen, die meistens die Täter bevorteilen und auf Kosten der christlichen Opfer gehen. Manchmal werden Christen sogar gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen und ihr Dorf zu verlassen. Obwohl das Anliegen dieses Rats eigentlich die friedliche Aussöhnung aller beteiligten Parteien ist, schafft dieser Brauch in Wahrheit ein Klima der Straffreiheit, was weitere Angriffe unterstützt.
  • Christen werden in der Erwerbstätigkeit, sei es im privaten oder öffentlichen Sektor, aufgrund ihres Glaubens diskriminiert: Diese Diskriminierung geschieht auf mehreren Ebenen. Christen bekommen keine Anstellungen bei den Geheimdiensten oder hohe Positionen in der Armee oder Polizei. Auch in hohen Regierungsämtern sind Christen unterrepräsentiert. Im privaten Sektor hängt die Diskriminierung davon ab, wie tolerant der Arbeitgeber ist, doch werden Christen auch in diesem Sektor regelmäßig benachteiligt. Dies führt dazu, dass Kopten und andere Christen häufig selbst unternehmerisch tätig sind, da sie sich nicht darauf verlassen können, im öffentlichen Bereich oder bei privaten (nichtchristlichen) Arbeitgebern eine Anstellung zu finden. Und obwohl Christen mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, gab es in den letzten zehn Jahren keinen einzigen christlichen Spieler in der ägyptischen Nationalmannschaft und Christen werden Möglichkeiten vorenthalten, in den besten Fußballvereinen des Landes zu spielen.

Leben im Staat

  • Die Verfassung oder eine vergleichbare nationale Gesetzgebung schränkt die Religionsfreiheit gemäß Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein: Die Scharia ist gemäß der ägyptischen Verfassung die „Hauptquelle der Gesetzgebung“. Konvertiten, die sich vom Islam ab- und dem christlichen Glauben zugewandt haben, sind folglich nicht von der Verfassung geschützt, obwohl es in Artikel 64 heißt, dass „die Glaubensfreiheit vollkommen“ sei. Christen, die als solche rechtlich anerkannt sind, dürfen ihre personenstandsrechtlichen und religiösen Angelegenheiten selbst handhaben, doch in Fällen zwischen einem Muslim und einem Nichtmuslim gilt die Scharia.
  • Beamte auf lokaler wie nationaler Ebene weigern sich, den Glaubenswechsel einer Person anzuerkennen und dementsprechend im Personalausweis oder staatlichen Personenverzeichnis zu dokumentieren: Obwohl ein Glaubenswechsel nicht gesetzlich verboten ist, wird in der Praxis doch massiv dagegen vorgegangen. Wenn ein Christ muslimischer Herkunft seine Religionszugehörigkeit offiziell ändern lassen will, stellen ihn die Behörden mit großer Wahrscheinlichkeit unter Beobachtung und berufen sich auf die Blasphemiegesetze, um strafrechtlich gegen ihn vorzugehen.
  • Christen erleben Einschränkungen in der öffentlichen Meinungsäußerung: Christen müssen vor allem zwei Dinge beachten, wenn sie ihre Meinung öffentlich äußern: Zum einen dürfen sie den Islam in keiner Weise beleidigen oder kritisieren. Jeder Vorwurf der Blasphemie – ob begründet oder nicht – kann zu Verfolgung und gewaltsamen Angriffen durch Mobs führen. Zum anderen hat sich die Regierung von Präsident Abd al-Fattah al-Sisi zu einer strikten Diktatur entwickelt. Sich gegen die Regierung zu äußern, kann zu Verhaftung, Folter und Gefängnisstrafen führen.
  • Wer Christen schadet, wird absichtlich ungestraft gelassen: In vielen Teilen des Landes ist es üblich, dass diejenigen, die Christen schikanieren oder ihre Häuser plündern, unbestraft bleiben – entweder weil die Behörden bewusst „ein Auge zudrücken“ oder weil der Fall vor dem Versöhnungsrat (siehe Abschnitt „Gesellschaftliches Leben“) verhandelt wird. Außerdem gilt es als Privat- und Familienangelegenheit, wenn ein Christ muslimischer Herkunft von seiner eigenen Familie schlecht behandelt wird. Konvertiten werden von der Regierung nicht geschützt. Ihre Familie kann sie sogar töten – und kommt so gut wie immer straffrei davon.

Die Religionsfreiheit wird vom Staat nicht gewahrt, und das ägyptische Rechtssystem ist gegenüber Nichtmuslimen voreingenommen. Es behandelt Christen, besonders Christen muslimischer Herkunft, als Bürger zweiter Klasse und schränkt ihre Möglichkeiten ein, ihren Glauben individuell und in Gemeinschaft zu leben und ihr Leben in Übereinstimmung mit ihrem Glauben zu führen.

Kirchliches Leben

  • Kirchen werden davon abgehalten, Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) öffentlich aufzunehmen: Verkündigung des Evangeliums und ein Wechsel des Glaubens werden in Ägypten stark abgelehnt. Kirchen nehmen nur sehr selten Christen muslimischer Herkunft auf, um Schwierigkeiten mit der ägyptischen Regierung und Gesellschaft zu vermeiden – bezichtigen diese die Kirchen doch schnell der Missionierung. Vorwürfe dieser Art können zu Angriffen auf Kirchen und Kirchenschließungen aus „Sicherheitsgründen“ führen.
  • Kirchliche Aktivitäten werden überwacht, ver- bzw. behindert oder gestört: Die Polizei und der Geheimdienst verlangen üblicherweise einen Terminplan mit allen Veranstaltungen einer Gemeinde. Darüber hinaus können sie – mit der Begründung, die nationale Sicherheit zu schützen – jede beliebige Gemeindeveranstaltung verbieten. Außerdem mischen sich manchmal Polizisten in Zivil unter die Gottesdienstbesucher, um zu überwachen, was in den Kirchen gepredigt wird. Auch sind viele Gemeinden mit Widerstand oder sogar Gewalt vonseiten der ägyptischen Gesellschaft konfrontiert, insbesondere wenn sie ihr Kirchengebäude nach dem 2016 erlassenen Gesetz zum Bau von Kirchen registrieren lassen wollen.
  • Christliche Gemeinschaften werden daran gehindert, Kirchengebäude zu bauen oder zu renovieren oder historische religiöse Stätten zu beanspruchen, die ihnen früher genommen wurden: Die Regierung hat seit dem 2016 erlassenen Gesetz zum Bau von Kirchen zwar tausende Kirchen anerkannt, viele Kirchen warten jedoch immer noch auf ihre Legitimierung. In vielen Dörfern, in denen Christen leben, gibt es nicht einmal eine Kirche. Wollen Christen eine Kirche bauen, müssen sie immer noch sehr viele administrative Hindernisse (wie Unbedenklichkeitsbescheinigungen) überwinden. In vielen Fällen geht auch von der Gesellschaft großer Widerstand gegen den Kirchenbau aus.
  • Kirchen werden daran gehindert, christliche Aktivitäten außerhalb von Kirchengebäuden zu organisieren: Je nachdem, in welchem Teil Ägyptens sie sich befinden, ist es Kirchen manchmal möglich, Aktivitäten im Freien (beispielsweise Aktivitäten für Kinder) durchzuführen, wenn sie kein großes Aufsehen damit erregen. Häufig jedoch verzichten Kirchen auf öffentliche Prozessionen. Sie befürchten Angriffe von islamisch-extremistischen Gruppen oder Mobs, die solche Umzüge als sichtbare Bedrohung für den Islam verstehen könnten.

Auftreten von Gewalt

  • Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 ereignete sich nur ein großer Angriff auf Christen. Am 2. November 2018 wurden sieben Christen getötet. Doch wurden Berichten zufolge bei anderen Vorfällen insgesamt noch mindestens 16 weitere Christen getötet – der Großteil davon in Oberägypten. In einigen Fällen war ihr christlicher Glaube der klare Grund für ihre Tötung. In den anderen Fällen scheint es sehr plausibel, dass sie getötet wurden, weil Christen aufgrund ihres Glaubens in Ägypten als Bürger zweiter Klasse gelten und – insbesondere in Oberägypten – der Mord an einem Christen häufig nicht bestraft wird.
  • Viele Christen wurden wegen ihres Glaubens an Jesus Christus angegriffen und einige dabei sehr schwer verletzt. Viele christliche Mädchen wurden entführt und sexuell missbraucht, andere dazu gezwungen, einen muslimischen Mann zu heiraten. Außerdem wurden Hunderte christliche Mädchen Opfer von sexueller Belästigung. Berichten zufolge werden christliche Mädchen systematisch angegriffen, ihre Entführer bekommen ein Kopfgeld für jedes entführte Mädchen.
  • Mehrere Christen wurden verhaftet. In den meisten Fällen waren sie von einem Mob angegriffen worden. Ihre Festnahme erfolgte, um die Situation zu deeskalieren und ihre Angreifer zufrieden zu stellen. Mindestens ein Christ wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem er der Blasphemie beschuldigt worden war.
  • Mehrere Kirchen wurden von der Polizei geschlossen, häufig nachdem ein Mob die Kirche angegriffen hatte bzw. weil die Kirche keine offizielle Registrierung hatte. Mindestens fünf Kirchen wurden niedergebrannt.
  • Mehrere Häuser und Geschäfte von Christen wurden von Mobs angegriffen und zerstört. Teilweise ereigneten sich diese Angriffe gegen Einzelpersonen, teilweise gegen mehrere christliche Familien gleichzeitig.

7. Verfolgungssituation für Männer und Frauen

Wie Frauen Verfolgung erfahren:

  • Entführung
  • Verweigerung des Sorgerechts für Kinder
  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Erzwungene Einhaltung religiöser Kleidungsvorschriften
  • Zwangsverheiratung
  • (Haus-)Arrest durch die Familie
  • Körperliche Gewalt
  • Psychische Gewalt
  • Sexuelle Gewalt
  • Verbale Gewalt

Ägypten hat unter den Ländern des Nahen Ostens den Ruf, die höchste Rate von sexueller Belästigung und Gewalt zu haben. Gemäß einer Untersuchung der UN zur Situation von Frauen aus dem Jahr 2013 wurden fast alle ägyptischen Frauen bereits Opfer sexueller Belästigung – unabhängig davon, wie sie sich kleideten oder welcher Religion sie angehörten. In diesem Umfeld, in dem Frauen keinen gesellschaftlichen Schutz erfahren, sind christliche Frauen besonders verwundbar.

Obwohl solche Missbrauchsfälle, Zwangsverheiratungen, Entführungen und Vergewaltigungen weit verbreitet sind und alle Frauen in Ägypten in unterschiedlichem Maße betreffen (auch abhängig von der Region), gibt es Berichte, dass ganz gezielt christliche Frauen entführt und verheiratet werden. Dies betrifft vor allem ländliche Gegenden, Dörfer und Städte im Süden des Landes. Die Angst vor Entführungen hat große psychologische Auswirkungen auf christliche Familien, besonders in den ländlichen Gegenden: Weibliche Familienmitglieder haben Angst davor, allein das Haus zu verlassen, und müssen immer von männlichen Verwandten begleitet werden, um sie zu beschützen. Es gibt auch Berichte, dass christliche Mädchen in Ehen gelockt werden: Diese Mädchen stammen meist aus sozial schwachen Familien. Traditionelle Bräuche sind hier nicht hilfreich: Frühes Heiraten ist in ländlicheren und traditionelleren Gemeinschaften der Normalfall.

Christinnen muslimischer Herkunft werden besonders durch die Antikonversionsgesetze, das Personenstandsrecht und die traditionellen Gebräuche beeinträchtigt. Ihre muslimischen Ehemänner lassen sich häufig von ihnen scheiden, was die Frauen ohne finanzielle Unterstützung zurücklässt. Ihnen kann das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen werden, genauso wie ihr Erbrecht. Außerdem geht von ihrer eigenen Familie eine Gefährdung aus, da von Frauen erwartet wird, dass sie der Familienehre keine Schande bereiten. Besonders für Frauen ist es schwierig, aus diesen gefährlichen Situationen zu entkommen, da es nicht üblich für Frauen ist, allein zu reisen oder zu wohnen.

Im Arbeitsleben stehen Christinnen möglicher doppelter Diskriminierung gegenüber, da sie sowohl Christen als auch Frauen sind. Die Tatsache, dass sie als Christen bekannt sind, kann sich negativ auf ihre Karriere auswirken und dazu führen, dass sie bei Beförderungen übergangen werden.

Wie Männer Verfolgung erfahren:

  • Entführung
  • Beschlagnahme von Erbschaft und Besitz
  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Verhaftung durch die Behörden
  • Körperliche Gewalt
  • Psychische Gewalt

Ägyptische Christen fühlen sich oft als Bürger zweiter Klasse in dem mehrheitlich muslimischen Land behandelt. Außerdem setzt die Arbeitslosigkeit Männer überall im Land stark unter Druck, besonders aber in Oberägypten. In ländlichen Gegenden ist es für junge christliche Männer schwer, Arbeit zu finden. Manchmal fordern muslimische Geschäftseigentümer ihre muslimischen Kunden offen dazu auf, nicht bei Christen einzukaufen, da einige Muslime glauben, dass es unrein sei, von einem Christen zubereitete Mahlzeiten zu essen. Wegen ihrer eindeutig christlichen Namen dürfen manche Christen keine Regierungspositionen bekleiden oder in Fußballvereinen spielen. Manche Muslime nutzen auch die wirtschaftliche Situation als eine Art religiöse Falle für christliche junge Männer aus: Sie bieten ihnen zunächst finanzielle Hilfe an. Später, wenn diese ihre Schulden nicht zurückzahlen können, versprechen sie ihnen den Erlass ihrer Schulden, wenn sie zum Islam übertreten.

Die sozialen Medien werden immer mehr zu einem Ort, der körperliche Gewalt gegen Christen auslösen kann. So griff eine große Gruppe von Muslimen in der Provinz al-Minya beispielsweise das Haus eines Christen und seiner Brüder an – Grund dafür war ein Beitrag auf der Facebookseite seines Sohnes, der in einer anderen Region Ägyptens lebt. Die Angreifer verstanden den Beitrag als Beleidigung des Islam. Obwohl der Sohn des Christen ein Video veröffentlichte, in dem er sich für den Beitrag entschuldigte und erklärte, dass sein Facebook-Account gehackt worden sei, wurden er, seine Brüder und drei seiner Onkel wegen Blasphemie von der Polizei verhaftet.

Wenn Verfolgung einen Christen darin einschränkt, finanziell für seine Familie aufzukommen, zum Beispiel durch Gefängnisstrafen, Schläge, Entführungen mit Lösegelderpressungen oder Mord, beinträchtigt das die gesamte Familie stark, da Männer die Hauptverdiener sind. Wenn ein Mann sich durch die Angriffe auf seinen Glauben überwältigt fühlt und er sich nicht im Stande sieht, seine christlichen Überzeugungen zu verteidigen, kann es zu einer inneren Zerrissenheit kommen – Verlust des Selbstvertrauens und Selbstwertgefühls ist die Folge; eine starkes Schamgefühl macht sich breit. In Verbindung mit der allgemeinen wirtschaftlichen Lage kann dies sogar die Stabilität von Familien beeinträchtigen und zu mehr häuslicher Gewalt und Scheidungen führen.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Andere religiöse Gruppen, die in Ägypten Verfolgung erleben, sind die muslimischen Minderheiten der Schiiten und Sufis, außerdem Bahai, Mormonen und Zeugen Jehovas. Besonders schiitische Muslime werden von sunnitischen Kämpfern angegriffen, was es für sie gefährlich macht, ihren Glauben offen zu leben. Mormonen, Bahai und Zeugen Jehovas wird die Anerkennung durch die Behörden verweigert, was es ihnen erschwert, Gotteshäuser zu haben. Der missionarische Eifer und entsprechende Aktivitäten einiger solcher Gruppen gelten als illegal, und so sind ihre Anhänger sowohl vonseiten der Regierungsbeamten als auch der Gesellschaft, einschließlich Ägyptern mit christlichem Hintergrund, mit Feindseligkeit konfrontiert.

Die „Internationale Humanistische und Ethische Union“ schreibt in ihrem Bericht zur Gedankenfreiheit („Freedom of Thought Report“): „Der ägyptische Personalausweis beinhaltet eine Rubrik zur Religionszugehörigkeit. Nur Mitglieder der drei ‚göttlichen Religionen‘ werden anerkannt. Viele ältere Ägypter, die den Bahai oder anderen religiösen Minderheiten angehören, haben außerdem auch keine Geburts- und Heiratsurkunden. Eine kleine – jedoch bei Weitem nicht ausreichende – Verbesserung der Situation trat 2009 ein, als zwei Bahai erlaubt wurde, einen Querstrich (‚–‘)bei der Religionszugehörigkeit auf ihrem Ausweis einzutragen. Personen, die in eine muslimische Familie hineingeboren werden, sich aber später vom Islam abwenden, dürfen ihre Religionszugehörigkeit auf ihrem Personalausweis nicht ändern.“

Ein Beispiel für Gewalt gegen andere religiöse Gruppen trug sich im November 2017 zu, als sunnitische Kämpfer eine volle Sufi-Moschee auf der Sinai-Halbinsel angriffen, wobei mehr als 300 Menschen getötet wurden.

Auch Atheisten, besonders wenn sie in den sozialen Medien aktiv sind, werden sehr häufig Opfer von Verfolgung.

9. Der Ausblick für Christen

Islamische Unterdrückung

Auch wenn es seit dem Angriff im November 2018 keine anderen geglückten großen Anschläge auf Christen mehr gab, werden die Christen in Ägypten doch weiterhin durch Ausgrenzung und rechtliche Hürden unter Druck gesetzt. Vor allem in Oberägypten wird die Unterdrückung sehr wahrscheinlich andauern. Christen muslimischer Herkunft werden weiterhin die Hauptlast der Verfolgung vonseiten ihrer eigenen Familie, der Gesellschaft und der Regierung tragen.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen

Es ist unwahrscheinlich, dass die Christen von der Mehrheit der Bevölkerung jemals als gleichwertige Bürger mit gleichen Rechten anerkannt werden. Gemeinhin wird von Ägyptern erwartet, sunnitische Muslime zu sein, und jede Abweichung wird als Verrat betrachtet. Christen muslimischer Herkunft werden auch hier weiterhin sehr gefährdet für Verfolgung sein.

Diktatorische Paranoia

Die meisten Christen sind glücklich darüber, dass der aus der Muslimbruderschaft stammende Präsident Mohammed Mursi abgesetzt wurde. Doch auch der regierende Präsident Abd al-Fattah al-Sisi scheint weder willens noch politisch dazu in der Lage, die Situation der Christen und ihre Sicherheit maßgeblich zu verbessern.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Ägypten:

  • Beten Sie, dass die ägyptische Regierung anfängt, Christen als gleichberechtigte Bürger zu behandeln und ihre Rechte zu schützen.
  • Beten Sie für Christen muslimischer Herkunft, dass Jesus ihnen Weisheit schenkt, wie sie sich verhalten sollen, und ihnen Möglichkeiten schafft, sich mit anderen Christen zu treffen und im Glauben zu wachsen.
  • Beten Sie, dass die muslimischen Nachbarn der Christen sich nicht von Hasspredigern aufstacheln lassen, sondern vielmehr Jesu Liebe durch ihre christlichen Mitbürger erkennen.

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