Länderprofil Ägypten

Ägypten

20
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Ägypten
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Präsidialrepublik
Platz Vorjahr
16
Karte Ägypten
Christen
16,25
Bevölkerung
104.69
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Privatleben: 12.700
Familienleben: 13.200
Gesellschaftliches Leben: 11.500
Leben im Staat: 12.700
Kirchliches Leben: 10.800
Auftreten von Gewalt: 10.000

Länderprofil Ägypten

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 20 / 71 Punkte (WVI 2021: Platz 16 / 75 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Die meisten Verstöße gegen die Religionsfreiheit finden auf sozialer Ebene statt. Beispielsweise wurden Christinnen auf offener Straße belästigt, oder Mobs zwangen Christen dazu, nach einem angeblichen Blasphemie-Vorwurf aus ihrer Wohnung auszuziehen. Diese Vorfälle ereignen sich vor allem in den ländlichen Gebieten Oberägyptens und in bestimmten städtischen Gebieten, in denen salafistische Gruppen aktiv sind. Berichten zufolge sind Christinnen und christliche Mädchen aus benachteiligten Verhältnissen nach wie vor gefährdet für sexuellen Missbrauch, Zwangsbekehrung und Zwangsheirat. Der Präsident äußert sich positiv zur historischen christlichen Gemeinschaft Ägyptens, doch die schwache Strafverfolgung macht Christen anfällig für Angriffe, bei denen auch der Geheimdienst manchmal mitverantwortlich ist. Kirchen und christlichen Nichtregierungsorganisationen werden Einschränkungen auferlegt, was den Bau oder Betrieb von sozialen Einrichtungen angeht. Trotz des neuen Kirchenbaugesetzes von 2016 sind die Registrierung und der Bau von Kirchen nach wie vor schwierig, da die Kirchen einem separaten und ungleichen Rechtssystem unterliegen. Christen muslimischer Herkunft stehen unter enormen Druck seitens ihrer Familien, zum Islam zurückzukehren. Der Großimam der Al-Azhar-Universität, einer der einflussreichsten islamischen Universitäten der Welt, erklärte, dass Muslime nicht den christlichen Glauben annehmen dürften. Der Staat macht es zudem unmöglich, einen Glaubenswechsel offiziell anerkennen zu lassen.

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Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Die Arabische Republik Ägypten hat ein semipräsidentielles System. Offiziell gilt Ägypten als Demokratie. In der Praxis waren die Befugnisse des Parlaments immer schwach und de facto regiert der Präsident allein. Die Unabhängigkeit der Justiz ist begrenzt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Regierung Gerichtsurteile einfach ignoriert. Mit der Vereidigung von Präsident al-Sisi im Jahr 2014 hat sich die Lage in Ägypten stabilisiert, doch Menschenrechte werden immer mehr ignoriert. Al-Sisi geht hart gegen Oppositionsgruppen vor: Tausende seiner Kritiker wurden verhaftet, gefoltert, entführt, vor Militärgerichte gestellt und hingerichtet. Mitarbeiter des Gesundheitswesens, die es gewagt hatten, die Reaktion der Regierung auf die Covid-19-Pandemie zu kritisieren, wurden unter dem Anti-Terror-Gesetz verhaftet. Im Jahr 2018 genehmigte der Präsident das Gesetz zur Bekämpfung von Cyber- und Informationstechnologiedelikten, das angeblich „Extremismus“ und „Terrorismus“ bekämpfen soll. Aber in Wirklichkeit gibt es den Behörden die Befugnis, Inhalte zu blockieren. Die sozialen Medien werden überwacht, Kritik an der Regierung oder am Islam wird nicht geduldet.

Ägypten strebt danach, ein einflussreiches Zentrum des sunnitischen Islam zu sein. Das Land ist kulturell konservativ und hat eine starke nationale Identität. Vor allem in ländlichen und verarmten Gebieten, in denen viele Christen leben, haben extremistische Imame und weniger tolerante Formen des Islam großen Einfluss. Berichten zufolge sind Christinnen und christliche Mädchen aus benachteiligten Verhältnissen nach wie vor gefährdet für sexuellen Missbrauch, Zwangsbekehrung und Zwangsheirat, insbesondere durch islamisch-extremistische Gruppen. Im ganzen Land herrscht eine große Kluft zwischen Christen und Muslimen. Die Diskriminierung von Christen in der Arbeitswelt ist nach wie vor offensichtlich, insbesondere in staatlichen Einrichtungen. Christliche Unternehmen können boykottiert werden. In den Dörfern verlassen christliche Kinder oft frühzeitig die Schule, um das Familieneinkommen zu sichern. Christen sind nach wie vor Angriffen von Mobs ausgesetzt, die durch Gerüchte über angebliche Blasphemie oder die Eröffnung einer neuen Kirche ausgelöst werden können. In der Regel nutzen die lokalen Behörden sogenannte „Schlichtungssitzungen“, um einen Konflikt zu lösen. Dies führt häufig dazu, dass muslimische Angreifer unbestraft bleiben und eine Kultur der Straffreiheit für Gewalt gegenüber Christen entsteht.

Etwa 85 Prozent der Ägypter sind Muslime, die meisten von ihnen Sunniten. Der christliche Glaube ist in Ägypten tief verwurzelt; Christen sind vor allem in Oberägypten und in den großen Städten zu finden. Mehr als 90 Prozent der Christen sind koptisch-orthodox. Nach Angaben von „Humanists International” beinhalten ägyptische Personalausweise eine Rubrik zur Religionszugehörigkeit. Nur Mitglieder der drei „göttlichen Religionen“ werden anerkannt. Personen, die in eine muslimische Familie hineingeboren werden, sich aber später vom Islam abwenden, dürfen ihre Religionszugehörigkeit auf ihrem Personalausweis nicht ändern.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

16.250.000

15,5

Muslime

87.826.334

83,9

Atheisten

88.443

0,1

Agnostiker

520.800

0,5

2. Gibt es regionale Unterschiede?

Oberägypten, der südliche Teil des Landes, ist dafür bekannt, islamisch konservativer und extremistischer zu sein als der Norden. Die meisten Vorfälle und Angriffe von Mobs gegen Christen ereignen sich in dieser Region, insbesondere in der berüchtigten Provinz al-Minya, wo die meisten Angriffe auf Christen pro Kopf geschehen. Christen in den wirtschaftlich benachteiligten ländlichen Gebieten im Norden erleben jedoch ein ähnliches Maß an Unterdrückung. Dies geschieht durch extremistische Muslime, insbesondere in den Dörfern und Städten des Nildeltas. Während islamisch-extremistische Gruppen wie die Muslimbruderschaft im ganzen Land Unterstützer haben, sind gewalttätige islamisch-militante Gruppen nur im Nordosten der Sinai-Halbinsel offen aktiv. Im April 2021 erschien ein Video von der Hinrichtung von Nabil Habashy Salama, einem Christen aus dem Nord-Sinai, der zuvor vom „Islamischen Staat“ (IS) entführt worden war.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung

Diese Triebkraft hat in Ägypten viele Gesichter. Die islamische Kultur sieht Christen als Bürger zweiter Klasse. Diese Sichtweise führt zur Diskriminierung von Christen im politischen Bereich und im Umgang mit staatlichen Behörden. Sie schafft zudem ein Umfeld, in dem der Staat zurückhaltend ist, die Grundrechte der Christen anzuerkennen und durchzusetzen. Im Familienleben stehen Christen muslimischer Herkunft unter großem Druck, ihren Glauben zu widerrufen. Auch vonseiten ihrer Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz leiden Christen im Alltag unter islamischer Unterdrückung. In jüngster Vergangenheit gab es mehrere gewalttätige Angriffe extremistischer islamischer Gruppen, die auf Christen abzielten. Diese Gruppen sind jedoch hauptsächlich auf der nordöstlichen Sinai-Halbinsel aktiv.

Diktatorische Paranoia

Ägypten hat eine lange Tradition autoritärer Herrschaft. Im Jahr 2011 wurde die langjährige Diktatur Husni Mubaraks durch massive Proteste der Bevölkerung beendet. Dies führte schließlich zur umstrittenen Wahl von Mohammed Mursi, einem Mitglied der Muslimbruderschaft. Die von ihm geführte Regierung agierte nicht demokratisch und wurde 2013 durch einen nationalen Aufstand mit Unterstützung des Militärs abgesetzt. Gegenwärtig wird das Land von einer Zivilregierung unter dem früheren General Abdel Fattah al-Sisi regiert, der bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2014 an die Macht kam und im März 2018 wiedergewählt wurde. Diese Regierung scheint den grundlegenden Menschenrechten und dem demokratischen Pluralismus angesichts der enormen aktuellen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und sicherheitspolitischen Herausforderungen nur geringe Priorität einzuräumen. In diesem Kontext ist Religionsfreiheit für Christen nicht vollständig gewährleistet.

Unterdrückung durch den Clan oder Stamm

Christen und Muslime handeln als zwei verschiedene Gruppen in der ägyptischen Gesellschaft. Wie in vielen anderen arabischen Ländern beeinflusst das Stammesdenken die Gruppen stark, was leicht dazu führen kann, dass verbale und physische Gewalt gegen diejenigen ausgeübt wird, die sich von der Gruppe entfernt haben. Christen muslimischer Herkunft werden von ihren direkten Verwandten unter Druck gesetzt, da ihnen vorgeworfen wird, Werte wie die Familienehre verletzt zu haben. Es kommt, wie beispielsweise in Oberägypten, häufig zu Übergriffen durch Mobs, wenn Christen versuchen, die offizielle Anerkennung eines Kirchengebäudes zu erreichen. Islamische Unterdrückung und Unterdrückung durch den Clan oder Stamm vermischen sich in solchen Fällen, was dazu führt, dass sich die christliche Minderheit stets vorsichtig verhalten muss.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Christen aus traditionellen Kirchen

Die größte Kirche dieser Kategorie ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche. Es gibt außerdem im ganzen Land etablierte protestantische und katholische Gemeinschaften. Die große koptische Minderheit ist mit großen Schwierigkeiten konfrontiert, darunter Diskriminierung im Bildungs- und Gesundheitswesen und staatliche Gesetze, die wesentliche Aspekte des kirchlichen Lebens behindern. Diese Gruppe wird jedoch vom Staat und von der muslimischen Mehrheit aufgrund ihrer historischen Präsenz und ihrer beträchtlichen Größe von mehreren Millionen toleriert. Christen aus anderen traditionellen Kirchen werden regelmäßig von den umliegenden Nachbarschaften angegriffen. Gerüchte, dass ein Gebäude in eine Kirche umgewandelt wurde, ein Vorwurf der Blasphemie (in den sozialen Medien) oder eine Beziehung zwischen einem Christen und einer Muslima reichen aus, um Gewalt auszulösen, zum Beispiel durch einen Mob. Islamisch-extremistische Gruppen bleiben eine Gefahr, insbesondere in der Sinai-Region.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Es gibt eine kleine, aber wachsende Zahl von Christen muslimischer Herkunft, die die Hauptlast der Verfolgung tragen, meist durch Familienangehörige. Die Verwandten bestrafen christliche Konvertiten, die den islamischen Glauben aufgeben, oft mit Schlägen oder der Vertreibung aus dem Haus.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Es gibt mehrere evangelikale und pfingstkirchliche Gruppen im Land, manche von ihnen Christen muslimischer Herkunft in der zweiten, dritten oder noch weiter zurückführenden Generation. Andere stammen aus einem orthodoxen Hintergrund. Sie erleben Druck sowohl durch die muslimische Gesellschaft als auch – in einem geringeren Maße – durch die Koptisch-Orthodoxe Kirche.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.7
Familienleben 13.2
Gesellschaftliches Leben 11.5
Leben im Staat 12.7
Kirchliches Leben 10.8
Auftreten von Gewalt 10

 

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

Ein Beschluss des Kairoer Verwaltungsgerichts aus dem Jahr 2008 besagt, dass die freie Religionsausübung gewissen Einschränkungen unterliege und dass der Glaubenswechsel vom Islam zu einem anderen Glauben eine Verletzung der Prinzipien des Islam und deshalb verboten sei. Laut den Blasphemiegesetzen ist ein Glaubenswechsel strafbar. Mehrere Christen wurden verhaftet oder fielen Angriffen durch Mobs zum Opfer, nachdem sie angeblich in den sozialen Medien den Islam beleidigt hatten. Der Vorwurf der Blasphemie ist leicht zu erheben, weshalb die meisten Christen es vermeiden, über ihren Glauben mit Menschen zu sprechen, die sie nicht kennen oder denen sie nicht vertrauen. Die Feindseligkeit innerhalb der Gesellschaft gegenüber Christen muslimischer Herkunft ist sehr hoch. Bloße Gerüchte eines Glaubenswechsels können zu Gewalt durch Mobs führen, insbesondere in ländlichen Gegenden. Der Glaubenswechsel wird als große Schande für die Familienehre gesehen. Häufig verstoßen Familien Personen, die sich dem christlichen Glauben zuwenden, sie versuchen sie dazu zu bringen, ihren neuen Glauben zu widerrufen oder versuchen sogar, sie zu töten. Viele halten ihren christlichen Glauben geheim. Christen in Oberägypten sind aus Angst vor Schikanen vorsichtiger mit sichtbaren Symbolen wie Kreuzen in Autos. Die meisten, wenn nicht sogar alle koptischen Christen tragen ein tätowiertes Kreuz auf dem Arm. Es dient als Erkennungszeichen beim Betreten einer Kirche. Das macht sie jedoch auch für Angreifer leichter erkennbar.

Familienleben

Für Christen muslimischer Herkunft ist es unmöglich, ihre Religionszugehörigkeit auf ihrem Personalausweis zu ändern. Kinder haben automatisch dieselbe Religionszugehörigkeit wie ihr Vater; so werden Kinder von Christen muslimischer Herkunft als muslimisch registriert. Nach der Scharia darf ein Christ keine muslimische Frau heiraten, und auch Christen muslimischer Herkunft dürfen kirchlich keine Ehe schließen. Der Druck vonseiten der Familie, sich von einem Christen muslimischer Herkunft scheiden zu lassen, ist hoch. Doch selbst wenn es nicht zu einer Scheidung kommt, verliert der Ehepartner christlichen Glaubens gemäß der Scharia sein Erb- und Vormundschaftsrecht. Der Islam ist im Bildungssystem vorherrschend. Kinder von koptisch-orthodoxen Christen haben ihren eigenen Religionsunterricht, müssen aber dennoch im Rahmen des Lehrplans islamische Literatur und den Koran studieren. Zuweilen wird kein christlicher Religionsunterricht angeboten, und in einigen Fällen müssen christliche Schüler am islamischen Religionsunterricht teilnehmen. An christlichen Privatschulen bleibt Kindern dies alles manchmal erspart, doch das ist nur wenigen christlichen Familien finanziell möglich.

Gesellschaftliches Leben

Diskriminierung auf der Arbeit ist weit verbreitet. Christen bekommen keine Anstellungen im Geheimdienst oder hohe Positionen in der Armee. Auch in hohen Regierungsämtern sind sie unterrepräsentiert. In den letzten zehn Jahren gab es keinen einzigen christlichen Spieler in der Fußballnationalmannschaft, obwohl Christen mehr als zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Diese Diskriminierung hat zu einem hohen Maß an unternehmerischer Aktivität unter Christen geführt, da sie sich bei der Suche nach Arbeitsplätzen nicht auf den Staat oder private Arbeitgeber verlassen können. Druck und Verfolgung existiert vor allem in armen Stadtvierteln und ländlichen Gebieten, insbesondere in Oberägypten. Örtliche islamistische Gruppen wissen, wo im Dorf Christen wohnen, und überwachen sie, um sicherzustellen, dass sie das Evangelium nicht weitergeben oder den Islam auf andere Weise „missachten”. In den letzten Jahren wurden immer wieder Christen angegriffen, da sie angeblich den Islam beleidigt oder eine Beziehung mit einer muslimischen Frau gehabt hatten. Die Polizeipräsenz und die staatliche Kontrolle sind in den ländlichen Gebieten weniger streng, und Angriffe eines Mobs auf Christen bleiben oft ungestraft. Auch auf staatlicher Ebene werden Christen überwacht. Der Sicherheitsdienst bespitzelt Christen muslimischer Herkunft – und versucht, sie dazu zu zwingen, Informationen über Gruppen von Christen muslimischer Herkunft preiszugeben. Obwohl alle Frauen Formen von (sexueller) Belästigung erleben, sind unverschleierte Frauen, einschließlich aller Christinnen, besonders gefährdet.

Leben im Staat

In Artikel 64 der Verfassung heißt es: „Die Freiheit des Glaubens ist uneingeschränkt“, doch Christen muslimischer Herkunft sind nicht geschützt. Offiziell anerkannten Christen steht es frei, ihr eigenes Personenstandsrecht und ihre religiösen Angelegenheiten zu regeln, aber in Fällen zwischen einem Muslim und einem Nicht-Muslim gilt die Scharia. Wenn ein Christ muslimischer Herkunft seine Religionszugehörigkeit ändern lassen will, stellen ihn die Behörden wahrscheinlich unter Beobachtung und berufen sich auf die Blasphemiegesetze, um strafrechtlich gegen ihn vorzugehen. Angebliche Blasphemie und Äußerungen gegen die Regierung können zu Verhaftung, Folter und Gefängnis führen. Die Misshandlung von christlichen Konvertiten durch Familienmitglieder wird als Familienangelegenheit betrachtet und kann straffrei erfolgen.

Kirchliches Leben

Kirchen nehmen nur selten Christen muslimischer Herkunft auf, um zu vermeiden, dass ihnen von der Regierung und der Gesellschaft Evangelisation vorgeworfen wird, was zu Angriffen oder einer Schließung der Kirche aus „Sicherheitsgründen“ führen könnte. Es ist üblich, dass Polizei und Nachrichtendienste einen Zeitplan für alle Veranstaltungen in der Kirche anfordern. Sie sind befugt, Veranstaltungen unter dem Vorwand des Schutzes der nationalen Sicherheit abzusagen. Manchmal mischen sich Polizisten in Zivil unter die Gottesdienstbesucher, um zu überwachen, was gepredigt wird. Viele Gemeinden sehen sich mit Widerstand oder sogar Gewalt konfrontiert, wenn sie ihr Kirchengebäude nach dem 2016 erlassenen Gesetz zum Bau von Kirchen legitimieren lassen wollen. Trotz der Legitimierung von über 1.000 Kirchen seit der Einführung des Gesetzes warten viele noch immer auf ihre Anerkennung. In einigen Regionen können kirchliche Veranstaltungen diskret im Freien abgehalten werden, aber viele Christen sehen davon ab, da sie als Herausforderung für den Islam ausgelegt werden könnten.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

  • Der 62-jähriger koptische Christ Nabil Habashy Salama wurde vom IS hingerichtet. Das Video der Hinrichtung wurde mit Todesdrohungen an alle Christen in Ägypten veröffentlicht. Ein weiterer Christ, Sobhy Samy Abdul Nour, wurde ebenfalls vom IS entführt und hingerichtet.
  • Ramy Kamil, ein koptischer christlicher Aktivist, der sich vor allem für die uneingeschränkten Rechte der koptischen christlichen Minderheit einsetzt, befindet sich seit mehr als zwei Jahren ohne Gerichtsverfahren wegen Terrorismusvorwürfen in Haft.
  • Mehrere Christen wurden unter dem Vorwurf der Blasphemie verhaftet, oft nachdem sie eine Botschaft mit Bezug zum Islam in den sozialen Medien veröffentlicht hatten.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

20

70,88

2021

16

75,07

2020

16

75,71

2019

16

75,73

2018

17

69,88

Der Rückgang der Punktzahl im Weltverfolgungsindex 2022 um vier Punkte im Vergleich zum Vorjahr ist vor allem darauf zurückzuführen, dass weniger gewalttätige Vorfälle gemeldet wurden – insbesondere eine geringere Zahl von Angriffen auf Kirchengebäude. Die niedrigere Anzahl von Vorfällen könnte das Resultat der Covid-19-Pandemie sein, da die Ägypter angewiesen wurden, so viel wie möglich Zuhause zu bleiben, und die Kirchen ihre Aktivitäten erheblich einschränkten. Dennoch ist das Ausmaß der Gewalt gegen Christen sehr hoch, wobei mindestens acht Christen getötet und mehr als 50 angegriffen wurden, neben anderen gemeldeten Vorfällen.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Christliche Frauen aus benachteiligten Verhältnissen werden häufig von islamistischen Netzwerken, vor allem in ländlichen und armen städtischen Gebieten, durch sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung und Zwangskonversion zur Heirat gezwungen. Die Polizei ist oft mitschuldig oder bleibt untätig, weshalb viele Frauen unauffindbar bleiben. Daher leben viele Frauen in Angst. Christliche Mädchen werden in Ehen gelockt; diese Mädchen sind oft minderjährig und kommen aus sozial schwachen Familien. Christinnen muslimischer Herkunft können zu Hause eingesperrt, geschlagen oder sogar getötet werden, um die „Ehre“ der Familie zu verteidigen. Wenn sie verheiratet sind, ist es für muslimische Männer leicht, sich von Christinnen scheiden zu lassen und ihnen das Sorgerecht für ihre Kinder wegzunehmen.

Männer: Es gibt nur wenige Christen in hohen militärischen oder staatlichen Positionen. Vor allem in ländlichen Gebieten haben junge Männer Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden – sie werden aufgrund ihres christlichen Glaubens benachteiligt. Als Hauptversorger der Familie kann ein Christ daher häufig nur schwer für seine Familie sorgen. Die Belastung durch diese Entwicklung hat Berichten zufolge zu höheren Raten von häuslicher Gewalt und Scheidungen geführt. Täter nutzen diese finanziellen Schwierigkeiten, um jüngere Männer zum Islam zu bekehren, indem sie sie mit finanziellen Anreizen locken. Auch christliche Männer wurden entführt, um Lösegeld zu erpressen, und getötet.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Andere religiöse Gruppen, die in Ägypten Verfolgung erleben, sind die muslimischen Minderheiten der Schiiten und Sufis, des Weiteren Bahai, Mormonen und Zeugen Jehovas. Besonders schiitische Muslime werden von sunnitischen Kämpfern angegriffen, was es für sie gefährlich macht, ihren Glauben offen zu leben. Mormonen, Bahai und Zeugen Jehovas wird die Anerkennung durch die Behörden verweigert, was es ihnen erschwert, religiöse Gebäude zu errichten. Der missionarische Eifer und entsprechende Aktivitäten solcher Gruppen gelten als illegal, und so sind die Anhänger sowohl vonseiten der Staatsbeamten als auch der Gesellschaft, einschließlich Ägyptern mit christlichem Hintergrund, mit Feindseligkeit konfrontiert. Auch Atheisten, besonders wenn sie in den sozialen Medien aktiv sind, werden sehr häufig Opfer von Verfolgung.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Ägypten:

  • Bitten Sie angesichts von Armut und Arbeitslosigkeit, dass die Christen gute Arbeitsplätze finden, sodass sie ihre Familien ernähren können.
  • In der Gesellschaft gelten Frauen als minderwertig und sind besonders gefährdet, durch islamische Extremisten verfolgt zu werden. Beten Sie um Schutz der Christinnen, und darum, dass sie durch den Glauben an Jesus gestärkt werden.
  • Beten Sie dafür, dass Jesus die Herzen von einflussreichen Persönlichkeiten verändert, damit sie Beiträge zur Gesellschaft von Christen anerkennen und sich für sie einsetzen.