Länderprofil Ägypten

Ägypten

16
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Ägypten
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Arabische Republik
Platz Vorjahr
17
ISO
EG
Karte Ägypten
Christen
9,94
Bevölkerung
99.38
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Diktatorische paranoia
Privatleben: 11.700
Familienleben: 13.200
Gesellschaftliches Leben: 10.700
Leben im Staat: 13.200
Kirchliches Leben: 11.000
Auftreten von Gewalt: 15.900

Länderprofil Ägypten

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 16 / 76 Punkte (WVI 2018: Platz 17 / 70 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Islamische Unterdrückung: Die islamische Kultur der ägyptischen Gesellschaft führt zur Diskriminierung von Christen und schafft zudem ein Umfeld, in dem der Staat zurückhaltend ist, die Grundrechte von Christen anzuerkennen und durchzusetzen. Im Familienleben stehen Christen mit muslimischem Hintergrund unter großem Druck, ihren Glauben zu widerrufen. Es gab mehrere gewalttätige Angriffe extremistischer islamischer Gruppen, die auf Christen abzielten.

Ethnisch begründete Anfeindungen: Obwohl nur wenige behaupten, dass es einen ethnischen Unterschied zwischen (christlichen) Kopten und (muslimischen) Arabern gäbe, kann das Stammesdenken wie in vielen anderen arabischen Ländern schnell zu (verbaler) Gewalt zwischen den beiden Gruppen führen. In Ägypten gab es Fälle von Gewalt durch muslimische Mobs, zum Beispiel wenn Christen die offizielle Genehmigung für ein Kirchengebäude in ihrem Ort beantragen. „Islamische Unterdrückung“ und „Ethnisch begründete Anfeindungen“ gehen in diesen Fällen Hand in Hand, was zu einem Klima führt, in dem sich die christliche Minderheit stets vorsichtig bewegen muss.

Diktatorische Paranoia: Grundlegende Menschenrechte und demokratischer Pluralismus haben für die Regierung keine hohe Priorität, was bedeutet, dass Religionsfreiheit für Christen nicht voll garantiert ist. Die Menschenrechtsverletzungen der Regierung anzuprangern würde wahrscheinlich zu negativen Reaktionen führen und die Position der Christen in der Gesellschaft nur weiter verschlechtern.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Christen wurden seit der Ankunft des Islam in der Region als Bürger zweiter Klasse behandelt. Extremistische Imame fachen Feindseligkeit gegen Christen an. Speziell der „Islamische Staat“ (IS) hat geschworen, Krieg gegen Christen in Ägypten zu führen, und hat in den letzten Jahren mehrere gewalttätige Angriffe gegen Christen in verschiedenen Teilen des Landes verübt. Evangelistische Veranstaltungen, die von evangelikalen Gemeinden geplant werden, stoßen nicht nur auf den Widerstand der Muslime, sondern bekommen in ländlichen Gegenden auch Gegenwind von lokalen orthodoxen Kirchen. Allgemein werden christliche Konvertiten muslimischer Herkunft von ihrer (erweiterten) Familie unter Druck gesetzt, ihren Glauben zu widerrufen.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Christen mit muslimischem Hintergrund haben große Schwierigkeiten, ihren Glauben zu leben, da sie enormem Druck vonseiten ihrer (Groß-)Familie ausgesetzt sind, zum Islam zurückzukehren. Der Staat macht es ihnen zudem fast unmöglich, eine offizielle Anerkennung ihres Glaubenswechsels zu erhalten. Alle Christen haben Schwierigkeiten, einen Ort für gemeinsame Gottesdienste zu bauen und manchmal auch, sich zu versammeln. Die Schwierigkeiten resultieren sowohl aus staatlichen Restriktionen als auch aus der Feindseligkeit vonseiten des sozialen Umfeldes und Gewalt durch Mobs. Christen sind an ihrem Arbeitsplatz und im Alltag im öffentlichen Raum mit Diskriminierung und Übergriffen konfrontiert, insbesondere christliche Frauen.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Im Dezember 2017 eröffnete ein bewaffneter Mann in Kairo das Feuer auf eine Kirche und einen nahegelegenen Laden, der Christen gehört. Elf Menschen starben durch diesen Angriff.
  • Im Juli 2018 griff ein Mob Christen in einem Dorf in Minya an. Muslimische Dorfbewohner waren wütend über einen Facebook-Post, den sie als blasphemisch ansahen. Der Angriff verwandelte sich in solch einen Aufruhr, dass die Polizei die Versammlung auflösen musste und 90 Menschen festnahm, die versuchten, die Häuser von koptischen Christen anzugreifen.
  • Laut Berichten werden viele christliche Frauen und Mädchen Opfer von sexueller Belästigung, Entführung und Vergewaltigung. Allein im April 2018 wurden mindestens sieben Entführungsfälle dokumentiert.
  • Tausende von Gemeinden warten immer noch darauf, formal anerkannt zu werden. Der Antrag auf die formelle Anerkennung zieht oft Gewalt durch Mobs nach sich.

Meldungen und Beiträge zu Ägypten

Gesichter der Verfolgung - TV
Schikaniert für Christus – Maraya aus Ägypten

Schikaniert für Christus – Maraya aus Ägypten

24:30 Minuten
Ägypten

Marayas Vater betreibt ein Fachgeschäft und verdient gut. Bis ein Händler ihn und Maraya bedroht, belästigt und angreift. Er möchte sie vertreiben und verletzt Marayas Vater mit einem Messer – doch die Polizei greift nicht ein.

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Open Doors Tage
Samiha aus Ägypten

Samiha aus Ägypten

13:09 Minuten
Ägypten
Die Hälfte von ihrem Gesicht wurde bei einem Anschlag auf ihre Kirche in Kairo weggerissen – doch Samiha betet für ihre Attentäter. Bewegt bedankte sich die ägyptische Christin beim Lobpreis- und Gebetsabend für die Gebete der Besucher.
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Persönliche Berichte Persönliche Berichte
Marilyn mit ihren Eltern nach der Freilassung
Ägypten
Im September 2017 befreite die ägyptische Polizei die damals 16 Jahre alte Christin Marilyn. Sie war gekidnappt worden, um sie zu zwingen, den Islam anzunehmen, und sie dann zu verheiraten oder zu verkaufen. Wie geht es ihr heute?
Nachrichten Nachrichten
Neubau einer koptischen Kirche in Kom El-Loufy
Ägypten
In einem Dorf in der ägyptischen Provinz Minya haben lokale Muslime mehrfach gewaltsam gegen die offizielle Anerkennung der einzigen lokalen Kirche protestiert. Derartige Aktionen hindern Christen daran, die seit 2016 mögliche Registrierung ihrer Kirchen zu erhalten.
Persönliche Berichte Persönliche Berichte
Hani Shamshoun Girgis
Ägypten
Hani Shamshoun Girgis (31) wurde von der ägyptischen Polizei durchsucht, verhaftet und verhört – nur weil er Christ ist und deshalb während des Ramadan nicht fastet. Seine Geschichte ist kein Einzelfall im zurückliegenden Fastenmonat.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 76 Punkten stieg Ägypten um sechs Punkte und steht damit auf dem 16. Platz des Weltverfolgungsindex (WVI) 2019. Der Anstieg der Punktzahl ist zum einen auf ein besseres Verständnis der Situation durch mehr Berichte zurückzuführen und zum anderen auf die Tatsache, dass im Berichtszeitraum für den WVI 2019 mehr gewalttätige Übergriffe als noch im Vorjahr registriert wurden, wobei die Zahl der getöteten Christen sank.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Die Triebkraft „Islamische Unterdrückung“ hat in Ägypten viele Gesichter. Die islamische Kultur unterstützt eine Sichtweise in der ägyptischen Gesellschaft, wonach Christen als Bürger zweiter Klasse betrachtet werden. Diese Sichtweise führt zur Diskriminierung von Christen im politischen Bereich und im Umgang mit staatlichen Behörden. Sie schafft zudem ein Umfeld, in dem der Staat zurückhaltend ist, die Grundrechte der Christen anzuerkennen und durchzusetzen. Im Familienleben stehen Christen mit muslimischem Hintergrund unter großem Druck, ihren Glauben zu widerrufen. Auch vonseiten ihrer Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz leiden Christen im Alltag unter Islamischer Unterdrückung. Es gab zudem mehrere gewalttätige Angriffe extremistischer islamischer Gruppen, die auf Christen abzielten. Während sich die Aktivitäten solcher extremistischer Gruppen früher weitgehend auf die Sinai-Halbinsel konzentrierten, hat sich die Zahl der Angriffe durch diese Gruppen in anderen Teilen des Landes im Berichtszeitraum des WVI 2019 erhöht.

Diktatorische Paranoia

Der traditionell autoritäre Führungsstil ist vielleicht die einzige Konstante in Ägyptens politischem System, das in nur drei Jahren, zwischen 2011 und 2014, drei Regimewechsel erlebte. Die jeweiligen Machthaber glichen sich in ihrem autoritären Regierungsstil. 2011 wurde die langjährige Diktatur Husni Mubaraks durch massive Proteste der Bevölkerung beendet, was schließlich zur umstrittenen Wahl der Muslimbruderschaft führte. Die von Mohammed Mursi geführte Regierung agierte nicht demokratisch und wurde 2013 durch einen nationalen Aufstand mit Unterstützung des Militärs abgesetzt. Gegenwärtig wird das Land von einer Zivilregierung unter dem früheren General Abd al-Fattah al-Sisi regiert, der bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2014 an die Macht kam und im März 2018 wiedergewählt wurde. Seine Regierung betrachtet die Einhaltung grundlegender Menschenrechte und demokratischen Pluralismus offenbar als nachrangig gegenüber den schwerwiegenden Herausforderungen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Sicherheit. In diesem Kontext ist Religionsfreiheit für Christen nicht vollständig gewährleistet.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Obwohl nur wenige argumentieren, dass es einen ethnischen Unterschied zwischen (christlichen) Kopten und (muslimischen) Arabern gäbe, scheinen Christen und Muslime zwei verschiedene Gruppen zu sein. Wie in vielen anderen arabischen Ländern beeinflusst das Stammesdenken stark dieses Gruppendenken, was schnell zu (verbaler) Gewalt gegen die andere Gruppe führen kann. In Ägypten kommt es zum Beispiel häufig zu Übergriffen durch Mobs, wenn Christen versuchen, bestimmte Leistungen zu erhalten, wie beispielweise die offizielle Anerkennung eines Kirchengebäudes. Islamische Unterdrückung und Ethnisch begründete Anfeindungen scheinen sich in diesen Fällen zu vermischen, was zu einem Klima führt, in dem sich die christliche Minderheit stets vorsichtig bewegen muss.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

Gewöhnliche Bürger, deren Ansichten von intoleranten und extremistischen Imamen geprägt sind, treiben die Verfolgung von Christen maßgeblich voran und sind für den größten Teil des Drucks verantwortlich, dem Christen in ihrem täglichen Leben in ihrer Nachbarschaft und bei der Arbeit ausgesetzt sind. Feindseligkeit aus der Gesellschaft und Vorurteile gegenüber Christen sind in den ärmeren und ländlichen Teilen Ägyptens stärker ausgeprägt. Extremistische islamische Hassprediger spielen eine entscheidende Rolle dabei, die Atmosphäre der Intoleranz aufrechtzuerhalten und Feindseligkeit gegenüber Christen zu schüren. Militante islamische Gruppen wie der „Islamische Staat“ (IS) tragen ebenfalls erheblich zur Verfolgung von Christen bei und sind für viele der gewalttätigsten und grausamsten Taten gegen Christen verantwortlich. Auch Regierungsbeamte wirken als Verfolger, weil sie es versäumen, die Rechte der Christen zu verteidigen, und durch diskriminierende Handlungen die Grundrechte von Christen verletzen.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

Regierungsbeamte, unter ihnen Justizbeamte, lokale Verwaltungsbeamte sowie Angehörige verschiedener Zweige des Sicherheitsapparates in Ägypten gehören in diesem Zusammenhang zu den Hauptverfolgern. Die Regierung von Präsident Abd al-Fattah al-Sisi versucht, die Unterstützung durch die Mehrheit der Bevölkerung abzusichern und an der Macht zu bleiben. So hat die Regierung trotz gegenteiliger Versprechen die bestehenden Einschränkungen der Religionsfreiheit ägyptischer Christen beibehalten. Kirchenleiter in Ägypten werden vom Staat ständig überwacht.

Ausgehend von Ethnisch begründeten Anfeindungen

Gewalt gegen und Druck auf Christen muslimischer Herkunft durch die Familie müssen als eine Mischung von Islamischer Unterdrückung und Stammesdenken gesehen werden. Den Islam zu verlassen und den christlichen Glauben anzunehmen, wird oft nicht nur als Verrat am Islam, sondern auch an der eigenen Familie betrachtet. Diese Tendenz wird durch extremistische und intolerante Imame bestärkt, wenn sie die örtliche muslimische Bevölkerung dazu aufrufen, ihren Glauben gegen die andere Gruppe, die Christen, zu schützen.

4. Hintergrund

Im heutigen Ägypten werden die Revolution gegen Präsident Mubarak im Jahr 2011 und der Sturz seines Nachfolgers Präsident Mursi 2013 als entscheidende Momente für die Nation angesehen. Seit dem Machtantritt al-Sisis sind viele der führenden Persönlichkeiten der Muslimbruderschaft, darunter der ehemalige Präsident Mursi, inhaftiert, angeklagt und zum Tode oder zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Es wurde jedoch bisher keines der Todesurteile vollstreckt. Diese Maßnahmen haben die ägyptische Gesellschaft stark polarisiert, da die Muslimbruderschaft bei einem großen Teil der ägyptischen Gesellschaft beliebt ist. Die Regierung von Präsident al-Sisi hat einen ehrgeizigen Plan zur Wiederbelebung der ägyptischen Wirtschaft und zur Schaffung von dringend benötigtem Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen auf den Weg gebracht.

Schätzungsweise rund 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, und praktisch alle ägyptischen Muslime sind Sunniten. Obwohl das Christentum tiefe Wurzeln in Ägypten hat, die Jahrhunderte vor das Aufkommen des Islam in Nordafrika zurückreichen, werden Christen im modernen Ägypten oft marginalisiert und als Bürger zweiter Klasse behandelt. Präsident al-Sisi hat Wissenschaftler der Al-Azhar-Universität (die sunnitischen Muslimen als das älteste und renommierteste Zentrum für fortgeschrittene islamische Studien gilt) aufgefordert, extremistische Lehren zu bekämpfen und Reformen in der islamischen Lehre einzuleiten. Vor allem in ländlichen und verarmten Gebieten gewinnen extremistische Imame und weniger tolerante Formen des Islam an Bedeutung. Die Regierung bemüht sich, diesem Trend entgegenzuwirken, war aber bisher nicht sehr erfolgreich. Die Atmosphäre gegenüber Christen in Ägypten ist nach wie vor feindselig.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Ausländische Christen werden in Ägypten nicht in die Isolation gedrängt, weshalb diese Kategorie bei der Analyse für den WVI nicht berücksichtigt wird.

Christen aus traditionellen Kirchen

Die größte Kirche dieser Kategorie ist die koptische Gemeinschaft, deren Mitglieder größtenteils orthodox sind. Es gibt auch etablierte protestantische Gemeinschaften im gesamten Land. Die zahlenmäßig starke koptische Minderheit genießt trotz erheblicher Schwierigkeiten (wie Diskriminierung bei der Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Gesetzgebung, die das Gemeindeleben erheblich einschränkt) ein gewisses Maß an Toleranz seitens des Staates und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung aufgrund ihrer historischen Präsenz und ihrer beträchtlichen Größe von mehreren Millionen Mitgliedern. In den letzten Jahren hat sich die Lage jedoch verschlechtert, da auch Christen traditioneller Kirchen von ihren Nachbarn sowie islamisch-extremistischen Gruppierungen angegriffen wurden.

Christen muslimischer Herkunft

Es gibt eine kleine, aber wachsende Zahl von Christen muslimischer Herkunft, die die Hauptlast der Verfolgung tragen, zumeist durch die eigene Familie. Diese bestraft sie dafür, dass sie den Islam verlassen haben, oft durch Schläge oder Vertreibung aus dem Haus.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Es gibt mehrere evangelikale und pfingstkirchliche Gruppen im Land, manche von ihnen Christen muslimischer Herkunft in der zweiten, dritten oder noch weiter zurückführenden Generation. Andere stammen aus einem orthodoxen Hintergrund. Sie stehen dem Druck sowohl durch die muslimische Gesellschaft als auch – in einem geringeren Maße – durch die koptisch-orthodoxe Kirche gegenüber.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 11.7
Familienleben 13.2
Gesellschaftliches Leben 10.7
Leben im Staat 13.2
Kirchliches Leben 11
Auftreten von Gewalt 15.9

Grafik: Verfolgungsmuster Ägypten

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen ist sehr hoch und stieg von 11,5 Punkten beim WVI 2018 auf 12,0 für den WVI 2019 an. Der Grund für diesen Anstieg liegt hauptsächlich in einem besseren Verständnis der Situation, das durch mehr Berichte möglich wurde.
  • In allen Lebensbereichen ist der Druck sehr hoch, am höchsten in den Bereichen „Familienleben“ und „Leben im Staat“. Die sehr hohe Punktzahl von 13,2 für das Familienleben wird besonders in den Schwierigkeiten sichtbar, mit denen Christen muslimischer Herkunft hinsichtlich christlicher Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen konfrontiert sind. Die sehr hohe Punktzahl für das „Leben im Staat spiegelt“ sich in dem Maß der Diskriminierung von Christen – insbesondere Christen muslimischer Herkunft – im Umgang mit Behörden wider. Es besteht immer die Gefahr, der Blasphemie beschuldigt zu werden, gefolgt von Gewalt durch Mobs, wobei die Polizei und andere Behörden sich oft auf die Seite der Ankläger und Angreifer stellen, um die öffentliche Ordnung zu bewahren.
  • Der Wert für „Auftreten von Gewalt“ ist von 12,4 beim WVI 2018 auf 15,9 Punkte für den aktuellen Berichtszeitraum gestiegen. Es wurden mehr gewalttätige Übergriffe registriert als im WVI 2018, wobei die Anzahl der getöteten Christen sank.

Privatleben

Christen muslimischer Herkunft erfahren zu Hause starke Einschränkungen. Jegliche Form privaten Gottesdienstes ist für sie riskant und es wird großer Druck auf sie ausgeübt, an den täglichen islamischen Gebeten, am Fasten während des Ramadan und anderen Verpflichtungen der islamischen Religion teilzunehmen. Im Gegensatz zu Christen muslimischer Herkunft sind koptische Christen wenig oder gar keinem Druck in diesem Lebensbereich ausgesetzt.

Familienleben

Besonders in ländlichen Gebieten werden Christen muslimischer Herkunft vonseiten der (Groß‑)Familie enorm unter Druck gesetzt, ihren christlichen Glauben zu widerrufen. Innerhalb der großen koptischen Gemeinschaft ist der Druck in diesem Lebensbereich sehr viel niedriger, aber der Druck auf Christen, die zu einer anderen Denomination übergetreten sind, kann sogar körperliche Übergriffe und Todesdrohungen beinhalten.

Gesellschaftliches Leben

Ägyptische Christen werden oft vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Experten für das Land berichten, dass Christen konstant Diskriminierung in Bereichen wie Justiz, Bildung und der sozialen Grundversorgung erleben und grundsätzlich stärker von Armut betroffen sind. Darüber hinaus wird Christen Gerechtigkeit verweigert, wenn sie gezwungen sind, Streitfragen nach Gewohnheitsrecht entscheiden zu lassen, in denen meist Zwistigkeiten zwischen Muslimen und Christen verhandelt werden. In dieser alternativen Form der Rechtsprechung werden Christen in der Regel stark benachteiligt.

Leben im Staat

Die Religionsfreiheit wird vom Staat nicht aufrechterhalten, und das ägyptische Rechtssystem ist gegenüber Nichtmuslimen voreingenommen. Es behandelt Christen, besonders Christen muslimischer Herkunft, als Bürger zweiter Klasse und schränkt ihre Möglichkeiten ein, ihren Glauben individuell und in Gemeinschaft zu leben und ihr Leben in Übereinstimmung mit ihrem Glauben zu führen. Die Teilnahme Ägyptens an der Fußballweltmeisterschaft 2018 hat die Diskriminierung von Christen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft aufgezeigt: Es gab keinen einzigen christlichen Spieler in der Nationalmannschaft in den letzten zehn Jahren; Christen werden diskriminiert und ihnen werden Möglichkeiten vorenthalten, in den besten Vereinen des Landes zu spielen.

Kirchliches Leben

Die Autonomie der Koptisch-Orthodoxen Kirche wird weitgehend respektiert. Dennoch erleben Christen Hindernisse im Verwaltungsbereich, etwa wenn es darum geht, Genehmigungen zum Bau oder der Renovierung von Kirchengebäuden zu erhalten. Diese Hürden sind noch schwieriger zu überwinden, seit 2016 ein Gesetz verabschiedet wurde, das Provinzbehörden bei der Ausstellung von Baugenehmigungen für Kirchen willkürliche Macht einräumt. Zudem warten Tausende von Gemeinden immer noch darauf, formal anerkannt zu werden.

Auftreten von Gewalt

Obwohl sich die Anzahl der Christen, die getötet wurden, massiv verringert hat – von 128 im WVI 2018 auf 17 im WVI 2019 –, ist die Punktzahl für „Gewalt“ weiter gestiegen. Dies liegt daran, dass es mehr Berichte von Angriffen auf Kirchengebäude, Häuser und Geschäfte von Christen gegeben hat und eine höhere Zahl von Entführungen gemeldet wurden (damit zusammenhängend stieg auch die Anzahl von Vergewaltigungen und erzwungenen Ehen). Gewalttätige Angriffe durch Islamisten und Mobs in Dörfern bleiben weiterhin an der Tagesordnung.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Frauen in Ägypten sind oft Belästigungen ausgesetzt; manche werden Opfer von Zwangsehen, u. a. nach Entführung und Vergewaltigung. Obwohl solche Missbrauchsfälle weit verbreitet sind und alle Frauen in Ägypten in unterschiedlichem Maße betreffen (auch abhängig von der Region), gibt es Berichte, dass Christinnen ganz gezielt für Ehen durch Entführung ins Visier genommen werden, besonders in den ländlichen Gegenden, Dörfern und südlichen Städten. Viele der christlichen Mädchen, die in eine Ehe gelockt werden, sind minderjährig und stammen aus wehrlosen Familien. Traditionelle Bräuche sind hier nicht hilfreich: Frühes Heiraten ist normal in den ländlicheren und traditionelleren Gemeinschaften. Viele Ehemänner sind für lange Zeit abwesend, da sie im Ausland arbeiten. Es gab Berichte, dass manchmal muslimische Nachbarn die Einsamkeit der christlichen Frauen ausnutzen und eine Affäre beginnen, um sie zur Konversion zum Islam zu bringen. Der psychologische Effekt von Entführungen auf christliche Familien ist hoch, besonders in den ländlichen Gegenden: Weibliche Familienmitglieder können nicht allein das Haus verlassen, sondern müssen immer von männlichen Verwandten begleitet werden, um sie zu schützen.

Christinnen muslimischer Herkunft sind besonders von den Antikonversionsgesetzen, den Familienstandsgesetzen und traditionellen Gebräuchen betroffen. Ihre muslimischen Ehemänner werden sich höchstwahrscheinlich von ihnen scheiden lassen und sie ohne finanzielle Unterstützung zurücklassen. Ihnen kann das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen werden, genauso verlieren sie oft das Erbe. Außerdem geht von ihrer eigenen Familie eine Gefährdung aus, da von Frauen erwartet wird, dass sie der Familienehre keine Schande bereiten. Besonders für Frauen ist es schwierig, aus diesen gefährlichen Situationen zu entkommen, da es nicht üblich für Frauen ist, allein zu reisen oder zu wohnen.

Im Arbeitsleben stehen Christinnen doppelter Diskriminierung gegenüber, da sie Christen und Frauen sind. Die Tatsache, dass sie als Christen bekannt sind, kann dazu führen, dass sie bei Beförderungen übergangen werden.

Männer

Besonders in ländlichen Gegenden ist es für junge christliche Männer schwer, Arbeit zu finden. Manchmal fordern muslimische Geschäftseigentümer ihre muslimischen Kunden offen dazu auf, nicht bei Christen einzukaufen. Einige Muslime mögen glauben, dass es unrein sei, von einem Christen zubereitete Mahlzeiten zu essen. Die Arbeitslosigkeit setzt Männer überall im Land stark unter Druck, besonders aber in Oberägypten. In Kombination mit der allgemeinen wirtschaftlichen Lage beeinträchtigt sie die Stabilität von Familien und führt zu mehr häuslicher Gewalt und Scheidungen. Wenn ein Mann sich durch die Angriffe auf seinen Glauben und sein eigenes Unvermögen, seinen christlichen Glauben zu verteidigen, überwältigt fühlt, kommt es zu einer inneren Zerrissenheit, und die Männer verlieren ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Eine starke Scham macht sich breit. Dies beeinflusst ihre Sicht auf ihre Rolle in der Familie und führt zu starker Frustration und einem Verlorenheitsgefühl.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Andere religiöse Gruppen, die in Ägypten Verfolgung erleben, sind die muslimischen Minderheiten der Schiiten und Sufis, des Weiteren Bahai, Mormonen und Zeugen Jehovas. Besonders schiitische Muslime werden von sunnitischen Kämpfern angegriffen, was es für sie gefährlich macht, ihren Glauben offen zu leben. Mormonen, Bahai und Zeugen Jehovas wird die Anerkennung durch die Behörden verweigert, was es ihnen erschwert, Gotteshäuser zu haben. Der missionarische Eifer und entsprechende Aktivitäten solcher Gruppen gelten als illegal und so sind deren Anhänger sowohl vonseiten der Regierungsbeamten als auch der Gesellschaft, einschließlich Ägyptern mit christlichem Hintergrund, mit Feindseligkeit konfrontiert.

Beispiel: Am 24. November 2017 griffen sunnitische Kämpfer eine volle Sufi-Moschee auf der Sinai-Halbinsel an, wobei mehr als 300 Menschen getötet wurden.

9. Ausblick

Die politische Perspektive

Es ist wahrscheinlich, dass der amtierende Präsident al-Sisi versuchen wird, die Verfassung dahingehend zu ändern, dass er mehr als zwei Amtszeiten regieren kann. Unterstützer des Präsidenten unterzeichnen angeblich bereits eine Petition, um ihn zu bitten, die Verfassung zu ändern, obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass diese Petition ein abgekartetes Spiel ist, um al-Sisi die demokratische Legitimierung für eine Anpassung der Verfassung zu geben. Wahrscheinlich wird al-Sisi weiterhin scharf gegen die Muslimbruderschaft und andere islamistische Gruppen vorgehen. Ägypten scheint wieder zu den alten Tagen unter Präsident Husni Mubarak zurückgekehrt zu sein, in denen ein autokratischer Führer entscheidet, welche Richtung das Land einschlagen soll.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Wenn die Angriffe islamisch-extremistischer Kämpfer andauern, wird sich der Druck auf die Christen in Ägypten noch erhöhen, und die Fähigkeit der ägyptischen Kirche, diese Belastung zu bewältigen, wird bis an ihre Grenzen geprüft werden.

Mit Hinblick auf Ethnisch begründete Anfeindungen: Es ist unwahrscheinlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung jemals die Christen als gleichwertige Bürger mit gleichen Rechten anerkennen wird. Gemeinhin wird von Ägyptern erwartet, sunnitische Muslime zu sein, und jede Abweichung wird als Verrat betrachtet. Christen muslimischer Herkunft werden weiterhin sehr verwundbar sein.

Mit Hinblick auf Diktatorische Paranoia: Obwohl die meisten Christen darüber glücklich sind, dass der aus der Muslimbruderschaft stammende Präsident Mohammed Mursi gestürzt wurde, ist es unwahrscheinlich, dass der regierende Präsident al-Sisi wirklich willens und in der Lage ist, ihre Situation und ihre Sicherheit maßgeblich zu verbessern.

Schlussfolgerung

Trotz des Ausnahmezustands, den die Regierung zur Bekämpfung der gewalttätigen Angriffe auf Christen ausgerufen hat, wird das Gefühl der Verwundbarkeit und Unsicherheit, das sich unter den Christen in Ägypten verbreitet hat, auf absehbare Zeit anhalten. Das Ausmaß, in dem solche Angriffe weitergehen oder zunehmen werden, wird den Verlauf der Verfolgungsdynamik in Ägypten bestimmen. Die gewaltfreien Formen der Verfolgung, die in verschiedenen Lebensbereichen vorherrschen, werden wahrscheinlich ohne große positive Veränderungen weitergehen.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Ägypten:

  • Bitte beten Sie für junge Christen und Christinnen, die auf der Suche nach Arbeit sind. Viele von ihnen erleben Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, da viele muslimische Arbeitgeber muslimische Arbeitnehmer bevorzugen, selbst wenn sie schlechter ausgebildet sind. Dies lässt viele junge Leute ohne Arbeit zurück, was sie davon abhält, den nächsten Schritt in das Arbeitsleben zu gehen und eine Familie zu gründen.
  • Bitte beten Sie für den Dienst unter Jugendlichen, der jungen Christen hilft, auch in unsicheren Zeiten an Jesus festzuhalten.

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