Länderprofil Äthiopien

Äthiopien

36
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Äthiopien
Hauptreligion
Christentum
Platz Vorjahr
39
Karte Äthiopien
Christen
67,49
Bevölkerung
112.76
Islamische Unterdrückung
Konfessioneller Protektionismus
Diktatorische paranoia
Privatleben: 9.900
Familienleben: 8.500
Gesellschaftliches Leben: 10.700
Leben im Staat: 10.300
Kirchliches Leben: 10.800
Auftreten von Gewalt: 14.400

Länderprofil Äthiopien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 36 / 65 Punkte (WVI 2020: Platz 39 / 63 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

In Äthiopien erfahren alle christlichen Gemeinschaften Verfolgung, einige sind jedoch stärker davon betroffen als andere. Christen aus protestantischen Freikirchen erleben die stärksten Verletzungen ihrer Religionsfreiheit sowohl vonseiten der Regierung als auch durch die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche (ÄOK). Sowohl Christen mit muslimischem Hintergrund (besonders im Osten und Südosten des Landes) als auch Christen, die die ÄOK verlassen und sich einer protestantischen Freikirche angeschlossen haben, werden von ihren Familien und ihrem Umfeld misshandelt. In einigen Gegenden wird Christen der Zugang zu gemeinschaftlich genutzten Ressourcen verweigert und/oder sie werden von der Gesellschaft ausgeschlossen. In Ogaden und einigen Teilen von Oroia griffen beispielsweise islamische Mobs Kirchen an. Die politische Gewalt belastet die christlichen Gemeinschaften ebenfalls stark, da viele Kirchen zerstört und Christen getötet wurden.

 

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

65

36

2020

63

39

2019

65

28

2018

62

29

2017

64

22

Der Anstieg um zwei Punkte im Weltverfolgungsindex 2021 wird größtenteils durch einen Anstieg der Wertung im Bereich Gewalt verursacht, die um mehr als zwei Punkte gestiegen ist. Der Druck auf Christen ist dagegen sehr leicht um 0,2 Punkte zurückgegangen, was mit einer Vielzahl an Faktoren zu tun hat. Unter anderem ging die Regierung nicht so restriktiv wie zuvor gegen Kirchen vor. Die politische Gewalt, die ungezügelt im Land wütet, hat die Kirche und Christen Leben und Besitz gekostet.

2. Trends und Entwicklungen

1) Die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche (ÄOK) verliert ihre exklusive Stellung

Äthiopien ist einer der ältesten Staaten Afrikas und war eines der ersten Länder, das den christlichen Glauben als Staatsreligion annahm. In den letzten Jahrzehnten sind verschiedene christliche Konfessionen entstanden, wodurch die ÄOK ihre exklusive Stellung als einzige christliche Konfession im Land (und damit auch ihre Privilegien in den Beziehungen zu Staat und Gesellschaft) verloren hat. Die neue Regierung unter der Führung von Dr. Abiy Ahmed dürfte dazu beitragen, einige Probleme zu entschärfen, mit denen sich protestantische Christen konfrontiert sehen, vor allem durch die ÄOK.

2) Äthiopien ist weiterhin mit schwerer kommunaler Gewalt konfrontiert

Das Tempo, mit dem das Land politische Reformen durchgeführt hat, hat weltweit Aufmerksamkeit erregt. Diese Reformen wurden jedoch mit anderen Herausforderungen konfrontiert, die zu Tötungen und der Zerstörung von Eigentum geführt haben. Kommunale Gewalt hat die Vertreibung von Millionen verursacht. Die Sicherheitskräfte der Regierung waren in grobe Menschenrechtsverletzungen verwickelt. Es wird immer schwierig sein, sich in den komplexen Realitäten des Landes zurechtzufinden. Die politischen Akteure haben sehr unterschiedliche Ansichten und es gibt auch Nachbarländer, die sich einmischen könnten. Diese unterschiedlichen politischen Ansichten haben bereits bei den Gewalttaten im Oktober/November 2019 und Juni/Juli 2020 nach der Ermordung eines Oromo-Aktivisten und -Sängers gezeigt, welche Spannungen sie erzeugen können.

3) Islamistischer Einfluss aus dem Ausland nimmt zu

Viele Länder des Nahen Ostens wollen in Äthiopien investieren: Einige finanzieren den Bau von großen Einkaufszentren und Dörfern, andere sponsern die Renovierung historischer Gebäude im Land, wieder andere dienen als alternative diplomatische Unterstützung und Hilfe für das Land. Außerdem versuchen militante Islamisten, im Land und der gesamten Region größeren Einfluss zu erlangen – mindestens durch die Veröffentlichung von Propagandavideos. Wie VOA News 2019 berichtete, hat der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) sogar geschworen, einen Ableger in Äthiopien zu gründen. Vor dem Hintergrund des fragilen Charakters Äthiopiens und der Unbeständigkeit in der Region wird die islamistische Herausforderung in Zukunft wahrscheinlich noch an Bedeutung gewinnen.

4) Christen werden wahrscheinlich weiterhin mit Verstößen gegen die Religionsfreiheit konfrontiert sein

Es ist zu erwarten, dass die Verletzungen der Religionsfreiheit gegen Christen im Allgemeinen (und insbesondere gegen Konvertiten und Protestanten) weitergehen werden, insbesondere durch ultrakonservative islamische Gruppen und ÄOK-Kreise.

3. Religiöse Situation im Land

Historisch gesehen hat Äthiopien schon immer tiefe christliche Wurzeln gehabt. Die wichtigsten christlichen Gruppen in Äthiopien sind die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche und die verschiedenen protestantischen Konfessionen. Letztere kamen ab dem 19. Jahrhundert ins Land. Nach islamischer Überlieferung hat der Islam in Äthiopien eine lange Geschichte, die bis zur Hidschra (Flucht der Muslime nach Aksum in Nordäthiopien im Jahr 615 n. Chr.) zurückreicht. Die Römisch-Katholische Kirche, die im 16. Jahrhundert eingeführt wurde, prägte jedoch die Identität Äthiopiens in hohem Maße. In der Tat präsentiert sich Äthiopien als Bollwerk des Christentums, umgeben von islamischen Nachbarn. Im Kontext des „globalen Krieges gegen den Terror“ wird dieses Narrativ oft von Äthiopiern verwendet.

Nichtsdestoweniger hat Äthiopien eine bedeutende muslimische Minderheit. Der Sufismus hat eine lange Tradition, und die konservativeren salafistischen Strömungen sind seit den 1930er-Jahren präsent und expandierten ab den 1960er-Jahren. Diese islamischen Strömungen konzentrierten sich ursprünglich an den östlichen Rändern Äthiopiens, haben aber in allen Gebieten an Einfluss in der äthiopischen Bevölkerung gewonnen und bereiten der derzeitigen Regierung große Sorgen. Die muslimische Gemeinschaft, insbesondere die Führung, ist sehr selbstbewusst geworden. Es wurde behauptet, dass die Politik der Marginalisierung, die die muslimische Gemeinschaft unter früheren Regimen ohne jeden politischen oder wirtschaftlichen Einfluss im Land ließ, unter der aktuellen Regierung fortgesetzt wird. Die Regierung weist solche Behauptungen jedoch zurück. Der neue Premierminister hat alle muslimischen Anführer freigelassen, die unter dem vorherigen Premierminister verhaftet wurden. Er vermittelte zudem zwischen den beiden Fraktionen der ÄOK, so dass der ehemalige Patriarch, der im Exil war, nun nach Äthiopien zurückgekehrt ist.

Frühere und gegenwärtige Regierungen haben versucht, Unterstützung zu mobilisieren, indem sie religiöse Gruppen kontrollierten und das religiöse Leben im Land beeinflussten. Zum Beispiel ersetzte die Partei EPRDF nach ihrer Machtübernahme 1991 den Patriarchen der Orthodoxen Kirche – eine Position, die normalerweise auf Lebenszeit besetzt ist. Dies impliziert, dass die Rolle der Regierung in der Religion stärker ist als der Einfluss religiöser Gruppen auf die Regierung. Ferner erzeugt die Einmischung der äthiopischen Regierung oft Unmut in der Bevölkerung, da die religiösen Institutionen als vereinnahmt wahrgenommen werden. Darüber hinaus ist eine formale politische Organisation auf religiöser Basis in Äthiopien technisch verboten. In diesem Kontext werden protestantische Kirchen als größtenteils (unpolitische) Agenten westlicher Ideologie und Interessen betrachtet. Es gibt zwar verschiedene informelle, politisch organisierte religiöse Gruppen, vor allem in der äthiopischen Diaspora, aber das dominante Narrativ innerhalb des politischen Systems Äthiopiens bleibt an die Ethnizität gebunden. Vor diesem Hintergrund sind muslimische Gruppen aktiver geworden, was zur Entwicklung spezifischer religionsbezogener Publikationen wie YeMuslimoch Guday (Muslimische Angelegenheiten) und Sewtul Islam geführt hat.

Der unpolitische Charakter der protestantischen Bewegung, einschließlich der Konvertiten aus dem Islam oder der ÄOK, hat diese Christen zunehmend in Konflikt mit der äthiopischen Regierung und den beiden wichtigsten religiösen Körperschaften im Land gebracht. Experten glauben, dass die aktuelle politische Dynamik die Beziehungen zwischen orthodoxen und protestantischen Christen verbessern könnte. Andere glauben dagegen, dass das Hauptproblem mit der ÄOK von ultrakonservativen Gruppen ausgeht und nicht von der Führung. Es ist unwahrscheinlich, dass der Wechsel in der Führung der äthiopischen Regierung die Ansicht dieser ultrakonservativen Gruppen ändern wird. In der Tat werden diese Gruppen in den Reihen der ÄOK in vielerlei Hinsicht immer lauter.

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Diese Triebkraft der Verfolgung stellt für Christen eine echte Gefahr dar, besonders in Gebieten, die stark muslimisch geprägt sind. Ein Experte für das Land berichtet, dass der extremistische Islam „weiterhin ein Problem in Äthiopien bleibt. Da islamische Länder um die Vorherrschaft in Afrika kämpfen, fließen weiterhin beträchtliche Mittel in die Verbreitung des Islam durch die Einrichtung von Schulen für religiöses Lernen sowie durch direkte Hilfe für Bedürftige, die an die Bedingung geknüpft ist, zum Islam überzutreten.“ Mit dem Aufstieg des Extremismus in der Region und darüber hinaus wächst ein extremistischer (oder politischer) Islam auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Dabei sind die verschiedenen Kategorien von Christen in fast allen Lebensbereichen zunehmend unter Druck geraten. Besonders in ländlichen Gegenden, in der sie die Mehrheit darstellen, belästigen Muslime Christen und verweigern ihnen oft den Zugang zu gemeinschaftlich genutzten Ressourcen.

Christen werden zudem zum Opfer von Gewalt. Christen muslimischer Herkunft werden verbannt und oft ihrer Familienrechte beraubt, etwa dem Erb- oder dem Sorgerecht für ihre Kinder. Es ist zudem wichtig, festzuhalten, dass der wachsende extremistische Islam aus den benachbarten Ländern Somalia und dem Sudan nach Äthiopien gelangt. Ein Experte für das Land stellte fest: „Die Präsenz der Triebkraft variiert von einem Gebiet zum anderen, hauptsächlich abhängig von der Anzahl der Muslime in einer bestimmten Region. Der nordöstliche Teil des Landes, der hauptsächlich aus der Region Afar besteht, die östlichen Regionen, einschließlich Somali, Dire Dawa und Harar, sowie bestimmte Teile der Region Oromia werden überwiegend von Muslimen bewohnt, und der zentral-urbane Teil des Landes (einschließlich, aber nicht beschränkt auf) Addis Abeba sind Teile des Landes, in denen das Ausmaß dieser Triebkraft im Vergleich zu anderen Teilen des Landes stärker ausgeprägt ist. Aufgrund von Konflikten, die durch die Taten extremistisch-islamischer Gruppen in bestimmten Teilen des Landes entstanden, wurden Christen getötet, erlitten Körperverletzungen, waren gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen und erlitten andere Ungerechtigkeiten. In den letzten Jahren gibt es einen wachsenden Trend in der Verbreitung von extremistischen islamischen Ansichten im Land und die Verhaftung einiger Anführer der muslimischen Gemeinschaft durch die Regierung macht die Dinge noch schlimmer.“

Konfessioneller Protektionismus

Diese Triebkraft der Verfolgung geht größtenteils von der ÄOK aus. Ein Experte für das Land berichtet: „Die ÄOK sieht sich als die einzig ‚wahre‘ christliche Konfession. Sie stellt sich insbesondere gegen evangelikale Christen, da sie diese als Anhänger einer westlichen Religion betrachtet, die eine Bedrohung für den äthiopischen Nationalismus und die äthiopische Kultur darstellt. Beides zu bewahren, sieht die ÄOK seit langer Zeit als wichtige Aufgabe. Predigten und Lieder, in denen evangelikale Christen stark kritisiert werden, sind weit verbreitet. Priester und andere Lehrer in der ÄOK verurteilen offen jeden, der Kontakt mit Evangelikalen pflegt. Sie gehen manchmal so weit, ihren Mitgliedern zu verbieten, mit ‚den Heiden‘ auch nur zu sprechen. Auf der anderen Seite nehmen die Anfeindungen vonseiten einiger evangelikaler Kirchen gegen die ÄOK ebenfalls zu. So findet zwischen beiden ein hasserfüllter Schlagabtausch statt.“ Die ÄOK verfolgt ernsthaft Christen, die ihre Reihen verlassen, um sich (meistens) protestantischen Kirchen anzuschließen, oder um einer der Erneuerungsbewegungen innerhalb der ÄOK beizutreten.

Diese Verfolgung hat unterschiedliche Gesichter. Beispielsweise greifen Mitglieder der ÄOK Christen anderer Konfessionen manchmal tätlich an. Mitglieder der ÄOK nutzen zudem ihre Beziehungen in der Regierung, um das Wachstum nichtorthodoxer Kirchen zu behindern. Außerdem nehmen sie Einfluss auf die Regierung, damit Gesetze gegen die Ausbreitung des protestantischen christlichen Glaubens verabschiedet werden. Ein Beispiel hierfür ist das Gesetz zur Registrierung aller Kirchen außerhalb der ÄOK. Ein anderes Mittel ist die Nutzung der einflussreichen ÄOK-eigenen Medien, um Protestanten und Unterstützer der Erneuerungsbewegung zu verteufeln. Ein Experte für das Land fügt hinzu: „Wieder einmal kommt Verfolgung von der christlichen Mehrheitskonfession des Landes, der Orthodoxen Kirche. Dazu muss man jedoch auch erwähnen, dass nicht alle orthodoxen Gläubigen diese Meinung teilen. Von der Verfolgung betroffen sind hauptsächlich Anhänger christlicher Konfessionen, die erst seit relativ kurzer Zeit im Land existieren und vorwiegend protestantisch sind. Diese Form der Verfolgung ist am stärksten im Norden und Zentrum des Landes verbreitet, wo die Mehrheit der Bevölkerung zur Orthodoxen Kirche gehört. In diesem Zusammenhang ist auch zu beachten, dass diese Verfolgung extremer wird, je weiter man sich aus städtischen in ländlichere Gebiete des Landes bewegt.“

Diktatorische Paranoia

In den Jahren vor der Wahl hatte die äthiopische Regierung immer stärkere autoritäre Züge entwickelt und dabei die Rechte der Zivilgesellschaft und religiöser Institutionen zunehmend eingeschränkt. Die ehemalige äthiopische Regierung hatte sich gegenüber Religion im Allgemeinen und Christen im Besonderen misstrauisch gezeigt.

  • Dahinter stand zum einen die Überzeugung, dass religiöse Gruppen Menschen äußerst wirksam organisieren und sammeln können. Dies führte zur Sorge, derartige Aktivitäten könnten theoretisch auch für einen Umsturz genutzt werden.
  • Zum anderen hielt die Regierung Protestanten (besonders aus Freikirchen) für ausländische Agenten, die einen Regimewechsel anstrebten. Es existieren allerdings keinerlei Beweise, um diesen Verdacht zu stützen.
  • Drittens glaubte die vorherige Regierung, dass eine beträchtliche Anzahl von ÄOK-Leitern Unterstützer von Oppositionsgruppen seien. Deswegen verabschiedete sie diverse Gesetze, um die Betätigungsmöglichkeiten für religiöse Gruppen spürbar einzuschränken. Dazu zählen etwa das Verbot, Sendeanstalten für religiöse Zwecke zu betreiben, und das Verbot, Religionsunterricht oder andere Aktivitäten an Schulen anzubieten. Solche Verbote schränken die Freiheit der Christen ein, Gott anzubeten, zu predigen und zu unterrichten. Die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation „Freedom House“ stufte das Land in seinem Bericht von 2018 daher als „nicht frei“ ein.

Unter der neuen Führung seit 2018 scheint zumindest bisher eine echte Bereitschaft zu bestehen, das Land in Richtung Demokratie zu reformieren. Die meisten Gesetze, die zur Beschneidung der Religionsfreiheit verwendet wurden, wurden überarbeitet oder zur Überarbeitung vorgelegt. Die Maßnahmen des Landes veranlassten die US-Regierung sogar, Äthiopien für das Schwellenwertprogramm der Millennium Challenge Corporation (MCC) auszuwählen. So ist die Bewertung für diese Triebkraft in der Analyse des Weltverfolgungsindex 2020 von „stark“ auf „durchschnittlich“ gesunken und im Weltverfolgungsindex 2021 auf diesem Level verblieben.

Ethnisch-religiöse Feindseligkeit

Im letzten Vierteljahrhundert hat ethnisch orientierte Politik das gesamte öffentliche Leben im Land dominiert. Dieser politische Diskurs hat zur Suche nach „Wurzeln und Identität“ geführt und eine feindselige Haltung Einzelner wie auch ganzer Gruppierungen gegenüber Christen begünstigt. Bis 1974 repräsentierte die ÄOK die Staatsreligion. Von 1974 bis 1991 befand sich Äthiopien unter kommunistischer Herrschaft, die nach einem 17-jährigen Bürgerkrieg schließlich von einem Bündnis mehrerer Rebellengruppen aus verschiedenen ethnischen Gruppen beendet wurde. Damals wurde den ethnischen Gruppen Anerkennung und Schutz ihrer eigenen Kultur und Identität zugesichert. Dies geschah im Rahmen der äthiopischen Übergangsverfassung, einer Reihe von Statuten, die nach dem Fall des kommunistischen Regimes 1991 verabschiedet wurden. Was anfangs politisch sinnvoll und richtig erschien, mündete darin, dass die Regierung unter einigen ethnischen Gruppen Ressentiments gegen Christen schürte. In Regionen wie Afar oder Somali (Ogaden) sind Islam und Stammeszugehörigkeit miteinander verbunden. Manche Stämme verlangen zudem, dass Christen sich an Stammeskämpfen beteiligen und rächen sich, falls sie dies nicht tun. Ein Experte für das Land fügt hinzu: „Obwohl die Bevölkerung mehrheitlich einer der beiden Hauptreligionen (Christentum oder Islam) angehört, werden in manchen Landesteilen noch immer traditionelle Religionen praktiziert. Von hier lebenden Menschen wird erwartet, sich an allen religiösen und kulturellen Riten der Gemeinschaft zu beteiligen. Wer dem nicht nachkommt, wird vertrieben. Doch auch unter Christen und Muslimen sind okkulte Praktiken weit verbreitet. So ist es etwa nicht unüblich, dass Neugeborene dem örtlichen Zauberer geweiht werden.“

5. Verfolger

Verfolger ausgehend von islamischer Unterdrückung

  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Muslimische religiöse Leiter stimmen stillschweigend oder ausdrücklich, etwa durch ihre Predigten, der Diskriminierung von Christen zu und rufen sogar zur Gewalt gegen Christen auf.
  • Die eigene (Groß-)Familie: Die Familien von Christen muslimischer Herkunft nehmen es nicht hin, dass ein Familienmitglied den Islam verlässt und den christlichen Glauben annimmt. Deshalb meiden sie Konvertiten, schikanieren und verleugnen sie.
  • Gewöhnliche Bürger: In einigen muslimisch dominierten Teilen des Landes lehnen normale Bürger den christlichen Glauben und jegliche Weitergabe des Evangeliums ab, besonders aber den Glaubenswechsel zum christlichen Glauben.

Ausgehend von konfessionellem Protektionismus

  • Leiter anderer Kirchen: Die wichtigsten Verfolger sind Priester und ultrakonservative Gruppen innerhalb der ÄOK, die auch Familien und gewöhnliche Bürger beeinflussen. In Bezug auf die Rolle von Kirchenleitern der ÄOK und deren Mitgliedern berichtet ein Länderexperte: „Die religiöse Zusammensetzung des Landes erfährt aufgrund des rapiden Wachstums neuer christlicher Glaubensrichtungen, besonders der protestantischen Gemeinden, einen deutlichen Wandel. Dieses starke Wachstum wird von den Leitern und Anhängern der Orthodoxen Kirche nicht gutgeheißen. Widerstand gegen diese neuen Formen des christlichen Glaubens zeigt sich auf verschiedenen Ebenen durch die Reaktionen sowohl von Leitern als auch von Mitgliedern der ÄOK. Die Vereinigung mit dem Namen ‚Mahibere Kidusan‘ veröffentlicht seit Jahren Brandschriften und abfällige Artikel gegen protestantische Christen. In der Hauptstadt und in anderen wichtigen Städten und Gebieten wie im Süden und Südwesten des Landes, wo die neuen Formen der christlichen Kirchen gefestigter werden, hat sich die Situation gebessert.“
  • Gewöhnliche Bürger: Auch gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger haben sich an der Verfolgung anderer kirchlicher Gruppen, insbesondere protestantischer Kirchen, beteiligt. Ein Experte für das Land fasst zusammen: „Trotz des Anspruchs auf ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Religionen im Land sprechen die Fakten vor Ort eine andere Sprache. Aus einer Reihe von Gründen, unter anderem – aber nicht nur – wegen der Lehren von religiösen Leitern und der mangelnden Auseinandersetzung mit religiöser Vielfalt, ist es sehr üblich, dass sich Privatpersonen an Gewalt gegen Christen beteiligen. Angriffe von Teenagern auf protestantische Kirchen; die Weigerung, Gebäude zur Nutzung als Kirche zu vermieten; die Misshandlung von Christen, die versuchten, das Evangelium an öffentlichen Orten zu predigen (sowohl verbale als auch körperliche Misshandlungen) und viele andere Formen der Verfolgung werden von Einzelpersonen und Mobs verübt.“
  • Die eigene Familie: Familienmitglieder, die konvertieren oder vom orthodoxen zum evangelischen Glauben übertreten, werden von anderen Familienmitgliedern unter Hausarrest gestellt, gemieden, verleugnet und vom Erbe ausgeschlossen.

Ausgehend von diktatorischer Paranoia

  • Regierungsbeamte: Das Ausmaß der Verletzungen der Religionsfreiheit variiert stark von Region zu Region. Besonders Beamte der mittleren und niedrigeren Ebenen gehen aktiv gegen die sogenannten neuen Formen des christlichen Glaubens vor. Örtliche Amtsträger haben besonders viel Einfluss auf Alltagsaktivitäten und sind somit für die meisten Verletzungen der Rechte von Christen verantwortlich. Dazu gehört unter anderem auch das Verweigern von Genehmigungen für Gottesdienste und andere christliche Treffen.

Ausgehend von ethnisch-religiöser Feindseligkeit

  • Anführer ethnischer Gruppen: Die Verfolgung geht hier von den Anführern der Gemeinschaften aus. Diese Triebkraft der Verfolgung entfaltet ihre Wirkung vor allem in abgelegenen Gebieten und verbindet sich in einigen Gegenden mit der islamischen Unterdrückung – einige Verfolger lassen sich daher beiden Triebkräften zuordnen. So ist in der Afar- oder Somali-Region beispielsweise der islamische Glaube Voraussetzung, um der Gemeinschaft anzugehören. Ein Experte für das Land stellte fest: „Dies ist vor allem in relativ abgelegenen Teilen des Landes der Fall, wo die Anführer ethnischer Gruppen großen Einfluss haben. In einigen mehrheitlich muslimischen Gebieten gibt es Fälle, in denen die Anführer der ethnischen Gruppen aktiv für die Verfolgung der Christen in dem Gebiet eintreten. Dies führte in solchen Gebieten zu Vertreibungen, sowie Verletzungen und Ermordungen von Christen. Die Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in verschiedenen Teilen des Landes haben negative Auswirkungen auf das Leben von Christen, die allein aufgrund ihres ethnischen und religiösen Hintergrunds von Angriffen bedroht sind. Es ist nicht abzusehen, dass sich daran bald etwas ändern wird.“

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Die geografische Verteilung der Verfolgung von Christen in Äthiopien hängt davon ab, welche Triebkräfte der Verfolgung jeweils vorherrschen. So liegt der Brennpunkt der Verfolgung als Folge von konfessionellem Protektionismus in der Region Amhara, in Tigray und in einigen Teilen von Oromia. Islamische Unterdrückung ist in einigen Teilen des Ostens und Westens von Oromia sehr ausgeprägt, wie auch in Afar und Somali. Gurage, Silte und Alaba sind ebenfalls Gegenden, die von der schwersten Verfolgung betroffen sind.

7. Betroffene Christen

Alle Christen, die in Äthiopien leben, sind von Verfolgung betroffen. Doch das Ausmaß der Verfolgung und ihre Quellen variieren von Gruppe zu Gruppe.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Sie werden nicht unfreiwillig isoliert und werden daher bei den Analysen zum Weltverfolgungsindex nicht als separate Kategorie betrachtet.

Christen aus traditionellen Kirchen

Die ÄOK ist ein typisches Beispiel für diese Kategorie und ist überall im Land stark präsent. Sie ist einer der Faktoren, die zur Komplexität der Verfolgungsdynamik in Äthiopien beitragen; einerseits wird die ÄOK selbst verfolgt, andererseits spielt sie aber auch eine zentrale Rolle als Verfolger. Orthodoxe Christen werden vor allem von der Regierung und extremistischen Muslimen verfolgt. Auch in Gebieten, in denen das Stammessystem dominiert, herrscht Druck auf die ÄOK. Orthodoxe Christen leben vor allem in Nord- und Zentraläthiopien. Auch Christen, die in muslimisch dominierten Regionalstaaten (Harrari, Somalia, Afar) sowie in lokalen Gemeinschaften (beispielsweise unter den Silte) leben, haben mit Problemen zu kämpfen, wenn es darum geht, ihren christlichen Glauben zu leben.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Dazu gehören 1) Christen muslimischer Herkunft, 2) Christen, die sich von einer christlichen Konfession ab- und einer anderen zugewandt haben und 3) Menschen, die früher einer Stammesreligion angehörten und jetzt Jesus Christus nachfolgen. Diese Christen sind unterschiedlichen Triebkräften der Verfolgung ausgesetzt. In muslimisch dominierten Gebieten erleben ehemalige Muslime Druck und Gewalt besonders von Familie, Großfamilie, Leitern der örtlichen Gemeinschaft und nichtchristlichen religiösen Leitern. In Gebieten, die stark von der ÄOK geprägt sind, geht die Verfolgung hauptsächlich von den Anhängern der ÄOK aus. Christen anderer religiöser Herkunft erfahren auch Verfolgung durch die Regierung, und zwar in allen Teilen des Landes. In Gebieten, in denen es verstärkt zu ethnisch-religiöser Feindseligkeit kommt, droht christlichen Konvertiten Verfolgung vonseiten der Anhänger traditioneller Glaubenssysteme; hinzu kommen Muslime, die versuchen, Konvertiten zur Teilnahme an verschiedenen religiösen Aktivitäten zu zwingen.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Zu dieser Kategorie gehören die in Äthiopien stark vertretenen baptistischen, evangelikalen und Pfingstgemeinden. Solche Gemeinden sind starker Verfolgung ausgesetzt, vor allem durch die Regierung, die ÄOK und islamische Gruppen. Im Vergleich zu den anderen Kategorien von Christen wachsen diese Gemeinden sehr schnell. Ein Experte für das Land stellt fest: „Viele Gebiete des südlichen Äthiopiens sowie Teile von Oromia werden von Evangelikalen/Protestanten dominiert. Als die Mehrheit in diesen Gemeinschaften sind sie keiner (starken) Verfolgung ausgesetzt. Aber Protestanten, die in Landesteilen leben, die vor allem von Muslimen und orthodoxen Christen bewohnt werden, haben mit verschiedenen Formen der Verfolgung zu kämpfen.“ Diese christlichen Denominationen werden von vielen als Bedrohung angesehen, da ihre Zahl und ihr Einfluss ständig wachsen. Infolgedessen erleben sie Druck und Gewalt von vielen verschiedenen Seiten.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

 

Privatleben 9.9
Familienleben 8.5
Gesellschaftliches Leben 10.7
Leben im Staat 10.3
Kirchliches Leben 10.8
Auftreten von Gewalt 14.4

 

Grafik: Verfolgungsmuster Äthiopien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen in Äthiopien ist mit 10,0 Punkten auf einem hohen Niveau und nur leicht unter dem im vergangenen Jahr, als das Land 10,2 Punkte erreichte.
  • Mit Ausnahme des Familienlebens und Privatlebens gibt es keinen Lebensbereich, in dem der Druck auf Christen bei weniger als 10 Punkten lag. Das zeigt, dass äthiopische Christen starke Verletzungen ihrer Religionsfreiheit erleben – obwohl Äthiopien ein mehrheitlich christliches Land ist.
  • Der Wert für Gewalt gegen Christen stieg auf ein extremes Niveau an und erreichte 14,4 Punkte. Das ist darauf zurückzuführen, dass Christen aufgrund ihres Glaubens getötet und Kirchen zerstört wurden.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Christliche Konvertiten erfahren den stärksten Druck für ihren Glauben, angefangen in ihrem Elternhaus. Familienmitglieder und das soziale Umfeld sehen den Glaubenswechsel oft als Verrat am traditionellen Glauben oder an den Vorfahren. Der traditionelle und familienorientierte Charakter des Landes spielt eine wichtige Rolle, wenn man verstehen will, warum ein solcher Glaubenswechsel zutiefst abgelehnt wird. Wenn es um die Anhänger der ältesten Religionen der Nation geht, sind Religion und Kultur infolge der jahrtausendealten Praxis sehr stark miteinander verflochten. In einigen Fällen ist es sehr schwierig zu unterscheiden, was was ist. Gibt jemand seine Religion auf und wendet sich einer anderen Religion zu, sieht er sich daher einem immensen Druck vonseiten seiner Kernfamilie ausgesetzt. Der Glaubenswechsel wird als Ablehnung der eigenen Identität und der Verbindung mit den Vorfahren angesehen. Auch die Familienmitglieder wollen ihren Ruf innerhalb ihres sozialen Umfelds schützen und nicht als Familie eines Abtrünnigen bezeichnet werden.

Dies beschreibt nur die normale Reaktion von Familienmitgliedern. Außerhalb ihres Familienverbandes wird es für Konvertiten oft dramatischer, wenn sie mit den Reaktionen der Anhänger der Religion konfrontiert werden, von der sie sich losgesagt haben. Es gibt viele Faktoren, die die Schwere der Verfolgung von christlichen Konvertiten bestimmen: Der erste ist die Frage, ob es sich um ein städtisches oder ländliches Gebiet handelt. In den wenigen (relativ) großen Städten zieht der Wechsel von einer christlichen Konfession zur anderen weniger gravierende Folgen nach sich; häufig gibt es nur Widerstand von einigen Familienmitgliedern. Doch in ländlichen Gebieten ist die soziale Bindung so stark, dass ein Konfessionswechsel sehr wahrscheinlich große Empörung und unverhohlene Feindseligkeit auslöst. Die Situation unterscheidet sich zudem je nach Region. Der Norden Äthiopiens beispielsweise ist die Hochburg der ÄOK. Wenn dort jemand von der orthodoxen Konfession zu einer protestantischen übertritt, wird diese Person oft vom gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt oder gar gezwungen, die Ortsgemeinschaft ganz zu verlassen. Wo aber der Protestantismus die Norm ist, wie in einigen Gegenden in Südäthiopien und in Teilen von Oromia, müssen Konvertiten keine Verfolgung in diesem Ausmaß befürchten.

War es gefährlich, privat christliche Materialien zu besitzen oder aufzubewahren?

Für Menschen, die die ÄOK oder den Islam verlassen haben, ist der Besitz von christlichem Material besonders gefährlich, da sie oft bei ihren Familien oder innerhalb ihres sozialen Umfeldes leben. Wenn solches Material entdeckt wird, werden Christen in einigen Fällen angegriffen und auf Schwierigkeiten stoßen, wenn sie zum Beispiel versuchen, ein Haus zu mieten. Ein Experte für das Land fügt hinzu: „Es gibt keine gesetzliche Beschränkung für Christen, christliche Materialien privat zu besitzen. Es gibt jedoch Vorfälle, bei denen Christen angegriffen wurden, weil sie ‚Versionen‘ der Bibel besaßen, die gemäß der Lehre der christlichen Mehrheitskirche unzulässig sind oder weil bei ihnen Kopien von modernen christlichen Liedern gefunden wurden.“

War es für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder Facebook etc.)?

Seinen Glauben schriftlich zu offenbaren, führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Problemen, insbesondere im Zeitalter der sozialen Medien. Ein Experte für das Land erklärt: „Cyber-Mobbing gegen Christen, die sich über ihren Glauben äußern, nimmt zu. Die wachsende Zahl der Internetnutzer hat zur Verbreitung der christlichen Lehre beigetragen. Sie hat allerdings auch dazu geführt, dass die Fälle sich häufen, in denen Christen, die religiöse Inhalte einstellen, anonym beschimpft werden.“

War es für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen?

Das Zeigen von christlichen Symbolen (wie beispielsweise einem Kreuz) kann von einigen als Provokation angesehen werden. In Gebieten mit mehrheitlich christlicher Bevölkerung ist dies unproblematisch. Allerdings kann es in bestimmten abgelegenen, muslimisch dominierten Regionen gefährlich werden. In bestimmten Teilen des Landes ist kaum damit zu rechnen, dass die Regierung die christliche Minderheit schützt, und es kann sehr gefährlich sein, christliches Material zu zeigen. Abgesehen von anderen Formen von Angriffen auf Christen wurden schon Autos verbrannt, Windschutzscheiben zertrümmert und Fenster und Türen von Häusern zerbrochen und beschädigt – nur aufgrund der Tatsache, dass Christen christliche Symbole gezeigt oder getragen haben.

Familienleben

Sind Kinder von Christen wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert oder diskriminiert worden?

In muslimisch geprägten Gebieten sind die Kinder verpflichtet, islamische Schulen zu besuchen. Kinder aus christlichen Familien erleben wahrscheinlich Diskriminierung. In einigen Gegenden werden christliche Kinder oft ausgesondert und schikaniert, eingeschüchtert und manchmal angegriffen.

Sind Christen aus religiösen Gründen daran gehindert worden, eine christliche Hochzeit zu feiern?

Wenn ein Christ mit orthodoxem Hintergrund die ÄOK verlässt und sich einer protestantischen Gruppe (örtlich „Pentay“ genannt) anschließt, üben Familienmitglieder, Priester und fanatische Gruppen innerhalb der ÄOK Druck auf diese Person aus, damit sie zu ihrem früheren Glauben zurückkehrt. Manchmal wurden Menschen, die die orthodoxe Kirche verlassen hatten, um einer protestantischen Gemeinde beizutreten, gezwungen, sogenanntes „heiliges Wasser“ zu trinken, in der Annahme, dass der Konvertit von einem Dämon besessen sei.

Wurden Beerdigungen von Christen behindert oder unter Zwang anhand nichtchristlicher Riten durchgeführt?

Es ist für Christen, die nicht aus der ÄOK stammen, sowohl in muslimisch als auch in von der ÄOK dominierten Gebieten sehr schwierig, Bestattungsplätze zu erhalten. Es gibt Fälle, in denen Anhängern der so genannten „neuen Formen des Christentums“ die Bestattung ihrer Angehörigen auf christlich-orthodoxen Friedhöfen verweigert wurde, nur weil sie zu einer anderen Konfession gehörten.

Wurden Ehepartner von Konvertiten von Dritten unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen (gleichgültig ob erfolgreich oder nicht)?

Wenn ein Christ jemanden aus einer muslimischen Familie heiraten möchte, oder die Brautleute aus unterschiedlichen christlichen Konfessionen stammen und die Hochzeit in seiner/ihrer Kirche stattfinden soll, kann es zu Protesten durch die Familie des Partners kommen. Ein weiteres Problem ist das Vortragen nichtchristlicher Musik auf Hochzeiten: Da die meisten Protestanten in Äthiopien nichtchristliche Musik für Sünde halten, kann es auch in diesem Bereich zu Konflikten zwischen den Familienmitgliedern kommen.

Gesellschaftliches Leben

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Dieser Lebensbereich ist für Christen aufgrund von konfessionellem Protektionismus und islamischer Unterdrückung mit besonders schwerwiegenden Problemen behaftet. In einer sehr kommunal geprägten Gesellschaft wie Äthiopien spielen religiöse Unterschiede in vielerlei Hinsicht eine entscheidende Rolle. In von der ÄOK geprägten Regionen üben Familie, Ortsgemeinschaft und Kirchenleiter erheblichen Druck auf Anhänger protestantischer Freikirchen und auf Christen aus, die die ÄOK verlassen haben. Belästigung ist eine der geläufigsten Herausforderungen, mit der viele Christen zu kämpfen haben. Es ist zudem nicht neu, dass in abgelegenen Teilen des Landes, die mehrheitlich muslimisch geprägt sind (dazu zählen unter anderem Somali, Afar und Oromia), Christen, die einer Minderheit angehören, Diskriminierungen und Schikanen ausgesetzt sind.

Wurden Christen von ihren lokalen Gemeinschaften oder von privaten Gruppen überwacht (dazu gehören auch Meldungen an die Polizei, Beschattung, das Abhören von Telefonleitungen, das Lesen/Zensieren von E-Mails usw.)?

In einigen Gebieten werden Christen von Menschen in ihrem sozialen Umfeld überwacht, die manchmal sogar Kinder zur Überwachung in Kirchen und in die Privathäuser von Christen schicken. Besonders Protestanten haben damit zu kämpfen. Ein Experte für das Land erklärt: „Das Misstrauen gegenüber ‚neuen Formen des Christentums‘ ist immer noch weit verbreitet. Dieses Misstrauen führt oft dazu, dass das soziale Umfeld die Aktivitäten von christlichen Gemeinden und ihren Mitgliedern überwacht. Dazu gehört auch der Einsatz von verdeckten Beobachtern, die die Aktivitäten von Kirchen vor allem während der Gebetszeiten und Gottesdienste ausspionieren. Obwohl die Mittel der Überwachung nicht sehr komplex sind, gelingt es Mitgliedern und Anführern örtlicher Gemeinschaften immer wieder, christliche Gemeinden zu überwachen – besonders diejenigen, die als Neuankömmlinge betrachtet werden.“

Wurden Christen aus religiösen Gründen daran gehindert, am öffentlichen Leben, Foren usw. teilzunehmen?

Die Teilnahme an gemeinschaftlichen Ereignissen setzt mitunter informelle Anforderungen voraus. In mehrheitlich orthodoxen Gebieten sind evangelikale Christen und Christen aus Pfingstgemeinden mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. Sie dürfen nicht an gesellschaftlichen Ereignissen oder Zusammenkünften teilnehmen. Sie haben Probleme, Schulen für ihre Kinder zu finden, in denen sie vor Diskriminierung und Mobbing sicher sind. Es kann auch zu weiteren Behinderungen des Alltags kommen, etwa bei Marktbesuchen. Besonders während der großen Fastenzeit der ÄOK in den Wochen vor Ostern ist es in einigen Gebieten nahezu unmöglich, von den Fastenregeln ausgenommene Lebensmittel zu finden. In extremen Fällen bleibt Christen, die nicht der ÄOK angehören, nur die Möglichkeit, das Gebiet zu verlassen.

Waren Christen von Entführung und/oder Zwangsheirat bedroht?

Äthiopien ist ein Land, in dem Brautentführung und Zwangsverheiratung üblich sind. Dies gewinnt noch an Brisanz, wenn zusätzlich religiöse Fragen eine Rolle spielen. Ein Forscher über das Land berichtet: „Entführung und Zwangsheirat sind große Probleme im ganzen Land. Die Zwangsverheiratung von Kindern, die teilweise erst elf Jahre alt sind, war und ist in ländlichen Gebieten des Landes weit verbreitet.“ Das betrifft besonders Konvertiten mit orthodoxem christlichem Hintergrund und Christen muslimischer Herkunft.

Leben im Staat

Sind Christen bei der Zusammenarbeit mit den Behörden (Gemeindeverwaltung, Regierung, Armee usw.) aus religiösen Gründen diskriminiert worden?

Die Diskriminierung durch Behörden ist offensichtlich, besonders auf lokaler Ebene. In den von der ÄOK dominierten Gebieten gibt es Belege für konfessionelle Diskriminierung, da nichtorthodoxe Christen oft an den Rand gedrängt werden. In mehrheitlich muslimischen Regionen ist dies ebenfalls häufig der Fall. Ein Experte für das Land fügt hinzu: „Dies ist vor allem im Bereich der Kommunalverwaltungen der Fall, insbesondere in Regionen mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung. In solchen Gebieten gibt es eine Tendenz, muslimische Einwohner auf Kosten der Christen zu bevorzugen. Die ethnischen Spannungen, die in Äthiopien in letzter Zeit überhandgenommen haben, machen Christen in muslimisch dominierten Landesteilen wie der Somali-Region das Leben schwer.“

Sind christliche zivilgesellschaftliche Organisationen oder politische Parteien aufgrund ihrer christlichen Überzeugung in ihrer Arbeit behindert oder verboten worden?

Obwohl Premierminister Abiy Ahmed im November 2019 die Gründung der „Wohlstandspartei“ ankündigte, wurden seit vielen Jahren keine neuen politischen Parteien in Äthiopien gegründet. Die Gefahr einer christlichen Partei ist, dass sie unweigerlich sehr kontroversund spaltend wäre. Zivilgesellschaftliche christliche Organisationen stehen vor großen Herausforderungen, wenn sie in bestimmten Bereichen tätig werden wollen, da es sehr restriktive Gesetze gibt, die bereits viele Organisationen gezwungen haben, zu schließen. Nun gibt es jedoch einen Gesetzesentwurf, der die meisten Beschränkungen des aktuellen Gesetzes aufheben wird.

Wurden Christen daran gehindert, ihre Ansichten oder Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern?

Nationale Gesetze schränken die Einrichtung von Rundfunkstationen für religiöse Zwecke ein. Auch ein Verbot religiöser Aktivitäten (einschließlich des gemeinschaftlichen Gottesdienstes) innerhalb von Bildungseinrichtungen wurde eingeführt. Auch wenn es seit den Reformen der neuen Regierung Verbesserungen gegeben hat, stellt freie Meinungsäußerung immer noch eine Herausforderung dar. Ein Experte für das Land fügt hinzu: „Konvertiten und Anhänger christlicher Minderheitengruppen haben es besonders schwer, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Das trifft sowohl auf traditionell-christliche als auch auf muslimisch geprägte Teile des Landes zu. Verantwortlich für die Schikanen gegen Christen aufgrund solcher öffentlichen Meinungsäußerungen sind gewöhnliche Bürger, andere religiöse Gruppen und Strafverfolgungsbehörden.“ Angesichts des veränderten politischen Umfelds erwarten viele, dass alle christlichen Konfessionen (und andere Glaubensrichtungen) künftig dazu ermutigt werden, einander mehr Toleranz entgegenzubringen.

Sind Christen zum Gegenstand von Hetzkampagnen oder Hassreden geworden?

Dieses Problem ist in Äthiopien stark verbreitet. Ein Experte für das Land berichtet: „Dies ist gängige Praxis, vor allem unter religiösen Leitern. Es wurden Lehren und Videos von einigen muslimischen Predigern in Umlauf gebracht, die Hassreden gegen Christen halten. Auch unter Christen ist es üblich, dass Priester der ÄOK Verleumdungskampagnen gegen Pfingstler/Evangelikale durchführen, indem sie diese mit abfälligen Begriffen bezeichnen und sie als Menschen darstellen, die ihren Glauben nur vortäuschen, um ausländische Hilfe zu erhalten. Einige Pfingstprediger machen ebenfalls Aussagen gegen orthodoxe Christen und stellen sie als rückständig dar.“

Kirchliches Leben

Sind Pastoren, christliche Leiter oder deren Familienmitglieder wegen ihres Glaubens in besonderem Maß zum Ziel von Schikanen geworden?

Dies ist in Äthiopien sehr verbreitet, besonders in Gebieten, die von islamischer Unterdrückung und konfessionellem Protektionismus dominiert sind. Andere können ihren Glauben verbergen, aber Pastoren können dies aufgrund der Art ihrer Arbeit nicht. Pastoren und andere religiöse Leiter werden regelmäßig sowohl verbal in den sozialen Medien als auch körperlich von extremistischen Gruppen angegriffen. Leiter der ÄOK sind davon weniger stark betroffen.

Wurden kirchliche Aktivitäten überwacht, behindert, gestört oder blockiert?

In der Vergangenheit war die Regierung die Hauptakteurin bei der Überwachung der Aktivitäten von Kirchen. Seit dem Führungswechsel auf Bundesebene sind es vor allem die regionalen Regierungen, von denen solche Aktionen ausgehen. Die Überwachung und Behinderung erfolgt auch durch andere nichtstaatliche Akteure, darunter auch islamisch-extremistische Gruppen, andere Kirchen und Mobs. An einigen Orten wurden Kirchen während der Gottesdienste angegriffen und Eigentum zerstört.

War es für Kirchen oder christliche Organisationen riskant, sich verbal gegen Anstifter von Verfolgung zur Wehr zu setzen?

Wenn der Anstifter der Verfolgung die Regierung ist oder jemand, der eine starke Verbindung zur Regierung hat, ist es sehr riskant, sich gegen diese Person auszusprechen. Auch in muslimischen Mehrheitsgebieten ist es riskant, sich gegen Anstifter von Verfolgung zu äußern; daher sehen viele Gemeindeleiter davon ab.

Wurden Kirchen daran gehindert, christliche Aktivitäten außerhalb der Kirchengebäude zu organisieren?

Für einige Gruppen von Pfingstlern und Evangelikalen sind die Aktivitäten außerhalb der Kirchengebäude eingeschränkt. Darüber hinaus ist es in muslimisch dominierten Gebieten wahrscheinlich, dass Christen muslimischer Herkunft ihren Glauben verbergen und Aktivitäten außerhalb ihrer Kirche aus Angst vor Angriffen vermeiden. Ein Experte für das Land fügt hinzu: „In Gegenden, in denen Christen (besonders Pfingstler) in der Minderheit sind, werden die jeweiligen Leiter als Hauptverantwortliche für das ‚Verderben‘ gesellschaftlicher Werte angesehen und oft noch stärker verfolgt als die Konvertiten selbst. Die Mitglieder des sozialen Umfelds greifen zu verschiedenen Mitteln, um solche Leiter dazu zu bringen das Gebiet zu verlassen, bevor mehr Schaden angerichtet wird. Sie müssen oft im Verborgenen leben.“ Die neue Regierung unter der Führung von Dr. Abiy Ahmed versucht, einige der Einschränkungen aufzuheben, die von der vorherigen Regierung auferlegt wurden.

Auftreten von Gewalt

Für den Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2021 gilt Folgendes:

  • Getötete Christen: In Äthiopien wurden im November 2019 und im Juni/Juli 2020 viele Christen getötet. Da die Morde sowohl ethnische als auch religiöse Elemente haben, war es eine schwierige Aufgabe, zu identifizieren, wer wegen seines Glaubens und wer wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit getötet wurde. Es ist sicher, dass mindestens zehn Menschen getötet wurden, weil sie Christen waren.
  • Verhaftungen von Christen: Die örtlichen Behörden nahmen mindestens zehn Christen fest.
  • Angriffe auf Kirchen: Mindestens 100 Kirchen wurden angegriffen oder zerstört. So berichtete der Addis Standard am 21. Dezember 2019, dass Unbekannte die orthodoxe Kirche Saint George in der Stadt Motta im Osten Gojams in Brand setzten. Orthodoxe Christen übten Vergeltung, indem sie Moscheen und muslimisches Eigentum in der Gegend in Brand setzten. Am 10. März 2020 wurde in der Stadt Enewai im Bundesstaat Amhara die Full Gospel Church in Brand gesetzt und christliche medizinische Helfer wurden von einem wütenden Mob angegriffen. Das christliche medizinische Personal versorgte die Bevölkerung kostenlos, als der Vorwurf aufkam, sie seien in Evangelisation verwickelt.
  • Angriffe auf Häuser und Geschäfte von Christen: Mindestens 200 Häuser/Geschäfte von Christen wurden zerstört. Die meisten Christen waren gezwungen, in Kirchen Schutz zu suchen.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Es gibt einige wenige religiöse Minderheiten im Land. Auch sie betrifft die Gesetzgebung bezüglich des Rundfunks, der Rolle des Glaubens in der Bildung und dem Gesetz der Zivilgesellschaft. Im Allgemeinen verlangen die Regelungen zur Zivilgesellschaft einen Antrag auf Registrierung von jeder religiösen Gruppe mit Ausnahme orthodoxer, katholischer, muslimischer und jüdischer Gemeinschaften. Darüber hinaus sieht das Registrierungsgesetz eine Mindestzahl von 50 Personen für die Registrierung als Religionsgemeinschaft vor und mindestens 15 Personen für die Registrierung eines Dienstes oder Vereins. Dies hat starke Auswirkungen auf neuere religiöse Minderheiten: Mormonen und Zeugen Jehovas ringen in einigen Gegenden, in denen ihre Zahl unter 50 bleibt, um einen eigenen Versammlungsort. Dies gilt insbesondere dort, wo Mehrheitsgruppen dafür bekannt sind, religiösen Minderheiten gegenüber feindselig zu sein. Das ist der Grund, warum die im August 2011 veröffentlichte Studie des „Pew Forums“ Äthiopien in die Kategorie der Länder mit einem hohen Indexwert für soziale Feindseligkeit einordnete: Äthiopien erreichte dort eine Wertung von 4,2 und 4,1 für die Zeiträume bis Mitte 2008 beziehungsweise Mitte 2009.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Äthiopien:

  • Beten Sie um Einheit unter den Christen aus den verschiedenen Konfessionen in Äthiopien.
  • Beten Sie für Christen, die in Gebieten leben, in denen islamische Extremisten aktiv sind. Beten Sie um Schutz, und dass sie nicht unterdrückt werden.
  • Beten Sie um Schutz für christliche Konvertiten, die von den Angehörigen ihrer früheren Religion unter Druck gesetzt werden.