Länderprofil Jordanien

Jordanien

39
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Jordanien
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Konstitutionelle Monarchie
Platz Vorjahr
38
Karte Jordanien
Christen
0,18
Bevölkerung
10.32
Islamische Unterdrückung
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Privatleben: 12.900
Familienleben: 14.000
Gesellschaftliches Leben: 11.000
Leben im Staat: 12.300
Kirchliches Leben: 12.500
Auftreten von Gewalt: 3.000

Länderprofil Jordanien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 39 / 66 Punkte (WVI 2021: Platz 38 / 64 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Der überwiegende Teil der Christen gehört der Orthodoxen Kirche oder der Römisch-Katholischen Kirche an. Insgesamt haben Christen ein relativ hohes Maß an Religionsfreiheit. Sie werden jedoch in Anstellungsverhältnissen diskriminiert, ihre Aktivitäten werden überwacht und Predigten im öffentlichen Raum eingeschränkt. Wenn ein Christ muslimischer Herkunft offen seinen Glauben bekennt, kann er deshalb geschlagen, verhaftet und getötet werden.

Nichtanerkannte Kirchen werden unter Umständen von den Behörden schikaniert, insbesondere solche Kirchen, die aktiv das Evangelium weitergeben. Obwohl sich Jordanien gerne als Musterbeispiel für Toleranz und interreligiösen Dialog präsentiert, sind extremistische Sunniten und Dschihadisten, die aus Syrien und dem Irak zurückkehren, weiterhin eine Bedrohung für die christliche Gemeinschaft. In Jordanien gibt es überproportional viele salafistische Muslime, die eine potenzielle Gefahr für die im Land lebenden Christen und generell andersgläubige Gruppen darstellen.

Länderprofil als PDF

Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Der Demokratieindex 2020, der von der „Economist Intelligence Unit“ herausgegeben wird, stuft Jordanien als autoritäres Regime ein. König Abdullah II. und seine Familie können als Machthaber Regierungen ernennen, Gesetze verabschieden und das Parlament auflösen. „Middle East Concern“ schreibt: „Der Islam ist in der jordanischen Verfassung als Staatsreligion verankert. Gleichzeitig bekennt sich die Verfassung zum Grundsatz der Nichtdiskriminierung – auch in Bezug auf die Religion – und erklärt, dass die freie Ausführung von Gottesdiensten und religiösen Bräuchen zu gewährleisten ist, sofern diese mit der öffentlichen Ordnung und der Moral vereinbar sind. Nach geltendem islamischem Recht ist es Muslimen faktisch untersagt, ihre Religion zu wechseln. Frauen, die als Muslime registriert sind, dürfen keine Nichtmuslime heiraten.“

Obwohl die Sicherheitslage in Jordanien insgesamt stabil ist, gab es zwischen 2016 und 2019 vier islamistische Anschläge. Menschenrechtsaktivisten haben den jordanischen Machthabern vorgeworfen, die Bedrohung durch den Terrorismus zu nutzen, um die Rechte der Bürger und des Parlaments einzuschränken.

Jordanien beherbergt eine große Zahl von Geflüchteten, vor allem aus dem Irak und Syrien, unter denen sich auch tausende Christen befinden. Es gibt vermehrt Spannungen zwischen gemäßigten und extremistischen islamischen Kräften in der jordanischen Gesellschaft.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

180.000

1,7

Muslime

9.816.568

95,1

Bahai

23.984

0,2

Atheisten

48.864

0,5

Agnostiker

246.807

2,4

Andere

4.777

0,0

2. Gibt es regionale Unterschiede?

Christen in Jordanien machen landesweit die gleichen Erfahrungen, obwohl in ländlichen Gebieten die Kontrolle durch das soziale Umfeld wohl größer ist. Ferner ist der Süden des Landes für einen eher konservativ geprägten Islam bekannt.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung

Konvertiten muslimischer Herkunft stehen unter dem größten Druck. Von ihren Familien und ihrem sozialen Umfeld werden sie sogar mit Gewalt bedroht. Dieselbe Bedrohung geht auch von religiösen und ethnischen Anführern aus. Alle Christen können von der Regierung überwacht werden. Außerdem geraten sie durch Jordanier, die durch die Ideologie des „Islamischen Staates“ (IS) radikalisiert wurden, in Gefahr. Die Regierung hat der Gesellschaft islamische Werte und Gesetze aufgezwungen, obwohl sie nach wie vor für Toleranz und eine friedliche Koexistenz mit anderen Religionen eintritt.

Unterdrückung durch den Clan oder Stamm

Von dieser Art der Unterdrückung sind vor allem Christen muslimischer Herkunft betroffen. Die Gesellschaft Jordaniens ist wesentlich von Stammesstrukturen geprägt. Diese sind vor allem außerhalb der Großstädte zu finden und in den jordanischen Nationalismus eingeprägt. Nach der massenhaften Zuwanderung von Palästinensern nach dem Israel-Krieg 1967 unterteilte sich die Gesellschaft in eigentliche Jordanier („Eastbanker“), die aus der Region östlich des Jordan stammen, und palästinensische Jordanier („Westbanker“), die ihre Wurzeln westlich des Jordan haben. Die Eastbanker sind sozial, politisch und wirtschaftlich bessergestellt.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Christen aus traditionellen Kirchen

Die größte Gruppe von Christen stellen die orthodoxen und römisch-katholischen Christen. Insgesamt verfügen sie über ein relativ hohes Maß an Religionsfreiheit, können aber auch diskriminiert werden, zum Beispiel in Anstellungsverhältnissen.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Christen muslimischer Herkunft erleiden aufgrund ihres Glaubens die meisten Übergriffe. Wenn der neue christliche Glaube eines Konvertiten aufgedeckt wird, unterdrücken ihn oder sie die Familie, Gemeinde, Regierungsvertreter, nichtchristliche religiöse Leiter und gewalttätige religiöse Gruppen – Konvertiten müssen also auch mit Gewalt rechnen. Kinder von zum christlichen Glauben konvertierten Eltern sind zusätzlich gefährdet. Sofern diese Kinder als Muslime registriert sind, wird von ihnen erwartet, dass sie außerhalb ihres Elternhauses ein muslimisches Leben führen und unter anderem am Islamunterricht teilnehmen.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Nach den christlichen Konvertiten sehen sich vor allem Christen aus evangelikalen, baptistischen und pfingstkirchlichen Gruppen mit Widerständen konfrontiert. Das trifft besonders auf Christen zu, die aktiv das Evangelium weitergeben. Sie stehen unter besonderer Beobachtung des Geheimdienstes, und Berichten zufolge haben sie unter dem Druck der Regierung und Einstellungssperren zu leiden. Die meisten Christen aus protestantischen Freikirchen sind nicht als Kirchen, sondern nur als Vereine anerkannt. Versuche, einen gleichwertigen Status wie andere kirchliche Denominationen zu erlangen, wurden stets abgelehnt.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.9
Familienleben 14
Gesellschaftliches Leben 11
Leben im Staat 12.3
Kirchliches Leben 12.5
Auftreten von Gewalt 3

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

Den Islam zu verlassen, wird zwar nicht kriminalisiert, ist aber auch nicht erlaubt. Wenn der Glaube christlicher Konvertiten aufgedeckt wird, können sie vor ein Scharia-Gericht gestellt werden, das sie für „religionslos“ erklärt würden – mit der Folge, dass alle ihre bestehenden Verträge aufgelöst würden, auch das eheliche Bündnis. Christliche Konvertiten werden oftmals gezielt überwacht und können auch von der Geheimpolizei schikaniert werden, an der Beschäftigung im öffentlichen Sektor gehindert und von ihrem Umfeld verstoßen werden. Frauen müssen besonders häufig mit Hausarrest, Zwangsverheiratungen und anderen Maßnahmen zur Wiederherstellung der „Familienehre“ rechnen. Wenn Christen mit Muslimen über ihren Glauben sprechen, kann dies leicht als Versuch der Evangelisierung (die in Jordanien verboten ist) und als Bedrohung der nationalen Sicherheit verstanden werden.

Familienleben

Kinder von Eltern, die christliche Konvertiten mit muslimischem Hintergrund sind, oder Kinder mit einer christlichen Mutter und einem muslimischen Vater werden automatisch als Muslime registriert. Eine Änderung dieses Status ist nicht möglich. Somit sind diese Kinder verpflichtet, am Islamunterricht in der Schule teilzunehmen. Im Falle einer Scheidung verliert nach islamischem Recht der Elternteil, der den Islam verlassen hat, das Sorgerecht der Kinder.

Gesellschaftliches Leben

Besonders intensiv ist die Überwachung (einschließlich der Telefonanrufe und Nutzung sozialer Medien) in Bezug auf christliche Konvertiten, deren Hinwendung zum christlichen Glauben bekannt ist oder bei Personen, die aktiv das Evangelium weitergeben. Es wird von Fällen berichtet, in denen Christen aufgrund ihres Glaubenswechsels mehrfach ihren Arbeitsplatz verloren haben oder ihnen eine Anstellung verwehrt wurde. Bei Beförderungen in der Regierung oder den Streitkräften werden Muslime bevorzugt, obwohl im Parlament neun Sitze für Christen vorgesehen sind und Christen regelmäßig in Ministerämter berufen werden. Da die meisten jordanischen Frauen den Hidschab tragen, fallen christliche Frauen in der Öffentlichkeit stärker auf und werden oft als unangemessen gekleidet angesehen. Das kann zu Belästigungen führen.

Leben im Staat

In der Verfassung Jordaniens ist der Islam als Staatsreligion und die Scharia als wichtigste Grundlage der Gesetzgebung verankert. Es ist illegal, sich offiziell vom Islam abzuwenden, um zu einer anderen Religion überzutreten. Auch jede nichtislamische Missionierung ist gesetzeswidrig. Dies verstößt gegen Artikel 18 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“. Es gibt keinen rechtlichen Mechanismus für einen Wechsel der offiziellen Religionszugehörigkeit vom Islam zu einer anderen (oder keiner) Religion. Grund dafür sind die Apostasiebestimmungen des islamischen Rechts. In Anbetracht der geltenden Gesetze zur Internetkriminalität und der bisherigen Verhaftungen durch die Regierung ist die Redefreiheit in Jordanien eingeschränkt. Christen sind sich der Notwendigkeit bewusst, gezielt kontroverse Äußerungen zu vermeiden, insbesondere solche, die Kritik am Islam, dem Königshaus oder dem Militär üben oder als Missionierung verstanden werden könnten. In Jordanien ist es eine Straftat, den Islam zu beleidigen.

Kirchliches Leben

Die Aktivitäten von Kirchen werden in gewissem Umfang routinemäßig überwacht, was vorgeblich dem Schutz der Kirchen dienen soll. Diese Überwachung könnte jedoch gegen die Kirchen verwendet werden, etwa wenn kontroverse Predigten oder Handlungen festgestellt oder Muslime bei der Teilnahme am Gottesdienst angetroffen werden. Der Verkauf von Bibeln und die Verteilung von christlichen Schriften ist nur an bestimmten Orten erlaubt, zum Beispiel in anerkannten Kirchengemeinden und in an sie angrenzenden kirchlichen Buchhandlungen, nicht aber auf gewöhnlichen Märkten oder in normalen Buchläden.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

Es können zwar keine detaillierteren Orts- und Zeitangaben gemacht werden, doch im Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2022

  • wurden mindestens zehn Christen festgenommen. Christliche Laien und Leiter, die sich an evangelistischen Einsätzen beteiligten, wurden regelmäßig zu Verhören vorgeladen. Wie lange dieser Vorgang jeweils dauerte, war im Voraus nicht bekannt; ein Verhör kann von 20 Minuten bis zu 12 Tagen dauern.
  • Frauen, die sich nicht wie eine Muslima kleiden (also keinen Hidschab tragen), werden häufig Opfer von Übergriffen; so wurden im Berichtszeitraum mindestens 100 Christinnen sexuell belästigt. Daher verzichten viele Christinnen vor allem nachts auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder Taxis.
  • Mehrere christliche Konvertiten wurden Berichten zufolge körperlich oder seelisch misshandelt, darunter der Christ Radwan Muhammad, der während seiner Inhaftierung gefoltert wurde.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

39

65,68

2021

38

64,38

2020

33

63,85

2019

31

64,56

2018

21

66,17

Der Anstieg um einen Punkt ist auf eine geringfügige proportionale Zunahme von Druck und auch von Gewalt zurückzuführen. Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2022 gab es weniger Akzeptanz für die öffentliche Bekundung des christlichen Glaubens, wie zum Beispiel die Darstellung von Bibelversen.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Christliche Konvertitinnen muslimischer Herkunft sind am stärksten von Verfolgung bedroht, wobei in der Regel die Familie den größten Druck ausübt. Frauen droht Hausarrest, Isolation, Schläge, sexuelle Belästigung, Zwangsverheiratung und in extremen Fällen sogar Mord, der die „Familienehre“ wiederherstellen soll. Konvertitinnen können offiziell keine männlichen Christen heiraten. Sie müssen außerdem damit rechnen, dass ihre Bewegungsfreiheit vom Staat und von den Familien eingeschränkt wird, um sie beispielsweise daran zu hindern, das Land zu verlassen. Das Personenstandsgesetz Jordaniens erleichtert Hausarrest und Zwangsehen, während das Apostasiegesetz zur Auflösung von Ehen und zum Entzug des Sorgerechts für Kinder berechtigt.

Männer: Alle Christen werden wirtschaftlich diskriminiert. Sie verlieren ihre Arbeitsstelle, werden in ihrer beruflichen Entwicklung behindert und finanziell ausgebeutet. Das bringt Familien in finanzielle Schwierigkeiten und führt zu Gefühlen der Wertlosigkeit für die Männer. Zusammen mit anderen Arten der Verfolgung kann dies Männer dazu veranlassen, auszuwandern. Durch das Eherecht ist ein rechtmäßiger Eheschluss zwischen einem christlichen Mann, der nicht konvertiert ist, und einer christlichen Konvertitin muslimischer Herkunft unmöglich. Weitere Schwierigkeiten ergeben sich aus der Kultur der Ehre und Schande, weshalb Familien christliche Männer aufgrund ihrer Glaubensentscheidung womöglich ausgrenzen und aus ihren Häusern vertreiben. Diese Männer sind auch durch Gewalt vonseiten der Großfamilien gefährdet. Der Staat setzt Männer mit Verhören durch die Geheimpolizei unter Druck, wovon insbesondere Gemeindeleiter betroffen sind.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Das System Jordaniens diskriminiert tendenziell alle nichtsunnitischen Glaubensgemeinschaften, so etwa Schiiten, Bahai, Drusen, Buddhisten, Hindus, irakische Mandäer und Zeugen Jehovas. Diese Gruppen haben alle keine offizielle Anerkennung. Es wird berichtet, dass es für einen Sunniten schwieriger ist, zum schiitischen Islam zu konvertieren als zum christlichen Glauben.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Jordanien:

  • Dass Christen mit muslimischem Hintergrund ausgerüstet, ermutigt und befähigt werden, stark zu bleiben und im Glauben zu wachsen.
  • Für mehr Gelegenheiten für Christen, anderen von Jesus zu erzählen.
  • Dass der Herr auch weiterhin neue Leiter für die jordanische Gemeinde beruft und befähigt.