Länderprofil Syrien

Syrien

11
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Syrien
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Arabische Republik
Platz Vorjahr
15
ISO
SY
Karte Syrien
Christen
0,81
Bevölkerung
18.28
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Diktatorische paranoia
Privatleben: 13.600
Familienleben: 14.000
Gesellschaftliches Leben: 13.100
Leben im Staat: 13.800
Kirchliches Leben: 14.200
Auftreten von Gewalt: 13.000

Länderprofil Syrien

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 11 / 82 Punkte (WVI 2018: Platz 15 / 76 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Islamische Unterdrückung: Militante islamistische Gruppen bleiben eine Bedrohung für Christen, besonders in Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden. In der zweiten Hälfte des Jahres 2018 umfassten diese Gebiete weniger als 25 % der Fläche Syriens. Doch selbst in Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden, stehen Christen muslimischer Herkunft in der Gefahr, aufgrund ihres Glaubens von ihrer Familie und dem sozialen Umfeld Ablehnung zu erleben.

Ethnisch begründete Anfeindungen: Besonders Christen mit muslimischem Hintergrund werden Stammeswerte wie Familienehre aufgezwungen. Dies geschieht vor allem in den kurdischen Gebieten im Norden und in der zentral gelegenen Wüstenregion. Wie in vielen Ländern des Nahen Ostens ist die Stammeskultur stark vom Islam geprägt.

Diktatorische Paranoia: Gegenwärtig ist diese Triebkraft in Syrien hauptsächlich bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile des Landes kontrollieren und entschlossen sind, mit allen Mitteln ihre Macht zu erhalten.

Organisiertes Verbrechen und Korruption: Diese Triebkraft ist in Syrien im Kontext des Bürgerkrieges zu sehen, mit dem Anarchie und Straffreiheit einhergehen. Korruption ist weit verbreitet und betrifft sogar den Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe. Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften werden als Geiseln genommen. Für die Entführung von Christen gibt es finanzielle, aber auch politische und ideologische Motive.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Militante islamistische Gruppen stellen eine Gefahr für alle Christen dar. Die stärkste Verfolgung für Konvertiten vom Islam zum christlichen Glauben geht von der (Groß‑) Familie aus. Regierung und Behörden schränken die Aktivitäten von evangelikalen Christen und von Christen muslimischer Herkunft ein, um jegliche Unruhe zu unterbinden, die aus ihrer Sicht durch sie entsteht. Christen dieser Gruppen werden zum Teil verhört und überwacht. Die Initiative dazu geht manchmal von der Familie des Konvertiten oder sogar von traditionellen Kirchen aus. Es gibt Hassreden gegen Christen durch islamische Leiter. In von der Regierung kontrollierten Gebieten sind diese jedoch verboten. Muslimische geistliche Leiter setzen Christen muslimischer Herkunft direkt oder indirekt (durch deren Familien oder durch die Sicherheitskräfte) unter Druck.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Als Personen des öffentlichen Lebens stehen besonders Leiter der traditionellen Kirchen in Gefahr, entführt zu werden. Doch auch Gemeinden von Baptisten, Evangelikalen und Pfingstlern sind in dieser Hinsicht verwundbar. Sie sind bekannt für ihre Nähe zum Westen und verfügen oft nur über eine lose Organisation und keine starke Leiterschaft. Zudem haben sie keinen prominenten Fürsprecher im Ausland (wie etwa einen Papst oder Bischof), der öffentlich für sie eintreten kann.

In den von islamisch-extremistischen Gruppen kontrollierten Gebieten sind die meisten historischen Kirchengebäude entweder zerstört oder zu Islamzentren umfunktioniert. Der christliche Glaube darf nicht öffentlich Ausdruck finden. Kirchen und Klöster dürfen nicht repariert oder wiederaufgebaut werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Kollateral- oder absichtlich herbeigeführten Schaden handelt. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gibt es wegen des Krieges wenig Überwachung von Christen. Wofür Denominationen, Kirchengemeinden und lokale Gemeindeleiter jeweils politisch stehen, hat großen Einfluss auf das Maß an Verfolgung und Unterdrückung, die sie von den Gruppen erfahren, die gegen Präsident Assad kämpfen. Christen muslimischer Herkunft werden von ihren Familien besonders unter Druck gesetzt, da ihr Abfall vom Islam eine große Schande über die Familie bringt. Dies gilt besonders in mehrheitlich von Sunniten bewohnten Regionen, wo ihnen die Verstoßung durch ihre Familien oder Schlimmeres droht. In den Kurdengebieten ist der von der Familie ausgehende Druck weniger intensiv, da die kurdischen Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind. Im Regierungsbezirk Nord-Aleppo gibt es sogar anerkannte kurdische christliche Gemeinden.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

Zunächst muss festgehalten werden, dass in den chaotischen Umständen des Krieges oft nicht klar ersichtlich ist, ob Handlungen gegen Christen religiös motiviert sind oder nicht. Die Motive der Akteure sind häufig gemischt. Deswegen werden hier nur Fälle von Gewalt gegen Christen aufgeführt, von denen die Gemeinden vor Ort der Überzeugung sind, dass sie sich spezifisch gegen Christen richteten. Vorfälle, bei denen Christen oder der Besitz von Christen bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Rebellen zu Schaden kamen, werden nicht einbezogen, da man diese Vorfälle als „Kollateralschäden“ ansehen könnte. Eine Ausnahme stellen Fälle dar, in die dschihadistische Kämpfer von mit dem „Islamischen Staat“ (IS) oder „Al Kaida“ verbundenen Gruppen wie „Hai'at Tahrir asch-Sham“ (HTS) involviert waren, beispielsweise Angriffe auf mehrheitlich christliche Dörfer, auch an vorderster Front.

  • 7. September 2018: Zwölf Einwohner, darunter sechs Kinder, wurden in Mardeh, einem christlichen Dorf im Nordosten Syriens, bei einem Bombenangriff getötet. Zwanzig weitere wurden bei diesem Angriff verletzt, der Berichten zufolge von einer Oppositionsgruppe, die Al Kaida nahesteht, und der „Freien Syrischen Armee“ verübt wurde.
  • Januar bis März 2018: Etwa 150 christliche kurdische Familien muslimischer Herkunft (insgesamt etwa 450 Personen) flohen während der türkischen Offensive gegen die „Volksverteidigungseinheiten“ der Kurden aus Afrin, weil sie befürchteten, von militanten islamischen Gruppen gefangengenommen zu werden. Sie sind in den Flüchtlingslagern um Afrin und Aleppo verstreut.
  • Juni 2018: Die Freie Syrische Armee beschlagnahmte die „Alliance Church“ in Afrin am 1. Juni 2018, um sie als Basis zu nutzen. Ebenfalls in Afrin setzten islamische Extremisten die „Good Shepherd Church“ in Brand und schmierten dschihadistische Parolen an die Wände. Aufgrund des Mangels an Priestern blieben alle Kirche in Afrin geschlossen. Eine Hauskirche für Christen muslimischer Herkunft wurde geschlossen. Aus Sicherheitsgründen können keine weiteren Details veröffentlicht werden.
  • Laut dem Bericht der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit von 2018 werden noch immer 25 Christen vom IS gefangen gehalten, zwei weitere christliche Leiter wurden entführt. In einem weiteren Fall wurden neun christliche Jugendliche im Norden Syriens von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten, dem syrischen Ableger der PKK, entführt, damit sie auf ihrer Seite gegen die türkischen Streitkräfte kämpfen konnten.
  • Die HTS zwang Christen in der Provinz Idlib dazu, ihr Ackerland zurückzulassen, womit sie sie zumindest teilweise ihres Einkommens beraubte. Etwa 150 ältere Menschen kamen zurück, um zumindest für einen kleinen Teil der Ernte bezahlt zu werden. Sie erhielten gerade genug für sich selbst, doch der Rest wurde ihnen genommen. Andere wagten es nicht, zurückzukehren. Im Oktober 2018 beanspruchte die HTS alle leeren Häuser in Idlib für sich selbst. Laut der arabischen Zeitung „Asharq al-Awsat“ hatte die HTS „eine Meldung an christliche Landeigner in Idlib gesandt, ihre Besitztümer bis Ende November abzutreten“. Eine ägyptische islamische Institution, die in dem Artikel vom 26. November 2018 zitiert wird, protestierte dagegen und betonte, dass „Christen ins Visier zu nehmen eine der Konstanten von Extremisten und Terroristen ist, die schon immer unter verschiedenen Vorwänden Christen getötet“ und als Kriegsbeute gesehen hätten.

Meldungen und Beiträge zu Syrien

Gesichter der Verfolgung - TV
Sansimon aus Syrien

Mit Gebet gegen Hass und Islamisten - Sansimon aus Syrien

24:15 Minuten
Syrien

Sansimon aus Syrien ist fasziniert von Jesus, seine Liebe begeistert ihn. Er erlebt in der Schule wie Liebe und Gebet den Hass zwischen Muslimen und Christen bezwingen. Dann sieht er sich im Krieg Scharfschützen und Islamisten gegenüber.

Anschauen
Aktionen
Ostergrüße aus Aleppo Syrien

Ostergrüße aus Aleppo, Syrien

03:02 Minuten
Syrien

Eine Jugendgruppe singt im nächtlichen zerstörten Aleppo vom Sieg des Lebens - und schicken uns so Ostergrüße. „Die Schrecken der Hölle sind vorbei. Halleluja. Die Zeit des Krieges ist vorbei. Halleluja. In der Rettung des Sünders.“ Halleluja.

Anschauen
Länderberichte
Syrien: Neue Hoffnung nach dem Krieg

Syrien: Neue Hoffnung nach dem Krieg

06:48 Minuten
Syrien

Den ganzen Bürgerkrieg hindurch war Pastor Edwards Gemeinde in Damaskus ein Licht in der Finsternis des Krieges. Jetzt steht sie vor neuen Herausforderungen.

Anschauen
Nachrichten Nachrichten
Ein zerstörter Stadtteil von Aleppo
Syrien
Am vergangenen Freitag um 18:30 Uhr Ortszeit verübten syrische Rebellen einen Angriff auf die Kleinstadt Mhardeh im Nordwesten des Landes. Dabei verloren zwölf Menschen ihr Leben. Wegen des Bürgerkrieges haben Tausende dort Zuflucht gesucht.
Syrien: Die Kirche aufrichten
Fünf Pastoren, Leiter und Gemeindemitglieder berichten, was sie bei einem biblischen Seminar von Open Doors gelernt haben – und wie ihr Leben dadurch verändert wurde.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 82 Punkten belegt Syrien Platz 11 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2019. Im Vorjahr belegte Syrien Rang 15 mit 76 Punkten. Der Hauptgrund für diesen starken Anstieg der Punktzahl ist die höhere Wertung im Bereich „Auftreten von Gewalt“. Die Wertungen für Druck auf Christen in den verschiedenen Lebensbereichen haben sich in den meisten Teilen des Landes leicht verringert, da die vom „Islamischen Staat“ (IS) besetzten Gebiete kleiner geworden sind. Die Anzahl an gemeldeten gewaltsamen Übergriffen wie Angriffen, Plünderungen und Schließungen von Kirchen und Klöstern, körperlichen oder seelischen Verletzungen und Konfiskationen von Land, das Christen gehörte, haben zugenommen, besonders in den von Rebellen besetzten Gebieten.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Die Haupttriebkraft der Verfolgung in Syrien ist „Islamische Unterdrückung“. Sie ist für die meisten Handlungen gegen Christen verantwortlich. Militante Anhänger islamisch-extremistischer Gruppen wie der „al-Nusra-Front“, jetzt „Hai'at Tahrir asch-Scham“ (HTS), oder „Dschaisch al-Islam“, sind derzeit die stärksten Verfolger von Christen in Syrien. Im Nordwesten Syriens und über den nördlichen Teil des Landes bis al-Hasaka operieren sie offen. Vor dem Krieg hatten Christen eine relativ große Freiheit, ihren Glauben zu praktizieren. Das änderte sich mit dem Auftreten islamisch-extremistischer Gruppierungen. Das Kalifat des IS schloss Ende 2014 große Teile Syriens und des Irak ein, und eine strenge Version der Schariagesetze wurde eingeführt. Die meisten Christen flohen aus den vom IS kontrollierten Gebieten. Seit Anfang 2016 verlor der IS mehr und mehr Gebiete, im Oktober 2017 sogar die selbsternannte Hauptstadt ar-Raqqa. Die Bedrohung durch Vergeltungsschläge des IS ist jedoch weiter präsent. Im Oktober 2018 wurde ersichtlich, dass militante Islamisten weniger als 25 Prozent der Fläche Syriens kontrollierten. Islamische Unterdrückung ist auch in Gebieten sichtbar, die von der Regierung kontrolliert werden und betrifft insbesondere Christen muslimischer Herkunft. Sie erfahren Verfolgung vonseiten ihrer Familie und ihres sozialen Umfelds.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Die in Syrien herrschende Stammeskultur ist von der Loyalität dem eigenen Stamm oder der Familie sowie den alten Normen und Werten gegenüber bestimmt. Wie in vielen Ländern des Nahen Ostens ist die Stammeskultur stark vom Islam beeinflusst. Dies wirkt sich besonders auf Christen muslimischer Herkunft aus. Die Stärke dieser Verfolgungstriebkraft variiert je nach Region und Größe einer Stadt. Die kurdischen Gebiete im Norden sowie die Wüstenregion in der Landesmitte sind stärker betroffen. In den kurdischen Gebieten ist die ethnische Herkunft ein wichtiger Faktor im Konflikt zwischen Türken und Kurden. Die türkischen Streitkräfte, die im März 2018 die zumeist kurdischen Gebiete um Afrin im Nordwesten des Landes einnahmen, nutzten laut Berichten dschihadistische Gruppen einschließlich Kämpfern des IS und Al Kaidas, um Kurden und andere ethnische und religiöse Minderheiten entlang der Grenze zu vertreiben. Zu diesen religiösen Minderheiten gehören auch Christen, zumeist Armenier und Assyrer.

Diktatorische Paranoia

Vor dem Bürgerkrieg zeigte sich die Triebkraft „Diktatorische Paranoia“ vor allem in dem Verhalten der Regierungsbeamten. Der Staat überwachte damals beispielsweise Kirchengemeinden, um die Predigten auf politische Aussagen zu prüfen. Die Behörden versuchten auch, den Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen oder zu jedem anderen Glauben zu verhindern, da Glaubenswechsel als Bedrohung für die gesellschaftliche Stabilität und als Quelle für Konflikte zwischen Gruppierungen gesehen wurde. Letzteres ist weiterhin relevant: Das wichtigste Ziel für die Regierung ist es, die gesellschaftliche Stabilität zu sichern, anstatt religiöse Minderheiten wie Christen zu schützen. Die Regierung geht dann gegen Christen (oder jede andere Gruppe) vor, wenn sie oder eine andere lokale Institution sie als Bedrohung für den Status Quo wahrnimmt. Dazu können die Evangelisation von oder der Dienst an Muslimen zählen. Überwachung von Christen durch die Behörden findet derzeit kaum noch statt, da die Regierung vollkommen mit dem Kampf gegen die verschiedenen Oppositionsgruppen beschäftigt ist. Aufgrund der Umstände des Krieges gibt es jedoch auch kaum Anstrengungen, die Glaubensfreiheit von Christen zu schützen. Im heutigen Syrien ist diese Triebkraft weniger bei der Regierung, sondern hauptsächlich bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile von Syrien unter ihre Kontrolle gebracht haben und entschlossen sind, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Diese Triebkraft ist in Syrien im Kontext des Krieges zu sehen, mit dem Anarchie und Straffreiheit einhergehen. Korruption ist weit verbreitet und betrifft sogar den Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe. Menschen nutzen die Gelegenheit, sich selbst zu bereichern, beispielsweise durch Entführungen mit Lösegeldforderungen. Als Geiseln werden Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften genommen. Für die Entführung von Christen gibt es finanzielle, aber auch politische und ideologische Motive. Sie stehen in dem Ruf, wohlhabend und regimetreu zu sein. Hinzu kommt, dass sie Teil einer besonders verwundbaren religiösen Minderheit sind.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

In den immer kleiner werdenden Gebieten, die von oppositionellen islamistischen Gruppierungen kontrolliert werden, verfolgen islamische Leiter typischerweise eine Politik der Marginalisierung von Christen und anderen Minderheiten. Häufig werden diese auch dazu gezwungen, in andere Regionen zu fliehen. In diesen Gebieten ist es jedoch schwer, zwischen religiösen Leitern und gewalttätigen religiösen Gruppen zu unterscheiden. Doch selbst in Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden, stehen Christen muslimischer Herkunft in der Gefahr, aufgrund ihres Glaubens von Familie und sozialem Umfeld Widerstand zu erleben. Es ist möglich, dass sich auch lokale religiöse Leiter daran beteiligen. Hassreden gegen Christen (und Verhöhnung) durch islamische Leiter kommen ebenfalls vor, doch in von der Regierung kontrollierten Gebieten sind sie verboten und haben auch bereits zur Entziehung der Lizenz zum Predigen in Moscheen geführt. Muslimische geistliche Leiter üben direkt oder indirekt (durch die Familien oder Sicherheitskräfte) Druck auf christliche Konvertiten aus.

Ausgehend von Ethnisch begründeten Anfeindungen

Anführer von Stämmen und ethnischen Gruppen sowie die eigenen Familien setzen Christen muslimischer Herkunft unter Druck. Diese Triebkraft ist besonders in den Kurdengebieten im Norden und den Wüstenregionen in der Mitte des Landes stark vertreten. Zudem berichten assyrische Gemeinschaften davon, durch sehr bestimmt auftretende kurdische Behörden marginalisiert zu werden.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

Regierung und Behörden schränken die Aktivitäten evangelikaler Christen und Konvertiten ein, um gesellschaftliche Unruhe zu unterbinden, die aus ihrer Sicht durch sie entsteht. Dies kann Verhöre und Überwachung einschließen und geschieht manchmal auf Initiative der Familie des Konvertiten oder sogar von Leitern der historischen Kirchen. Im heutigen Syrien ist diese Triebkraft jedoch weniger bei der Regierung, als vielmehr bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile Syriens unter ihre Kontrolle gebracht haben und entschlossen sind, mit allen Mitteln ihre Macht zu erhalten. Militante islamische Gruppen haben zudem viele Grundstücke von Christen in ihren Besitz gebracht. Ältere Christen, die in ihren Häusern geblieben sind, stehen beständig in der Gefahr, von Kämpfern dieser Gruppen getötet oder entführt zu werden, damit diese ihre Häuser ebenfalls in Besitz nehmen können. Im Nordosten des Landes haben zudem die kurdischen Behörden in vielen Fällen versucht, sich die Häuser von geflohenen Christen anzueignen. Auch in von der Regierung kontrollierten Gebieten gab es Versuche, Besitz von Kirchen zu annektieren, wie etwa das Kloster von Aleppo. Nicht zuletzt berichten einige Christen davon, dass christlichen Soldaten in der syrischen Armee gefährlichere Aufgaben übertragen wurden und dass christliche Beamte schlechter behandelt wurden als ihre Kollegen.

Ausgehend von Organisiertem Verbrechen und Korruption

Christen wurden Ziel von Entführungen durch Kartelle oder Netzwerke des organisierten Verbrechens. Dies kommt inzwischen jedoch nur noch sporadisch vor. Auch wenn hier ein religiöser Aspekt eine Rolle spielt, ist das eigentliche Motiv zumeist Geld. Christen sind besonders gefährdet, da sie als reich angesehen werden. Korruption ist im Land weit verbreitet und Bestechungsgelder sind Teil des alltäglichen Lebens, wann immer ein Syrer mit den Behörden zu tun hat. Will man etwa einen militärischen Kontrollpunkt passieren, muss man häufig Bestechungsgelder zahlen oder wird ernsthaft bedroht.

4. Hintergrund

Der syrische Bürgerkrieg begann im Jahr 2011 als Volksaufstand, bei dem es um größere politische Freiheiten und wirtschaftliche Reformen ging – ähnlich wie in anderen arabischen Ländern zur selben Zeit. Die Wurzeln dieses Konflikts liegen jedoch tiefer und sind komplexer. Dazu gehören Konflikte verschiedener sozialer Klassen, Spannungen zwischen Stadt- und Landbevölkerung und die Unterdrückung der politischen Freiheit. Das erklärt zum Teil, warum der Konflikt sich so schnell zu einem extrem gewalttätigen Konflikt religiöser Prägung entwickeln konnte, der mittlerweile ins achte Jahr geht. Der religiöse Aspekt besteht hauptsächlich in der Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Alawiten. Viele Sunniten in von der Regierung kontrollierten Gebieten unterstützen jedoch das Assad-Regime, um sich dem Einfluss gewaltbereiter religiöser Gruppierungen entgegenzustellen. Mit dem Eindringen ausländischer islamisch-extremistischer Kämpfer hat die syrische Opposition eine zunehmende Islamisierung erfahren, und der Bürgerkrieg entwickelt sich mehr und mehr zum Dschihad gegen die syrische Regierung. Durch diesen Konflikt leiden alle Teile der syrischen Bevölkerung enorm, allerdings sind einige verwundbarer als andere.

Ein wesentliches Merkmal der syrischen Christen ist, dass ethnische und religiöse Identität eng miteinander verknüpft sind. Um die Situation der Christen im Zusammenhang des gegenwärtigen Bürgerkrieges zu verstehen, muss man die geografische Konzentration der Christen auf einige strategische Gebiete des Landes berücksichtigen, die für Regierungstruppen und Opposition von größter Bedeutung sind. Dazu gehören etwa die Städte Aleppo und Damaskus mitsamt ihrer Umgebung sowie die südlichen Bereiche der Provinz Homs in der Nähe der libanesischen Grenze. Dieser Aspekt trägt maßgeblich zur erhöhten Verwundbarkeit der Christen bei; ihre angebliche Nähe zur und Unterstützung der Regierung ist ein weiterer Faktor.

5. Betroffene Christen

Christen aus drei der vier im WVI unterschiedenen Kategorien existieren in Syrien und sind von Verfolgung betroffen, die in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg steht.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Sie sind nicht gezwungen, ihren Glauben isoliert zu leben. Daher wird diese Kategorie nicht bewertet.

Christen aus traditionellen Kirchen

Hierbei handelt es sich vor allem um griechisch-orthodoxe und römisch-katholische Christen. Als größte christliche Gruppe im Land werden Angehörige der traditionellen christlichen Gemeinschaften gezielt angegriffen. Sie leben im ganzen Land und damit auch in den Kampfgebieten. Aus dieser Gruppe sind aufgrund ihrer öffentlichen Präsenz besonders die Leiter betroffen. Geistliche der traditionellen Kirchen sind leicht an ihrer Kleidung erkennbar, was sie manchmal zu einem einfachen Angriffsziel macht. Angehörige dieser Konfessionen sind auch wegen der markanten Kirchengebäude oft leichter zu identifizieren als Christen anderer Kategorien. Hinzu kommt, dass viele von ihnen engere wirtschaftliche oder soziale Kontakte zu staatlichen Stellen pflegen. Wofür Denominationen, Kirchengemeinden und lokale Gemeindeleiter jeweils politisch stehen, hat großen Einfluss auf das Maß an Verfolgung und Unterdrückung, die sie von den Gruppen erfahren, die gegen Präsident Assad kämpfen. Entscheidend dafür ist, wie sich eine Gemeinde oder ein Christ in der Vergangenheit in politischer Hinsicht positioniert hat: Wurde Präsident Assad offen unterstützt, war man um Neutralität bemüht, hat man sich distanziert oder gar gegen ihn opponiert?

Christen mit anderer religiöser Herkunft

Christen muslimischer oder drusischer Herkunft werden von ihren Familien besonders unter Druck gesetzt, da ihr Abfall von ihrer Religion große Schande über die Familie bringt. Dies gilt besonders in mehrheitlich von Sunniten bewohnten Regionen, wo Konvertiten die Verstoßung durch ihre Familien oder Schlimmeres droht. Als Folge der wachsenden Radikalisierung des Islam ist die Intensität der Verfolgung von Christen muslimischer Herkunft durch die eigene Familie und die Gesellschaft besonders in den von Rebellen kontrollierten Gebieten gestiegen. In den Kurdengebieten ist der Druck durch die Familie weniger intensiv, da die kurdischen Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind. Da die Behörden gegenwärtig andere Prioritäten zu setzen haben, wird von ihnen anders als in früheren Jahren kaum noch Druck auf Christen muslimischer Herkunft ausgeübt.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Baptisten, evangelikale Christen und Christen aus Pfingstgemeinden sind stark gefährdet, da sie für ihre Nähe zum Westen bekannt sind und oft nur über eine lose Organisation und keine starke Leiterschaft verfügen. Zudem haben sie keinen prominenten Fürsprecher im Ausland (wie etwa einen Papst oder Bischof), der öffentlich für sie eintreten kann. Die meisten dieser Gemeinschaften haben keine vollständige offizielle Anerkennung und legalen Status. Protestantische Freikirchen gibt es in verschiedenen Regionen des Landes, vor allem in von der Regierung kontrollierten Gebieten und den Kurdengebieten. Diejenigen, die sich in Gebieten befinden, die von islamistischen Gruppierungen besetzt sind, sind am stärksten von Gewalt betroffen. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gibt es gewissen Druck durch die traditionellen Kirchen.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 13.6
Familienleben 14
Gesellschaftliches Leben 13.1
Leben im Staat 13.8
Kirchliches Leben 14.2
Auftreten von Gewalt 13

Grafik: Verfolgungsmuster Syrien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen in allen Lebensbereichen ist auf einem extrem hohen Niveau. Die Wertung hat sich jedoch im Vergleich zum Vorjahr von 14,4 Punkten auf 13,8 Punkte verringert. Diese Verbesserung liegt größtenteils daran, dass das Herrschaftsgebiet des IS kleiner geworden ist. Zudem haben mehr Informationen aus dem Land verantwortlich zu dieser Anpassung beigetragen.
  • In drei Lebensbereichen beträgt die Verfolgung ein extremes Maß: Am stärksten ist der Druck in den Bereichen „Kirchliches Leben“ (14,2 Punkte), „Familienleben“ (14,0) und „Leben im Staat“ (13,8). In den Bereichen „Privatleben“ (13,6 Punkte) und „Gesellschaftliches Leben“ (13,1) war der Druck jedoch auch sehr hoch. Dies ist typisch für eine Situation, in der Islamische Unterdrückung in Kombination mit Diktatorischer Paranoia die Hauptverfolgungstriebkräfte sind.
  • Druck durch Islamische Unterdrückung entsteht hauptsächlich durch das soziale Umfeld in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“, „Gesellschaftliches Leben“ und „Kirchliches Leben“.
  • Der Wert für Gewalt stieg von 3,7 Punkten im vergangenen Jahr auf 13,0 Punkte im aktuellen Berichtszeitraum. Das entspricht einer Differenz von fast 10 Punkten und bringt die Wertung auf ein extrem hohes Level. Die Anzahl von Berichten über Gewalt, die sich gegen Christen richtete, stieg vor allem in den Gebieten an, die von Rebellen besetzt sind.

Privatleben

Der Druck ist besonders groß in den von islamisch-extremistischen Gruppen kontrollierten Teilen des Landes. Christen aller Kategorien sind in ihrem persönlichen Glaubensleben eingeschränkt und können in ihrer persönlichen Anbetung beispielsweise keine christlichen Lieder singen. Unter dem Einfluss radikalisierter Ansichten erleben Christen muslimischer Herkunft im ganzen Land größeren Druck im Bereich ihrer persönlichen Glaubenspraxis. Das gilt besonders für die von extremistischen Gruppen kontrollierten Gebiete, weniger in den Kurdengebieten. Für andere Christen kann jede Tat, die als Versuch, ihren Glauben zu verbreiten, ausgelegt werden kann, eine negative Reaktion auslösen.

Familienleben

Christen muslimischer Herkunft erleben intensive Verfolgung in diesem Lebensbereich, wenn ihr neuer Glaube bekannt wird. Dies gilt weniger stark in den Kurdengebieten. Christliche Konvertiten haben zudem keine Möglichkeit, ihre Religionszugehörigkeit in ihren Ausweispapieren ändern zu lassen. Eine Ausnahme stellen die kurdischen Gebiete dar, in denen dies kürzlich möglich gemacht wurde. Christen mit muslimischem Hintergrund können sich außerdem nicht christlich taufen, trauen oder bestatten lassen. In den Gebieten, die von militanten Islamisten kontrolliert werden, betreffen diese Probleme alle Christen. Im ganzen Land wird christlichen Ehepartnern von Muslimen im Falle einer Scheidung meistens das Sorgerecht für die Kinder entzogen.

Gesellschaftliches Leben

In von islamistischen Rebellen besetzten Gebieten ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle Christen extrem eingeschränkt. Wird bekannt, dass sich ein Muslim dem christlichen Glauben zugewandt hat, stößt er im ganzen Land auf diese Schwierigkeiten. Im Herrschaftsbereich der militanten Islamisten gelten die islamischen Kleidervorschriften auch für Christen. Dort werden Christen auch Schutzgeldzahlungen und die Beachtung besonderer Vorschriften für Handel und Ernährung einschließlich eines strikten Alkoholverbots aufgezwungen.

Leben im Staat

Aufgrund der gegenwärtigen Zersplitterung des Landes haben die herrschende Ungerechtigkeit und der Mangel an Strafverfolgung weiter zugenommen. In von der Regierung kontrollierten Gebieten erleben Christen im öffentlichen Leben generell keine unmittelbare Diskriminierung durch die Behörden. Sie müssen jedoch damit rechnen, im öffentlichen Dienst auf erschwerte berufliche Aufstiegsmöglichkeiten zu stoßen. Christen muslimischer Herkunft werden häufig benachteiligt, sobald ihr neuer Glaube bekannt wird. Die Weitergabe des Evangeliums und die Abkehr vom Islam sind verboten. In von extremistischen Kräften kontrollierten Gebieten werden alle Nichtmuslime einschließlich der Christen als Bürger zweiter Klasse behandelt.

Kirchliches Leben

In den von Islamisten beherrschten Gebieten sind die meisten Kirchen entweder zerstört oder zu islamischen Zentren umfunktioniert worden. Der christliche Glaube darf nicht öffentlich gezeigt werden. Kirchen und Klöster dürfen nicht repariert oder wiederaufgebaut werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Kollateral- oder einen absichtlich herbeigeführten Schaden handelt. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gibt es wegen des Krieges wenig Überwachung von Christen. Eheschließungen von Christen muslimischer Herkunft sind im ganzen Land illegal und nicht möglich.

Auftreten von Gewalt

Es gab Berichte von Morden, Angriffen, Plünderungen und Schließungen von Kirchen und Klöstern, körperliche und seelische Verletzungen und Konfiskationen von Ackerland, das Christen gehörte. In den chaotischen Umständen des Krieges ist oft nicht klar ersichtlich, ob Handlungen gegen Christen religiös motiviert sind oder nicht. Die Motive der Akteure sind häufig gemischt. Deswegen werden in der Bewertung nur Fälle von Gewalt gegen Christen aufgeführt, von denen die Gemeinden vor Ort der Überzeugung sind, dass sie sich spezifisch gegen Christen richteten. Vorfälle, bei denen Christen oder der Besitz von Christen bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Rebellen zu Schaden kamen, werden im Allgemeinen nicht einbezogen, da diese Vorfälle als „Kollateralschäden“ bezeichnet werden können. Eine Ausnahme stellen Fälle dar, in die dschihadistische Kämpfer von mit dem IS oder Al Kaida verbundenen Gruppen wie HTS involviert waren, beispielsweise Angriffe auf mehrheitlich christliche Dörfer.

Beispiele dazu im Abschnitt „Zusammenfassung“.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Frauen und Mädchen aus religiösen Minderheiten, also auch Christinnen, stehen in Gefahr von sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Das kann in von der Regierung kontrollierten Regionen genauso geschehen wie in Rebellengebieten, wobei die Bedrohung dort größer ist. Christinnen muslimischer Herkunft droht in beiden Gebieten Entführung und/oder die Zwangsverheiratung mit einem Muslim. So wurden Christinnen mit IS-Kämpfern verheiratet, manchmal sogar mit mehreren. Der IS hat in seinem Magazin veröffentlicht, dass Christinnen und Jesidinnen als „Kriegsbeute“ zu betrachten seien. Viele von ihnen wurden vergewaltigt. Glaubhaften Berichten zufolge wurde Vergewaltigung gezielt zur Einschüchterung als Kriegswaffe eingesetzt, unabhängig von der Religion des Opfers; obwohl Religion ein weiteres Motiv für Vergewaltigung sein kann.

Gefahr für christliche Frauen und Mädchen kommt jedoch nicht nur von gewaltbereiten islamistischen Gruppen. Christinnen mit muslimischem Hintergrund können bei Bekanntwerden ihres Glaubenswechsels Gewalt auch von der Familie erfahren. Frauen sind wegen der islamischen Kultur von Ehre und Scham besonders gefährdet. Die Abwendung vom Islam ist ein großes Tabu und verletzt die Familienehre schwer. Somit erhöht sich das Risiko von Übergriffen und Ehrenmorden. Außerdem gibt es allgemein für Mädchen und Frauen in der Praxis (oder auch laut Gesetz) nur wenig Schutz vor Gewalt in der Familie. Gemäß der Scharia darf eine Muslima keinen Christen heiraten (wohl aber ein Muslim eine Christin). Das macht eine Heirat zwischen einer Christin muslimischer Herkunft und einem Christen aus einer der anderen Kategorien illegal.

Christinnen mit muslimischem Hintergrund, die mit einem Muslim verheiratet sind, droht die Scheidung, insbesondere wenn die Schwiegereltern von ihrem neuen Glauben erfahren. Sehr wahrscheinlich wird ihnen dann das Sorgerecht für die Kinder entzogen. Im Falle einer Scheidung von einen Muslim stehen auch Christinnen anderer Kategorien in der Gefahr, das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren. Obwohl es stark auf die Einstellung der muslimischen Familie ankommt, spricht die Scharia dem muslimischen Mann das Sorgerecht für die Kinder zu. Das Risiko, die Kinder an die Verwandten zu verlieren, ist also sehr hoch. Christliche Frauen haben außerdem nur dann Anspruch auf das Erbe ihres muslimischen Ehemannes, wenn sie zum Islam konvertieren. Dies ist besonders problematisch für Christinnen, die mit muslimischen Männern oder Christen muslimischer Herkunft verheiratet sind, da letztere gemäß Scharia noch immer als Muslime gelten. Aufgrund dieser Faktoren ist es für Christinnen muslimischer Herkunft und Christinnen, die mit einen Muslim verheiratet sind, äußerst schwierig, ihre Kinder christlich zu erziehen.

Männer

Für Christen mit muslimischem Hintergrund kommt der meiste Druck gewöhnlich von Familie und Umfeld. Dieser Druck betrifft am stärksten Frauen und Mädchen, danach junge Männer. Am wenigsten sind ältere Männer betroffen. Das spiegelt die unterschiedlichen Stufen von Status und Freiheit innerhalb der islamischen Kultur wider. Eine große Sorge einheimischer Christen ist, dass junge Männer gezwungen werden, der syrischen Armee oder anderen Milizen wie den kurdischen Truppen beizutreten. Diese Sorge gilt nicht nur für Christen, doch einigen Berichten zufolge sind Christen innerhalb der militärischen Strukturen besonderen Gefahren ausgesetzt – sie werden etwa an besonders gefährlichen Positionen eingesetzt. In Syrien sind alle Männer ab dem 18. Lebensjahr zum Militärdienst verpflichtet. Einige Christen verweigern den Wehrdienst aus Gewissensgründen und ziehen deshalb eine Auswanderung in Betracht. Erleiden christliche Männer Verfolgung, so leidet darunter auch ihre Familie erheblich, besonders wenn sie getötet oder entführt werden. Der Familie fehlen dann Einkommen und Grundversorgung, da der Mann in der syrischen Kultur als Versorger der Familie gilt.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Traditionell besteht die syrische Gesellschaft aus verschiedenen ethnischen und religiösen Gemeinschaften. Viele andere religiöse Minderheiten sind ebenfalls Verfolgung in verschiedener Intensität ausgesetzt, etwa Schiiten, Alawiten, Drusen, Juden und Jesiden.

Schiitische, alewitische und drusische Gemeinschaften werden von sunnitischen Dschihadisten nicht nur deswegen verfolgt, weil ihr Glaube als ketzerisch angesehen wird, sondern im Fall der Alawiten auch, weil ihnen Verbindungen zu Präsident Assad vorgeworfen werfen. Insbesondere die drusische Gemeinschaft ist Opfer von Entführungen, Bombenangriffen und Morden durch den IS geworden. Schiiten und Alawiten sind jedoch auch betroffen. Als Teil von Syriens antizionistischem Narrativ wurden Juden während des Großteils der Geschichte des modernen Syriens benachteiligt. Jesiden sind eine von Syriens Regierung nicht anerkannte kurdische Religionsgemeinschaft. Ihre Kinder werden als Sunniten registriert, in der Schule müssen sie am Islamunterricht teilnehmen. Ihre Lage war vor dem Bürgerkrieg wahrscheinlich schwieriger, da ihre Regionen inzwischen mehr und mehr durch die kurdischen Streitkräfte kontrolliert werden, was ihnen mehr Freiheiten gibt.

Beispiele:

  • Laut einem Bericht des BBC vom 30. Juli 2018 entführte der IS im Juli mehr als 30 drusische Frauen und Kinder im Südwesten Syriens. Von den Entführungen wurde berichtet, nachdem am 25. Juli eine Serie von Selbstmordattentaten in einem Gebiet stattfand, dass mehrheitlich von der drusischen Minderheit bewohnt wird. Mehr als 200 Menschen wurden getötet.
  • Der Bericht zur internationalen Religionsfreiheit des US-Außenministeriums 2018 beschreibt die folgenden Angriffe auf schiitische und ismailitische Muslime im Jahr 2017: „In einem Bericht von September werden zwei Explosionen im März in der Nähe des Bab-as-Saghir-Friedhofs, einer bekannten schiitischen Pilgerstätte, festgehalten. Die Explosionen fanden innerhalb von zehn Minuten auf dem Parkplatz des Friedhofs statt, auf dem Busse für Pilger geparkt waren. Sie töteten 44 Zivilisten und verletzten 120 weitere. Der Großteil von ihnen waren schiitische Pilger aus dem Irak. HTS bekannte sich zu dem Angriff. Laut dem gleichen Bericht explodierte am 14. April eine Bombe in einem Lastwagen in al-Rashidin in der Nähe von Aleppo. Sie tötete Evakuierte aus den vor allem von Schiiten bewohnten Orten al Fu'ah und Kafriya, die glaubten, der Lastwagen würde Lebensmittel liefern. 95 Menschen starben, darunter 68 Kinder und 13 Frauen. 276 weitere wurden verletzt, unter ihnen 42 Kinder und 78 Frauen. Schaulustige beleidigten die Religion der Opfer. Zu dem Angriff bekannte sich niemand, HTS und Ahrar al-Scham dementierten sogar explizit, etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben. Im Mai griffen Kämpfer des IS den Ort Aqariv al-Safiyah an und versuchten, das nahegelegene Dorf al-Manbouja anzugreifen. Beide Orte in Hama sind mehrheitlich von ismailitischen Muslimen bewohnt. Die Angreifer töteten 52 Zivilisten, fast alle Ismailiten. Überlebende berichteten, dass sie von den IS-Kämpfern aufgrund ihrer Religion beleidigt worden seien.“

9. Ausblick

Die politische Perspektive

Politische Lösungen für den Konflikt in Syrien liegen noch immer in weiter Ferne. Die „Economist Intelligence Unit“ (EIU) fasst die gegenwärtige Situation und die Erwartungen für die nächsten Jahre wie folgt zusammen: „Die Position des Präsidenten Bashar al-Assad scheint gefestigt. Das ist größtenteils auf die Unterstützung durch Russland und den Iran zurückzuführen, auch wenn es kürzlich Luftschläge gegen die Truppen der Regierung durch die USA, Großbritannien und Frankreich gegeben hat. Ein Friedensvertrag bleibt trügerisch, da Kämpfe in unregelmäßigen Abständen wieder ausbrechen, wenn auch örtlich begrenzt. So wird sich eine Aufteilung des Landes in eine von der Türkei unterstützte und von Rebellen gehaltene Region im Norden, eine hauptsächlich kurdische und von der USA unterstützte Region im Osten und den von der Regierung kontrollierten Westen etablieren.“

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Die Gebietsverluste des IS bedeuten eine große Befreiung für die in diesen Gebieten lebenden Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Triebkraft Islamische Unterdrückung dadurch entscheidend geschwächt ist. Es ist zu erwarten, dass der IS seine terroristischen Aktivitäten weiterführen wird – im Nahen Osten wie in anderen Regionen – um seine Relevanz als weltpolitischer Faktor zu beweisen. Der IS treibt jedoch nicht allein die Islamische Unterdrückung voran, auch dschihadistische Milizen der sunnitischen Opposition tragen dazu bei. Islamistische Kämpfer, die Afrin kontrollieren, führten etwa ein strengeres islamisches Recht ein, das Christen zögern lässt, zurückzukehren. Der IS will der Welt zudem zeigen, dass er noch immer eine bedeutende Rolle spielt. Das zeigte sich etwa durch die Gräueltaten, die im Sommer 2018 gegen die drusische Gemeinschaft im Süden Syriens verübt wurden. Wenn zudem die Rückkehr von Flüchtlingen und Binnenflüchtlingen beschleunigt wird, wie von der libanesischen Regierung vorgesehen, könnten Christen gezwungen werden, in die Gebiete zurückzukehren, in denen sie unter der Kontrolle militanter Islamisten besonders verwundbar sind. Durch die Rückkehr christlicher Gemeinschaften könnten zudem weitere Spannungen entstehen, da zunächst wieder Vertrauen aufgebaut werden muss. Darüber hinaus gibt es Berichte einer steigenden Zahl von Muslimen, die sich dem christlichen Glauben zuwenden. Das könnte zu einer steigenden Zahl von Fällen führen, in denen Christen muslimischer Herkunft verfolgt werden.

Mit Hinblick auf Ethnisch begründete Anfeindungen: Während des Bürgerkrieges haben sowohl nationale als auch internationale Kräfte in den ländlichen Regionen gerne die Karte der Stammeszugehörigkeit ausgespielt. Als Folge sind die Stämme zersplittert und haben sich zum Teil als konkurrierende Clans gegeneinander in Stellung gebracht, was die Abhängigkeit des Einzelnen vom eigenen Stamm noch vergrößert. In diesen Umständen bieten Stammeswerte, die sich zumeist auf den Islam gründen, Sicherheit und sind besonders wichtig. In den kurdischen Gebieten ist die ethnische Herkunft ein wichtiger Faktor im Konflikt zwischen Türken und Kurden. Die türkischen Streitkräfte, die im März 2018 die zumeist kurdischen Gebiete um Afrin im Nordwesten des Landes einnahmen, nutzten laut Berichten „dschihadistische Gruppen einschließlich Kämpfern des IS und von Al Kaida, um alle Kurden und andere ethnische und religiöse Minderheiten entlang der Grenze zu eliminieren“. Zu diesen religiösen Minderheiten gehören auch Christen, zumeist Armenier und Assyrer. Die so gestärkte Triebkraft Ethnisch begründete Anfeindungen betrifft alle Christen der Region und wird sicherlich nicht den Druck verringern, den christliche Konvertiten von ihren Familien und ihrem Umfeld erleben. Eine Verbesserung der Situation ist kurzfristig nicht zu erwarten.

Mit Hinblick auf Diktatorische Paranoia: Christen werden vom syrischen Regime derzeit nicht stark überwacht, da die Regierung noch immer damit beschäftigt ist, die oppositionellen Gruppen zu bekämpfen. Das könnte sich bald wieder ändern, da das Regime immer mehr Gebiete von den Rebellen zurückerobert. Besonders, wenn neue Sicherheitsrichtlinien eingeführt werden, die die Religionsfreiheit betreffen, würden vor allem Christen muslimischer Herkunft und protestantische Freikirchen betroffen sein. Im Oktober 2018 unterzeichnete Präsident Assad neue Vorschriften zur staatlichen Kontrolle der Islamlehre in Syrien. Die neuen Gesetze erweitern die Autorität des Ministeriums für religiöse Stiftungen (MRE). Damit soll sichergestellt werden, dass muslimische Geistliche die religiöse Bühne nicht nutzen, um politische Ansichten zu verbreiten. Viele dieser Geistlichen werden verdächtigt, die militanten Gruppen zu unterstützen, die gegen die Regierung arbeiten. Dem MRE wird damit bedeutend größerer Einfluss in den Bereichen Bildung und Gesetzgebung gegeben. Auf der einen Seite scheint Assad damit seine Kontrolle über den sunnitischen Teil der Bevölkerung stärken zu wollen, auf der anderen Seite könnte er auch versuchen, den Islam zu nutzen, um das zersplitterte Land wieder zu einen. Trifft letzteres zu, könnte das dazu führen, dass Christen sich in Syrien deutlich weniger willkommen fühlen.

Die stärksten Verfolger ausgehend von der Triebkraft Diktatorische Paranoia sind derzeit die bewaffneten oppositionellen Gruppen in den von ihnen kontrollierten Gebieten. Im Norden des Landes gibt es Bestrebungen, eine nationale Oppositionsarmee zu formieren. Dies könnte zu einem massiven und entscheidenden Zusammenstoß mit der Regierungsarmee führen, woraus sich wiederum ein größerer Druck auf alle religiösen Minderheiten – die Christen eingeschlossen – ergibt – spätestens dann, wenn sie sich für die eine oder andere Seite entscheiden müssen. Die meisten islamistischen Gruppierungen sind besiegt oder in den Nordwesten des Landes verdrängt, und die syrische Regierung hat geschworen, den strategisch wichtigen Ort Idlib im Nordwesten des Landes zu befreien. Christen, die noch in Idlib oder Afrin leben, werden unter enormem Druck stehen und stark betroffen sein, wenn die Kämpfe beginnen. Eine weitere potentiell gefährliche Situation betrifft die kurdischen Gebiete im Nordosten Syriens. Ein bewaffneter Konflikt mit dem Regime über die Kontrolle dieser Gebiete würde von den Christen sehr wahrscheinlich schwere Tribute fordern. Nach der Entfernung der meisten externen Oppositionsgruppen aus den kurdischen Gebieten äußern sich Christen besorgt über die Einführung einer politischen kurdischen Agenda für die ganze Gesellschaft unter kurdischer Administration. Mehrere assyrische und armenische Schulen im Nordosten Syriens wurden im August und September 2018 geschlossen, nachdem sie sich geweigert hatten, einen Unterrichtsplan einzuführen, den die Volksverteidigungseinheiten (YPG) ihnen aufzwingen wollten. Die YPG ist der bewaffnete Arm der Democratic Union Party (PYD), der wiederum ein syrischer Ableger der PKK ist. Die PKK wird von den USA, der EU und der Türkei als terroristische Organisation eingestuft.

Mit Hinblick auf Organisiertes Verbrechen und Korruption: Der Einfluss des organisierten Verbrechens hat laut inländischen Beobachtern hinsichtlich Entführungen und Lösegelderpressungen von Christen nachgelassen. Dennoch ist er nicht ganz verschwunden. Obwohl die Anzahl der gemeldeten Entführungen rückläufig ist, wird in einem Land mit einer auf Korruption basierenden Gesellschaft und meist fehlender Rechtsstaatlichkeit diese Triebkraft der Verfolgung in naher Zukunft kaum bedeutend an Kraft verlieren.

Schlussfolgerung

Die meisten islamistischen Gruppierungen sind besiegt oder in den Nordwesten des Landes verdrängt, und die syrische Regierung hat geschworen, den strategisch wichtigen Ort Idlib im Nordwesten des Landes zu befreien. Christen, die noch in Idlib oder Afrin leben, werden unter enormem Druck stehen und stark betroffen sein, wenn die Kämpfe beginnen. Eine weitere potentiell gefährliche Situation betrifft die kurdischen Gebiete im Nordosten Syriens. Ein bewaffneter Konflikt mit dem Regime über die Kontrolle dieser Gebiete würde von den Christen sehr wahrscheinlich schwere Tribute fordern. Nach der Entfernung der meisten externen Oppositionsgruppen aus den kurdischen Gebieten äußern sich Christen besorgt über die Einführung einer politischen kurdischen Agenda für die ganze Gesellschaft unter kurdischer Administration.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Syrien:

  • Beten Sie für die Friedensverhandlungen für Syrien. Der Krieg ist sehr komplex und die Menschen im Land haben furchtbar gelitten. Die Friedensverhandlungen gehen weiter, obwohl sie bisher keine Ergebnisse geliefert haben. Beten Sie für eine Wende für das Land.
  • Da der Krieg an verschiedenen Orten weitergeht, sind viele Menschen weiterhin auf Unterstützung zur Versorgung ihrer Grundbedürfnisse angewiesen. Beten Sie, dass unsere Brüder und Schwestern durch die Hilfe, die sie erhalten, ermutigt und geistlich gestärkt werden, damit sie weiter Gemeinde bauen. Bitte beten Sie auch für geistliche Unterstützung und Stärkung für Syrer, die vom inzwischen besiegten IS vertrieben wurden.
  • Beten Sie um Weisheit für die Regierenden in Syrien, dass sie die richtigen Entscheidungen für das syrische Volk und die Zukunft des Landes treffen.

 

Alle Felder müssen ausgefüllt werden. Die E-Mail wird über Ihr E-Mail-Programm verschickt.