Länderprofil Syrien

Syrien

11
Weltverfolgungsindex
2020
Flagge Syrien
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
11
ISO
SY
Karte Syrien
Christen
0,74
Bevölkerung
18.50
Islamische Unterdrückung
Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen
Diktatorische paranoia
Privatleben: 13.500
Familienleben: 14.200
Gesellschaftliches Leben: 13.000
Leben im Staat: 13.900
Kirchliches Leben: 14.400
Auftreten von Gewalt: 12.600

Länderprofil Syrien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 11 / 82 Punkte (WVI 2019: Platz 11 / 82 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. November 2018 – 31. Oktober 2019

Zusammenfassung

Als Personen des öffentlichen Lebens stehen besonders Leiter der traditionellen Kirchen in Gefahr, entführt zu werden. Doch auch Gemeinden von Baptisten, Evangelikalen und Pfingstlern sind in dieser Hinsicht verwundbar. Sie sind bekannt für ihre Nähe zum Westen und verfügen oft nur über eine lose Organisation und keine starken Leiterschaftsstrukturen. Zudem haben sie keinen prominenten Fürsprecher im Ausland (wie etwa einen Papst oder Bischof), der öffentlich für sie eintreten könnte.

In den von islamisch-extremistischen Gruppen kontrollierten Gebieten sind die meisten historischen Kirchengebäude entweder zerstört oder zu Islamzentren umfunktioniert worden. Der christliche Glaube darf nicht öffentlich sichtbar werden. Kirchen und Klöster dürfen nicht repariert oder wiederaufgebaut werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Kollateral- oder einen absichtlich herbeigeführten Schaden handelt. In den von der Regierung kontrollierten Gebieten gab es wegen des Krieges weniger Überwachung von Christen. Doch mit der Rückgewinnung der Macht der Behörden geht auch eine zunehmende Überwachung von möglichen Regimekritikern und anderen einher, die die gesellschaftliche Stabilität gefährden könnten (wie Christen muslimischer Herkunft). Wofür Denominationen, Kirchengemeinden und lokale Gemeindeleiter jeweils politisch stehen, hat großen Einfluss auf das Maß an Verfolgung und Unterdrückung, die sie von den Gruppen erfahren, die gegen Präsident al-Assad kämpfen.

Christen muslimischer Herkunft werden von ihren Familien besonders unter Druck gesetzt, da ihr Abfall vom Islam eine große Schande über die Familie bringt. Dies gilt besonders in mehrheitlich von Sunniten bewohnten Regionen, wo ihnen die Verstoßung durch ihre Familien, oder Schlimmeres droht. In den Kurdengebieten ist der von der Familie ausgehende Druck etwas weniger stark, da die kurdischen Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind. Im Regierungsbezirk Nord-Aleppo gibt es sogar anerkannte kurdische christliche Gemeinden.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

In den chaotischen Umständen des Krieges ist oft nicht klar ersichtlich, ob Handlungen gegen Christen religiös motiviert sind oder nicht. Es gibt häufig mehrere, verschiedene Motive, darunter Machtkämpfe. Dies schließt jedoch nicht zwangsläufig eine antichristliche Motivation aus.

  •  Am 11. Juli 2019 gab es einen Bombenanschlag auf die syrisch-orthodoxe Kirche der Heiligen Jungfrau Maria in Kamishli im Nordosten des Landes. Berichten der staatlichen Medien zufolge wurden elf Zivilisten verletzt, das Tor zur Kirche verbeult und umliegende Geschäfte massiv beschädigt.
  • Am 8. Juli 2019 verschwand die armenische Christin Suzan Der Kirkour (60 Jahre alt), die im Gouvernement Idlib gelebt hatte. Als ihre Leiche einen Tag später gefunden wurde, ergab die Autopsie, dass Suzan etwa neun Stunden lang gefoltert und mehrmals vergewaltigt worden war. Danach wurde sie gesteinigt.
  •  Am 12. Mai 2019 geriet die christliche Stadt al-Suqailabiyya unter schweren Beschuss. Fünf Kinder, die während des Sonntagsschulunterrichts in der Nähe eines Klosters gespielt hatten, und ihr Sonntagsschullehrer starben im Geschützfeuer. Vier weitere Kinder wurden verletzt. Eine Woche später starb ein sechstes Kind an seinen Verletzungen. Al-Suqailabiyya liegt in von der Regierung kontrolliertem Gebiet, nah an der Grenze zur Provinz Idlib, die von der Gruppe „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS) kontrolliert wird. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seien „diejenigen hinter dem Angriff vermutlich islamische Kämpfer, die gezielt die religiöse Gemeinschaft angegriffen haben“.
  • „Syrians for Truth and Justice“ berichtete, dass im November 2018 „HTS 400 Häuser und 50 Geschäfte in der Provinz Idlib, die Christen gehört hatten, beschlagnahmt habe“. Berichten zufolge erachtet die gewalttätige islamistische Gruppe diese Art Eigentum als Kriegsbeute. Wenn HTS schon in einem Monat so viel Eigentum beschlagnahmt hat, wird die Gesamtzahl im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex wahrscheinlich höher sein. Weil sie ihren Besitz verloren haben oder ihre Rechte verletzt wurden, sind die meisten Christen in Idlib in von der Regierung kontrollierte Gebiete oder ins Ausland geflohen.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 82 Punkten belegt Syrien den 11. Platz auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2020. Damit hat sich die Punktzahl und Platzierung gegenüber dem Vorjahr nicht geändert.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Die Haupttriebkraft der Verfolgung in Syrien ist „Islamische Unterdrückung“. Sie ist für die meisten Handlungen gegen Christen verantwortlich. Militante Anhänger islamisch-extremistischer Gruppen wie die der Al Kaida verbundenen Gruppe HTS oder von „Dshaish al-Islam“ sind derzeit die stärksten Verfolger von Christen in Syrien. Im Nordwesten Syriens und über den nördlichen Teil des Landes bis al-Hasaka operieren sie offen.

Vor dem Bürgerkrieg hatten Christen eine relativ große Freiheit, ihren Glauben zu praktizieren. Das änderte sich mit dem Auftreten islamisch-extremistischer Gruppierungen. Das Kalifat des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) schloss Ende 2014 große Teile Syriens und des Irak ein, und eine strenge Version der Schariagesetze wurde eingeführt. Die meisten Christen flohen aus den vom IS kontrollierten Gebieten. Doch seit Anfang 2016 verlor der IS mehr und mehr Gebiete, bis sein Kalifat im März 2019 endgültig zerschlagen wurde. Die Gefahr von Vergeltungsschlägen durch den IS existiert allerdings weiterhin; die Gruppe führt immer wieder ausgeklügelte Angriffe mit unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen (USBVs) in großen Teilen Syriens aus.

Militante Islamisten kontrollieren zurzeit weniger als 25 Prozent der Fläche Syriens. Islamische Unterdrückung ist jedoch auch in Gebieten präsent, die von der Regierung kontrolliert werden, und betrifft insbesondere Christen muslimischer Herkunft. Sie erfahren Verfolgung vonseiten ihrer Familie und ihres sozialen Umfelds. Ein gewisser Druck wird auch auf gebürtige Christen ausgeübt. In christlichen Vierteln Aleppos erschienen während des Ramadans 2019 beispielsweise Poster, die christliche Frauen dazu drängten, sich zu verschleiern.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen

Die in Syrien herrschende Stammeskultur ist von der Loyalität dem eigenen Stamm oder der Familie sowie den alten Normen und Werten gegenüber bestimmt. Wie in vielen Ländern des Nahen Ostens ist die Stammeskultur stark vom Islam beeinflusst. Dies wirkt sich besonders auf Christen muslimischer Herkunft aus. Die Stärke dieser Verfolgungstriebkraft variiert je nach Größe einer Stadt und nach Region. Die kurdischen Gebiete im Norden sowie die Wüstenregion in der Landesmitte sind besonders stark betroffen.

In den kurdischen Gebieten ist die ethnische Herkunft ein wichtiger Faktor im Konflikt zwischen Türken und Kurden. Die türkischen Streitkräfte, die im März 2018 die zumeist kurdischen Gebiete um Afrin im Nordwesten des Landes einnahmen, nutzten laut Berichten „dschihadistische Gruppen einschließlich Kämpfern des IS und Al Kaidas, um alle Kurden und andere ethnische und religiöse Minderheiten entlang der Grenze zu vertreiben“. Zu diesen religiösen Minderheiten gehören auch Christen, zumeist Armenier und Assyrer.

Diktatorische Paranoia

Inzwischen ist diese Triebkraft weniger bei der Regierung, sondern hauptsächlich bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile Syriens kontrollieren und entschlossen sind, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben. Vor dem Bürgerkrieg zeigte sich die Triebkraft „Diktatorische Paranoia“ vor allem in dem Verhalten der Regierungsbeamten, die Kirchen überwachten, beispielsweise Predigten auf politische Inhalte hin überprüften. Die Behörden versuchten auch, den Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen oder jedem anderen Glauben zu verhindern, da ein Glaubenswechsel als Bedrohung für die gesellschaftliche Stabilität und als Quelle für Konflikte zwischen Gruppierungen gesehen wurde. Letzteres ist weiterhin relevant: Das wichtigste Ziel für die Regierung ist es, die gesellschaftliche Stabilität zu sichern, anstatt religiöse Minderheiten wie Christen zu schützen. Die Regierung geht vor allem dann gegen Christen (oder jede andere Gruppe) vor, wenn sie, oder eine andere lokale Institution, sie als Bedrohung für den Status Quo wahrnimmt. Dazu können Evangelisation oder kirchliche Angebote für Muslime zählen. Wegen des Krieges ging die Überwachung der syrischen Bürger durch die Regierung zurück. Doch jetzt, wo die Regierung wieder die Oberhand gewonnen hat, nimmt die Überwachung Berichten zufolge wieder zu.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Diese Triebkraft ist in Syrien im Kontext des Krieges zu sehen, mit dem Anarchie und Straffreiheit einhergehen. Korruption ist weit verbreitet und betrifft sogar den Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe. Menschen nutzen die Gelegenheit, sich selbst zu bereichern, beispielsweise durch Entführungen mit Lösegeldforderungen. Syrer verschiedener religiöser Hintergründe sind davon betroffen. Für die Entführung von Christen gibt es finanzielle, aber auch politische und ideologische Motive. Christen stehen in dem Ruf, wohlhabend und regimetreu zu sein. Hinzu kommt, dass sie Teil einer besonders verwundbaren nichtmuslimischen Minderheit sind. Christen haben keine politische Macht oder Beziehungen zu Personen in hohen Ämtern, weshalb sie ein „leichtes Ziel“ sind.

Konfessioneller Protektionismus

Während des Krieges entstanden viele Beziehungen zwischen traditionellen Kirchen und protestantischen Freikirchen. Meist wurden diese Beziehungen durch persönliche Kontakte zwischen Priestern und Pastoren geknüpft. Einige Leiter der traditionellen Kirchen lehnen es jedoch ab, Beziehungen zu protestantischen Freikirchen zu knüpfen. Sie beschuldigen manche der Mitglieder protestantischer Freikirchen, ihr Heimatland zu verraten und westliche politische Ziele zu verfolgen. Dadurch machen sie sich in den Augen der Behörden verdächtig. Außerdem gibt es Berichte, dass viele Leiter traditioneller Kirchen Christen muslimischer Herkunft offiziell und inoffiziell nicht als Christen anerkennen würden.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

  • Gewalttätige religiöse Gruppen und revolutionäre oder paramilitärische Gruppen: Manche der Oppositionsgruppen sind islamistischer eingestellt als andere. Beispielsweise hatten in der Anfangszeit der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) einige FSA-Einheiten ziemlich klare politisch-revolutionäre Ziele, ohne dass religiöse Aspekte dominierten. Doch als sich der Konflikt in die Länge zog, gab es deutliche Hinweise auf eine islamische Radikalisierung. Die Gruppen mit einer extremistischen islamistischen Zielsetzung stellen unter den verschiedenen revolutionären und paramilitärischen Gruppierungen die größte Bedrohung für Christen und andere Minderheiten (etwa Muslime, die für häretisch gehalten werden) dar. Diese meist salafistischen Gruppen haben alle zu gewalttätiger Verfolgung von Christen und anderen Minderheiten beigetragen – insbesondere (aber nicht nur) der IS und die der Al Kaida verbundene Gruppe HTS – und stellen weiterhin eine extreme Bedrohung für christliches Leben, besonders in Nordsyrien, dar.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: In den immer kleiner werdenden Gebieten, die von oppositionellen islamistischen Gruppierungen kontrolliert werden, verfolgen islamische Leiter typischerweise eine Politik der Marginalisierung von Christen und anderen Minderheiten. Häufig werden diese auch dazu gezwungen, in andere Regionen zu fliehen. In diesen Gebieten ist es jedoch schwer, zwischen religiösen Leitern und gewalttätigen religiösen Gruppen zu unterscheiden. In sozialen Medien kursierten Videos, die zeigten, wie türkische Scheichs dafür beteten, dass türkische Soldaten die kurdischen Gebiete erobern und zurück zum Islam bringen möchten – koste es, was es wolle. Hassreden gegen Christen durch islamische Leiter kommen auch in von der Regierung kontrollierten Gebieten vor, obwohl sie eigentlich verboten sind und auch schon zur Entziehung der Lizenz zum Predigen in Moscheen geführt haben. Muslimische geistliche Leiter üben direkt oder indirekt (durch die Familien oder Sicherheitskräfte) Druck auf Christen muslimischer Herkunft aus.
  • (Groß-)Familie, Anführer ethnischer Gruppen und gewöhnliche Bürger: Wie in anderen Ländern des Nahen Ostens bedeutet eine Hinwendung vom Islam zum christlichen Glauben in Syrien, massiv von der Familie, dem Stamm und der Gesellschaft unter Druck gesetzt zu werden. Feindschaft vonseiten der Familie ist die Hauptquelle, von der auf Christen muslimischer Herkunft Druck ausgeübt wird. Die Angst vor einer gewalttätigen Reaktion der (Groß-)Familie spielt hierbei eine bedeutsame Rolle. Führer ethnischer Gruppen als Verfolger ausgehend von Islamischer Unterdrückung sind größtenteils Stammesführer.

Ausgehend von Ethnisch oder traditionell begründeten Anfeindungen

  • (Groß-)Familie, Anführer ethnischer Gruppen und nichtchristliche religiöse Leiter: Die Familie, der Stamm, Anführer ethnischer Gruppen und nichtchristliche religiöse Leiter setzen Christen muslimischer Herkunft unter Druck. Sie wirken besonders stark als Verfolger ausgehend von „Ethnisch oder traditionell begründeten Anfeindungen“ in den kurdischen Gebieten im Norden, sowie in der Wüstenregion in der Landesmitte. Zudem berichten assyrische Gemeinschaften davon, durch sehr bestimmt auftretende kurdische Behörden marginalisiert zu werden.
  • Gewöhnliche Bürger: Einen anderen Glauben anzunehmen wird, wenn es entdeckt wird, als Verrat an den Werten der Gesellschaft gesehen und führt zu starkem Widerstand. Ethnische Herkunft und Religionszugehörigkeit sind eng verwoben. Deshalb sind hier dieselben Dynamiken am Werk wie unter Islamischer Unterdrückung beschrieben.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

  • Gewalttätige religiöse Gruppen und revolutionäre oder paramilitärische Gruppen: Diktatorische Paranoia als Triebkraft der Verfolgung ist gegenwärtig in Syrien hauptsächlich bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile des Landes kontrollieren und entschlossen sind, mit allen Mitteln ihre Macht zu erhalten. Militante islamische Gruppen haben zudem viele Grundstücke von Christen in ihren Besitz gebracht. Ältere Christen, die ihre Häuser nicht verlassen haben, stehen beständig in der Gefahr, von Kämpfern dieser Gruppen getötet oder entführt zu werden, damit diese ihre Häuser ebenfalls in Besitz nehmen können. Im Nordosten des Landes haben zudem die kurdischen Behörden in vielen Fällen versucht, sich die Häuser von geflohenen Christen anzueignen. Auch in von der Regierung kontrollierten Gebieten gab es Versuche, Besitz von Kirchen zu annektieren, wie etwa das Kloster von Aleppo.
  • Regierungsbeamte: Präsident Baschar al-Assad betont die Verpflichtung seines Regimes zu Pluralismus und interreligiöser Toleranz. Besonders zu traditionellen christlichen Kirchen hat er eine positive Einstellung. Im Allgemeinen jedoch nutzen diejenigen, die in Syrien einflussreiche Positionen besetzen, Machtspiele und Kontrolle, um ihren Einfluss zu erhalten. Sunnitische Beamte der Lokalbehörden überwachen alle anderen religiösen Gruppen besonders genau und sind dafür bekannt, die Aktivitäten evangelikaler Christen und Christen muslimischer Herkunft einzuschränken, um gesellschaftliche Unruhen zu unterbinden. Dabei kommt es auch zu Verhören und Überwachung. Die Initiative dazu geht manchmal von der Familie des Christen muslimischer Herkunft oder sogar von Leitern traditioneller Kirchen aus. Nicht zuletzt berichten manche, dass christlichen Soldaten in der syrischen Armee gefährlichere Aufgaben übertragen werden und dass christliche Beamte schlechter behandelt werden als ihre Kollegen.

Ausgehend von Organisiertem Verbrechen und Korruption

  • Gewalttätige religiöse Gruppen, Kartelle oder Netzwerke des organisierten Verbrechens: Christen wurden zur Zielscheibe von Entführungen durch Netzwerke des organisierten Verbrechens, einschließlich des IS. Dies kommt inzwischen jedoch nur noch sporadisch vor. Auch wenn hier ein religiöser Aspekt eine Rolle spielt, ist das eigentliche Motiv für die Banden und Kriminellen zumeist Geld – und Christen gelten als reich. Korruption ist im Land weit verbreitet und Bestechungsgelder sind Teil des alltäglichen Lebens, wann immer ein Syrer mit den Behörden zu tun hat. Will man etwa einen militärischen Kontrollpunkt passieren, muss man häufig Bestechungsgelder zahlen oder wird ernsthaft bedroht. Christen drusischer Herkunft stehen außerdem in Gefahr, von militanten drusischen Gruppierungen entführt zu werden. Hier spielen wieder sowohl finanzielle als auch religiöse Motive eine Rolle. Diese Christen drusischer Herkunft sind besonders verletzlich, da sie nicht von Milizen oder lokalen Behörden geschützt werden.

4. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Besonders in den letzten Stützpunkten militanter islamischer Kontrolle in den Provinzen Idlib im Nordwesten und al-Hasaka im Nordosten sind Christen Druck ausgesetzt. Dort greift der IS weiterhin Zivilisten und Kirchen an. Zwar stehen Christen muslimischer Herkunft im ganzen Land unter Druck, jedoch im Nordwesten und Nordosten ist es für sie besonders gefährlich.

5. Betroffene Christen

Christen aus drei der vier im Weltverfolgungsindex unterschiedenen Kategorien existieren in Syrien und sind von Verfolgung betroffen, die in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg steht.

Christen aus traditionellen Kirchen

Hierbei handelt es sich zumeist um Syrisch-Orthodoxe und Römisch-Katholische Christen. Als größte christliche Gruppe im Land werden Mitglieder traditioneller Kirchen gezielt angegriffen. Sie leben im ganzen Land und damit auch in den Kampfgebieten. Aus dieser Gruppe sind aufgrund ihrer öffentlichen Präsenz besonders die Leiter betroffen. Geistliche der traditionellen Kirchen sind leicht an ihrer Kleidung erkennbar, was sie manchmal zu einem einfachen Angriffsziel macht. Angehörige dieser Konfessionen sind auch wegen der markanten Kirchengebäude oft leichter zu identifizieren als Christen anderer Kategorien. Hinzu kommt, dass viele von ihnen engere wirtschaftliche oder soziale Kontakte zu staatlichen Stellen pflegen. Wofür Denominationen, Kirchengemeinden und lokale Gemeindeleiter jeweils politisch stehen, hat großen Einfluss auf das Maß an Verfolgung und Unterdrückung, die sie von den Gruppen erfahren, die gegen Präsident al-Assad kämpfen. Entscheidend dafür ist, wie sich eine Gemeinde oder ein Christ in der Vergangenheit in politischer Hinsicht positioniert hat: Wurde Präsident Assad offen unterstützt, war man um Neutralität bemüht, hat man sich distanziert oder gar gegen ihn opponiert?

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Christen muslimischer oder drusischer Herkunft werden von ihren Familien besonders unter Druck gesetzt, da ihr Abfall vom Islam eine große Schande über die Familie bringt. Dies gilt besonders in mehrheitlich von Sunniten bewohnten Regionen, wo ihnen die Verstoßung durch ihre Familien oder Schlimmeres droht. Als Folge der wachsenden Radikalisierung des Islam ist die Intensität der Verfolgung von Christen muslimischer Herkunft durch die eigene Familie und die Gesellschaft besonders in den von Rebellen kontrollierten Gebieten gestiegen. In den Kurdengebieten ist der von der Familie ausgehende Druck etwas weniger stark, weil die kurdischen Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind. Da die Behörden gegenwärtig andere Prioritäten zu setzen haben, wird von ihnen anders als in früheren Jahren kaum noch Druck auf Christen muslimischer Herkunft ausgeübt.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Baptisten, evangelikale Christen und Christen aus Pfingstgemeinden sind stark gefährdet, da sie für ihre Nähe zum Westen bekannt sind und oft nur über eine lose Organisation und keine starke Leiterschaftsstruktur verfügen. Zudem haben sie keinen prominenten Fürsprecher im Ausland (wie etwa einen Papst oder Bischof), der ihr Anliegen öffentlich vorbringen könnte. Die meisten dieser Gemeinschaften haben keine vollständige offizielle Anerkennung und keinen legalen Status. Protestantische Freikirchen gibt es in verschiedenen Regionen des Landes, vor allem in von der Regierung kontrollierten Gebieten und den Kurdengebieten. Diejenigen, die sich in Gebieten befinden, die von islamistischen Gruppierungen besetzt sind, sind am stärksten von Gewalt betroffen. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gibt es auch gewissen Druck durch die traditionellen Kirchen.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

 

Privatleben 13.5
Familienleben 14.2
Gesellschaftliches Leben 13
Leben im Staat 13.9
Kirchliches Leben 14.4
Auftreten von Gewalt 12.6

 

Grafik: Verfolgungsmuster Syrien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen in allen Lebensbereichen hat ein extremes Ausmaß und liegt wie im Vorjahr bei 13,8 Punkten.
  • In drei Lebensbereichen hat die Verfolgung ein extremes Maß: Am stärksten ist der Druck in den Bereichen „Kirchliches Leben“ (14,4 Punkte), „Familienleben“ (14,2) und „Leben im Staat“ (13,9). In den Bereichen „Privatleben“ (13,5 Punkte) und „Gesellschaftliches Leben“ (13,0) war der Druck auch sehr hoch. Dies ist typisch für eine Situation, in der Islamische Unterdrückung in Kombination mit Diktatorischer Paranoia die Hauptverfolgungstriebkräfte sind.
  • Druck durch Islamische Unterdrückung entsteht hauptsächlich durch das soziale Umfeld in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“, „Gesellschaftliches Leben“ und „Kirchliches Leben“.
  • Der Wert für das „Auftreten von Gewalt“ sank im Vergleich zum Vorjahr von 13,0 auf 12,6 Punkte. Dies beruht vor allem auf einem leichten Rückgang an Angriffen auf christliche Gebäude (fünf Angriffe im Berichtszeitraum des WVI 2020, sieben im Vorjahr).

Zu jedem der Lebensbereiche sind im Folgenden jeweils ausgewählte Teilaspekte genannt, die im betreffenden Lebensbereich für die Christen zu den gravierendsten Schwierigkeiten gehören.

Privatleben

  • Es ist ein Risiko für Christen, über ihren Glauben mit anderen als mit ihren engsten Familienangehörigen zu sprechen: In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, ist es für alle Christen gefährlich, mit Nichtchristen über ihren Glauben zu sprechen. Im Rest des Landes ist dies besonders für Christen muslimischer Herkunft riskant. Doch auch andere Christen müssen vorsichtig sein, da ein Gespräch über den Glauben als versuchte Evangelisation interpretiert werden könnte, was gesetzlich verboten ist. Der zerbrechliche Frieden zwischen den unterschiedlichen Religionen wurde in der Vergangenheit dadurch gesichert, dass alles, was als Angriff auf den Glauben oder als Evangelisationsversuch verstanden werden könnte, vermieden wurde.
  • Eine Hinwendung zum christlichen Glauben wird abgelehnt, verboten oder bestraft: Gemäß den staatlichen Gesetzen ist es Muslimen verboten, einen anderen Glauben anzunehmen, da dies islamischem Recht widerspricht. Deshalb unterbinden die Regierung und andere religiöse Gruppen einen Glaubenswechsel massiv, auch wenn dieser nicht als kriminell gilt. In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen besetzt werden (zum Beispiel die Provinz Idlib, die momentan von HTS-Kämpfern kontrolliert wird), kann die Abkehr vom Islam im Allgemeinen mit dem Tod bestraft werden. In den von Kurden kontrollierten Gebieten sind ehemalige Muslime dem Druck der Gesellschaft und Öffentlichkeit ausgesetzt. Der stärkste Druck geht dabei von ihren Familien aus.
  • Es ist gefährlich, christliches Material zu besitzen oder aufzubewahren: Dies gilt vor allem für Christen muslimischer Herkunft. Es kann ernsthafte negative Konsequenzen haben, wenn ein Mitglied ihrer Familie oder ihres sozialen Umfelds, das dergleichen ablehnt, entdeckt, dass sie eine Bibel oder andere christliche Materialien besitzen. In Gebieten, die von islamistischen Gruppen kontrolliert werden, kann es sehr gefährlich für Christen muslimischer Herkunft werden, wenn bei ihnen christliche Materialien entdeckt werden, da dadurch ihr Glaubenswechsel ans Licht kommen könnte.
  • Es ist gefährlich für Christen, ihrem Glauben in schriftlicher Form persönlich Ausdruck zu geben, etwa in Internetblogs oder auf Facebook: In den Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, ist dies für alle Christen riskant. Im Rest des Landes lösen solche Äußerungen vor allem bei der Familie und dem sozialen Umfeld von Christen muslimischer Herkunft feindselige Reaktionen aus. In kurdischen Gebieten können diese Reaktionen weniger heftig ausfallen, da dort bis auf die Zone, die momentan von der Türkei kontrolliert wird, mehr Toleranz herrscht. In von der Regierung kontrollierten Gebieten ist es für gebürtige Christen (das heißt von Christen christlicher Herkunft) nicht gefährlich, ihrem Glauben in schriftlicher Form Ausdruck zu geben – solange es sich um reine Äußerungen des Glaubens und nicht um kontroverse Aussagen handelt; und solange politische Themen, andere Glaubensansichten oder Evangelisation nicht erwähnt werden.

Familienleben

  • Christlichen Ehepartnern von Nichtchristen wird im Falle einer Scheidung das Recht abgesprochen, das Sorgerecht für die Kinder in Anspruch nehmen zu können: Reicht der muslimische Ehepartner eines Christen mit muslimischem Hintergrund oder – was seltener vorkommt – eines gebürtigen Christen die Scheidung ein, bekommt normalerweise der Muslim das Sorgerecht zugesprochen. Christliche Mütter treten deshalb manchmal zum Islam über, damit sie ihre Kinder behalten können.
  • Kinder von Christen muslimischer Herkunft werden automatisch unter der Mehrheitsreligion registriert. Da ihre Eltern ihre Glaubenszugehörigkeit nicht offiziell ändern lassen können, werden Kinder von syrischen Christen muslimischer Herkunft automatisch als Muslime registriert.
  • Die Geburt, Hochzeit oder den Tod von Christen registrieren zu lassen, wird be- oder verhindert: In Syrien gibt es keinen rechtlichen Rahmen für Hochzeiten zwischen einer Christin muslimischer Herkunft und einem Christen. Ihre christliche Hochzeit gilt als illegal. Die Kinder von Christen muslimischer Herkunft gelten von Geburt an als Muslime. Stirbt ein Christ muslimischer Herkunft, ist es normal für seine muslimische Familie, ihn nach islamischem Ritus zu beerdigen.
  • Christliche Paare werden aufgrund ihres Glaubens daran gehindert, Kinder zu adoptieren oder Pflegekinder aufzunehmen: In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, gilt, dass Christen überhaupt nicht adoptieren dürfen. In den anderen Gebieten dürfen laut Gesetz nur katholische Christen ein Kind adoptieren – und auch nur, wenn das Kind selbst katholisch ist. Christen anderer Denominationen dürfen keine Kinder adoptieren. Das islamische Recht sieht darüber hinaus auch keine Adoptionen muslimischer Kinder vor.
  • Wegen des christlichen Glaubens ihrer Eltern werden Kinder diskriminiert oder schikaniert: In den von der Regierung kontrollierten Gebieten haben islamische Inhalte im Bildungsbereich zugenommen. Kinder von Christen stehen deshalb mehr unter Druck. Kinder, die ursprünglich aus von Islamisten kontrollierten Gebieten stammen, sind dementsprechend vorgeprägt, so dass sie Vorbehalte gegenüber sogenannten „Ungläubigen“ mitbringen: gegenüber Alawiten, Christen und Kurden. Kinder von Christen muslimischer Herkunft gelten als Muslime und werden häufig schikaniert und diskriminiert, wenn der christliche Glaube ihrer Eltern bekannt ist. In den Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen oder kurdischen Kräften kontrolliert werden, sind Christen aller Kategorien von Diskriminierung betroffen.

Christen muslimischer Herkunft erleben besonders intensive Verfolgung in diesem Lebensbereich, wenn ihr neuer Glaube bekannt wird. In den kurdischen Gebieten ist der Druck jedoch etwas weniger stark. Christen muslimischer Herkunft haben zudem keine Möglichkeit, ihre Religionszugehörigkeit in ihren Ausweispapieren ändern zu lassen. Eine Ausnahme stellen die kurdischen Gebiete dar, in denen dies kürzlich möglich gemacht wurde. Christen mit muslimischem Hintergrund können sich außerdem nicht christlich taufen, trauen oder bestatten lassen. In den Gebieten, die von militanten Islamisten kontrolliert werden, betreffen diese Probleme alle Christen. Im ganzen Land wird christlichen Ehepartnern von Muslimen im Falle einer Scheidung meistens das Sorgerecht für die Kinder entzogen.

Gesellschaftliches Leben

  • Christen stehen durch ihr soziales oder privates Umfeld unter Beobachtung. Sie werden beispielsweise bei der Polizei angezeigt, beschattet, ihre Telefongespräche werden mitgehört, E-Mails gelesen oder zensiert: Die Beobachtung und Überwachung von Christen erstreckt sich auf ganz Syrien. Besonders sind Christen betroffen, bei denen bekannt ist, dass sie muslimischer Herkunft sind, und bei Christen aus protestantischen Freikirchen. Zudem wird jede Predigt überwacht und kontrolliert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass von den Behörden und ihren Informanten im gesamten Land regelmäßig informelle Routine-Überwachungen aller christlichen Gemeinschaften durchgeführt werden. Die Situation ist jedoch in den Gebieten besonders ernst, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden.
  • Christen werden von ihrem sozialen Umfeld unter Druck gesetzt, ihrem Glauben abzusagen: Dies geschieht dann, wenn bekannt wird, dass ein Muslim den christlichen Glauben angenommen hat, und gilt insbesondere für konservativere muslimische Familien. Sie setzen dadurch die Bestimmungen des islamischen Rechts um, die bezüglich Apostasie besagen, dass jemand, der sich vom Islam lossagt, die Möglichkeit bekommen soll umzukehren. Druck dieser Art wurde in der Anfangszeit des Bürgerkrieges in von Islamisten kontrollierten Gebieten auch auf Christen ausgeübt: Der IS stellte Christen beispielsweise vor die Wahl, entweder zum Islam zu konvertieren, zu fliehen, eine Schutzsteuer zu bezahlen oder getötet zu werden. Die meisten der Christen in Syrien stammen nicht aus Gebieten, die von Islamisten kontrolliert wurden oder werden, weshalb sie durch solcherlei Forderungen nicht betroffen waren. Die meisten derjenigen, die dieser Bedrohung ausgesetzt waren, flohen aus den entsprechenden Gebieten. Dies geschah schon vor dem Berichtszeitraum des WVI 2020. Ihr Widerwillen in ihre Häuser zurückzukehren, zeigt jedoch unter anderem ihre Angst, dass die Islamisten als Bedingung ihrer Rückkehr von ihnen erwarten, den Islam anzunehmen.
  • Christen erfahren wegen ihres Glaubens Benachteiligungen im Bereich der Bildung (beispielsweise eingeschränkter Zugang zu Bildung): Dies gilt in ganz Syrien für die Familien von Christen muslimischer Herkunft – insbesondere in Bezug auf ihren Zugang zu christlicher Bildung. Im staatlichen Bildungssystem hängt der jeweilige Religionsunterricht von der Konfessionszugehörigkeit ab; und Christen muslimischer Herkunft gelten als Muslime. In einigen von der Opposition kontrollierten Gebieten stehen auch Christen unter diesem Druck, etwa wenn christliche Schulen zwangsweise schließen müssen oder die Lokalbehörden in den Kurdengebieten anordnen, dass kurdische Bildungspläne eingehalten werden müssen. In Idlib werden Christen in allen Bildungsstufen stark diskriminiert. Darüber hinaus werden an allen Universitäten, die von HTS kontrolliert werden, islamische Inhalte gelehrt, um die nächste Generation an Muslimen zu indoktrinieren.
  • Christen werden in der Erwerbstätigkeit, sei es im privaten oder öffentlichen Sektor, aufgrund ihres Glaubens diskriminiert: Dies betrifft Christen muslimischer Herkunft, deren Glaubenswechsel bekannt wird, kann aber – besonders in Gebieten, die von der Opposition kontrolliert werden – auch Christen betreffen. In Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden, ist Benachteiligung aufgrund religiöser Herkunft offiziell untersagt, so dass Christen hier hohe Ämter im Militär- und Staatsapparat besetzen. Alawiten, Mitglieder der in Syrien regierenden Denomination, bekleiden jedoch unverhältnismäßig viele hohe Positionen im Militär und im Sicherheitsdienst. Manche Christen bekleiden auch in kurdischen Gebieten staatliche Ämter. Im Großteil des Landes wird eine allgemeinere Art des wirtschaftlichen Druckes in Form von Arbeitslosigkeit ausgeübt. In Aleppo beherrschen sunnitische Muslime den Markt und stellen oft keine Christen ein. Außerdem werden Christen drusischer Herkunft in den Gebieten im Süden Syriens, die eine drusische Mehrheit haben, diskriminiert.

In von islamistischen Rebellen besetzten Gebieten ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle Christen extrem eingeschränkt. Wird bekannt, dass sich ein Muslim dem christlichen Glauben zugewandt hat, stößt er im ganzen Land auf diese Schwierigkeiten. Im Herrschaftsbereich der militanten Islamisten gelten die islamischen Kleidervorschriften für alle Bürger, auch für Christen. Dort werden Christen auch Schutzgeldzahlungen und die Beachtung besonderer Vorschriften für Handel und Ernährung einschließlich eines strikten Alkoholverbots aufgezwungen.

Leben im Staat

  • Die Verfassung oder eine vergleichbare nationale Gesetzgebung schränkt die Religionsfreiheit gemäß Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein: Die syrische Verfassung von 2012 gibt ausdrücklich an, dass der Präsident ein Muslim sein muss. Außerdem wird islamisches Recht als eine Hauptquelle der Gesetzgebung festgelegt. Dadurch ist ein Fundament für die Diskriminierung von Nichtmuslimen gelegt. Die Verfassung lehnt zwar eigentlich Diskriminierung (einschließlich der Diskriminierung aufgrund von religiöser Zugehörigkeit) ab und verpflichtet den Staat, alle Religionen zu respektieren und zu gewährleisten, dass die freie Religionsausübung geschützt wird. All dies jedoch nur unter der Bedingung, dass diese Religionen „nicht die öffentliche Ordnung stören“. Der Glaubenswechsel vom Islam zu einer anderen Religion wird nicht anerkannt. In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen besetzt werden, gilt die Scharia, was die Freiheiten aller religiöser Gruppen, die nicht sunnitisch sind, massiv einschränkt.
  • Beamte auf lokaler wie nationaler Ebene weigern sich, den Glaubenswechsel einer Person, wie er im Personalausweis oder staatlichen Personenverzeichnis angegeben ist, anzuerkennen: Wegen der Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung ist der Glaubenswechsel vom Islam zu einer anderen, nichtislamischen Religion oder Denomination in Syrien illegal. Kein Christ muslimischer Herkunft würde beantragen, dass sein Glaubenswechsel offiziell anerkannt wird, weil er weiß, dass dies sowieso nicht erlaubt würde und ihn nur unnötig in Gefahr bringen würde. In Idlib ist dieses Problem momentan besonders gravierend.
  • Christen werden durch das Gesetz und in der Praxis dazu gezwungen, gegen ihr Gewissen zu handeln, beispielsweise durch den Militärdienst oder andere Tätigkeiten: In von der Regierung kontrollierten Gebieten, müssen alle Männer zwischen 18 und 42 Jahren im Militär dienen. Andernfalls droht ihnen Gefängnisstrafe oder Zwangseinberufung. Dies ist einer der Hauptgründe, warum christliche syrische Flüchtlinge zögern, nach Syrien zurückzukehren. Das Problem der Wehrpflicht betrifft nicht nur Christen, doch manche behaupten, dass Christen und andere Minderheiten im Militär besonders gefährdet seien. In von der Regierung kontrollierten Gebieten kann eine Person außerdem zusätzlich unter Druck geraten, sich Milizen und Bürgerwehren anzuschließen. Der Weltrat der Aramäer („World Council of Arameans“) äußerte im Januar 2018 beispielsweise Besorgnis, dass Christen in kurdischen Gebieten in Nordsyrien von der kurdischen YPG ausgenutzt werden würden.
  • Christen, Kirchen oder christliche Organisationen werden daran gehindert, öffentlich religiöse Symbole zu zeigen: Traditionelle Kirchen, Baptisten-, Pfingst- oder evangelikale Gemeinden sind hiervon vor allem in den Gebieten betroffen, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden. Viele Kirchen wurden entweiht, vor allem durch die Entfernung der Kreuze. Viele der in diesen Gebieten verbliebenen Christen scheuen sich, öffentlich christliche Symbole zu zeigen, da dies als provokant aufgefasst werden könnte. Christen muslimischer Herkunft sind in ganz Syrien vorsichtig damit, christliche Symbole zu zeigen, um nicht als provokativ gesehen zu werden.

Aufgrund der gegenwärtigen Zersplitterung des Landes haben die herrschende Ungerechtigkeit und der Mangel an Strafverfolgung weiter zugenommen. In von der Regierung kontrollierten Gebieten erleben Christen im öffentlichen Leben generell keine unmittelbare Diskriminierung im Bereich „Leben im Staat“. Sie können jedoch im öffentlichen Dienst auf erschwerte berufliche Aufstiegsmöglichkeiten stoßen. Die Weitergabe des Evangeliums und die Abkehr vom Islam sind verboten und Christen muslimischer Herkunft können Diskriminierung erfahren, wenn ihr neuer Glaube bekannt wird. In von extremistischen Kräften kontrollierten Gebieten werden alle Nichtmuslime einschließlich der Christen als Bürger zweiter Klasse behandelt.

Kirchliches Leben

  • Christliche Predigten, Unterricht und/oder Publikationen werden überwacht: Seit Beginn der Syrienkrise wurden Versammlungen jeglicher Art, darunter auch Gottesdienste, überwacht. Von Kirchenleitern wird erwartet, dass sie ihre Gemeindemitglieder dazu aufrufen, die Regierung al-Assads zu unterstützen. Die meisten Kirchenleiter akzeptieren die Tatsache, dass kirchliche Aktivitäten und Lehren regelmäßig überwacht werden. Sie zensieren sich selbst, indem sie für Muslime als Provokation und Hetze empfundene Aussagen (etwa die Weitergabe des Evangeliums an Muslime oder negative Äußerungen über den Islam) vermeiden. Dazu kommt, dass dem Ministerium für religiöse Stiftungen (MRE) die Befugnis verliehen wurde, christlichen Büchern vor ihrem Verkauf eine Freigabe zu erteilen. Das Ministerium überwacht außerdem zusammen mit dem Ministerium für Bildung die Lehrpläne der syrischen Schulen – auch der christlichen Schulen. In islamistisch kontrollierten Gebieten hat öffentliche christliche Lehre keinen Platz.
  • Kirchliche Aktivitäten werden überwacht, ver- bzw. behindert oder gestört: Dies gilt hauptsächlich für die Gebiete, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden. Dort stellten im Laufe des immer noch anhaltenden Konflikts die meisten, wenn nicht sogar alle Kirchen ihren Betrieb ein oder wurden entweiht. In Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden, werden kirchliche Aktivitäten regelmäßig überwacht, vorgeblich um die Kirchen zu schützen. Diese Überwachungsmaßnahmen könnten jedoch gegen Kirchen verwendet werden, wenn provokante Predigten oder Aktivitäten festgestellt würden. Der meiste Druck liegt auf kirchlichen Gruppen und Versammlungen von Christen muslimischer Herkunft. In kurdischen Gebieten ist dieser Druck etwas weniger stark, mit Ausnahme des Gebiets, das momentan von türkischen Truppen besetzt ist.
  • Kirchen werden daran gehindert, christliche Aktivitäten außerhalb von Kirchengebäuden zu organisieren: Gemeinden werden daran gehindert, christliche Aktivitäten außerhalb der Kirchengebäude zu organisieren, da mit negativen Konsequenzen gerechnet wird. Deshalb schränken sie sich in dieser Hinsicht auch selbst ein. Inoffizielle Treffen von Christen in Privathäusern und nicht in offiziell anerkannten Kirchengebäuden haben jedoch vermutlich im Vergleich zu der Zeit vor dem Konflikt stark zugenommen – insbesondere in Gebieten, wo Kirchengebäude aufgrund von Restriktionen (zum Beispiel in einigen von Oppositionsgruppen kontrollierten Gebieten) oder Kriegsschäden nicht mehr genutzt werden können. In Gebieten, die von islamistischen militanten Gruppen kontrolliert werden, ist es Gemeinden verboten, Aktivitäten außerhalb von Kirchengebäuden durchzuführen. Christen muslimischer Herkunft können nicht öffentlich christliche Aktivitäten außerhalb von Kirchen abhalten.
  • Kirchen werden davon abgehalten, Christen muslimischer Herkunft öffentlich aufzunehmen: Schon seit jeher ist in Syrien die Aufnahme von Christen muslimischer Herkunft in offiziell anerkannte Kirchen nicht gern gesehen. Dies wird damit begründet, dass dies zu Sektierertum führen oder Konflikte zwischen unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften heraufbeschwören könnte. Außerdem könnte es potenziell ein Grund für strafrechtliche Verfolgung sein. Protestantische Freikirchen sind im Allgemeinen offener gegenüber Christen muslimischer Herkunft eingestellt. In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, ist die öffentliche Aufnahme von Christen muslimischer Herkunft jedoch undenkbar und sehr gefährlich.

In den von Islamisten beherrschten Gebieten sind die meisten Kirchen entweder zerstört oder zu islamischen Zentren umfunktioniert worden. Der christliche Glaube darf nicht öffentlich gezeigt werden. Kirchen und Klöster dürfen nicht repariert oder wiederaufgebaut werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Kollateral- oder einen absichtlich herbeigeführten Schaden handelt. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gab es wegen des Krieges weniger Überwachung von Christen. Dies ändert sich jedoch mit der erneut zunehmenden Macht der syrischen Regierung. Eheschließungen von Christen muslimischer Herkunft sind im ganzen Land illegal und nicht möglich.

Auftreten von Gewalt

In den chaotischen Umständen des Krieges ist oft nicht klar ersichtlich, ob Handlungen gegen Christen religiös motiviert sind oder nicht. Vorfälle, die als „Kollateralschäden“ bezeichnet werden könnten (das sind Vorfälle, bei denen bei Kämpfen zwischen Regierungs- und Rebellentruppen entweder Christen verletzt wurden oder das Eigentum von Christen beschädigt wurde) werden hier nicht aufgeführt. Es gibt oft mehrere, verschiedene Motive, darunter Machtkämpfe. Dies schließt jedoch nicht zwangsläufig eine antichristliche Motivation aus. Für die Auswertung für den WVI wurden nur Vorfälle herangezogen, bei denen es den Tätern im Voraus klar war, dass christliche Zivilisten getroffen werden würden (zum Beispiel, wenn ein mehrheitlich christliches Dorf angegriffen wurde), oder bei denen die örtliche christliche Gemeinschaft annimmt, dass antichristliche Motive vorlagen, weil die Angreifer wie beispielsweise HTS oder andere gewalttätige islamistische Gruppen einer antichristlichen Ideologie folgen.

  • Mindestens zehn Christen wurden im Berichtszeitrum wegen ihres Glaubens getötet (Beispiele siehe oben).
  • Im Kamishli gab es einen Autobombenanschlag auf eine Kirche. Weitere Vorfälle andernorts im Berichtszeitraum beinhalten die Schließung einer Kirche von Christen muslimischer Herkunft, die Schließung eines christlichen Zentrums, sowie die Entweihung mindestens einer Kirche durch von der Türkei unterstütze Milizen.
  • Bei dem Anschlag auf die Kirche in Kamishli wurden laut offiziellen Medienberichten elf Menschen verletzt.
  • Ein weiteres Beispiel aus dem aktuellen Berichtszeitraum ist die Verhaftung eines Christen muslimischer Herkunft. Er wurde verhaftet, nachdem seine persönliche Geschichte und sein Glaubenswechsel veröffentlicht worden waren.

7. Verfolgungssituation für Männer und Frauen

Wie Frauen Verfolgung erfahren:

  • Entführung
  • Verweigerung des Sorgerechts für Kinder
  • Verweigerung des Rechts, einen christlichen Ehepartner zu heiraten (gilt für Christinnen muslimischer Herkunft)
  • Beschlagnahme von Erbschaft und Besitz
  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Erzwungene Einhaltung religiöser Kleidungsvorschriften
  • Zwangsscheidung
  • Zwangsverheiratung
  • (Haus-)Arrest durch die Familie
  • Menschenhandel
  • Ermordung
  • Körperliche Gewalt
  • Sexuelle Gewalt

Im Kontext von Krieg und Einschränkungen der Religionsfreiheit, stehen Frauen und Mädchen aus religiösen Minderheiten, also auch Christinnen, in Gefahr von sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Das kann in von der Regierung kontrollierten Regionen genauso geschehen wie in Rebellengebieten, wobei die Bedrohung in letzteren größer ist. Es gibt zwar auch Berichte von sexueller Gewalt gegenüber Männern und Jungen, doch sind Frauen um ein Vielfaches davon stärker betroffen. Durch die Wiedereinführung von weiblicher Sklaverei durch islamistische Gruppen wurde sexuelle Gewalt gegen Frauen normalisiert. Die Gruppenvergewaltigung von der armenischen Christin Suzan Der Kirkour und ihr anschließender Mord im Juli 2019 ist nur ein Beispiel für eine religiös motivierte Handlung gegen Christinnen.

Gefahr für christliche Frauen und Mädchen kommt jedoch nicht nur von gewaltbereiten islamistischen Gruppen. Christinnen mit muslimischem Hintergrund können bei Bekanntwerden ihres Glaubenswechsels Gewalt auch von der Familie erfahren. Frauen sind in der islamischen Kultur von Ehre und Scham besonders gefährdet. Die Abwendung vom Islam ist ein großes Tabu und verletzt die Familienehre schwer. Konsequenzen können Übergriffe und sogar Ehrenmorde sein. Außerdem gibt es allgemein für Mädchen und Frauen in der Praxis (oder auch laut Gesetz) nur wenig Schutz vor Gewalt in der Familie. Außerdem droht Christinnen muslimischer Herkunft Entführung und/oder die Zwangsverheiratung mit einem Muslim.

Für Christen mit muslimischem Hintergrund kommt der meiste Druck gewöhnlich von Familie und Umfeld. Dieser Druck betrifft am stärksten Frauen und Mädchen, danach junge Männer. Am wenigsten sind ältere Männer betroffen. Das spiegelt die unterschiedlichen Stufen von Status und Freiheit innerhalb der islamischen Kultur wider.

Gemäß der Scharia darf eine Muslima keinen Christen heiraten (wohl aber ein Muslim eine Christin). Das macht eine Heirat zwischen einer Christin muslimischer Herkunft und einem Christen aus einer der anderen Kategorien illegal.

Christinnen mit muslimischem Hintergrund, die mit einem Muslim verheiratet sind, droht die Scheidung, insbesondere, wenn die Schwiegereltern von ihrem neuen Glauben erfahren. Sehr wahrscheinlich wird ihnen dann das Sorgerecht für die Kinder entzogen. Obwohl es stark auf die Einstellung der muslimischen Familie ankommt, spricht die Scharia dem muslimischen Mann das Sorgerecht für die Kinder zu. Das Risiko, die Kinder an die Verwandten zu verlieren, ist also sehr hoch. Dies ist besonders problematisch für Christinnen, die mit Christen muslimischer Herkunft verheiratet sind, da letztere gemäß Scharia noch immer als Muslime gelten. Deshalb ist es für Christinnen muslimischer Herkunft und Christinnen, die mit einen Muslim verheiratet sind, äußerst schwierig, ihre Kinder christlich zu erziehen. Eine christliche Frau, die mit einem Muslim verheiratet ist, hat nur dann Anspruch auf das Erbe ihres Ehemannes, wenn sie zum Islam konvertiert.

Wie Männer Verfolgung erfahren:

  • Entführung
  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Zwangsrekrutierung zum Militärdienst
  • Ermordung

Eine große Sorge syrischer Christen ist, dass junge Männer gezwungen werden, in der syrischen Armee oder anderen Milizen wie den kurdischen Truppen zu dienen. Diese Sorge gilt nicht nur für Christen, doch einigen Berichten zufolge sind Christen innerhalb der militärischen Strukturen besonderen Gefahren ausgesetzt – sie werden etwa an besonders gefährlichen Positionen eingesetzt. In Syrien sind alle Männer ab dem 18. Lebensjahr zum Militärdienst verpflichtet. In von der Regierung kontrollierten Gebieten kann eine Person außerdem zusätzlich unter Druck geraten, sich Milizen und Bürgerwehren anzuschließen. Einige Christen verweigern den Wehrdienst aus Gewissensgründen und ziehen deshalb eine Auswanderung in Betracht.

Erleiden christliche Männer Verfolgung, so leidet darunter auch ihre Familie erheblich, besonders wenn sie getötet oder entführt werden. In der syrischen Gesellschaft sind Männer traditionellerweise die Haupternährer der Familie und kommen finanziell für ihre Familie auf. Verlieren sie ihre Arbeitsstelle oder werden sie entführt oder getötet, ist die ganze Familie auf finanzielle Unterstützung von außen angewiesen, damit sie überleben kann.

Entführungen von männlichen Gemeindeleitern haben die christlichen Gemeinden nachweislich negativ beeinflusst. Wann immer ein Gemeindeleiter entführt oder getötet wurde, gingen die Zahlen von Christen, die auswanderten, in die Höhe.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Traditionell besteht die syrische Gesellschaft aus verschiedenen ethnischen und religiösen Gemeinschaften. Viele andere religiöse Minderheiten sind ebenfalls Verfolgung in verschiedener Intensität ausgesetzt, etwa Schiiten, Alawiten, Drusen, Juden, Jesiden und Zoroastrier.

Schiitische, alewitische und drusische Gemeinschaften werden von sunnitischen Dschihadisten nicht nur deswegen verfolgt, weil ihr Glaube als ketzerisch angesehen wird, sondern im Fall der Alawiten auch, weil ihnen Verbindungen zu dem jeweiligen Präsidenten aus der al-Assad-Familie vorgeworfen werden.

Insbesondere die drusische Gemeinschaft ist Opfer von Entführungen, Bombenangriffen und Morden durch den IS geworden. Schiiten und Alawiten sind jedoch auch betroffen. Als Teil von Syriens antizionistischem Narrativ wurden Juden während des Großteils der Geschichte des modernen Syriens benachteiligt. Jesiden und Zoroastrier sind zwei von Syriens Regierung nicht anerkannte kurdische Religionsgemeinschaften. Ihre Kinder werden als Sunniten registriert, in der Schule müssen sie am Islamunterricht teilnehmen. Ihre Lage war vor dem Bürgerkrieg wahrscheinlich schwieriger, da ihre Regionen inzwischen mehr und mehr durch die kurdischen Streitkräfte kontrolliert werden, was ihnen mehr Freiheiten gibt.

Beispiele:

  • Laut einem Bericht der BBC vom 30. Juli 2018 entführte der IS im Juli mehr als 30 drusische Frauen und Kinder im Südwesten Syriens. Von den Entführungen wurde berichtet, nachdem „am 25. Juli eine Serie von Selbstmordattentaten in einem Gebiet stattfand, dass mehrheitlich von der drusischen Minderheit bewohnt wird. Mehr als 200 Menschen wurden getötet.“
  • Der Bericht zur internationalen Religionsfreiheit des US-Außenministeriums 2018 beschreibt die folgenden Angriffe auf schiitische und ismailitische Muslime im Jahr 2017: „In einem Bericht vom September werden zwei Explosionen im März in der Nähe des Bab-as-Saghir-Friedhofs, einer bekannten schiitischen Pilgerstätte, festgehalten. Die Explosionen fanden innerhalb von zehn Minuten auf dem Parkplatz des Friedhofs statt, auf dem Busse für Pilger geparkt waren. Sie töteten 44 Zivilisten und verletzten 120 weitere. Der Großteil von ihnen waren schiitische Pilger aus dem Irak. HTS bekannte sich zu dem Angriff. Laut dem gleichen Bericht explodierte am 14. April eine Bombe in einem Lastwagen in al-Rashidin in der Nähe von Aleppo. Sie tötete Evakuierte aus den vor allem von Schiiten bewohnten Orten al-Fu'ah und Kafriya, die glaubten, der Lastwagen würde Lebensmittel liefern. 95 Menschen starben, darunter 68 Kinder und 13 Frauen. 276 weitere wurden verletzt, unter ihnen 42 Kinder und 78 Frauen. Schaulustige beleidigten die Religion der Opfer. Zu dem Angriff bekannte sich niemand, HTS und Ahrar al-Scham dementierten sogar explizit, etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben. Im Mai griffen Kämpfer des IS den Ort Aqariv al-Safiyah an und versuchten, das nahegelegene Dorf al-Manbouja anzugreifen. Beide Orte in Hama sind mehrheitlich von ismailitischen Muslimen bewohnt. Die Angreifer töteten 52 Zivilisten, fast alle Ismailiten. Überlebende berichteten, dass sie von den IS-Kämpfern aufgrund ihrer Religion beleidigt worden seien.“

9. Der Ausblick für Christen

Islamische Unterdrückung

Der territoriale Sieg über den IS im März 2019 bedeutet für die in den betreffenden Gebieten lebenden Menschen beachtliche Erleichterung. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Triebkraft Islamische Unterdrückung dadurch entscheidend schwächer werden wird. Der IS hat seine terroristischen Taten fortgeführt – und das nicht nur im Nahen Osten – und beweist, dass er immer noch ein ernstzunehmender Faktor in der Weltpolitik ist. Der IS treibt jedoch nicht allein die Islamische Unterdrückung voran, auch dschihadistische Milizen der sunnitischen Opposition tragen dazu bei. Islamistische Kämpfer, die Afrin kontrollieren, führten etwa ein strengeres islamisches Recht ein, das Christen zögern lässt, zurückzukehren. Wenn zudem die Rückkehr von Flüchtlingen und Binnenflüchtlingen beschleunigt wird, wie von der libanesischen Regierung vorgesehen, könnten Christen gezwungen werden, in die Gebiete zurückzukehren, in denen sie unter der Kontrolle militanter Islamisten besonders verwundbar sind. Christliche Leiter befürchten laut „Middle East Concern“ seit dem Einmarsch türkischer Truppen in den Nordosten Syriens im Oktober 2019, „dass Teile der türkischen Truppen und ihrer Verbündeten in der syrischen Opposition eine islamistische Agenda verfolgen, die nicht nur feindlich gegenüber Kurden gesinnt ist, sondern gegenüber allen Minderheiten, die keine sunnitischen Muslime sind. Diese Angst würde sich noch verstärken, wenn die Sicherheit von Gefängnissen, in denen extremistische Straftäter sitzen, nachlassen würde. Sie befürchten auch, dass der Wiederbesiedlungsplan der Türkei, nachdem Syrer, die aus anderen Gebieten geflohen sind, im Nordosten des Landes angesiedelt werden sollen, ein Programm der ‚demografischen‘ Steuerung in der Region darstellt, mit dem die Präsenz von sunnitischen Arabern verstärkt werden soll – zuungunsten von Kurden und anderen, auch Christen.“ Grundbesitz und Eigentum von Christen könnte gestohlen und in Besitz genommen werden.

Darüber hinaus gibt es Berichte einer wachsenden Zahl von Muslimen, die sich dem christlichen Glauben zuwenden. Das könnte zu einer steigenden Zahl von Fällen führen, in denen Christen muslimischer Herkunft verfolgt werden.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen

Während des Bürgerkrieges haben sowohl nationale als auch internationale Kräfte in den ländlichen Regionen gerne die Karte der Stammeszugehörigkeit ausgespielt. Als Folge sind die Stämme zersplittert und haben sich zum Teil als konkurrierende Clans gegeneinander in Stellung gebracht, was die Abhängigkeit des Einzelnen vom eigenen Stamm noch vergrößert. In diesen Umständen bieten Stammeswerte, die sich zumeist auf den Islam gründen, Sicherheit und sind besonders wichtig. In den kurdischen Gebieten ist die ethnische Herkunft ein wichtiger Faktor im Konflikt zwischen Türken und Kurden. Die türkischen Streitkräfte, die im März 2018 die zumeist kurdischen Gebiete um Afrin im Nordwesten des Landes einnahmen, nutzten laut Berichten sunnitische dschihadistische Gruppen, „um alle Kurden und andere ethnische und religiöse Minderheiten entlang der Grenze zu eliminieren“. Zu diesen religiösen Minderheiten gehören auch Christen, zumeist Armenier und Assyrer. Eine ähnliche Herangehensweise scheint sich in der türkischen Invasion nach Nordostsyrien im Oktober 2019 abzuzeichnen.

Die so gestärkte Triebkraft Ethnisch begründete Anfeindungen betrifft alle Christen der Region und wird sicherlich nicht den Druck verringern, den christliche Konvertiten von ihren Familien und ihrem Umfeld erleben. Eine Verbesserung der Situation ist kurzfristig nicht zu erwarten.

Diktatorische Paranoia

Die stärksten Verfolger ausgehend von der Triebkraft Diktatorische Paranoia sind derzeit die bewaffneten oppositionellen Gruppen in den von ihnen kontrollierten Gebieten. Die meisten islamistischen Gruppierungen sind besiegt oder in den Nordwesten des Landes verdrängt, und die syrische Regierung hat geschworen, den strategisch wichtigen Ort Idlib im Nordwesten des Landes zu befreien. Die türkischen Truppen haben jedoch auch das Ziel, ihre Macht im Nordwesten und Nordosten Syriens zu erhalten und auszudehnen. Die Sicherheitsfirma „GardaWorld“ nimmt an, dass die Kämpfe „in Nordsyrien in den kommenden Monaten“ andauern werden, „wenn Regierungstruppen in die Provinz Idlib vordringen und die von der Türkei angeführten Oppositionstruppen versuchen, eine Pufferzone in den kurdischen Gebieten entlang der türkischen Grenze einzurichten.“

Christen werden vom syrischen Regime derzeit nicht stark überwacht, da die Regierung noch immer damit beschäftigt ist, die oppositionellen Gruppen zu bekämpfen. Das könnte sich jedoch bald wieder ändern, da das Regime immer mehr Gebiete zurückerobert. Es ist anzunehmen, dass neue Sicherheitsrichtlinien eingeführt werden, die die Religionsfreiheit einschränken (besonders für Christen muslimischer Herkunft, aber auch für Christen aus protestantischen Freikirchen).

Im Oktober 2018 unterzeichnete Präsident al-Assad neue Vorschriften zur staatlichen Kontrolle der Islamlehre in Syrien. Die neuen Gesetze erweitern die Autorität des Ministeriums für religiöse Stiftungen (MRE). Damit soll sichergestellt werden, dass muslimische Geistliche die religiöse Bühne nicht nutzen, um politische Ansichten zu verbreiten. Viele dieser Geistlichen werden verdächtigt, die militanten Gruppen zu unterstützen, die gegen die Regierung arbeiten. Dem MRE wird damit bedeutend größerer Einfluss in unter anderem den Bereichen Bildung und Gesetzgebung gegeben. Auf der einen Seite scheint Assad damit seine Kontrolle über den sunnitischen Teil der Bevölkerung stärken zu wollen, auf der anderen Seite könnte er auch versuchen, den Islam zu nutzen, um das zersplitterte Land wieder zu einen. Trifft letzteres zu, könnte das dazu führen, dass Christen sich in Syrien deutlich weniger willkommen fühlen.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Der Einfluss des organisierten Verbrechens hat laut inländischen Beobachtern hinsichtlich Entführungen und Lösegelderpressungen von Christen nachgelassen. Dennoch ist er nicht ganz verschwunden. Obwohl die Anzahl der gemeldeten Entführungen rückläufig ist, wird diese Triebkraft der Verfolgung in einem Land, in dem Korruption üblich und weit verbreitet ist und Rechtsstaatlichkeit meist fehlt, in naher Zukunft kaum bedeutend an Kraft verlieren.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Syrien:

  • Die gegenwärtige politische Lage im Land ist instabil und ungewiss. Bitte beten Sie um eine Beruhigung der Lage und dass der syrische Staat zu einem wird, in dem Christen frei leben und ihren Glauben praktizieren können. Beten Sie auch um Weisheit für die internationale Gemeinschaft in ihrem Umgang mit dem Konflikt.
  • Beten Sie für die Mitglieder islamistischer Gruppen. Bitten Sie Jesus, dass er sich ihnen offenbart und sie ihn als ihren Retter erkennen und annehmen.
  • Viele syrische Gemeinden sind geschwächt, weil Gemeindeleiter entführt wurden oder wegen des Krieges das Land verlassen haben. Außerdem stehen die Gemeinden unter Überwachung durch die Regierung und haben mit anderen Einschränkungen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Bitten Sie Jesus, dass er Gemeindeleitern und Pastoren Weisheit schenkt, wie sie sich verhalten und was sie predigen sollen. Beten Sie, dass eine neue Generation von Leitern heranwächst, die ihre Gemeinden stärken und ermutigen können.

 

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