Länderprofil Syrien

Syrien

15
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Syrien
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Präsidialrepublik
Platz Vorjahr
12
Karte Syrien
Christen
0,64
Bevölkerung
19.59
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Privatleben: 12.900
Familienleben: 13.800
Gesellschaftliches Leben: 13.500
Leben im Staat: 14.300
Kirchliches Leben: 13.900
Auftreten von Gewalt: 9.300

Länderprofil Syrien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 15 / 78 Punkte (WVI 2021: Platz 12 / 81 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Leiter traditioneller Kirchen sind in der Öffentlichkeit als kirchliche Amtsträger erkennbar und damit besonders gefährdet. Gerade in Gebieten, in denen islamistische Milizen aktiv sind, stehen diese Leiter in der Gefahr, entführt, angegriffen oder getötet zu werden. Ihre Kirchen wurden von islamistischen Gruppen entweder abgerissen oder in islamische Zentren umgewandelt. Auch evangelikale Gemeindeleiter sind gefährdet: Man betrachtet sie als westlich orientiert, sie sind bekannt dafür, offen das Evangelium zu verkündigen, und ihre Gemeinden gelten als zersplittert und haben nicht die Hilfe eines prominenten politisch vernetzten Leiters, wie etwa eines Papstes oder Bischofs. Während der ersten Jahre des Bürgerkriegs wurden Christen in Gebieten, die von der Regierung kontrolliert wurden, weniger überwacht. Seitdem die Behörden ihre Macht zurückgewonnen haben, hat die Kontrolle möglicher Dissidenten wieder zugenommen. Traditionelle Kirchen werden von der Regierung meist geduldet. Christen muslimischer oder drusischer Herkunft werden besonders von ihren Familien unter Druck gesetzt, da eine Konversion und der Abfall vom Islam große Schande über die Familie bringen. Dies gilt besonders in den Regionen, in denen Sunniten die Mehrheit ausmachen. Dort drohen Konvertiten die Verstoßung durch ihre Familien oder körperliche Angriffe. Seit der türkischen Invasion im Oktober 2019 haben türkische Streitkräfte die Angehörigen ethnischer und religiöser Minderheiten angegriffen, vergewaltigt, entführt und ermordet. Darunter waren sowohl Kurden als auch Christen und Jesiden. Zudem bringen sie sunnitische Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen Syriens in den Norden, damit sie in den Häusern leben, die früher ethnischen Minderheiten gehörten und die nun geflohen sind. Die Folge ist ein demografischer Wandel.

Länderprofil als PDF

Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Syrien wird als autoritär regiertes Land eingestuft. Präsident Baschar al-Assad hat die Macht im Jahr 2000 von seinem Vater übernommen. Ab dem Jahr 2011 „islamisierte“ sich die syrische Opposition zunehmend und der Bürgerkrieg nahm bald die Form eines sunnitischen „Dschihad“ gegen die syrische Regierung an. Die Regierung griff zu militärischer Gewalt, die auf bewaffneten Widerstand stieß. Der Kampf zog ausländische dschihadistische Kämpfer an, darunter auch vom sogenannten „Islamischen Staat“ (IS), der im Juni 2014 sein Kalifat errichtete. In den Jahren 2016 und 2017 verlor der IS aufgrund der militärischen Intervention des Westens und Russlands den größten Teil seines Gebiets.

Nun wird der größte Teil des Landes wieder von der Regierung kontrolliert, mit Ausnahme des Gouvernements Idlib, dem Westen des Gouvernements Aleppo, der nördlichen Region des Gouvernements Hama und des Nordostens. Diese Gebiete werden derzeit von türkischen Streitkräften, der „Internationalen Allianz gegen den Islamischen Staat“, islamistischen Gruppen oder kurdischen Behörden kontrolliert. Im Januar 2019 übernahmen dschihadistische Kämpfer die Kontrolle über Idlib. Der IS setzt seine Angriffe auf zivile Ziele im Nordosten fort. 160 christliche Familien wurden aufgrund des von der Türkei geführten Einmarsches im Norden Syriens im Oktober 2019 vertrieben. Im März 2020 wurde zwischen Russland und der Türkei ein Waffenstillstand vereinbart. Er hielt den militärischen Vormarsch des Regimes auf die Stadt Idlib auf, wurde jedoch in den folgenden Monaten durch Angriffe von Dschihadisten wie auch der russischen Luftwaffe im Nordwesten belastet. Im Juli 2020 gewann Präsident Baschar al-Assad die Parlamentswahlen trotz Protesten wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Auch die Präsidentschaftswahlen im Mai 2021 gewann al-Assad mit einer überwältigenden Mehrheit. Die Wahl wurde von der Opposition und internationalen Beobachtern als unrechtmäßig verurteilt.

Syrien ist zum größten Teil muslimisch geprägt. 74 Prozent der Muslime sind Sunniten, 13 Prozent sind Alawiten, Ismailiten und Schiiten. Es gibt keine offizielle Staatsreligion, obwohl in der Verfassung festgelegt ist, dass der Präsident Muslim sein muss und dass die islamische Rechtslehre eine wesentliche Quelle für die Gesetzgebung sein soll. Christen genießen in den von der Regierung kontrollierten Gebieten einen recht guten Ruf. Zur Toleranz ihnen gegenüber trägt bei, dass man annimmt, Christen seien eher regierungsfreundlich gesinnt (was nicht zuletzt aus Angst vor den Alternativen oft zutrifft). Gleichzeitig sind christliche Aktivitäten, die als Missionierung verstanden werden könnten, eingeschränkt. In den von der Opposition kontrollierten Gebieten werden Christen in ihren Rechten stark eingeschränkt. In den mehrheitlich kurdischen Gebieten im Norden leben Christen aus traditionellen Kirchen unter annehmbaren Bedingungen.

In den Kurdengebieten der „Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien“ (auch als „Rojava“ bekannt), ist es Muslimen offiziell erlaubt, ihren Glauben zu wechseln und sich als Christen registrieren zu lassen. Diese Registrierung wird jedoch von der syrischen Regierung nicht anerkannt. 80 Prozent der syrischen Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, und nur 37,8 Prozent der über 15-Jährigen haben Arbeit. Rund 6,7 Millionen Syrer sind Binnengeflüchtete, mehr als ein Drittel von ihnen Kinder. Schätzungsweise 13,4 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, was sich durch die Covid-19-Krise noch verschlimmert hat. Syrien gehört zu den drei Ländern, in denen es um die digitale und mediale Freiheit am schlechtesten bestellt ist. Obwohl der IS militärisch besiegt wurde, ist sein Einfluss nicht verschwunden und seine tödlichen Angriffe werden fortgeführt, insbesondere in den Wüstenregionen im Zentrum des Landes. Außerdem kommt es im Südwesten und Nordosten zu Zusammenstößen zwischen Regierungstruppen und ehemaligen Rebellengruppen sowie kurdischen und regierungsnahen Kräften. Christen geraten vor allem an den Frontlinien ins Kreuzfeuer zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Im Gouvernement Idlib gehen die Kämpfe gegen andere dschihadistische Gruppierungen, die von der Türkei unterstützt werden, weiter.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

638.000

3,3

Muslime

18.552.000

94,7

Hindus

1.900

0,0

Juden

100

0,0

Bahai

410

0,0

Atheisten

15.700

0,1

Agnostiker

378.000

1,9

Andere

100

0,0

2. Gibt es regionale Unterschiede?

In den letzten Bastionen islamisch-extremistischer Gruppen im Gouvernement Idlib im Nordwesten und in al-Hasaka im Nordosten werden Christen besonders unter Druck gesetzt. Dort greift der IS immer noch Zivilisten an. Die türkische Armee und die von der Türkei unterstützten Milizen operieren offen im nordwestlichen und nördlichen Landesteil bis hinüber nach al-Hasaka und Kamischli.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung

Vor dem Bürgerkrieg wurde Christen in Syrien ein relativ hohes Maß an Religionsfreiheit zugestanden. Das änderte sich mit dem Auftreten militanter islamisch-extremistischer Gruppierungen. Der IS errichtete sein Kalifat, das im Juni 2014 weite Teile des Irak und Syriens einschloss. Die meisten Christen flohen aus diesen Gebieten. Obwohl das Kalifat im März 2019 zerstört wurde, verübt der IS weiterhin aufwändige Anschläge, und auch andere islamisch-extremistische Gruppen bleiben aktiv (wie „Hayat Tahrir al-Scham“ oder „Dschaisch al-Islam“). Militante Islamisten kontrollieren derzeit Gebiete, in denen ungefähr 15 Prozent der Einwohner Syriens leben. Die türkischen Militäroperationen führten ab 2016 zur Besetzung von Gebieten in Nordsyrien und seit Oktober 2019 auch in der sogenannten „sicheren Zone“ entlang der syrisch-türkischen Grenze. Die Türkei benutzt arabische islamistische Kämpfer, um die kurdischen Gebiete zu kontrollieren. Islamische Unterdrückung ist jedoch auch in Gebieten präsent, die von der Regierung kontrolliert werden. Hier sind insbesondere christliche Konvertiten muslimischer Herkunft betroffen. Sie erfahren Verfolgung vonseiten ihrer Familie und ihres sozialen Umfelds. Ein gewisser Druck wird auch auf Christen traditioneller Kirchen ausgeübt. In christlichen Vierteln Aleppos erschienen während des Ramadan 2019 beispielsweise Poster, die Christinnen dazu aufforderten, sich zu verschleiern.

Diktatorische Paranoia

Diese Art von Druck und Verfolgung geht in erster Linie von bewaffneten Gruppen aus, darunter die von der Türkei unterstützten Oppositionskräfte, die Teile Syriens kontrollieren. Mit dieser Kontrolle verfolgt der türkische Präsident Erdogan das Ziel, den vergangenen Ruhm des Osmanischen Reichs wiederherzustellen. Seit Oktober 2019 haben von der Türkei unterstützte Kräfte in al-Hasaka mehrfach das Wasser für kurdische und christliche Minderheiten abgestellt, genauso wie für die umliegenden ländlichen Gebiete, in denen mehr als eine Million Menschen wohnen. Damit sollten sie zur Unterwerfung gezwungen werden. Militante islamische Gruppen haben viele Grundstücke von Christen in ihren Besitz gebracht. Auf Seiten der Regierung zeigt Präsident al-Assad zwar eine positive Haltung gegenüber Christen traditioneller Kirchen, doch sein Hauptziel ist der Erhalt der Sozialordnung und nicht der Schutz von Rechten religiöser Minderheiten; und so betrachtet die Regierung die Christen und christlichen Gruppen, die das Evangelium aktiv weitergeben, als eine Bedrohung des politischen Status quo und geht gegen sie vor. Berichten zufolge nehmen Überwachung und Verhöre durch die Behörden zu.

Unterdrückung durch den Clan oder Stamm

In Syrien ist die Stammeskultur mit dem Islam vermischt, insbesondere in den nördlichen Kurdengebieten und den Wüstenregionen im Zentrum des Landes. Eine Hinwendung zum christlichen Glauben wird als Verrat gegenüber der Stammesgemeinschaft und als Bedrohung der nationalen Sicherheit angesehen. Wenn Konvertiten entdeckt werden, reagieren die Familien und örtlichen Stammesführer mit großem Widerstand. Ein Scheich kann die Hinrichtung christlicher Konvertiten erlauben sowie genehmigen, dass Muslime ihre Grundstücke und ihr Eigentum in Besitz nehmen und sogar ihre Frauen „übernehmen“.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Korruption und Bestechung sind weit verbreitet. Transparency International führt Syrien als das drittkorrupteste Land weltweit an. Dies geschieht vor dem Hintergrund von Straflosigkeit und Anarchie und beeinträchtigt den Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung. Christen, die in dem Ruf stehen, wohlhabend zu sein, werden von kriminellen Netzwerken entführt, um Lösegeld zu erpressen. Besonders weit verbreitet sind das organisierte Verbrechen und die Korruption in den vom türkischen Militär und von islamischen militanten Gruppen besetzten Gebieten sowie in den drusisch und alawitisch dominierten Regionen. In Latakia, wo vor allem Alawiten leben, ist die Entführung junger Christen zu einem großen Problem geworden. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 haben zu einem drastischen Anstieg von Kriminalität und Korruption geführt.

Konfessioneller Protektionismus

Die Führungsspitzen einiger traditioneller Kirchen lehnen es ab, Beziehungen zu protestantischen Freikirchen zu knüpfen. Sie beschuldigen diese, ihr Land zu verraten, indem sie westliche politische Agenden verfolgen. Außerdem wird über viele führende Leiter traditioneller Kirchen berichtet, dass sie christliche Konvertiten muslimischer Herkunft nicht als Christen anerkennen und evangelikale Christen wie Häretiker behandeln. Im Jahr 2020 brachten die Patriarchen der Griechisch-Orthodoxen, Syrisch-Orthodoxen und Griechisch-Katholischen Kirche die Regierung dazu, alle Aktivitäten von freikirchlichen Gemeinden (einschließlich jenen von Christen muslimischer Herkunft) außerhalb ihrer Kirchengelände zu verbieten.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Christen aus traditionellen Kirchen

Hierbei handelt es sich zumeist um griechisch-orthodoxe und römisch-katholische Christen. Als größte christliche Gruppe im Land werden Mitglieder traditioneller Kirchen gezielt angegriffen. Sie leben im ganzen Land und damit auch in den Konfliktgebieten. Im Gouvernement Idlib, das von international agierenden dschihadistischen Gruppen kontrolliert wird, sind einige wenige Familien aus traditionellen Kirchen übrig geblieben. Sie werden mit dem Tod, Folter oder Überfällen bedroht und verstecken ihren Glauben daher. Die Angriffe der Türkei und der Truppen, die von der Türkei unterstützt werden, haben viele Christen im Nordwesten, Norden und Nordosten aus ihrem Zuhause vertrieben. Geistliche der traditionellen Kirchen sind leicht an ihrer Kleidung erkennbar, wodurch sie manchmal zu einem Angriffsziel werden. Der politische Ruf von Denominationen, Kirchengemeinden und lokalen Gemeindeleitern – ob man sie gegenüber Präsident al-Assad als positiv, negativ oder neutral eingestellt betrachtet – hat großen Einfluss auf das Maß der Unterdrückung, das sie von den Gruppen erfahren, die gegen al-Assad kämpfen.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Christen muslimischer oder drusischer Herkunft werden besonders von ihren Familien unter Druck gesetzt, da der Abfall von ihrer Religion eine große Schande über die Familie bringt. Dies gilt besonders in mehrheitlich von Sunniten bewohnten Regionen, wo christlichen Konvertiten die Verstoßung durch ihre Familien oder Schlimmeres droht. Besonders in den von Rebellen kontrollierten Gebieten ist die Intensität der Verfolgung von Christen muslimischer Herkunft durch die Familie und Gesellschaft gestiegen – eine Folge der wachsenden Radikalisierung des Islam dort. In den Kurdengebieten ist der von der Familie ausgehende Druck etwas weniger stark, da kurdische Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind. Eine Ausnahme stellen dabei die kurdisch dominierten Wüstenregionen dar, in denen das Stammesdenken einen größeren Einfluss hat und der praktizierte Islam konservativer ausgerichtet ist.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Baptisten, evangelikale Christen und Christen aus Pfingstgemeinden sind stark gefährdet, da sie für ihre Nähe zum Westen bekannt sind, ihre Gemeinden als zersplittert gelten und als ohne die Hilfe eines Fürsprechers im Ausland, wie etwa eines Papstes oder Bischofs, der ihr Anliegen öffentlich vorbringen könnte. Die meisten dieser protestantischen Freikirchen haben keine vollständige offizielle Anerkennung und keinen rechtlichen Status. Weil sie sich evangelistisch betätigen, werden sie verstärkt zum Ziel militanter islamistischer Gruppen sowie auch der Regierung, welche die Sozialordnung um jeden Preis erhalten will.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.9
Familienleben 13.8
Gesellschaftliches Leben 13.5
Leben im Staat 14.3
Kirchliches Leben 13.9
Auftreten von Gewalt 9.3

 

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, wie dem Gouvernement Idlib, ist es für Christen gefährlich, mit Nichtchristen über ihren Glauben zu sprechen. Auf einen Glaubenswechsel weg vom Islam steht im Allgemeinen die Todesstrafe. In kurdisch kontrollierten Gebieten ist es Muslimen zwar gesetzlich erlaubt, ihren Glauben zu wechseln, doch werden sie vor allem von ihren Familien unter Druck gesetzt. In von der Regierung kontrollierten Gebieten ist es für Christen muslimischer Herkunft riskant, über den Glauben zu sprechen – es könnte als versuchte Evangelisation interpretiert werden, was gesetzlich verboten ist. Ansonsten dürfen Christen, mit Ausnahme von christlichen Konvertiten, ihren Glauben schriftlich zum Ausdruck bringen, solange sie weder die Politik noch andere Glaubensrichtungen erwähnen. Muslimen ist es gesetzlich verboten, einen anderen Glauben anzunehmen (mit Ausnahme in dem autonomen Gebiet Rojava), der Glaubenswechsel wird jedoch nicht unter Strafe gestellt.

Familienleben

In Syrien gibt es keinen rechtlichen Rahmen für Ehen zwischen einer Christin muslimischer Herkunft und einem traditionellen oder nichttraditionellen Christen. Ihre Ehe wäre illegal. Interreligiöse Ehen sind mit einem großen gesellschaftlichen Stigma behaftet. Die Folgen davon sind Entfremdung, Diskriminierung und Verfolgung durch Familienmitglieder – bis hin zum Mord. Die Ehre eines muslimischen Mannes wird in den Augen der Gesellschaft beschmutzt, wenn seine Frau oder Tochter den christlichen Glauben annimmt. Sowohl Kultur als auch Religion erachten es für richtig, sie zu töten, doch Scheidung ist die häufigere Lösung. Lässt sich ein muslimischer Ehepartner von einem Christen scheiden, wird das Sorgerecht in der Regel der muslimischen Partei zugesprochen. Manche christlichen Mütter konvertieren deshalb zum Islam, nur damit sie ihre Kinder behalten können. Die Kinder von christlichen Konvertiten gelten von Geburt an als Muslime, da ihre Eltern ihre Glaubenszugehörigkeit nicht offiziell ändern lassen können. Das autonome Gebiet Rojava stellt hier eine seltene Ausnahme dar: Dies ist die einzige Region in Syrien, in der es Muslimen erlaubt ist, ihre Religion legal zu wechseln. Dieser Wechsel wird jedoch von der syrischen Regierung nicht anerkannt. Infolge des verstärkt erteilten islamischen Unterrichts in den von der Regierung kontrollierten Gebieten werden Kinder von Christen und insbesondere von Konvertiten diskriminiert und schikaniert.

Gesellschaftliches Leben

Christen werden in ganz Syrien überwacht, insbesondere in Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden. In den von der Regierung kontrollierten Gebieten werden christliche Konvertiten und protestantische Freikirchen besonders genau beobachtet und deren Predigten überprüft. Der Religionsunterricht wird in den Schulen je nach Konfessionszugehörigkeit erteilt. Christen muslimischer Herkunft gelten noch immer als Muslime, daher müssen ihre Kinder am Islamunterricht teilnehmen. Christen werden unter Umständen auf ihrer Arbeitsstelle diskriminiert. In Aleppo beherrschen sunnitische Muslime den Markt und stellen oft keine Christen ein.

Leben im Staat

In der syrischen Verfassung von 2012 ist festgelegt, dass der Präsident Muslim sein muss und dass die islamische Rechtslehre eine wesentliche Quelle für die Gesetzgebung sein soll. Damit ist die Grundlage für eine diskriminierende Behandlung von Nichtmuslimen gelegt. Die Verfassung schreibt den Schutz aller Religionen vor, solange sie „die öffentliche Ordnung nicht gefährden“. Außer in Rojava wird der Glaubenswechsel vom Islam zu einer anderen Religion nicht anerkannt.

In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen besetzt werden, gilt die Scharia, was die Freiheiten aller religiöser Gruppen, die nicht sunnitisch sind, massiv einschränkt. In von der Regierung kontrollierten Gebieten müssen erwachsene Männer im Militär dienen. Andernfalls drohen ihnen Gefängnisstrafe oder Zwangseinberufung. Dieser Umstand veranlasst männliche Christen, aus Syrien zu fliehen beziehungsweise lässt dies sie zögern, zurückzukehren.

Auch die religiöse Mehrheit, die sunnitischen Muslime, sind Opfer von Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung, da sie als deren Gegner wahrgenommen werden. Von denjenigen, die in staatlichem Gewahrsam starben, waren die meisten sunnitische Muslime. Dies geht aus dem Bericht zur internationalen Religionsfreiheit 2021 des US-Außenministeriums hervor.

Kirchliches Leben

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien wurden Gottesdienste überwacht. Von Kirchen- und Gemeindeleitern wird erwartet, dass sie ihre Gemeindemitglieder dazu aufrufen, das Regime von al-Assad zu unterstützen. Schon vor dem Bürgerkrieg vermieden es christliche Leiter, über die Weitergabe des Evangeliums an Muslime zu sprechen oder sich respektlos über den Islam zu äußern. In den von islamistischen Gruppen beherrschten Gebieten sind die meisten Kirchengebäude entweder zerstört oder zu islamischen Zentren umfunktioniert worden. Die Aufnahme von Christen muslimischer Herkunft in offiziell anerkannten Kirchen hat die Regierung schon immer zu verhindern gesucht. Das wird damit begründet, dass dies zur Sektenbildung führen oder Konflikte zwischen unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften hervorrufen könnte. Viele Kirchen in den von islamistischen Gruppen kontrollierten Gebieten wurden entweiht, vor allem durch die Entfernung von Kreuzen.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

  • Am 30. Oktober 2020 entfernten islamistische Extremisten das Kreuz vom Dach einer griechisch-orthodoxen Kirche in der Nähe von Raqqa, einer Region unter kurdischer Kontrolle.
  • Im Mai 2021 schändeten Mitglieder islamischer Milizen vier christliche Friedhöfe im Nordwesten und im Zentrum des Landes.
  • Berichten zufolge wurden sechs Christen verhaftet, darunter drei Konvertiten muslimischer Herkunft. Drei weitere Christen wurden von den „Demokratischen Kräften Syriens“ (DKS) festgenommen, einem Militärbündnis, in dem die kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) dominieren. Zwei der Festgenommenen sind Mitglieder des christlich-orthodoxen „Syrischen Glaubensrates“, und der Grund für ihre Verhaftung war die „Weigerung des Rates, einen Lehrplan in ihren Schulen zu übernehmen, den die DKS für die von ihnen kontrollierten Gebiete vorgeschrieben hatte“. Sie wurden am nächsten Tag freigelassen. Laut einem Bericht scheinen die wiederholten Verhaftungen von Christen im Nordosten eine Strategie zu sein, um Angst und Verunsicherung unter den lokalen christlichen Gemeinden zu verbreiten.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

15

77,58

2021

12

81,18

2020

11

81,60

2019

11

81,79

2018

15

75,67

Mit einer Wertung von 78 Punkten belegt Syrien Rang 15 auf dem Weltverfolgungsindex 2022. Das sind drei Punkte weniger und drei Ränge niedriger als im Vorjahr. Der Druck auf Christen im Allgemeinen bleibt jedoch so hoch wie im Weltverfolgungsindex 2021 – der Rückgang ist auf weniger gemeldete gewalttätige Vorfälle zurückzuführen. So wurden im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 neun Christen getötet, im Berichtszeitraum 2022 dagegen keiner. Außerdem wurde im Berichtszeitraum 2021 ein Fall von Zwangsheirat gemeldet, im Berichtszeitraum 2022 hingegen nicht. Andererseits stieg die Zahl verhafteter Christen und der gemeldeten Angriffe auf Kirchen und Friedhöfe. Der Wert für Gewalt bleibt somit weiterhin in einem sehr hohen Bereich.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Vor dem Hintergrund der anhaltenden Instabilität und der Einschränkung der Religionsfreiheit sind Frauen gefährdet, die religiösen Minderheiten angehören, darunter auch Christinnen. Ihnen droht Entführung, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung. Zwar ist die Zahl der Fälle drastisch zurückgegangen, seitdem der IS Gebiete in Syrien verloren hat, doch dies kann sowohl in den von der Regierung kontrollierten als auch in den von den Rebellen gehaltenen Gebieten geschehen. Vergewaltigung wird benutzt, um christliche Familien zu beschämen und das Umfeld zu destabilisieren. Christliche Konvertitinnen sind auch mit gewalttätigen Übergriffen vonseiten ihrer eigenen Familien konfrontiert. Gegebenenfalls sind sie häuslicher Gewalt oder einer Zwangsheirat mit einem Muslim ausgesetzt oder werden sogar getötet, um die Ehre der Familie wiederherzustellen.

Männer: Junge einheimische Christen befürchten, zur syrischen Armee oder zu anderen militärischen Gruppierungen zwangsrekrutiert zu werden. Einige verweigern den Militärdienst aus Gewissensgründen, was dazu führen kann, dass sie eine Auswanderung in Betracht ziehen. Übergriffe auf christliche Männer haben erhebliche Auswirkungen auf ihre Familien, insbesondere wenn sie getötet oder entführt werden oder ihren Arbeitsplatz verlieren. Da die Männer in der Regel die Haupteinkommensbezieher sind, ist dadurch die gesamte Familie gefährdet. Christliche Konvertiten sind zusätzlichem Druck ausgesetzt; womöglich werden sie von ihrer Familie bedroht oder ihnen wird das Erbe verweigert. Die Entführung von Leitern christlicher Gemeinden hat erhebliche negative Auswirkungen auf ihre Gemeinden.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Viele andere religiöse Minderheiten sind in unterschiedlichem Ausmaß ebenfalls Verfolgung ausgesetzt, darunter Schiiten, Alawiten, Drusen, Juden, Jesiden und Zoroastrier. Schiitische, alawitische und drusische Gemeinschaften werden von sunnitischen Dschihadisten nicht nur deswegen verfolgt, weil ihr Glaube als ketzerisch angesehen wird, sondern im Fall der Alawiten auch, weil ihnen Verbindungen zu Präsident al-Assad vorgeworfen werden. Jesiden und Zoroastrier sind zwei von Syriens Regierung nicht anerkannten kurdischen Religionsgemeinschaften. Ihre Kinder werden als Sunniten registriert – in der Schule müssen sie am Islamunterricht teilnehmen.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Syrien:

  • Beten Sie für Christen in Syrien, insbesondere für Gemeindeleiter und Christen mit muslimischem Hintergrund. Bitten Sie, dass Jesus sie vor Gewalt schützt und ihnen im Vertrauen auf ihn Hoffnung und Zuversicht gibt.
  • Beten Sie, dass Gott nach mehr als zehn Jahren Krieg und Zerstörung Frieden in das Land bringt und die Herzen der Mächtigen erweicht, damit sie für die Schwächsten der syrischen Gesellschaft sorgen.
  • Beten Sie dafür, dass die syrischen Christen zu ihren Häusern, Familien, Gemeinden und ihrer Lebensgrundlage zurückkehren können, und dass Gott das Leben derjenigen wiederherstellt, die bereits zurückgekehrt sind.
  • Beten Sie für die Christen, dass sie ein Licht der Hoffnung in Syrien sind und denen Trost und Hilfe bringen, die unter einem Trauma oder dem Mangel an Nahrung und anderen lebensnotwendigen Dingen leiden.

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