Länderprofil Syrien

Syrien

12
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Syrien
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
11
Karte Syrien
Christen
0,68
Bevölkerung
18.92
Islamische Unterdrückung
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Diktatorische paranoia
Privatleben: 13.300
Familienleben: 13.900
Gesellschaftliches Leben: 13.500
Leben im Staat: 14.500
Kirchliches Leben: 14.000
Auftreten von Gewalt: 12.000

Länderprofil Syrien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 12 / 81 Punkte (WVI 2020: Platz 11 / 82 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Da sie in der Öffentlichkeit leicht als kirchliche Amtsträger erkennbar sind, sind die Leiter traditioneller Kirchen besonders gefährdet. Gerade in Gebieten, in denen islamistische Milizen aktiv sind, ist das Risiko von Entführungen oder Angriffen sehr hoch. Auch Baptisten, evangelikale und Pfingstgemeinden sind in dieser Hinsicht verwundbar. Dazu trägt ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit bei: Sie sind bekannt dafür, westlich ausgerichtet zu sein, das Evangelium weiterzugeben und in verschiedene Richtungen aufgesplittet zu sein, keine starke Leiterschaft zu besitzen und keine prominenten Fürsprecher im Ausland zu haben, wie etwa den Papst oder einen Bischof, der öffentlich für sie eintreten könnte.

In den von islamisch-extremistischen Gruppen beherrschten Gebieten sind die meisten Gebäude traditioneller Kirchen entweder zerstört oder zu islamischen Zentren umfunktioniert worden. Der christliche Glaube darf nicht öffentlich gezeigt werden. Kirchen und Klöster dürfen nicht repariert oder wiederaufgebaut werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Kollateral- oder einen absichtlich herbeigeführten Schaden handelt. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gab es wegen des Krieges weniger Kontrolle über Christen. Doch mit der Zurückgewinnung der Macht der Behörden geht auch eine zunehmende Kontrolle von potenziellen Regimekritikern und anderen einher, die die gesellschaftliche Stabilität gefährden könnten (wie Christen muslimischer Herkunft). Wofür Denominationen, Kirchengemeinden und lokale Gemeindeleiter jeweils politisch stehen, hat signifikanten Einfluss auf das Maß an Unterdrückung, die sie von den Gruppen erfahren, die gegen Präsident al-Assad kämpfen.

Die Haltung der syrischen Regierung gegenüber Kirchen hängt davon ab, zu welcher christlichen Gemeinschaft sie gehören. Hier zeigt sich klar, dass bei der Behandlung von traditionellen Kirchen im Vergleich zu evangelikalen Gemeinden mit zweierlei Maß gemessen wird. Das bedeutet nicht, dass traditionelle Gemeinschaften nicht von Zeit zu Zeit unter Druck vonseiten der Behörden stehen. Sie haben jedoch bessere Möglichkeiten, sich zu verteidigen und für ihre Rechte zu kämpfen. Gelegentlich kommt es auch vor, dass sie diese Möglichkeiten nutzen, um das Wachstum protestantischer Freikirchen zu behindern.

Christen muslimischer Herkunft werden besonders von ihren Familien unter Druck gesetzt, da ihr Abfall vom Islam eine große Schande über die Familie bringt. Dies gilt besonders in den meisten von Sunniten bewohnten Regionen, wo ihnen die Verstoßung durch ihre Familien oder Schlimmeres droht. In den Kurdengebieten der Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien (auch als „Rojava“ bekannt) ist der von der Familie ausgehende Druck weniger stark, da kurdische Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind.

Im Norden des Verwaltungsbezirks Aleppo gibt es sogar anerkannte kurdische christliche Gemeinschaften, ebenso in anderen großen Städten im Nordosten Syriens. Christen muslimischer Herkunft können in kurdischen Gebieten ihre Religion legal wechseln. Diese günstigen Bedingungen sind seit dem Einmarsch der türkischen Streitkräfte im Oktober 2019 ausgehöhlt worden; inzwischen wurden praktisch alle von der Autonomieverwaltung vorgenommenen Verbesserungen der Religionsfreiheit in den nun unter türkischer Kontrolle stehenden Gebieten wieder rückgängig gemacht.

Laut einer Anhörung der US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) vom Juni 2020 mit dem Titel „Sicherung der Religionsfreiheit im Nordosten Syriens“ haben türkische Streitkräfte Kurden und andere ethnische und religiöse Minderheiten, darunter Christen und Jesiden, angegriffen, ermordet, entführt, vergewaltigt, inhaftiert und ihre religiösen Stätten zerstört. Zudem bringen sie syrische Binnenflüchtlinge, die vorwiegend sunnitische Araber sind, aus anderen Teilen Syriens in diese Gebiete, damit sie in den Häusern der Flüchtlinge aus Minderheiten leben können. Dies bewirkt eine erhebliche Veränderung der Demografie, die Christen und andere Minderheiten davon abhalten soll, in ihre Dörfer zurückzukehren. Aus Afrin gibt es Berichte, dass von der Türkei unterstütze Truppen nun kurdische Christen ins Visier nehmen, insbesondere Christen muslimischer Herkunft.

 

Länderprofil als PDF

Syrien: Informieren und helfen

Meldungen
Aktuelle Meldungen zu Syrien

Finden Sie hier aktuelle Nachrichten und persönliche Berichte verfolgter Christen zu jedem der 50 Länder des Weltverfolgungsindex.

Beten
Gebet für Syrien

Gebet ist das Erste, um das verfolgte Christen bitten. Es ist daher essentieller Teil unseres Dienstes. Erfahren Sie hier konkrete Anliegen zu diesem Länderprofil.

Spenden
Spenden

Ohne Ihren Einsatz wäre unser weltweiter Dienst nicht möglich. Ihre finanzielle Unterstützung macht einen Unterschied im Leben verfolgter Christen!

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

81

12

2020

82

11

2019

82

11

2018

76

15

2017

86

6

Mit einer Wertung von 81 Punkten belegt Syrien Rang 12 auf dem Weltverfolgungsindex 2021. Das bedeutet einen Punkt weniger im Vergleich zum Vorjahr. Der Druck auf Christen hat jedoch das gleiche Ausmaß wie im Weltverfolgungsindex 2020 – der Rückgang der Punktzahl ist auf eine leicht gesunkene Zahl gewalttätiger Vorfälle zurückzuführen. Dennoch liegt der Wert für Gewalt weiterhin im extremen Bereich. Während des aktuellen Berichtszeitraums wurden beispielsweise neun Christen aufgrund ihres Glaubens getötet – gegenüber zehn im Vorjahr. Es gab zudem weniger Fälle von Entführungen; und eine Zwangsehe weniger wurde gemeldet.

2. Trends und Entwicklungen

1) Syrische Christen sind gefangen im Kreuzfeuer von Kriegsparteien

Das politische Klima im Land ist nach wie vor fragil. Sowohl Interventionen von Drittländern als auch Menschenrechtsverletzungen sind in extremem Ausmaß zu beobachten. Die Kämpfe gehen vor allem im Nordwesten des Landes weiter, wo von der Regierung kontrolliertes Gebiet an Regionen grenzt, die von Rebellenmilizen beherrscht werden, sowie im Nordosten zwischen den von der Türkei unterstützten Kräften und dem Bündnis „Syrian Democratic Forces“ (SDF).

2) Die wirtschaftliche Situation bleibt sehr anfällig

Die wirtschaftliche Zerstörung des Landes, die durch die Jahre des Bürgerkriegs verursacht wurde, hat staatliche Institutionen und ihre Fähigkeit, Dienstleistungen zu erbringen, erheblich beeinträchtigt. Das syrische Pfund (SYP) hat Ende 2019 eine starke Abwertung erfahren, die sich negativ auf die wirtschaftliche Situation der Mehrheit der Syrer auswirkt. Darüber hinaus werden die sozioökonomischen Auswirkungen der Coronakrise die Situation wahrscheinlich noch verschlimmern.

3) Zunehmende Sicherheit in von der Regierung kontrollierten Gebieten bedeutet zunehmende Kontrolle

Da die Position des Regimes stabiler wird, verbessert sich die Sicherheit in den von der Regierung kontrollierten Gebieten. Doch dies hat auch einen Nachteil: Die Kontrolle über alle Zivilisten hat sich verstärkt. Das betrifft auch die Christen – insbesondere Christen muslimischer Herkunft und Christen aus protestantischen Freikirchen. In den kurdischen Gebieten im Norden Syriens, wo Christen (selbst Christen muslimischer Herkunft) zuvor relativ große Freiheit hatten, hat der Druck auf Christen im Berichtszeitraum zugenommen. Das rührt von einer verstärkten islamischen Atmosphäre unter den Beamten der kurdischen Behörden her.

4) Auswanderung in großem Stil hat weitreichende Folgen

Besonders die Ausreise junger Männer aus dem Land hat schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Folgen. Syrische Christen berichten, dass das Verhältnis von Männern zu Frauen im Land bei 1:7 liegt – und in christlichen Gemeinschaften ist das Verhältnis sogar noch drastischer. Angesichts der herrschenden Armut und des Mangels an (jungen) Männern als Arbeitskräften, stehen christliche Frauen unter hohem Druck, Arbeit zu finden. Dabei sind sie der Gefahr ausgesetzt, ausgebeutet und missbraucht zu werden. In konservativeren, sunnitisch geprägten Gebieten wird Frauen üblicherweise nicht die Möglichkeit gegeben, diese Lücke in der Arbeitswelt zu füllen.

5) Die Zukunft für syrische Christen bleibt unsicher

Obwohl der „Islamische Staat“ (IS) viele Gebiete verloren hat, bleibt die Zukunft für die Christen in Syrien unsicher. Abgesehen davon, dass IS-Zellen weiter aktiv und präsent sind, hat der gesellschaftliche Zusammenhalt zwischen den religiösen Gruppen abgenommen und es ist Misstrauen entstanden. Um Heilung zu schaffen, ist mehr als ein militärischer Sieg vonnöten.

3. Religiöse Situation im Land

Aufgrund des Krieges und der Vertreibung ist es nicht möglich, ein genaues Bild der aktuellen religiösen Demografie Syriens zu zeichnen. Syrien ist mehrheitlich muslimisch geprägt. Laut der World Christian Database (WCD) sind 94,3 % der Bevölkerung Muslime. Der Anteil der Christen liegt bei 3,6 % der Gesamtbevölkerung. Laut dem CIA World Factbook sind 74 % der Muslime in Syrien Sunniten und 13 % Alawiten, Ismailiten oder Schiiten.

Eines der Hauptmerkmale der Christen Syriens ist ihre komplizierte ethnische und religiöse Identität. Die geografische Konzentration von Christen in strategischen Gebieten des Landes war auch ein wichtiger Faktor für ihre Verwundbarkeit: Die Gebiete um Aleppo und Damaskus sowie die südlichen Gebiete des Verwaltungsbezirks Homs nahe der libanesischen Grenze waren für die Kriegsanstrengungen sowohl der Regierung als auch der Opposition von entscheidender Bedeutung.

Middle East Concern (MEC) schreibt:

  • „Die christlichen Gemeinden Syriens stehen im Kontext des aktuellen Konflikts vor vielfältigen Herausforderungen. Im größten Teil des Landes, der unter staatlicher Kontrolle steht, genießen Christen einen einigermaßen guten Stand in der Gesellschaft, obwohl für anerkannte christliche Gemeinschaften einige Einschränkungen gelten. Das betrifft insbesondere Aktivitäten, die als Evangelisation ausgelegt werden könnten. Die Ausstattung des Ministeriums für religiöse Stiftungen mit erweiterten Befugnissen im Oktober 2018, angeblich um Extremismus zu verhindern und Mäßigung zu fördern, sorgte für Unruhe bei einigen christlichen Leitern. Sie brachten ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck, dass der gestiegene Einfluss der islamischen Behörden andere Glaubensgruppen bedrohen könnte.“
  • „Viele derjenigen, die aus von der Regierung kontrollierten Gebieten geflohen sind, wollten so der Einberufung zum Militärdienst entgehen; darunter waren auch Christen. Christen in Syrien gelten weithin als regierungsfreundlich – oft zu Recht, nicht zuletzt aus Angst vor den Nachteilen, die die regierungsfeindlichen Alternativen mit sich bringen könnten. Diese Wahrnehmung trägt zu einem allgemeinen Klima der Toleranz gegenüber Christen in Regierungsgebieten bei, erhöht aber ihre Verwundbarkeit in Gebieten, die von Oppositionsgruppen kontrolliert werden. In diesen Gebieten gab es immer wieder Angriffe auf Christen, ihr Eigentum und Kirchengebäude, so dass hier nur noch wenige von ihnen übriggeblieben sind. Die Massenvertreibung von Christen wurde nach der militärischen Niederlage des IS in seinen Hochburgen ar-Raqqa und Deir ez-Zor Ende 2017 nicht rückgängig gemacht, und fünf christliche Leiter, die 2013 von islamisch-extremistischen Gruppen entführt wurden, sind nach wie vor unauffindbar.“
  • „In den mehrheitlich kurdischen Gebieten haben die einheimischen christlichen Gemeinden vernünftige Lebensbedingungen. Einige Kirchenleiter haben sich jedoch besorgt darüber geäußert, dass die aggressiven Bemühungen um die Wahrung der kurdischen Identität die christlichen Gemeinden zeitweise an den Rand gedrängt oder ihnen Zwänge auferlegt haben. Dies hat jedoch nicht mit dem Glauben zu tun, sondern liegt an dem ethnischen Hintergrund der traditionellen Kirchen, wie etwa der syrischen Identität der Orthodoxen Kirche im Nordosten.“
  • „In allen Regionen gibt es starken Druck von Familie und Gesellschaft auf diejenigen, die sich entscheiden den Islam zu verlassen. In extremen Fällen kann die Reaktion darauf gewalttätig sein. Wer als ‚Abgefallener‘ eingestuft wird, dem drohen vor Personenstandsgerichten der Scharia Strafen wie Zwangsscheidung und Entzug des Sorgerechts. Die höchste Gefahr droht diesen Konvertiten in den Gebieten, die von der Opposition kontrolliert werden.“

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Die Haupttriebkraft der Verfolgung in Syrien ist islamische Unterdrückung. Sie liegt den meisten Gräueltaten gegen Christen zugrunde. Militante Anhänger islamisch-extremistischer Gruppen wie von der Al Kaida verbundenen Gruppe „Hayat Tahrir al-Scham“ (HTS) oder von „Dschaisch al-Islam“ sowie Mitglieder der von der Türkei unterstützten oppositionellen Gruppen sind derzeit die stärksten Verfolger im Bereich dieser Triebkraft in Syrien. Im Nordwesten Syriens und über den nördlichen Teil des Landes bis al-Hasaka und Kamischli operieren sie offen.

Vor dem Bürgerkrieg hatten Christen relativ viel Freiheit, ihren Glauben zu leben. Das änderte sich mit dem Auftreten islamisch-extremistischer Gruppierungen. Das Kalifat des IS schloss Ende 2014 große Teile Syriens und des Irak ein, und eine strenge Version der Scharia-Gesetze wurde eingeführt. Im März 2019 wurde das IS-Kalifat endgültig zerstört. Die Gefahr von Vergeltungsschlägen durch den IS existiert jedoch weiterhin; die Gruppe führt immer wieder ausgeklügelte Angriffe in großen Teilen Syriens durch. Im Jahr 2020 konnten sich die Kämpfer des IS in den Wüsten von Syrien und des Irak neu organisieren.

Die türkischen Militäroperationen, die 2016 begannen, führten zur Besetzung von Gebieten im nördlichen Teil des Verwaltungsbezirks Aleppo, in Idlib und – seit Oktober 2019 – in der sogenannten „sicheren Zone“ in Nordsyrien entlang der syrisch-türkischen Grenze. Rebellen, zu denen auch streng islamistische Gruppen gehören, wurden in die Nähe der türkischen Grenze im Norden getrieben. Die Türkei benutzt arabische islamistische Kämpfer, um die kurdischen Gebiete zu kontrollieren. Militante Islamisten kontrollieren derzeit ungefähr 15 % der Einwohner Syriens.

Islamische Unterdrückung ist jedoch auch in Gebieten präsent, die von der Regierung kontrolliert werden, und betrifft insbesondere Christen muslimischer Herkunft. Sie erfahren Verfolgung vonseiten ihrer Familie und ihres sozialen Umfelds. Ein gewisser Druck wird auch auf gebürtige Christen ausgeübt. In christlichen Vierteln Aleppos erschienen während des Ramadan 2019 beispielsweise Poster, die christliche Frauen dazu aufforderten, sich zu verschleiern. Dazu kommt, dass eine der Hauptquellen für die syrische Rechtsprechung die Scharia-Gesetzgebung ist, was es Muslimen unmöglich macht, eine andere Religion anzunehmen.

Unterdrückung durch den Clan/Stamm

Die in Syrien herrschende Stammeskultur ist von der Loyalität gegenüber dem eigenen Stamm oder der Familie sowie den alten Normen und Werten bestimmt. Wie in vielen Ländern des Nahen Ostens ist die Stammeskultur stark vom Islam beeinflusst. Dies wirkt sich besonders auf Christen muslimischer Herkunft aus. Die Stärke dieser Verfolgungstriebkraft variiert je nach Größe einer Stadt und nach Region. Die kurdischen Gebiete im Norden sowie die Wüstenregionen in der Landesmitte sind besonders stark betroffen, ebenso der Süden des Landes.

In südlichen Regionen wie Daraa, as-Suwaida und der umliegenden Landschaft gibt es viele drusische Gemeinschaften. Entscheidet ein Druse sich, Jesus nachzufolgen, stellt sich die Familie üblicherweise gegen diese Entscheidung, da sie ihre Sicherheit als ethnische und religiöse Minderheit dadurch bedroht sieht. Für vielen Drusen sind die Kontrolle der Familie, die Werte und das Erbe von größerer Bedeutung als die Gesetze des Staates. Die Regeln der Familie zu befolgen, ist daher sehr wichtig.

Diktatorische Paranoia

Im heutigen Syrien ist diese Triebkraft hauptsächlich bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile Syriens kontrollieren und entschlossen sind, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben. Dazu gehören auch die von der Türkei unterstützten Truppen, mit denen der türkische Präsident Erdogan das Ziel verfolgt, die glorreichen Tage des Osmanischen Reichs wiederherzustellen. Seit Oktober 2019 haben die Türkei und von der Türkei unterstützte Gruppen Angehörigen der kurdischen und der christlichen Minderheiten in al-Hasaka mehrfach das Wasser abgestellt; davon betroffen waren auch die umliegenden ländlichen Gebiete, in denen mehr als eine Million Menschen wohnen. Damit sollen sie zur Unterwerfung gezwungen werden. Wasser ist lebensnotwendig – ganz besonders während der Covid-19-Pandemie.

Vonseiten der syrischen Regierung zeigt sich diktatorische Paranoia vor allem in dem Verhalten der Regierungsbeamten, die Kirchen überwachen, beispielsweise, in dem sie Predigten auf politische Inhalte hin überprüfen. Auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs war dies weniger verbreitet, aber jetzt, da Präsident al-Assad seinen Zugriff auf die von der Regierung kontrollierten Gebiete verschärft hat, wird wieder mehr Überwachung gemeldet. Die Behörden versuchen auch, den Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen oder einem anderen Glauben zu verhindern, da ein Glaubenswechsel als Bedrohung für die innere Stabilität und als Quelle für gesellschaftliche Konflikte gesehen wird. Das wichtigste Ziel der Regierung ist es, die gesellschaftliche Stabilität zu sichern; dem Schutz religiöser Minderheiten wie den Christen wird erheblich weniger Bedeutung beigemessen. Die Regierung geht vor allem dann gegen religiöse Gruppen wie Christen vor, wenn sie oder eine andere lokale Institution sie als Bedrohung für den Status Quo wahrnimmt. Dazu können die Weitergabe des Evangeliums oder kirchliche Angebote für Muslime zählen.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Korruption ist stark in der syrischen Gesellschaft verbreitet und ist zum Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden. Auf dem Anti-Korruptionsindex von Transparency International für 2019 wird Syrien als das drittkorrupteste Land weltweit aufgeführt. Diese Triebkraft ist in Syrien im Kontext des Bürgerkrieges zu sehen, durch den Anarchie und Straffreiheit Einzug gehalten haben. Sogar der Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe wird durch Korruption beeinträchtigt. Menschen nutzen die Gelegenheit, sich selbst zu bereichern, beispielsweise durch Entführungen mit Lösegeldforderungen. Davon sind Syrer verschiedener religiöser Hintergründe betroffen. Für die Entführung von Christen gibt es finanzielle, aber auch politische und ideologische Motive. Christen stehen in dem Ruf, wohlhabend und regimetreu zu sein. Hinzu kommt, dass sie Teil einer besonders verwundbaren nichtmuslimischen Minderheit sind. Christen haben keine politische Macht oder Beziehungen zu Personen in hohen Ämtern, weshalb sie ein „leichtes Ziel“ sind.

Organisiertes Verbrechen und Korruption sind vor allem in den vom türkischen Militär und von islamischen militanten Gruppen besetzten Gebieten sowie in den drusisch dominierten Gebieten im Süden verbreitet, wo Banden und bewaffnete Gruppen aktiv sind; betroffen sind auch Gebiete mit einem hohen Anteil an Alawiten. In den beiden erstgenannten Regionen hat die Regierung keinen oder nahezu keinen Einfluss. Ein eindeutiges Beispiel für diese Triebkraft war die Beschlagnahmung Hunderter Häuser und Geschäfte von Christen durch islamistische Kämpfer im Nordwesten und Nordosten Syriens zwischen Oktober 2019 und Januar 2020. Latakia zählt zu den mehrheitlich von Alawiten bewohnten Gebieten. Doch auch dort ist die Entführung junger Christen zu einer der größten Sorgen für christliche Familien geworden. Dabei wird Latakia oft als eine der ruhigen Gegenden des Landes betrachtet, die nicht viel vom bewaffneten Konflikt in anderen Teilen Syriens mitbekommt. Einige Christen beschuldigen Sicherheitskräfte, sich an diesen Verbrechen zu beteiligen, um so Geld zu verdienen.

Im Allgemeinen haben die zunehmende Armut und die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, die aus den Covid-19-Maßnahmen resultieren, zu einem dramatischen Anstieg der Kriminalität (einschließlich Raubüberfällen) geführt. Während der Zeit des Lockdowns und dem daraus resultierenden Fehlen von staatlicher Kontrolle hat Korruption in Form inflationärer Preisanstiege ebenfalls zugenommen.

Konfessioneller Protektionismus

Während des Krieges sind viele Beziehungen zwischen traditionellen Kirchen und protestantischen Freikirchen entstanden. Meist wurden diese Beziehungen durch persönliche Kontakte zwischen Priestern und Pastoren geknüpft. Einige Leiter traditioneller Kirchen lehnen Beziehungen zu protestantischen Freikirchen jedoch ab. Sie beschuldigen einzelne Mitglieder protestantischer Freikirchen, ihr Heimatland zu verraten und westliche politische Ziele zu verfolgen. Dadurch lenken sie den Verdacht der Behörden auf diese Christen.

In den vergangenen Jahren hat die Orthodoxe Kirche aufgrund ihrer Verbindungen nach Russland verstärkt Unterstützung durch die Regierung erfahren. Dies hat ihren Einfluss auf staatliche Entscheidungen, die evangelikale Gemeinden betreffen, erhöht (beispielsweise im Bereich der behördlichen Genehmigung für die Durchführung von Konferenzen oder für den Bau von Kirchengebäuden). Als Konsequenz haben protestantische Freikirchen keine Sicherheitsfreigabe für Aktivitäten außerhalb ihrer Grundstücke erhalten. Außerdem gibt es Berichte, wonach viele Leiter traditioneller Kirchen Christen muslimischer Herkunft weder offiziell noch inoffiziell als Christen anerkennen.

5. Verfolger

Ausgehend von islamischer Unterdrückung

  • Gewalttätige religiöse Gruppen und revolutionäre oder paramilitärische Gruppen: Manche der Oppositionsgruppen sind islamistischer eingestellt als andere. Die Gruppen mit einer radikaleren islamistischen Zielsetzung stellen unter den verschiedenen revolutionären und paramilitärischen Gruppierungen die größte Bedrohung für Christen und andere Minderheiten (etwa Muslime, die sie für ketzerisch halten) dar. Diese meist salafistischen Gruppen haben alle zu gewalttätiger Verfolgung von Christen und anderen Minderheiten beigetragen – insbesondere (aber nicht nur) der IS, die Freie Syrische Armee (FSA) und die mit Al Kaida verbundene Gruppe HTS. Es gibt Dutzende von Überbleibseln dschihadistischer Organisationen, die als türkische Armee zusammengefasst werden und unter der Kontrolle der türkischen Regierung stehen. Sie stellen weiterhin eine extreme Bedrohung für christliches Leben besonders in Nordsyrien dar.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: In den Gebieten, die von oppositionellen islamistischen Gruppierungen kontrolliert werden, verfolgen islamische Leiter typischerweise eine Politik der Marginalisierung von Christen und anderen Minderheiten. Häufig werden diese auch dazu gezwungen, in andere Regionen zu fliehen. Es ist jedoch häufig schwer, zwischen religiösen Leitern und Anführern gewalttätiger religiöser Gruppen zu unterscheiden. In den sozialen Medien kursierten Videos, die zeigten, wie türkische Scheichs dafür beteten, dass türkische Soldaten die kurdischen Gebiete erobern und zurück zum Islam bringen – koste es, was es wolle. Hassreden gegen Christen durch islamische Leiter kommen auch in von der Regierung kontrollierten Gebieten vor, doch sind sie eigentlich verboten und haben auch bereits zur Entziehung der Lizenz zum Predigen in Moscheen geführt. Muslimische geistliche Leiter üben direkt oder indirekt (durch die Familien oder Sicherheitskräfte) Druck auf Christen muslimischer Herkunft aus.
  • (Groß-)Familie, Anführer ethnischer Gruppen und gewöhnliche Bürger: Wie in anderen Ländern des Nahen Ostens führt eine Abkehr vom Islam hin zum christlichen Glauben in Syrien zu massivem Druck von der Familie, dem Stamm und der Gesellschaft. Feindseligkeit vonseiten der eigenen Familie sind für Christen muslimischer Herkunft in dieser Hinsicht der Hauptfaktor. Die Angst vor einer gewalttätigen Reaktion der (Groß-)Familie macht den Großteil des Druckes aus. Bei Anführern ethnischer Gruppen, die vor dem Hintergrund islamischer Unterdrückung als Verfolger auftreten, handelt es sich in der Regel um Stammesführer.

Ausgehend von Unterdrückung durch den Clan/Stamm

  • (Groß-)Familie, Anführer ethnischer Gruppen und nichtchristliche religiöse Leiter: Die Familie, der Stamm, Anführer ethnischer Gruppen und nichtchristliche religiöse Leiter setzen Christen muslimischer Herkunft unter Druck. Ein Scheich kann beispielsweise die Hinrichtung eines christlichen Konvertiten oder eines anderen Nichtmuslims erlauben. Er kann auch Muslimen erlauben, die Grundstücke und das Eigentum von christlichen Konvertiten und anderen Nichtmuslimen in Besitz zu nehmen und sogar ihre Frauen zu „übernehmen“. Die kurdischen Gebiete im Norden sowie die Wüstenregionen in der Landesmitte sind davon besonders stark betroffen. Zudem berichten assyrische Gemeinschaften davon, durch bevormundend auftretende kurdische Behörden marginalisiert zu werden.
  • Gewöhnliche Bürger: Ein Glaubenswechsel gilt als Verrat an den Werten der Gesellschaft und führt, wenn er entdeckt wird, zu starkem Widerstand. Ethnische Herkunft und Religionszugehörigkeit sind eng verwoben. Deshalb sind hier dieselben Dynamiken am Werk wie unter islamischer Unterdrückung beschrieben.

Ausgehend von konfessionellem Protektionismus

  • Christliche Leiter anderer Kirchen: 2020 brachten die Patriarchen der Griechisch-Orthodoxen, Syrisch-Orthodoxen und Griechisch-Katholischen Kirche die Regierung dazu, alle Aktivitäten von freikirchlichen Gemeinden (einschließlich jenen von Christen muslimischer Herkunft) außerhalb ihrer Kirchengelände zu verbieten. Ein weiteres Beispiel ist der Versuch eines syrisch-orthodoxen Kirchenleiters, den Bau einer evangelikalen Kirche im Nordosten des Landes zu verhindern. Solche Kirchenleiter lehren in ihren Gemeinden, dass Protestanten keine Christen und ihre Kirchen keine echten Kirchen seien und dass sie als Ketzer behandelt werden müssten.
  • Politische Parteien: Dies betrifft vor allem nominelle Christen, die der Baath-Partei oder der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) angehören. Sie setzen sich für atheistische Werte ein und verleugnen die Existenz Gottes und den Wert biblischer Geschichten, besonders der aus dem Alten Testament. Sie haben einen starken Einfluss auf die jüngere Generation, weil die Kirche es verpasst hat, ihre Fragen über den christlichen Glauben zu beantworten. Diese Personen sehen protestantische Christen als Teil einer größeren Verschwörung und Ideologie, die mit dem Westen verbunden ist. Sie nutzen ihren starken Einfluss auf die Gesellschaft, um protestantische Christen zu isolieren.

Ausgehend von diktatorischer Paranoia

  • Gewalttätige religiöse Gruppen und revolutionäre oder paramilitärische Gruppen: Diktatorische Paranoia als Triebkraft der Verfolgung ist gegenwärtig in Syrien hauptsächlich bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile des Landes kontrollieren und entschlossen sind, ihre Macht mit allen Mitteln zu erhalten. Dazu gehören auch die von der Türkei unterstützten Milizen. Militante islamische Gruppen haben viele Grundstücke von Christen in ihren Besitz gebracht. Ältere Christen, die ihre Häuser nicht verlassen haben, müssen mit der beständigen Angst leben, von Kämpfern dieser Gruppen getötet oder entführt zu werden, damit diese ihre Häuser ebenfalls in Besitz nehmen können. Im Nordosten des Landes haben zudem die kurdischen Behörden in vielen Fällen versucht, sich die Häuser von geflohenen Christen anzueignen. Auch in von der Regierung kontrollierten Gebieten gab es Versuche von bewaffneten Gruppen, den Besitz von Kirchen zu übernehmen, wie etwa das Kloster von Aleppo.
  • Regierungsbeamte: Präsident Baschar al-Assad betont die Verpflichtung seines Regimes zu Pluralismus und interreligiöser Toleranz. Er steht insbesondere traditionellen christlichen Kirchen positiv gegenüber. Wie in Konflikten üblich, bedienen sich jedoch in Syrien die Machthabenden Kontrollstrategien, um ihren Einfluss zu erhalten. Sunnitische Beamte der Lokalbehörden überwachen alle anderen religiösen Gruppen besonders genau und sind dafür bekannt, die Aktivitäten evangelikaler Christen und Christen muslimischer Herkunft einzuschränken, um gesellschaftliche Unruhen zu unterbinden. Dabei kommt es auch zu Verhören und Überwachung. Die Initiative dazu geht manchmal von der Familie des Christen muslimischer Herkunft oder sogar von Leitern traditioneller Kirchen aus. Auch gibt es Berichte, wonach christlichen Soldaten in der syrischen Armee gefährlichere Aufgaben übertragen werden und christliche Beamte schlechter behandelt werden als ihre Kollegen.

Ausgehend von organisiertem Verbrechen und Korruption

  • Gewalttätige religiöse Gruppen, Kartelle oder Netzwerke des organisierten Verbrechens und Regierungsbeamte: Christen wurden Ziel von Entführungen durch Netzwerke des organisierten Verbrechens, einschließlich des IS. Dies kommt inzwischen jedoch nur noch sporadisch vor. Auch wenn hierbei religiöse Aspekte eine Rolle spielen, ist das Hauptmotiv für die Kriminellen zumeist Geld – und Christen gelten als reich. Korruption ist im Land weitverbreitet, und Bestechungsgelder sind Teil des alltäglichen Lebens, wann immer ein Syrer mit den Behörden zu tun hat. Will man etwa einen militärischen Kontrollpunkt passieren, muss man häufig Bestechungsgelder zahlen oder wird massiv bedroht. Regierungsbeamte üben laut Berichten Druck auf Bischöfe aus, um Teile der Nothilfe für ihre eigenen Familien zu erhalten. Dies ist nur eine Form der Korruption, die die Kirche betrifft. Christen drusischer Herkunft stehen außerdem in der Gefahr, von militanten drusischen Gruppierungen entführt zu werden. Hier spielen wieder sowohl finanzielle als auch religiöse Motive eine Rolle. Diese Christen drusischer Herkunft sind besonders verletzlich, da sie nicht von Milizen oder lokalen Behörden geschützt werden. Auch in den vom Regime kontrollierten Gebieten ist die fehlende Sicherheit eine der größten Sorgen für Christen. Viele Syrer machen dafür die Regierung verantwortlich, die 2011 viele Kriminelle aus Gefängnissen entlassen und begnadigt hat, um sie für Milizen zu rekrutieren. Selbst in Latakia, das als vergleichsweise sicheres Gebiet gilt, sind die Entführungen junger Christen zu einer der größten Sorgen für christliche Familien geworden. Zudem haben bewaffnete alawitische Gruppen im Berichtszeitraum für den Weltverfolgungsindex 2021 Versuche unternommen, mehrere Klöster für sich zu beanspruchen.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Besonders in den letzten Stützpunkten islamisch-extremistischer Gruppen in den Provinzen Idlib im Nordwesten und al-Hasaka im Nordosten sind Christen Druck ausgesetzt. Dort greift der IS weiterhin Zivilisten und Kirchen an. Die türkische Armee und von der Türkei unterstützte Milizen operieren offen im Nordwesten Syriens und über den nördlichen Teil des Landes bis al-Hasaka und Kamischli. Im Oktober 2019 fiel die Türkei im Norden Syriens ein und errichtete eine sogenannte „sichere Zone“ an der syrisch-türkischen Grenze. Dort benutzt sie arabische islamische Kämpfer, um die mehrheitlich von Kurden und Christen bewohnten Gebiete in ihre Kontrolle zu bringen. Zwar stehen Christen muslimischer Herkunft im ganzen Land unter Druck, im Nordwesten und Nordosten ist es für sie jedoch besonders gefährlich.

7. Betroffene Christen

In Syrien leben Christen aus drei der vier im Weltverfolgungsindex unterschiedenen Kategorien und sind von Verfolgung betroffen, die in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg steht.

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Ausländische Christen werden nicht in die Isolation gedrängt. Daher wird diese Kategorie nicht in die Analyse des Weltverfolgungsindex aufgenommen.

Christen aus traditionellen Kirchen

Hierbei handelt es sich zumeist um griechisch-orthodoxe und römisch-katholische Christen. Als größte christliche Gruppe im Land werden Mitglieder traditioneller Kirchen gezielt angegriffen. Sie leben im ganzen Land und damit auch in den Kampfgebieten. In der Provinz Idlib etwa, die von international agierenden dschihadistischen Gruppen kontrolliert wird, leben mehrere Hundert christliche Familien. Sie werden mit dem Tod, Folter oder Angriffen bedroht und verstecken ihren Glauben daher. Die Angriffe der Türkei und Truppen, die von der Türkei unterstützt werden, haben viele Christen im Nordwesten, Norden und Nordosten aus ihrem Zuhause vertrieben.

Aus dieser Gruppe sind aufgrund ihrer öffentlichen Präsenz besonders die Leiter betroffen. Geistliche der traditionellen Kirchen sind leicht an ihrer Kleidung erkennbar, was sie manchmal zu einem einfachen Angriffsziel macht. Angehörige dieser Konfessionen sind auch wegen der markanten Kirchengebäude oft leichter zu identifizieren als Christen anderer Kategorien. Hinzu kommt, dass viele von ihnen engere wirtschaftliche oder soziale Kontakte zu staatlichen Stellen pflegen. Die politische Verortung von Denominationen, Kirchengemeinden und lokalen Gemeindeleitern hat großen Einfluss auf das Maß an Unterdrückung, das sie von den Gruppen erfahren, die gegen Präsident al-Assad kämpfen. Es ist daher entscheidend, wie sich eine Gemeinde oder ein Christ in der Vergangenheit in politischer Hinsicht positioniert hat: Wurde Präsident al-Assad offen unterstützt, war man um Neutralität bemüht, hat man sich distanziert oder gar gegen ihn opponiert?

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Christen muslimischer oder drusischer Herkunft werden besonders von ihren Familien unter Druck gesetzt, da ihr Abfall vom Islam große Schande über die Familie bringt. Dies gilt besonders in mehrheitlich von Sunniten bewohnten Regionen, wo ihnen die Verstoßung durch ihre Familien oder Schlimmeres droht. Als Folge der wachsenden Radikalisierung des Islam ist die Intensität der Verfolgung von Christen muslimischer Herkunft durch die eigene Familie und die Gesellschaft besonders in den von Rebellen kontrollierten Gebieten gestiegen. In den Kurdengebieten ist der von der Familie ausgehende Druck etwas weniger stark, da kurdische Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind. Eine Ausnahme stellen dabei die Wüstenregionen dar, in denen das Stammesdenken einen größeren Einfluss hat und der praktizierte Islam konservativer ausgerichtet ist.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Baptisten, evangelikale Christen und Christen aus Pfingstgemeinden sind stark gefährdet, da sie für ihre Nähe zum Westen bekannt sind und oft nur über eine lose Organisation und keine starke Leiterschaft verfügen. Zudem haben sie keinen prominenten Fürsprecher im Ausland (wie etwa einen Papst oder Bischof), der ihr Anliegen öffentlich vorbringen könnte. Die meisten dieser Gemeinschaften verfügen über keine vollständige offizielle Anerkennung oder legalen Status. Protestantische Freikirchen gibt es in verschiedenen Regionen des Landes, vor allem in von der Regierung kontrollierten Gebieten und den Kurdengebieten. Diejenigen, die sich in von islamistischen Gruppierungen besetzten Gebieten befinden, sind am stärksten von Gewalt betroffen. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gibt es auch gewissen Druck durch die traditionellen Kirchen. Protestantische Freikirchen sind dafür bekannt, das Evangelium weiterzugeben und haben daher keine Erlaubnis, Aktivitäten außerhalb ihrer Kirchengebäude durchzuführen. Weil sie sich evangelistisch betätigen, werden sie verstärkt zum Ziel militanter islamistischer Gruppen, doch auch die Regierung will die Stabilität um jeden Preis bewahren.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 13.3
Familienleben 13.9
Gesellschaftliches Leben 13.5
Leben im Staat 14.5
Kirchliches Leben 14
Auftreten von Gewalt 12

Grafik: Verfolgungsmuster Syrien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7). Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen hat ein extremes Ausmaß und liegt wie im Vorjahr bei 13,8 Punkten.
  • In drei Lebensbereichen hat der Druck ein extremes Ausmaß: am stärksten im Leben im Staat (14,5 Punkte), gefolgt vom Bereich des kirchlichen Lebens (14) und dem Familienleben (13,9). Im gesellschaftlichen Leben (13,5) und Privatleben (13,3) hat der Druck ein sehr hohes Ausmaß. Dies ist typisch für eine Situation, in der islamische Unterdrückung und diktatorische Paranoia die stärksten Triebkräfte der Verfolgung darstellen.
  • Druck durch islamische Unterdrückung entsteht hauptsächlich durch das soziale Umfeld in den Bereichen Privatleben, Familienleben, gesellschaftliches Leben und kirchliches Leben.
  • Der Wert für das Auftreten von Gewalt verringerte sich leicht von 12,6 Punkten im Vorjahr auf 12 Punkte. Das ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass ein Christ weniger gezielt ermordet wurde, weniger Christen entführt wurden und eine Zwangsehe weniger gemeldet wurde.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

War es für Christen riskant, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden, die nicht zum engsten Kreis gehören (erweiterte Familie, andere)?

In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, ist es für alle Christen gefährlich, mit Nichtchristen über ihren Glauben zu sprechen. Im Rest des Landes ist dies besonders für Christen muslimischer Herkunft riskant. Doch auch andere Christen müssen vorsichtig sein, da ein Gespräch über den Glauben als versuchte Evangelisation interpretiert werden könnte, was gesetzlich verboten ist. Der brüchige Frieden zwischen den unterschiedlichen Religionen wurde in der Vergangenheit dadurch gesichert, dass alles, was als Angriff auf den Glauben oder als Evangelisationsversuch verstanden werden könnte, vermieden wurde.

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Gemäß den staatlichen Gesetzen ist es Muslimen verboten, einen anderen Glauben anzunehmen, da dies islamischem Recht widerspricht. Deshalb unterbinden die Regierung und religiöse Gruppen einen Glaubenswechsel massiv, auch wenn dieser nicht strafbar ist. In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen besetzt werden (zum Beispiel die Provinz Idlib, die momentan von HTS-Kämpfern kontrolliert wird), kann die Abkehr vom Islam im Allgemeinen mit dem Tod bestraft werden. In kurdisch-kontrollierten Gebieten sind christliche Konvertiten dem Druck der Gesellschaft und Öffentlichkeit ausgesetzt, aber nicht so stark wie im Rest von Syrien. Der meiste Druck auf sie geht von ihren Familien aus.

War es gefährlich, privat christliche Materialien zu besitzen oder aufzubewahren?

Dies trifft vor allem für Christen muslimischer Herkunft zu. Wenn ein Mitglied ihrer Familie oder ihres sozialen Umfelds entdeckt, dass sie eine Bibel oder andere christliche Materialien besitzen, kann dies zu ernsten Konsequenzen führen. In Gebieten, die von islamistischen Gruppen kontrolliert werden, kann es sehr gefährlich für Christen muslimischer Herkunft werden, wenn bei ihnen christliche Materialien entdeckt werden, da so ihr Glaubenswechsel ans Licht kommen könnte.

War es für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder Facebook etc.)?

In den Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, ist dies für alle Christen riskant. Im Rest des Landes lösen solche Äußerungen vor allem bei der Familie und dem sozialen Umfeld von Christen muslimischer Herkunft feindselige Reaktionen aus. In kurdischen Gebieten können diese Reaktionen weniger heftig ausfallen, da dort bis auf die Zone, die momentan von der Türkei kontrolliert wird, mehr Toleranz herrscht. In von der Regierung kontrollierten Gebieten ist es für Christen (mit Ausnahme ehemaliger Muslime) nicht gefährlich, ihrem Glauben in schriftlicher Form Ausdruck zu geben – solange es sich um reine Glaubensaussagen und nicht um kontroverse Äußerungen handelt; solange politische Themen, andere Religionen oder die Weitergabe des Evangeliums nicht erwähnt werden.

Familienleben

Wurden christliche Ehepartner von Nichtchristen in Scheidungsfällen vom Recht oder der Möglichkeit ausgeschlossen, das Sorgerecht für die Kinder zu beantragen?

Reicht der muslimische Ehepartner eines Christen mit muslimischem Hintergrund oder – was seltener vorkommt – eines gebürtigen Christen die Scheidung ein, bekommt normalerweise der Muslim das Sorgerecht zugesprochen. Christliche Mütter treten deshalb manchmal zum Islam über, damit sie ihre Kinder behalten können.

Wurden Ehepartner von Konvertiten von Dritten unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen (gleichgültig ob erfolgreich oder nicht)?

Interreligiöse Ehen sind mit einem massiven gesellschaftlichen Stigma behaftet, das zu Entfremdung, Diskriminierung und Verfolgung durch Familienmitglieder führen kann – bis hin zum Mord. Die Ehre eines muslimischen Mannes wird in den Augen der Gesellschaft beschmutzt, wenn seine Frau oder Tochter den christlichen Glauben annimmt. Sowohl Kultur als auch Religion sehen es als richtig an, sie zu töten. Die häufiger gewählte Lösung ist jedoch Scheidung. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass eine christliche Konvertitin von ihrem Ehemann und seiner Familie ausgestoßen wird, wenn ihr Glaube an Jesus entdeckt wird. Sie wird vermutlich verjagt, ihrer Kinder beraubt und die Ehe wird aufgelöst. Kommt ein Ehemann zum christlichen Glauben, wird die Familie seiner Frau wahrscheinlich Druck auf sie ausüben, ihren Mann zu verlassen und das Sorgerecht für ihre Kinder zu beantragen. In einigen Fällen sind aber auch beide Ehepartner Christen geworden.

Sind Kinder von Christen automatisch unter der Staats- oder Mehrheitsreligion registriert worden?

Da ihre Eltern ihre Glaubenszugehörigkeit nicht offiziell ändern lassen können, werden Kinder von syrischen Christen muslimischer Herkunft automatisch als Muslime registriert. Die Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien stellt hier eine seltene Ausnahme dar: Dies ist der einzige Ort der Region, an dem Muslime legal ihre Religion ändern können.

Wurde die Registrierung von Geburt, Hochzeit, Tod usw. von Christen behindert oder unmöglich gemacht?

In Syrien gibt es keinen rechtlichen Rahmen für Hochzeiten zwischen einer Christin muslimischer Herkunft und einem gebürtigen Christen. Ihre christliche Hochzeit wäre illegal. Die Kinder von Christen muslimischer Herkunft gelten von Geburt an als Muslime. Stirbt ein Christ muslimischer Herkunft, ist es normal für seine muslimische Familie, ihn nach islamischem Ritus zu beerdigen. Ist sein Glaubenswechsel jedoch den Menschen in seinem Umfeld bekannt, werden sie nicht erlauben, dass er auf einem muslimischen Friedhof begraben wird, da er den Islam verlassen hat.

Sind Kinder von Christen wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert oder diskriminiert worden?

In den von der Regierung kontrollierten Gebieten haben islamische Inhalte im Bildungsbereich zugenommen. Kinder von Christen stehen deshalb stärker unter Druck. Kinder, die ursprünglich aus von Islamisten kontrollierten Gebieten stammen, sind dementsprechend vorgeprägt und bringen Vorbehalte gegenüber sogenannten „Ungläubigen“ mit: gegenüber Alawiten, Christen und Kurden. Kinder von Christen muslimischer Herkunft gelten als Muslime und werden häufig schikaniert und diskriminiert, wenn der christliche Glaube ihrer Eltern bekannt ist. In den Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, sind Christen aller Kategorien von Diskriminierung betroffen.

Gesellschaftliches Leben

Wurden Christen von ihren lokalen Gemeinschaften oder von privaten Gruppen überwacht (dazu gehören auch Meldungen an die Polizei, Beschattung, das Abhören von Telefonleitungen, das Lesen/Zensieren von E-Mails usw.)?

Die Beobachtung und Überwachung von Christen erstreckt sich auf ganz Syrien. Besonders sind Christen aus protestantischen Freikirchen betroffen und solche, bei denen bekannt ist, dass sie sich vom Islam abgekehrt haben. Zudem wird jede Predigt überwacht und kontrolliert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass von den Behörden und ihren Informanten im gesamten Land regelmäßig informelle Routine-Überwachungen aller christlichen Gemeinschaften durchgeführt werden. Die Situation ist jedoch besonders ernst in den Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden.

Haben Christen auf irgendeiner Ebene im Bereich ihrer Bildung aus religiösen Gründen Nachteile erlitten (z. B. Einschränkungen des Zugangs zur Bildung)?

Dies gilt in ganz Syrien für die Familien von Christen muslimischer Herkunft – insbesondere in Bezug auf ihren Zugang zu christlicher Bildung. Im staatlichen Bildungssystem hängt der jeweilige Religionsunterricht von der Konfessionszugehörigkeit ab; und Christen muslimischer Herkunft gelten als Muslime. In Idlib werden Christen auf allen Bildungsebenen stark diskriminiert. Darüber hinaus werden an allen Universitäten, die von HTS kontrolliert werden, islamische Inhalte gelehrt, um die nächste Generation an Muslimen zu indoktrinieren. Christen werden automatisch ausgeschlossen.

Wurden Christen am Arbeitsplatz im öffentlichen oder privaten Bereich aus religiösen Gründen diskriminiert?

Dies betrifft Christen muslimischer Herkunft, deren Glaubenswechsel bekannt wird, kann aber – besonders in Gebieten, die von der Opposition kontrolliert werden – alle Christen betreffen. In Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden, ist Diskriminierung aufgrund des Glaubens jedoch offiziell verboten. Christen können hier hohe Ämter im Militär und Staatsapparat besetzen. Alawiten, Mitglieder der in Syrien regierenden Denomination, bekleiden dennoch unverhältnismäßig viele hohe Positionen im Militär und im Sicherheitsdienst. Manche Christen sind auch in kurdischen Gebieten repräsentiert. Im Großteil des Landes herrscht eine allgemeinere Art des wirtschaftlichen Drucks in Form von Arbeitslosigkeit. In Aleppo beherrschen sunnitische Muslime das Wirtschaftsleben und stellen oft keine Christen ein. Außerdem werden Christen drusischer Herkunft in den Gebieten im Süden Syriens, die eine drusische Mehrheit haben, diskriminiert.

Wurden Christen aus religiösen Gründen verhört oder gezwungen, sich bei der örtlichen Bürgerwehr/Polizei zu melden?

Von Befragungen durch lokale Behörden sind hauptsächlich Christen muslimischer Herkunft und Christen aus protestantischen Freikirchen betroffen. Im Nordwesten des Landes wurden beispielsweise Konvertiten durch die von der Türkei unterstützten Milizen ausgefragt. Wollen protestantische Christen Lehrveranstaltungen, eine Konferenz oder eine Veranstaltung mit einem ausländischen Sprecher organisieren, müssen sie über alles Bericht erstatten und können davon ausgehen, befragt zu werden. Ausländische Gäste werden ebenfalls beobachtet, da die Behörden der Beziehung zwischen Christen und der westlichen Welt nicht trauen. So wollen sie jede Bedrohung für das Regime im Keim ersticken. Christen, die mit christlichen Konvertiten arbeiten, werden sehr wahrscheinlich ebenfalls regelmäßig befragt.

Leben im Staat

Wurden Christen daran gehindert, ihre Ansichten oder Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern?

Dieser Aspekt ist mit der Äußerung religiöser Ansichten und Überzeugungen verknüpft. Sowohl gebürtige Christen, die in von oppositionellen (insbesondere islamistischen) Kräften besetzten Gebieten leben, als auch Christen mit muslimischem Hintergrund im ganzen Land stehen in dieser Hinsicht unter Druck. Alle Christen wissen, wie wichtig es ist, provokative Aussagen zu vermeiden. Dazu gehören besonders Aussagen, die die Regierung oder den Islam kritisieren oder als Weitergabe des Evangeliums verstanden werden könnten. Christen sind sich bewusst, dass sie sich in einer sehr verwundbaren Position befinden und niemanden haben, der sie beschützt oder sich für sie einsetzt. Deshalb wählen sie ihre Worte mit Bedacht.

Schränkt die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) die Religionsfreiheit, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ein?

Die syrische Verfassung von 2012 gibt ausdrücklich an, dass der Präsident ein Muslim sein muss. Außerdem wird das islamische Recht als eine Hauptquelle der Gesetzgebung festgelegt. Dadurch ist ein Fundament für die Diskriminierung von Nichtmuslimen gelegt. Die Verfassung lehnt zwar Diskriminierung ab (einschließlich der Diskriminierung aufgrund religiöser Zugehörigkeit) und verpflichtet den Staat, alle Religionen zu respektieren und die freie Religionsausübung zu gewährleisten; all dies gilt jedoch nur unter der Bedingung, dass diese Religionen „nicht die öffentliche Ordnung stören“. Der Glaubenswechsel vom Islam zu einer anderen Religion wird nicht anerkannt. In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen besetzt werden, gilt die Scharia, was die Freiheiten aller nicht-sunnitischen religiösen Gruppen massiv einschränkt.

Haben sich Beamte auf irgendeiner Ebene geweigert, den Glaubenswechsel einer Person in den Systemen der Regierungsverwaltung, in Ausweisen usw. offiziell anzuerkennen?

Wegen der Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung ist der Glaubenswechsel vom Islam zu einer anderen, nichtislamischen Religion oder Denomination in Syrien illegal. Kein Christ muslimischer Herkunft würde die offizielle Anerkennung seines Glaubenswechsels beantragen, weil er weiß, dass dies sowieso nicht erlaubt und ihn nur unnötig in Gefahr bringen würde. In Idlib ist dieses Problem momentan besonders schlimm. Eine positive Ausnahme in dieser Hinsicht stellt die Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien dar, wo Muslime ihre Religion legal ändern können.

Wurden Christen durch das Gesetz oder in der Praxis gezwungen, gegen ihr Gewissen zu handeln, z. B. beim Militärdienst oder in bestimmten Berufen?

In von der Regierung kontrollierten Gebieten müssen alle Männer zwischen 18 und 42 Jahren im Militär dienen. Andernfalls drohen ihnen Gefängnisstrafe oder Zwangseinberufung. Dies ist einer der Hauptgründe, warum christliche syrische Flüchtlinge zögern, nach Syrien zurückzukehren. Das Problem der Wehrpflicht betrifft nicht nur Christen, doch manche behaupten, dass Christen und andere Minderheiten im Militär besonders gefährdet seien. In von der Opposition kontrollierten Gebieten kann eine Person außerdem zusätzlich unter Druck geraten, sich Milizen und Verteidigungstrupps anzuschließen. Der Weltrat der Aramäer („World Council of Arameans“) äußerte im Januar 2018 beispielsweise Besorgnis, dass Christen in kurdischen Gebieten in Nordsyrien von der kurdischen YPG ausgenutzt werden würden.

Sind Christen, Kirchen oder christliche Organisationen daran gehindert worden, religiöse Symbole öffentlich zu zeigen?

Traditionelle Kirchen sind hiervon vor allem in den Gebieten betroffen, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden. Viele Kirchen wurden entweiht, vor allem durch die Entfernung der Kreuze. Viele der in diesen Gebieten verbliebenen Christen scheuen sich, öffentlich christliche Symbole zu zeigen, da dies als provokant aufgefasst werden könnte. Christen muslimischer Herkunft sind in ganz Syrien vorsichtig damit, christliche Symbole zu zeigen, um nicht als provokativ gesehen zu werden.

Kirchliches Leben

Wurden kirchliche Aktivitäten überwacht, behindert, gestört oder blockiert?

Dies gilt hauptsächlich für die Gebiete, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden. Dort stellten im Laufe des immer noch anhaltenden Konflikts die meisten, wenn nicht sogar alle Kirchen ihren Betrieb ein oder wurden geschändet. In Gebieten, die von der Regierung kontrolliert werden, werden kirchliche Aktivitäten regelmäßig überwacht, vorgeblich um die Kirchen zu schützen. Diese Überwachungsmaßnahmen könnten jedoch gegen Kirchen verwendet werden, wenn provokante Predigten oder Aktivitäten festgestellt würden. Der stärkste Druck liegt auf kirchlichen Gruppen und Versammlungen von Christen muslimischer Herkunft. In kurdischen Gebieten ist dieser Druck deutlich schwächer, mit Ausnahme des Gebiets, das momentan von türkischen Truppen besetzt wird.

War es für Kirchen schwierig, von behördlichen Stellen eine Registrierung oder einen offiziellen Status zu erhalten?

Zu den registrierten Kirchen gehören die griechisch-orthodoxen Kirchen, die syrisch-orthodoxen Kirchen, die armenisch-apostolischen Kirchen, die griechischen, armenischen, chaldäischen, römischen, maronitischen und syrisch-katholischen Kirchen, die Assyrische Kirche des Ostens und die presbyterianischen und baptistischen Gemeinden sowie die Allianzkirchen (Kirchen der Christian & Missionary Alliance) und die Kirche des Nazareners. Andere Kirchen, zu denen auch Pfingstgemeinden gehören, haben keine offizielle Anerkennung. Trotzdem können sich viele von ihnen ohne große Störungen treffen. In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen gehalten werden, sowie in von der Regierung kontrollierten Gebieten können Christen mit muslimischem Hintergrund ebenfalls keine formell anerkannte Kirche haben – obwohl viele Mitglieder anderer anerkannter Gruppen sind oder von protestantischen Freikirchen, die sich informell treffen. Innerhalb der von der Opposition kontrollierten Gebiete ergibt sich ein gemischtes Bild – im Allgemeinen können die anerkannten Kirchen in den von den Kurden kontrollierten Gebieten frei agieren, während es für alle christlichen Gemeinschaften in den von islamistischen Gruppen kontrollierten Gebieten starke Einschränkungen gibt.

Wurden Kirchen daran gehindert, Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) offen zu integrieren?

Seit jeher ist in Syrien die Aufnahme von Christen muslimischer Herkunft in offiziell anerkannten Kirchen nicht gern gesehen. Dies wird damit begründet, dass dies zu Sektierertum führen oder Konflikte zwischen unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften heraufbeschwören könnte. Außerdem kann es potenziell ein Grund für strafrechtliche Verfolgung sein. Protestantische Freikirchen sind im Allgemeinen offener gegenüber Christen muslimischer Herkunft eingestellt. In Gebieten, die von islamistischen Oppositionsgruppen kontrolliert werden, ist die öffentliche Aufnahme von Christen muslimischer Herkunft jedoch undenkbar und sehr gefährlich. Auch in dieser Hinsicht stellen die kurdischen Autonomiegebiete im Nordosten eine positive Ausnahme dar.

Wurde veröffentlichtes Predigt- und/oder Lehrmaterial überwacht?

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien wurden Versammlungen jeglicher Art, darunter auch Gottesdienste, überwacht. Von Kirchenleitern wird erwartet, dass sie ihre Gemeindemitglieder dazu aufrufen, die Regierung al-Assads zu unterstützen. Die meisten Kirchenleiter akzeptieren die Tatsache, dass kirchliche Aktivitäten wie Predigten und Lehren regelmäßig überwacht werden. Sie zensieren sich selbst in der Praxis, indem sie provokative und hetzerische Aussagen (etwa Aussagen über die Weitergabe des Evangeliums an Muslime oder negative Äußerungen über den Islam) vermeiden. Dazu kommt, dass dem Ministerium für religiöse Stiftungen die Befugnis verliehen wurde, christliche Bücher vor ihrem Verkauf freizugeben. Das Ministerium überwacht außerdem zusammen mit dem Ministerium für Bildung die Lehrpläne der syrischen Schulen – auch der christlichen Schulen. In islamistisch kontrollierten Gebieten hat öffentliche christliche Lehre keinen Platz.

Auftreten von Gewalt

In den chaotischen Umständen des Krieges ist oft nicht klar ersichtlich, ob Handlungen gegen Christen religiös motiviert sind oder nicht. Vorfälle, die als „Kollateralschäden“ bezeichnet werden könnten, werden hier nicht aufgeführt. Dazu gehören Vorfälle, bei denen bei Kämpfen zwischen Regierungs- und Rebellentruppen entweder Christen verletzt wurden oder das Eigentum von Christen beschädigt wurde. Es gibt oft mehrere, verschiedene Motive, darunter Machtkämpfe. Dies schließt jedoch nicht zwangsläufig eine christenfeindliche Motivation aus. Für die Auswertung für den Weltverfolgungsindex wurden nur Vorfälle herangezogen, bei denen es den Tätern im Voraus klar war, dass christliche Zivilisten getroffen werden würden (zum Beispiel, wenn ein mehrheitlich christliches Dorf angegriffen wurde), oder bei denen die örtliche christliche Gemeinschaft annimmt, dass christenfeindliche Motive vorlagen, weil die Angreifer wie beispielsweise HTS, der IS oder andere gewalttätige islamistische Gruppen einer christenfeindlichen Ideologie folgen.

Zudem muss festgehalten werden, dass der Berichtszeitraum für den Weltverfolgungsindex 2021 einen Monat Überschneidung mit dem vorangegangenen Berichtszeitraum hatte und in diesem Monat (Oktober 2019) mehrere Vorfälle stattfanden, da zu dieser Zeit die türkische Offensive im Nordosten Syriens erfolgte, die viele Christen dazu brachte, aus der Region zu fliehen.

  • Getötete Christen: Neun Christen wurden im Berichtszeitraum wegen ihres Glaubens getötet.
  • Angriffe auf Kirchen: Fünf Kirchen oder christliche Gebäude wurden angegriffen, beschädigt, entweiht oder geschlossen. Dies geschah insbesondere durch den IS, türkische Truppen, von der Türkei unterstützte Gruppen oder alawitische Gangs.
  • Angriffe auf Christen: Bei einem Angriff auf eine chaldäische Kirche in Kamischli wurden mindestens 70 Christen verletzt. Ein weiteres Beispiel ist der Diakon, der bei dem Angriff auf einen Priester und seinen Vater in der Nähe von Deir ez-Zor verletzt wurde. Es gibt zudem Berichte von mindestens zwölf Christen muslimischer Herkunft, die körperlich oder psychisch missbraucht wurden.
  • Verhaftungen von Christen: Drei Christen wurden verhaftet, zwei von ihnen waren muslimischer Herkunft. Sie wurden Ende Juli 2020 in Afrin aufgrund ihres Glaubens von einer durch die Türkei unterstützten Miliz festgenommen und sehen sich nun Blasphemievorwürfen ausgesetzt. Zwei der drei Christen konnten auf Kaution freikommen, einer der beiden Konvertiten wird jedoch noch immer festgehalten.
  • Angriffe auf Häuser und Geschäfte von Christen: Von der Türkei unterstützte Gruppen konfiszierten und plünderten 205 Häuser und 120 Geschäfte von 75 christlichen Familien, die aufgrund der türkischen Offensive im Oktober 2019 aus Ras al-Ain fliehen mussten. In Idlib beschlagnahmte HTS bis zu 550 Häuser und Geschäfte, die Christen gehörten, die die Stadt aufgrund der heftigen Kämpfe zwischen Oktober 2019 und Januar 2020 verlassen mussten.
  • Christen, die aus ihrem Zuhause vertrieben wurden: Hunderte Christen flohen aufgrund der türkischen Angriffe. 863 Fälle wurden gemeldet, die tatsächliche Zahl könnte jedoch in den Tausenden liegen.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Im Bericht zur internationalen Religionsfreiheit, erstellt im Auftrag vom US-Außenministerium, heißt es für 2020 für Syrien:

  • „Als er noch aktiv Gebiete kontrollierte, stellten die völkermörderische Ideologie und die Taten von ISIS die größte Bedrohung für die Religionsfreiheit der unzähligen religiösen Minderheiten des Landes sowie der sunnitischen muslimischen Mehrheit dar. (...) Trotz der US-Entscheidung zu Beginn des Jahres, die eigenen Truppen anders als geplant nicht aus dem Nordosten abzuziehen, fanden dieser Abzug und eine lange angedrohte türkische Invasion im Oktober statt. Dies führte zur Vertreibung einiger ethnischer und religiöser Gemeinschaften aus einer sogenannten ‚sicheren Zone‘, die die Türkei mit ihren Verbündeten der Freien Syrischen Armee (FSA) eingerichtet hat. Diese Ereignisse weckten auch Befürchtungen, die türkische Regierung könnte begonnen haben, große Zahlen von syrischen Flüchtlingen – viele ursprünglich aus anderen Teilen Syriens – in diese Besatzungszone zu bringen und damit eine Art von erzwungenem religiösem, ethnischem und kulturellem Austausch herbeiführen, ähnlich ihrem Vorgehen im Jahr 2018 in Afrin.“
  • „Während es 2019 weniger Hinweise auf explizite Verstöße gegen die Religionsfreiheit in Gebieten unter der Kontrolle des Regimes gab, verübte die Regierung weiterhin massive Verstöße gegen die Menschenrechte. Dazu gehörten auch schwerwiegende Maßnahmen gegen Rückkehrer und Gemeinschaften, die verdächtigt wurden, sich an regimefeindlichen Aktivitäten oder Kämpfen beteiligt zu haben. Die Bedingungen für religiöse und ethnische Minderheiten – wie auch für die gesamte Zivilbevölkerung – blieben in der Provinz Idlib katastrophal, wo Regimekräfte und iranische, libanesische Hisbollah- und russische Verbündete seit April bewaffnete Gruppen und zivile Infrastrukturen angriffen, um die von den Rebellen gehaltenen Gebiete zurückzuerobern.“

Traditionell besteht die syrische Gesellschaft aus verschiedenen ethnischen und religiösen Gemeinschaften. Viele andere religiöse Minderheiten sind ebenfalls Verfolgung ausgesetzt, etwa Schiiten, Alawiten, Drusen, Juden, Jesiden und Zoroastrier. Schiitische, alawitische und drusische Gemeinschaften werden von sunnitischen Dschihadisten nicht nur deswegen verfolgt, weil ihr Glaube als ketzerisch angesehen wird, sondern im Fall der Alawiten auch, weil ihnen Verbindungen zu Präsident al-Assad vorgeworfen werden.

Insbesondere die drusische Gemeinschaft ist Opfer von Entführungen, Bombenangriffen und Morden durch den IS geworden. Schiiten und Alawiten sind jedoch auch betroffen. Als Teil von Syriens antizionistischem Narrativ wurden Juden während des Großteils der Geschichte des modernen Syriens benachteiligt. Jesiden und Zoroastrier sind zwei von Syriens Regierung nicht anerkannte kurdische Religionsgemeinschaften. Ihre Kinder werden als Sunniten registriert; in der Schule müssen sie am Islamunterricht teilnehmen. Ihre Lage war vor dem Bürgerkrieg wahrscheinlich schwieriger, da ihre Regionen inzwischen mehr und mehr durch die kurdischen Streitkräfte kontrolliert werden, was ihnen mehr Freiheiten gibt.

Beispiele:

  • Der Bericht zur internationalen Religionsfreiheit für 2019 beschreibt die folgenden Verstöße gegen die Religionsfreiheit von Jesiden, die seit 2014 verübt wurden: „Die Untersuchungskommission [für Kriegsverbrechen] schätzt, dass ISIS-Kämpfer mehr als 9.000 Jesiden erschossen, enthauptet, lebendig verbrannt oder entführt haben, in einer Kampagne, die die Vereinten Nationen als Völkermord bezeichnete. Nach Angaben von Anführern der Gemeinschaft wurden bis zum Jahresende mehr als 3.000 Jesiden vermisst. Seit 2014 entführte ISIS bei Angriffen im Nordirak schätzungsweise 6.000 Frauen und Kinder, vor allem Jesiden, aber auch zahlreiche christliche und turkmenische Frauen. Nichtregierungsorganisationen und Aktivisten wie Yazda und die Free Yezidi Foundation berichteten, dass mehr als 2.000 jesidische Frauen und Kinder geflohen sind, bei militärischen Operationen der SDF befreit wurden oder aus der Gefangenschaft entlassen wurden.“

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Syrien:

  • Beten Sie dafür, dass die syrischen Christen zu ihren Häusern, Familien, Gemeinden und ihrer Lebensgrundlage zurückkehren können, und dass Gott das Leben derjenigen wiederherstellt, die bereits zurückgekehrt sind.
  • Beten Sie für die Christen, dass sie ein Licht der Hoffnung in Syrien sind und denen Trost und Hilfe bringen, die unter einem Trauma oder dem Mangel an Nahrung und anderen lebensnotwendigen Dingen leiden.
  • Beten Sie, dass das Wort Gottes das Land Syrien durchdringt und  die Menschen darin neue Freude, Kraft und Hoffnung finden.