Länderprofil Irak

Irak

14
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Irak
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Parlamentarische Bundesrepublik
Platz Vorjahr
11
Karte Irak
Christen
0,17
Bevölkerung
42.61
Islamische Unterdrückung
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Diktatorische paranoia
Privatleben: 14.000
Familienleben: 14.600
Gesellschaftliches Leben: 14.000
Leben im Staat: 14.800
Kirchliches Leben: 13.900
Auftreten von Gewalt: 6.900

Länderprofil Irak

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 14 / 78 Punkte (WVI 2021: Platz 11 / 82 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Seit der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) zurückgedrängt wurde, setzen insbesondere von Iran unterstützte schiitische Milizen die Christen im Irak unter Druck. In der ersten Jahreshälfte 2020 verstärkte jedoch auch der IS seine Angriffe auf Zivilisten, Infrastruktur und Sicherheitskräfte. In verschiedenen Gebieten der Autonomen Region Kurdistan setzte die Türkei ihre Luftangriffe und militärischen Operationen am Boden fort. Dabei gingen sie Berichten zufolge gezielt gegen Mitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vor. Die Türkei ist seit 2015 in der Region präsent und aktiv. Ihre größten Einsätze waren im Juni 2020 sowie im Mai 2021. Dabei bombardierten türkische Einheiten auch christliche Dörfer, was viele Christen zur Flucht zwang. Von der Lokalregierung erfuhren die Christen keinen Schutz. Die Assyrische Kirche des Ostens, die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Syrisch-Katholische Kirche, die Chaldäisch-Katholische Kirche und die armenischen Kirchen sind stark von Gewalt, Intoleranz und Diskriminierung betroffen. Diese gehen besonders von islamisch-extremistischen Bewegungen und nichtchristlichen religiösen Leitern aus. Auch in Behörden erfahren Christen Diskriminierung. Vor einigen Jahren bedrohten islamische Extremisten das katholische Seminar in Bagdad so massiv mit Entführungen und Angriffen, dass es in die Autonome Region Kurdistan umziehen musste. Evangelikale Gemeinden in Bagdad und Basra sind ebenfalls von Gewalt durch islamisch-extremistische Bewegungen und nichtchristliche religiöse Leiter betroffen und erleben Diskriminierungen durch die Behörden. Christen mit muslimischem Hintergrund erfahren den meisten Druck von Familienmitgliedern und halten ihren Glauben oft geheim. Sie riskieren den Verlust ihrer Erbrechte sowie ihres Rechtes und ihrer Mittel zu heiraten. Die Abkehr vom Islam kann sogar in der eher gemäßigten islamischen Autonomen Region Kurdistan riskant sein. Ein Wechsel der Kirchenzugehörigkeit (etwa aus einer orthodoxen Kirche zu einer freikirchlich-protestantischen Gemeinde) wird häufig mit dem Entzug von Rechten bestraft. So kann diesen Konvertiten beispielsweise das Recht auf Erbschaft, die Möglichkeit zu heiraten oder das Recht, ihre Toten auf traditionellen christlichen Friedhöfen zu bestatten, verweigert werden. Es ist bekannt, dass Leiter orthodoxer und katholischer Kirchen sich weigern, Eheschließungen für Mitglieder durchzuführen, die protestantische Kirchen besuchen.

Länderprofil als PDF

Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Der autoritäre Anführer Saddam Hussein wurde 2003 durch eine von den USA geführte Militäraktion gestürzt. In dem entstandenen Machtvakuum flammte religiös motivierte Gewalt auf, insbesondere zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen. Die Christen gerieten dabei zwischen die Fronten. Nach der anglo-amerikanischen Invasion im Jahr 2003 nahm die antiwestliche und islamisch-extremistische Stimmung zu. Dies trug zu Verletzungen der Religionsfreiheit gegenüber irakischen Christen bei. Als der IS im Juni 2014 ein Kalifat ausrief, setzte ein Flüchtlingsstrom ein. Dadurch verschlimmerte sich die Lage im Land noch weiter. 2016 wurden große Teile des IS-Gebiets zurückerobert. Die Christen begannen daraufhin, in die befreiten, zuvor mehrheitlich christlichen Städte in der Nähe von Mossul zurückzukehren, darunter auch Karakosch. Im Dezember 2017 verkündete der damalige Ministerpräsident die erfolgreiche Vertreibung des IS aus dem Irak durch die irakischen Streitkräfte. Der Einfluss des IS bleibt jedoch in der Region bestehen.

Im Mai 2020 wurde Mustafa al-Kadhimi zum Premierminister ernannt. Vorausgegangen waren landesweite Massenproteste gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und den wachsenden Einfluss Irans, bei denen Hunderte von Menschen starben. Christen sind in der Politik mit 1–3 Prozent sehr gering vertreten. Mehrere schiitische Parteien unterhalten gute Beziehungen zur Islamischen Republik Iran. Die Regierung in Bagdad übt Druck auf die kurdische Regionalregierung aus, sich weiter zu islamisieren. Der Islam ist Staatsreligion – kein Gesetz darf den islamischen Lehren zuwiderlaufen. Es herrscht eine Atmosphäre der Instabilität und Fragilität angesichts der religiös-motivierten Konflikte, die im Parlament und auf den Straßen ausgetragen werden. Obwohl der Irak ein ethnisch und religiös vielfältiges Land ist, erlebt die Gesellschaft eine zunehmende Aufsplitterung und Islamisierung. In dem Maße, wie die christliche Bevölkerung schwindet, schwinden auch ihre Freiheiten. Dazu gehören verstärkte Kontrollen, die Schließung von Geschäften während des Ramadans und Druck auf christliche Frauen, sich zu verschleiern. Christliche Binnenflüchtlinge in kurdischen Gebieten haben aufgrund der Sprachbarriere Schwierigkeiten, sich zu integrieren. Viele Bürger sind nach Jahren des Krieges und der Gewalt traumatisiert – bei Kindern sind Lernstörungen weitverbreitet. Rund 18 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, und mehr als 3,3 Millionen Iraker sind seit 2014 auf der Flucht.

Die irakische Regierung hat den Internetzugang eingeschränkt, um Kritik und Proteste einzudämmen. Der Freedom House Bericht aus dem Jahr 2021 zeigt, dass die Nutzung des Internets kontrolliert wird, etwa durch Sanktionen für Beiträge in sozialen Medien zu kontroversen Themen, Verleumdungsklagen und Verhaftungen. Es gibt mehr als 40 Milizen unterschiedlicher Größe, die zur Unsicherheit für alle Christen und zu Übergriffen auf Christen muslimischer Herkunft beitragen. Der wichtigste Akteur in der derzeitigen Situation in der Autonomen Region Kurdistan ist die Türkei.

Unter der arabischen Bevölkerung des Iraks bilden schiitische Muslime die Mehrheit. Die Kurden im Norden sind mehrheitlich Sunniten. Zwischen 64 und 69 Prozent der irakischen Muslime sind Schiiten, 29 bis 34 Prozent sind Sunniten. Das Misstrauen zwischen ihnen und der Wettbewerb um die Macht im Irak nach Saddam Hussein haben die religiös motivierte Gewalt angeheizt. Die Mehrheit der Christen im Irak sind chaldäische Katholiken; fast 20 Prozent gehören der Assyrischen Kirche des Ostens an. In der Autonomen Region Kurdistan sind etwa 2.000 Mitglieder der evangelischen Kirchen registriert. Symbolische politische Schritte, wie die Einführung von Weihnachten als Nationalfeiertag im Dezember 2018, wurden von islamischen Autoritätspersonen wie dem Großmufti von Bagdad abgelehnt. Er verkündete in einer Predigt, dass christliche Feiertage wie Weihnachten für Muslime verboten seien.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

166.000

0,4

Muslime

41.630.000

97,7

Hindus

4.900

0,0

Buddhisten

370

0,0

Juden

20

0,0

Bahai

2.000

0,0

Atheisten

74.400

0,2

Agnostiker

221.000

0,5

Andere

512.990

1,2

2. Gibt es regionale Unterschiede?

Die meisten Christen im Irak leben im Norden des Landes, in kurdischen Gebieten. In Bagdad und Basra gibt es nur noch wenige Christen. Besonders schwierig ist die Situation für Christen im Süden und im Zentrum des Landes. Die Christen haben die meisten der dortigen Provinzen verlassen, mit Ausnahme kleiner Gruppen von Christen mit muslimischem Hintergrund. Gewalt gegen Konvertiten, besonders in Form von islamischer Unterdrückung und Unterdrückung durch den Clan oder Stamm, ist in arabischen Gebieten tendenziell stärker als in kurdischen.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung

Christen im Irak sind vonseiten sunnitischer und schiitischer Muslime islamischer Unterdrückung ausgesetzt, unabhängig von deren Volkszugehörigkeit (kurdisch, iranisch oder arabisch). Das islamische Bewusstsein ist unter dem Einfluss islamischer Milizen zu einer neuen Größe im Land geworden, auch in den Kurdengebieten im Norden. Bedingt durch regionale Entwicklungen nimmt die Bedeutung des Islam in den irakischen und kurdischen Regierungen zu. Mehrere schiitische Parteien haben enge Beziehungen zur Islamischen Republik Iran; besonders Christen muslimischer Herkunft berichten bereits, dass sie in Gebieten nahe der iranischen Grenze von iranischen Geheimdiensten beobachtet werden. Im Allgemeinen wird die irakische Gesellschaft immer islamischer. Die islamische Lehre und islamische Rhetorik beherrschen das tägliche Leben, und islamische Führer (vor allem Schiiten) beeinflussen weiterhin das soziale, religiöse und politische Leben. Dies spiegelt sich in den sozialen Normen und Praktiken wider, die jeden Iraker betreffen, und wird zum Maßstab für Nicht-Muslime. Die gesellschaftliche Kontrolle der Frauen nimmt zu. Selbst christliche Frauen in Bagdad und Basra sind gezwungen, sich zu verschleiern, um sich außerhalb ihrer Häuser sicher bewegen zu können.

Unterdrückung durch den Clan oder Stamm

Die irakische Gesellschaft ist immer noch stark durch Stammesdenken geprägt. Dies gilt vor allem in Gegenden, die durch religiös motivierte Gewalt erschüttert wurden – hauptsächlich die früher vom IS kontrollierten Gebiete. Wo sich dieses Stammesdenken mit dem Islam vermischt, betrifft es insbesondere Christen muslimischer Herkunft. Ethnische Gruppen sowie Stammesgruppen haben bisweilen Parteien mit einer exklusiven Agenda gegründet. Christen sind ein leichtes Ziel. Die Einhaltung der jahrhundertealten Sitten und Gebräuche der Stämme ist oft wichtiger als die Einhaltung staatlicher Gesetze, da die Stämme für Iraker normalerweise über dem Gesetz stehen.

Diktatorische Paranoia

Mehrere aufeinanderfolgende irakische Zentralregierungen haben versucht, um jeden Preis an der Macht zu bleiben. Dadurch wurde es verpasst, eine pluralistische Gesellschaft zu fördern, in der sich religiöse Minderheiten willkommen fühlen. Christen in den kurdischen Gebieten beklagen einen Missbrauch des Wahlsystems bei den Parlamentswahlen von 2018. Kurdische und schiitische Parteien beanspruchten die fünf für Christen reservierten Sitze im Nationalrat und vergaben sie an ihre eigenen christlichen Kandidaten. Regierungsbeamte auf allen Ebenen bedrohen Berichten zufolge Christen und „ermutigen“ sie, auszuwandern.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Korruption ist tief in der irakischen Gesellschaft verwurzelt, Christen werden auf diese Weise ausgebeutet. In vielen mehrheitlich islamischen Gebieten können Christen ihre Häuser oftmals nur zu 60 Prozent des Wertes verkaufen. Ein weiteres Problem ist die Beschlagnahmung von Ländereien, die Christen gehören. Organisierte, kriminelle Gruppen haben sich 78 Prozent der Ländereien illegal angeeignet, deren christliche Eigentümer aus dem Land geflohen sind, insbesondere Grundstücke in Bagdad. Die Coronakrise hat diese Situation von Chaos und Korruption noch verschlimmert.

Konfessioneller Protektionismus

Wenn sich eine neue Konfession um staatliche Anerkennung bewirbt, werden die offiziell anerkannten Kirchen um ihre Zustimmung gebeten. Oft lehnen traditionelle Kirchen die Registrierung protestantischer Freikirchen entschieden ab und versuchen ihre Mitglieder davon abzuhalten, neuere Kirchengemeinden zu besuchen. Manche katholischen Kirchen verbieten es protestantischen Christen, ihre Toten auf katholischen Friedhöfen zu beerdigen. Für Christen aus protestantischen Freikirchen ist dies ein Problem, da es derzeit keine christlichen Friedhöfe abseits der traditionellen Kirchen gibt. Bischöfe traditioneller christlicher Gemeinschaften weigern sich immer wieder, Mitglieder zu trauen, die freikirchliche Gemeinden besucht haben. Im Zentral- und Südirak erleben Christen, die von einer traditionellen Kirche zu einer Freikirche wechseln, immer wieder Drohungen und Widerstand von Familienmitgliedern, Stammesführern und ihrem sozialen Umfeld; dies schließt den Verlust von Arbeitsplätzen, Erbschaften oder der Möglichkeit zu heiraten ein. Als der IS noch Gebiete im Irak kontrollierte, waren viele Kirchen offener für eine überkonfessionelle Zusammenarbeit. Heute sind die 14 staatlich anerkannten Konfessionen stärker voneinander getrennt.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Christen aus traditionellen Kirchen

Kirchen wie die Assyrisch-Orthodoxe Kirche, die Chaldäisch-Katholische Kirche, die Syrisch-Katholische Kirche und die armenischen Kirchen sind alle erheblich von Verletzungen der Religionsfreiheit durch islamisch-extremistische Gruppierungen und nichtchristliche religiöse Leiter betroffen. Auch in Behörden erfahren Christen Diskriminierung. Im Zentral- und Südirak zeigen Christen oft keine christlichen Symbole (wie beispielsweise ein Kreuz), da dies zu Belästigungen oder Diskriminierungen an Checkpoints, in der Universität oder am Arbeitsplatz sowie in Regierungsgebäuden führen kann. In der Autonomen Region Kurdistan können die meisten Christen jedoch problemlos christliche Symbole tragen.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Zu dieser Kategorie zählen Christen mit muslimischem Hintergrund sowie Christen, die aus einer traditionellen Kirche stammen und zu einer anderen Denomination übergetreten sind und nun zusammen mit protestantisch-freikirchlichen Christen Gottesdienst feiern. Christen muslimischer Herkunft erleben den meisten Druck durch die eigene (Groß-)Familie und halten oft ihren neuen Glauben geheim, da sie riskieren, von ihren Familienangehörigen, Stammesführern und den Menschen in ihrem Umfeld bedroht zu werden. Die Gemeinde zu wechseln (beispielsweise von einer orthodoxen Kirche in eine freikirchlich-protestantische Gemeinde), wird ebenfalls häufig mit dem Entzug von Rechten oder mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bestraft.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Evangelikale, Baptisten und Pfingstgemeinden in Bagdad und Basra sind erheblich von Verletzungen der Religionsfreiheit durch islamisch-extremistische Bewegungen und nichtchristliche religiöse Leiter betroffen und erleben Diskriminierungen durch die Behörden. Christen, die ihren Glauben offen bekennen, werden im Zentral- und Südirak regelmäßig angegriffen. Wenn sie im Verdacht stehen, Muslimen das Evangelium zu erzählen, können auch Blasphemiegesetze gegen sie angewendet werden. Für evangelikale Christen gibt es keine gesetzliche Grundlage, um Bibelschulen zu eröffnen oder auswärtige Organisationen zu engagieren, ihnen dabei zu helfen.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 14
Familienleben 14.6
Gesellschaftliches Leben 14
Leben im Staat 14.8
Kirchliches Leben 13.9
Auftreten von Gewalt 6.9

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

Christen muslimischer Herkunft sind in Gefahr, wenn sie sich zu ihrem Glauben bekennen oder sich mit anderen Christen treffen. Wenn sie dies tun, werden sie der Abtrünnigkeit und des Verrats beschuldigt. Im Allgemeinen riskieren Christen, die mit Nichtchristen über ihren Glauben sprechen, den Vorwurf der Missionierung und müssen mit Schikanen und Gewalt rechnen. Einheimische Christen dürfen christliche Symbole tragen und zeigen, es sei denn, sie leben in sehr konservativen islamischen Orten.

Familienleben

Muslimas, die den christlichen Glauben annehmen, werden nicht als Christinnen anerkannt; die Ehe mit einem Nicht-Muslim ist ihnen deshalb rechtlich verboten. Zusätzliche Brisanz erhielt das Thema durch die vom IS praktizierten Zwangskonvertierungen: Die so zum Islam konvertierten Christen mussten vor Gericht erscheinen, um ihre Konversion zum Islam zu bestätigen. Daraufhin wurden alle rechtlichen und sozialen Unterlagen geändert; sie gelten nun offiziell als Muslime. Laut Artikel 26 des Gesetzes von 2015 zum Personalausweis werden Kinder unter 18 Jahren mit einem muslimischen Elternteil als Muslime registriert. Das trifft selbst dann noch zu, wenn eine nichtmuslimische Mutter von einem Muslim vergewaltigt und das Kind auf diesem Weg gezeugt wurde. In Scheidungsfällen wird das Sorgerecht in der Regel dem muslimischen Elternteil zugesprochen. Kinder, die als Muslime gelten, sind gezwungen am Islamunterricht teilzunehmen. Laut Gesetz müssen alle Schulen (auch christliche Schulen) regelmäßigen Islamunterricht anbieten und die Schüler in diesem Fach prüfen. Wer diese Prüfungen nicht besteht, kann nicht in die nächste Klasse versetzt werden.

Gesellschaftliches Leben

Christinnen werden in Bagdad, Basra und manchmal sogar im Norden unter Druck gesetzt, ihren Kopf zu bedecken. In den Lehrplänen der Grundschulen werden unverschleierte Frauen als „krank“ bezeichnet, was zu Hass und Spaltung führt. Christliche Studenten beklagen, dass einige muslimische Professoren an Universitäten Prüfungen absichtlich auf christliche Feste legen. Assyrische Schulen weisen darauf hin, dass sie benachteiligt werden, indem sie die ihnen zustehenden Gelder nicht in vollem Umfang erhalten. Die Bildung ist auf den Islam ausgerichtet und berücksichtigt nicht die Beiträge „anderer“ Gemeinschaften zur Geschichte des Iraks. Dies führt zu einer Mentalität der Unterordnung gegenüber den Muslimen. Einige der offiziellen Lehrpläne an öffentlichen Schulen und Universitäten definieren Christen sogar als Ungläubige und Feinde und rufen zum Dschihad gegen sie auf. Bei der Online-Beantragung eines Personalausweises wird die Religionszugehörigkeit abgefragt, und der Datenchip auf dem Ausweis enthält immer noch Angaben zur Religion. Dies führt dazu, dass Christen an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert werden. Im Nationalparlament und in der Regierung haben Christen einige hochrangige Positionen inne; im Allgemeinen sind sie dort aber unterrepräsentiert. Christen muslimischer Herkunft stehen in großer Gefahr ihren Arbeitsplatz zu verlieren, falls ihr neuer Glaube bekannt wird.

Leben im Staat

Seiner Verfassung nach ist der Irak ein islamisches Land, in dem keine Gesetze erlassen werden dürfen, die dem Islam widersprechen. Das Gesetz erlaubt den Glaubenswechsel hin zum Islam, lässt aber die Hinwendung zu anderen Religionen oder Glaubensrichtungen nicht zu und erkennt sie auch nicht an. In einer Ehe, bei der einer der Ehegatten Muslim ist, spricht das Familienrecht diesem fast automatisch alle Rechte zu – so etwa im Blick auf Scheidung, Sorgerechts- und Erbschaftsfälle. Im Allgemeinen wird es Christen nicht erlaubt, die höchsten Ämter in bestimmten Institutionen, wie dem Militär, zu bekleiden. Manchmal werden Christen aufgefordert, Muslime zu werden, um eine Beförderung zu erhalten. Christen sind regelmäßig Ziel von Hassreden und Hetzkampagnen extremistischer Gruppierungen, sowohl im Internet als auch im landesweiten Fernsehen. Bei Verbrechen gegen Christen werden die meisten Täter nicht zur Rechenschaft gezogen. Die Regierung hat keine Kontrolle über die Milizen, die im Land aktiv sind, besonders in der Ninive-Ebene. Trotz der großen Anzahl christlicher Grundstücke, die beschlagnahmt wurden (offizielle Schätzungen gehen davon aus, dass dies 78 Prozent aller Grundstücke von Christen betrifft, die das Land verlassen haben), wird kaum jemand dafür bestraft.

Kirchliches Leben

Jugendarbeit von Gemeinden ist nur innerhalb von Kirchengebäuden und mit christlichen Jugendlichen erlaubt. Für Christen mit islamischer Herkunft ist es nicht möglich, in ihre örtliche christliche Gemeinde integriert zu werden; Ausnahmen gibt es in einigen kurdischen Gemeinden in der Autonomen Region Kurdistan. Oft müssen sie ihren Heimatort aus Sicherheitsgründen verlassen und Zuflucht in der Anonymität einer Großstadt suchen – oder das Land ganz verlassen. Besonders neuere Kirchen von nicht-traditionellen Denominationen berichten von Überwachung.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

  • Von Iranern unterstützte Milizen haben in der Stadt Bartella in der Provinz Ninive etwa 30 Christen entführt. Einige der entführten Personen wurden geschlagen.
  • Im Mai 2021 wurden Häuser und anderes Eigentum in überwiegend christlichen Dörfern durch türkische Bombenangriffe beschädigt (etwa in Miska und Jalak/Chalki), und im Juli 2021 brannten Ackerflächen unbekannter Größe ab. Zwei Kirchengebäude wurden bei türkischen Bombardierungen im Nordirak beschädigt. Darüber hinaus haben von Iranern unterstützte Milizen christliche Gebäude in der Stadt Bartella in Ninive angegriffen und beschädigt.
  • Mindestens 11 Alkoholgeschäfte mit christlichen Besitzern wurden Ende 2020 in Bagdad in Brand gesteckt. Es wurden auch Grundstücke beschlagnahmt (beispielsweise Ackerland, das als Einkommensquelle diente). So wurden beispielsweise in Ankawa (Erbil) 750.000m² Land von Christen enteignet. Darüber hinaus wurden Ende April 2021 rund 250 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, die lokalen christlichen Landwirten gehörte, von den Behörden der Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan beschlagnahmt. Eine Kommission, die die Beschlagnahmung von christlichem Eigentum registrierte, verzeichnete allein in Dohuk 55 Fälle. Im November 2020 schließlich beschlagnahmten irakische Sicherheitskräfte zahlreiche christliche Häuser in der Provinz Ninive und nutzten sie als Militärkasernen, ohne die betroffenen Christen zu entschädigen.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

14

78,11

2021

11

82,48

2020

15

76,12

2019

13

78,77

2018

8

85,59

Der Rückgang der Punktzahl um vier Punkte im Vergleich zum Vorjahr ist vor allem darauf zurückzuführen, dass weniger gewalttätige Vorfälle gemeldet wurden. Der Unterschied fällt deshalb so groß aus, weil es weniger Berichte über besonders schwerwiegende Vorfälle gab, wie die Ermordung von Christen, Angriffe auf Kirchen, Kirchenschließungen und Verhaftungen von Christen. Im Gegensatz dazu gab es mehr Berichte über andere Vorfälle, wie die Entführung von Christen, Zwangsehen sowie Angriffe auf christliche Geschäfte oder Unternehmen (einschließlich landwirtschaftlicher Flächen) und deren Beschlagnahmung.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Christinnen werden in der irakischen Gesellschaft regelmäßig ungleich behandelt. In einigen Gebieten tragen christliche Frauen zu ihrer eigenen Sicherheit einen Schleier, da unverschleierte Frauen in der Gefahr stehen, belästigt oder sogar mit Steinen beworfen zu werden. Bei Übergriffen gegen Christinnen, sei es Entführung, Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch, herrscht generell Straffreiheit. Christinnen muslimischer Herkunft sind von Hausarrest, Schlägen, sexueller Belästigung und „Ehren“-Morden bedroht. Alleinstehende Christinnen muslimischer Herkunft können mit einem Muslim zwangsverheiratet werden. Alleinstehende junge christliche Frauen wurden Berichten zufolge auch von muslimischen Männern „geködert“, die sie zur Konversion und zur Heirat zwangen.

Männer: Christen haben oft Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden, und empfinden sich Berichten zufolge stark gefährdet, am Arbeitsplatz ausgenutzt zu werden. Da Männer oft die Hauptverdiener ihrer Familien sind, kann der Verlust des Arbeitsplatzes erhebliche Auswirkungen auf christliche Familien haben. Christen muslimischer Herkunft sind besonders gefährdet, Opfer von Übergriffen zu werden. In einer Kultur, in der Ehre hoch angesehen wird, riskieren sie, aus ihren Familien verstoßen, bedroht oder getötet zu werden. Diese Faktoren verstärken die ohnehin schon hohe Tendenz zur Emigration. Priester werden manchmal gezielt angegriffen, wenn sie sich gegen bewaffnete Gruppen aussprechen, oder werden von Extremisten entführt; dies schwächt die Kirche weiter.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Andere religiöse Minderheiten, die im Irak unter Verfolgung, Diskriminierung und Intoleranz leiden, sind Jesiden, Ahl-e Haqq (Kaka’i), Mandäer, Bahai, Zoroastrier und Juden. Vor allem Jesiden haben schreckliche Gräueltaten erlitten, zunächst durch den IS und jetzt durch die Türkei, die eine Reihe von Luftangriffen in der jesidischen Sindschar-Region durchgeführt hat.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für den Irak:

  • Beten Sie für Frieden und Stabilität, damit vertriebene Christen in ihre Häuser zurückkehren können.
  • Bitten Sie darum, dass die neue irakische Regierung die Rechte von Christen und anderen religiösen Minderheiten schützt.
  • Beten Sie für den Schutz aller Christen und darum, dass sie in ihrem Glauben an Jesus gestärkt und ermutigt werden.

Irak: Informieren und helfen

Meldungen

Aktuelle Meldungen zum Irak

Lesen Sie hier aktuelle Nachrichten und persönliche Berichte verfolgter Christen aus den Ländern des Weltverfolgungsindex, und abonnieren Sie unsere kostenlosen Formate.

Beten

Beten

Gebet ist das Erste, um das verfolgte Christen uns bitten und ist daher essenzieller Teil unseres Dienstes. Erfahren sie hier, wie sie konkret für verfolgte Christen beten können.

Spenden

Spenden

Ohne Ihren Einsatz wäre unser weltweiter Dienst nicht möglich. Ihre finanzielle Unterstützung macht einen Unterschied im Leben verfolgter Christen!