Länderprofil Irak

Irak

13
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Irak
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Republik
Platz Vorjahr
8
ISO
IQ
Karte Irak
Christen
0,23
Bevölkerung
39.34
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 13.900
Familienleben: 14.400
Gesellschaftliches Leben: 14.100
Leben im Staat: 14.600
Kirchliches Leben: 13.600
Auftreten von Gewalt: 8.100

Länderprofil Irak

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 13 / 79 Punkte (WVI 2018: Platz 8 / 86 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Islamische Unterdrückung: Islamisch-extremistische Gruppen streben danach, den Irak zu einem rein islamischen Land zu machen. Antiwestliche (und damit auch christenfeindliche) Stimmungen führen zu einem hohen Maß an Gewalt.

Ethnisch begründete Anfeindungen: Stamm und Clan haben große Bedeutung und üben vor allem auf Christen muslimischer Herkunft Druck aus, aber auch auf Christen anderer (nichtarabischer) ethnischer Hintergründe.

Organisiertes Verbrechen und Korruption: Entführungen, Lösegelder und illegale Inbesitznahme der Häuser von Christen sind weitverbreitet. Korruption ist auf allen Ebenen der Gesellschaft normal.

Diktatorische Paranoia: Die politischen Führer konzentrieren sich darauf, an der Macht zu bleiben. Dies verhindert eine pluralistische Gesellschaft.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Gewalttätige religiöse Gruppen wie der Islamische Staat (IS) sind bekannt dafür, gezielt religiöse Minderheiten durch Entführungen und Morde anzugreifen. Obwohl der IS sein Territorium im Irak verloren hat, ist seine Ideologie weiterhin einflussreich und zahlreiche IS-Kämpfer sollen in der Bevölkerung untergetaucht sein. Eine weitere Quelle der gewaltsamen Verfolgung von Christen sind die schiitischen Milizen, die vom Iran unterstützt werden. Verfolgung geht auch von islamischen Leitern auf jeder Ebene aus, meist in Form von Hassreden in Moscheen. Regierungsbeamte auf allen Ebenen bedrohen Berichten zufolge Christen und „ermutigen“ sie auszuwandern. Indem sie es versäumen, eine pluralistische Gesellschaft zu fördern, tragen auch politische Parteien zur Verfolgung von Christen bei. Clanführer, die (Groß-)Familie und „gewöhnliche Bürger“ üben Druck und Gewalt gegenüber Christen muslimischer Herkunft aus, um sie dazu zu bringen, wieder zum Islam zurückzukehren. Leiter von historischen Kirchen haben manchmal die offizielle Anerkennung jüngerer christlicher Konfessionen verhindert und sie auf auch andere Weise behindert. Schließlich ist die Entführung von Christen durch organisierte Kriminalität aus finanziellen und religiösen Motiven bekannt.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Die Assyrische Kirche des Ostens, die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Chaldäisch-Katholische Kirche und die Armenisch-Orthodoxe Kirche sind alle stark von Verfolgung betroffen, besonders durch extremistische islamische Bewegungen und nichtchristliche Leiter. Sie werden auch von den Behörden diskriminiert. Im Zentral- und Südirak zeigen Christen oft keine christlichen Symbole (wie z. B. ein Kreuz), da dies zu Belästigungen oder Diskriminierungen an Checkpoints, in der Universität oder am Arbeitsplatz sowie in Regierungsgebäuden führen kann. Sogar Christen in den Kurdengebieten des Irak haben Berichten zufolge das Kreuz aus ihren Autos entfernt, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen. Bereits vor einigen Jahren konnte das katholische Seminar in Bagdad aufgrund von Androhungen von Entführungen und Angriffen durch islamische Extremisten nicht mehr weiterarbeiten und war gezwungen, in die Kurdengebiete umzuziehen. Evangelikale Gemeinden und Pfingstgemeinden, etwa in Bagdad und Basra, sind ebenfalls erheblich von der Verfolgung durch extremistische islamische Bewegungen und nichtchristliche Leiter betroffen und erleben regelmäßig Diskriminierungen durch die Behörden. Bekennende Christen sind immer wieder zu Zielscheiben im Zentral- und Südirak geworden. Auch Blasphemiegesetze können gegen sie angewendet werden, wenn sie im Verdacht stehen, missionarisch unter Muslimen zu arbeiten.

Christen muslimischer Herkunft erfahren den größten Druck durch die (Groß-)Familie und halten ihren Glauben oft geheim, da sie in der Gefahr stehen, von Familienmitgliedern, Clanführern und der Gesellschaft um sie herum bedroht zu werden. Als Konvertiten zum christlichen Glauben riskieren sie, Erbrechte zu verlieren, sowie das Recht und die Möglichkeit zu heiraten. Offen den Islam zu verlassen führt im ganzen Land zu schwierigen Situationen. Die Denomination zu wechseln (z. B. aus einer orthodoxen Kirche zu einer freikirchlich-protestantischen Gemeinde) hat ebenfalls häufig Benachteiligungen zur Folge, wie den Verlust des Arbeitsplatzes. Es ist bekannt, dass Leiter orthodoxer und katholischer Kirchen sich weigern, Eheschließungen für Mitglieder durchzuführen, die evangelikale Kirchen besuchen.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Fünf Christen wurden aufgrund ihres Glaubens im Berichtszeitraum des WVI 2019 getötet. Eine Familie von drei Christen (ein christlicher Arzt, seine Frau und seine Mutter), wurden am 8. März bei einem Raubüberfall in ihrem Haus in Bagdad erstochen. Im gleichen Monat wurde ein Christ vor seinem Haus in der Hauptstadt erschossen. Auf ersten Blick sieht dieser Fall vielleicht schlicht kriminell aus, aber die Christen vor Ort und führende Politiker des Landes interpretieren diese Morde als gezielt christenfeindlich. Im Nahen Osten sind die Motive oft gemischt. Schließlich wurde ein Christ muslimischer Herkunft von seinem Schwiegervater umgebracht, nachdem dieser im September 2018 von seinem Glaubenswechsel erfuhr.
  • Mehr als zehn Christen wurden verhaftet und festgehalten, während sie evangelisierten. Aus Sicherheitsgründen können keine genaueren Informationen weitergegeben werden.
  • 48 Christen werden immer noch auf Grund von Verfolgung vermisst: Von 60 vermissten Christen, viele davon Frauen aus Karakosch, die von IS-Kämpfern verschleppt wurden, sind nur 12 zurückgekehrt. Christliche Frauen in Karakosch wurden von Kämpfern schiitischer Milizen, die nach der Befreiung der Stadt dort stationiert waren, sexuell missbraucht und angegriffen. Mehrere Christen, teils mit muslimischem Hintergrund, wurden entweder körperlich angegriffen oder erhielten Todesdrohungen.
  • Drei Kirchen oder christliche Gebäude, unter anderem auch Friedhöfe, wurden angegriffen. Im späten November 2017 wurde ein christlicher Friedhof geschändet und eine christliche Schule in dem Dorf Inshke, in der Nähe von Dohuk in den Kurdengebieten, geplündert. Im Juli 2018 überfiel eine Geheimdiensteinheit der irakischen Armee das christliche Zentrum der St.-Gorgis-Kirche in dem christlichen Dorf Bartella unter falschen Behauptungen.
  • Mehrere Häuser und Geschäfte von Christen wurden geplündert oder beschlagnahmt. Laut einem Bericht von „Independent Catholic News“ vom 18. November 2018 wurden „mindestens 350 Häuser von Christen, die vor dem IS geflohen waren, illegal von neuen Bewohnern besetzt, die deren Abwesenheit ausgenutzt und gefälschte Dokumente verwendet haben, was die Rücknahme der Häuser sehr schwierig macht.“ Es ist sehr schwer zu sagen, wann genau diese Häuser besetzt wurden, aber dies ist offensichtlich sehr oft passiert. Ländereien, die Christen gehören, werden in Nav Kandala seit 15 Jahren von Kurden beschädigt. Insgesamt wurden seit 2003 mehr als 750 Morgen Land beeinträchtigt.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Im Weltverfolgungsindex 2019 ist die Punktzahl für den Irak von 86 Punkten im Weltverfolgungsindex 2018 auf 79 Punkte gesunken. Damit ist das Land von Platz 8 auf 13 gerückt. Sowohl die Punktzahl für Druck als auch für Gewalt sind mit den territorialen Verlusten des IS gesunken. Dies bedeutet jedoch nicht, dass alles wieder gut ist: die Ideologie des IS lebt weiter und hat die lokale Bevölkerung beeinflusst. Die Zahl der getöteten Christen ist ein wenig gestiegen und Christen werden weiterhin körperlich und seelisch verletzt, bedroht und sexuell belästigt. Gewalttaten gegen Christen nichtmuslimischer Herkunft wurden hauptsächlich von Kämpfern islamistischer Milizen ausgeübt, während Christen muslimischer Herkunft hauptsächlich mit Gewalt seitens ihrer (Groß-)Familien konfrontiert sind. Obwohl einige christliche Familien in ihre Häuser zurückgekehrt sind, geht die Auswanderung der Christen weiter, weil sie Angst und keine Hoffnung auf eine gute Zukunft haben.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Islamisch-extremistische Gruppen trachten nach einer religiösen Säuberung des Irak und streben danach, den Irak ganz und gar zu einem islamischen Land zu machen. Seit der US-geführten Invasion im Irak im Jahr 2003 hat sich die Situation kontinuierlich verschlechtert. Anti-westliche (und damit auch christenfeindliche) Stimmungen fördern ein beträchtliches Ausmaß an Gewalt durch islamische Extremisten und Gruppen von Aufständischen. Die Situation verschlimmert sich noch durch mangelnde Strafverfolgung und Gesetzlosigkeit. Darüber hinaus sind die islamistischen Milizen im Norden und im Westen zahlenmäßig gewachsen, beeinflusst durch den Bürgerkrieg in Syrien. Im Juni 2014 rief der IS ein Kalifat in großen Teilen des Nord- und Westirak aus, zusammen mit den Gebieten, die er in Syrien kontrollierte. Der IS führte strenge islamische Regeln ein und war für den Großteil der Gewalt gegen Christen im Irak verantwortlich. Bis Ende 2017 wurden die meisten bislang vom IS gehaltenen Gebiete befreit und durch den IS begangene Gräueltaten wurden öffentlich. Die territoriale Niederlage des IS hat eine wichtige Bedrohungsquelle beseitigt, aber man sagt, dass viele IS-Kämpfer in der Bevölkerung „untergetaucht“ sind und damit weiterhin eine Bedrohung für religiöse Minderheiten darstellen.

Neue islamistische Gruppen sind entstanden wie „Chorasan“, eine Gruppierung, die mutmaßlich aus ehemaligen Mitgliedern von Al Kaida besteht. Unter dem Einfluss islamisch-extremistischer Milizen wurde das islamische Bewusstsein zu einem neuen Faktor im Land, einschließlich des Kurdengebiets im Norden. Bedingt durch regionale Entwicklungen nimmt die Bedeutung des Islam in den irakischen und kurdischen Regierungen zu. Mehrere schiitische Parteien haben gute Beziehungen zur Islamischen Republik Iran und besonders Christen mit muslimischem Hintergrund berichten, dass sie in Gebieten nahe der iranischen Grenze von iranischen Geheimdiensten beobachtet werden. Generell scheint die Gesellschaft des Irak islamischer zu werden. Islamische Grundsätze und Rhetorik beherrschen den Alltag und islamische Leiter (vor allem Schiiten) beeinflussen weiterhin das soziale, religiöse und politische Leben durch ihre Lehren, politischen Haltungen und Entscheidungen als Stammesführer. Dies spiegelt sich dann in den gesellschaftlichen Normen und Praktiken wider, die alle Menschen im Irak betreffen und auch für Nichtmuslime zum Maßstab werden. Die soziale Kontrolle von Frauen nimmt zu und christliche Frauen sind selbst in Bagdad und Basra gezwungen, sich zu verschleiern, damit sie sich sicher außerhalb ihres Zuhauses bewegen können.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Die irakische Gesellschaft ist immer noch sehr durch Stammesdenken geprägt, vor allem in Gegenden, die durch religiöse Spannungen und Gewalt (hauptsächlich in den früher vom IS kontrollierten Gebieten) gespalten sind. Die Zugehörigkeit zu einem Stamm ist oft wichtiger, als dem Gesetz der Regierung zu gehorchen. Uralte Normen und Werte üben einen bestimmenden Einfluss auf die Stammesgesellschaft aus. Wo sich dieses Stammesdenken mit dem Islam vermischt, betrifft es insbesondere Christen muslimischer Herkunft. Wenn der Stammeshintergrund eines Christen muslimischer Herkunft bekannt ist, kann das andere Christen davon abhalten, ihm oder ihr zu helfen, weil sie dann selbst in Schwierigkeiten geraten könnten. Stammesgruppen haben in einigen Gebieten Einfluss innerhalb von (und manchmal auch auf) Regierungsbehörden.

Das Wort „christlich“ wird im Irak nicht so sehr im Sinne des Glaubens verstanden, sondern mehr im Sinne der Ethnizität. Traditionelle/historische Christen haben eine andere ethnische Herkunft (assyrisch, chaldäisch, syrisch, armenisch usw.) als Muslime. Die Mehrzahl der Muslime (Schiiten und Sunniten) werden als Araber bezeichnet und haben stark nomadische Stammesnormen, die als Standard für die gesamte Gesellschaft dargestellt werden. Wegen der Spaltungen in der irakischen Gesellschaft sind Stämme immer noch der entscheidende Faktor für Zugehörigkeit. In diesem Sinne werden diejenigen, die nicht „Araber“ sind, automatisch als anders gesehen und dementsprechend behandelt. Ihnen werden manche ihrer Rechte verweigert (zum Beispiel leiden sie unter Diskriminierung und Verfolgung). Das ist in städtischen Gegenden jedoch weniger intensiv als in ländlichen Gesellschaften.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Korruption ist tief in der irakischen Gesellschaft verwurzelt, bis hin zu den höchsten Schichten, und spielt bei der Verfolgung von Christen im Irak eine wichtige Rolle, sowohl in den Gebieten, die von der irakischen Regierung  kontrolliert werden, als auch in den Kurdengebieten. In vielen mehrheitlich islamischen Gebieten können Christen ihre Häuser nur zu 60% des Preises verkaufen. Weitere Beispiele: 1. Die Beschlagnahmung von Ländereien, die Christen gehören: In den von der irakischen Regierung kontrollierten Gebieten wurden mindestens 70% der Ländereien von Christen durch organisierte, kriminelle Gruppen, zu denen sehr einflussreiche Politiker und religiöse Leiter gehören, illegal beschlagnahmt. Ähnliche Phänomene können auch in den Kurdengebieten beobachtet werden, wobei die Täter einflussreiche Stammesführer sind, die zu dem herrschenden Klan gehören. Die Verwundbarkeit religiöser Minderheiten wie der Christen wird ausgenutzt. 2. Die Tötung und Entführung von Christen: Seit 2003 ist das immer wieder in Wellen geschehen. Das führt zu großer Unsicherheit. Diese beiden Gründe sind die Hauptursachen für die Auswanderung der irakischen Christen und für die Erschöpfung der christlichen Gesellschaften im Irak.

Diktatorische Paranoia

Das Ziel, um jeden Preis an der Macht zu bleiben, ist ein wesentliches Thema in der irakischen Zentralregierung und wird von Klientelwesen, Korruption und Vetternwirtschaft verstärkt. Dieser Fokus verhindert, dass eine pluralistische Gesellschaft gefördert wird, in der Christen (und andere religiöse Minderheiten) wirklich willkommen wären. Die neue Regierung, die im Mai 2018 gewählt wurde, ist schiitisch ausgerichtet, aber momentan ist es zu früh, um einen zukünftigen Kurs vorherzusagen. Aus dem Norden gab es jedoch im Juni 2018 neue Berichte, dass die kurdischen Behörden „Assyrische“ Ländereien beschlagnahmen.

Konfessioneller Protektionismus

Konfessioneller Protektionismus war schwächer, als der IS noch Gebiete im Irak kontrollierte und Kirchen vieler verschiedenen Konfessionen mehr dazu bereit waren, sich gegenseitig zu helfen. Im Irak gibt es vierzehn christliche Konfessionen, die vom Staat anerkannt werden, zwei davon sind protestantisch. Wenn sich eine neue Konfession zur Registrierung/Anerkennung bewirbt, werden die offiziell anerkannten Kirchen ersucht, hierzu Stellung zu nehmen. Historische Kirchen versuchen oft, ihre Mitglieder davon abzuhalten neuere Kirchengemeinden zu besuchen. Manche traditionelle katholische Kirchen verbieten den protestantischen Christen, ihre Toten auf katholischen Friedhöfen zu beerdigen. Im Zentralirak und im Süden kommt es vor, dass Christen, die von einer historischen Kirche zu einer Freikirche wechseln, Drohungen und Opposition von Familienmitgliedern, Stammesführern und der Gesellschaft um sie herum erleben. Dies umfasst die Drohung, den Arbeitsplatz zu verlieren, den Verlust von Erbrechten oder von Ersparnissen für die Hochzeit. Angehörigen traditioneller christlicher Gemeinschaften, die freikirchliche Gemeinden besuchten, wurde verweigert, von ihrem Bischof getraut zu werden. Familien und Gemeinschaften distanzieren sich oft von solchen Christen, die ihre Konfession gewechselt haben.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

Christen im Irak leiden unter islamischer Unterdrückung sowohl durch Sunniten als auch Schiiten (d.h. von Kurden, Iranern und Arabern). Druck kann von Regierungsbeamten, islamischen Leitern, Anführern ethnischer Gruppen, gewalttätigen religiösen Gruppen, der Bevölkerung, der Familie, politischen Parteien, paramilitärischen und organisierten kriminellen Gruppen kommen.

Regierungsbeamte, die extremistischen islamischen Gruppen angehören, können es für Christen sehr schwer machen den notwendigen Schriftverkehr zu erledigen. Angesichts der stark konservativen Prägung der Gesellschaft und der engen Zusammenarbeit mancher Sunniten mit islamistischen Aufständischen verschwimmt die Grenze zwischen dem, wer extremistisch ist und wer nicht. Gewalttätige religiöse Gruppen wie der IS und andere extremistische Gruppen (wie schiitische Milizen und dem Iran treue Milizen wie Asaib Ahl al-Haq und die Medhi-Armee) sind dafür bekannt, gezielt Christen und andere religiöse Minderheiten durch Entführungen und Morde anzugreifen. Milizen wie al-Haschd al-Scha'bi (die Volksmobilmachungseinheiten, welche dem Iran treu sind) sind ein Faktor der Unsicherheit und Instabilität für Christen, die historischen Kirchen angehören, und eine gefährliche Quelle der Verfolgung für Christen muslimischer Herkunft. Sie bilden eine Gruppe von vierzig verschiedenen Milizen verschiedener Größe, die (normalerweise) unter der Kontrolle der irakischen Regierung stehen und teilweise sehr extremistisch sind.

Von extremistischen islamischen Leitern, sowohl schiitischen als auch sunnitischen, die direkt die Politik und andere Aspekte des Lebens im Irak beeinflussen, geht ebenfalls Verfolgung aus. Ihr Einfluss spiegelt sich erstens in diskriminierenden Richtlinien, Gesetzen und administrativen Vorgängen gegen Christen wider, und zweitens in andauernden Hassreden von muslimischen Leitern, die Christen ausgrenzen. Christen werden als Ungläubige bezeichnet, was dazu führt, dass sie auf vielfältige Weise schwer verfolgt werden. Dies äußert sich zum einen in Hassreden in Moscheen und beleidigenden Bemerkungen, wie zum Beispiel: „Es ist notwendig, die Christen zu bekämpfen, bis sie aufgeben und sich zum Islam bekehren oder Kopfsteuer zahlen.“ Regierungsbeamte sind auch dafür bekannt, ähnliche Bemerkungen gemacht zu haben. Zum anderen äußert sich dies in Plakataktionen, welche Muslime dazu auffordern, christliche Feste zu boykottieren, Christen an Weihnachten keine Glückwünsche zu bringen und keine Weihnachtsdekoration zu verwenden. Drittens werden, in von der irakischen Regierung kontrollierten Gebieten, auf Kirchengebäuden Plakate angebracht, die christliche Frauen dazu auffordern, den Hidschab zu tragen, mit dem Slogan: „Die Jungfrau Maria trug einen Hidschab, also warum tut ihr es nicht?“

In den Parlamentswahlen im Mai 2018 haben eine schiitische politische Gruppe und kurdische Parteien die Wahlen manipuliert, um Christen den ihnen zustehenden Anteil an Sitzen zu entziehen. Es gibt fünf Sitze, die im nationalen Parlament für Christen reserviert sind. In der Vergangenheit haben manche schiitische politische Parteien Gesetze vorgeschlagen, die Christen diskriminieren, zum Beispiel das neue nationale Identifikationsgesetz. Dieses Gesetz legt fest, dass die Kinder eines Ehepartners, der sich zum Islam bekehrt, automatisch als Muslime gezählt werden. Abgesehen von islamistischen politischen Parteien haben immer wieder auch ethnische und paramilitärische Gruppen sowie Stammesgruppen Parteien gegründet, die eine exklusive Agenda hatten.

Gewöhnliche Bürger haben mit dem IS zusammengearbeitet oder sind Teil einer Miliz geworden, die Christen verfolgt, zum Beispiel in Mossul. Schließlich gibt es sehr starke Verfolgung in beiden Teilen des Irak, die von Clanführern, der Großfamilie und normalen Bürgern ausgeht, die großen Druck auf Christen muslimischer Herkunft ausüben, um sie dazu zu bringen, zum Islam zurückzukehren, manchmal bis hin zu Mordversuchen. Christen muslimischer Herkunft befürchten auch körperliche Gewalt und Folter, Inhaftierung, Vertreibung aus ihren Familien, Verbannung aus ihren Stämmen, Familien und Gesellschaften, erzwungene Scheidung (vor allem für Frauen), erzwungene Eheschließung mit einem extremistischen Muslim (vor allem für Frauen) und Verlust des Sorgerechts für Kinder.

Ausgehend von Ethnisch begründeten Anfeindungen

Ethnizität bleibt ein Faktor für Verfolgung in den Kurdengebieten und anderswo im Irak. Nach der Rückeroberung der Gebiete vom IS haben die Kurden und vom Iran unterstützte Milizen mehrfach versucht, Christen zu enteignen und dadurch zur Vertreibung von Christen aus dem Irak beigetragen. Kurdische Behörden und Bürger waren in die sogenannte demographische Entwicklungspolitik oder „Kurdifizierung“ in der Ninive-Ebene und anderen Teilen der Kurdengebiete verwickelt. Dieser geplante und gezielte Versuch, Land von Christen anzukaufen oder zu konfiszieren, bedroht die Identität der historischen christlichen Enklaven und Ortschaften und ist ein weiterer Schritt, die christliche Minderheit im Irak zu beseitigen. Auch bestimmte andere ethnische Minderheiten (vor allem die Schabak – eine schiitische ethnische Minderheit, die bekanntlich vom Iran unterstützt wird) und vom Iran unterstützte Milizen haben Druck auf Christen ausgeübt, ihre Grundstücke zu verkaufen oder haben Christen gehindert, in ihre Städte oder Dörfer zurückzukehren. Ethnisch begründete Anfeindungen betreffen auch die Auferlegung traditioneller Normen und Werte aus Stammestraditionen und werden oft mit islamischer Unterdrückung verbunden. In diesem Fall sind die Verfolger vor allem Familien von Konvertiten und Stammesführer, ethnische oder islamische Führungspersonen.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

Regierungsbeamte auf allen Ebenen bedrohen, Berichten zufolge, Christen und „ermutigen“ sie auszuwandern. Auch im Norden haben gewöhnliche Bürger, Berichten zufolge, in der Öffentlichkeit die Frage aufgeworfen, warum immer noch Christen im Irak sind. Indem sie es versäumen, eine pluralistische Gesellschaft zu fördern, tragen auch politische Parteien zur Verfolgung von Christen bei. Andere Verfolger, die alles tun werden, um an der Macht zu bleiben oder diese zu verstärken, sind Anführer ethnischer Gruppen (z.B. Kurdische Leiter) und gewalttätige religiöse Gruppen wie der IS, Al Kaida und Chorasan.

Ausgehend von Konfessionellem Protektionismus

Auf einer niedrigeren Ebene der Verfolgung haben Leiter historischer Kirchen manchmal die offizielle Anerkennung neuer christlicher Konfessionen verhindert. In einem Fall hat ein katholischer Leiter seinen Einfluss genutzt, um die Polizei dazu zu motivieren, einen protestantischen Pastor, der in einem traditionell katholischen Dorf tätig war, zu belästigen. Der Pastor und sein Team wurden auf Grund falscher Anschuldigungen festgehalten und der Pastor wurde gezwungen, das Dorf zu verlassen. Manche katholische Kirchen in den Kurdengebieten verbieten den protestantischen Christen, ihre Toten auf christlichen Friedhöfen zu beerdigen. In Bagdad müssen protestantische Denominationen, die (noch) nicht von der zentralen Regierung anerkannt sind, bezahlen, um ihre Toten beerdigen zu können. Das Land wird vom Staat gestellt und der Friedhof wird von der einzigen anerkannten protestantischen Denomination in Bagdad verwaltet. In der Regierung der Kurdengebiete wird die Abteilung für christliche Angelegenheiten von der chaldäischen (katholischen) Kirche dominiert, was manche administrativen Vorgänge beeinflusst oder behindert.

Ausgehend von Organisiertem Verbrechen und Korruption

Gewalttätige religiöse Gruppen, paramilitärische Gruppen, Regierungsbeamte, kriminelle Gruppen und normale Bürger waren in Korruption und Kriminalität verwickelt, wobei Christen ausgebeutet wurden. Regierungsbeamte, die mit kriminellen Gruppen verbunden sind, nutzen ihre Arbeit und Macht aus, um Dokumente zu fälschen. Kriminelle Gruppen verbünden sich mit Maklerbüros, um zu betrügen und sich Grundstücke von Christen anzueignen, meistens von Christen, die geflohen sind. Das passiert schon seit Jahren und geht in Bagdad immer noch weiter. Durch diese Triebkraft motivierte Verfolger sind hauptsächlich Menschen, die Beziehungen zu mächtigen Politikern haben, oder schiitische Milizen, die vom Iran unterstützt werden. Die Entführungen von Christen – welche in den letzten Monaten zurückgegangen sind – geschehen auch durch organisierte kriminelle Netzwerke, sowohl aus finanziellen als auch aus religiösen Motiven.

4. Hintergrund

Die Christen im Irak haben eine lange Tradition. Mossul (Iraks zweitgrößte Stadt, seit Mitte 2017 aus der Hand von IS-Milizen befreit) ist der heutige Name der früheren Stadt Ninive, bekannt aus dem biblischen Buch Jona. Schon lange lebten Christen in Städten wie Bagdad, Mossul und Basra. Vor der amerikanischen Invasion im Jahr 2003 war der Irak Heimat einer der größten christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten. Christen leben hier seit zwei Jahrtausenden, stehen aber jetzt am Rande der Auslöschung. In den letzten Jahren litt der Irak unter struktureller Unsicherheit, Konflikten und Instabilität. Ein Tiefpunkt wurde erreicht, als viele Gebiete im Norden und Westen des Irak Teil des durch den IS ausgerufenen Kalifats wurden. Die irakische Regierung ist weder in der Lage Recht und Gesetz durchzusetzen, noch ein Minimum an Sicherheit zu gewährleisten. Korruption grassiert und die religiös begründete Gewalt scheint nicht aufzuhören. 

Der Irak teilt sich in zwei Teile: in die halb-autonome Kurdenregion im Norden, offiziell durch die Kurdische Regionalregierung in Erbil verwaltet, und den größeren arabischen Teil, größtenteils von der irakischen Regierung in Bagdad kontrolliert. Kurden und Araber haben jeweils ihre eigene Kultur und Sprache. Ein Großteil der irakischen Erdölvorkommen befindet sich nahe Kirkuk und Mossul, der Grenzregion zwischen den Kurdengebieten und dem arabischen Irak. Diese Region ist seit langem eines der gewalttätigsten Gebiete des Irak. Die Christen sind hier zwischen die Fronten zweier unterschiedlicher Kriege geraten: der eine um ein unabhängiges Kurdistan und der andere in Form einer religiösen Säuberung durch islamistische Milizen, die ein rein islamisches Land anstreben. Auf der anderen Seite gab es auch Hoffnungsschimmer: Ende 2017 waren alle vom IS gehaltenen Gebiete wieder unter der Kontrolle der Regierung, und der Krieg gegen den IS wurde für beendet erklärt. Die Zusammenarbeit von christlichen Pastoren mit muslimischem Hintergrund hat in einigen Orten im Norden zugenommen. Traditionelle Kirchen und deren Organisationen erreichen Flüchtlinge aus IS-kontrollierten Gebieten und Syrien durch die Verteilung von Decken und Spielzeug. Kirchengemeinden in Erbil und Dohuk leisten zudem in großem Umfang humanitäre Hilfe für Tausende (Binnen‑)Flüchtlingsfamilien.

Trotz des Sieges über den IS ist die Situation für Christen im Land immer noch schwierig. Der Krieg hat zwangsläufig eine sehr komplexe Situation geschaffen, in der Christen auch direkt in die Kämpfe involviert sind. Schiitische Gruppen haben auch Milizen gebildet, welche für Christen sowohl Schutz als auch Verfolgung gebracht haben.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Ausländische Christen existieren im Irak, sind aber nicht unfreiwillig isoliert von anderen christlichen Gruppen und wurden daher nicht als eigenständige Gruppe in der Bewertung der Situation gezählt.

Christen aus traditionellen Kirchen

Kirchen wie die Assyrisch-Orthodoxe Kirche, die Chaldäisch-Katholische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche und die Armenische Kirche sind alle erheblich von Verfolgung durch extremistische islamische Gruppierungen und nichtchristliche Leiter betroffen. Sie werden auch von den Behörden diskriminiert. Im Zentral- und Südirak zeigen Christen oft keine christlichen Symbole (wie z. B. ein Kreuz), da dies zu Belästigungen oder Diskriminierungen an Checkpoints, in der Universität oder am Arbeitsplatz, sowie in Regierungsgebäuden führen kann. Es wurde berichtet, dass Christen selbst in der Autonomen Region Kurdistan Kreuze an ihren Autos entfernt hätten, um ungewollte Aufmerksamkeit zu vermeiden.

Christliche Konvertiten

Diese Kategorie besteht aus Christen mit muslimischem Hintergrund sowie Christen, die aus einer traditionellen Kirche stammen und zu einer anderen Denomination übergetreten sind und nun zusammen mit protestantisch-freikirchlichen Christen Gottesdienst feiern. Christen muslimischer Herkunft erleben den meisten Druck durch die (Groß-)Familie und halten oft ihren neuen Glauben geheim, da sie riskieren, von ihren Familienangehörigen, Stammesführern und den Menschen in ihrem Umfeld bedroht zu werden. Die Kirche zu wechseln (z. B. aus einer orthodoxen Kirche zu einer freikirchlich-protestantischen Gemeinde) wird ebenfalls häufig mit dem Entzug von Rechten oder dem Verlust des Arbeitsplatzes bestraft. Ein Bischof weigerte sich, Trauungen von Mitgliedern seiner Kirche durchzuführen, die freikirchlich-protestantische Gemeinden besucht hatten.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Evangelikale Gemeinden in Bagdad und Basra sind ebenfalls erheblich von der Verfolgung durch islamisch-extremistische Bewegungen und nichtchristliche Leiter betroffen, einschließlich Diskriminierungen durch die Behörden. In gewissem Maße sind freikirchliche Christen außerdem von Widerstand durch die eigene (Groß-)Familie betroffen. Freimütig auftretende Christen sind regelmäßig zu Zielen im Zentral- und Südirak geworden. Auch Blasphemiegesetze können gegen sie angewendet werden, wenn sie im Verdacht stehen, missionarisch unter Muslimen zu arbeiten. Für evangelikale Christen gibt es keine gesetzliche Grundlage, um Bibelschulen einzurichten oder auswärtige Organisationen zu engagieren, ihnen dabei zu helfen.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 13.9
Familienleben 14.4
Gesellschaftliches Leben 14.1
Leben im Staat 14.6
Kirchliches Leben 13.6
Auftreten von Gewalt 8.1

Grafik: Verfolgungsmuster Irak

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen im Irak weist immer noch eine extrem hohe Punktzahl auf (14,1), obwohl sie von 14,9 im Berichtszeitraum zum WVI 2018 gesunken ist. Der extreme Druck ist in jedem Lebensbereich ersichtlich, außer im kirchlichen Leben. Dies ist typisch für eine Situation, in der viele verschiedene Triebkräfte der Verfolgung zusammenwirken:
  • Der Druck durch Islamische Unterdrückung betrifft alle fünf Lebensbereiche, besonders für Christen muslimischer Herkunft.
  • Ethnisch begründete Anfeindungen (verbunden mit Islamischer Unterdrückung) betreffen besonders die Lebensbereiche Familienleben und Privatleben.
  • Organisiertes Verbrechen und Korruption werden besonders im Bereich des gesellschaftlichen Lebens und des Lebens im Staat sichtbar.
  • Konfessioneller Protektionismus betrifft vor allem Kirchliches Leben, Familien-, und Privatleben.
  • Die Gewalt gegen Christen ist immer noch sehr hoch (8,1 Punkte) obwohl die Wertung von 11,3 im Vorjahr gesunken ist. Der Rückgang wird durch eine niedrigere Anzahl an gewaltsamen Übergriffen erklärt. Weniger Kirchen oder christliche Gebäude wurden angegriffen, es gab weniger Entführungen und es wurden etwas weniger Christen gezwungen ihre Häuser zu verlassen.

Privatleben

Die Christen mit muslimischem Hintergrund sind von allen Christen am meisten in der persönlichen Ausübung ihres Glaubens eingeschränkt. Christen muslimischer Herkunft können in einer muslimischen Gegend weder über ihren Glauben sprechen oder christliches Material/Literatur besitzen, weil sie dann mit Feindseligkeit und Gewalt zu kämpfen haben würden. Zusätzlich dazu, dass sie als Abtrünnige gelten, wird es als aktive Missionierung und Verrat gesehen, wenn man über den christlichen Glauben redet. Der Druck war vor allem im Zentral- und im Südirak hoch und ist auch in den Kurdengebieten in einer milderen Form existent. Nach Jahren der religiösen Verfolgung und immer wiederkehrenden Wellen der Gewalt, sowohl durch Nachbarn als auch durch Ausländer, tendieren Christen aus traditionellen Kirchen dazu, ihren persönlichen Glauben aus Angst vor Feindseligkeit zu verbergen. Die freikirchlichen Gemeinden, weil sie ihren Glauben mehr zeigen und aktiver in der Evangelisation sind, riskieren, Opfer von Gewalt durch die muslimische Bevölkerung zu werden. Religiöse Symbole zu zeigen, vor allem außerhalb der Kurdengebiete, geht mit einem Risiko für Belästigung, Entführung und Gewalt einher.

Familienleben

Christen muslimischer Herkunft müssen ihren neuen Glauben meist vor ihrer Familie verstecken, weil dieser Schande über die Familie bringt. Andernfalls riskieren sie bedroht und isoliert zu werden. Christliche Familien ohne muslimischen Hintergrund stehen zwar weniger unter Druck als Christen muslimischer Herkunft, sind aber dennoch auf verschiedene Weise eingeschränkt. Im Zentral- und Südirak werden Kinder aus christlichen Familien in staatlichen Schulen oft diskriminiert. Abgesehen davon, dass sie schlechtere Noten als muslimische Kinder bekommen, werden sie gezwungen, den Koranunterricht zu besuchen und dürfen ihren Glauben nicht erklären, selbst wenn sie danach gefragt werden. Christliche Eltern müssen vorsichtig sein, was sie ihren Kindern von ihrem Glauben mitteilen. Wenn die Kinder in der Schule über ihren Glauben reden würden – vor allem im Islamunterricht – könnte die Familie der Blasphemie beschuldigt werden. Christliche Kinder, die sich weigern, den Islamunterricht zu besuchen, werden oft schikaniert und unter Druck gesetzt, Muslime zu werden. Christen können in Schulen auch gezwungen werden, islamische Kleider zu tragen. Manche christlichen Mädchen mussten in der Universität in Mossul Kopftücher tragen. Christen muslimischer Herkunft wurden gezwungen, ihre Kinder entweder als Muslime registrieren zu lassen, oder „sie undokumentiert zu lassen, was Einfluss auf ihr Recht auf staatliche Förderungen hat“, wie das Außenministerium der Vereinigten Staaten in seinem internationalen Bericht zur Religionsfreiheit für 2017 bemerkt hat.

Gesellschaftliches Leben

Auch in ihrem gesellschaftlichen Umfeld ist es für Christen muslimischer Herkunft zu gefährlich offen über ihren Glauben zu reden. Wenn ihr Glaube bekannt wird, sind sie – im besten Fall – Diskriminierung ausgesetzt. Aber es kann in den zentralen und südlichen Regionen des Irak auch einem Todesurteil gleichkommen (manchmal auch in den Kurdengebieten, einschließlich Mossuls und der Ninive-Ebene). Auf christliche Frauen aller Kategorien wird in Bagdad und Basra Druck ausgeübt, ein Kopftuch zu tragen. Selbst im Norden des Landes (Dohuk, Zakho und einige Gebiete Erbils) wächst der soziale Druck auf Frauen, ein Kopftuch zu tragen. In den Kurdengebieten stehen die Christen mehr und mehr unter Druck durch die einheimische muslimische Bevölkerung, die sie beschuldigt, ihnen die Arbeitsplätze wegzunehmen. In einem Versuch, Christen zu entfremden, gab es in manchen Städten in den Kurdengebieten eine Plakataktion, um Weihnachtsfeiern zu boykottieren. Poster mit dem Slogan „Nicht Mein Fest“ tauchten vor Weihnachten in den Straßen auf, um Muslime dazu aufzufordern, den christlichen Feiertag zu boykottieren, keine Weihnachtsdekoration aufzuhängen und Christen an Weihnachten keine Glückwünsche zu übermitteln. In den vergangenen Jahren konnte die gleiche Kampagne in manchen von Schiiten dominierten Städten im Süden des Irak beobachtet werden. Schließlich wurde Afram Yakoub, ein Vorstandsmitglied der assyrischen Konföderation in Europa, in einem Artikel von World Watch Monitor am 4 April 2018 zitiert, dass assyrische Christen „täglich, von Bildung und Beschäftigung bis hin zum rechtlichen System vernachlässigt und diskriminiert werden. Assyrer werden nicht in der Regierung angestellt, assyrische Schulen bekommen weder die volle finanzielle Unterstützung, die ihnen zusteht, noch die Schulbücher, die sie benötigen; Wasser und Stromversorgung ist für assyrische Gemeinschaften schlechter; Auslandshilfe, die in den Nordirak fließt, wird nicht von Christen verwaltet und wird irgendwie zu nicht-Assyrern hingelenkt.“

Leben im Staat

Die Scharia ist die Hauptquelle für die Rechtsprechung. Sie verbietet die Konversion von Muslimen hin zu anderen Religionen. Daher werden Christen mit muslimischem Hintergrund auf Ebene des Staates diskriminiert, wenn ihr neuer Glaube bekannt wird. Es ist ihnen nicht möglich, ihre Religion in ihren Ausweispapieren ändern zu lassen, und ihre Kinder werden automatisch als Muslime registriert. Die fortwährende Islamisierung des gesamten Landes, die Kurdengebiete eingeschlossen, zeigte sich auch bei der Umsetzung des Gesetzes zur religiösen Registrierung im Jahr 2015 und dem Verbot des Verkaufs von Alkohol im Oktober 2016. Nachdem letzteres verabschiedet worden war, wurde unmittelbar vor Weihnachten 2016 ein Angriff auf zwei Alkohol verkaufende Läden verübt, die sich im Besitz von Christen befanden und bei denen mindestens drei Christen getötet und zwei weitere verletzt wurden.

Das Registrierungsgesetz zwingt nichtmuslimische Kinder, Muslime zu werden, wenn der Vater zum Islam konvertiert oder ihre Mutter einen Muslim heiratet. Das Gesetz wurde trotz Protesten religiöser Minderheiten verabschiedet. Im nordirakischen Kurdengebiet gibt es Bemühungen, die Gesellschaft zu „kurdifizieren“, indem in einigen vorwiegend von Christen bewohnten Gebieten und Städten Land an kurdische Muslime oder Jesiden verkauft wird. Dieser „demografische Umkehrprozess“ vollzieht sich seit einigen Jahren in vielen mehrheitlich von Christen bewohnten Gebieten in der kurdischen Autonomieregion. Eine neue Entwicklung ist, dass Schiiten auch versuchen, die Bevölkerungsverhältnisse in der Ninive-Ebene zu ändern, wo eine Schule im Unterbezirk Bartella eröffnet wurde, die vom Iran finanziert und nach Ajatollah Chomeini, dem ersten geistlichen Führer der Islamischen Republik Iran, benannt wurde.

Kirchliches Leben

In Gebieten, die vom IS kontrolliert werden, wurden Kirchen und Klöster entweder zerstört oder zu anderen Zwecken genutzt (Gefängnisse, islamische Zentren, Ställe). Christen, die in ihre Dörfer zurückgekehrt sind, haben angefangen, die Kirchengebäude zu renovieren. Eine sehr beunruhigende Entwicklung im Zentral- und Südirak ist der Mangel an Priestern oder an Gottesdienstbesuchern in manchen Kirchen – aufgrund von Auswanderung oder Gefahr für die Kirchenleiter. Aus diesem Grund mussten manche Kirchengebäude verkauft werden. Kirchenleiter, wie Pastoren und Priester, werden gezielt angegriffen und von islamischen Extremisten getötet, um ein Exempel zu statuieren und andere Christen in Angst zu versetzen, besonders in Bagdad.

Auftreten von Gewalt

Es muss beachtet werden, dass über viele Zwischenfälle nicht berichtet wird. Gewalt gegen traditionelle oder freikirchliche Christen wurde hauptsächlich von islamischen Extremisten ausgeübt, wobei Christen muslimischer Herkunft hauptsächlich der Gewalt ihrer (Groß-)Familien ausgesetzt waren. Beispiele dazu im Abschnitt „Zusammenfassung“.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Unter allen im Weltverfolgungsindex untersuchten Kategorien von Christen sind Frauen, die sich vom Islam zum christlichen Glauben bekehrt haben, besonders schutzlos Verfolgung wegen ihres Glaubens ausgesetzt. Aber auch andere christliche Frauen sind mit Ungleichheit konfrontiert, z. B. wenn ihre Ehemänner zum Islam konvertieren. Bei Christinnen muslimischer Herkunft kommt der Druck am häufigsten vonseiten der (Groß-)Familie. Wenn eine Christin mit muslimischem Hintergrund noch bei ihrer Familie wohnt, riskiert sie Misshandlungen in Form von Hausarrest, sexueller Belästigung, Vergewaltigung und sogar Ermordung, wenn ihr Glaube bekannt wird. Christinnen muslimischer Herkunft können offiziell keine christlichen Männer heiraten, da der irakische Staat sie nach wie vor als Muslimas betrachtet und muslimische Frauen keinen Nichtmuslim heiraten dürfen. Wenn eine Frau mit einem muslimischen Ehemann verheiratet ist, riskiert sie Missbrauch und Morddrohungen von ihrem Ehemann oder seiner Familie, was einige zur Flucht veranlasst. Sie sind auch mit Reisebeschränkungen konfrontiert. Reiseverbote können von den Behörden, aber auch von der Familie verhängt werden, um z. B. zu verhindern, dass Christinnen muslimischer Herkunft das Land verlassen. Wird gegen dieses Verbot verstoßen, kann ein Gerichtsverfahren wegen „unerlaubten Reisens“ eingeleitet werden. Auch drohen Christinnen muslimischer Herkunft Zwangsscheidungen. Die Haltung der Familie des Ehepartners ist in dieser Frage von entscheidender Bedeutung.

Der IS ist bekannt für seine geringschätzige Behandlung von Frauen, insbesondere von Frauen aus religiösen Minderheiten. Seit der Einrichtung des sogenannten Kalifats in Teilen des Irak und Syriens im Juni 2014, entführte der IS in großer Zahl jesidische Frauen, aber auch einige Christinnen, um sie zu Ehen mit IS-Kämpfern zu zwingen. Sie erlitten sexuelle Versklavung und wurden verkauft. Obwohl es inzwischen weniger sind, könnten jesidische und christliche Frauen, die immer noch vermisst werden, auch weiterhin mit sexuellem Missbrauch konfrontiert sein. In manchen Gebieten tragen christliche Frauen und Mädchen jetzt zu ihrer eigenen Sicherheit Schleier. Unverschleierte Frauen in Bagdad und Basra sind in großer Gefahr, belästigt, mit Steinen beworfen, entführt oder getötet zu werden.

Insgesamt ist die irakische Gesellschaft durch weit verbreitete Gesetzlosigkeit gekennzeichnet. Für christliche Frauen wird dies noch dadurch verstärkt, dass Übergriffe auf Christen generell ungestraft bleiben, sei es bei Diebstahl, Entführung, sexuellem Missbrauch oder Korruption. Die besseren Verbindungen und der höhere Status des muslimischen Täters bedeuten, dass er immer den Prozess gewinnen wird, besonders unter dem Stammesjustizsystem, welches die staatliche Justiz außer Kraft setzen kann. Auf kommunaler Ebene werden christliche Mädchen in staatlichen Schulen als schwächer angesehen und oft wegen ihres Glaubens verspottet, wie ein Experte für das Land berichtet. Berichten zufolge stehen sie unter dem Druck, den Islam anzunehmen, und ihre Noten können beeinträchtigt werden, wenn sie Konzepte, die ihrem christlichen Glauben widersprechen, offen in Frage stellen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass christliche Frauen – vor allem solche muslimischer Herkunft – in allen Bereichen der Gesellschaft unter Ungleichbehandlung leiden.

Männer

Christliche Männer sind im Irak Berichten zufolge bei der Arbeit und bei der Ausbildung mit Diskriminierung konfrontiert. Diskriminierung am Arbeitsplatz betrifft alle Kategorien von Christen, besonders diejenigen, die im öffentlichen Dienst stehen. Christen im Zentral- und Südirak wurden unter Druck gesetzt, ihren Arbeitsplatz aufzugeben, insbesondere wenn sie für ausländische Organisationen arbeiten oder auf höheren gesellschaftlichen Ebenen (z. B. bei staatlichen Firmen) beschäftigt sind. Im Norden berichten Christen darüber, wie sie darum kämpfen müssen, überhaupt eine Anstellung zu bekommen. Auch fühlten sie sich verwundbar und anfällig für Ausbeutung an ihrem Arbeitsplatz, wie ein Experte für das Land berichtet. In der sehr traditionellen und stammesbewussten irakischen Gesellschaft sind Männer oft die Hauptverdiener für ihre Familien, und der Verlust ihres Arbeitsplatzes kann erhebliche Auswirkungen auf christliche Familien haben. Dieses Problem betrifft Christen mit muslimischem Hintergrund in allen Bereichen der Gesellschaft. Wenn ihr Glaube bekannt ist, werden sie ernsthafte Probleme haben, Arbeit zu finden und zu behalten.

Christliche Männer mit muslimischem Hintergrund können von ihren Familien verfolgt werden, bis hin zur Ermordung. Auch Christen mit nichtmuslimischem Hintergrund laufen Gefahr, für ihren Glauben getötet zu werden, wobei die Täter meist islamische Extremisten sind. Die Folgen davon können für ihre Familien sehr weitreichend sein, da diese nicht nur ohne Einkommen bleiben, sondern auch oft mit einem emotionalen Trauma konfrontiert sind, wenn der Mann flieht oder getötet wird. Die Familie eines Christen muslimischer Herkunft kann auch Spott und Druck seitens seiner muslimischen Familie ausgesetzt sein. Der Verlust der christlichen Männer betrifft nicht nur ihre direkten Familien, sondern auch die Ortsgemeinde, die infolgedessen mit einem Mangel an potenziellen Leitern konfrontiert ist. Grundsätzlich sind christliche Männer – insbesondere ehemalige Muslime – als solche in einer sehr gefährdeten Position, und tun sich schwer, ihre Familien zu versorgen.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Andere religiöse Minderheiten, die im Irak verfolgt werden, sind Jesiden, Kakai, Mandäer, Bahai und Juden. Es ist bekannt, dass insbesondere Jesiden durch den IS Gräueltaten erlitten haben, besonders Frauen und Mädchen, die als Sexsklavinnen missbraucht wurden. Die „Unrepresented Nations and People's Organization (UNPO)“ berichtete am 7. Juni 2018, dass im „August 2014 um die 3.100 Jesiden im Dschabal-Sindschar-Gebiet getötet wurden, während 6.800 entführt wurden, um entweder Sexsklavinnen oder Kämpfer zu werden.“ Über 3.000 jesidische Frauen und Mädchen werden derzeit immer noch vermisst und sind vermutlich noch immer in Gefangenschaft.

Obwohl die Verfassung Religionsfreiheit für Christen, Jesiden und Mandäer garantiert, beschützt sie nicht ausdrücklich Anhänger anderer Religionen und Atheisten. Die Praktizierung des Bahai-Glaubens und des Wahhabismus sind gesetzlich verboten. Die Praktizierung des Bahai-Glaubens kann mit einer Gefängnisstrafe bis zu 10 Jahren bestraft werden. Laut dem Strafgesetzbuch dürfen Juden keine Arbeitsstellen im Dienst der Regierung haben (etwa in staatlichen Unternehmen) oder der Armee beitreten. Die weitverbreitete Diskriminierung von Juden führt dazu, dass sie sich nicht öffentlich als solche ausgeben, aus Angst vor Gewalt.

Beispiel: Laut dem internationalen Bericht zur Religionsfreiheit des US-Außenministeriums für 2017, hat der IS gezielt schiitische Pilger und Pilgerstätten angegriffen. Am 14. September 2017 hat eine solche Bombardierung in Nasariyah im Südirak mindestens 80 Schiiten getötet.

9. Ausblick

Die politische Perspektive

die „Economist Intelligence Unit“ (EIU) erwartet, dass der Islamische Staat eine terroristische Bedrohung bleibt, trotz seiner territorialen Verluste. Nachdem der schiitische Leiter Moqtada al-Sadr eine Mehrheit in den Parlamentswahlen im Mai 2018 gewann, hat er im Oktober 2018 Adel Abdul Mahdi als Premierminister eingesetzt. Die EIU sieht eine Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen mit höheren Ölpreisen voraus, obwohl die irakische Wirtschaft weiterhin bei Preisschwankungen verwundbar bleiben wird.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Basierend auf der Prognose der EIU wird nicht erwartet, dass die Verfolgung durch Islamische Unterdrückung abnehmen wird. Die Ideologie des IS ist immer noch sehr lebendig und nicht auf sein Herrschaftsgebiet beschränkt. Um zu beweisen, dass mit ihm immer noch zu rechnen ist, führt der IS weiterhin Angriffe im Westen und im Nahen Osten durch, oder inspiriert sie. Unterdessen sind Tausende von fliehenden IS-Kämpfern „verschwunden“ und in der Zivilbevölkerung der Ninive-Ebene untergetaucht – was das Gefühl der Unsicherheit bei religiösen Minderheiten wie den Christen verstärkt. Außerdem ist der IS nicht der einzige Verfolger, der von dieser Triebkraft motiviert ist. Es gibt immer noch Al-Kaida-Anhänger, ferner schiitische Milizen und andere militante islamistische Gruppen wie die Chorasan-Gruppe, die sich aus ehemaligen Al-Kaida-Mitgliedern zusammensetzt und den Ruf hat, noch grausamer zu sein als der IS. Druck kommt auch von schiitischen Führern und Regierungsbeamten, die beleidigende öffentliche Erklärungen gegen Christen abgeben. Unterdessen erwacht Berichten zufolge in den Kurdengebieten im Norden ein islamisches Bewusstsein. Auch in der Politik und im gesellschaftlichen Leben wird die Rolle des Islam weiterhin stark betont. Dies beschränkt und isoliert Christen in enge gesellschaftlich-politische Grenzen. Folglich wird davon ausgegangen, dass die Islamische Unterdrückung weiterhin eine Bedrohung für die Christen im Irak darstellt, die zu einem hohen Maß an Angst führt und Christen zur Auswanderung ermutigt.

Mit Hinblick auf Ethnisch begründete Anfeindungen: Nach dem Sieg über den IS und dem Rückzug der Peshmerga-Truppen aus Kirkuk, stellten die parlamentarischen Wahlen im Irak im Mai 2018 einen Versuch dar, die ethnischen und religiösen Konflikte zu vermindern. Nichtsdestoweniger wird die Tatsache, dass durch den IS ein gemeinsamer Feind wegfällt, wahrscheinlich die Spaltungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen, ebenso wie das folgende Machtvakuum, vertiefen. Dies könnte den Einfluss der Ethnisch begründeten Anfeindungen verstärken. Der Druck auf alle Christen wird sich daher verstärken, vor allem aber auf Christen muslimischer Herkunft, die am meisten leiden, wenn diese Triebkraft stark ausgeprägt ist.

Mit Hinblick auf diktatorische Paranoia: Inmitten dieser wachsenden Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen drohen die Christen zwischen die Fronten sich gegenseitig bekämpfender Gruppen zu geraten. Das könnte dazu führen, dass die Christen in sicherere Gebiete umsiedeln werden. Sie könnten auch in den politischen Machtkampf mit hineingezogen oder benutzt werden, eine Entwicklung, welche die Triebkraft Diktatorische Paranoia an Einfluss gewinnen ließe. Die Gefahr, dass ein neuer Krieg zwischen schiitischen Kräften und den Kurden ausbricht, war nach dem Referendum zur kurdischen Unabhängigkeit im September 2017 besonders groß. Doch nach den Parlamentswahlen scheinen die Spannungen zwischen Kurden und Schiiten nachgelassen zu haben. Das Risiko, dass ein potenzieller Konflikt ausbricht, ist jedoch nicht komplett verschwunden. Diktatorische Paranoia ist als Triebkraft der Verfolgung auch da wirksam, wo die irakische Regierung verhindert, dass eine pluralistische Gesellschaft gefördert wird, in der religiöse Minderheiten, wie z.B. Christen, wirklich willkommen wären.

Mit Hinblick auf Organisiertes Verbrechen und Korruption: Im Falle eines großen Machtkampfes dürfte eine weitere Triebkraft der Verfolgung im Irak an Bedeutung gewinnen: Organisiertes Verbrechen und Korruption. Korruption greift in der Autonomen Region Kurdistan und in Bagdad um sich. Es besteht Hoffnung in der Tatsache, dass der Gewinner der Wahlen, der schiitische Geistliche al-Sadr darauf hingewiesen hat, dass er Korruption bekämpfen will. Aber Korruption ist so tief in der irakischen Gesellschaft verwurzelt, dass es noch ein langer Weg ist. Christliche Vertreter in den Wahlen wurden von schiitischen und kurdischen Parteien unter Druck gesetzt, ihren Interessen zu dienen. Durch diese Triebkraft motivierte Verfolger benachteiligen insbesondere Christen in den Bereichen Arbeitssuche und Registrierung christlicher Unternehmen, aber eignen sich auch Besitz von Christen an.

Mit Hinblick auf Konfessionellen Protektionismus: Es ist schwer zu sagen, wie sich die Triebkraft Konfessioneller Protektionismus entwickeln wird. Bis vor kurzem haben Christen vieler verschiedener Denominationen zusammengearbeitet, vor allem im Bereich der Nothilfe. Die Beziehung zwischen Christen aus traditionellen Kirchen und „neuen“ Kirchen bleibt jedoch komplex und manche Berichte deuten auf eine erneute Zunahme der Spannung hin. Nach den kurzfristigen Erwartungen bleibt die Notwendigkeit miteinander zu kooperieren, obwohl die zunehmenden Spaltungen entlang der Stammeslinien und sie Angst um das Überleben auch in die entgegengesetzte Richtung wirken kann. Oft ist Konfessioneller Protektionismus nur ein Faktor in der größeren Diskussion über die Zukunft der Christen im Land und ihre gesellschaftspolitische und nationale Identität.

Schlussfolgerung

Viele Kirchenleiter sagten, dass das Leben unter dem Terror des IS und die Vertreibung aus ihren Häusern die schlimmste Verfolgung war, die die Kirche im Irak jemals erfahren hat. Selbst während früherer Verfolgungswellen war die Ninive-Ebene nie komplett ohne Christen, wie es 2014 der Fall war. Die Niederlage des IS sollte für die Situation der Christen im Irak Verbesserungen bringen. Eine dauerhafte Verbesserung ihrer Lage ist jedoch nur möglich, wenn die christlichen Binnenvertriebenen erfolgreich in ihre Heimatstädte zurückkehren. Wenn die Zentralregierung nicht fähig ist, ihnen eine sichere Rückkehr zu gewährleisten, könnten sie weiterhin ein großes Maß an Verfolgung erleiden und den Irak verlassen. Es ist wichtig, auch diese neue Phase des Staatsaufbaus im Irak im Blick zu behalten. Es besteht die Gefahr, dass jetzt, wo der IS als besiegt betrachtet wird, die Christenverfolgung im Land ignoriert oder als zweitrangiges Problem eingestuft wird. Wie oben beschrieben, hat die Christenverfolgung viele Wurzeln und war nicht nur ein Produkt des Terrorismus. Die demografischen Änderungen in der Ninive-Ebene sind womöglich ein Hinweis auf weitere zukünftige Verfolgung, vor allem, wenn die Regierung weiterhin schwach bleibt und Straflosigkeit um sich greift.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für den Irak:

  • Es gab viele ermutigende Nachrichten von Menschen, die in den südlichen Teilen des Irak zu Jesus fanden. Bitte beten Sie, dass Gott gute Hirten beruft und dass er ihren Hunger stillt, ihn kennenzulernen.
  • Danken Sie Jesus für die vielen Binnenvertriebenen, die in die Dörfer in der Ninive-Ebene zurückkehren konnten, seit der selbsternannte Islamische Staat vertrieben wurde. Bitte beten Sie für die Binnenvertriebenen aus der Ninive-Ebene, die immer noch ratlos sind. Sie wissen nicht, was sie tun sollen – ob sie in ihr ursprüngliches Dorf zurückkehren, in ihrer derzeitigen Situation als Binnenvertriebene bleiben oder das Land ganz verlassen sollen. Bitte beten Sie, dass sie bald Klarheit diesbezüglich bekommen.
  • Beten Sie für die Priester und Pastoren, die im Irak dienen, damit sie lebendige Beispiele für die Gegenwart Christi sind. Beten Sie, dass der Leib Christi die Hoffnung bewahrt.

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