Länderprofil Indien

Indien

10
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Indien
Hauptreligion
Hinduismus
Offizielle Staatsform
Republik
Platz Vorjahr
11
ISO
IN
Karte Indien
Christen
65,06
Bevölkerung
1354.05
Religiös motivierter Nationalismus
Privatleben: 12.900
Familienleben: 13.000
Gesellschaftliches Leben: 13.500
Leben im Staat: 14.800
Kirchliches Leben: 13.200
Auftreten von Gewalt: 15.200

Länderprofil Indien

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 10 / 83 Punkte (WVI 2018: Platz 11 / 81 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Religiös motivierter Nationalismus: Die Entschlossenheit und Aggressivität hinduistischer Organisationen haben über die Jahre zugenommen. Sie treten mit dem Anspruch an, Indien gehöre dem Hinduismus und fordern, andere Religionen sollten aus dem Land vertrieben werden. Extremistischer Hinduismus ist mit Abstand die stärkste Triebkraft der Verfolgung in Indien – er ist allgegenwärtig, lautstark und sehr gewalttätig. Aber auch von diversen anderen extremistischen Gruppen geht Verfolgung aus, wie etwa von extremistischen Buddhisten in Ladakh, dem Neobuddhismus in Maharashtra und Uttar Pradesh sowie extremistischen Sikhs im Punjab.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Der zunehmende Einfluss einer intoleranten Form des Hinduismus stellt die Christen in Indien vor enorme Probleme. Die gewalttätigen Angriffe von lokalen extremistischen Hindu-Gruppen sowie wütenden Mobs von Dorfbewohnern, die von hinduistischen Geistlichen aufgestachelt wurden, verhindern die Behörden nicht. Diese lokalen, staatlichen und nationalen Behörden sind oft von der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) dominiert. Das bedeutet, dass Hindu-Extremisten quasi straffrei agieren können.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Alle Christen in Indien sind Verfolgung ausgesetzt, da extremistische Hindus sie als Fremdkörper im Land betrachten. Sie wollen ihr Land von Islam und Christentum reinigen und schrecken auch nicht davor zurück, erhebliche Gewalt einzusetzen, um ihr Ziel zu erreichen. Christen, die einen hinduistischen Hintergrund haben, tragen in Indien die Hauptlast der Verfolgung. Sie werden beständig unter Druck gesetzt, zum Hinduismus zurückzukehren, insbesondere durch die Rückbekehrung-Kampagnen „Ghar Wapsi“ (zu Deutsch etwa „Zurück zu den Wurzeln“ oder „Heimkehr“). Oft werden sie auch körperlich angegriffen, manchmal sogar getötet.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Wie die katholische Nachrichtenagentur „UCAN“ berichtete, wurden am 19. Juni 2018 fünf christliche Frauen im Alter von 20 bis 35 Jahren, die im Bundesstaat Jharkhand ein Straßentheaterstück aufgeführt hatten, entführt und anschließend in einem Wald durch eine Gruppe von Männern vergewaltigt. Die Polizei erklärte, der Übergriff sei zudem mit Handys gefilmt worden.
  • Gemäß der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews” und eigenen Recherchen wurde am 20. Januar 2018 der Leichnam von Pastor Gideon Periyaswamy in Adaiyalchary (Kanchipuram Bezirk, Tamil Nadu) gefunden. Er war am Strohdach seines Hauses aufgehängt worden, eine Woche nachdem er sich bei der Polizei über extremistische Hindus beschwerte hatte.
  • Am 14. Dezember 2017 wurde eine Gruppe der theologischen Hochschule „St. Ephrem‘s“ in Satna, Madhya Pradesh, von der Polizei festgenommen. Die Gruppe von dreißig Studenten und zwei Priestern wurde verhaftet, als sie auf dem Weg zu christlichen Einrichtungen in Satna waren und Weihnachtslieder sangen – eine nicht unübliche Aktivität in der Weihnachtszeit. Wie die Menschenrechtsorganisation „International Christian Concern“ berichtete, inhaftierte die Polizei sie aufgrund einer Beschwerde von rechtsgerichteten Hindu-Aktivisten, die sie beschuldigten, an Bekehrungsversuchen beteiligt gewesen zu sein – eine Anklage, die häufig gegen Christen angewandt wird.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Indien erreicht Platz 10 mit 83 Punkten auf dem Weltverfolgungsindex 2019. Nach Indiens Punktzahl auf dem Weltverfolgungsindex 2018 beträchtlich gestiegen war, bestand die Hoffnung, dass die Verfolgung der Christen durch Hindu-Extremisten im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2019 abnehmen würde. Aber diese Hoffnungen wurden enttäuscht: Hindu-Extremisten führten ihre Angriffe fort und verstärkten sie sogar. Nun stehen im Mai 2019 wieder Wahlen an; es wird erwartet, dass der religiös motivierte Nationalismus einen neuen Höhepunkt erreichen wird und dass Christen und Muslime noch stärker ins Visier geraten als bisher. Es ist also möglich, dass der diesjährige geringfüge Anstieg der Punktzahl auf dem Weltverfolgungsindex nur eine sprichwörtliche „Ruhe vor dem Sturm“ darstellt.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Religiös motivierter Nationalismus

Die Entschlossenheit und Aggressivität hinduistischer Organisationen haben über die Jahre zugenommen. Sie treten mit dem Anspruch an, Indien gehöre dem Hinduismus und fordern, andere Religionen sollten aus dem Land vertrieben werden. Extremistischer Hinduismus ist mit Abstand die stärkste Triebkraft der Verfolgung in Indien – er ist allgegenwärtig, lautstark und sehr gewalttätig. Aber auch von diversen anderen extremistischen Gruppen geht Verfolgung aus, wie etwa von extremistischen Buddhisten in Ladakh, dem Neobuddhismus in Maharashtra und Uttar Pradesh sowie extremistischen Sikhs im Punjab. Seit 2014 beeinflusst religiös motivierter Nationalismus auch Stammesgruppen und führt dazu, dass sie ihre Religionen als zum Hinduismus zugehörig betrachten.

3. Verfolger

Ausgehend vom religiös motivierten Nationalismus

  • Regierungsbeamte auf der lokalen Ebene können großen Druck auf Christen ausüben. Da Religion hauptsächlich eine bundestaatliche Angelegenheit ist, sind es nicht so sehr die zentralen Behörden in Delhi – auch wenn deren Einstellung, bei Gräueltaten wegzuschauen, zu einem wachsenden Maß an Straffreiheit führt. Der meiste Druck kommt vielmehr von Regierungsbeamten auf der lokalen Ebene der Bundesstaaten, die von der BJP regiert werden, und von örtlichen Behörden, die sich unter Umständen mit hindu-extremistischen Gruppen vor Ort verbünden.
  • Anführer ethnischer Gruppen üben meistens Druck auf Christen mittels zweier Vorwürfe aus: Verlassen der Kultur der Vorfahren und Beleidigung der Religion der Gruppe, also des Hinduismus.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter sind großteils dafür verantwortlich, Vorurteile gegen Christen unter der hinduistischen Mehrheit zu verbreiten. Beispiele dafür sind: Yogi Adityanath, der Gründer der „Hindu Yuva Wahini“, eine Miliz, die für die meisten Angriffe in Uttar Pradesh verantwortlich ist; Sakshi Mahraj, Sadhvi Pragya, Sadhwi Prachi, Rajrajeshwaracharya, Narendra Maharaj und viele andere, die für ihre unaufhörlichen und offenen Hassreden gegen Christen bekannt sind. Sie fungieren als Vermittler zwischen religiös-nationalistischen Ideologien und deren Umsetzung vor Ort; sie verbreiten Fehlinformationen über und planen gewalttätige Taten gegen Christen und andere Minderheiten und führen diese aus.
  • Verschiedene extremistische Hindu-Gruppen sind in Indien aktiv: BJP, Vishva Hindu Parishad (VHP), Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), Sangh Parivar und andere. Es sind fast immer solche Gruppen, die hinduistisch motivierten Druck auf Christen ausüben. Andere gewalttätige Gruppen sind maoistische Naxaliten und islamische Gruppen, wie etwa der Islamische Staat, obwohl letztere in Indien noch keine Christen angegriffen haben.
  • Gewöhnliche Bürger: Auf dörflicher Ebene spielen Mitglieder der Dorfgemeinschaft eine große Rolle bei der Verfolgung von Christen, sowohl von christlichen Konvertiten hinduistischer Herkunft als auch von anderen Christen. Meistens sind es diese Dorfbewohner, die Christen anfeinden, beispielsweise indem sie sie verprügeln, Kirchen niederbrennen oder Friedhöfe schänden.
  • Familienmitglieder: Die Art der Verfolgung ähnelt der des vorherigen Punkts, spielt sich aber im Familienkontext ab. Nahe Verwandte christlicher Konvertiten werden eine Bekehrung zum christlichen Glauben als Schande für die Familie betrachten und dementsprechend handeln.
  • Politische Parteien: Die BJP hat die Mehrheit in der Zentralregierung Indiens. Die Partei ist der politische Arm des RSS, einer hindu-nationalistischen und paramilitärischen Organisation, die für ihre hinduistisch-extremistische Ideologie bekannt ist. Der RSS ist die Mutterorganisation allerlei Arten des indischen Hindu-Extremismus. Alle führenden Politiker der regierenden BJP haben eine Verbindung zum RSS. Tatsächlich sind BJP-Mitglieder normalerweise auch Mitglieder des RSS oder einer seiner fünfunddreißig Ableger. Die BJP hat militante Flügel des Hindu-Nationalismus, auch „Hindutva“ genannt, im ganzen Land direkt politisch unterstützt. Der „Chief Minister“ (vergleichbar mit einem deutschen Ministerpräsidenten) des Bundesstaats Jharkhand, Raghubar Das, Adityanath als Chief Minister von Uttar Pradesh, Manohar Lal Khattar als Chief Minister von Haryana, Rajnath Singh als Innenminister von Indien und andere Minister der BJP haben sich öffentlich gegen Christen und andere Minderheiten ausgesprochen. Mit der BJP an der politischen Macht fühlen sich extremistische Hindus ermächtigt, Christen zu verfolgen und genießen dabei gewissermaßen Straffreiheit.

4. Hintergrund

Das jahrhundertealte Kastensystem ist so tief in der indischen Seele verwurzelt, dass seine Abschaffung nahezu unmöglich ist. Selbst Religionen, die das Kastensystem nicht anerkennen und eine Lehre der Gleichheit aller Menschen vertreten, sind von dem System geprägt, das sie eigentlich bekämpfen. Der Islam, die Sikh-Religion und selbst das Christentum sind dafür Beispiele. Obwohl die Regierung das Kastensystem verboten hat, kommt die indische Nation nicht davon los; Menschen niederer Kasten und Unberührbare (Dalits und Adivasi) werden weiterhin schlecht behandelt und als nicht gleichwertig angesehen. Einige Beobachter sprechen sogar von einem „rassistischen“ System.

Seit Mai 2014 wird Indien von der BJP unter Ministerpräsident Narendra Modi regiert. Seitdem hat der extremistische Hinduismus, der bereits unter der Vorgängerregierung vorhanden war, stetig an Einfluss zugenommen. Trotz wachsender Intoleranz und häufiger Angriffe auf Angehörige religiöser Minderheiten ist die Regierung gegenüber den Tätern stumm geblieben. Die Hindu-Extremisten sehen sich dadurch dazu ermutigt, ihre Aktionen auszuweiten. Der Mangel an Strafverfolgung ist größer als je zuvor, und die Anzahl an gewalttätigen Übergriffen auf Christen hat eine alarmierende Höhe erreicht.

In der zweiten Hälfte des Jahres 2014 starteten extremistische Hindus die „Zurück-zu-den-Wurzeln-Kampagne“ („Ghar Vapsi“). Auf diesem Weg sollen Muslime und Christen zurück zum Hinduismus geführt werden. Bei großen Massenveranstaltungen kehrten Hunderte zum Hinduismus zurück. Die Kampagne erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 2015 und Anfang 2016, wurde aber 2018 fortgeführt.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Es existieren mehrere Gruppen ausländischer Christen in Indien. Zu ihnen gehören nicht nur Christen aus der westlichen Welt, die in Indien leben und ihre eigenen Kirchengemeinden haben, sondern auch Flüchtlinge. Ein Beispiel ist eine afghanische Gemeinschaft, die sich in Neu-Delhi versammelt. Diese Arten von Gemeinschaften ziehen nur selten den Zorn extremistischer Hindus auf sich. Dies liegt einerseits daran, dass sie eine sehr homogene ethnische Zusammensetzung aufweisen, andererseits sind diese Gemeinschaften zumeist nicht sehr aktiv darin, das Evangelium an Inder weiterzugeben.

Christen aus traditionellen Kirchen

Beispiele hierfür sind Christen der römisch-katholischen, orthodoxen oder anglikanischen Kirche. Diese Gemeinschaften zeugen davon, dass Christen schon seit vielen Jahrhunderten in Indien vertreten sind. So wurde die orthodoxe Mar-Thoma-Kirche von Kerala im 3. Jahrhundert gegründet. Diese Kirchen wachsen nur sehr langsam, weil sie kaum Außenstehende ansprechen, sondern vor allem innerhalb ihrer Gemeinschaften tätig sind. Trotzdem wird auch diese Gruppe manchmal von extremistischen Hindus angegriffen, indem Kirchen und Grabstätten verwüstet sowie Jesus-Statuen und Kreuze zerstört werden.

Christliche Konvertiten

Christen hinduistischer Herkunft haben am stärksten unter der Verfolgung in Indien zu leiden. Diese Christen werden täglich drangsaliert und stehen konstant unter Druck, zum Hinduismus zurückzukehren. Sie werden oft massiv tätlich angegriffen, manchmal sogar getötet. Sie leben meist in ländlichen Gebieten, wo sie dem Druck von Familie und Freunden, ihrem Umfeld, von lokalen Hindu-Geistlichen sowie Hindu-Extremisten ausgesetzt sind.

Christen anderer religiöser Herkunft (ehemalige Muslime, Buddhisten oder Sikhs) erleben ebenfalls Druck aus ihrem sozialen Umfeld; ihre Zahl ist jedoch deutlich kleiner. Christen mit muslimischem Hintergrund erleben nur dort Verfolgung, wo Muslime einen großen Teil der Bevölkerung stellen.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Nach Konvertiten gelten Christen aus Freikirchen (etwa Baptisten, Evangelikale oder Pfingstgemeinden) als zweitwichtigstes Ziel der Hindu-Extremisten, da sie aktiv das Evangelium weitergeben. Sie sind regelmäßig Angriffen ausgesetzt.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.9
Familienleben 13
Gesellschaftliches Leben 13.5
Leben im Staat 14.8
Kirchliches Leben 13.2
Auftreten von Gewalt 15.2

Grafik: Verfolgungsmuster Indien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen ist mit 13,5 Punkten sehr hoch und im Vergleich zum Weltverfolgungsindex 2018 von 13,2 Punkten noch angestiegen. Die Verfolgung durch Hindu-Extremisten hat weiter zugenommen; dies schlägt sich in etwas höheren Punktzahlen in allen fünf Lebensbereichen nieder.
  • Obwohl alle Lebensbereiche einen hohen Grad an Druck aufweisen, findet sich der höchste Druck im Bereich „Leben im Staat“. Christen erleben hier zunehmende Einschränkungen. Weiterführende Details finden sich im entsprechenden Abschnitt unten.
  • Der Wert für Gewalt ist auf extremem Niveau, mit einem Anstieg von 14,4 im Vorjahr auf 15,2 Punkten auf dem diesjährigen Weltverfolgungsindex. Die Tatsache, dass mehr Christen in Indien umgebracht wurden als im Vorjahr, hat zu diesem Anstieg geführt.

Privatleben

Ein Glaubenswechsel wird nicht nur sozial geächtet, sondern ist auch in sieben Bundesstaaten per Gesetz verboten: in Odisha, Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Himachal Pradesh, Jharkhand, Gujarat und Uttarakhand. Wenn Christen in Verdacht geraten, ihren Glauben aktiv weiterzugeben, und dann eine Beschwerde eingereicht wird, werden ihre Häuser häufig sowohl von nichtstaatlichen Akteuren als auch von der Polizei durchsucht. Werden dabei Materialien wie christliche Literatur entdeckt, werden sie vernichtet oder beschlagnahmt. Es kann gefährlich sein, sich als Christ zu erkennen zu geben. Drohungen in sozialen Medien sind an der Tagesordnung. In ländlichen Gebieten lösen sichtbare Zeichen für einen anderen Glauben als den Hinduismus (oder den Islam in Regionen, in denen der Islam dominiert) schnell Aggressionen aus, da die Menschen damit automatisch Bekehrungs- oder Missionierungsversuche verbinden. Auch gottesdienstliche Versammlungen im privaten Rahmen sind nicht sicher. Überall im Land werden christliche Aktivitäten überwacht. Es gibt zudem Beweise für die digitale Überwachung christlicher Leiter durch extremistische Hindus. Der Druck auf Christen ist zwar in ländlichen Gebieten am offenkundigsten, es gibt jedoch auch entsprechende Berichte aus Metropolen wie Delhi oder Mumbai.

Familienleben

Bei der Volkszählung 2011 wurden nicht nur die Kinder ehemaliger Hindus, sondern auch christliche Konvertiten als Hindus registriert. Ehemalige Hindus und Mitglieder protestantischer Freikirchen haben es schwer, eine christliche Hochzeit abzuhalten, wenn vor Ort extremistische Hindu-Gruppierungen aktiv sind. In Dörfern und Kleinstädten und manchmal sogar in größeren Städten sind wiederholt Taufen behindert worden, besonders bei Großveranstaltungen wie Evangelisationen und Heilungsgottesdiensten. Aus Nord- und Zentralindien wird berichtet, dass Beerdigungen von Christen mit hinduistischem Hintergrund durch extremistische Hindus gestört wurden. In manchen Fällen wurden die Familien dazu gezwungen, ihre Angehörigen durch Einäscherung des Leichnams nach hinduistischer Sitte zu beerdigen. Es ist Christen gesetzlich verboten, Kinder zu adoptieren. Christliche Kinder müssen an den meisten großen Schulen Yoga und Surya Namaskar (eine Anbetung der Sonne) praktizieren. Dabei herrscht Anwesenheitspflicht. Einige Christen mit hinduistischem Hintergrund haben Verfolgung durch Familienmitglieder erlebt; einige von ihnen wurden Berichten zufolge sogar von ihren eigenen Eltern angegriffen und getötet. Über diese Vorfälle wird in den Massenmedien des Landes nicht berichtet.

Gesellschaftliches Leben

Drohungen und Schikane aus religiösen Gründen sind durch zahlreiche landesweite Hasskampagnen und die bereits erwähnten „Rückbekehrungs“-Bewegungen intensiver geworden. Diese Diskriminierungen gehören für die unter „Betroffene Christen“ aufgeführten Gruppen mittlerweile zum Alltag. Christen, die in einem hinduistischen Umfeld leben, können sich bestimmten Verpflichtungen oder religiösen Ritualen nicht vollständig entziehen. Der Druck, ihren christlichen Glauben zu widerrufen, kommt für sie von allen Seiten und ist systematisch: Extremistische Hindus drohen ihnen physische Gewalt an; Hindu-Priester versuchen, sie mit lautem Singen und Beten in den Dorfgemeinschaften zu beeinflussen. Soziale Diskriminierung von christlichen Angestellten ist sowohl in Behörden als auch in der Privatwirtschaft weit verbreitet. So wird ihnen beispielsweise aufgrund von vorgeschobenen Gründen eine Beförderung verwehrt. Die Korruption verschlimmert die Situation.

Leben im Staat

Derzeit wird über die Verabschiedung eines landesweiten Anti-Bekehrungsgesetzes diskutiert. Insbesondere in ländlichen Gebieten ist es nur schwer möglich, eine Hinwendung zum christlichen Glauben offiziell registrieren zu lassen. Im Umgang mit den Behörden werden Christen oft diskriminiert. Einige Christen sind bei Behörden angestellt. Doch ist ihr Vorgesetzter Hindu-Nationalist, werden sie bei möglichen Beförderungen mit großer Wahrscheinlichkeit übergangen. Wendet sich ein Mitarbeiter einer Behörde zum christlichen Glauben, muss er mit dem Verlust seiner Arbeitsstelle rechnen. Die Medienwelt setzt sich zu über 90 Prozent aus Hindus der höheren Kasten zusammen und ist Christen gegenüber traditionell stark voreingenommen. Politisch-religiöse Hindu-Gruppen nehmen freikirchliche Pastoren und Kirchenaktivisten auf Grundlage der berüchtigten Blasphemiegesetze regelmäßig ins Visier. Verbrechen gegen die christliche Gemeinde werden nur selten bestraft – Straffreiheit ist zur Regel geworden. Der Druck auf Christen ist sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten allgegenwärtig. Der Grad der Gewalt hängt jedoch davon ab, ob ein Christ aktiv den christlichen Glauben weitergibt. Jeder, der mit einem Nichtchristen über den christlichen Glauben redet, wird immer beobachtet und ins Visier genommen werden.

Kirchliches Leben

Hindu-Gruppen überwachen Kirchen und stören regelmäßig Versammlungen. Der Bau neuer Kirchengebäude ist in ländlichen und sogar in städtischen Gebieten oft mit großem Widerstand verbunden. Viele ältere Kirchengebäude können aufgrund hoher Verwaltungsbürokratie und herrschender Korruption nicht renoviert werden. Aktivitäten außerhalb kirchlicher Räumlichkeiten werden fast immer als Missionierungsversuche verstanden. Werden Christen angegriffen, konzentrieren sich die Täter häufig auf die Pastoren und Leiter. Dabei kommt es nicht selten zu schweren körperlichen Misshandlungen, mit denen ein Exempel statuiert werden soll. Das Verteilen von Schriften und Bibeln wird auf dem Land und manchmal sogar in der Stadt von extremistischen Hindus behindert, da es direkt mit christlicher Missionierung verbunden wird. Indien hat seit den späten 1960er-Jahren keine Missionars-Visa mehr ausgestellt. Nicht nur christlichen Missionaren aus dem Ausland wird die Einreise ins Land verwehrt, selbst für Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Journalisten wird es zunehmend schwieriger, Visa zu erhalten. Vandalismus, Schändung und Zerstörung von christlichen Symbolen sind ein häufig auftretendes Problem, insbesondere in ländlichen Regionen und halb-urbanen Gebieten. Missionare und Pastoren, die andere Kirchen besuchen, werden regelmäßig von der Polizei befragt, ebenso wie die Gastgeber und Teilnehmer der Veranstaltungen.

Auftreten von Gewalt

Die Verfolgung in Indien ist äußerst gewalttätig. Die Zahl der gemeldeten Vorfälle ist sehr hoch; es sei jedoch darauf hingewiesen, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist – über viele Vorfälle wird in den Medien nicht berichtet, oder sie werden nicht einmal registriert. Im Berichtszeitraum wurden mindestens zehn Christen wegen ihres Glaubens getötet und mindestens 98 (Haus-)Kirchengebäude angegriffen und beschädigt. Etwa 200 Christen wurden in Indien verhaftet und sieben Christen aus dem Distrikt Kandhamal erhielten eine lebenslängliche Haftstrafe. Nach Informationen von Partnern vor Ort wurden etwa 12.512 Christen körperlich angegriffen. Mindestens sechsundzwanzig Häuser oder Grundstücke von Christen wurden angegriffen und beschädigt. Mindestens 1.932 Christen waren gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen. In allen Fällen dürften die tatsächlichen Zahlen deutlich höher liegen.

Beispiele dazu im Abschnitt „Zusammenfassung“.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Von einigen Arten der Verfolgung sind Frauen und Mädchen im Besonderen betroffen. Dazu gehören Belästigungen, Beleidigungen, Misshandlungen, Vergewaltigungen und Mordversuche. Viele Frauen und Mädchen werden gezwungen, gegen ihren Willen an Hindu-Ritualen teilzunehmen. Andere werden wegen ihres Glaubens isoliert oder aus ihrem Zuhause, beziehungsweise dem Dorf, ausgestoßen. Indien ist ein religiös vielfältiges Land mit einer demokratischen Gesellschaft und besitzt eine Verfassung, die in der Theorie Gleichberechtigung für alle Einwohner garantiert, unabhängig von Hautfarbe, religiöser Ausrichtung, Geschlecht und Kaste; religiöse Diskriminierung ist verboten. Die Realität sieht jedoch anders aus. Andere Gesetze, die dieser Verfassung widersprechen, sind die gesellschaftlichen Regeln, die seit jeher gelten und von der Bevölkerung akzeptiert werden. Sie sind in ihrer Natur patriarchalisch und nutzen die schwächeren Klassen der Gesellschaft aus. Bajrang Dal, die Jugendbewegung von Vishwa Hindu Parishad, hat die „Bahu Lao, Beti Bachao“-Kampagne angekündigt. Damit sollen „Hindu-Männer geschützt werden, die muslimische oder christliche Frauen heiraten“. Außerdem soll bei Hindu-Familien ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, „ihre Mädchen davor zu schützen, sich in einem Muslim oder Christen zu verlieben oder ihn zu heiraten“. Die Frauen der unteren Schichten wurden schon immer von den Hindus der höheren Kasten, die heute hauptsächlich an der RSS-Ideologie festhalten, ausgenutzt Viele Frauen dieser unteren Kasten haben sich dem christlichen Glauben zugewandt. Damit werden sie in doppelter Weise zur Zielscheibe von Verfolgung: zum einen, weil sie Dalits sind und somit als „Unberührbare“ gelten, zum anderen, weil sie Christen geworden sind.

Männer

Die Formen der Verfolgung, von denen christliche Männer und Jungen im Besonderen betroffen sind, bestehen aus brutalen körperlichen Angriffen bis hin zu versuchtem Mord, aus Verhaftungen wegen falscher Anschuldigungen und sozialer Diskriminierung. Verfolgung äußert sich auch darin, dass christliche Männer aus ihrem Zuhause ausgestoßen und von ihrem Umfeld boykottiert werden, Strafen für ihre Hinwendung zum christlichen Glauben zahlen sollen, ihnen der Zugang zu Wasser verwehrt wird, sie von Regierungsprojekten und Zuschüssen ausgeschlossen werden und sie ihr Vermögen verlieren. Viele werden außerdem fälschlich beschuldigt, andere dazu zwingen zu wollen, zum Christentum zu konvertieren.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Extremistische Hindus haben sowohl den Islam als auch das Christentum als ausländische Religionen bezeichnet, die möglichst aus dem Land vertrieben werden sollten. Daher werden Muslime in einer ähnlichen Weise verfolgt wie die christliche Minderheit. Buddhisten und Sikhs sind für Hindu-Extremisten  akzeptabler, da diese Religionen auf indischem Territorium entstanden sind.

Beispiele:

  • Drei muslimische Kleriker wurden am 22. November 2017 in einem fahrenden Zug von Hindus angegriffen als sie aus Delhi in ihr Dorf in Baghpat in Uttar Pradesh zurückkehrten.
  • Am 25. März 2018 kam es in Assam zu Zusammenstößen zwischen Anhängern der Partei des Premierministers Narendra Modi und denen der Opposition. Die Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen eskalierten daraufhin. Drei Menschen wurden in den zweitägigen gewaltsamen Unruhen getötet und Dutzende verletzt.
  • Am 18. Juni 2018 wurde ein 45-jähriger muslimischer Viehhändler von einem Mob von Hindu-Fanatikern im Dorf Bajera Khurd in Uttar Pradesh zu Tode geprügelt. Eine der selbsternannten Bürgerwehren, die indische Dörfer durchstreifen, um die heiligen Kühe zu beschützen, attackierten den muslimischen Mann wegen des Gerüchts, er schmuggle Rindfleisch in seinem Fahrzeug.  Einen Monat später, am 21. Juli 2018, erschlug ein Mob einen 28-jährigen Muslim mit der Behauptung, er schmuggle Kühe, um sie zu schlachten.

9. Ausblick

Der Politische Ausblick

Nachdem im Mai 2014 Hindu-Extremisten die Politik in Indien übernommen haben, konnten sie ihre politische Kontrolle stetig auf andere Gebiete ausweiten. Im Mai 2019 stehen nun erneut Wahlen an. Es ist zu erwarten, dass Premierminister Narendra Modi diese aufgrund seiner großen Popularität gewinnen wird.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf religiös motivierten Nationalismus: Hindu-Extremisten verstärken ständig ihre Gewalt gegen Muslime und Christen. In der Vergangenheit hat die ausgedehnte Verfolgung vielen Muslimen und Christen das Leben gekostet. Militante Hindus werden sich nicht davor scheuen, weiterhin Attacken gegen religiöse Minderheiten zu planen. Bisher war es Hindu-Extremisten möglich, ihre Gräueltaten straffrei auszuführen, und falls Modi die Wahlen im Mai 2019 gewinnt, ist zu erwarten, dass diese Hindus sich ermutigt fühlen, ihre Gewalt noch zu intensivieren.

Schlussfolgerung

Mit den bevorstehenden Wahlen ist zu erwarten, dass religiös motivierter Nationalismus zunehmen wird, und dass Christen und Muslime noch stärker ins Visier geraten.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Indien:

  • Das Durchsetzungsvermögen aller Arten von hinduistischen Organisationen hat sich in den vergangenen Jahren erhöht. Sie beanspruchen Indien für den Hinduismus. Bitte beten Sie für Christen hinduistischer Herkunft, die mit Gewalt gezwungen werden sollen, zum Hinduismus zurückzukehren.
  • Beten Sie für Gottes Versorgung und Schutz für die Christen, die mutig das Evangelium in den Bundesstaaten mit Anti-Konversionsgesetzen verkündigen. Beten Sie, dass sie in ihren Bemühungen, das Evangelium zu verbreiten, weise sind.
  • Beten Sie bitte für die christlichen Mädchen, die von ihren Eltern wegen ihres Glaubens unter Hausarrest gestellt wurden. Bitte beten Sie, dass sie im Glauben ermutigt werden und dass ihre Eltern Jesus Christus kennenlernen.

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