Länderprofil Afghanistan

Afghanistan

2
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Afghanistan
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
2
ISO
AF
Karte Afghanistan
Christen
einige Tausend
Bevölkerung
38.06
Islamische Unterdrückung
Ethnisch-religiöse Feindseligkeit
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 16.700
Familienleben: 16.700
Gesellschaftliches Leben: 16.700
Leben im Staat: 16.700
Kirchliches Leben: 16.700
Auftreten von Gewalt: 10.200

Länderprofil Afghanistan

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 2 / 94 Punkte (WVI 2020: Platz 2 / 93 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Alle afghanischen Christen sind Konvertiten aus dem Islam und haben somit einen muslimischen Hintergrund. Sie können ihren Glauben nicht offen leben. Sich vom Islam abzuwenden, wird als Schande angesehen und nach geltendem islamischem Recht mit dem Tode bestraft. Die meisten Christen muslimischer Herkunft müssen mit fatalen Konsequenzen rechnen, wenn ihr Glaubenswechsel entdeckt wird. Entweder müssen sie aus dem Land fliehen oder sie werden getötet. Die Familie, der Clan oder der Stamm müssen ihre „Ehre“ wiederherstellen, indem sie sich der Christen entledigen. Weder islamisch-extremistische Gruppen noch die eigene (Groß-)Familie zeigen in dieser Hinsicht Gnade. Da Konvertiten als geisteskrank betrachtet werden, da sie den Islam verlassen haben, können sie jedoch auch in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen werden.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

94

2

2020

93

2

2019

94

2

2018

93

2

2017

89

3

Christen in Afghanistan erleiden ein ebenso extremes Maß an Verfolgung wie in Nordkorea, wenngleich die Verfolgung jeweils auf andere Art und Weise und durch andere Akteure ausgeübt wird. In der Wertung unterscheiden sich die beiden Länder lediglich durch eine etwas niedrigere Punktzahl Afghanistans in Bezug auf das Auftreten von Gewalt. Das führt dazu, dass Afghanistan nur 0,9 Punkte weniger hat als Nordkorea. Nichtsdestotrotz spiegelt die sehr hohe Punktzahl für das Auftreten von Gewalt eine Zunahme der Aktivitäten aufständischer Gruppen wider: Die Taliban kontrollieren einen zunehmenden Teil des Staatsgebiets des Landes, und obwohl der „Islamische Staat“ (IS) trotz anhaltender Selbstmordanschläge an Boden verloren hat, ist er immer noch ein Akteur, der Gewalt in Afghanistan ausübt. Ein zweiter Grund für die hohe Punktzahl liegt darin, dass die Vorbereitungen auf die innerafghanischen Friedensgespräche reichlich Grund boten, um territoriale Gewinne zu festigen und Stärke zu zeigen. Gleichzeitig verdeutlicht der leichte Rückgang der Punktzahl für Gewalt im Vergleich zum Vorjahr, dass es schwieriger wird, detaillierte Berichte aus aufständischen Gebieten zu erhalten – es bedeutet nicht unbedingt, dass weniger Gewalt gegen Christen ausgeübt wurde.

2. Trends und Entwicklungen

1) Trotz Friedensgesprächen scheint die Gewalt auch in absehbarer Zeit anzuhalten

Ein besonders gewalttätiger Angriff im Mai 2020 richtete sich gegen ein Krankenhaus in Kabul, wo eine Entbindungsstation von bewaffneten, Berichten zufolge als Polizeibeamte gekleideten Männern gestürmt wurde. 24 Menschen wurden getötet, darunter zwei Neugeborene. Auch wenn sich niemand zu dem Angriff bekannte, so zeigt er doch, was Afghanistan in Zukunft erwartet. Unterstrichen wird dies auch durch die Zunahme von Anschlägen, die trotz der innerafghanischen Friedensgespräche verübt wurden. Nicht offiziell bestätigten Berichten zufolge ist der neue Anführer des IS in Afghanistan arabischer und nicht afghanischer Herkunft. Dies würde es Kämpfern der Taliban erleichtern, die Seiten zu wechseln, wenn sie mit den Friedensgesprächen insgesamt oder deren Entwicklung nicht einverstanden sind. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Sicherheitslage verbessern wird. Während internationale Truppen abgezogen und lokale Milizen demobilisiert werden, leiden die offiziellen afghanischen Streitkräfte unter einer hohen Fluktuation. Eine Reihe von Anschlägen in Kabul legt zudem den Verdacht nahe, dass es möglicherweise Risse zwischen den Taliban und dem Haqqani-Netzwerk gibt. Eine Aussicht auf Frieden wird damit noch unwahrscheinlicher. Dies alles trägt zur Destabilisierung bei. In einer solchen Situation werden sich die Familien und Clans und die Gesellschaft im Allgemeinen vermehrt nach innerer Stabilität sehnen; Christen muslimischer Herkunft werden dadurch wahrscheinlich noch stärker unter Druck geraten, religiöse Pflichten zu erfüllen und ihren christlichen Glauben verborgen und von anderen unbemerkt zu halten.

2) Der Gesellschaft im Allgemeinen fehlen Zukunftsperspektiven

Das Leben ist für die meisten Afghanen ein Drahtseilakt, bestimmt durch geringe Aussicht auf Verbesserung und zunehmende Verunsicherung. Auch wenn Kabul als stabilste Zone im Land gilt, so machen auch dort Anschläge das Leben unberechenbar. Der IS bekannte sich zu einem Anschlag auf die Universität in Kabul, bei dem am 2. November 2020 mindestens 22 Menschen getötet wurden – ein weiteres Beispiel für das Ausmaß der Gewalt, das die Menschen in Afghanistan erleiden müssen. Neben der Sicherheitslage sind auch die sozioökonomischen Aussichten besorgniserregend. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre, und das hohe Bevölkerungswachstum in Verbindung mit der Rückkehr von Flüchtlingen und Wanderarbeitern verschärft dieses Problem nur noch. Die Arbeitslosen-, Armuts- und Inflationsraten sind nach wie vor sehr hoch. Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie hat diese Probleme betont und verstärkt. Aufgrund mangelnder Zukunftsperspektiven lassen sich viele junge Menschen auf den Drogenhandel ein oder schließen sich Milizen an. Ins Ausland zu gehen, ist vorerst keine Option mehr. Von diesen Problemen sind auch Christen betroffen.

3) Der Mangel an staatlicher Legitimation bleibt ein ernstes Problem

Die Gespräche mit den Taliban befinden sich in einem frühen Stadium, und die Regierung kämpft aufgrund der geringen Wahlbeteiligung mit einem Mangel an Legitimation. Gleichzeitig sind die Verhandlungen mit den Taliban die einzige Chance, langfristig Frieden im Land zu schaffen. Die Regierung wird jedoch Mühe haben, ihre Legitimität durch gute Regierungsarbeit oder hohe Ausgaben zu untermauern. Solange das Problem der grassierenden Korruption nicht gelöst ist, wird auch ausländische Hilfe keine nachhaltige Verbesserung bewirken. Sie wird möglicherweise sogar alsbald austrocknen, wenn das internationale militärische Engagement und die internationalen Wiederaufbaubemühungen gänzlich zum Erliegen kommen. Auslandsüberweisungen von Arbeitsmigranten sind versiegt und die Covid-19-Krise stellt eine Belastung für den Staatshaushalt und die Regierung dar. Ein Großteil der Bevölkerung sehnt sich nach Frieden und hat genug von der Gewalt, die von aufständischen Gruppen wie den Taliban oder dem IS ausgeht. Viele misstrauen den Aufständischen. Dennoch dürften Zugeständnisse ihnen gegenüber die einzige verfügbare Option sein. Für Minderheiten, erst recht für religiöse Minderheiten, stellt das nur noch mehr Jahre in Aussicht, in denen sie sich so unauffällig wie möglich verhalten und im Verborgenen bleiben müssen.

3. Religiöse Situation im Land

Open Doors schätzt die Zahl der Christen im Land auf „einige Tausend“. Laut der World Christian Database sind mehr als 99 Prozent der Bevölkerung Muslime. Es gibt aber unter anderem auch kleine Gruppen von Hindus, Bahai, Buddhisten und Christen. Aus Sicherheitsgründen können diese Zahlen hier nicht weiter aufgeschlüsselt werden.

Offiziell gibt es keine Christen, abgesehen von einigen Christen unter internationalen Militärangehörigen, Diplomaten und Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen. Einheimische Christen, die fast ausschließlich einen muslimischen Hintergrund haben, bleiben soweit wie möglich im Verborgenen. 90 Prozent der Muslime in Afghanistan folgen dem sunnitischen Islam, während etwa 9,7 Prozent dem schiitischen Islam angehören. Der Stamm der Hazara ist überwiegend schiitisch, während die wichtigste ethnische Gruppe, die Paschtunen, Sunniten sind. Sie dominieren die politische Landschaft, brauchen aber Minderheiten wie die Usbeken und Tadschiken, um politische Macht ausüben zu können.

Die wenigen Sikhs, Hindus und Bahai im Land erfahren kaum mehr Freiheit als Christen. Ihr Vorteil ist, dass sie nicht als westlich und fremd wahrgenommen werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht zum Ziel von Angriffen würden. Im Juli 2018 wurde der einzige Sikh, der für die Parlamentswahlen kandidierte, in einem Bombenanschlag getötet. Auch Angriffe auf die schiitischen Hazara sind seit 2018 häufiger geworden. Ein weiterer blutiger Angriff gegen die Minderheit der Sikh erfolgte am 25. März 2020.

Vor diesem Hintergrund der religiösen Situation im Land ist das tägliche Leben von Christen eine Herausforderung. Viele leben ihren christlichen Glauben im Geheimen. Ein Wechsel vom Islam zum christlichen Glauben gilt nach islamischem Recht als inakzeptabel. Christliche Konvertitinnen werden unter Umständen mit einem muslimischen Mann zwangsverheiratet oder unter Hausarrest gestellt; sie können in Sklaverei oder Prostitution verkauft werden; man kann ihnen Nahrung und Wasser oder den Zugang zur Gesundheitsversorgung verweigern, sie können eingesperrt, schwer geschlagen, verbrannt, sexuell missbraucht oder sogar mit dem Tode bedroht werden. Männliche Konvertiten müssen mit Spott, Haft, Folter, sexuellem Missbrauch und sogar Todesdrohungen rechnen. Auch die Familienmitglieder derer, die sich dem Islam ab- und dem christlichen Glauben zuwenden, erleiden Verfolgung, weil man sie der Mittäterschaft verdächtigt.

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Weder erlaubt die Islamische Republik Afghanistan afghanischen Staatsbürgern, Christen zu werden, noch erkennt sie Konvertiten als solche an. Wechselt jemand seine Religion, wird das als Abfall vom Glauben betrachtet, der Schande über die Familie und die islamische Gemeinschaft bringt. Aus diesem Grund verbergen Konvertiten ihren neugefundenen Glauben so weit wie möglich. Die Taliban haben ihre Herrschaft über Teile des Landes ausgeweitet. Gemäß eines Berichts vom Juni 2018 des Sonder-Generalinspekteurs der US-Behörde für den Wiederaufbau Afghanistans wurden von den damals 407 Bezirken des Landes 178 Bezirke entweder von den Taliban beherrscht (59 Bezirke) oder beeinflusst (119). Diese Zahlen schwanken tendenziell im Laufe der Zeit, doch der Trend zeigt eine klare Zunahme des Einflusses der Taliban. Dies zeigt sich auch an der hohen Zahl von Anschlägen und Gefechten mit Regierungstruppen im Kampf um die Vorherrschaft in verschiedenen Provinzen.

Die Führung der Taliban, die zu noch extremistischeren religiösen Ansichten neigt, hat ihre Anstrengungen erhöht, Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen. Auch die extreme Gewalt, die durch mit dem IS verbundene Gruppen (z. B. „Islamischer Staat in der Provinz Khorasan“, kurz ISKP) verübt wurde, hat dazu geführt, dass die Zahl der vertriebenen oder bei Anschlägen getöteten Menschen sich sogar noch erhöht hat.

Nahezu alle afghanischen Christen sind Konvertiten mit muslimischem Hintergrund. Wenn sie entdeckt werden, drohen ihnen seitens ihrer Familie, Freunde und der Gesellschaft Diskriminierung und Feindseligkeit bis hin zur Ermordung. Typischerweise sind die Anstifter dafür islamische Führungspersönlichkeiten wie Imame; auch die lokalen Behörden können darin verwickelt sein. Laut einer Umfrage, die im November 2019 veröffentlicht wurde, haben die Bürger Afghanistans das stärkste Vertrauen in ihre religiösen Leiter und in die Medien – weit mehr als sie ihren Politikern vertrauen. Mehr als 57 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass religiöse Leiter eine größere Rolle in der Politik spielen sollten, in einigen Provinzen waren es sogar bis zu 98,5 Prozent.

Ethnisch-religiöse Feindseligkeit verbunden mit Unterdrückung durch den Clan/Stamm

Ein Experte für das Land beschreibt es so: „Ethnisch-religiöse Normen und traditionelle Glaubenssysteme sind vorherrschend. Die Gesellschaft ist sehr traditionell geprägt und verändert sich nur langsam. Besonders Paschtunen haben einen strengen Kodex von Verhaltensnormen, aber auch andere Stämme halten an ihren Traditionen fest.“ Der Begriff „Nation“ ist der afghanischen Denkweise fremd. Zuerst kommt die eigene Familie, dann der Clan und dann der Stamm – und all diese sind viel wichtiger als das Land. Die Sorge um ihre Familien, Dörfer und Stämme ist tief in den Menschen verwurzelt. Wagt es jemand, sich von seinem Stamm abzuwenden, um etwas Neues und vielleicht sogar Ausländisches anzunehmen, wird großer Druck ausgeübt, um die betreffende Person dazu zu bringen, wieder zu den traditionellen Normen zurückzukehren. Weigert sie sich, wird die Person als Verräter der Gemeinschaft betrachtet und folglich ausgeschlossen. Das trifft auf alle „Abweichungen“ zu, doch ganz besonders, wenn jemand den christlichen Glauben annimmt. Die christliche Religion wird in Afghanistan als westlich betrachtet, sowie als feindlich gegenüber der einheimischen Kultur und Gesellschaft und dem Islam. Den Islam zu verlassen gilt als Verrat. Wie der Länderbericht für 2019 der US-Kommission zur internationalen Religionsfreiheit (USCIRF) festhält, „blieben die muslimischen Einwohner Entwicklungshilfeprojekten gegenüber argwöhnisch und betrachteten sie oft als versteckte Bemühungen, den christlichen Glauben auszubreiten oder zu missionieren“.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Der Mangel an Exportgütern hat zu einer großen Schieflage in der Handelsbilanz geführt, was das Land in andauernde finanzielle Not gebracht hat. Erstaunliche 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stammen aus der Schattenwirtschaft. Korruption und Kriminalität sind allgegenwärtig. Davon sind auch Christen betroffen, da sie der einkommensschwachen Bevölkerungsmehrheit angehören. Eines der großen wirtschaftlichen Probleme Afghanistans besteht darin, dass der Anbau von Mohn zur Herstellung illegaler Drogen wie Opium viel lukrativer ist als der Anbau praktisch jeder anderen Kulturpflanze. Näheres dazu findet sich in dem im November 2018 veröffentlichten Bericht „A Drop from Peak Opium Cultivation“ der Vereinten Nationen. Die Taliban sind stark in die Drogenproduktion verwickelt; Schätzungen zufolge landen 70-80 Prozent aller Gewinne aus dem Drogenhandel in ihren Taschen. Die Einkünfte aus dem Mohnanbau finanzieren nicht nur bewaffnete Milizen, sondern heizen auch die Korruption an. Die 2018 durchgeführte Opium-Studie des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), die im Juli 2019 veröffentlicht wurde, zeigt folgendes auf: 1. Opium wird neben legalen Nutzpflanzen zunehmend auf dem freien Markt angeboten. 2. Opium wird zu viel höheren Preisen verkauft als jede andere Kulturpflanze und Alternativen sind schwer aufzufinden. Jeder, der den Drogenbossen im Weg steht, wird einfach aus dem Weg geräumt – eine Praxis, die sich verstärkt hat. Es mag bezeichnend sein, dass das UNODC beschlossen hat, die Veröffentlichung eines speziell diesem Thema gewidmeten Berichts einzustellen.

5. Verfolger

Ausgehend von islamischer Unterdrückung

  • Regierungsbeamte und politische Parteien: Da Afghanistan laut Verfassung ein islamischer Staat ist, werden alle anderen Religionen als dem Land fremd angesehen und folgerichtig stehen Regierungsbeamte allen Anzeichen des christlichen Glaubens feindlich gegenüber. Der Rückzug internationaler Truppen bedeutet auch einen Rückgang externer Beobachtung.
  • Anführer ethnischer Gruppen, islamische Anführer, gewalttätige religiöse Gruppen und revolutionäre oder paramilitärische Gruppen: Ethnische und religiöse Leiter haben mehr Einfluss und Vollmachten als Regierungsbeamte. Der sich fortsetzende Aufstand der Taliban zusammen mit dem kleineren, aber immer noch sehr gewalttätigen Einfluss des IS verstärken den Druck auf die Christen, die sich ohnehin verstecken müssen. Werden sie entdeckt, müssen sie fast immer mit dem Tod rechnen.
  • Die eigene Familie: Für die meisten Familien stellt ein Glaubenswechsel eine große Schande dar, auch wenn dies von der Lebenseinstellung der jeweiligen Familie beeinflusst wird. Die Familienmitglieder werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Konvertiten zum Islam zurückzubringen oder für die Schande büßen zu lassen.
  • Gewöhnliche Bürger: Was für Familien gilt, kann auch über das erweiterte Umfeld (Nachbarn und Freunde) gesagt werden. Die soziale Kontrolle spielt in der Gesellschaft eine sehr gewichtige Rolle. Das Verlassen des Islam wird als Ablehnung der afghanischen Kultur und Gesellschaft angesehen, die aufgehalten werden muss.

Ausgehend von ethnisch-religiöser Feindseligkeit und Unterdrückung durch den Clan/Stamm

  • Regierungsbeamte und politische Parteien: Da Afghanistan in erster Linie nach ethnischen Grundsätzen strukturiert ist, hat die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe und einem Stamm oberste Priorität und muss bewahrt und verteidigt werden – nicht nur auf nationaler Ebene, sondern noch viel mehr auf der Provinz- und Bezirksebene.
  • Anführer ethnischer Gruppen, islamische Anführer und gewalttätige religiöse Gruppen: Ein afghanischer Bürger wird durch die Zugehörigkeit zu seinem Volk und damit einhergehend häufig von religiöser Zugehörigkeit definiert. Dementsprechend haben Anführer ethnischer Gruppen einen starken Einfluss auf das Volk. Dieselben Kräfte, die zu islamischer Unterdrückung führen, sind auch hier aktiv.
  • Gewöhnliche Bürger und die eigene (Groß-)Familie: Wenn jemand sein soziales Umfeld verlässt, beispielsweise indem er seine Religion wechselt und den christlichen Glauben annimmt, gilt er als Abtrünniger, der zurückgebracht werden muss. Gerade diejenigen Verfolger, die bereits in Bezug auf islamische Unterdrückung genannt wurden, sind auch durch diese Triebkraft motiviert – denn in der afghanischen Kultur werden ethnische und religiöse Identität als ein und dasselbe betrachtet.

Ausgehend von organisiertem Verbrechen und Korruption

  • Regierungsbeamte: Die Regierung ist geschwächt, und die Beamten, insbesondere auf lokaler Ebene, werden alles tun, um die (begrenzte) Macht und Autorität, die sie besitzen, auszubauen. Wenn Christen enttarnt werden oder wenn sie sich bloß illegalen Praktiken entgegenstellen, befinden sie sich in einer unsicheren Position, in der sie nicht geschützt werden. Sie können sogar zu einer wertvollen Geisel werden, um als Verhandlungsobjekt benutzt zu werden oder Geschäfte abzuschließen. Viele Regierungsbeamte profitieren davon, Schmiergeld dafür zu erhalten, dass sie wegsehen.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen und revolutionäre oder paramilitärische Gruppen: Es ist eine bekannte Tatsache, dass der Opiumanbau und -handel in der südlichen Provinz Kandahar, einer Hochburg der Taliban, besonders intensiv ist. Die Einnahmen aus dem Drogenhandel sind eine wichtige Quelle zur Finanzierung der Aufstände und jeder, der als Gefahr für dieses Geschäft angesehen wird (oder auch nur im Weg ist), wird mit allen notwendigen Mitteln verdrängt.
  • Kartelle oder Netzwerke des organisierten Verbrechens: Die Drogenbosse – egal welcher Zugehörigkeit – werden ihre Geschäfts- und Transportwege um jeden Preis schützen. Christen, die in der Gesellschaft ohnehin verborgen leben, werden vor ihnen nicht geschützt, wenn ihr christlicher Glaube entdeckt wird.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Brennpunkte für islamische Unterdrückung

Es ist kein klares Muster zu erkennen, betrachtet man eine Bezirkskarte von Afghanistan mit den von der Regierung oder den Taliban kontrollierten beziehungsweise den umkämpften Gebieten. Gleichwohl kann man mit Sicherheit sagen, dass der Süden sowie der Osten und Nordwesten eher unter der Kontrolle von islamisch-extremistischen Gruppen stehen oder dort von ihnen gekämpft wird. Gleichzeitig sollte man sich vor Augen führen, dass das ganze Land streng islamisch ist, sodass Christen ohnehin mit Schwierigkeiten konfrontiert sind. In der Regel stehen sie in ländlichen Gebieten unter stärkerer sozialer Kontrolle und strengerer Überwachung als das in den meisten Städten der Fall ist.

Brennpunkte für Unterdrückung durch den Clan oder Stamm

Die Familien- und Clan-Zugehörigkeit ist landesweit stark ausgeprägt. Sie reicht sogar bis in die Städte hinein, etwa wenn (überwiegend) junge Männer dorthin abwandern. Auch in diesen Fällen wird Respekt gegenüber den Eltern und Loyalität zum Clan erwartet und erwiesen.

Brennpunkte für organisiertes Verbrechen und Korruption

Während kriminelle Aktivitäten und Korruption landesweit auftreten, sind die Produktion und der Vertrieb von Drogen besonders im Süden vorherrschend.

Einer im „Long War Journal“ veröffentlichten Schätzung der amerikanischen „Foundation for Defense of Democracies“ zufolge werden von 398 Bezirken des Landes nur 133 von Regierungstruppen kontrolliert. Bezogen auf die Bevölkerung bedeutet das, dass mehr Menschen in umkämpften oder von Taliban kontrollierten Gebieten leben als außerhalb (17,7 beziehungsweise 15,1 Millionen). Angesichts der gegenwärtigen Tendenz zu einem raschen Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan besteht kaum Hoffnung, dass sich dieses Verhältnis in naher Zukunft (aus Sicht einheimischer Christen) verbessern wird.

7. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Diese Christen werden für den Weltverfolgungsindex nicht berücksichtigt, da es so wenige von ihnen in Afghanistan gibt und sie so geschützt und isoliert leben, dass sie von der Situation im Land kaum beeinflusst werden.

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Sie versuchen ihr Äußerstes, um nicht von Familie, Freunden, Nachbarn oder der Gesellschaft erkannt zu werden. Je nach Familie müssen sie sogar um ihr Leben fürchten. Es ist für sie schlicht unmöglich, offen als Christen zu leben. Bereits der bloße Verdacht, jemand könnte Christ sein, führt zu ernsthafter Verfolgung.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 16.7
Familienleben 16.7
Gesellschaftliches Leben 16.7
Leben im Staat 16.7
Kirchliches Leben 16.7
Auftreten von Gewalt 10.2

Grafik: Verfolgungsmuster Afghanistan

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Die Wertung für den Druck auf Christen in Afghanistan beträgt weiterhin die Maximalpunktzahl von 16,7 in allen Lebensbereichen. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass es dort unmöglich ist, offen als Christ zu leben. Das Land wird immer mehr von islamischen Extremisten herausgefordert, wobei die Taliban immer mehr Gebiete kontrollieren oder um deren Kontrolle kämpfen, und der (vermeintlich geschwächte) IS Minderheiten ins Visier nimmt.
  • Während Druck in den Bereichen Privatleben, Familienleben und im gesellschaftlichen Leben typisch für ein streng islamisches Land ist, weist der Druck in den Bereichen Leben im Staat und im kirchlichen Leben auf eine Regierung hin, die islamische Gesetze streng interpretiert (trotz aller Versprechungen gegenüber internationalen Gremien, Menschenrechte zu schützen) und darauf, dass in Afghanistan weiterhin eine Stammesgesellschaft besteht.
  • Der Wert für das Auftreten von Gewalt ist mit 10,2 Punkten im Vergleich zu den letzten Jahren weitgehend unverändert. Es ist jedoch aufgrund der instabilen Sicherheitslage noch schwieriger geworden, Vorfälle zu melden; hinzu kommt die Tatsache, dass große Teile des Landes nicht zugänglich waren. Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen bleibt auf einem sehr hohen Niveau, doch die Maßnahmen, die gegen Konvertiten zum christlichen Glauben ergriffen werden, hängen von der betreffenden Familie ab.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Afghanistan ist eine islamische Nation. Jegliche Abweichung vom Islam ist durch Gesetz und Tradition verboten und jeder Glaubenswechsel strafbar. Sowohl die Regierung als auch gewöhnliche Bürger meinen, kein Afghane könne Christ sein und es sei ungesetzlich, einen anderen als den muslimischen Glauben zu haben. Die Regierung hat jedoch festgestellt, dass die offene Bestrafung von Christen muslimischer Herkunft zu unerwünschter internationaler Aufmerksamkeit und diplomatischen Problemen führt. Aus diesem Grund werden die Fälle von solchen christlichen Konvertiten „rasch, aber geräuschlos“ behandelt, wie ein Experte für das Land berichtet. Aufgrund des engen Gesellschaftsverbandes, der hohen sozialen Kontrolle und der nur eingeschränkt möglichen Privatsphäre laufen Christen mit muslimischem Hintergrund je nach Umständen große Gefahr, entdeckt zu werden.

War es gefährlich, privat christliche Materialien zu besitzen oder aufzubewahren?

Jegliches christliches Material erregt Aufmerksamkeit, da es ein Zeichen für Interesse am christlichen Glauben aufseiten des Besitzers ist, und wird daher sorgfältig vermieden. Christen bemühen sich darum, so wenig christliches Material wie möglich in ihren Häusern oder in ihrem Privatbesitz aufzubewahren, da immer die Gefahr von Durchsuchungen besteht, insbesondere in den von den Taliban regierten Regionen. Selbst Materialien auf mobilen Endgeräten oder im Internet (das nicht in allen Regionen verfügbar ist) werden nur unter größter Vorsicht genutzt. Einer kürzlich auf dem Nachrichten-Kanal „Gandhara“ erschienen Reportage zufolge setzen die Taliban auch durch, dass in den von ihnen kontrollierten Gebieten Mobiltelefone überprüft werden, um die Menschen dazu zu bringen, ihren strikten Regeln zu folgen.

War es für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen?

Niemand in Afghanistan würde Symbole oder andere Zeichen des christlichen Glaubens offen zeigen, da dies einen öffentlichen Aufschrei und schwerwiegende Konsequenzen nach sich zöge. Selbst in Kabul lebende Ausländer (die für die Analyse des Weltverfolgungsindex nicht berücksichtigt werden) vermeiden es, einen Hinweis auf ihren christlichen Glauben zu geben. Dies verdeutlicht das Niveau des Drucks im Land. Und selbst jemand, der bloß Interesse an einem anderen Glauben oder einer anderen Identität zeigt, läuft Gefahr, vehement abgelehnt zu werden.

War es für Christen riskant, mit ihren engsten Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden?

Christen muslimischer Herkunft müssen sehr vorsichtig sein, denn schon der Verdacht, jemand könnte sich einem anderen Glauben zugewandt haben, kann ernste Folgen wie Verhaftung und Zerstörung der Wohnung haben. Oft verheimlichen Eltern ihren Glauben vor ihren eigenen Kindern. Weil Christen muslimischer Herkunft nie wissen können, welche Mitglieder ihres Clans von den Taliban rekrutiert wurden, sind sie äußerst vorsichtig, wem sie in Bezug auf ihren Glauben vertrauen. Selbst wenn ihre Namen nicht an die Taliban verraten werden, müssen sie Konsequenzen befürchten, wird ihr Glaubenswechsel offenbart. Die soziale Kontrolle ist hoch, sodass es sehr schwierig ist, den neuen Glauben langfristig zu verheimlichen. Das gilt besonders für Familien mit Kindern. Zudem befinden sich Christen muslimischer Herkunft in einer Zwickmühle, weil sie ihre Kinder nicht auf eine Medresse (Koranschule) schicken wollen, ihnen aber auch nichts von ihrem neuen Glauben erzählen können, da sie dies in Gefahr bringen würde.

Familienleben

Sind Kinder von Christen automatisch unter der Staats- oder Mehrheitsreligion registriert worden?

Man kann sich als Bürger Afghanistans nur mit islamischer Religionszugehörigkeit registrieren lassen. Jeder Afghane ist folglich als Muslim registriert. Alles andere wäre inakzeptabel und undenkbar.

Wurden Eltern daran gehindert, ihre Kinder nach ihrem christlichen Glauben zu erziehen?

Eltern, die ihre Kinder im christlichen Glauben erziehen, riskieren Entlarvung. Wird festgestellt, dass Kinder christlicher Eltern eine andere Meinung als die Mehrheit haben oder leichtsinnig und offen über den christlichen Glauben sprechen, wird die Familie die Heimat zu ihrer eigenen Sicherheit verlassen müssen. Es stellt sich für die Eltern damit die Frage, ob sie dies riskieren wollen. In jedem Fall werden diese möglichen Konsequenzen im Auge behalten, weshalb das Gespräch mit und die Unterweisung von Kindern im christlichen Glauben, wenn überhaupt, nur in einer sehr vorsichtigen Art und Weise erfolgt.

Wurden Ehepartner von Konvertiten von Dritten unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen (gleichgültig ob erfolgreich oder nicht)?

Es wird Druck auf die Ehepartner ausgeübt, sich scheiden zu lassen, beziehungsweise wird darauf gedrängt, die Ehe mit einem christlichen Ehepartner annullieren zu lassen, weil Ehescheidung unüblich ist. Dem stärksten Druck sind Frauen ausgesetzt, deren Ehemänner den christlichen Glauben angenommen haben. Ihre Eltern werden versuchen, eine Scheidung durchzusetzen und auch sonst große Unruhe in der Familie zu stiften. Manchmal werden ehemalige Muslime in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, weil die Familien davon überzeugt sind, dass niemand mit gesundem Verstand jemals den Islam verlassen würde. Diese Argumentation macht es zudem leichter, eine Ehe zu annullieren.

Wurden christliche Ehepartner von Nichtchristen in Scheidungsfällen vom Recht oder der Möglichkeit ausgeschlossen, das Sorgerecht für die Kinder zu beantragen?

Christliche Ehepartner stehen nicht nur vor dem Verlust des Sorgerechts für ihre Kinder, da die afghanische Kultur verlangt, dass sie als Muslime aufgezogen werden; sie verlieren auch das Erbrecht.

Gesellschaftliches Leben

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Wenn eine Christin sich entscheidet, keine Kopfbedeckung zu tragen, erregt sie unerwünschte Aufmerksamkeit – die Gesellschaft wird sie zum Tragen einer solchen drängen. Ein solcher Druck ist nicht nur auf Kleidungsvorschriften begrenzt; Druck wird auch beim Versäumnis ausgeübt, die Moschee zu besuchen. Es wird (in einigen von Taliban kontrollierten Gebieten) sogar Druck ausgeübt sich einen Bart wachsen zu lassen.

In einigen Städten mögen die Menschen mit einem von der Norm abweichenden Verhalten davonkommen; doch für Konvertiten zum christlichen Glauben ist auch hier der Druck äußerst hoch, nicht als Christ erkannt und entdeckt zu werden.

Wurden Christen unter Druck gesetzt, an nichtchristlichen religiösen Zeremonien oder Gemeinschaftsveranstaltungen teilzunehmen?

Die Teilnahme an islamischen Ritualen wie dem täglichen Gebet, Moscheebesuchen, Fasten und weiteren wird vorausgesetzt – egal, ob ein Afghane als Christ (beispielsweise in einer toleranten Familie) bekannt ist oder nicht. Christen muslimischer Herkunft werden zu Moscheegebeten gedrängt, besonders an Freitagen. Während die Menschen in Kabul in begrenztem Umfang mehr Freiheiten haben und einen weniger konservativen Lebensstil führen können, ist dies in Gebieten außerhalb der großen Städte unmöglich.

Haben Christen auf irgendeiner Ebene im Bereich ihrer Bildung aus religiösen Gründen Nachteile erlitten (z. B. Einschränkungen des Zugangs zur Bildung)?

Christliche Eltern haben Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil sie sie vor islamischer Indoktrinierung schützen wollen und befürchten, sie könnten versehentlich ihren christlichen Glauben verraten. Werden sie entdeckt, werden sie unter Druck gesetzt, die Schule zu verlassen, ohne die notwendigen Dokumente zu erhalten, um ihre Bildung an anderer Stelle fortzusetzen. Natürlich müssen auch Schüler, die Christen sind, dem allgemeinen Lehrplan folgen, in dem ein großer Schwerpunkt auf den Islam gelegt wird. In den von den Taliban kontrollierten Bezirken ist der Schulbetrieb nicht immer möglich, aber wenn dieser stattfindet, müssen christliche Schüler dort besondere Vorsicht walten lassen.

Wurden Christen aus religiösen Gründen verhört oder gezwungen, sich bei der örtlichen Bürgerwehr/Polizei zu melden?

Im Fall einer Entdeckung werden Christen auf jeden Fall zur weiteren Untersuchung und Befragung abgeführt. Diese Verhöre sind hart, ungeachtet dessen, ob die Christen es mit der Regierung, den Taliban oder dem IS zu tun haben. Die Polizei ist auch an Schmiergeld oder Geständnissen interessiert. Um dieses Ziel zu erreichen, inhaftieren sie verdächtige Christen muslimischer Herkunft.

Leben im Staat

Schränkt die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) die Religionsfreiheit, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ein?

Die Verfassung garantiert, dass Angehörige anderer Religionen ihren Glauben frei ausüben können. Jedoch legt Artikel 3 der Verfassung auch fest, dass kein Gesetz den Lehren und Grundlagen des Islam widersprechen darf. Dies führt zu Einschränkungen in vielen Lebensbereichen. Obwohl die Wortwahl einen großen Spielraum lässt und oft unklar bleibt, was als unangemessen oder gegen den Islam verstanden werden kann, kommt in der Praxis die Abwendung vom Islam der Lästerung des Islam und des Propheten gleich. Weder Christen noch Angehörige anderer religiöser – selbst muslimischer – Minderheiten haben Religionsfreiheit.

Wurden Christen aus religiösen Gründen am Reisen gehindert?

Alle Reisen von Personen, die im Verdacht stehen, Christ zu sein (oder Interesse am „christlichen Westen“ zu haben), werden überwacht und verhindert, wenn der Verdacht besteht, dass sie aus religiösen Gründen reisen (beispielsweise zur Teilnahme an einer Konferenz).

Wegen der berüchtigt strengen und häufigen Durchsuchungen an Checkpoints der Taliban trauen sich Christen nicht, christliches Material bei sich zu tragen; selbst Handys können stundenlang überprüft werden, manchmal mit modernen Softwareprogrammen.

War die Berichterstattung in den Medien falsch oder voreingenommen gegenüber Christen?

Christen sind selten das Thema der Medienberichterstattung; wenn aber doch, ist die Berichterstattung immer verzerrt und schürt eine antichristliche Stimmung. Aktuelle Konflikte (insbesondere die Einsätze der von den USA angeführten Militärallianz) werden oft als christlich motiviert oder in Verbindung mit dem christlichen Glauben dargestellt. Ob sich dieses Narrativ mit dem Rückzug internationaler Truppen ändern wird, bleibt abzuwarten.

Wurden Christen der Blasphemie oder der Beleidigung der Mehrheitsreligion beschuldigt, entweder von staatlichen Behörden oder von Interessengruppen?

Die Strafe für Blasphemie folgt nicht so sehr dem Rechtsinteresse, als dem Interesse der Gesellschaft an Sanktionen, welche von den lokalen religiösen Behörden oder islamisch-extremistischen Gruppen zügig vollstreckt werden. Berichten zufolge werden Blasphemie-Anklagen in vielen Fällen aus Gründen der persönlichen Feindschaft oder des Neides vor Gericht gebracht. Selbst ein bloßer Verdacht oder eine Anschuldigung kann mit dem sofortigen Tod des Einzelnen enden oder zu dessen Flucht führen.

Kirchliches Leben

Wurden kirchliche Aktivitäten überwacht, behindert, gestört oder blockiert?

In Afghanistan gibt es keine öffentlich zugängliche Kirche. Die einzige genutzte Kapelle befindet sich im Keller der italienischen Botschaft in Kabul. Sie ist nur für die kleine Zahl ausländischer Christen in Kabul vorgesehen – überwiegend diplomatisches und militärisches Personal – die noch in der Stadt arbeiten. Jede Form einer organisierten Versammlung, von der die Taliban oder staatliche Überwachungsorgane erfahren, erhält große Beachtung. Gruppen von Christen (wie klein sie auch sein mögen) müssen bei der Wahl ihrer Treffpunkte extrem vorsichtig sein. Sie werden häufig eine Zeit lang beschattet, bis man sie ertappt, wie sie sich mit einer größeren Gruppe treffen oder anderen religiösen Aktivitäten nachgehen. Selbst ausländische Christen müssen Vorsicht walten lassen und sich bei Treffen in kleine Gruppen teilen.

Wurden die Kirchen daran gehindert, christliche Aktivitäten in ihrem Gotteshaus zu organisieren?

Gemeinschaften von Christen muslimischer Herkunft treffen sich nur mit größter Vorsicht und nur, wenn die Mitglieder einander kennen und sich vertrauen. Vorsichtsmaßnahmen wie Ortswechsel und andere machen es sehr kompliziert, sich als Gemeinde zu versammeln. Bibellehre und Singen geistlicher Lieder können nur in privaten Räumen und nur unter äußerster Vorsicht vonstattengehen.

Sind Pastoren, christliche Leiter oder deren Familienmitglieder wegen ihres Glaubens in besonderem Maß zum Ziel von Schikanen geworden?

Leiter von christlichen Gruppen sind in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Ein Experte für Afghanistan berichtet: Wenn unter extremistischen Gruppen oder in der muslimischen Gesellschaft im Allgemeinen bekannt wäre, wer ein christlicher Leiter ist, würde er umgebracht werden, um die Christen in seinem Umfeld einzuschüchtern und diese Gemeinschaft zu zerstören.

Ist der offene Verkauf oder die Verteilung von Bibeln und anderen christlichen Materialien behindert worden?

Es gibt keine Möglichkeit, Bibeln und andere christliche Materialien zu verteilen oder zu verkaufen; selbst die elektronische Weitergabe kann lebensbedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sie zurückverfolgt wird. Aufgrund des Mangels an christlichen Materialien suchen Christen in Afghanistan ständig den Zugang zu diesen; doch sie müssen größte Vorsicht walten lassen, da viele, die dabei entdeckt werden, mit fatalen Konsequenzen rechnen müssen.

Auftreten von Gewalt

Aus Sicherheitsgründen können keine detaillierteren Angaben gemacht werden. Das Ausmaß der Gewalt ist sehr hoch. Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 gab es Berichte von afghanischen Christen, die wegen ihres Glaubens getötet wurden, von Afghanen, die allein aufgrund des Verdachts ermordet wurden, sie könnten Christen sein, und von Familienmitgliedern, die getötet wurden, um christliche Konvertiten dazu zu bringen, ihren Glaubenswechsel zu widerrufen.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Der „International Religious Freedom Report 2019“ des US-Außenministeriums verlautet: „Die andauernden Operationen terroristischer Gruppen wie des Islamischen Staates in der Provinz Khorasan (ISKP) bedrohen die allgemeine Sicherheit des Landes; sie gefährden aber insbesondere die schiitisch-muslimische Bevölkerung des Landes, die in den letzten Jahren vermehrt Angriffen ausgesetzt war. (...) Während des Berichtszeitraums blieben nichtmuslimische Gruppen wie Hindus, Christen und Sikhs weiterhin gefährdete Minderheiten. Viele flohen aus dem Land, und viele ihrer noch verbliebenen Leiter wurden bei einem groß angelegten Anschlag im Juli 2018 getötet. Im Allgemeinen haben religiöse Minderheiten in Afghanistan seit den 1990er-Jahren unter der Herrschaft der Taliban schwere Menschenrechtsverletzungen erlitten und in der Folgezeit unter anhaltenden Angriffen extremistischer Gruppen gelitten. Sikhs und Hindus wurden in den Untergrund getrieben, ohne die Möglichkeit, ihre religiösen Traditionen öffentlich auszuüben, aus Furcht vor Repressalien durch terroristische Gruppen oder die Gesellschaft im Allgemeinen.“

Weitergehende Informationen

Die Associated Press berichtete am 25. März 2020: „Ein bewaffneter Einzeltäter des IS wütete am Mittwoch in einem Sikh-Tempel im Herzen der afghanischen Hauptstadt. Dem Innenministerium zufolge wurden 25 Gläubige getötet und acht verwundet. Der Bewaffnete hielt viele Gläubige mehrere Stunden lang als Geiseln, bis afghanische Spezialeinheiten mit Hilfe internationaler Truppen versuchten, das Gebäude zu räumen. Gemäß der Nichtregierungsorganisation SITE, die Onlineaktivitäten von Milizen überwacht, bekannte sich der IS auf seinem Nachrichtenkanal ‚Aamaq‘ zu dem Anschlag. Die Verlautbarung identifizierte den Bewaffneten als Abu Khalid al-Hindi. Der indische Staatsbürger habe den Anschlag verübt, um Rache an der Lage der Muslime in Kaschmir zu nehmen, weil sie im einzigen muslimisch dominierten Bundesstaat Indiens unter der indischen Regierung strenge Einschränkungen zu erleiden hätten.“

Bei dem Angriff wurden mindestens 26 Menschen getötet. Die Sikh-Minderheit wurde dabei bewusst ins Fadenkreuz genommen, weil der IS die Strategie verfolgt, religiöse Spannungen zu schüren. Es überrascht nicht, dass viele Sikhs und Hindus Afghanistan verlassen – nicht allein wegen der Anschläge, sondern auch aufgrund der institutionalisierten Diskriminierung und Ausgrenzung.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Afghanistan:

  • Bitten Sie um Schutz für die wenigen afghanischen Christen. Beten Sie dafür, dass Gott „sehende Augen blind macht“ und die im Verborgenen lebenden Christen nicht entdeckt werden.
  • Beten Sie, dass die afghanischen Christen trotz ihrer Isolation in ihrem Glauben ermutigt und gestärkt werden. Bitten Sie Gott darum, dass es ihnen gelingt, auf sicheren Wegen Zugang zu Gottes Wort zu bekommen und sich mit anderen Gläubigen auszutauschen.
  • Beten Sie dafür, dass Gott an den Herzen der islamischen Extremisten arbeitet, damit sie die Liebe Jesu kennenlernen, der ihre Leben verändern kann.