Länderprofil Libyen

Libyen

4
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Libyen
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Im Übergang
Platz Vorjahr
4
Karte Libyen
Christen
0,03
Bevölkerung
6.75
Islamische Unterdrückung
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 15.600
Familienleben: 15.500
Gesellschaftliches Leben: 15.900
Leben im Staat: 16.200
Kirchliches Leben: 16.300
Auftreten von Gewalt: 11.500

Länderprofil Libyen

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 4 / 91 Punkte (WVI 2021: Platz 4 / 92 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht in Libyen Bürgerkrieg. Verschiedene Stammesgruppen und islamisch-extremistischen Gruppen, die von verschiedenen ausländischen Staaten unterstützt werden, kämpfen um (Öl-)Reichtum und Macht. Die von den Vereinten Nationen unterstützte „Regierung der nationalen Einheit“ – der jüngste Versuch, eine Zentralregierung wiederherzustellen – wollte Wahlen organisieren, hat aber über die verschiedenen Kriegsparteien keine Kontrolle.

Das Fehlen einer Zentralregierung, die Recht und Ordnung im Land durchsetzt, hat zu einem sehr hohen Maß an Gewalt gegen Christen geführt. Verschiedene islamisch-extremistische Gruppen und organisierte kriminelle Gruppen haben es auf Christen abgesehen, um sie auszubeuten, zu entführen, zu vergewaltigen, zu versklaven und zu töten, insbesondere unter den Migranten aus Ländern südlich der Sahara, die versuchen, über Libyen nach Europa zu flüchten. Andere Christen aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara werden immer wieder aus rassistischen und religiösen Gründen belästigt, bedroht und diskriminiert. Koptische Arbeiter aus Ägypten halten ihren Glauben vollkommen geheim. Auf libysche Christen muslimischer Herkunft wird von ihrer Familie und ihrem sozialen Umfeld intensiver Druck ausgeübt, ihrem neuen Glauben abzuschwören.

Länderprofil als PDF

Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Das Leben in Libyen wird seit dem Sturz von Diktator al-Gaddafi 2011 vom Bürgerkrieg bestimmt.  Die von den Vereinten Nationen anerkannte und größtenteils von islamistischen Gruppen unterstützte Regierung im Westen des Landes rund um die Hauptstadt Tripolis befindet sich im Konflikt mit einer rivalisierenden Regierung im Osten des Landes, die von Feldmarschall Chalifa Haftar und seinen Truppen unterstützt wird. Beide Fraktionen werden von ausländischen Geldgebern unterstützt, die nach Einfluss streben. So ist der Kampf um Libyen zu einem Kräftemessen zwischen zwei sich gegenüberstehenden Blöcken geworden, die den sunnitischen Mittleren Osten spalten. Auf der einen Seite steht die Achse Türkei/Katar, die den politischen Islam (Islamismus) unterstützt. Auf der anderen Seite steht die Achse Vereinigte Arabische Emirate/Saudi-Arabien/Ägypten, die im politischen Islam eine existenzielle Bedrohung für ihre Herrschaft sieht und daher dessen Gegner unterstützt.

Praktisch alle Muslime in Libyen gehören dem sunnitischen Islam an. Zur ethnischen Minderheit der Amazigh (Berber) gehören auch einige Ibaditen (Sondergemeinschaft des Islam). Unter den Migranten aus Ägypten und Subsahara-Afrika gibt es eine erhebliche Anzahl von Christen. Fast alle Nichtmuslime sind Ausländer; die Zahl der libyschen Christen muslimischer Herkunft ist nach wie vor sehr gering. Sowohl die verfassungsrechtliche Übergangserklärung von 2011 als auch der Verfassungsentwurf von 2017 erklären den Islam zur Religion des Landes und die Scharia zur Hauptquelle der Gesetzgebung.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

34.600

0,5

Muslime

6.675.000

98,9

Hindus

6.200

0,1

Buddhisten

20.400

0,3

Anhänger ethnischer Religionen

520

0,0

Juden

130

0,0

Bahai

740

0,0

Atheisten

330

0,0

Agnostiker

3.400

0,1

Andere

4.700

0,1

2. Gibt es regionale Unterschiede?

Christen sind überall im Land gefährdet, aber besonders in Gebieten, in denen islamisch-extremistische Gruppen aktiv sind, wie etwa in der Region um Sirte. Andere extremistische islamische Gruppen kontrollieren Gebiete in und um Tripolis, weswegen die meisten Christen es vorziehen, in den weniger extremen Teilen der Hauptstadt zu bleiben. Im Osten sind islamisch-extremistische Gruppen sowohl in ländlichen als auch in städtischen Gebieten wie Bengasi präsent.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung

Der Islam ist tief in der libyschen Kultur verwurzelt. Deshalb erleben Muslime, die sich dem christlichen Glauben zuwenden, immensen Druck seitens ihrer Familien und der Gesellschaft. Nach dem Sturz al-Gaddafis haben verschiedenste islamisch-extremistische Gruppen an Einfluss und Kontrolle in der Gesellschaft gewonnen. Auf lokaler Ebene sind Imame und Scheichs dafür bekannt, zum Hass gegen Christen anzustiften, besonders gegen Migranten und Konvertiten. Auf nationaler Ebene üben zur islamistischen Strömung des Madchalismus gehörende Politiker und Gelehrte ihren Einfluss über Satellitenfernsehen und über das Internet aus. Die Scharia wird im ganzen Land angewendet. Diese Faktoren haben zusammengenommen zu einem starken Anstieg der Gewalt gegen Christen in den vergangenen Jahren geführt.

Unterdrückung durch den Clan oder Stamm

Die Gesellschaft Libyens ist konservativ und von Stammesdenken geprägt. Den Islam zu verlassen und den christlichen Glauben anzunehmen, wird nicht nur als Verrat am Islam, sondern auch an Familie und Stamm gesehen. Aus ethnischen und rassistischen Gründen werden Migranten aus Ländern südlich der Sahara besonders heftig diskriminiert.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Korruption ist weit verbreitet und wird durch mangelnde Rechtsstaatlichkeit und durch Straffreiheit noch verschärft. Diese Triebkraft ist eng verknüpft mit islamischer Unterdrückung, da einige der militanten islamischen Gruppierungen mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiten oder selbst als organisierte kriminelle Gruppen auftreten und Menschenhandel und anderen kriminellen Aktivitäten nachgehen. Diese Gruppen sind bekannt für Vergewaltigungen, Geiselnahmen und Sklavenhandel.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Christliche Gastarbeiter (die zumeist aus Subsahara-Afrika und Ägypten stammen) dürfen sich in den wenigen Kirchen treffen, die es im Westen des Landes noch gibt. Viele bleiben aber aus Angst den Gottesdiensten fern. Libysche Bürger dürfen diese Kirchen jedoch unter keinen Umständen besuchen. Einige ausländische Christen genießen eine gewisse Freiheit, sind aber ständig der Bedrohung durch Entführung und andere Formen des Missbrauchs ausgesetzt. Christen aus Afrika südlich der Sahara erleiden in doppelter Hinsicht Verfolgung und Diskriminierung: aus rassistischen ebenso wie aus religiösen Gründen. Christliche Migranten, die auf ihrem Weg nach Europa durch Libyen kommen, sind Formen schweren Missbrauchs ausgesetzt.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Die sehr kleine Gruppe libyscher Christen hält ihren Glauben geheim. Sie dürfen keine Gottesdienste in offiziellen Kirchen besuchen. Ihre Anzahl ist sehr gering, doch mit dem Aufkommen christlicher Fernseh- und Internetangebote auf Arabisch wächst das Interesse am christlichen Glauben.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 15.6
Familienleben 15.5
Gesellschaftliches Leben 15.9
Leben im Staat 16.2
Kirchliches Leben 16.3
Auftreten von Gewalt 11.5

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

Aufgrund der Gefahr, die von Verwandten, der Gesellschaft sowie extremistischen islamischen Gruppen ausgeht, wagen Christen in Libyen es kaum, mit anderen über ihren Glauben zu sprechen. Die Verkündigung des Evangeliums ist zwar nicht ausdrücklich verboten, wohl aber „Anstiftung zur Spaltung“ und „Beleidigung des Islam“. Mit einem Muslim über den christlichen Glauben zu sprechen, könnte als eine solche Beleidigung des Islam aufgefasst werden.

Familienleben

Der Religionsunterricht basiert auf islamischen Grundsätzen. Fast alle ausländischen Christen aus dem Westen haben das Land verlassen. Die verbleibenden ausländischen Christen sind größtenteils Migranten aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und einige koptische Christen aus Ägypten. Ihre Kinder müssen, wenn sie zur Schule gehen, den Islamunterricht besuchen und sind gefährdet, Opfer von Belästigungen zu werden.

Gesellschaftliches Leben

Die Mehrheit der Libyer ist arabischer oder berberischer Abstammung. Viele Christen sind Auswanderer aus Ländern südlich der Sahara, die bessere wirtschaftliche Möglichkeiten suchen. Sie werden sowohl aus religiösen als auch aus rassistischen Gründen diskriminiert.

Leben im Staat

Wer Christen muslimischer Herkunft verletzt oder sogar tötet, kann mit Straffreiheit rechnen. Wenn dies durch Familienmitglieder geschieht, wird die Angelegenheit als eine Sache der Familienehre betrachtet. Andere Christen können sowohl durch extremistische Gruppen als auch durch Regierungsbeamte ebenfalls mit Straffreiheit getötet werden. Christen aus Subsahara-Afrika sind in dieser Hinsicht besonders gefährdet. Ausländische Christen müssen sich davor hüten, die Regierung in irgendeiner Weise zu kritisieren und dadurch zu provozieren. Selbst die wenigen registrierten Kirchen achten darauf, dass am Gebäude keine religiösen Symbole angebracht sind. Eine öffentliche Zurschaustellung christlicher Symbole würde als indirekte Form der Evangelisation verstanden werden. Dies könnte schwerwiegende Strafen durch die Behörden nach sich ziehen – oder sogar öffentliche Lynchjustiz.

Kirchliches Leben

Je nach Region können sich Migranten in Kirchen versammeln, was jedoch mit erheblichen Sicherheitsrisiken verbunden ist. Die Einfuhr von christlicher Literatur und Bibeln in arabischer Sprache ist nach wie vor streng verboten. Evangelisation oder missionarische Tätigkeit unter Muslimen ist offiziell verboten.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

  • Mehrere Kirchengebäude wurden zerstört oder teilweise demoliert.
  • Ausländische, in Libyen lebende Christen, die online mit Libyern über ihren Glauben sprachen, wurden verhaftet, verhört und misshandelt.
  • Viele christliche Migranten aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara wurden entführt. Um Lösegeld zu erpressen, wurden sie inhaftiert, vergewaltigt, missbraucht oder als (Haus-)Arbeiter unter sklavenähnlichen Bedingungen eingesetzt. Obwohl dieser Missbrauch in den meisten Fällen nicht in erster Linie mit dem Glauben zusammenhängt, ist zu vermuten, dass der christliche Glaube Menschen besonders angreifbar macht. Des Weiteren verschwanden mindestens sechs koptische Gastarbeiter unter mysteriösen Umständen.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

4

90,93

2021

4

91,92

2020

4

90,21

2019

4

87,36

2018

7

86,20

Der Rückgang der Gesamtpunktzahl um einen Punkt im Vergleich zum Weltverfolgungsindex 2021 liegt daran, dass weniger Fälle von Gewalt gemeldet wurden. Dennoch erreicht die Punktzahl für den Bereich Gewalt weiterhin ein extrem hohes Ausmaß. Auch die Wertungen in allen Lebensbereichen sind extrem hoch. Obwohl sich das Land zu einem gewissen Grad stabilisiert hat und im Berichtszeitraum weniger direkte Konflikte zu verzeichnen waren, ist die allgemeine Gefahr für die Christen in Libyen nach wie vor extrem hoch.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Frauen haben im libyschen Familienleben eine geringere Stellung als Männer, was auf Stammesnormen zurückzuführen ist, die der Scharia entsprechen. Wenn eine Frau verdächtigt wird, sich für den christlichen Glauben zu interessieren, kann sie Hausarrest, sexuelle Übergriffe oder Zwangsheirat erfahren oder sogar getötet werden. Frauen, die aufgrund ihres Glaubens sexuelle Gewalt erfahren, manchmal als eine Form der Bestrafung, stoßen auf soziale und kulturelle Hindernisse bei der Verfolgung von Straftaten. Christliche Migrantinnen, die Libyen durchqueren, sind zudem von Entführung und Menschenhandel bedroht, insbesondere wenn sie von ihren männlichen Begleitern getrennt sind, wie beispielsweise in Auffanglagern für Flüchtlinge.

Männer: Generell sind Männer in Libyen aufgrund des anhaltenden Kreislaufs von Gewalt, Gräueltaten und Straffreiheit einem hohen Risiko körperlicher Gewalt ausgesetzt. Christliche Männer müssen mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, körperlichen und seelischen Misshandlungen, der Vertreibung aus ihrem Elternhaus und Entführungen zur Erpressung von Lösegeld rechnen. Zwangsarbeit und Sklaverei von Männern, die aus Subsahara-Afrika nach Libyen eingewandert sind, sind weit verbreitet. Davon sind auch Christen betroffen. Libysche Männer und Jungen werden zunehmend gezwungen, in Milizen zu kämpfen, was viele dazu veranlasst, aus ihren Heimatstädten zu fliehen, um einem solchen Schicksal zu entgehen. Auch in Auffanglagern für Flüchtlinge werden christliche Migranten zwangsrekrutiert.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Sufis sowie die nicht dem sunnitischen Islam angehörenden Ibaditen erfahren in Libyen Verfolgung in Form von gewalttätigen Angriffen durch militante Gruppen wie den „Islamischen Staat“ (IS). Außerdem werden sie generell von der Gesellschaft diskriminiert. Zudem sind auch Atheisten und jeder, der die sunnitisch-islamischen Lehren öffentlich in Frage stellt, äußerst gefährdet.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Libyen:

  • Beten Sie für Christen, die ihren Glauben an Jesus geheim halten müssen, weil ihnen ansonsten Verhaftung oder Versklavung droht. Bitten Sie Jesus Christus, dass er sie mit Frieden erfüllt und ihnen ermutigende Zeichen seiner Nähe und Gunst schenkt.
  • Bitten Sie Jesus Christus um Frieden und Stabilität in Libyen und um eine gute Regierung, die zum Wohl des ganzen Landes handelt.
  • Beten Sie für die lokalen Partner von Open Doors, die Christen in einer Gesellschaft aufsuchen, in der die falsche Frage an die falsche Person Unheil bringen kann. Bitten Sie für sie um Weisheit, Gottes Leitung und Schutz, während sie dort Christen helfen.

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