Länderprofil Libyen

Libyen

4
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Libyen
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
4
Karte Libyen
Christen
0,03
Bevölkerung
6.66
Islamische Unterdrückung
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 15.600
Familienleben: 15.400
Gesellschaftliches Leben: 15.900
Leben im Staat: 16.300
Kirchliches Leben: 16.300
Auftreten von Gewalt: 12.400

Länderprofil Libyen

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 4 / 92 Punkte (WVI 2020: Platz 4 / 90 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Auf libysche Christen muslimischer Herkunft wird seitens ihrer Familie und der gesamten Gemeinschaft gewaltsamer und intensiver Druck ausgeübt, ihrem neuen Glauben abzuschwören. Ausländer aus anderen Teilen des afrikanischen Kontinents werden ebenfalls von verschiedenen militanten islamischen Gruppierungen und organisierten kriminellen Gruppen angegriffen. Diese entführen Christen, und es gab auch Fälle, in denen Christen auf brutale Weise getötet wurden. Doch selbst wenn ihnen ein solches Schicksal erspart bleibt, werden Christen aus Subsahara-Afrika schikaniert und von extremistischen Muslimen bedroht. Christen, die in der Öffentlichkeit ihren Glauben bekennen und versuchen, diesen mit anderen zu teilen, laufen ebenfalls Gefahr, verhaftet zu werden und gewaltsamen Widerstand zu erfahren. Das Fehlen einer Zentralregierung, die Recht und Ordnung im Land durchsetzt, hat die Lage für Christen prekär gemacht. Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen in Libyen ist als extrem hoch einzuordnen.

 

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

92

4

2020

90

4

2019

87

4

2018

86

7

2017

78

11

Der Anstieg um zwei Punkte im Weltverfolgungsindex 2021 liegt größtenteils in einem Anstieg der Berichte über Gewalt begründet, die nun ein extremes Maß erreicht hat. Auch die Wertung in allen anderen Lebensbereichen ist extrem hoch. Die anhaltende Anarchie hat dazu beigetragen, dass Christen im Land allgemein gefährdet sind.

2. Trends und Entwicklungen

1) Libyen ist in einen östlichen und einen westlichen Block geteilt

Während der Aufstände des „Arabischen Frühlings“ im Jahr 2011, wurde Präsident al-Gaddafi aus dem Amt gejagt, ohne einen klaren Plan, wie die Zukunft aussehen soll. Seitdem befindet sich Libyen in einem alptraumhaften Szenario mit einem Flickenteppich von militanten Gruppen: Diese haben verschiedene Teile des Landes unter ihrer Kontrolle und kämpfen um die Vorherrschaft. Derzeit ist das Land mehr oder weniger in einen östlichen und einen westlichen Block geteilt. Auf geopolitischer und ideologischer Ebene hat sich das Land zu einem internationalen Schlachtfeld entwickelt, auf dem verschiedene militärische Supermächte versuchen, Einfluss zu gewinnen (d.h. islamistische Achse Türkei-Katar versus emiratisch-saudisch-ägyptische Diktaturachse, wobei Russland eine wichtige Rolle für letztere spielt).

2) Machtspiele im Land drängen die Demokratie beiseite

Es ist wahrscheinlich, dass offizielle Wahlen weiter in die Zukunft verschoben werden, da Wahlen bedeuten würden, dass die Parteien, die jetzt Teile Libyens kontrollieren, die Kontrolle an eine Zentralregierung abgeben müssten. Viele dieser Gruppen profitieren von der gegenwärtigen Situation und haben kein wirkliches Interesse an demokratischen Wahlen. Sollten in naher Zukunft Wahlen abgehalten werden, ist es wahrscheinlich, dass einige Parteien das Ergebnis nicht akzeptieren würden und der Bürgerkrieg daher weitergehen würde.

3) Christen können keine Garantien der Religionsfreiheit erwarten

Jede Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation der Christen in Libyen hängt von einer Verbesserung der politischen und sicherheitspolitischen Lage im Land ab. Wenn die „Regierung der nationalen Einheit“ in der Lage ist, mehr Autorität zu erlangen und Recht und Ordnung im Land wiederherzustellen, würden die Christen Schutz vor den schlimmsten Formen der Verfolgung erhalten, auch wenn es nicht unbedingt eine Garantie für die Religions- und Glaubensfreiheit gäbe. Langfristig wird jedoch die Art der dauerhaften politischen und verfassungsmäßigen Ordnung, die aus dem gegenwärtigen Friedens- und Übergangsprozess hervorgehen würde, der entscheidende Faktor für die Religionsfreiheit der Christen in Libyen sein. Angesichts der sehr konservativen islamischen Kultur Libyens ist es unwahrscheinlich, dass Christen, und insbesondere libysche Christen muslimischer Herkunft, langfristig Religions- und Glaubensfreiheit genießen werden.

3. Religiöse Situation im Land

Der „World Christian Database“ (WCD) zufolge sind 98,9 % der Libyer Muslime, nahezu alle gehören zum sunnitischen Islam. Zur ethnischen Minderheit der Amazigh (Berber) gehören einige Ibaditen (Sondergemeinschaft des Islam), und es gibt kleine christliche Gemeinschaften aus Afrika südlich der Sahara und ägyptischen Migranten. Fast alle Nichtmuslime sind Ausländer; die Zahl der libyschen Christen muslimischer Herkunft ist nach wie vor sehr gering.

Die Dominanz des Islam wird in der Verfassung ausdrücklich anerkannt (Art. 5, Verfassung von 1951), während die alten Wurzeln des Christentums in Libyen fast vollständig ausgelöscht worden sind. Sowohl die übergangsweise Verfassungserklärung (2011) als auch der Verfassungsentwurf von 2017 machen deutlich, dass sich in dieser Hinsicht nichts geändert hat: Beide erklären, dass der Islam die Religion des Landes und die Scharia die Hauptquelle der Gesetzgebung sein sollen. Es gibt zwar eine Klausel, die besagt: „Der Staat garantiert Nicht-Muslimen die Freiheit, ihre religiösen Rituale auszuüben.“ Allerdings sind Theorie und Praxis zwei verschiedene Dinge. Die Religions- und Glaubensfreiheit von Christen muslimischer Herkunft ist nicht durch die Verfassung geschützt.

Die Scharia wird im ganzen Land angewandt. Der militärische Konflikt in Libyen hat dazu beigetragen, den Einfluss radikal-islamischen Gedankenguts zu verstärken. Islamisch-militante Gruppen haben in der durch den Bürgerkrieg geschaffenen Anarchie an Boden gewonnen, und in mehreren Gebieten leben nun extremistische Muslime, von denen viele mit dem „Islamischen Staat“ (IS) und Al Kaida sympathisieren. In anderen Gebieten setzen lokale (Stammes-)Gemeinschaften ihre eigenen Versionen der Scharia durch. So ist der Grad des islamischen Extremismus von Region zu Region unterschiedlich, wobei einige Gruppen strenger und/oder gewalttätiger sind als andere.

Trotz dieser Zunahme des Extremismus stellte ein von der BBC in Auftrag gegebener Bericht aus dem Jahr 2019 fest, dass insbesondere in Libyen die Zahl der Menschen, die sich als nichtreligiös identifizieren (was wahrscheinlich als „nicht praktizierend“ zu verstehen ist), in den letzten sechs Jahren von 12 % auf 27 % gestiegen ist. Der Bericht wurde jedoch kritisiert, eine verwirrende Terminologie bei den Fragen verwendet zu haben, was zu irreführenden Ergebnissen geführt habe.

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Diese Triebkraft äußert sich auf vielfältige Weise. Der Islam ist tief verwurzelt in Libyens Kultur. Deshalb erleben Muslime, die sich dem christlichen Glauben zuwenden, immensen Druck seitens ihrer Familien und der Gesellschaft. Dazu kommt, dass nach dem Sturz al-Gaddafis verschiedenste islamisch-extremistische Gruppen mehr Einfluss gewonnen und Kontrolle über die Gesellschaft erlangt haben.

Unterdrückung durch den Clan/Stamm

Die Gesellschaft Libyens ist konservativ und von Stammesdenken geprägt. Den Islam zu verlassen und den christlichen Glauben anzunehmen, wird nicht nur als Verrat am Islam, sondern auch an Familie und Stamm gesehen. Aus ethnischen und rassistischen Gründen werden Migranten aus Ländern südlich der Sahara besonders heftig diskriminiert.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Korruption ist so weit verbreitet, dass sie wesentlich zum anhaltenden Verfall der Rechtsstaatlichkeit und zur mangelnden Strafverfolgung beiträgt. Diese Triebkraft ist eng verknüpft mit islamischer Unterdrückung, da einige der militanten islamischen Gruppierungen als organisierte kriminelle Gruppen im Menschenhandel und anderen kriminellen Aktivitäten arbeiten.

5. Verfolger

Ausgehend von islamischer Unterdrückung

  • Die eigene (Groß-)Familie: Starke islamische Überzeugungen sind ein wichtiger Grund für Familien, Mitglieder mit anderem Glauben ins Visier zu nehmen, obwohl dies eindeutig mit Fragen der Familienehre vermischt ist (siehe unter Unterdrückung durch den Clan/Stamm).
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Das bekannteste Beispiel für gewaltsame Handlungen religiöser Gruppen war die Enthauptung von 21 koptischen Christen im Februar 2015 durch den IS, gefolgt von der Hinrichtung einer Gruppe äthiopischer Christen im April desselben Jahres. Mittlerweile hat der IS zwar die Stadt Sirte als seine Hochburg verloren, er bleibt jedoch in der umliegenden Gegend präsent. Andere islamisch-extremistische Gruppen unterhalten zumeist Verbindungen zur international anerkannten Regierung im Westen des Landes, aber es gibt auch extremistische Elemente innerhalb der politischen Parteien im Osten. Diese Gruppen sind für die gewaltsamsten Formen der Verfolgung verantwortlich und agieren völlig ungestraft, da es keine Zentralregierung gibt, die auch nur den Anschein von Recht und Ordnung im Land sicherzustellen vermag.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Auf lokaler Ebene sind Imame und Scheichs dafür bekannt, dass sie zum Hass gegen Christen aufwiegeln, besonders gegen Migranten und Christen muslimischer Herkunft. Auf nationaler Ebene üben wahhabitische Gelehrte über Satellitenfernsehen und Internet ihren Einfluss aus. Im April 2019 warnte die Nichtregierungsorganisation „International Crisis Group“ vor dem zunehmenden Einfluss der Madchalisten, einer ultrakonservativen salafistischen Gruppe mit Wurzeln in Saudi-Arabien und Anhängern in Ost- und West-Libyen. Auch wenn Madchalisten sich gegen politische Aktivitäten, wie sie etwa die Muslimbruderschaft verfolgt, und gegen dschihadistische Operationen, wie sie beispielsweise der IS durchführt, wenden, sind sie doch Vertreter einer strikten Auslegung der Scharia. Berichten zufolge wächst ihr Einfluss, was dazu führt, dass strikte islamische Regeln in immer mehr Gegenden des Landes durchgesetzt werden.
  • Regierungsbeamte: Libyen hat derzeit keine Zentralregierung und die Behandlung der Christen variiert von Region zu Region. Allerdings wird an der Scharia als Gesetz im ganzen Land festgehalten. Christen muslimischer Herkunft und Christen, die anderen von ihrem Glauben erzählen, können durch lokal herrschende Gruppen verhaftet werden. Inhaftierte christliche Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara sehen sich oft schlimmerer Behandlung ausgesetzt als Migranten anderen Glaubens.
  • Gewöhnliche Bürger: Gewöhnliche Bürger, die sich extremistischen Auslegungen des Islam verschrieben haben, die keinen anderen Glauben akzeptieren, tragen zur Verfolgung von Christen insbesondere im Privat- und Familienleben und im gesellschaftlichen Leben bei. Diese Art der Verfolgung überschneidet sich mit jener ausgehend von den (Groß-)Familien, da Familien und Sippen eng verbunden sind und oft gemeinsam leben – auch, wenngleich in geringerem Maß, in städtischen Gebieten.
  • Politische Parteien: Die meisten politischen Fraktionen unterstützen eine Anwendung der Scharia und streben an, dass Libyen ein muslimisches Land bleibt.

Ausgehend von Unterdrückung durch den Clan/Stamm

  • Die eigene (Groß-)Familie: Für Christen muslimischer Herkunft geht die größte Gefahr oft von der eigenen Familie aus. Um die Schande auszulöschen, die durch den Glaubenswechsel über die Familie gebracht wurde, versucht diese, das christliche Familienmitglied zu zwingen, seinen oder ihren neuen Glauben zu widerrufen. Dies geschieht häufig durch sozialen Druck (etwa in Form von Familienausschluss, Zwangsheirat oder Verlust des Sorgerechts für die Kinder), aber Christen muslimischer Herkunft erleben auch schwere Gewalt.
  • Anführer ethnischer Gruppen: Die Bevölkerung Libyens verteilt sich auf mehr als dreißig Stämme. Jeder Stamm besteht aus verschiedenen Clans und Familien, die eine hierarchische Struktur haben, in der der Vater das Oberhaupt der Kernfamilie darstellt. Die Stammesführer, zumeist die ältesten Söhne ihrer Familie, haben die Pflicht, die (Groß-)Familie zu schützen, für deren Wohlergehen zu sorgen und die Familienehre zu erhalten. Sie üben Druck auf Christen muslimischer Herkunft aus, damit sie ihren neuen christlichen Glauben widerrufen, oder spornen Familien an, gegen vom Islam abgefallene Familienmitglieder vorzugehen.

Ausgehend von organisiertem Verbrechen und Korruption

  • Kartelle oder Netzwerke des organisierten Verbrechens: Auch wenn Verfolgung eng mit den Machenschaften korrupter Regierungsbeamter verflochten ist, sind vor allem kriminelle Gruppen an der Verfolgung von Christen beteiligt. Besonders Gruppen, die Menschenhandel und Entführungen mit Lösegeldforderung betreiben, sind dafür bekannt, Christen herauszugreifen und sie härter zu behandeln als ihre Opfer anderen Hintergrundes. Diese Gruppen machen Jagd auf Immigranten, die auf ihrem Weg nach Europa durch Libyen kommen. Viele werden nicht nur unter Lösegeldforderung als Geiseln genommen, sondern in die Sklaverei verkauft, und viele Frauen werden Opfer von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Christen sind überall im Land gefährdet, besonders aber in den von islamisch-extremistischen Gruppen kontrollierten Gebieten. Vor allem die Region um Sirte ist berüchtigt für die Präsenz islamisch-extremistischer Gruppen (einschließlich Teilen des IS). Ausländische Christen vermeiden Reisen im Allgemeinen und insbesondere in Gebiete, in denen militante Islamisten Kontrollpunkte eingerichtet haben könnten. Andere Gruppen, wie etwa die „Islamic Dawn Coalition“ kontrollieren das Gebiet um Tripolis und einzelne Stadtgebiete von Tripolis selbst. Im Osten halten sich extremistische Gruppen zumindest in Bengasi auf.

Christliche Migranten, die auf ihrem Weg nach Europa gefangen genommen und inhaftiert wurden, enden meist in einem der überfüllten Gefangenenlager im Umkreis von Tripolis. Andere kommen nicht einmal so weit, sondern werden von Menschenhändlern direkt in die Hände krimineller Beamter oder anderer Gruppen übergeben. In weiterer Folge müssen sie in der Landwirtschaft schwerste Zwangsarbeit leisten oder werden zur Prostitution gezwungen.

7. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Christliche Gastarbeiter (die meisten davon aus Subsahara-Afrika und einige aus Ägypten) dürfen ihre eigenen Kirchen haben. Libysche Bürger dürfen an diesen Gottesdiensten jedoch nicht teilnehmen. Ausländische Christen genießen eine gewisse Freiheit, sind aber ständig der Gefahr von Entführung und anderen Formen des Missbrauchs ausgesetzt. Christen aus Afrika südlich der Sahara erleiden in doppelter Hinsicht Verfolgung und Diskriminierung: aus rassistischen und auch aus religiösen Gründen.

Christliche Migranten, die durch Libyen kommen, beschreiben ihre Reise als Hölle auf Erden. Sowohl christliche als auch muslimische Migranten sind Formen schweren Missbrauchs ausgesetzt. Aufgrund der internen Spaltungen werden die Migranten auf ihrem Weg zur Küste von einer Gruppe von Menschenhändlern an die nächste übergeben. Jede Gruppe von Menschenhändlern versucht, so viel Geld wie möglich von den Migranten zu erpressen. Die Gruppen sind bekannt dafür, der Familie eines Migranten im Heimatland sogar Videos von Folterungen zu schicken, um Lösegeld zu erpressen. Die meisten Migrantinnen werden von Menschenhändlern sexuell missbraucht; sie können sich nicht verweigern, da die Menschenhändler sonst drohen, sie zurückzulassen. Während sie darauf warten, weitertransportiert und einer anderen Gruppe von Menschenhändlern übergeben zu werden, werden Migranten häufig in Übergangslagern festgehalten. Die allgemeinen Bedingungen in diesen Lagern sind oft entsetzlich, und viele Migranten überleben ihre Reise nicht. Ein christlicher Migrant erinnert sich an den völligen Mangel an Sicherheit: „Man kann niemals mit geschlossenen Augen schlafen.“ Wenn die Migranten schließlich das Küstengebiet erreichen, müssen sie oft Wege finden, um zusätzliches Geld für die Überquerung des Mittelmeers auf dem Weg nach Europa aufzubringen. Menschenhändler setzen so viele Migranten wie möglich auf oft nicht seetüchtige Boote, wodurch sie das Leben der Migranten gefährden.

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Die sehr kleine Gruppe libyscher Christen hält ihren Glauben geheim. Sie können keine Gottesdienste in offiziellen Kirchen besuchen. Ihre Anzahl ist sehr gering, doch mit dem Aufkommen christlicher Fernseh- und Internetangebote auf Arabisch wächst das Interesse am christlichen Glauben. Wie in den meisten muslimischen Ländern ist die Abkehr vom Islam mit starkem sozialem Druck verbunden. Als Christ muslimischer Herkunft in seiner Familie zu leben, ist risikobehaftet. Die meisten libyschen Christen wagen es nicht, sich mit anderen Christen zu treffen, denn alle religiösen Versammlungen – ausgenommen islamische – sind für Libyer verboten.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 15.6
Familienleben 15.4
Gesellschaftliches Leben 15.9
Leben im Staat 16.3
Kirchliches Leben 16.3
Auftreten von Gewalt 12.4

Grafik: Verfolgungsmuster Libyen

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen ist extrem hoch (15,9 Punkte), gestiegen von 15,8 Punkten im Weltverfolgungsindex 2020. Der Grund für diesen Anstieg ist die Anarchie, die weiterhin und aufgrund des Fehlens einer Zentralregierung besteht. Islamisch-extremistische Gruppen, aber auch (in)offizielle Regierungsmitarbeiter, können Christen, die aus Ländern südlich der Sahara kommen oder Christen muslimischer Herkunft sind, ungestraft schaden.
  • Auch wenn der Druck in allen Lebensbereichen ein extremes Ausmaß hat, erreicht er die höchste Stufe im kirchlichen Leben und im Leben im Staat. Darin zeigt sich das Fehlen einer Zentralregierung. Wo Anarchie und islamischer Extremismus Hand in Hand gehen, gibt es keine Meinungsfreiheit, keine Gleichbehandlung von Christen und keine Erlaubnis, Kirchengebäude zu errichten.
  • Das Ausmaß von Gewalt erreicht nun die extreme Stufe, nachdem der Wert von 11,3 im Weltverfolgungsindex 2020 auf 12,4 im Weltverfolgungsindex 2021 gestiegen ist. Der Grund für diesen Anstieg liegt in der erhöhten Anzahl verifizierter Übergriffe. Gleichwohl bleibt der Mangel an verlässlichen inländischen Informationsquellen ein Problem.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

War es für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder Facebook etc.)?

Aufgrund der Unterdrückung (bedingt durch die Ablehnung von Familienangehörigen, der Gesellschaft und islamisch-extremistischen Gruppen) wagen es Christen in Libyen kaum, andere über ihren Glauben zu informieren, nicht einmal in schriftlicher Form. Dies könnte unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie ziehen – von kriminellen Gruppen, die Wege suchen, um Menschen zu erpressen und zu entführen, oder von islamisch-extremistischen Gruppen, die die Anwesenheit von Christen nicht dulden. Es könnte auch dazu führen, dass sie der Blasphemie beschuldigt werden, wenn sie beispielsweise Jesus Christus als „Sohn Gottes“ bezeichnen. Besonders gefährlich ist eine öffentliche Äußerung des Glaubens für Konvertiten, da sie durch ihren Glaubenswechsel Schande über ihre (Groß-)Familie gebracht haben.

War es für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen?

Als Christ erkennbar zu sein, bringt Risiken mit sich. Es kann gefährlich sein, ein Kreuz zu tragen oder, wie im Falle der ägyptischen koptischen Christen, am Arm oder Handgelenk eintätowiert zu haben. Milizen und lokal herrschende Gruppen unterhalten Kontrollstützpunkte, um zu überwachen, wer ihr Territorium betritt. Im alltäglichen Leben als Christ erkannt zu werden, kann zu Diskriminierung oder Belästigung führen. Besonders christliche Migranten, die aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara kommen, müssen ihre christliche Identität verstecken. Wenn sie das nicht tun, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie von ihren Schleusern oder auch von Regierungsbeamten diskriminiert oder sexuell misshandelt werden. Es gab Berichte darüber, dass Christen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara ermordet wurden, nachdem ihr christlicher Glaube entdeckt wurde.

War es für Christen riskant, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden, die nicht zum engsten Kreis gehören (erweiterte Familie, andere)?

Die libysche Gesellschaft ist konservativ und islamisch-extremistisches Denken übt einen wachsenden Einfluss im Land aus. Mit einem Muslim über den christlichen Glauben zu sprechen, kann als Akt der Evangelisation interpretiert werden. Zwar ist nicht Missionierung, wohl aber „Anstiftung zur Spaltung“ und „Beleidigung des Islam“ ausdrücklich verboten.

War es für Christen riskant, sich mit anderen Christen zu treffen?

Insbesondere libysche Christen muslimischer Herkunft können sich nicht offen mit anderen Christen treffen. Würden sie bei solchen Treffen entdeckt, würde dies unerwünschte Aufmerksamkeit zur Folge haben, insbesondere durch nahe Verwandte.

Familienleben

Sind Christen aus religiösen Gründen daran gehindert worden, eine christliche Hochzeit zu feiern?

Libysche Christen muslimischer Herkunft werden von der Regierung weiterhin als Muslime betrachtet und dürfen keine christliche Hochzeit feiern. Sie werden geächtet und müssen im Verborgenen bleiben. In einigen Landesteilen können ausländische Christen in ihren eigenen Kirchen heiraten. Doch insgesamt stellt das Feiern einer Hochzeit ein Risiko dar, weil so islamisch-extremistische Gruppen oder, im Falle von Christen muslimischer Herkunft, die Familienangehörigen aufmerksam werden.

Wurden Beerdigungen von Christen behindert oder unter Zwang anhand nichtchristlicher Riten durchgeführt?

Christen muslimischer Herkunft werden meist nach islamischem Ritus beerdigt. Berichten zufolge wurden Beerdigungen von christlichen Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara verhindert. Viele eingewanderte Christen sind in nicht gekennzeichneten Gräbern entlang der Straße begraben.

Wurden christliche Kinder unter Druck gesetzt, auf irgendeiner Bildungsebene an antichristlichem oder an die Mehrheitsreligion propagierendem Unterricht teilzunehmen?

Libyen ist ein islamisches Land und die islamische Lehre beeinflusst alle Lehrpläne. Im August 2018 überprüfte das Bildungsministerium die Lehrpläne der Medressen, um sicherzustellen, dass dort nicht zum Hass gegen nichtislamische Minderheiten aufgerufen wird. Fast alle ausländischen Christen haben das Land verlassen. Die Hauptgruppen der verbleibenden Christen sind christliche Migranten aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und einige ägyptisch-koptische Christen. Ihre Kinder müssen, wenn sie zur Schule gehen, den Islamunterricht besuchen und sind gefährdet, Opfer von Belästigungen zu werden.

Sind Kinder von Christen wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert oder diskriminiert worden?

Einige Christen muslimischer Herkunft halten ihren Glauben sogar vor den eigenen Kindern geheim – aus Furcht, diese könnten sie aus Versehen verraten. Würde der christliche Glaube ihrer Eltern bekannt, würden Kinder von Christen muslimischer Herkunft sehr wahrscheinlich von ihren Altersgenossen schikaniert. Kinder von christlichen Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stehen in der Gefahr, aufgrund ihres Glaubens und wegen ihrer Herkunft schikaniert zu werden.

Gesellschaftliches Leben

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Christen sehen sich regelmäßig Schikanen und Diskriminierung ausgesetzt und werden im Allgemeinen mit Argwohn betrachtet. Vor allem protestantischen Christen wirft man Verbindungen zum Westen und den westlichen Geheimdiensten vor, wie etwa zur amerikanischen CIA. Frauen müssen sich sittsam kleiden, und die meisten libyschen Frauen bedecken entsprechend islamischer Tradition ihr Haar. Solche islamischen Normen müssen besonders christliche Frauen muslimischer Herkunft einhalten, um keine Aufmerksamkeit auf ihren Glaubenswechsel zu ziehen. Während des Fastenmonats Ramadan bekommen alle Christen den sozialen Druck zu spüren, keine Nahrung oder Flüssigkeit während des Tages zu sich zu nehmen; dies gilt im Besonderen für Christen muslimischen Hintergrunds, da sonst ihr Glaubenswechsel entdeckt werden könnte.

Wurden Christen von ihren lokalen Gemeinschaften oder von privaten Gruppen überwacht (dazu gehören auch Meldungen an die Polizei, Beschattung, das Abhören von Telefonleitungen, das Lesen/Zensieren von E-Mails usw.)?

Christen stehen unter ständigem Verdacht, was sich durch den Bürgerkrieg noch verstärkt hat. Alle Christen müssen äußerst vorsichtig sein; Christen muslimischer Herkunft meiden einige Landesteile und tendieren dazu, sich eher in Stadtgebieten aufzuhalten, wo ein Leben in Anonymität und Geheimhaltung eher möglich ist.

Wurden Christen von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt, ihren Glauben zu widerrufen?

Nicht nur Konvertiten erleben den Druck, ihren Glauben zu widerrufen. Viele Christen aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara werden gezwungen, zum Islam zu konvertieren, oder sie tun das, um sich selbst zu schützen. Jene, die bei ihrem christlichen Glauben bleiben, leiden zumeist besonders unter Verfolgung und einige wurden in solchen Situationen sogar an Ort und Stelle getötet.

Wurden Christen am Arbeitsplatz im öffentlichen oder privaten Bereich aus religiösen Gründen diskriminiert?

Wessen Glaubenswechsel bekannt wird, verliert häufig seine Anstellung und erfährt bei erneuter Arbeitssuche Ablehnung. Grundsätzlich stellt die Regierung keine Christen ein, besonders nicht in höheren Positionen. Christen aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara erleiden doppelte Diskriminierung, aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Glaubens. Viele stehen in der Gefahr, ausgebeutet zu werden, und müssen unter härtesten Bedingungen arbeiten, einige werden sogar als Sklaven verkauft.

Leben im Staat

Wurden Christen aus religiösen Gründen am Reisen gehindert?

Aufgrund des Flickenteppichs verschiedener Gruppierungen, die alle ihre eigenen Straßenkontrollen unterhalten, ist das Reisen für Christen sehr gefährlich. Bestenfalls laufen sie Gefahr, ein Bestechungsgeld zahlen zu müssen, schlimmstenfalls, entführt oder getötet zu werden.

Wurden Christen daran gehindert, ihre Ansichten oder Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern?

Der Sturz des al-Gaddafi-Regimes hat Libyern allgemein mehr Freiheiten ermöglicht, ihre Meinung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Es bleibt jedoch risikobehaftet, Regierungsbeamte oder lokal herrschende Gruppen zu kritisieren – das zeigt das Verschwinden kritisch eingestellter Journalisten und Internet-Blogger in den vergangenen Jahren. Da die meisten Christen ausländischer Herkunft sind, verwenden sie besondere Vorsicht darauf, nicht provokativ zu erscheinen; Christen muslimischer Herkunft im Speziellen sehen sich von öffentlichen Debatten ausgeschlossen, weil sie als Geächtete gelten.

Sind Christen, Kirchen oder christliche Organisationen daran gehindert worden, religiöse Symbole öffentlich zu zeigen?

Selbst die wenigen registrierten Kirchen achten darauf, dass am Gebäudeäußeren keine religiösen Symbole angebracht sind. Eine öffentliche Zurschaustellung solcher Symbole würde als indirekte Form der Missionierung verstanden und könnte schwerwiegende Strafen durch die Behörden nach sich ziehen – oder sogar öffentliche Lynchjustiz.

Wurden Personen, die Christen Schaden zugefügt haben, bewusst von der Strafverfolgung ausgenommen?

Christen muslimischer Herkunft können verletzt oder sogar getötet werden, ohne dass ihre Angreifer eine Strafe befürchten müssen. Besonders wenn dies durch Familienmitglieder geschieht, wird die Angelegenheit als eine Sache der Familienehre betrachtet. Auch andere Christen können sowohl durch islamisch-extremistische Gruppen als auch Regierungsbeamte getötet werden, ohne dass ihre Angreifer eine Strafe erhalten; Christen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara sind in dieser Hinsicht besonders gefährdet.

Kirchliches Leben

Wurden kirchliche Aktivitäten überwacht, behindert, gestört oder blockiert?

Christen muslimischer Herkunft können sich in keiner Kirche gefahrenfrei versammeln. Ausländische Kirchen müssen äußerst vorsichtig vorgehen. Die meisten Kirchen versuchen, gute Beziehungen zu ihren muslimischen Nachbarn zu unterhalten, aber eine insgesamt feindliche Einstellung gegenüber Christen erschwert es ihnen, einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.

War es für Kirchen schwierig, von behördlichen Stellen eine Registrierung oder einen offiziellen Status zu erhalten?

Christen muslimischer Herkunft wagen es nicht, sich als Christen zu erkennen zu geben, geschweige denn eine offizielle Anerkennung ihrer kirchlichen Aktivitäten bei behördlichen Stellen zu beantragen. Kirchen, die geschichtlich bedingt im Land präsent sind, wie etwa die Koptisch-Orthodoxe Kirche oder die Römisch-Katholische Kirche, sind offiziell anerkannt. Doch auch für sie sind Kirchenneubauten oder Renovierungen kompliziert. Neuere protestantische Kirchen konnten bisher keine gesetzliche Anerkennung erlangen und müssen ihre Aktivitäten in Privathäusern durchführen.

Wurden Kirchen daran gehindert, Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) offen zu integrieren?

Unabhängig davon, wer in einem Landesteil herrscht, ob es die von der UN anerkannte Regierung der nationalen Einheit oder eine lokale salafistische Miliz ist, können die Kirchen in keiner Region Christen muslimischer Herkunft aufnehmen. Evangelisation ist zwar nicht offiziell verboten, aber das Strafgesetz stellt es unter Todesstrafe, den Islam oder den Propheten Mohammed zu beleidigen. De facto bedeutet das, dass Kirchen äußerst zurückhaltend agieren müssen und Muslime weder einladen noch als Gäste empfangen dürfen.

Wurden die Kirchen in ihrer Interaktion mit der globalen Kirche behindert (Empfang ausländischer Gäste, Besuche bei Christen in anderen Ländern, Teilnahme an Konferenzen usw.)?

Generell ist es sehr gefährlich für Ausländer, Christen in Libyen zu besuchen. Christen muslimischer Herkunft müssen sehr vorsichtig sein, wenn sie ins Ausland reisen, um keinen Verdacht zu erregen. Wenngleich es in den vergangenen Monaten als Ausländer immer noch möglich war, einige Stadtteile von Tripolis zu besuchen, haben die intensivierten Kämpfe um Tripolis alle Besuche faktisch unmöglich gemacht. Das macht es außerordentlich schwer, Christen im Land zu ermutigen oder zu unterstützen.

Auftreten von Gewalt

Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen in Libyen ist als extrem hoch einzustufen. Aufgrund der politischen Instabilität und des Fehlens von Recht und Ordnung im Land sind Christen einer sehr gewalttätigen, unmenschlichen und entwürdigen Behandlung ausgesetzt.

Einen klaren Hinweis darauf, was Christen derzeit durchmachen, gibt ein Bericht von Amnesty International, der bereits 2016 veröffentlicht wurde: Ein 26-Jähriger aus Eritrea, der in einem Gefangenenlager in al-Zawiya festgehalten wurde, wird mit den Worten zitiert: „Sie hassen Christen. Wenn du Christ bist, kann ich nur sagen: ‚Gott helfe dir, wenn sie es herausfinden …‘ Wenn sie ein Kreuz oder eine (religiöse) Tätowierung sehen, schlagen sie dich noch stärker.“ Ein anderer ehemaliger Häftling aus Nigeria sagte, dass Wachen im Gefangenenlager in Misrata die Männer nach Religion getrennt hätten und die Christen dann ausgepeitschten. Ein 22-jähriger Mann aus Eritrea, der in der Haft geschlagen wurde, nachdem sein Boot abgefangen worden war, sagte: „Sie schlugen mich, nahmen mein Geld und warfen meine Bibel und das Kreuz, das ich um meinen Hals trug, weg … Zuerst prüfen sie, ob man Geld in den Taschen hat, dann nehmen sie ein Elektrokabel und peitschen dich aus.“

Ein Bericht von Amnesty International, der im März 2019 veröffentlich wurde, zeigt, dass die Situation sich verschlechtert hat, da viele Migranten nach Libyen zurückgeschickt werden, wenn ihr Boot auf dem Weg nach Europa abgefangen wird. Viele von ihnen werden anschließend inhaftiert, während andere aus Geldmangel nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können.

  • Getötete Christen: Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen in Libyen ist extrem hoch, bedingt durch die anhaltende Anarchie, islamisch-extremistische Gruppen und eine Gesellschaft, die vom Stammessystem geprägt ist. Es gibt nicht bestätigte Berichte, denen zufolge mindestens 20 Christen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara aufgrund der scharfen Behandlung in den Hafteinrichtungen starben oder getötet wurden. Romany Adly Ayoub, ein koptischer Christ, wurde entführt, gefoltert und getötet, angeblich von der islamistisch-militanten Gruppe Ansar al-Scharia. Das Schicksal von sieben weiteren koptischen Männern, die unter verdächtigen Umständen verschwunden sind, ist unbekannt, aber sie könnten ebenfalls getötet worden sein. Für den Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 kann keine belastbare Zahl getöteter Christen angegeben werden.
  • Angriffe auf Christen: Besonders christliche Migranten werden Opfer von Entführung und Vergewaltigung. Von vielen Christinnen wird berichtet, sie seien zur Prostitution gezwungen worden.
  • Verhaftungen von Christen: Sowohl Christen muslimischer Herkunft als auch christliche Migranten werden wegen ihres Glaubens verhaftet, wofür Stammesgruppen und Regierungsbeamte verantwortlich sind.
  • Angriffe auf Kirchen: Die wenigen Kirchengebäude, die es im Land gibt, sind eine Zielscheibe für gewaltsame Angriffe, vor allem durch islamisch-extremistische Gruppen.
  • Angriffe auf Häuser und Geschäfte von Christen: Privathäuser, in denen Christen leben, stehen in der Gefahr, ins Fadenkreuz krimineller und islamisch-extremistischer Gruppen oder sogar von Regierungsbeamten zu geraten.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Besonders Ibaditen und Sufis, die beide nicht zur sunnitischen Richtung des Islam gehören, werden von Gruppen wie dem IS und anderen militanten sunnitischen Gruppierungen mit Gewalt verfolgt. Auch werden sie allgemein von der Gesellschaft diskriminiert. So erwähnt der im Auftrag des US-Außenministeriums erstellte Bericht zur internationalen Religionsfreiheit von 2017 für Libyen, dass zwei geschichtsträchtige Sufi-Moscheen in Tripolis am 20. Oktober und 28. November 2017 von unbekannten Angreifern attackiert und schwer beschädigt wurden. Auch Atheisten sind in Libyen äußerst gefährdet sowie jeder, der die sunnitisch islamischen Lehren öffentlich in Frage stellt.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Libyen:

  • Bitte beten Sie für die libyschen Christen, die unter immensem Druck stehen. Das gilt besonders für diejenigen, die wegen ihres Glaubens verhaftet wurden. Bitten Sie um Schutz und Befreiung.
  • Beten Sie für die libyschen Machthaber, für Frieden und Stabilität und für ein Ende des Stellvertreterkriegs.
  • Beten Sie für neue Christen muslimischer Herkunft, dass sie Möglichkeiten zur Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern finden.