Länderprofil Libyen

Libyen

4
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Libyen
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Republik
Platz Vorjahr
7
ISO
LY
Karte Libyen
Christen
0,04
Bevölkerung
6.47
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 15.300
Familienleben: 15.000
Gesellschaftliches Leben: 15.100
Leben im Staat: 16.000
Kirchliches Leben: 16.300
Auftreten von Gewalt: 9.600

Länderprofil Libyen

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 4 / 87 Punkte (WVI 2018: Platz 7 / 86 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Islamische Unterdrückung: Nach dem Sturz Gaddafis haben verschiedenste islamisch-extremistische Gruppen praktisch freie Hand und gewinnen kontinuierlich mehr Einfluss und Kontrolle über die Gesellschaft. In ihrem Denken gibt es keinerlei Raum für Christen. Sowohl christliche Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara als auch Konvertiten sind gefährdet. Leider unterstützt auch die Gesellschaft im Allgemeinen die Christen nicht.

Ethnisch begründete Anfeindungen: Die Gesellschaft Libyens ist konservativ und von Stammesdenken geprägt. Migranten aus Ländern südlich der Sahara werden stark diskriminiert. Den Islam zu verlassen und den christlichen Glauben anzunehmen, wird nicht nur als Verrat am Islam, sondern auch an Familie und Stamm gesehen.

Organisiertes Verbrechen und Korruption: Einige der militanten islamischen Gruppierungen arbeiten als organisierte kriminelle Gruppen, beispielsweise im Menschenhandel. Berichten zufolge werden christliche Migranten aus dem Afrika südlich der Sahara besonders schlecht behandelt.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Militante islamische Gruppen (samt deren kriminellen Aktivitäten) und die Gesellschaft im Allgemeinen sind die Hauptverfolger von Christen in Libyen. Christen sind hier eine sehr kleine Minderheit, die sich hauptsächlich aus Ausländern zusammensetzt, die auf der Suche nach Arbeit sind oder über das Mittelmeer nach Europa gelangen wollen. Christliche Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara sehen sich seitens der allgemeinen Bevölkerung nicht nur mit Intoleranz, sondern auch mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. Extremistische islamische Gruppen, die sich seit dem Sturz des Gaddafi-Regimes im Jahr 2011 stark ausgebreitet haben, sind eine zusätzliche Gefahrenquelle für Christen in Libyen. Und wer sich vom Islam ab- und dem christlichen Glauben zuwendet, sieht sich außerdem mit sozialem Druck und Verfolgung durch Mitglieder der unmittelbaren und erweiterten Familie konfrontiert. Die herrschende Anarchie und der Bürgerkrieg haben die Lage für die Christen verschlimmert. In dieser Situation können organisierte kriminelle Gruppen, die sich am Menschenhandel beteiligen, und islamische Milizen gewalttätige Angriffe auf Christen verüben, ohne Strafverfolgung fürchten zu müssen.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Auf libysche Christen muslimischer Herkunft wird seitens ihrer Familie und der gesamten Gemeinschaft sehr gewaltsamer und intensiver Druck ausgeübt, ihrem neuen Glauben abzuschwören. Ausländer aus anderen Teilen des Kontinents werden ebenfalls von verschiedenen militanten islamischen Gruppierungen und organisierten kriminellen Gruppen angegriffen. Sie entführen Christen, und es gab auch Fälle, in denen Christen auf sehr brutale und schockierende Weise getötet wurden. Doch selbst wenn ihnen ein solches Schicksal erspart bleibt, werden Christen aus dem Afrika südlich der Sahara schikaniert und von extremistischen Muslimen bedroht. Christen, die in der Öffentlichkeit ihren Glauben bekennen und versuchen, das Evangelium mit anderen zu teilen, laufen ebenfalls Gefahr, verhaftet und misshandelt zu werden. Das Fehlen einer Zentralregierung, die Recht und Ordnung im Land durchsetzt, hat die Lage für Christen prekär gemacht. Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen in Libyen ist sehr hoch, und sie sind einer sehr gewalttätigen, unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung ausgesetzt.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

Christliche Gastarbeiter, die größtenteils aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen und in libyschen Untersuchungsgefängnissen festgehalten werden, wurden Berichten zufolge vergewaltigt und geschlagen. Obwohl die schlechte Behandlung und Gewalttätigkeit gegenüber den Häftlingen nicht auf christliche Flüchtlinge beschränkt ist, werden Christen noch stärker diskriminiert und brutaler behandelt.

  • Libyen geriet in die Schlagzeilen, als im November 2017 der amerikanische Fernsehsender CNN in Videoaufnahmen zeigte, wie Afrikaner aus Ländern südlich der Sahara versteigert und verkauft wurden. Dem Bericht folgte ein internationaler Aufschrei. Geändert scheint sich jedoch nichts zu haben.
  • Angesichts der Sicherheitsprobleme, die mit einer Hinwendung zum christlichen Glauben einhergehen, können die meisten Berichte über Konvertiten in Libyen nicht veröffentlicht werden.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Die Bewertung für Libyen ist um einen Punkt auf 87 gestiegen, womit das Land den vierten Platz auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2019 belegt. Es gab keine signifikanten Änderungen in der allgemeinen Verfolgungssituation. Auf dem WVI des Jahres 2018 war die Punktzahl für Libyen bereits um acht Punkte auf 86 gestiegen, was auf die zunehmende Gewalt gegen Christen zurückzuführen war. Dies stand insbesondere mit durchreisenden Migranten in Verbindung – diese werden im Allgemeinen sehr schlecht behandelt, aber die Christen unter ihnen unterzieht man einer noch schlechteren Behandlung. Die anhaltende Anarchie hat dazu beigetragen, dass Christen im Land insgesamt gefährdet sind.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Diese Triebkraft äußert sich auf vielfältige Weise. Der Islam ist tief verwurzelt in Libyens Kultur, deshalb erleben Muslime, die sich dem christlichen Glauben zuwenden, immensen Druck seitens ihrer Familien und der Gesellschaft. Nach dem Sturz Gaddafis haben verschiedenste islamistische Gruppen mehr Einfluss gewonnen und Kontrolle über die Gesellschaft erlangt.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Die Gesellschaft Libyens ist konservativ und von Stammesdenken geprägt. Migranten aus Ländern südlich der Sahara werden stark diskriminiert. Den Islam zu verlassen und den christlichen Glauben anzunehmen, wird nicht nur als Verrat am Islam, sondern auch an Familie und Stamm gesehen.

Organisiertes Verbrechen und Korruption:

Korruption ist so weit verbreitet, dass sie wesentlich zum anhaltenden Verfall der Rechtsstaatlichkeit und zur mangelnden Strafverfolgung beiträgt. Diese Triebkraft ist eng verknüpft mit „Islamischer Unterdrückung“, da einige der militanten islamischen Gruppierungen als organisierte kriminelle Gruppen arbeiten, beispielsweise im Menschenhandel.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

Gewöhnliche Bürger, die sich intoleranten und extremistischen Auslegungen des Islam verschrieben haben, tragen zur Verfolgung von Christen insbesondere im „Privatleben“, im „Familienleben“ und im „gesellschaftlichen Leben“ bei. Die Verfolgung wird durch eine Vielzahl militanter islamistischer Gruppen verschärft, die einen beträchtlichen Teil des libyschen Territoriums kontrollieren. Diese Gruppen sind für die gewaltsamsten Formen der Verfolgung verantwortlich und agieren völlig ungestraft, da es keine Zentralregierung gibt, die auch nur den Anschein von Recht und Ordnung im Land sicherzustellen vermag. Hinter diesen Verfolgern steht die Lehre und der Einfluss von extremistischen wahhabitischen Imamen. Diese religiösen Führer sind deshalb ebenfalls als Verfolger von Christen zu betrachten.

Ausgehend von ethnisch begründeten Anfeindungen

Gewalt gegen Christen, die als Migranten aus Ländern südlich der Sahara nach Libyen kamen, wird meist durch islamistisch-extremistische Gruppierungen ausgeübt. Aber auch Regierungsbeamte und andere sind beteiligt. Dagegen geht die größte Gefahr für Christen mit muslimischem Hintergrund von ihren eigenen Familien aus – denn diese betrachten die Hinwendung zum christlichen Glauben als Verrat und als Schande für die Familie und den Stamm.

Ausgehend von Organisiertem Verbrechen und Korruption

Kriminelle Gruppen, die Menschenhandel und Entführungen mit Lösegeldforderung betreiben, sind ebenfalls stark an der Verfolgung beteiligt. Diese Gruppen wenden unterschiedlichste Strategien an, um Migranten zu berauben, die versuchen, über Libyen nach Europa zu kommen. Viele werden nicht nur unter Lösegeldforderung als Geiseln genommen, sondern in die Sklaverei verkauft, und viele Frauen werden Opfer von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen.

4. Hintergrund

Libyen ist ein klassischer „failed state“, ein gescheiterter Staat, geworden. Mehr als ein halbes Jahrzehnt nach dem Arabischen Frühling wurden die Träume von einem offenen und demokratischen Land durch ein alptraumhaftes Szenario ersetzt, in dem ein Flickenteppich militanter Gruppen verschiedene Teile des Landes kontrolliert und um die Vorherrschaft kämpft. Jüngste Friedensabkommen, zustande gekommen mit Hilfe von zunächst Italien und dann Frankreich, sind ein Zeichen der Hoffnung. Die Umsetzung dieser Abkommen hat jedoch noch keine konkreten Formen angenommen.

Der anhaltende Bürgerkrieg zwischen verschiedenen militanten Gruppen, welche mit den drei rivalisierenden Regierungen verbündet sind, hat zur Folge, dass das Land weiterhin ein Zufluchtsort für islamistisch-extremistische Gruppen bleibt, die darauf hinarbeiten, die ganze Region zu destabilisieren. Eine weitere Folge des Bürgerkriegs ist, dass die Ölexporte ausgesetzt wurden und die sozialen Dienste, die vor Ausbruch des Konflikts staatlich subventioniert waren, zusammengebrochen sind. Von den verschiedenen Konfliktparteien werden riesige Geldsummen für deren Bewaffnung ausgegeben, und die Gewalt hat zu weitreichenden Zerstörungen geführt, so dass der Wiederaufbau Jahre dauern wird.

Migranten, die beim Versuch, Europa zu erreichen, abgefangen werden, werden in 24 Haftanstalten in ganz Libyen festgehalten, die von der Abteilung zur Bekämpfung irregulärer Migration (DCIM) betrieben werden, die nominell dem libyschen Innenministerium unterstehen. In der Praxis werden viele der Haftanstalten allerdings von Angehörigen bewaffneter Gruppen geführt, unter denen Gewalt, sexueller Missbrauch und gewissermaßen Sklaverei grassieren. Diese Menschen sind schutzlos, da es in Libyen kein nationales Asylrecht oder -system gibt. Im stark islamisch geprägten Libyen sind christliche Migranten besonders verwundbar.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Christliche Gastarbeiter, von denen die meisten aus dem Afrika südlich der Sahara und einige aus Ägypten kommen, dürfen ihre eigenen Kirchen haben; libysche Bürger dürfen an diesen Gottesdiensten jedoch nicht teilnehmen. Bereits unter der despotischen Herrschaft Gaddafis war die Lage der Christen äußerst schwierig. Ausländische Christen, beziehungsweise christliche Gastarbeiter, haben eine gewisse Freiheit, doch nichtarabische Afrikaner erleiden doppelte Verfolgung: aus rassistischen und auch aus religiösen Gründen.

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Die sehr kleine Gruppe libyscher Christen hält ihren Glauben geheim. Sie können keine Gottesdienste in offiziellen Kirchen besuchen. Ihre Anzahl ist sehr gering, doch mit dem Aufkommen christlicher Fernseh- und Internetangebote auf Arabisch wächst das Interesse am christlichen Glauben. Wie in den meisten muslimischen Ländern ist die Abkehr vom Islam mit starkem sozialen Druck verbunden. Als Christ muslimischer Herkunft in seiner Familie zu leben, ist risikobehaftet. Die meisten libyschen Christen wagen nicht, sich mit anderen Christen zu treffen, denn alle religiösen Versammlungen – ausgenommen islamische – sind für Libyer verboten.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 15.3
Familienleben 15
Gesellschaftliches Leben 15.1
Leben im Staat 16
Kirchliches Leben 16.3
Auftreten von Gewalt 9.6

Grafik: Verfolgungsmuster Libyen

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen ist sehr hoch und stieg von 15,2 Punkten im WVI 2018 auf 15,5 im WVI 2019. Der Grund für diesen Anstieg ist die Anarchie, die weiterhin und aufgrund des Fehlens einer Zentralregierung besteht. Extremistisch-islamische Gruppen, aber auch Mitarbeiter der (in)offiziellen Regierungen, können Christen, die aus Ländern südlich der Sahara kommen oder einen muslimischen Hintergrund haben, ungestraft schaden.
  • Auch wenn der Druck in allen Lebensbereichen äußerst hoch ist, die höchste Stufe erreicht er im „kirchlichen Leben“ und im „Leben im Staat“. Darin zeigt sich das Fehlen einer Zentralregierung. Wo Anarchie und islamischer Extremismus Hand in Hand gehen, da gibt es keine Meinungsfreiheit, keine Gleichbehandlung von Christen, keine Anerkennung der christlichen Kirche, noch können Kirchengebäude errichtet werden.
  • Der Wert für das „Auftreten von Gewalt“ ist sehr hoch, doch im Vergleich zum WVI 2018 sank er von 10,4 auf nun 9,6 Punkte. Der Grund für diesen Rückgang ist ein Mangel an verlässlichen inländischen Informationsquellen. Im Vergleich zum Berichtszeitraum für den WVI 2018 gab es weniger Berichte darüber, dass Christen zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen wurden. Gleichwohl ist es wahrscheinlich, dass sich die tatsächliche Zahl der Fälle nicht verändert hat.

Privatleben

Christen muslimischer Herkunft werden in dieser konservativen Gesellschaft von ihren Familien abgelehnt. Wegen der Unterdrückung und Intoleranz seitens ihrer Verwandten, der Gesellschaft und islamisch-extremistischer Gruppierungen wagen libysche Christen es kaum, über ihren Glauben zu sprechen. Viele von ihnen sehen sich gezwungen, über eine Flucht aus dem Land nachzudenken. Zum anderen müssen die Christen unter den Migranten, die aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara kommen, ihre christliche Identität verstecken und sollten keinerlei christliche Symbole tragen, da sie ansonsten wahrscheinlich von ihren Schleusern oder auch von Regierungsbeamten diskriminiert oder sexuell misshandelt werden. Es hat sogar Berichte darüber gegeben, dass Christen aus dem Afrika südlich der Sahara ermordet wurden, nachdem ihr christlicher Glaube entdeckt wurde.

Familienleben

Wer den christlichen Glauben annimmt, wird geächtet in Libyen. Christen mit muslimischem Hintergrund müssen im Verborgenen leben, können offiziell nicht nach christlichem Ritus heiraten und ihre Kinder werden automatisch als Muslime registriert. Auch andere Christen sehen sich diesbezüglich mit Einschränkungen konfrontiert. In Libyen gilt das traditionelle islamische Recht, wonach ein nichtmuslimischer Mann zum Islam konvertieren muss, um eine Muslima heiraten zu können. Dies gilt auch, wenn ein Christ eine Christin muslimischer Herkunft heiraten möchte, denn vor dem Gesetz ist sie weiterhin Muslima. Fast alle ausländischen Christen haben das Land verlassen. Der Großteil der Christen in Libyen besteht aus Migranten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara und einigen ägyptischen Kopten. Ihre Kinder, wenn sie überhaupt zur Schule gehen, müssen dort höchstwahrscheinlich dem islamischen Unterricht folgen und Schikanierungen ertragen.

Gesellschaftliches Leben

Die Lage ist für Christen in Libyen so gefährlich geworden, dass es fraglich ist, ob es auf Dauer noch Christen im Land geben wird. Ein britischer Experte für Libyen ging so weit zu behaupten: „Wir haben die christliche Präsenz im Land verloren, aufgrund des täglichen Drucks, der religiösen Spannungen sowie der Gewalt gegen Christen.“ Wenn Christen ihre religiösen Überzeugungen nicht verbergen, ist die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben im heutigen Libyen gefährlich, da sie einem hohen Gewaltrisiko ausgesetzt sind. Vor allem in Regionen, die von islamischen Gruppierungen beherrscht werden, aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch landesweit, müssen sich insbesondere Christen muslimischer Herkunft an islamische Bräuche wie das Fasten zum Ramadan und an Kleiderordnungen halten.

Leben im Staat

Unter der Herrschaft von Gaddafi ging Verfolgung am stärksten vom Regime und den Geheimdiensten aus. Gegenwärtig sind hauptsächlich islamistische Bewegungen, wie etwa Gruppierungen, die mit dem „Islamischen Staat“ (IS) verbunden sind, für Druck auf und Gewalt gegen Christen verantwortlich in einem Land, dessen Zentralregierung wenig Macht hat und in dem es keine Rechtsstaatlichkeit gibt. Auch kriminelle Banden üben Druck auf Christen aus. Im Land zu reisen ist gefährlich, weil Entführungen ein echtes Risiko darstellen. Dies und eine generelle Feindseligkeit gegenüber Christen hat zur Folge, dass (internationale) Kirchen und (christliche) Nichtregierungsorganisationen nur sehr eingeschränkt Christen und allen anderen Libyern helfen können.

Kirchliches Leben

Ein normales kirchliches Leben ist für Christen kaum möglich. Abhängig von der Region dürfen Gastarbeiter sich zu Gottesdiensten versammeln, jedoch mit erheblichen Sicherheitsrisiken. Es ist strengstens untersagt, christliche Literatur und Bibeln in arabischer Sprache ins Land zu bringen. Muslimen das Evangelium weiterzusagen sowie jede Art von missionarischer Tätigkeit ist offiziell verboten. Auch das erschwert das Wachstum der einheimischen Gemeinden.

Auftreten von Gewalt

Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen in Libyen ist sehr hoch. Aufgrund der politischen Instabilität und des Fehlens von Recht und Ordnung im Land sind Christen einer sehr gewalttätigen, unmenschlichen und entwürdigen Behandlung ausgesetzt. Einen klaren Hinweis darauf, was Christen derzeit durchmachen, gibt ein Bericht von Amnesty International, der bereits 2016 veröffentlicht wurde: Ein 26-Jähriger aus Eritrea, der in einem Gefangenenlager in al-Zawiya festgehalten wurde, wird mit den Worten zitiert: „Sie hassen Christen. Wenn du Christ bist, kann ich nur sagen: Gott helfe dir, wenn sie es herausfinden … Wenn sie ein Kreuz oder eine (religiöse) Tätowierung sehen, schlagen sie dich noch stärker.“ Ein anderer ehemaliger Häftling aus Nigeria sagte, dass Wachen im Gefangenenlager in Misrata die Männer nach Religion getrennt und die Christen dann ausgepeitscht haben. Ein 22-jähriger Mann aus Eritrea, der in der Haft geschlagen wurde, nachdem sein Boot abgefangen worden war, sagte: „Sie schlugen mich, nahmen mein Geld und warfen meine Bibel und das Kreuz, das ich um meinen Hals trug, weg … Zuerst prüfen sie, ob man Geld in den Taschen hat, dann nehmen sie ein elektrisches Kabel und peitschen dich aus.“

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Frauen wird eine niedrigere Position im libyschen Familienleben zugewiesen als Männern. Dies rührt von Stammesgesetzen her, die der islamischen Scharia entsprechen. Von Frauen und Mädchen wird erwartet, dass sie ihre Sexualität strengen Normen unterwerfen und gesagt, sie bringen Schande über die Familie, wenn sie dies nicht tun. Demzufolge sind sie gefährdet, Opfer von sexueller Gewalt zu werden, vor allem dann, wenn sie Entscheidungen treffen, die man nicht von Frauen oder Mädchen erwartet, etwa wenn sie entscheiden, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden. So gibt es Berichte darüber, dass Vergewaltigung als Strafe angewendet wird. Solchen Gefahrensituationen zu entkommen, ist für Christinnen mit muslimischem Hintergrund umso schwerer, da es für Frauen unüblich ist, allein zu reisen oder zu leben.

Im Übrigen sind auch (christliche) Migrantinnen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara gefährdet, Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden, besonders dann, wenn sie von ihren männlichen Begleitern getrennt werden, wie das in den Haftanstalten für Migranten geschieht. Die traumatischen Erfahrungen, die solche Frauen und Mädchen erleiden, haben zerstörerische Kraft für ihr (zukünftiges) Familienleben.

Frauen sind zudem oft gezwungen, jene Kleiderordnungen einzuhalten, die ihnen von den in ihrer Region herrschenden islamischen Regierungen oder Gruppierungen auferlegt werden.

Männer

Im Allgemeinen stehen Männer in höherer Gefahr, körperliche Gewalt zu erleben. Zwangsarbeit und Versklavung von männlichen Christen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara sind weitverbreitet. Die häufig jungen Männer reisen ohne ihre Familie, sind aber gleichzeitig körperlich fit und geeignet für harte (landwirtschaftliche) Arbeit, weshalb sie in der Gefahr stehen, entführt zu werden. Andere werden entführt oder verhaftet und nur gegen Zahlung eines Lösegeldes freigelassen. Wenn diese Männer eine Familie in ihren Herkunftsländern haben, dann sind jene Familien finanziell gefährdet, weil sie von ihren Ehemännern und Vätern abhängig sind und Schutz und finanzielle Versorgung erwarten.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Ibadi- und Sufi-Muslime, die nicht zu den sunnitischen oder schiitischen islamischen Traditionen gehören, werden von Gruppen wie dem IS und anderen militanten sunnitischen Gruppierungen mit gewaltsamen Angriffen verfolgt. Auch werden sie allgemein von der Gesellschaft diskriminiert. So erwähnt das US-Außenministerium im „International Religious Freedom Report 2017“ für Libyen, dass zwei geschichtsträchtige Sufi-Moscheen in Tripolis am 20. Oktober und 28. November 2017 von unbekannten Angreifern attackiert und schwer beschädigt wurden.

9. Ausblick

Die politische Perspektive

Ein entscheidender Moment war der Gipfel in Paris im Mai 2018, als es dem französischen Präsidenten gelang, die wichtigsten Konfliktparteien des Bürgerkrieges an einen Tisch zu bringen und sich auf ein Friedensabkommen zu einigen. Eigentlich hätte dies auf eine Wahl im Dezember 2018 zulaufen sollen, doch das Abkommen schien von Beginn an nicht belastbar zu sein, da nicht alle militanten Gruppen daran beteiligt waren; im November 2018 erklärte der UN-Sonderabgesandte dann, dass Anfang 2019 ein Sonderforum stattfinden wird, um schließlich im Frühjahr 2019 die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abzuhalten. Es ist wahrscheinlich, dass die Wahlen noch weiter verschoben werden, denn Wahlen würden bedeuten, dass die meisten Konfliktparteien, die bisher Teile von Libyen kontrollieren, die Kontrolle an eine Zentralregierung abgeben müssten. Viele dieser Gruppen profitieren aber von der derzeitigen Situation und haben kein wirkliches Interesse an Wahlen. Selbst wenn Wahlen im Jahr 2019 abgehalten würden, ist es unwahrscheinlich, dass alle Konfliktparteien das Wahlergebnis anerkennen würden – der Bürgerkrieg würde weitergehen.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Wohl kaum wird der durch „Islamische Unterdrückung“ verursachte Druck in der nächsten Zeit abnehmen. Obwohl 2019 Wahlen stattfinden sollen, ist es kaum denkbar, dass islamische Extremisten und andere Gruppen die Kontrolle in naher Zukunft an eine neue Zentralregierung übergeben werden. Ihr Einfluss und ihre (willkürliche) Umsetzung der Scharia werden eine gefährliche Bedrohung für die Christen unter ihrer Kontrolle bleiben. Auch wenn islamisch-extremistische Gruppen aus dem Land verdrängt würden, wird die Gesellschaft im Allgemeinen doch konservativ gesinnt bleiben und von der Regierung verlangen, die Scharia einzuhalten.

Mit Hinblick auf Ethnisch begründete Anfeindungen: „Ethnisch begründete Anfeindungen“ und „Islamische Unterdrückung“ sind eng miteinander verwoben. Das Stammessystem ist vorherrschend und hält sich hartnäckig, weshalb das Land konservativ bleibt. In Kriegssituationen neigen Menschen dazu, sich an ihre Religion und ihre Bräuche zu klammern und nicht offen für neue Ideen, geschweige denn eine neue Religion zu sein. Sich dem Islam ab- und dem christlichen Glauben zuzuwenden, wird weiterhin als Verrat an der Religion, der Familie und dem Stamm gesehen werden. Außerdem wird sich die Behandlung der Migranten, die aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara kommen, in Zukunft wahrscheinlich kaum verbessern, weil diese Migranten mit rassistischen Vorbehalten und als religiös andersartig betrachtet werden. Daher werden ethnisch begründete Anfeindungen weiterhin eine entscheidende Triebkraft der Christenverfolgung sein.

Mit Hinblick auf Organisiertes Verbrechen und Korruption: So lange es keine Zentralregierung mit wirkungsvoller Autorität im Land gibt, wird die derzeitige Gesetzlosigkeit anhalten. Islamisch-extremistische Gruppen, aber auch Regierungsbeamte werden weiter mit Menschenhandel, Entführung und Erpressung Geld verdienen. Weil sie dafür besonders ins Visier genommen werden, bleiben Christen auch künftig verwundbar.

Schlussfolgerung

Jede Hoffnung auf eine Besserung der Lage in Libyen hängt von der Verbesserung der politischen Bedingungen und der Sicherheitslage des Landes ab. Es ist zu hoffen, dass die „Regierung der nationalen Einheit“ mehr Autorität erlangen und Recht und Ordnung im Land wiederherstellen kann. Wenn dies geschähe (auch wenn dies nicht zwangsläufig Religionsfreiheit für die Christen in Libyen bedeuten würde), wären Christen möglicherweise nicht mehr der Gefahr der entsetzlichsten Formen von Verfolgung ausgesetzt. Langfristig gesehen wird die Art der politischen Ordnung, die aus dem momentanen Friedens- und Übergangsprozess erwächst, ein entscheidender Faktor für die künftige Religionsfreiheit von Christen in Libyen sein.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Libyen:

  • Bitte beten Sie, dass Gott die Pläne der extremistischen islamischen Gruppen durchkreuzt, indem er den Islamisten seine Barmherzigkeit, Gnade und Autorität zeigt.
  • Beten Sie für die wachsende Gemeinde von Christen muslimischer Herkunft in Libyen, besonders für die, die von der Gemeinschaft mit anderen Christen abgeschnitten sind. Bitte beten Sie für die libyschen Christen, die quer über Europa verstreut sind. Einige von ihnen leiden weiterhin an Verfolgung durch ihre Familien.
  • Bitte beten Sie, dass viele das Evangelium durch arabisches Fernsehen und Sendungen im Internet hören können. Beten Sie für die neuen Christen um Schutz und darum, dass sich Möglichkeiten auftun, wie sie im Glauben wachsen können.

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