Länderprofil Tunesien

Tunesien

37
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Tunesien
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Republik
Platz Vorjahr
30
ISO
TN
Karte Tunesien
Christen
0,02
Bevölkerung
11.66
Islamische Unterdrückung
Privatleben: 12.100
Familienleben: 13.200
Gesellschaftliches Leben: 10.700
Leben im Staat: 11.200
Kirchliches Leben: 12.000
Auftreten von Gewalt: 3.300

Länderprofil Tunesien

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 37 / 63 Punkte (WVI 2018: Platz 30 / 62 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Islamische Unterdrückung: Besonders in ländlichen Gebieten sehen sich Christen muslimischer Herkunft mit großen Gefahren konfrontiert: Es sind Fälle bekannt, in denen christliche Konvertiten von ihren eigenen Familien zu Hause eingesperrt wurden. Auf der politischen Ebene sind islamistische Parteien weiterhin einflussreich. Gleichwohl ist Tunesien an einem Scheidepunkt angelangt. Das Land muss sich entscheiden, ob es strikt islamisch geprägt bleiben oder sich für eine moderatere Form des Islam verbunden mit säkularen Prinzipien öffnen möchte. Der urbanere Norden neigt zu Letzterem, während der ländlichere Süden eher konservativ bleibt. Militante Islamisten verbreiten Angst im gesamten Land und sind häufig mit organisierter Kriminalität verbunden.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Die Verfolgung in Tunesien liegt hauptsächlich in der allgemeinen Feindseligkeit gegenüber Christen begründet, die sich in der islamischen Gesellschaft offen zeigt. Auch wenn der Staat seit den Aufständen des „Arabischen Frühlings“ 2011 Christen gegenüber etwas toleranter geworden ist, so ist doch ein zunehmender Einfluss extremistischer islamischer Lehren erkennbar. Ausländer in Tunesien genießen beträchtliche Religionsfreiheit, sind aber darin beschränkt, offen ihren Glauben zu bezeugen und zu evangelisieren. Tunesische Christen mit muslimischem Hintergrund erfahren Verfolgung durch Familienangehörige, Verwandte und das soziale Umfeld. Außerdem haben diese Christen Schwierigkeiten, ihren Glaubenswechsel durch staatliche Behörden offiziell anerkennen zu lassen.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Eine Journalistin, die die Situation tunesischer Christen genau untersucht hat, erklärt: „Tunesische Christen werden auf eine Weise diskriminiert, die oft vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Es beeinträchtigt ihr tägliches Leben. Aufgrund ihrer Identität als Christen leben viele von ihnen in unsicheren Arbeitsverhältnissen, sie werden von Familie, Freunden und sogar Verlobten verlassen und sind Opfer verbaler, psychischer und körperlicher Misshandlungen.“

Aufgrund der oben genannten Faktoren entscheiden sich die meisten tunesischen christlichen Konvertiten dafür, ihren Glauben zu verbergen – sie können nicht offen beten und ihren Glauben ausleben. Die Feindseligkeit und der Druck, die sie vonseiten der Gesellschaft im Allgemeinen erfahren, machen es gefährlich, mit Familienangehörigen, Verwandten, Nachbarn, Freunden oder Kollegen über ihren Glauben zu sprechen. Aufgrund der Risiken, die eine Entdeckung ihres Glaubens mit sich brächte, ist es für diese Christen schwer, sich zu Gottesdiensten zu versammeln und christliche Gemeinschaft zu pflegen.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Kirchliche Einrichtungen und Gebäude werden überwacht, vordergründig aus Sicherheitsgründen, aber auch zum Zweck der Kontrolle.
  • Der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zu Glaubens- und Religionsfreiheit erstattete im April 2018 seinen Bericht über Tunesien. Er folgerte, dass „alte Gesetze und gesellschaftlicher Druck die größten Herausforderungen für die Religionsfreiheit in Tunesien sind. Eine Reihe alter Gesetze, etwa ‚Leitbilder öffentlicher Moral‘ und ‚Bestimmungen zur öffentlichen Ordnung‘, werden genutzt, um Beschränkungen durchzusetzen, etwa zum Nahrungsmittelkonsum während des Ramadan.“
  • Während des Berichtszeitraums zum Weltverfolgungsindex 2019 wurden einige Christen inhaftiert und verhört, weil sie christliche Literatur besaßen. Sie wurden bezichtigt, Bekehrungsversuche unternommen zu haben.
  • Während des aktuellen Berichtszeitraums mussten mehrere Christen, vor allem Christinnen muslimischer Herkunft, innerhalb des Landes umziehen, weil sie von ihren Familien unter Druck gesetzt und bedroht worden waren. Es wurde zudem berichtet, dass Christen muslimischer Herkunft körperlich beziehungsweise sexuell missbraucht wurden.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 63 Punkten belegt Tunesien Platz 37 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2019. Der Anstieg von einem Punkt im Vergleich zum Vorjahr ist in der Rundung begründet – der eigentliche Anstieg beträgt 0,2 Punkte. Zwar sind die Werte in einigen Lebensbereichen angestiegen, doch wurden diese dadurch ausgeglichen, dass es weniger Berichte über gewalttätige Übergriffe auf Christen gegeben hat.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Diese Triebkraft der Verfolgung wirkt auf unterschiedlichen Ebenen: Innerhalb der Familie erhalten Konvertiten vom Islam zum christlichen Glauben oftmals keinerlei Unterstützung für ihre Entscheidung zum Glaubenswechsel. Dagegen gibt es Fälle, bei denen Christen mit muslimischem Hintergrund von ihren eigenen Familien zu Hause eingesperrt wurden. Auf gesellschaftlicher Ebene verbreiten islamisch-extremistische Kämpfer Angst im ganzen Land. Auf der politischen Ebene sind islamistische Parteien weiterhin einflussreich. Die Verbindungen zwischen einigen islamistischen Bewegungen und dem organisierten Verbrechen sollten nicht unterschätzt werden. Sie sorgen für viel Unruhe in der tunesischen Gesellschaft und tragen dazu bei, dass die ohnehin schon große Angst unter Christen zunimmt. Der Premierminister hat im Juni 2017 die Verbindung zwischen Terrorismus und organisiertem Verbrechen und Korruption mit folgenden Worten hervorgehoben: „Wir sind überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen Schmuggel, Terrorfinanzierung, grenzüberschreitenden Aktivitäten und auch Kapitalflucht gibt.“

Ethnisch begründete Anfeindungen

Aspekte der Stammesgesellschaft erhalten sich vor allem außerhalb der Großstädte – mit Folgen besonders für Christen mit muslimischem Hintergrund. Den Islam zu verlassen, gilt nicht nur als Verrat an der Religion, sondern auch an der eigenen (Groß-)Familie. Trotzdem ist das Stammesdenken weniger stark ausgeprägt als in Tunesiens Nachbarstaaten. Eine Kampagne der Regierung bekämpfte den Einfluss dieses Denkens bereits in den 1950er- und 60er-Jahren.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

Die Verfolgung für tunesische Christen, die einen muslimischen Hintergrund haben, geht hauptsächlich von ihren eigenen (Groß-)Familien aus. Gewöhnliche Bürger, wie etwa die Nachbarn, können ebenfalls zu Verfolgern werden, vor allem außerhalb der urbanen Zentren. Außerdem gibt es die Gefahr gewalttätiger religiöser Gruppen, besonders islamistischer Milizen, und deren Aktivitäten, die alle Christen im Land betreffen. Obwohl Tunesien den Ruf einer Erfolgsgeschichte des „Arabischen Frühlings“ genießt, sind extremistische islamische Lehren und Militanz weit verbreitet, vor allem unter der Jugend. Extremistische Gruppen, deren Anhängerzahl mit den Rückkehrern von den Kämpfen in Syrien und im Irak zunimmt, gehören zu den stärksten Verfolgern. Auch die Regierung und der Staatsapparat können als Verfolger betrachtet werden, da sie Gemeinden von Christen mit muslimischem Hintergrund die Registrierung und offizielle Anerkennung verweigern.

Ausgehend von Ethnisch begründeten Anfeindungen

Auch in Bezug auf Ethnisch begründete Anfeindungen geht die Verfolgung am stärksten von den (Groß-)Familien aus. Vor allem in ländlichen Gebieten fördert die Gesellschaft die Aufrechterhaltung traditioneller Werte und Bräuche, die es Konvertiten erschweren, sich vom Islam abzuwenden. Wie Katia Boissevain in dem Buch „Christianity in North Africa and West Asia“ über Tunesien schreibt (S. 47): „Wenn ein Glaubenswechsel bekannt gegeben oder entdeckt wird, haben die Familien das Gefühl, verraten oder verlassen worden zu sein. Auszuscheren und den christlichen Glauben anzunehmen, ist nicht nur ein Bruch mit der Gesellschaft als Ganzem, sondern auch ein Bruch mit dem gesellschaftlichen Lebensrhythmus, der von islamischen Traditionen bestimmt wird. Christ zu werden wird von den anderen als eine Entscheidung interpretiert, die allem entgegensteht, wozu man erzogen wurde.“

4. Hintergrund

Große gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Unzufriedenheit führte in Tunesien zur „Jasminrevolution“ (Arabischer Frühling). Am 14. Januar 2011 flohen Präsident Zine el-Abidine Ben Ali und sein engster Kreis nach Saudi-Arabien. Das Regime fiel und eine Übergangsregierung wurde gebildet. Die politische Landschaft in Tunesien hat sich seither verändert. Am 26. Januar 2014 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Anschließend führte Tunesien im Dezember 2014 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen durch, die das Ende der Übergangsphase markierten. Die Präsidentschaftswahlen gingen in eine zweite Runde und in dieser Stichwahl wurde Beji Caid Essebsi zum Wahlsieger erklärt.

Aufgrund der Tatsache, dass keine einzelne Partei eine Mehrheit im Parlament gewinnen konnte, und aufgrund der Schwierigkeiten, die tunesische Wirtschaft anzukurbeln, scheint es seit den Parlamentswahlen 2014 in Tunesien einen ständigen Wechsel der Premierminister und Regierungen zu geben. Die wesentlichen Herausforderungen, mit denen sich diese aufeinanderfolgenden nationalen Einheitsregierungen auseinandersetzen müssen, sind die wachsende Bedrohung durch militante islamische Gruppen in der Region und die Wirtschaftskrisen, die vor allem durch den Rückgang des Tourismus verursacht wurden, der eine der tragenden Säulen der tunesischen Wirtschaft war. Derzeit führt Premierminister Youssef Chahed eine Einheitsregierung, geformt aus einer Koalition säkularer, islamistischer und linker Parteien, unterstützt von Unabhängigen und einer Gewerkschaft.

Trotz der Herausforderungen in den Bereichen Sicherheit und Wirtschaft bleibt Tunesien das einzige Land, in dem der Arabische Frühling zur Bildung einer demokratischeren und besser legitimierten Regierung geführt hat, in der säkulare und islamistische Parteien auf der Grundlage von Konsens und Kompromissen miteinander regieren können. Eine interessante Entwicklung in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass „Ennahda“, die ehemals größte und bedeutendste islamistische Partei Tunesiens, offiziell zu einer säkularen Partei geworden ist. Gleichzeitig gibt es islamisch-extremistische Parteien wie „Hizb ut-Tahrir“, die die tunesische Regierung als Bedrohung der öffentlichen Ordnung zu verbieten versucht. Tunesien hat sich außerdem als das Land herausgestellt, aus dem die meisten ausländischen Kämpfer in Syrien stammen. Viele von ihnen kehren nach Tunesien zurück, nachdem sie vom „Islamischen Staat“ (IS) radikalisiert wurden.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen

Diese Christen genießen relative Religionsfreiheit, auch wenn die öffentliche Weitergabe des Glaubens nicht toleriert wird. Ausländische Christen, die in den wenigen internationalen Kirchen Gottesdienste abhalten, stoßen kaum auf Probleme.

Christen muslimischer Herkunft

Konvertiten sind verschiedenen Formen der Verfolgung ausgesetzt, zum Beispiel durch ihre Familienangehörigen. Allerdings steht es ihnen und anderen mehr oder weniger frei, Informationen über den christlichen Glauben zu suchen und zu erhalten, insbesondere Inhalte, die online zur Verfügung gestellt werden.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.1
Familienleben 13.2
Gesellschaftliches Leben 10.7
Leben im Staat 11.2
Kirchliches Leben 12
Auftreten von Gewalt 3.3

Grafik: Verfolgungsmuster Tunesien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen beträgt ein sehr hohes Maß; der Wert stieg von 11,7 Punkten im Vorjahr auf 11,8 Punkte im aktuellen Berichtszeitraum.
  • Obwohl alle Lebensbereiche ein sehr hohes Maß an Druck aufweisen, ist die Verfolgung in den Bereichen „Privatleben“ und „Familienleben“ am höchsten. Darin spiegeln sich die Schwierigkeiten wieder, mit denen sich Christen muslimischer Herkunft sowohl innerhalb ihrer eigenen Familien als auch im eher öffentlichen Leben konfrontiert sehen, etwa wenn sie getauft werden oder eine christliche Hochzeit oder Beerdigung feiern wollen.
  • Der Wert für das Auftreten von Gewalt ist im Vergleich zum Vorjahr von 3,9 auf nun 3,3 Punkte gesunken. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass im Gegensatz zum Vorjahr keine Gebäude von Christen angegriffen wurden.

Privatleben

Christen muslimischer Herkunft werden unter Druck gesetzt, wenn ihr Glaubenswechsel im privaten Umfeld bekannt wird. Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen den ländlichen Gebieten und der Hauptstadt Tunis, wo die Situation vergleichsweise besser ist. Die meisten Christen mit muslimischem Hintergrund und vor allem junge Menschen erleben in irgendeiner Form Widerstand, Ablehnung beziehungsweise Verfolgung wegen ihres Glaubenswechsels. Vor allem für junge Konvertiten ist es riskant, regelmäßig in der Bibel zu lesen und einen Ort zu finden, an dem sie beten können.

Familienleben

Die Freiheit einer christlichen Familie, ihr Familienleben auf christliche Weise zu führen, ist begrenzt. Jeder Tunesier wird automatisch als Muslim registriert. Ausländer bekommen keine Probleme, solange ihre Kinder ihre ausländische Staatsbürgerschaft behalten. Christen muslimischer Herkunft müssen akzeptieren, dass ihre offiziellen Dokumente sie als Muslime ausweisen. Jeder Versuch, dies zu ändern, ist zum Scheitern verurteilt und zieht Konsequenzen nach sich. Kinder christlicher Konvertiten müssen am schulischen Islamunterricht teilnehmen und werden möglicherweise schikaniert, wenn der christliche Glaube ihrer Eltern bekannt wird.

Gesellschaftliches Leben

Christen muslimischer Herkunft erhalten Drohungen von ihren Familien oder aus ihrem Umfeld, wenn ihr Glaubenswechsel bekannt wird. Besonders in ländlichen Gegenden des Landes haben junge Christinnen mit muslimischem Hintergrund Angst davor, zur Ehe mit einem Muslim gezwungen zu werden. Es gibt Fälle von christlichen Konvertiten, die ihrer Universität verwiesen wurden oder die nicht zur Schule gehen konnten, weil sie von zu Hause vertrieben worden waren. Manchmal werden Kunden aufgefordert, nicht in Geschäften einzukaufen, die von einem Christen geführt werden.

Leben im Staat

Im Umgang mit den Behörden werden Christen in der Regel benachteiligt. Was deren Verletzbarkeit noch unterstreicht, ist die Tatsache, dass christliche Konvertiten selten Gleichbehandlung vor dem Richterstuhl erfahren, vor allem dann nicht, wenn es sich um Streitfragen im Bereich des Familienrechts handelt. Christen stehen außerdem in der Gefahr, Opfer von Missbrauch zu werden, da ihre Familien in einigen Fällen und vor allem in ländlichen Gebieten ungestraft gegen sie vorgehen können. Kirchen von ausländischen Christen sind die einzigen Kirchen, die christliche Symbole zeigen dürfen.

Kirchliches Leben

Obwohl die derzeitige tunesische Verfassung Religionsfreiheit respektiert und die Abkehr vom Islam nicht verboten ist, gehen Regierungsvertreter in der Praxis oft nach ganz anderen Maßstäben vor. Der Import christlicher Bücher in arabischer Sprache wird von den Behörden behindert. Tunesische Christen muslimischer Herkunft können ihre Gemeinden nicht registrieren lassen und seit Tunesien im Jahr 1956 die Unabhängigkeit erlangte, wurde keine neue Kirche mehr offiziell registriert. Dies steht im krassen Gegensatz zu dem Gesetz, das den Bau und den Betrieb von Moscheen reguliert. Registrierte Gemeinden können frei agieren, sehen sich aber mit praktischen Problemen konfrontiert, besonders hinsichtlich der Instandhaltung ihrer Immobilien, der Einstellung von Mitarbeitern sowie bei dem Erhalt von Genehmigungen für die Veröffentlichung und Verbreitung christlicher Texte in arabischer Sprache.

Auftreten von Gewalt

Der recht hohe Wert für das „Auftreten von Gewalt“ ist Vorfällen geschuldet wie etwa körperlichen Misshandlungen von Christen muslimischer Herkunft, Zwangsheirat, Vergewaltigungen und sexueller Belästigungen. Außerdem mussten mehrere Christen innerhalb des Landes umziehen, weil sie von ihren Familien unter Druck gesetzt worden waren. Gleichwohl ist die Punktzahl für das Auftreten von Gewalt nicht so hoch ist wie in anderen Ländern der Region, etwa in Ägypten und Libyen. Beispiele dazu im Abschnitt „Zusammenfassung“.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Der Großteil der Verfolgung geht für Christinnen in Tunesien von den dominierenden Männerfiguren ihrer Familie aus: Für alleinstehende Frauen wäre das der Vater, der Bruder oder ein Familienmitglied, welches diesen im Rang nachfolgt (ein Onkel, o. ä.); für eine verheiratete Frau wäre das der Ehemann. Verfolger einer Christin muslimischer Herkunft kann auch die gesamte Großfamilie sein, wenn sie sich gegen die Frau verbündet, sie ausfragt, anklagt oder Gerüchte verbreitet – eine Form der Verfolgung, die jahrelang anhalten kann.

Unverheiratete Konvertitinnen können von ihren Familien zu Hause eingesperrt und sogar von der Schule genommen oder der Arbeitsstelle ferngehalten werden. Es kann passieren, dass eine unverheiratete Christin muslimischer Herkunft gezwungen wird, einen Muslim zu heiraten – oft handelt es sich dann dabei um einen älteren Mann, da es keine Priorität mehr hat, einen „guten“ Ehemann für sie zu finden. Eine Quelle drückt es so aus: „Im Allgemeinen herrscht das Denken vor, Frauen hätten kein Gehirn und bräuchten einen Mann, der sich um sie kümmert, Frauen hätten weniger Weisheit und eine geringere Kapazität zum Glauben und bräuchten daher jemanden, der ihnen hilft, Glauben und Weisheit zu erlangen.“ Das erklärt, warum es für Frauen mit größeren Risiken behaftet ist, mit Familienangehörigen über ihren neuen Glauben zu sprechen, bei Männern dagegen würde in so einem Fall manchmal angenommen, sie probierten einfach etwas Neues aus.

Verheiratete Konvertitinnen müssen mit Scheidung rechnen, verlieren unter Umständen das Sorgerecht für ihre Kinder und bleiben folglich schutzlos und verletzbar, da es gesellschaftlich inakzeptabel für Frauen ist, allein und unabhängig zu leben. Kommt eine Mutter zum Glauben, muss sie fürchten, dass die Kinder ihren neuen Glauben (versehentlich) den Verwandten verraten; die Familie würde daraufhin den Ehemann unter Druck setzen, sich von ihr scheiden zu lassen.

Der Länderbericht zu Tunesien im „Bertelsmann Transformation Index“ 2018 attestiert: „Tunesien kann auf eine Erfolgsgeschichte in Sachen Gleichstellung der Geschlechter zurückblicken. Doch die Diskriminierung von Frauen hält an. Auf dem ‚Index der geschlechterspezifischen Ungleichheiten‘ von 2014 belegt Tunesien Platz 48 unter 188 Ländern.“ Diese Platzierung stellt nichtsdestotrotz eine gewichtige Verbesserung im Vergleich zu anderen Ländern in der Region dar, „da Nachbarländer wie Algerien auf Platz 83, Libyen auf Platz 94 und Marokko auf Platz 126 schlechter abschnitten.“

Männer

Junge männliche Konvertiten, die noch bei ihren Eltern leben, können aus ihrem Zuhause verbannt werden und verlieren die (finanzielle) Unterstützung ihrer Familie. Die Ächtung durch ihre Familie ist deshalb wahrscheinlich, weil die Konvertiten mit ihrer Abwendung vom Islam Schande über ihre Familie bringen. Männer sind meist die Versorger der Familie; deshalb leidet die gesamte Familie darunter, wenn ein christlicher Mann etwa seine Arbeitsstelle und seinen Ruf verliert. In manchen Fällen verlassen auch die Ehefrauen ihre Männer, wenn diese sich dem christlichen Glauben zugewandt haben. Männliche Konvertiten können in ihrer eigenen Familie isoliert werden. Gleichzeitig ist die Heftigkeit der Gegenreaktion auf einen Glaubenswechsel dadurch bedingt, welche gesellschaftliche Stellung und welches politische Ansehen ein Konvertit innerhalb seines sozialen Umfeldes bis dato genossen hat.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Dem vom US-Außenministerium 2017 herausgegebenen „International Religious Freedom Report“ zufolge berichteten Anhänger der Bahai-Religion von Schwierigkeiten, ihren Glauben auszuüben, weil sie nicht offiziell registriert sind und keine Bahai-Tempel errichten können. Sie hätten in jüngster Vergangenheit jedoch konstruktive Gespräche mit Regierungsvertretern geführt. Darüber hinaus „gaben Salafisten an, während des anhaltenden Ausnahmezustandes zähle die Polizei sie aufgrund ihrer Kleidung und langen Bärte zum gängigen Täterprofil und verdächtige sie des Terrorismus.“

Bezüglich jüdischer Gemeinschaften wird gesagt: „Die Regierung erlaubt der jüdischen Gemeinde, frei zu beten und bezahlt das Gehalt des Großrabbiners. Außerdem sorgte sie für die Sicherheit der Synagogen und subventionierte teilweise die Kosten für deren Restaurierung und Instandhaltung. Angestellte der Regierung unterhielten den jüdischen Friedhof in Tunis. Die Regierung erlaubte der jüdischen Gemeinde den Betrieb privater religiöser Schulen und gestattete es jüdischen Kindern, ihren Schultag zwischen öffentlichen und privaten religiösen Schulen aufzuteilen.“

Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2019 wurde über keine Probleme im Zusammenhang mit der sunnitisch-schiitischen Spaltung berichtet, obgleich Schiiten generell Diskriminierung erfahren und Personen des öffentlichen Lebens sich in der Vergangenheit gegen den schiitischen Islam ausgesprochen haben.

9. Ausblick

Der politische Ausblick

Obwohl sich die politische Lage in Tunesien stabilisiert zu haben scheint, bedeutet dies nicht, dass zu erwarten ist, dass der Druck auf Christen abnehmen wird. Sowohl auf gesellschaftlicher als auch politischer Ebene findet zwischen islamistischen Hardlinern und moderaten Liberalen ein Wettstreit statt. Die bevorstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen Ende 2019 werden einen Scheidepunkt darstellen, an dem die Richtung, die Tunesien einschlägt, bestimmt werden wird.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Gesellschaft und Kultur, insbesondere in ländlichen Gebieten, sind nach wie vor gegen Christen eingestellt; politische Veränderungen haben darauf (bisher) keinen Einfluss. Die Verfassung Tunesiens mag als positiver Schritt nach vorn erscheinen, allerdings ist ihre Formulierung allgemein genug gehalten, um restriktive Interpretationen zu ermöglichen. Dies wird stark von der Art der Regierung, die an der Macht ist, und ihrer Haltung gegenüber religiösen Minderheiten abhängen. Gewännen die Hardliner mehr Einfluss im Land, könnte dies das Leben der Christen sehr viel schwerer machen. Zusätzlich sieht sich Tunesien einer echten Bedrohung durch Instabilität und Konflikte ausgesetzt, die aus der zunehmenden Aktivität islamischer Milizen im Land resultieren. Die Situation wird noch beunruhigender, da viele tunesische islamische Kämpfer, die an der Seite des IS in Libyen gekämpft haben, nun mit dem offenbaren Niedergang des IS in Libyen nach Hause zurückkehren. Falls Gruppen wie Hizb ut-Tahrir mehr Einfluss in Tunesien gewinnen, wird sich die Situation für Christen im Land wesentlich verschlechtern und die Verfolgung von Christen könnte noch stärker und gewalttätiger werden.

Mit Hinblick auf Ethnisch begründete Anfeindungen: Die positiven Entwicklungen in puncto Frauenrechte und die positivere Einstellung zu religiösen Minderheiten unter den gemäßigten Liberalen könnten eine Gegenbewegung konservativerer Gesellschaftselemente hervorrufen, die ihre traditionellen Bräuche und Praktiken beibehalten wollen.

Schlussfolgerung

Es gibt durchaus positive Entwicklungen in Tunesien zu vermerken. Diese könnten zur Entwicklung einer offeneren Gesellschaft beitragen und es Christen erlauben, ihren Glauben in größerer Freiheit auszuüben. Gleichzeitig muss abgewartet werden, ob Tunesien dieser, in der arabischen Welt einzigartigen, Entwicklungsrichtung folgen oder zu einer strikteren Interpretation des Islam zurückkehren will. Die bevorstehenden Wahlen Ende 2019 werden ein entscheidender Augenblick sein, um zu sehen, ob die derzeitige Regierungspolitik auch vom tunesischen Volk unterstützt wird.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Tunesien

  • Beten Sie für christliche Jugendliche, die wegen ihres Glaubens abgelehnt und verfolgt werden. Beten Sie für junge Christen, die heiraten wollen; sie sind mit viel Widerstand und Druck von nichtchristlichen Familienmitgliedern konfrontiert.
  • Beten Sie für die Christen, die durch die Verfolgung die Hoffnung verlieren und nicht wissen, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Beten Sie, dass ihnen bewusst wird, dass Jesus immer bei ihnen ist.
  • Beten Sie, dass Jesus die Pläne muslimischer Extremisten vereitelt, Chaos im Land zu schaffen. Beten Sie, dass Jesus ihre Herzen berührt und sie ihn als ihren Herrn annehmen.

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