Länderprofil Tunesien

Tunesien

26
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Tunesien
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
34
Karte Tunesien
Christen
0,02
Bevölkerung
11.90
Islamische Unterdrückung
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Privatleben: 12.000
Familienleben: 13.100
Gesellschaftliches Leben: 10.400
Leben im Staat: 11.500
Kirchliches Leben: 13.200
Auftreten von Gewalt: 7.400

Länderprofil Tunesien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 26 / 67 Punkte (WVI 2020: Platz 34 / 64 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Ein Journalist, der die Situation der tunesischen Christen eingehend untersucht hat, erklärt: „Tunesische Christen sind mit Diskriminierungen und Angriffen konfrontiert, die oft verdeckt stattfinden und der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Dies beeinflusst ihr tägliches Leben. Aufgrund ihrer christlichen Identität erleben viele von ihnen Arbeitsplatzunsicherheit, werden von ihren Familien, Freunden und sogar Verlobten aufgegeben; sie sind Opfer von verbalem, psychischem und physischem Missbrauch.“ Die meisten Tunesier, die den christlichen Glauben angenommen haben, können ihr Christsein nicht offen praktizieren und ziehen es vor, ihren Glauben zu verbergen. Die Feindseligkeit und der Druck, denen sie von der Gesellschaft insgesamt ausgesetzt sind, machen es für sie gefährlich, ihren Glauben mit ihren Familienmitgliedern, Verwandten, Nachbarn, Freunden oder Kollegen zu teilen. Sie finden es auch schwierig, sich zu Gottesdiensten und anderen christlichen Aktivitäten zu treffen, aufgrund der Risiken, die jede mögliche Aufdeckung mit sich bringen würde, weil sie von den tunesischen Sicherheitsdiensten überwacht werden.

 

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

67

26

2020

64

34

2019

63

37

2018

62

30

2017

61

29

Der Hauptgrund für den Anstieg des Wertes um drei Punkte im Weltverfolgungsindex 2021 war, dass der Wert für Gewalt von 5,4 Punkten im Weltverfolgungsindex 2020 auf 7,4 Punkte im Weltverfolgungsindex 2021 gestiegen ist. Dies lag vor allem daran, dass eine größere Anzahl christlicher Gebäude angegriffen wurde. Darüber hinaus stieg der durchschnittliche Druck auf Christen auf 12,0 Punkte (von 11,6), was auf einen Anstieg des Drucks sowohl im Bereich Leben im Staat als auch im Bereich des kirchlichen Lebens zurückzuführen ist.

2. Trends und Entwicklungen

1) Die tunesische Demokratie bleibt sehr anfällig

Tunesien ist ein Land, das in Bezug auf die sozioökonomische Entwicklung, die bürgerlichen Freiheitsrechte und die demokratische Regierungsführung weiter fortgeschritten ist als die meisten nordafrikanischen Länder. Das Land hat aufgrund seines friedlichen Übergangs zur Demokratie das Potenzial, als Vorbild für andere arabische Länder zu dienen. Die regionale Instabilität, die Präsenz gewalttätiger islamischer Kämpfer sowie die hohe Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der für das Wirtschaftswachstum notwendigen Wirtschaftsreformen führen jedoch dazu, dass sich die tunesische Demokratie noch immer in einem fragilen Zustand befindet. Die Covid-19-Pandemie wird wahrscheinlich zu einer weiteren Verschlechterung der Situation führen. Zum Teil aufgrund dieser Krise hat Tunesien bereits die dritte Regierung innerhalb eines Jahres, wobei der neueste Versuch Anfang September 2020 startete.

2) Islamistische und liberale Ideale liegen im Widerstreit um Einfluss in Politik und Gesellschaft

Obwohl sich die politische Situation in Tunesien seit 2011 bis zu einem gewissen Grad stabilisiert hat, bedeutet dies nicht, dass der Druck auf Christen abgenommen hat oder in Zukunft abnehmen wird. Sowohl in der tunesischen Gesellschaft als auch auf politischer Ebene findet ein Kampf zwischen Islamisten und gemäßigten Liberalen statt. Es bestand die Hoffnung, dass die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Oktober 2019 die künftige Richtung Tunesiens bestimmen würden, doch weder die Islamisten noch die Liberalen erlangten eine klare Mehrheit im Parlament, und Präsident Kais Saied hat kein klares politisches Profil. Es scheint, dass Tunesien ohne eine klare Richtung weitergeht und beide Seiten sich mit Kompromissen auf halbem Weg treffen.

3) Die Gesellschaft als Ganzes bleibt konservativ

Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Situation für Christen im Land in den nächsten Jahren verbessern wird, da die islamische Gesellschaft Tunesiens nach wie vor überwiegend konservativ ist und es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Angelegenheiten der Religions- und Glaubensfreiheit verbessern will.

3. Religiöse Situation im Land

Laut der World Christian Database sind 99,5 Prozent der Tunesier Muslime, fast alle sind Anhänger des sunnitischen Islam, wobei die meisten der malikitischen Rechtsschule folgen. Dies ist eine der größten Gruppen innerhalb der sunnitischen Tradition. Ein wichtiges Zentrum der malikitischen Lehre vom 9. bis 11. Jahrhundert war die Große Moschee von Kairouan in Tunesien. Es gibt auch sehr kleine Bahai- und jüdische Minderheiten in Tunesien.

Trotz des französischen Erbes des Laizismus unter der städtischen und gebildeten Elite ist der Islam sehr einflussreich und die Verfassung erkennt den Islam als Staatsreligion an. Christentum und Judentum sind die bedeutendsten Minderheitenreligionen, obwohl die Zahl der Agnostiker/Atheisten größer ist als beide zusammengenommen. Die Zahl der Christen mit muslimischem Hintergrund in Tunesien wächst. Dieses allmähliche Wachstum der Kirche ist seit den 1990er Jahren zu erkennen.

Der „Freedom of Thought Report“ 2020 der Nichtregierungsorganisation „Humanists International“ besagt Folgendes:

  • „Die Regierung subventioniert Moscheen und zahlt die Gehälter der Imame. Örtliche religiöse Kommissionen und Imame müssen vom Direktorat für religiöse Angelegenheiten genehmigt werden. Der Präsident ernennt den Großmufti des Staates. Die Regierung erlaubt der jüdischen Gemeinde die freie Religionsausübung und zahlt das Gehalt des Großrabbiners. Sie bietet auch eine gewisse Sicherheit für alle Synagogen und subventioniert teilweise einige Restaurierungen und Wartungen. Die Regierung erkennt alle christlichen und jüdischen religiösen Organisationen an, die vor der Unabhängigkeit im Jahr 1956 gegründet wurden. Die Regierung erlaubt Kirchen mit im Ausland lebenden Christen frei zusammenzuarbeiten, und erkennt die Römisch-Katholische Kirche durch ein Konkordat von 1964 formell an.“

Nach Angaben der christlichen Hilfsorganisation Middle East Concern gilt Folgendes:

  • „Sowohl Gemeinschaften von ausländischen als auch von einheimischen Christen genießen in Tunesien relative Freiheit, vorausgesetzt, sie vermeiden Aktivitäten, die als Verkündigung des Evangeliums ausgelegt werden könnten. Eine potenzielle Bedrohung geht von salafistischen Organisationen aus, wenngleich sich die jüngsten Angriffe hauptsächlich gegen kulturelle und wirtschaftliche Ziele und weniger gegen nichtislamische religiöse Gruppen richteten. Die größte Herausforderung für einheimische Christen ist der familiäre und gesellschaftliche Druck, dem diejenigen, die sich dazu entscheiden, den Islam zu verlassen, oft ausgesetzt sind, obwohl dieser nur in extremen Fällen gewalttätige Formen annimmt.“

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Diese Triebkraft der Verfolgung geschieht auf verschiedenen Ebenen: Auf familiärer Ebene werden Christen muslimischer Herkunft oft nicht von Familienmitgliedern in ihrer Entscheidung, den christlichen Glauben anzunehmen, unterstützt. Es gibt Fälle von Christen muslimischer Herkunft, die von ihren eigenen Familien in ihren Häusern eingesperrt wurden. Auf gesellschaftlicher Ebene verbreiten islamistische Kämpfer Angst im ganzen Land. Auf politischer Ebene sind die islamistischen Parteien immer noch einflussreich. Die Verbindungen zwischen einigen islamistischen Bewegungen und der organisierten Kriminalität sollten nicht unterschätzt werden. Sie sorgen für Unruhe in der tunesischen Gesellschaft und tragen dazu bei, dass die ohnehin schon große Angst unter den Christen weiter zunimmt.

Unterdrückung durch den Clan/Stamm

Stammesstrukturen der Gesellschaft, vor allem außerhalb der Großstädte, stellen besonders Christen mit muslimischer Herkunft vor Schwierigkeiten. Die Abkehr vom Islam wird nicht nur als religiöser Verrat gesehen, sondern auch als Verrat an der (Groß-)Familie. Dennoch ist das Stammessystem in Tunesien weniger stark als in den Nachbarländern, was auf eine Regierungskampagne in den 1950er und 1960er Jahren zurückzuführen ist, die direkt darauf abzielte, diesen Einfluss zu bekämpfen.

5. Verfolger

Ausgehend von islamischer Unterdrückung

  • Die eigene (Groß-)Familie: Bei tunesischen Christen mit muslimischem Hintergrund geht die Verfolgung hauptsächlich von ihren eigenen (Groß-)Familien aus. Diese üben Druck auf christliche Konvertiten aus, seinen oder ihren neuen Glauben zu widerrufen, oder misshandeln ihn oder sie sogar. Ehepartner werden unter Druck gesetzt, sich von dem Christen scheiden zu lassen, und gemeinsame Kinder werden ihm oder ihr weggenommen.
  • Gewöhnliche Bürger: Auch von der Gesellschaft geht Verfolgung für Christen muslimischer Herkunft aus. Dies ist insbesondere außerhalb der großen Ballungszentren der Fall. Nachbarn schließen Christen muslimischer Herkunft z. B. oft von gesellschaftlichen Zusammenkünften aus oder sorgen möglicherweise dafür, dass Christen ihren Arbeitsplatz verlieren.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Obwohl das Land den Ruf hat, die größte Erfolgsgeschichte der Aufstände des Arabischen Frühlings zu sein, sind islamisch-extremistische Lehren und Gewaltbereitschaft weit verbreitet.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Die Bedrohung durch Aktivitäten gewaltbereiter islamischer Gruppen betrifft alle Kategorien christlicher Gemeinschaften im Land. Extremistische Gruppen stellen nach wie vor eine erhebliche Bedrohung dar, da sich in den letzten Jahren Tausende von Tunesiern islamisch-extremistischen Gruppen, einschließlich dem „Islamischen Staat“ (IS), angeschlossen haben.
  • Regierungsbeamte: Die Regierung und der Staatsapparat können ebenfalls als Verfolger angesehen werden, da sie Gemeinden von Christen mit muslimischem Hintergrund die Registrierung und offizielle Anerkennung verweigern.
  • Anführer ethnischer Gruppen: Familienoberhäupter und andere wichtige Familienmitglieder üben Druck auf Christen muslimischer Herkunft aus, ihren Glauben zu widerrufen.

Ausgehend von Unterdrückung durch den Clan/Stamm

  • Die eigene (Groß-)Familie: Die (Groß-)Familie ist der Hauptverfolger. Katia Boissevain, eine Expertin für die Region, beobachtete: „Wenn eine Hinwendung zum christlichen Glauben angekündigt oder entdeckt wird, fühlen sich die Familien betrogen und im Stich gelassen ... Die Entscheidung für die christliche Religion ist nicht nur ein Bruch mit dem sozialen Umfeld, sondern auch ein Bruch mit dem gesellschaftlichen Leben (das durch islamische Traditionen definiert ist). Christ zu werden, wird von den anderen als eine Entscheidung interpretiert, die gegen alles steht, in dem sie erzogen wurden.“
  • Normale Bürger / nichtchristliche religiöse Leiter: Vor allem in ländlichen Gebieten fördert die Gesellschaft das Festhalten an traditionellen Werten und Bräuchen, die es Christen muslimischer Herkunft schwer machen, sich vom Islam abzuwenden.
  • Anführer ethnischer Gruppen: Familienoberhäupter und andere wichtige Mitglieder der Familie üben Druck auf Christen muslimischer Herkunft aus, zum Islam zurückzukehren, um die Familienehre wiederherzustellen.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Christen muslimischer Herkunft haben am meisten von Mitgliedern ihrer eigenen Familie und ihrem sozialen Umfeld zu befürchten. Das gilt besonders für den Süden des Landes, wo die muslimische Bevölkerung konservativer ist. Städtische Gebiete, insbesondere die Hauptstadt Tunis selbst, bieten Christen muslimischer Herkunft die Möglichkeit, dem Druck der Familie zu entkommen und ihren Glauben in der Anonymität der Großstadt zu leben.

Vor allem in den südlichen Grenzgebieten sind gewaltbereite islamistische Kämpfer aktiv. Sie nehmen jeden Christen ins Visier, egal ob Ausländer oder Einheimischer, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

7. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Christen aus dem Ausland erleben ein relatives Maß an Freiheit, obwohl die öffentliche Weitergabe des Evangeliums nicht geduldet wird. Ausländische Christen der wenigen internationalen Kirchen haben kaum Probleme.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Christen mit muslimischem Hintergrund sind mit verschiedenen Formen der Verfolgung konfrontiert, z. B. durch Mitglieder ihrer Familie. Sie (und andere) haben jedoch mehr oder weniger die Freiheit, Informationen über den christlichen Glauben zu suchen und zu erhalten, insbesondere im Internet.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12
Familienleben 13.1
Gesellschaftliches Leben 10.4
Leben im Staat 11.5
Kirchliches Leben 13.2
Auftreten von Gewalt 7.4

Grafik: Verfolgungsmuster Tunesien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf die Christen hat ein sehr hohes Ausmaß (12,0 Punkte) und ist im Vergleich zum Weltverfolgungsindex 2020 (11,6 Punkte) gestiegen.
  • Obwohl alle Lebensbereiche einen sehr hohen Druck aufweisen, ist er in den Bereichen Familienleben und kirchliches Leben am höchsten. Dies spiegelt die Schwierigkeiten wider, mit denen Christen muslimischer Herkunft konfrontiert sind, sowohl innerhalb ihrer eigenen Familien als auch im öffentlichen Raum, z.B. wenn sie sich taufen lassen oder Kirchen eintragen lassen wollen.
  • Der Wertung für das Auftreten von Gewalt stieg von 5,4 Punkten im Weltverfolgungsindex 2020 auf 7,4 Punkte im Weltverfolgungsindex 2021. Der Hauptgrund für diesen Anstieg war eine Zunahme der gemeldeten Gewalttaten, wobei eine höhere Zahl von Christen festgenommen und verhört wurde. Außerdem wurden mehr (Haus-)Kirchen angegriffen.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Insbesondere Christen muslimischer Herkunft erfahren Druck von ihren Familien, wenn ihr Glaubenswechsel auf privater Ebene bekannt wird. Dabei gibt es bemerkenswerte Unterschiede zwischen ländlichen Gebieten und der Hauptstadt des Landes, Tunis, wo die Situation vergleichsweise besser ist.

War es für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder Facebook etc.)?

Die Tatsache, dass viele tunesische Christen es für sicherer halten, ein Pseudonym zu verwenden, wenn sie christliche Mitteilungen in sozialen Medien posten, ist ein Hinweis auf den Druck, dem sie ausgesetzt sind.

War es für Christen riskant, mit ihren engsten Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden?

Die meisten Christen muslimischer Herkunft (besonders junge Menschen) sehen sich wegen ihres Glaubenswechsels auf verschiedene Weise mit Widerstand oder Ablehnung konfrontiert. Besonders für junge Christen muslimischer Herkunft ist es riskant, beim Bibellesen gesehen zu werden, und es ist schwierig, allein einen Platz zum Beten zu finden, geschweige denn, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu sprechen.

War es für Christen riskant, sich mit anderen Christen zu treffen?

Besonders problematisch ist dies außerhalb der Hauptstadt Tunis und anderer städtischer Gebiete. Sich mit anderen Christen zu treffen, könnte unerwünschte Aufmerksamkeit auf Christen muslimischer Herkunft ziehen. Wenn sie bei solchen Treffen entdeckt werden, kann dies zu Druck vonseiten ihrer Familien führen.

Familienleben

Sind christliche Paare aufgrund ihres Glaubens daran gehindert worden, Kinder zu adoptieren oder sie als Pflegekinder aufzunehmen?

In Tunesien können nur Muslime ein Kind adoptieren.

Wurden christliche Ehepartner von Nichtchristen in Scheidungsfällen vom Recht oder der Möglichkeit ausgeschlossen, das Sorgerecht für die Kinder zu beantragen?

Aufgrund ihrer Hinwendung zum christlichen Glauben haben mehrere Christen muslimischer Herkunft das Sorgerecht für ihre Kinder verloren.

Sind Kinder von Christen automatisch unter der Staats- oder Mehrheitsreligion registriert worden?

Bei der Geburtenregistrierung gibt es keine Kategorie für „christliche Tunesier“. Die tunesische Verfassung trennt die tunesische Staatsbürgerschaft von der Religionszugehörigkeit, aber tatsächlich wird bei der Registrierung von Geburt, Heirat, Tod usw. davon ausgegangen, dass alle Tunesier Muslime sind. Christen muslimischer Herkunft müssen akzeptieren, dass in offiziellen Dokumenten angegeben wird, dass sie Muslime sind. Wenn sie versuchen, dies zu ändern, erweist sich das als unmöglich und kann negative Konsequenzen haben.

Wurden christliche Kinder unter Druck gesetzt, auf irgendeiner Bildungsebene an antichristlichem oder an die Mehrheitsreligion propagierendem Unterricht teilzunehmen?

Kinder von Christen muslimischer Herkunft müssen am islamischen Unterricht teilnehmen, wenn sie zur Schule gehen, und sie müssen mit Belästigungen rechnen, wenn der Glaube ihrer Eltern bekannt wird.

Gesellschaftliches Leben

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Obwohl der stärkste Druck von der Familie ausgeht, sind Belästigungen und Isolation durch das soziale Umfeld bekannte Folgen eines Glaubenswechsels vom Islam zum Christentum.

Wurden Christen von ihren lokalen Gemeinschaften oder von privaten Gruppen überwacht (dazu gehören auch Meldungen an die Polizei, Beschattung, das Abhören von Telefonleitungen, das Lesen/Zensieren von E-Mails usw.)?

Überwachung findet häufig statt; und die tunesischen Christen sind sich bewusst, dass ihre Mitteilungen und Anrufe abgefangen werden. Polizeibeamte befragen tunesische Christen regelmäßig über ihre Aktivitäten und selbst ein einfacher Antrag für einen neuen Reisepass kann zu einem ausführlichen Verhör führen.

Wurden Christen von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt, ihren Glauben zu widerrufen?

Christen muslimischer Herkunft erhalten Drohungen von ihren Familien oder ihrem sozialen Umfeld, wenn ihr Glaubenswechsel bekannt wird. Vor allem in ländlichen Teilen des Landes haben junge Christinnen muslimischer Herkunft Angst davor, zu einer Ehe mit einem Muslim gezwungen zu werden. Es sind auch Fälle bekannt, in denen Christen muslimischer Herkunft von der Universität verwiesen wurden oder nicht zur Schule gehen können, weil sie aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Manchmal werden Kunden aufgefordert, nicht in Geschäften zu kaufen, die von einem Christen geführt werden. Daher ist der Druck des sozialen Umfelds auf Christen muslimischer Herkunft hoch, ihren neuen Glauben zu widerrufen.

Wurden Christen am Arbeitsplatz im öffentlichen oder privaten Bereich aus religiösen Gründen diskriminiert?

Die Erwerbstätigkeit ist für die meisten tunesischen Christen ein großer Kampf. Als Christen muslimischer Herkunft verlieren sie entweder ihre Arbeit oder werden nicht eingestellt, weil sie durch ihren Glaubenswechsel alle sozialen Verbindungen verlieren und Familie und Freunde ihnen nicht mehr bei der Arbeitssuche helfen. Tunesische Christen neigen daher dazu, eine Beschäftigung bei ausländischen Institutionen zu suchen, um solche Diskriminierungen zu vermeiden.

Leben im Staat

Schränkt die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) die Religionsfreiheit, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ein?

Die Scharia ist nicht die „Hauptquelle der Gesetzgebung“, wie in vielen anderen arabischen Ländern, aber der Islam ist immer noch die Staatsreligion und der Staat ist der Hüter der Religion. Das bedeutet, dass andere Glaubensrichtungen (und deren Anhänger) nicht den gleichen Status haben wie der Islam und die Muslime.

Haben sich Beamte auf irgendeiner Ebene geweigert, den Glaubenswechsel einer Person in den Systemen der Regierungsverwaltung, in Ausweisen usw. offiziell anzuerkennen?

Die Behörden erwarten im Allgemeinen, dass alle Tunesier Muslime sind, und es gibt keine offizielle Anerkennung einer Hinwendung zum christlichen Glauben.

Sind Christen, Kirchen oder christliche Organisationen daran gehindert worden, religiöse Symbole öffentlich zu zeigen?

Christen versuchen es zu vermeiden, unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Daher zeigen nur anerkannte (ausländische) Kirchen christliche Symbole.

War die Berichterstattung in den Medien falsch oder voreingenommen gegenüber Christen?

Die Medien (Zeitungen und Fernsehsendungen) haben falsche Informationen über Christen verbreitet und ein falsches Bild von der christlichen Gemeinschaft gezeichnet. Christen werden beschuldigt, den Glaubenswechsel aus finanziellen Gründen zu vollziehen, da reiche ausländische Christen den Tunesiern aus schwächeren Schichten Reichtum und die Möglichkeit, in ein westliches Land auszuwandern, versprechen würden. Christen wird auch vorgeworfen, minderjährige Jugendliche zu beeinflussen und für den christlichen Glauben zu begeistern.

Kirchliches Leben

War es für Kirchen schwierig, von behördlichen Stellen eine Registrierung oder einen offiziellen Status zu erhalten?

Tunesische Christen muslimischer Herkunft können ihre Kirchen nicht registrieren lassen. Seit der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 hat keine neue Kirche eine offizielle Registrierung erhalten. Dies steht in krassem Gegensatz zu dem Gesetz, das Moscheen reguliert. Registrierte Kirchen dürfen frei tätig sein, sehen sich aber mit praktischen Schwierigkeiten konfrontiert, insbesondere bei der Instandhaltung ihres Eigentums, der Einstellung von Mitarbeitern und der Erlaubnis, christliche Texte in arabischer Sprache zu veröffentlichen und zu verbreiten.

Wurden Kirchen daran gehindert, Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) offen zu integrieren?

Aufgrund gesellschaftlicher Widerstände sind ausländische Kirchen (wie z. B. römisch-katholische Kirchengemeinden) sehr zurückhaltend, Christen muslimischer Herkunft in ihrer Mitte aufzunehmen.

Ist der offene Verkauf oder die Verteilung von Bibeln und anderen christlichen Materialien behindert worden?

Der Verkauf von christlichen Materialien ist nicht verboten und Bibeln können in säkularen Buchläden gekauft werden. (Es gibt keine christlichen Buchläden in Tunesien.) Das kostenlose Verteilen von christlichen Materialien wird jedoch als Verkündigung des Evangeliums angesehen und ist verboten.

War es für Kirchen oder christliche Organisationen riskant, sich verbal gegen Anstifter von Verfolgung zur Wehr zu setzen?

Eingetragene Kirchen wollen nicht, dass sich ihre ohnehin schon zerbrechliche Beziehung zur Regierung verschlechtert. Daher halten sie sich lieber bedeckt, wenn es um Verletzungen ihrer Religions- und Glaubensfreiheit geht.

Auftreten von Gewalt

Für den Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2021 gilt Folgendes:

  • Angriffe auf Christen: Mehrere Christen waren von Vorfällen von (körperlicher) Misshandlung, Zwangsheirat, Vergewaltigung und sexueller Belästigung betroffen. Darüber hinaus mussten mehrere Christen innerhalb des Landes umziehen, nachdem sie (von ihren Familien) unter Druck gesetzt worden waren.
  • Verhaftungen von Christen: Mehrere Christen muslimischer Herkunft wurden festgenommen und über ihre Aktivitäten und den Besitz christlicher Literatur verhört. Ihnen wurde die Verbreitung des Evangeliums und Verbindungen zu ausländischen Organisationen vorgeworfen.
  • Angriffe auf Kirchen: Mindestens ein Kirchengrundstück wurde mutwillig zerstört, während mehrere andere kirchliche Gruppen Angriffe durch einzelne islamische Extremisten erlebten.
  • Angriffe auf Häuser und Geschäfte von Christen: Mehrere Christen muslimischer Herkunft wurden in ihren Häusern angegriffen, oft von Familienmitgliedern. In anderen Fällen wurden Ladenbesitzer gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben, oder ihre Läden wurden beschädigt, nachdem das soziale Umfeld entdeckt hatte, dass sie den christlichen Glauben angenommen hatten.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Laut dem Bericht zur internationalen Religionsfreiheit 2019, erstellt im Auftrag des US-Außenministeriums, berichteten Anhänger der Bahai über Schwierigkeiten bei der Ausübung ihres Glaubens, da sie nicht offiziell anerkannt sind und keinen eigenen Ort zur Ausübung ihres Glaubens haben dürfen. Allerdings haben sie in der jüngsten Vergangenheit einige konstruktive Dialoge mit Regierungsvertretern geführt. Von der jüdischen Gemeinde wurden keine derartigen Schwierigkeiten gemeldet: „Jüdische Gruppen sagten, dass sie weiterhin frei ihre Gottesdienste abhalten konnten, und die Regierung sorgte weiterhin für die Sicherheit der Synagogen und bezuschusste teilweise die Restaurierungs- und Instandhaltungskosten. Regierungsangestellte unterhielten den jüdischen Friedhof in Tunis. ... In Übereinstimmung mit den staatlichen Genehmigungen betrieb die jüdische Gemeinde private religiöse Schulen. Jüdischen Kindern war es erlaubt, ihren Schultag entweder zwischen öffentlichen Schulen und privaten religiösen Schulen aufzuteilen oder einen der beiden Schultypen ganztags zu besuchen.“

In Bezug auf die Atheisten im Land besagt der Bericht zur internationalen Religionsfreiheit: „Einige Atheisten berichteten, dass sie sich gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sahen, ihren Atheismus zu verbergen, auch durch die Teilnahme an islamischen religiösen Traditionen.“ Obwohl die tunesische Gesellschaft eine der liberalsten in der Region ist, listet der Freedom of Thought Report mehrere aktuelle Vorfälle in Bezug auf angeblich blasphemische Posts auf, darunter die Verurteilung von Emna Chargui zu sechs Monaten Gefängnis, weil sie „einen Facebook-Post teilte, der Versmaß und Format einiger Verse des Koran imitierte, um die Menschen dazu aufzufordern, die Covid-19-Hygienevorschriften zu befolgen“. Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 wurden keine Probleme im Zusammenhang mit der sunnitisch-schiitischen Spaltung gemeldet, obwohl schiitische Muslime generell diskriminiert werden und sich in der Vergangenheit Personen des öffentlichen Lebens gegen den schiitischen Islam ausgesprochen haben.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Tunesien:

  • In Tunesien gibt es viele einsame Christen. Beten Sie, dass sie andere Gläubige in ihrer Umgebung finden, mit denen sie sich zusammenschließen können, und dass starke, wachsende Gemeinschaften entstehen.
  • Beten Sie, dass das Licht, der Friede und die Liebe Christi die Einschüchterung und Angst überwinden, die einige tunesische Gläubige empfinden.
  • Beten Sie für Christinnen, die mit Traumata zu kämpfen haben.
  • Beten Sie für den Präsidenten, der erst seit einem Jahr an der Macht ist. Beten Sie, dass seine Zeit im Amt neue Freiheit für Christen bringt.