Länderprofil Tunesien

Tunesien

35
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Tunesien
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Republik
Platz Vorjahr
26
Karte Tunesien
Christen
0,02
Bevölkerung
12.02
Islamische Unterdrückung
Privatleben: 11.900
Familienleben: 12.700
Gesellschaftliches Leben: 10.600
Leben im Staat: 11.300
Kirchliches Leben: 13.400
Auftreten von Gewalt: 6.500

Länderprofil Tunesien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 35 / 66 Punkte (WVI 2021: Platz 26 / 67 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Tunesische Christen sind mit Diskriminierung und Angriffen konfrontiert, die oft verdeckt stattfinden und der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Viele Christen erleben wegen ihres Glaubens Arbeitsplatzunsicherheit und Zurückweisung durch ihr soziales Umfeld bis hin zu körperlicher Gewalt.

Aufgrund solcher Faktoren können die meisten Tunesier, die den christlichen Glauben angenommen haben, ihr Christsein nicht offen praktizieren und ziehen es vor, ihren Glauben zu verbergen. Die Feindseligkeit und der Druck, denen sie seitens der Gesellschaft ausgesetzt sind, machen es für sie gefährlich, mit ihren Familienmitgliedern, Verwandten, Nachbarn, Freunden oder Kollegen über ihren Glauben zu sprechen. Außerdem ist es für sie schwierig, sich zu Gottesdiensten zu treffen, aufgrund der Risiken, die jede mögliche Aufdeckung mit sich bringen würde, solange sie von den tunesischen Sicherheitsdiensten überwacht werden.

Länderprofil als PDF

Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Im Jahr 2011 begann die sogenannte „Tunesische Revolution“, ausgelöst durch hohe Arbeitslosenzahlen, dürftige Lebensverhältnisse, Korruption und einen allgemeinen Mangel an Freiheit. Der damalige Präsident Zine el-Abidine Ben Ali wurde gestürzt, und die Revolution, die heute als „Arabischer Frühling“ bezeichnet wird, breitete sich über die ganze Region aus. Nachdem unter einer neuen Verfassung in den Jahren 2014 und 2019 Wahlen abgehalten worden waren, bildeten sich Koalitionen aus säkularen und islamistischen Parteien. Die häufig wechselnden Regierungen (mehr als zehn in weniger als zehn Jahren) hatten jedoch weiterhin mit wirtschaftlichen Herausforderungen und politischer Instabilität zu kämpfen. Obwohl Tunesien nach wie vor als „unzulängliche Demokratie“ betrachtet wurde, waren Zeichen einer sich entwickelnden Stabilität und zunehmender Freiheitsrechte erkennbar. Am 25. Juli 2021 beurlaubte jedoch Präsident Said das Parlament und übernahm die Macht. Während er versprach, die vorherrschende Korruption zu bekämpfen, ist nicht absehbar, ob er die Demokratie wiederherstellen wird. Abgesehen von der COVID-19-Pandemie bleiben die größten Herausforderungen für die Regierung bestehen: die Wirtschaft wiederzubeleben und die hohe (Jugend-)Arbeitslosigkeit zu verringern sowie die Korruption einzudämmen.

Laut der World Christian Database sind 99,5 Prozent der tunesischen Bevölkerung Muslime. Die Mehrheit sind Anhänger des sunnitischen Islams, wobei die meisten der malikitischen Tradition folgen. Obwohl das französische Vermächtnis des Säkularismus die gebildete Elite im städtischen Bereich immer noch prägt, ist der Islam sehr einflussreich, und die Verfassung erkennt den Islam als Staatsreligion an.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

22.800

0,2

Muslime

11.959.000

99,5

Buddhisten

92

0,0

Juden

1.900

0,0

Bahai

2.400

0,0

Atheisten

3900

0,0

Agnostiker

28.100

0,2

Andere

190

0,0

2. Gibt es regionale Unterschiede?

Christen muslimischer Herkunft haben am meisten von ihren eigenen Familienmitgliedern und dem sozialen Umfeld zu befürchten, besonders im konservativeren Süden des Landes. Städtische Gebiete, insbesondere die Hauptstadt Tunis, bieten Christen muslimischer Herkunft die Möglichkeit, dem Druck der Familie zu entkommen und ihren Glauben in größerer Anonymität zu leben. In den südlichen Grenzgebieten sind gewaltbereite islamistische Kämpfer aktiv und greifen wahllos Christen an, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung

Es kommt vor, dass Christen muslimischer Herkunft von ihren Familien unter Hausarrest gestellt werden. Auf der politischen Ebene sind die islamistischen Parteien immer noch einflussreich. Die Verbindungen zwischen einigen islamistischen Bewegungen und der organisierten Korruption sollten nicht unterschätzt werden. Beide tragen dazu bei, dass die Angst unter Christen beträchtliche Ausmaße annimmt.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Christen aus dem Ausland sind relativ frei, obwohl öffentliche Evangelisation nicht geduldet wird.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Christliche Konvertiten können von ihren Familienangehörigen angegriffen werden. Sie haben jedoch mehr oder weniger die Freiheit, Informationen über den christlichen Glauben zu suchen und zu erhalten, insbesondere Inhalte, die online veröffentlicht werden.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 11.9
Familienleben 12.7
Gesellschaftliches Leben 10.6
Leben im Staat 11.3
Kirchliches Leben 13.4
Auftreten von Gewalt 6.5

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

Besonders in ländlichen Gebieten erleben Christen muslimischer Herkunft erheblichen Druck durch ihre Familie. Sie laufen Gefahr, verbannt, inhaftiert oder wirtschaftlich boykottiert zu werden. Sich mit anderen Christen zu treffen und christliche Materialien zu besitzen, ist extrem schwierig.

Familienleben

Die tunesische Gesellschaft betrachtet Nichtmuslime als Fremde und diskriminiert diese Gruppen mit dem Ziel, sie zur Integration in die breite sunnitisch geprägte tunesische Kultur zu nötigen. In Tunesien ist es Nichtmuslimen nicht gestattet, ein zu Kind adoptieren. Werden Ehepartner als Christen entlarvt, werden sie möglicherweise geschieden und verlieren das Sorgerecht für ihre Kinder. Für Kinder von Christen muslimischer Herkunft ist die Teilnahme am islamischen Religionsunterricht verpflichtend, und es kann vorkommen, dass sie wegen des Glaubens ihrer Eltern ausgegrenzt, schikaniert oder sogar tätlich angegriffen werden.

Gesellschaftliches Leben

Besonders in ländlichen Gebieten erfahren Christen muslimischer Herkunft Schikane und Ausgrenzung von ihrem sozialen Umfeld. Jungen Christinnen muslimischer Herkunft wird häufig die Zwangsverheiratung mit einem muslimischen Mann angedroht. Manchen Christen muslimischer Herkunft wird außerdem das Universitätsstudium erschwert; sie erfahren Diskriminierung bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz oder ihr Geschäft wird boykottiert. Tunesische Christen neigen daher dazu, eine Beschäftigung bei ausländischen Institutionen zu suchen, um solche Diskriminierungen zu vermeiden. Häufig finden Kontrollen statt, und Polizeibeamte befragen tunesische Christen regelmäßig über ihre Aktivitäten. Selbst ein gewöhnlicher Antrag für einen neuen Reisepass kann zu einem ausführlichen Verhör führen.

Leben im Staat

Die Scharia ist nicht die „Hauptquelle der Gesetzgebung“, wie in vielen anderen arabischen Ländern, aber der Islam ist immer noch die Staatsreligion. Die Behörden betrachten Nichtmuslime allgemein als Außenstehende, denen eine Gleichstellung nicht zusteht. Diese Stimmungen werden durch einen feindseligen Medienapparat noch verstärkt, der es darauf anlegt, Christen zu Sündenböcken zu machen und falsche Informationen über sie zu verbreiten.

Kirchliches Leben

Tunesische Christen muslimischer Herkunft können ihre Kirchen nicht registrieren lassen, und seit der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 hat keine neue Kirche eine offizielle Registrierung erhalten. Registrierte Kirchen dürfen sich frei betätigen, sehen sich aber in der Praxis mit Schwierigkeiten konfrontiert, insbesondere in Bezug auf die Instandhaltung ihres Eigentums, die Einstellung von Mitarbeitern und die Erlangung von Genehmigungen, um christliche Texte in arabischer Sprache zu veröffentlichen und zu verbreiten. Der Verkauf von christlichen Materialien ist nicht verboten und Bibeln können in säkularen Buchläden gekauft werden. Das kostenlose Verteilen von christlichen Materialien wird jedoch als Missionierung angesehen und ist verboten.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

  • Mehrere Christen wurden Opfer von körperlicher Gewalt, Zwangsheirat, sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Zudem mussten mehrere Christen innerhalb des Landes vor Verfolgung durch ihre Familien fliehen.
  • Mindestens ein christlicher Konvertit wurde verhaftet und zu seinen christlichen Aktivitäten verhört.
  • Mehrere Christen muslimischer Herkunft wurden in ihren Häusern angegriffen, oft von Familienmitgliedern. In einem anderen Fall beschädigten Nachbarn den Laden eines christlichen Händlers.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

35

66,31

2021

26

67,49

2020

34

63,60

2019

37

62,52

2018

30

62,34

Die Gesamtpunktzahl im Weltverfolgungsindex 2022 verringerte sich um einen Punkt als Ergebnis des niedrigeren Wertes für Auftreten von Gewalt, der im Vergleich zum Weltverfolgungsindex 2021 von 7,4 auf 6,5 sank. Dies ist hauptsächlich auf die geringere Zahl von Angriffen auf Kirchengebäude und Eigentum von Christen zurückzuführen sowie auf eine kleinere Zahl an Verhaftungen von Christen. Der durchschnittliche Druck auf die Christen ist weiterhin sehr hoch (12,0 Punkte), in erster Linie wegen des Mangels an Glaubensfreiheit für Christen, die vom Islam zum christlichen Glauben übergetreten sind.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Ein hohes Maß an sexueller Belästigung und häuslicher Gewalt, in Verbindung mit anhaltenden diskriminierenden Normen in der Gesellschaft, weisen auf massive Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hin. Bei Verfolgung aus religiösen Motiven wird diese gesellschaftliche Situation ausgenutzt. Christinnen muslimischer Herkunft sehen sich der größten Bandbreite von Verfolgung ausgesetzt (besonders im traditionellen Kontext der Familie), einschließlich Schlägen, Ausschluss aus der Familie, Hausarrest, Morddrohungen und Vergewaltigung. Verheirateten Konvertitinnen droht die Scheidung und der Verlust des Sorgerechts für die Kinder, während ledige Christinnen muslimischer Herkunft mit Zwangsverheiratung rechnen müssen. Der Hauptverfolger ist das männliche Familienoberhaupt, das möglicherweise den Zugang zu christlichen Gemeinschaften und Materialien einschränkt.

Männer: Neubekehrte sind bei Weitem die am stärksten gefährdeten Christen in Tunesien. Männliche Konvertiten sind Einschüchterung, Arbeitsplatzverlust, Verweigerung des Zugangs zu Gemeinschaften, Verhaftung und Morddrohungen ausgesetzt. Sie können außerdem ausgestoßen werden, weil sie durch ihre Abkehr vom Islam Schande über ihre Familien gebracht haben. Von ihren Familien unter Druck gesetzt, verlassen muslimische Frauen ihren zum christlichen Glauben konvertierten Ehemann, dem möglicherweise das Erbe oder sogar der Zugriff auf seinen Besitz verwehrt wird. Wie stark die Gegenreaktion ausfällt, hängt von seiner sozialen Stellung und seinem politischen Ansehen ab. Wenn ein Mann verfolgt wird, macht das seine Familie angreifbar und schutzlos.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Bahai sind nicht offiziell anerkannt und dürfen keinen eigenen Raum der Anbetung haben. Allerdings haben sie in der jüngsten Vergangenheit einige konstruktive Dialoge mit Regierungsvertretern geführt. Jüdische Gruppen halten frei ihre Gottesdienste ab. Außerdem sorgt die Regierung für die Sicherheit der Synagogen und bezuschusste teilweise Restaurierungs- und Instandhaltungskosten. Die sunnitisch-schiitische Spaltung hat zu relativ wenigen Spannungen in Tunesien geführt, obwohl schiitische Muslime mitunter diskriminiert werden und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sich in der Vergangenheit gegen den schiitischen Islam ausgesprochen haben.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Tunesien:

  • Bitte beten Sie für Christen in Tunesien, die vom Islam zum christlichen Glauben konvertiert sind. Beten Sie besonders für die Frauen, die fürchten, eine Zwangsehe mit einem muslimischen Mann eingehen zu müssen, weil sie sich dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Bitten Sie Gott, sie zu bewahren, zu beschützen und zu ermutigen, auch wenn sie ihren Glauben nur heimlich leben können.
  • Beten Sie für die tunesische Regierung und Gesellschaft, während die politischen Unruhen andauern. Beten Sie, dass Gott den Behörden ein weiches Herz schenkt und sie sich für das Wohl der Menschen, einschließlich religiöser Minderheiten, einsetzen. Beten Sie auch um eine gute und freidliche Lösung der Konflikte.
  • Beten Sie, dass sie lokalen Partner von Open Doors in Tunesien ermutigt und gestärkt werden.