Länderprofil Nigeria

Nigeria

7
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Nigeria
Hauptreligion
Christlicher Glaube / Islam
Offizielle Staatsform
Bundesrepublik mit präsidentiellem Regierungssystem
Platz Vorjahr
9
Länderkarte Nigeria
Christen
98,01
Bevölkerung
211.45
Islamische Unterdrückung
Ethnisch-religiöse Feindseligkeit
Diktatorische paranoia
Privatleben: 13.800
Familienleben: 13.800
Gesellschaftliches Leben: 14.300
Leben im Staat: 14.500
Kirchliches Leben: 14.400
Auftreten von Gewalt: 16.700

Länderprofil Nigeria

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 7 / 87 Punkte (WVI 2021: Platz 9 / 85 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Die Christen in Nigeria leiden unter Verfolgung durch eine erdrückende Kombination aus islamischer Unterdrückung, ethnisch-religiösen Anfeindungen, diktatorischer Paranoia und organisiertem Verbrechen und Korruption. Die meisten Gewalttaten gegen Zivilisten, besonders gegen Christen, werden im Norden sowie im Mittelgürtel des Landes verübt. Urheber sind Boko Haram, der „Islamische Staat in der Provinz Westafrika“ (ISWAP), Fulani-Kämpfer und sogenannte „bewaffnete Banditen“. Menschen werden ermordet, körperlich verletzt, vergewaltigt und anderweitig sexuell missbraucht. Zudem wird ihr Ackerland zerstört und sie werden ihres Eigentums beraubt. Entführungen für Lösegeld haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Diese Gewalt bedeutet für Christen oft den Verlust von Grundbesitz und folglich ihrer Erwerbsquellen. Viele leben als Binnenflüchtlinge oder sind in andere Länder geflohen. Im nördlichen Nigeria, besonders in den sogenannten „Scharia-Staaten“, in denen das islamische Recht gilt, werden Christen diskriminiert und wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Christen mit muslimischem Hintergrund erleben zudem die Zurückweisung durch ihre eigenen Familien und den Druck, ihren christlichen Glauben aufzugeben, sowie oft körperliche Gewalt. In den vergangenen Jahren hat die Gewalt zugenommen und ist auch auf die südlichen Bundesstaaten übergeschwappt, was das Gefühl der Unsicherheit und das Ausmaß der Straflosigkeit noch verstärkt hat. Präsident Muhammadu Buhari hat immer mehr Muslime in die wichtigsten Regierungsämter berufen, was es Christen, die Menschenrechtsverletzungen erlitten haben, erschwert, die Ungerechtigkeiten anzuprangern. Religiös motivierte Gewalt findet vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Umweltzerstörung statt, die die Fulani-Hirten und ihr Vieh in den Süden treiben und die Beziehungen zwischen Hirten und Landwirten belasten. Unter Präsident Buhari werden angegriffene christliche Gemeinschaften oft von den Sicherheitskräften, die unter dem Kommando der Bundesregierung stehen, im Stich gelassen.

Länderprofil als PDF

Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Nachdem Nigeria 1960 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hatte, fand der Übergang zur Demokratie erst 1999 statt, als eine 16-jährige Militärherrschaft endete. Buhari von der Partei All Progressives Congress (APC) wurde 2015 Präsident. Seitdem sind die Angriffe auf Christen aggressiver geworden. Buhari wurde in einer kontroversen Wahl im Februar 2019 wiedergewählt. Die Wahl war überschattet von Gewalt und willkürlichen Regeln, welche die Wahlkommission zur Unterstützung des Präsidenten erlassen hatte. In den letzten Jahren hat Nigeria gegen einen Aufstand in Teilen des Nigerdeltas und gegen islamistische Kämpfer im Norden gekämpft. Boko Haram und ISWAP (der als Splittergruppe von Boko Haram entstanden ist) bedrohen weiterhin Christen, obwohl Buhari behauptet, die Gruppen seien militärisch besiegt worden. Im Mai 2021 töteten ISWAP-Kämpfer Abubakar Shekau, den Anführer der rivalisierenden Gruppe Boko Haram, was die Position von ISWAP im Nordosten Nigerias stärken könnte. Überfälle von militanten Fulani auf überwiegend christliche Bauern in mehreren nördlichen Bundesstaaten Nigerias sind zu einem sehr ernsten Problem geworden. Die Gewalt hat zudem auf einige der südlichen Staaten übergegriffen.

Morde an Straßensperren und Entführungen haben die Gewalt gegen Christen und andere Menschen im Lande noch verstärkt. Sie stellen eine Bedrohung für die Existenz der Christen dar. Die Regierung hat darin versagt, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Ausbreitung der Anschläge einzudämmen.

Nigeria ist die größte Volkswirtschaft in Afrika südlich der Sahara. Armut ist jedoch weitverbreitet und fast 80 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als 2 US-Dollar pro Tag. Der Norden Nigerias ist im Vergleich zum Süden stark unterentwickelt. Korruption ist weitverbreitet und ein Streitpunkt ist die Verteilung der Öleinnahmen. Die Covid-19-Pandemie fiel mit einem Einbruch der internationalen Ölpreise zusammen. Es gibt eine hohe Zahl von Mädchen, die früh verheiratet werden und/oder als Jugendliche schwanger werden. 18 Prozent aller Mädchen werden vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet. Selbst einige christliche Eltern, die befürchten, dass ihre Töchter angegriffen werden könnten, beschließen, sie früh zu verheiraten, um sie zu schützen. Dies führt dazu, dass Mädchen ungebildet und ohne Kenntnis ihrer Rechte aufwachsen, und wirtschaftlich abhängig von Männern sind.

Nigeria hat eine niedrige Lebenserwartung und eine niedrige Alphabetisierungsrate. Das Land stellt etwa die Hälfte der Bevölkerung Westafrikas und hat eine der größten Jugendbevölkerungen der Welt. Im Dezember 2020 gab es 2,7 Millionen konfliktbedingte Binnenflüchtlinge. Die Freiheit des Internets wird durch das Gesetz zur Cyberkriminalität von 2015 eingeschränkt, das häufig zur willkürlichen Verhaftung und strafrechtlichen Verfolgung von Journalisten und Bloggern genutzt wird. Die Medien sind Christen gegenüber voreingenommen und stellen sie oft als Ungläubige und Bürger zweiter Klasse dar. Christenfeindliche Hassreden von Anführern gewalttätiger islamischer Gruppen werden in den sozialen Medien verbreitet.

Zahlreiche Gruppen begehen Menschenrechtsverletzungen:

Im Nordosten Nigerias hat Boko Haram eine systematische Kampagne gegen den nigerianischen Staat geführt und 2014 im Bundesstaat Borno ein islamisches Kalifat ausgerufen. Boko Haram geht gezielt gegen Christen vor, ebenso wie gegen alle, die Boko Haram nicht unterstützen. Bei Überfällen werden christliche Männer entführt oder getötet, während christliche Frauen entführt, vergewaltigt und zwangsverheiratet werden, um die mehrheitlich von Christen bewohnten Gebiete zu entvölkern. ISWAP führt ähnliche Aktivitäten durch, und mit dem Tod von Boko-Haram-Führer Shekau könnte der Stand von ISWAP im Nordosten Nigerias gefestigt werden. Beide Gruppen haben dem „Islamischen Staat“ (IS) die Treue geschworen.

Militante Fulani greifen in mehreren Bundesstaaten im Norden und in Nord-Zentral-Nigeria mehrheitlich von Christen bewohnte Dörfer an, entführen, vergewaltigen und töten Menschen, zerstören Gebäude und Ernten oder besetzen Ackerland. Die Gewalt hat sich rasch weiter nach Süden ausgebreitet.

Bewaffnete kriminelle Gruppen sind ebenfalls für Gewalt in den nördlichen Bundesstaaten verantwortlich, wo sie vergewaltigen, töten, entführen und Eigentum niederbrennen. Es gibt Beweise für eine Zusammenarbeit zwischen diesen Gruppen. Sie sind zunehmend miteinander verbunden, und ausländische Kämpfer haben sich ihnen angeschlossen. Dies kann als Erbe des ehemaligen Boko-Haram-Anführers Abubakar Shekau gesehen werden. Shekau hatte laut Berichten eine bemerkenswerte Expansionsagenda, die darauf abzielte, militante islamische Gruppen aus verschiedenen Regionen Nigerias sowie aus umliegenden Ländern miteinander zu verbinden. Vor seinem Tod schien es, als würde seine Vision Realität werden.

Ein Gouverneur im Nordosten Nigerias hat angedeutet, dass die Bemühungen zur Bekämpfung von Boko Haram von Teilen des Sicherheitsapparats untergraben werden. Die Anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs hat eine formelle Untersuchung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gefordert, in der sie nicht nur nichtstaatliche Akteure, sondern auch Angehörige der nigerianischen Sicherheitskräfte (NSF) beschuldigt. Nigeria wurde von der US-Regierung im Dezember 2020 wegen „systematischer, andauernder, ungeheuerlicher Verletzungen der Religionsfreiheit“ als „besonders besorgniserregendes Land“ eingestuft. Im November 2021 wurde diese Einordnung jedoch ohne klare Erklärung und ohne Fakten, die eine Verbesserung der Situation belegen, zurückgezogen.

Der südliche Teil Nigerias ist überwiegend christlich, während der Norden Nigerias überwiegend muslimisch geprägt ist. Diese religiöse Teilung deckt sich teilweise mit der ethnischen Spaltung in Nigeria. Die Hausa-Fulani im Norden sind überwiegend muslimisch und die Igbo im Südosten Nigerias hauptsächlich christlich, während die Yoruba im Südwesten Nigerias sowohl einen bedeutenden muslimischen als auch einen bedeutenden christlichen Bevölkerungsanteil haben. Obwohl Nigeria laut Verfassung ein säkularer Staat ist, hat die herrschende Elite des Nordens jahrzehntelang Christen zugunsten von Muslimen diskriminiert. Seit 1999 wurde die Scharia in zwölf nördlichen Bundesstaaten eingeführt. Das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist in diesen Staaten stark beschnitten worden.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

98.006.000

46,4

Muslime

97.999.000

46,3

Hindus

36.700

0,0

Buddhisten

10.900

0,0

Anhänger ethnischer Religionen

14.728.000

7,0

Juden

1.200

0,0

Bahai

49.500

0,0

Atheisten

54.300

0,0

Agnostiker

535.000

0,3

Andere

26.500

0,0

2. Gibt es regionale Unterschiede?

Nigeria hat sechs geopolitische Zonen. Jeder dieser Zonen hat ihr eigenes Profil der Feindseligkeiten gegen Christen und andere. In Nord-Ost geht Gewalt vor allem von Boko Haram und ISWAP aus. In Nord-West sind es bewaffnete Banditen. In Nord-Zentral gibt es militante Fulani. Diese Zone schließt auch den Kaduna-Staat ein. Diese Profile haben sich vermischt, sodass die Situation für alle Zivilisten und insbesondere für Christen sehr problematisch geworden ist. Die Bundesregierung und eine große Zahl von Landesregierungen der einzelnen Bundesstaaten arbeiten stillschweigend darauf hin, dass in ganz Nigeria die Scharia eingeführt wird. Dies ist nicht auf die drei nördlichen geopolitischen Zonen beschränkt, sondern hat sich bereits auf die drei südlichen geopolitischen Zonen ausgeweitet, insbesondere auf die Zonen Süd-West und Süd-Ost.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung, ethnisch-religiöse Feindseligkeit, diktatorische Paranoia und organisiertes Verbrechen und Korruption

Es gibt erhebliche Überschneidungen zwischen den Triebkräften der Verfolgung in Nigeria. In zwölf nördlichen Staaten gilt die Scharia, und Präsident Buhari, der selbst Fulani ist, nutzt seine Position, um Muslime in Schlüsselpositionen zu berufen. Dies fördert im ganzen Land eine Kultur der Straflosigkeit, in der die Grundrechte von Nichtmuslimen nicht geachtet werden und Verstöße gegen Christen weitgehend unbeachtet bleiben. Anführer ethnischer Gruppen sind für alle vier Triebkräfte der Verfolgung verantwortlich, ebenso wie Regierungsbeamte, gewalttätige religiöse Gruppen und ideologische Interessengruppen. Nichtchristliche (vor allem muslimische) religiöse Leiter haben durch eine intolerante Ideologie und Aufstachelung zur Gewalt Übergriffe auf Christen verantwortet. Im Nordosten greifen extremistische Islamisten, etwa von Boko Haram und ISWAP, weiterhin Zivilisten an, insbesondere Christen. Das Gleiche gilt für die Gewalt, die von militanten Fulani in der Zone Nord-Zentral und anderen nördlichen Staaten sowie in mehreren südlichen Staaten verübt wird. Hinzu kommt die Gewalt durch bewaffnete Banditen. Die „Miyetti Allah Cattle Breeders Association of Nigeria“ (MACBAN) ist eine ideologische Interessengruppe mit mächtigen Schutzherren, welche die militanten Fulani schützt und ihre Taten rechtfertigt. Einer dieser Schutzherren ist Präsident Buhari. Zu weiteren Verfolgern gehören auch Mobs aus Bürgern, die auf der Straße Gewalt gegen Christen ausüben, Familienmitglieder (insbesondere für Christen muslimischer Herkunft), politische Parteien und Kartelle des organisierten Verbrechens.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Christen aus traditionellen Kirchen

Dazu gehören in Nigeria die Römisch-Katholische Kirche und protestantische Kirchen wie Anglikaner, Methodisten und Lutheraner. Diese Kirchen sehen sich gewalttätigen Angriffen auf ihr Leben und ihren Besitz durch militante Gruppen und bewaffnete Banditen ausgesetzt. Zudem erleben sie Diskriminierung durch die lokalen Behörden, besonders in den nördlichen Staaten (und außerdem in der Zone Nord-Zentral). Die Gewalt weitet sich auf die südlichen Bundesstaaten aus, ebenso wie Landraub und Einschüchterung von Gemeinden durch (bewaffnete) Fulani-Hirten.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Die meisten dieser Christen sind muslimischer Herkunft. Wegen der Gefahr schwerer Verfolgung und möglicher Ermordung sind sie oft gezwungen, in Zufluchtshäusern Schutz zu suchen. Christen muslimischer Herkunft aus dem Norden des Landes (einschließlich der mehrheitlich muslimischen Gebiete in der Zone Nord-Zentral) müssen oft aus ihren Häusern und Staaten fliehen, um nicht getötet oder schikaniert zu werden. Im Süden ist dies weniger wahrscheinlich, obwohl es auch in südwestlichen Gebieten in begrenztem Umfang dazu kommen kann. Auch in anderen Teilen des Landes wird Druck auf Christen muslimischer Herkunft ausgeübt, aber dies geschieht seltener und mit (viel) weniger Intensität als anderswo.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Die evangelikalen und Pfingstgemeinden machen mittlerweile einen beträchtlichen Teil der nigerianischen Christen aus. In den nördlichen Staaten (und in Nord-Zentral) haben sie mit Diskriminierung vonseiten der lokalen Behörden zu kämpfen und sind gewaltsamen Angriffen von militanten Gruppen und bewaffneten Banditen auf ihr Leben und ihren Besitz ausgesetzt. Die Gewalt weitet sich zudem auf die südlichen Bundesstaaten aus, ebenso wie Landraub und Einschüchterung von Gemeinden durch (bewaffnete) Fulani-Hirten.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 13.8
Familienleben 13.8
Gesellschaftliches Leben 14.3
Leben im Staat 14.5
Kirchliches Leben 14.4
Auftreten von Gewalt 16.7

 

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

Christen muslimischer Herkunft aus dem Norden des Landes (und Teilen von Nord-Zentral und südlichen Staaten) müssen oft fliehen, um nicht von ihren Familien oder ihrem sozialen Umfeld getötet oder schikaniert zu werden. Alles, was ihren christlichen Glauben offenbart, ist gefährlich. Für Christen, die keine Konvertiten sind, kann ihr Name ein Hinweis auf ihren Glauben sein. Der Name kann dabei über Leben und Tod entscheiden, wie beispielsweise an Straßensperren, die von gewalttätigen extremistisch-islamischen Gruppen errichtet werden. Das Leben in einer (hauptsächlich) christlichen Gemeinschaft in den ländlichen Gebieten mehrerer Bundesstaaten ist sehr riskant und führt zu einem hohen Maß an Angst. Das Gleiche gilt für viele Christen, die als Binnenflüchtlinge in unsicheren Umgebungen leben.

Familienleben

Mehrere Aspekte erschweren das Familienleben für Christen, insbesondere in den nördlichen Bundesstaaten (aber auch in Teilen von Nord-Zentral und des Südens): Christen muslimischer Herkunft fürchten die Entdeckung ihres neuen Glaubens durch ihre Familien. Dies könnte den Verlust des Sorgerechts für die Kinder bedeuten oder die Notwendigkeit, von zu Hause zu fliehen. Wenn eine christliche Frau Witwe wird, nehmen manchmal muslimische Verwandte die Kinder zu sich, um sie als Muslime zu erziehen. Für christliche Eltern ist es schwierig, ihre Kinder in den Lagern für Binnenflüchtlinge in Übereinstimmung mit ihrem Glauben zu erziehen.

Gesellschaftliches Leben

Im Norden des Landes sowie in Teilen von Nord-Zentral und verstärkt auch im Süden werden Menschen mit englischen oder biblischen Namen oftmals in Schulen, Krankenhäusern und am Arbeitsplatz diskriminiert. In muslimisch geprägten Gebieten gelten Christen als Ungläubige und werden schikaniert. Männer können sogar dafür festgenommen werden, einen „unmoralischen Haarschnitt“ zu tragen. Herrschende Emire sind mitunter an der Entführung christlicher Mädchen zum Zweck der Zwangsheirat beteiligt. Staatliche Einrichtungen erreichen die christlichen Gemeinschaften nicht in dem Maße, wie sie es sollten. In einigen ländlichen Gebieten wurde Christen der Zugang zu Wasser verweigert, sodass sie stundenlang zu Fuß gehen müssen, um Wasser zu schöpfen. Sogar in Städten werden den christlichen Vierteln manchmal öffentliche Einrichtungen wie etwa die sanitäre Grundversorgung verweigert. Es wird mehr in die Infrastruktur für Gebiete mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit investiert als in Gebiete, in denen Christen und Muslime zu gleichen Teilen leben. Unter den Binnenflüchtlingen werden Christen bei der Verteilung von Hilfsgütern oft ignoriert.

Leben im Staat

Es herrscht ein Klima der Straffreiheit. Diejenigen, die Christen und ihr Eigentum angreifen, werden fast nie verhaftet. Auf der anderen Seite haben Christen bereits Gefängnisstrafen für Verbrechen verbüßt, für die ein Muslim rasch freigesprochen oder für die er gar nicht erst angeklagt wird. Manchmal werden Christen sogar vor Scharia-Gerichten angeklagt, die gar keine Zuständigkeit für Christen haben. Die Aussagen von Christen sind nur halb so viel wert wie die eines Muslims. Obwohl die Verfassung das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit anerkennt, hat die Scharia (in den zwölf nördlichen Staaten, in denen sie eingeführt wurde) Vorrang vor diesem Recht. In den Medien werden Angriffe auf christliche Gemeinschaften häufig als „kommunale Zusammenstöße“ bezeichnet. Medien, die Muslimen gehören, untertreiben Angriffe von Muslimen auf Christen zum Teil oder stellen sie verzerrt dar.

Kirchliches Leben

Im Norden, einschließlich der Zone Nord-Zentral, werden Kirchen zerstört und Pastoren (zusammen mit ihren Familien) entführt oder ermordet. Das Gleiche geschieht mit vielen anderen Christen. Kirchliche Aktivitäten werden überwacht, behindert oder unterbunden. Christen wird zudem Land für den Bau von Kirchen verweigert. Die offene Integration von Christen muslimischer Herkunft in eine Gemeinde könnte Gewalt gegen die Kirche und ihr Eigentum provozieren, weswegen viele christliche Konvertiten in sicherere Gegenden Nigerias ziehen. In einer Atmosphäre des Chaos und der Straflosigkeit ist es riskant, sich öffentlich gegen die Menschenrechtsverletzungen an Christen und anderen Nigerianern auszusprechen. Die Unsicherheit hat sich auf mehrere südliche Bundesstaaten ausgeweitet.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

  • Im April 2021 entführten sogenannte „Banditen“ 22 Studenten und einen Mitarbeiter aus der Greenfields University im Bundesstaat Kaduna (einer privaten Hochschule, an der hauptsächlich Christen studieren). Innerhalb einer Woche wurden fünf der entführten Studenten getötet.
  • Im August 2021 wurden im Bundesstaat Plateau 70 Angehörige des Stammes der Irigwe von bewaffneten Männern getötet, bei denen es sich mutmaßlich um Fulani-Hirten handelte.
  • Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2022 wurden in Nigeria 4.650 Christen wegen ihres Glaubens getötet, 2.510 Christen wurden entführt, Tausende wurden zu Binnenflüchtlingen.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

7

87,43

2021

9

85,34

2020

12

79,98

2019

12

79,92

2018

14

77,17

Der Anstieg um zwei Punkte ist darauf zurückzuführen, dass der Druck in allen Lebensbereichen zugenommen hat, während der Wert für Gewalt bei der Maximalpunktzahl bleibt. Christen werden im Norden Nigerias weiterhin wahllos und brutal angegriffen, und die Gewalt und Unsicherheit haben sich auch auf den Süden Nigerias ausgeweitet. Militante Fulani und bewaffnete „Banditen“ haben sich in den Wäldern des Südens niedergelassen und erschweren den christlichen Landwirten zunehmend den Zugang zu ihren Feldern. Sie stellen auch eine Bedrohung für christliche Frauen und Mädchen dar. Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2022 wurde auch immer deutlicher, dass Christen (und andere Minderheiten) nicht auf den Sicherheitsapparat zählen können, der unter dem Kommando der Bundesregierung steht.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Überfälle von Boko Haram, ISWAP, militanten Fulani und bewaffneten Banditen terrorisieren christliche Gemeinschaften, besonders im Norden. Frauen werden vergewaltigt, für Lösegeld entführt und getötet. Christliche Mädchen werden von militanten Gruppen entführt und zwangsverheiratet, um die mehrheitlich von Christen bewohnten Gebiete zu entvölkern. Einige Frauen werden sogar gezwungen, als Selbstmordattentäterinnen oder Kämpferinnen zu agieren. Wenn Frauen vergewaltigt werden, verschlimmert sich ihre Lage manchmal noch dadurch, dass ihre Ehemänner das Trauma nicht überwinden können. Manche sehen ihre Frau sogar als „befleckt“ an, vor allem, wenn sie schwanger geworden ist. Viele Familien sind deshalb zerbrochen. Zunehmend gibt es Berichte über solche Übergriffe auf christliche Frauen und Mädchen auch im Süden.

Männer: Christliche Männer werden von Boko Haram, ISWAP, militanten Fulani und bewaffneten Banditen angegriffen und getötet. Dies dient dazu, die derzeitige Generation von christlichen Männern auszulöschen, garantiert aber auch, dass die Geburtenrate in christlichen Familien sinkt. Die Überlebenden werden oft gezwungen, sich in die Reihen der Militanten einzugliedern. Jungen laufen Gefahr, als Kindersoldaten rekrutiert zu werden. Kirchenleiter werden regelmäßig entführt, um Lösegeld zu erpressen, ebenso wie viele andere Personen. Christliche Männer wurden auch schon in Bezug auf Arbeitsplätze und Bildung strategisch diskriminiert. Wenn ein Mann getötet wird, seinen Arbeitsplatz verliert oder sein Eigentum beschlagnahmt wird, kann seine von ihm abhängige Familie verarmen.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Schiiten, die im „Islamic Movement in Nigeria“ organisiert sind, sind Opfer von Übergriffen sunnitischer Gruppen geworden. Mitglieder wurden getötet und Anführer von der Regierung inhaftiert, die ihr Vorgehen damit rechtfertigt, dass sie es mit einer Gruppe zu tun habe, die nach eigenen Gesetzen handeln wolle. Fulani, insbesondere diejenigen, die sich an der Seite von Christen niedergelassen haben, sehen sich manchmal mit Vergeltungsangriffen christlicher Jugendlicher konfrontiert. Es gibt zudem mehrere Berichte über Angriffe auf Anhänger der traditionellen afrikanischen Religionen.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Nigeria:

  • 2021 wurde von Berichten zunehmender Gesetzlosigkeit bestimmt. Bitte beten Sie dafür, dass Präsident Buhari und die Gouverneure der Bundesstaaten gewissenhaft und transparent daran arbeiten, um dauerhafte Lösungen für die sich verschärfende Sicherheitskrise im Norden Nigerias zu finden.
  • Das Maß an Trauma unter Christen erreicht Krisenausmaße, da Männer getötet, Frauen vergewaltigt und entführt und Jugendliche in Verzweiflung über ihre Zukunft gestürzt werden. Beten Sie um Heilung und Hoffnung. Beten Sie, dass Jesus Christus ihren Glauben stärkt, sodass sie jedem, der fragt, einen Grund nennen können für die Hoffnung, die in ihnen ist.
  • Beten Sie dafür, dass der Dienst von Open Doors weiter Früchte trägt. Bitten Sie um anhaltenden Schutz und Weisheit für unsere Partner, die auf ihren Reisen Überfälle und/oder Entführung riskieren müssen. Beten Sie, dass ihre Arbeit die Kirche in Nigeria stärkt und die Hoffnung wiederherstellt.