Länderprofil Nigeria

Nigeria

12
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Nigeria
Hauptreligion
Christentum / Islam
Offizielle Staatsform
Bundesrepublik
Platz Vorjahr
14
ISO
NG
Karte Nigeria
Christen
91,12
Bevölkerung
195.88
Islamische Unterdrückung
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 12.300
Familienleben: 11.800
Gesellschaftliches Leben: 13.400
Leben im Staat: 12.900
Kirchliches Leben: 12.900
Auftreten von Gewalt: 16.700

Länderprofil Nigeria

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 12 / 80 Punkte (WVI 2018: Platz 14 / 77 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Islamische Unterdrückung: Die Verfolgung von Christen im Norden Nigerias wird meistens mit Boko Haram in Verbindung gebracht. Das Verfolgungsmuster ist insgesamt jedoch viel komplexer und darf nicht auf Ermordungen von Christen seitens militanter islamistischer Gruppen reduziert werden. Das trifft besonders auf die zwölf nördlichen Scharia-Bundesstaaten zu, in denen lokale Behörden und die Gesellschaft Christen kaum Raum für das Leben ihres Glaubens lassen. Gewalt geht zudem von muslimischen Fulani-Viehhirten aus, die im zentralen Gürtel des Landes Überfälle auf christliche Häuser durchführen. Alle Christen sind von dieser Triebkraft betroffen, am stärksten jedoch Christen muslimischer Herkunft. Es kann sehr gefährlich sein, als Christ im Norden Nigerias zu leben. Die Scharia-Gesetzgebung wird in zwölf mehrheitlich muslimischen Staaten angewandt. Dort ist es illegal, vom Islam zu einem anderen Glauben zu wechseln und Christen wird häufig deutlich gezeigt, dass sie nicht willkommen sind.

Organisiertes Verbrechen und Korruption: Nigeria ist eines der korruptesten Länder der Welt. Auf dem Index von Transparency International für 2017 wird Nigeria auf Rang 148 geführt. Eine große Anzahl Regierungsbeamter und privater Gruppen sind an Korruption und kriminellen Aktivitäten beteiligt. Kriminelle Netzwerke sind in Erpressungen und Entführungen verwickelt. Korrupte Beamte sind mitverantwortlich für die schwache und wirkungslose Reaktion nigerianischer Regierungstruppen auf Angriffe gegen Christen durch islamische Gruppen. Der Einfluss krimineller Netzwerke im Land geht über die Landesgrenzen hinaus und hat internationale Auswirkungen.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Die Feindschaft gegenüber Christen wird häufig durch extremistische islamische Lehren und deren Ausübung geschürt. Das wird durch die Tatsache verstärkt, dass der Islam die dominierende Religion im nördlichen Teil Nigerias ist, während im Süden das Christentum vorherrscht. Die Rivalität zwischen ethnischen Gruppen im Süden und Norden ist eine weitere Ursache, die zur Verfolgung von Christen beiträgt. Besonders im nördlichen Nigeria und dem zentralen Gürtel des Landes verfolgen extremistische bewaffnete Gruppen wie Boko Haram und die muslimischen Fulani-Hirten Christen sehr aktiv. Das verstärkte Auftreten von Gewalt auch in zentralen Landesteilen deutet darauf hin, dass sich die gewaltsame Verfolgung im Land südwärts ausbreitet. Weiterhin gibt es Korruption auf allen Regierungsebenen. Kriminelle Gruppen sind häufig nach ethnischen Gesichtspunkten organisiert und in Menschen- und Drogenhandel involviert; beide Gruppen sind für den Anstieg der Verfolgung von Christen verantwortlich. Die Situation wird dadurch erschwert, dass einige Politiker die Gewalt in zentralen Teil des Landes als ressourcenbasierten Konflikt betrachten und dabei die religiöse Komponente ausblenden.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Die meisten Christen im südlichen Teil des Landes leben in einem Umfeld, wo ihre Glaubensfreiheit respektiert wird. Christen im Norden und im zentralen Gürtel Nigerias leiden jedoch unter der Gewalt militanter islamischer Gruppen. Durch diese Gewalt kommen Menschen ums Leben, erleiden körperliche Verletzungen und verlieren Eigentum. Damit geht oft auch der Verlust ihres Grundbesitzes und folglich ihrer Erwerbsquellen einher. Im nördlichen Nigeria, besonders in den Scharia-Staaten, werden Christen diskriminiert und wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Christen mit muslimischem Hintergrund erleben zudem die Zurückweisung durch ihre eigenen Familien und den Druck, ihren christlichen Glauben aufzugeben.

Korruption hat das Land geschwächt und dazu geführt, dass es schlecht ausgerüstet ist, um Christen vor den Taten gewalttätiger islamistischer Gruppen zu schützen. Manchmal dienen Kirchengemeinden sogar als Instrument zur Geldwäsche. Gemeinden, die in derartige kriminelle Aktivitäten verwickelt sind (indem sie zum Beispiel Spenden zwielichtiger Wohltäter annehmen) werden mitunter zum Ziel gewaltsamer Anschläge mit rein kriminellem Hintergrund.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Am 24. April 2018 griffen Fulani-Hirten während der Morgenmesse eine katholische Kirche im Bundesstaat Benue an. Dabei wurden zwei Priester und 17 Gemeindemitglieder getötet. Anschließend brannten sie 60 Häuser des Dorfes sowie Ackerland und Scheunen nieder.
  • Am 23. Juni 2018 wurden 120 Christen von Fulani-Hirten im Bundesstaat Plateau umgebracht, als sie von einer Beerdigung zurückkehrten. Die Kirchen in diesem Gebiet ließen am Sonntag, dem 24. Juni, aus Furcht vor weiteren Attacken ihre Gottesdienste ausfallen.
  • Am 17. Februar 2018 attackierten Kämpfer von Boko Haram ein christliches Dorf im Bundesstaat Borno. Der Angriff, bei dem 106 Menschen umgebracht wurden, hatte besonders männliche Bewohner des christlichen Ortes zum Ziel.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 80 Punkten belegt Nigeria Platz 12 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2019. Im Vorjahr war Nigeria mit einer Punktzahl von 77 Punkten an 14. Stelle platziert. Der durchschnittliche Druck stieg von 12,1 Punkten auf 12,7 Punkte. Damit wird vor allem der steigende Druck im Alltag der Christen beschrieben, die in den mehrheitlich von Muslimen bewohnten Dörfern im Norden des Landes leben. Der Wert für das Auftreten von Gewalt stieg auf die Maximalpunktzahl 16,7 an. Die Gewalt gegen Christen, die von Boko Haram und Fulani-Hirten verübt wurde, hat großes Leid unter den Christen in den nördlichen und zentralen Teilen des Landes verursacht.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

„Islamische Unterdrückung“ ist zur stärksten Triebkraft der Verfolgung in Nigeria geworden, besonders nachdem sich die durch die islamistische Gruppierung Boko Haram ausgeübte Gewalt intensiviert hat. Die Verfolgung von Christen in Nordnigeria wird meistens mit Boko Haram in Verbindung gebracht. Das Verfolgungsmuster für das Land ist jedoch viel komplexer und darf nicht auf gewaltsame Übergriffe und Ermordungen von Christen (und gemäßigten Muslimen) seitens militanter islamistischer Gruppen reduziert werden. Muslimische Interessengruppen, religiöse Leiter, Nachbarn und Familien sind ebenfalls an der Verfolgung von Christen beteiligt. Das trifft besonders auf die zwölf nördlichen Scharia-Bundesstaaten zu, in denen lokale Behörden und die Gesellschaft Christen kaum Raum zum Leben ihres Glaubens lassen. Die in den 1980er-Jahren begonnene Entwicklung während der gewalttätigen Maitatsine-Aufstände hat sich 2001 mit der Einführung der Scharia, der islamischen Rechtsprechung, fortgesetzt. Christen wurden im Norden Nigerias mehr und mehr Ziel gewalttätiger Übergriffe von Dschihadisten. Boko Haram hat in den vergangenen Jahren daran anknüpfend einen systematischen Kampf gegen den nigerianischen Staat geführt. Ideologie, Rhetorik und Handlungen waren dabei spezifisch gegen Christen gerichtet. Ihr Ziel war und ist die Errichtung eines islamischen Staates. Mit der für den extremistischen Islam typischen Rhetorik hat Boko Haram im August 2014 in Gwoza (Bundesstaat Borno) ein Kalifat ausgerufen. Die Ausweitung des Kalifats wurde zwar von Regierungstruppen gestoppt, doch tausende Menschen leiden noch immer unter der Gewalt von Boko Haram, besonders Christen. Dadurch wächst in der ganzen Region, wenn nicht sogar im ganzen Land, das gegenseitige Misstrauen zwischen Christen und Muslimen.

Andere islamische Angreifer, meist als Fulani-Hirten identifiziert, verüben (häufig nachts) Überfälle auf mehrheitlich christliche Dörfer in zentralen Landesteilen. Auch hier gibt es zahlreiche unschuldige Opfer, darunter auch Frauen und Kinder. Berichten zufolge gibt es Bestrebungen der Regierungen in Benue, Kaduna, Nasarawa und Taraba, Weideplätze für die Fulani einzurichten. Damit würden den einheimischen Christen beträchtliche Ländereien genommen. Viele christliche Kommunen würden ihrer Häuser und Felder und somit ihrer Lebensgrundlage beraubt. Boko Haram agiert jedoch auch in den benachbarten Ländern. Die Gruppe rekrutiert Mitglieder in Nigeria, Niger, dem Tschad, Kamerun und anderen Ländern. Das bedeutet, dass sie sich hier leicht neu formieren können, selbst wenn die Situation in Nigeria für sie schwierig wird.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Mehrere kriminelle Netzwerke operieren in Nigeria. Global Security schrieb im Februar 2016: „Die profitabelste Unternehmung in Nigeria ist der Drogenhandel – die Lieferung von Heroin aus Südost- und Südwestasien nach Europa und in die USA sowie von Kokain aus Südamerika nach Europa und Südafrika." Da diese Netzwerke des organisierten Verbrechens auch Kirchengemeinden erpressen und teilweise durch Entführungen unter Druck setzen, stellen sie für die Christen eine Bedrohung dar. Im Süden Nigerias haben kriminelle Gruppen einzelne Christen gezielt ermordet. Zusätzlich hat die allgegenwärtige Korruption im Land dazu beigetragen, dass nigerianische Sicherheitskräfte nur sehr schwach und uneffektiv auf die Gefahren reagieren, die den Christen von Boko Haram oder den Fulani-Hirten drohen.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

Gewalttätige Gruppen, Dorfvorsteher und die eigene (Groß-)Familie sind die häufigsten Verfolger von Christen in Nigeria. Im Norden verübten islamisch-extremistische Gruppen wie Boko Haram in den vergangenen Jahren zahlreiche Angriffe auf Christen, wobei es zu Morden, Folter und Entführungen kam. Einige islamische Interessengruppen beeinflussen die muslimische Gesellschaft und bringen auch sie dazu, Christen anzugreifen und zu verfolgen. Zudem agieren einige Regierungsbeamte als Verfolger aus islamisch-religiösen Motiven.

Ausgehend von Organisiertem Verbrechen und Korruption

Korrupte Staatsbeamte und organisierte kriminelle Netzwerke sind im Drogenhandel involviert. In einigen Gegenden im Süden Nigerias versuchen kriminelle Gruppen sogar, mithilfe von Kirchen Geldwäsche zu betreiben. Als Folge davon lassen sich Kirchen und Christen in die Konflikte und Gewalt dieser Gruppierungen verstricken. Auch korrupte Beamte tragen zur Verfolgung von Christen im nördlichen Teil des Landes bei, da sie die Verfolgung durch muslimische Interessengruppen ignorieren oder Gewalttäter nicht bestrafen. In einigen Fällen waren korrupte Beamte sogar aktiv in die Verfolgung von Christen wegen ihres Glaubens involviert.

4. Hintergrund

Am 29. Mai 2015 wurde Muhammadu Buhari als vierter Präsident seit Einführung der neuen nigerianischen Verfassung vereidigt. In seiner Rede zum Amtsantritt versprach er, dem Land zu „wachsendem Wohlstand" zu verhelfen, sowie gegen Korruption und Boko Haram vorzugehen. Diese beschrieb er als „gottlose Gruppe ohne Verstand, die so weit weg vom Islam ist, wie man es sich nur vorstellen kann“. Tatsächlich war die nigerianische Armee relativ erfolgreich darin, die von Boko Haram besetzten Gebiete zurückzuerobern. Trotz des Erfolges im Kampf gegen Boko Haram, welche maßgeblich für die Gewalt gegen Christen in den letzten Jahren verantwortlich war, bleibt die anhaltende Gewalt gegen Christen im mittleren Teil Nigerias ein großer Grund zur Sorge. Wie von der Forschungsabteilung World Watch Research von Open Doors im Jahr 2015 berichtet, hat sich in diesem Gebiet im Schatten von Boko Haram eine Gewaltspirale entwickelt: Angriffe der muslimischen Fulani-Hirten und von Siedlern haben zum Tod tausender Christen und zur Zerstörung hunderter Kirchen und Gemeindegebäude geführt.

Christen erleben jedoch nicht überall in Nigeria Verfolgung durch Islamische Unterdrückung. Unter dem Aspekt „Auftreten von Gewalt“ gegen Christen kann Nigeria in verschiedene Gebiete eingeteilt werden:

  • Der Norden (19 Staaten und das Gebiet der Hauptstadt Abuja) ist überwiegend muslimisch, wobei die Christen in den Staaten im zentralen Gürtel des Landes in der Mehrheit sind. Große Teile des zentralen Gürtels haben sich mittlerweile den zwölf sogenannten „Scharia-Staaten“ des Nordens angeschlossen. Im Bundesstaat Kaduna beispielsweise ist die Mehrheit der Bevölkerung im Norden muslimisch, im Süden mehrheitlich christlich. Die Verwaltung von Kaduna wird allerdings von Muslimen dominiert.
  • Der Süden (17 Staaten) ist überwiegend christlich, wobei im Südwesten (Yoruba) zahlreiche Muslime leben.

Mit fast 200 Ethnien und Stammesgruppen sowie 500 Sprachen ist Nigeria eines der komplexesten Länder des Kontinents. Die Verfolgung der Christen geht in einigen Staaten mit Kämpfen um Rohstoffe einher. Laut Berichten von Menschenrechtsaktivisten untersucht die Regierung nur selten Morde und Misshandlungen von Christen durch islamisch-extremistische Gruppen oder Einzeltäter. Damit vernachlässigt die Regierung ihre internationalen Verpflichtungen, wie sie etwa in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte festgelegt sind. Hinzu kommt, dass Boko Haram vielen Berichten zufolge alles versucht, um einen offenen Krieg zwischen Muslimen und Christen auszulösen.

Es ist möglich, dass sich die Spannungen im Angesicht der im Februar 2019 anstehenden Wahlen noch verstärken. Die beiden Rivalen, denen in den Präsidentschaftswahlen die meisten Chancen eingeräumt werden, sind der Amtsinhaber Muhammadu Buhari, der aus dem Norden stammt und dem „All Progressives Congress" (APC) angehört, sowie Atiku Abubakar, ebenfalls aus dem Norden und von der „People's Democratic Party" (PDP). Er hat vier Frauen und 28 Kinder.

5. Betroffene Christen

Christen aus traditionellen Kirchen

Dazu gehören römisch-katholische und protestantische Kirchenmitglieder wie Anglikaner, Methodisten und Lutheraner. Aufgrund der Angriffe von Boko Haram war erwartet worden, dass die Anzahl der Christen abnimmt. Obwohl es zutrifft, dass die meisten der Getöteten, Vertriebenen und Geflohenen Christen sind, gibt es Anzeichen dafür, dass die christliche Bevölkerung dennoch gewachsen ist. So hat die Römisch-Katholische Kirche neue Diözesen gegründet, und die Anzahl protestantischer Christen wächst Untersuchungen zufolge schneller als erwartet.

Christen muslimischer Herkunft

In den nördlichen Scharia-Staaten ist es illegal, den Islam zu verlassen. Deswegen ist eine Abkehr vom Islam hin zum christlichen Glauben gefährlich und kann viele Schwierigkeiten nach sich ziehen, wie zum Beispiel Morddrohungen, Prügelattacken oder Festnahmen. Wegen dieser Gründe entscheiden sich die meisten Christen muslimischer Herkunft dafür, ihren Glauben nicht öffentlich zu zeigen oder über ihn zu reden. Im Norden gibt es zudem viele Untergrundkirchen.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Die Anzahl evangelikaler und pfingstkirchlicher Gemeinschaften in Nigeria wächst. Sie machen mittlerweile gut 20 Prozent der nigerianischen Gemeinde aus, Tendenz steigend. In vielen der nördlichen Staaten erleben sie die gleiche Not wie andere Christen, einschließlich gewalttätiger Angriffe auf ihr Leben und Eigentum seitens militanter Gruppierungen und Diskriminierung durch örtliche Behörden.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.3
Familienleben 11.8
Gesellschaftliches Leben 13.4
Leben im Staat 12.9
Kirchliches Leben 12.9
Auftreten von Gewalt 16.7

Grafik: Verfolgungsmuster Nigeria

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen in Nigeria liegt bei 12,7 Punkten, was einen Anstieg von 0,6 Punkten gegenüber dem Vorjahr bedeutet.
  • Die Wertung übertrifft in allen Lebensbereichen 11 von maximal 16,7 Punkten und zeigt damit ein sehr hohes Niveau von Verfolgung. Am stärksten ist der Druck im Bereich „Gesellschaftliches Leben" (13,4 Punkte).
  • Im Bereich „Auftreten von Gewalt“ erhielt Nigeria die Maximalwertung von 16,7 Punkten. Dies stellt einen Anstieg von 0,2 Punkten im Vergleich zum WVI 2018 dar.

Privatleben

Das Privatleben von Christen im Norden und Zentrum des Landes wird besonders durch extremistische islamische Gruppen wie Boko Haram beeinträchtigt. Das gilt besonders für die Staaten Bauchi, Gombe, Yobe und Borno. Immer mehr Christen werden unter Druck gesetzt, Symbole ihres Glaubens oder auch Bibeln nicht offen zu zeigen. In den Gebieten Ganye und Jada sowie weiten Teilen von Borno und Yobe kleiden sich Christen mittlerweile sogar wie Muslime, um christliche Gegenstände oder Schriften, die sie bei sich tragen, zu verbergen und nicht gelyncht zu werden. Christen muslimischer Herkunft leben in den muslimisch geprägten nördlichen Teilen des Landes sogar noch gefährdeter. Von ihnen zeigt fast niemand seinen Glauben öffentlich oder spricht darüber. Sie praktizieren ihren Glauben in aller Regel heimlich.

Familienleben

Das Familienleben wird Christen schwer gemacht und ist in manchen Fällen sogar gefährlich für sie, besonders im nördlichen Teil des Landes. Dort können Christen ihre Verstorbenen nicht auf öffentlichen Friedhöfen beisetzen. Christliche Mädchen stehen in Gefahr, entführt und zwangsverheiratet zu werden. Noch größer sind die Gefahren im familiären Rahmen für Christen muslimischer Herkunft. Im Norden Nigerias vermeiden es diese, mit anderen Personen über ihren Glauben zu reden.

Gesellschaftliches Leben

Der Druck im gesellschaftlichen Leben ist vor allem in den nördlichen Gebieten Nigerias sehr hoch, besonders in den Scharia-Staaten. Dort werden Kinder von Christen in staatlichen Schulen zur Teilnahme am Islamunterricht gezwungen. Christliche Schüler stehen in erhöhter Gefahr, an ihren Schulen entführt zu werden. Einige Eltern haben deshalb sogar ihre Kinder aus der Schule genommen.

Leben im Staat

Auch in diesem Lebensbereich konzentrieren sich die Probleme vor allem auf die nördlichen Regionen. Auf dem Arbeitsmarkt wird selbst gut ausgebildeten Christen die Einstellung verweigert; anderen werden Arbeitsstellen unter der Bedingung angeboten, dass sie ihren christlichen Glauben aufgeben. In den nördlichen Scharia-Staaten leben Christen in ständiger Angst angesichts eines unberechenbaren Umfeldes: Vertreter der örtlichen Behörden setzen sie immer wieder unter Druck, manchmal mithilfe der „Hisba“ (Scharia-Polizei) und Dawa-Komitees (islamische Missionare). In den Nordstaaten, in denen die Scharia nicht eingeführt wurde, ist der Druck vergleichsweise etwas weniger ausgeprägt. Trotzdem erleben Christen auch hier Diskriminierungen und haben Schwierigkeiten, Arbeitsstellen im öffentlichen Bereich zu finden. Christen muslimischer Herkunft sind davon stärker betroffen als alle anderen Christen. In den zwölf Staaten, die der Scharia-Gesetzgebung folgen, ist der Glaubenswechsel illegal. Aus diesem Grund verlassen viele Konvertiten den Norden.

Kirchliches Leben

Für Kirchen im Norden Nigerias wird es immer schwieriger, Gottesdienste zu feiern. Es gab in den vergangenen Jahren zahlreiche Angriffe auf Kirchen. Noch größer ist die Bedrohung, wenn sie offen Christen mit muslimischem Hintergrund aufnehmen. Es besteht immer die Gefahr, dadurch die Aufmerksamkeit der islamischen Gemeinschaft zu erregen, was zu Gewalttaten gegen Kirchen im gesamten Umkreis führen könnte. Wie die Daten für den aktuellen Berichtszeitraum zeigen, wurden hunderte Kirchen im Land angegriffen, vor allem in den nördlichen und den zentralen Bundesstaaten. Islamische Extremisten greifen verstärkt Pastoren an, um das Wachstum der Kirchen zu stoppen.

Auftreten von Gewalt

Wie auch in den letzten Jahren war die Gewalt gegen Christen in Nigeria im Berichtszeitraum äußerst hoch. Boko Haram hat seine Angriffe auf Christen weitergeführt. Inzwischen kommen bei Angriffen muslimischer Fulani-Hirten sogar noch mehr Christen ums Leben als durch Boko Haram. Ihre Überfälle führten zu Tod, Enteignung und der Vertreibung tausender Christen. Beispiele für das „Auftreten von Gewalt“ gegen Christen sind im Abschnitt „Zusammenfassung" aufgelistet.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Häufig werden Frauen und Mädchen entführt und werden Opfer sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen. Das ist eine übliche Vorgehensweise von Boko Haram und auch der muslimischen Fulani-Hirtengruppen. Viele der Frauen und Mädchen werden zur Ehe mit Nichtchristen gezwungen. Die Tatsache, dass in einigen Staaten die Eheschließung von Minderjährigen rechtlich zulässig ist, trägt zu diesem Problem bei (ebenso wie kulturelle und religiöse Normen, die Mädchen davon abhalten, in die Schule zu gehen). Die Verfolgung von Frauen und Mädchen hat zerstörerische Auswirkungen auf die christliche Kirche und christliche Familien. Neben der starken emotionalen Belastung und den sozialen Kosten, die diese Verfolgung mit sich bringt, wird dadurch auch das wirtschaftliche Auskommen einiger Gemeinschaften beeinträchtigt. Hiervon sind vor allem solche Gemeinschaften betroffen, in denen Witwen die Hauptverdiener der Familien sind.

Männer

Christliche Männer und Jungen sind besonders im nordöstlichen Teil des Landes, wo Boko Haram aktiv ist, gezielten Angriffen der Extremisten ausgesetzt. Viele wurden angegriffen, entführt und gezwungen, sich der militanten Gruppe anzuschließen. Solche Angriffe haben eine verheerende Wirkung auf die Kirche und christliche Familien.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Außer Christen sind auch schiitische Muslime im Norden Nigerias gewaltsamen Angriffen durch sunnitische Gruppierungen ausgesetzt. Auch die Zeugen Jehovas bilden in Nigeria eine Minderheit, die vor allen Dingen im Norden des Landes Diskriminierung und Gewalt erleben. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in den nördlichen Bundesstaaten alle religiösen Minderheiten, die nicht der mehrheitlich verbreiteten Form des Islam angehören, auf die eine oder andere Art Druck und Gewalt erleben.

9. Ausblick

Der politische Ausblick

Als eines der komplexesten und korruptesten Länder Westafrikas hat Nigeria mit tiefgreifenden Problemen zu kämpfen. Der Aufstieg Boko Harams im vergangenen Jahrzehnt hat die Situation noch komplizierter werden lassen. Politische Bündnisse reflektieren diese komplexe Realität: Christen und Muslime lassen sich in Wahlen gemeinsam aufstellen, um mehr Wähler anzuziehen. Muslimische Präsidentschaftskandidaten einer großen Partei aus dem Norden bestimmen beispielsweise häufig einen Christen aus dem Süden zu ihrem designierten Vizepräsidenten und andersherum.

In den vergangenen fünf Jahren haben die Christen in Nigeria einige der verheerendsten Angriffe islamischer Extremisten erlebt. Der „Global Terrorism Index 2018" führt Nigeria für das Jahr 2017 auf Platz 3 der Länder, die am stärksten von Terrorismus betroffen sind. Die Reaktionen der Regierung sind offensichtlich unzureichend, da die Täter weiterhin in der Lage sind, Christen ungestraft anzugreifen. Dies wird auch künftig ein ernsthaftes Problem für die Christen und die Regierung Nigerias bleiben. Während die nigerianische Armee in ihrem Kampf gegen Boko Haram zum Teil erfolgreich war, verüben diese vermehrt Überfälle in benachbarten Ländern wie Niger, dem Tschad und Kamerun. Sollten Nigeria und andere Länder der Region Boko Haram zu früh als besiegt erklären, könnte dies der Gruppe die Möglichkeit verschaffen, sich neu zu formieren und weiterhin Anschläge auf Christen in Nigeria und anderen Ländern der Region auszuüben. Daher ist die Situation von Christen im Norden Nigerias teilweise davon abhängig, ob Nigerias Regierung und die anderen Länder der Region ihren Kampf gegen Boko Haram effektiver und umfassender fortführen werden, ohne nachzulassen.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Die Situation für Christen ist in vielen Teilen Nigerias sehr gefährlich. In einigen Gegenden nimmt die Gewalt gegen Christen das Ausmaß ethnischer Säuberungen an. Die Triebkraft Islamische Unterdrückung wird in der vorhersehbaren Zukunft sehr wahrscheinlich weiterhin in Nigeria bestehen und den Norden des Landes zu einem gefährlichen Ort für Christen machen. Die Regierung war bisher zurückhaltend, was Maßnahmen gegen die Gewalt der muslimischen Fulani-Hirten und Siedler angeht, die um die Kontrolle der zentralen Landesteile kämpfen. Die nächsten Wahlen finden am 16. Februar 2019 statt, einen Monat nach der Veröffentlichung dieses Berichtes. Sie werden sehr wahrscheinlich signifikante Auswirkungen im Land haben. Es besteht die Gefahr, dass Ethnie und Religion für Wahlkampagnen instrumentalisiert werden.

Schlussfolgerung

Seit Präsident Buhari an die Macht gekommen ist, haben militärische Offensiven zwar zur zahlenmäßigen Dezimierung von Boko Haram geführt, die Gruppe hat jedoch ihre Widerstandsfähigkeit bewiesen, indem sie in schwache Nachbarländer gezogen ist. Es gibt zudem zahlreiche Angriffe im zentralen Gürtel des Landes, und die Regierung hat bisher keinen Plan zur Lösung dieser Krise vorgelegt. Als Ergebnis ist die Zahl der Binnenflüchtlinge sowohl in den zentralen Landesteilen als auch im Norden Nigerias in die Höhe geschnellt. Unter ihnen sind viele Christen. Hilfe von nationalen oder internationalen Hilfsorganisationen gibt es für sie kaum. Sie sind unfreiwillige Zeugen für die Übermacht der Verfolger und die gleichzeitige Schutzlosigkeit der Verfolgten in dieser Region. Diese Situation bei gleichzeitig ausbleibender Strafverfolgung lädt zu weiteren Übergriffen ein und versetzt die christliche Bevölkerung in einen Zustand konstanter Angst. Die Spirale der Gewalt kann nur gestoppt werden, wenn die internationale Weltgemeinschaft mit Nothilfe und anderen Maßnahmen eingreift, und die Regierung einen umfassenden Plan vorlegt, der diese komplexe und todbringende Situation adressiert. Vor diesem Hintergrund finden die anstehenden Wahlen im Februar 2019 statt. Es ist wahrscheinlich, dass Ethnie und Religion für Wahlkampagnen instrumentalisiert werden. Die Wahlen könnten die Regierungspartei und den Präsidenten jedoch dazu bringen, mehr auf die Sorgen und Nöte der Christen einzugehen. Allerdings besteht auch das Risiko, dass eine verstärkte Mobilisierung der Wählerschaft auf Grundlage ethnischer Zugehörigkeit und Religion schon vor der Wahl im Jahr 2019 zur Realität wird, falls der erkrankte Präsident Buhari während seiner Amtszeit versterben sollte.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Nigeria:

  • Die Christen in den zwölf nördlichen Bundesstaaten Nigerias sind mit starker sozialer Ausgrenzung bezüglich Bildung, Arbeit und Gesundheitsfürsorge konfrontiert. Beten Sie, dass diese Christen nicht entmutigt werden, sondern Gott trotz der Verfolgung dienen und mit Hoffnung erfüllt werden. Beten Sie, dass sie ihren Glauben nicht aufgeben, um ein leichteres Leben führen zu können.
  • Obwohl die Regierung versprochen hat, die Gewalt durch Boko Haram zu beenden, finden in einigen Gegenden im Nordosten noch immer Angriffe statt. In den zentralen Landesteilen tragen Christen oft die Hauptlast der Angriffe durch militante Fulani-Gruppen. Diese greifen Dörfer von Christen an, töten Menschen, zerstören Häuser und Eigentum und nehmen Ackerland in Besitz. Beten Sie, dass die Regierung alles in ihrer Macht Stehende tut, um diese Gemeinschaften vor weiterer Gewalt zu schützen. Beten Sie, dass alle Gewalttäter zur Rechenschaft gezogen werden. Beten Sie um Gottes Versorgung für alle, die durch die Gewalt vertrieben wurden.
  • Trotz der Herausforderungen wächst die Kirche in Nigeria. Beten Sie für Weisheit, Mut und gute Jüngerschaft für Pastoren und ihren Dienst an Christen, die häufig mit Problemen kämpfen. Beten Sie, dass sie die notwendigen Ressourcen haben, um ihre Gemeinden im Glauben mit Hoffnung und Ausdauer anzuleiten.
  • Die stetig wachsende Zahl der Christen muslimischer Herkunft steht vor zahlreichen Herausforderungen. Sie werden schwer verfolgt und mit dem Tod und sozialer Ausgrenzung bedroht. Die Kirchen sind oft nicht gut genug ausgerüstet, um sie materiell und geistlich zu unterstützen. Beten Sie, dass sie in ihrer Nachfolge und ihrer Liebe zu Jesus weiter wachsen.
  • 2019 ist Wahljahr in Nigeria. Der Erfahrung nach ist das eine sehr angespannte Zeit für das Land. Am 16. Februar 2019 finden die landesweiten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Die Bundesstaaten wählen am 2. März 2019. Beten Sie für friedliche, freie und faire Wahlen. Beten Sie, dass Gott sein Ziel mit Nigeria erreicht.
  • Open Doors arbeitet mit der einheimischen Kirche zusammen, um die verfolgten Christen im Norden Nigerias zu stärken, zu unterstützen und auszurüsten. Das geschieht durch Seminare zur Vorbereitung auf Verfolgung, Gemeindepädagogik, Gemeindeerneuerung, Unterstützung neuer Christen und Jüngerschaft, Ausbildung von Leitern, Rechtsbeistand, Traumatherapie und Nothilfe. Beten Sie, dass diese Bemühungen Gott verherrlichen. Beten Sie für Kraft, Bewahrung und göttliche Weisheit für die Mitarbeiter, die mit traumatisierten Menschen arbeiten. Beten Sie, dass ihre Fürsorge die betroffenen Christen darin bestärkt, dass sie geliebt und nie allein sind.

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