Länderprofil Nigeria

Nigeria

9
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Nigeria
Hauptreligion
Christentum / Islam
Platz Vorjahr
12
Karte Nigeria
Christen
95,36
Bevölkerung
206.15
Islamische Unterdrückung
Ethnisch-religiöse Feindseligkeit
Diktatorische paranoia
Privatleben: 13.300
Familienleben: 13.200
Gesellschaftliches Leben: 13.900
Leben im Staat: 14.100
Kirchliches Leben: 14.100
Auftreten von Gewalt: 16.700

Länderprofil Nigeria

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 9 / 85 Punkte (WVI 2020: Platz 12 / 80 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Für die Christen in Nigeria ergeben die Triebkräfte der Verfolgung eine erdrückende Kombination aus islamischer Unterdrückung, ethnisch begründeten Anfeindungen, diktatorischer Paranoia und organisiertem Verbrechen und Korruption.

Nigeria hat eine Geschichte erzwungener Islamisierung. Bevor sich die britische Kolonialregierung in Nigeria einrichtete, begann Usman Dan Fodio, ein islamisch-extremistischer Gelehrter aus dem Volk der Fulani, im Jahr 1804 einen islamischen Dschihad in Gobir und gründete 1808 das Kalifat von Sokoto. Er hatte geschworen, den Islam von der Sahara im Norden bis hin zum Atlantik im Süden mit der Gewalt des Schwertes durchzusetzen. Diese erzwungene Islamisierung gewann 1999 mit der Einführung der Scharia in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias an Dynamik. Seitdem hat sie sich allmählich durch gewaltsame, aber auch gewaltfreie, Mittel entfaltet.

Seit Beginn der Präsidentschaft von Muhammadu Buhari ab 2015 nimmt islamistisch-militante Gewalt zu. Zusätzlich zu dem bis dahin Geschehenen, hat die Regierung zugelassen, dass brutale Gewalttaten ungestraft weitergehen. Der Gewalt sind viele Nigerianer zum Opfer gefallen, vor allem aber Christen. Die meisten Taten werden im Norden des Landes begangen. Urheber sind Boko Haram, die Splittergruppe „Islamischer Staat in der Provinz Westafrika“ (ISWAP), die sich von Boko Haram abgespalten hat, Fulani-Kämpfer und bewaffnete Banditen. Allerdings breiten sich die Angriffe auch in den Süden aus. Menschen werden ermordet, körperlich verletzt und ihres Eigentums beraubt. Diese Gewalt bedeutet für Christen oft auch den Verlust von Grundbesitz und folglich ihrer Erwerbsquellen.

Im nördlichen Nigeria, besonders in den Scharia-Staaten, werden Christen diskriminiert und wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Christen mit muslimischem Hintergrund werden zudem durch ihre eigenen Familien zurückgewiesen und unter Druck gesetzt, ihren christlichen Glauben aufzugeben. Darüber hinaus hat die Regierung unter Präsident Buhari seit 2015 überwiegend Muslime aus dem Norden in bestimmte, entscheidende Ämter berufen, darunter Sicherheitsorgane wie Militär, Luftwaffe, Polizei, Einwanderungsbehörde, Diplomatischer Sicherheitsdienst (DSS), Zoll, Zivilschutz, Strafvollzug usw. Das Gleiche gilt zunehmend auch für die Justiz in Nigeria. Die Herausforderung bei all dem ist die offizielle Politik der Leugnung von Verletzungen der Religionsfreiheit gegen Christen durch die Regierung.

Dieser Prozess der Islamisierung geschieht vor dem Hintergrund des Klimawandels, der Umweltzerstörung und des Bevölkerungswachstums. Das alles treibt die Fulani-Hirten mit ihrem Vieh Richtung Süden in den Mittelgürtel und die südlichen Regionen des Landes. Die so entstehenden Spannungen zwischen Hirten und Farmern sind ein altbekanntes Thema in der Geschichte der Menschheit, werden jedoch von politischen und religiösen Leitern instrumentalisiert, um die Islamisierung des Landes voranzutreiben. Insbesondere jetzt, da junge Christen beginnen, sich gegen die zunehmend gewalttätigeren Übergriffe von Boko Haram, ISWAP, Fulani-Kämpfern und bewaffneten Banden zu wehren, werden die Darstellungen unübersichtlich. Die Gefahr der Verschleierung von Verfolgung wird größer. Das wird durch die Einstufung der Vorgänge im Land als „Auseinandersetzungen zwischen religiösen Gruppierungen“, „soziale Konflikte“ oder „zivile Unruhen“ weiter verschärft.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

85

9

2020

80

12

2019

80

12

2018

77

14

2017

78

12

Die Wertung Nigerias ist im Vergleich zum Vorjahr um 5 Punkte gestiegen, da sich der durchschnittliche Druck in allen Lebensbereichen um 1 Punkt erhöht hat. Der Wert für Gewalt ist mit 16,7 Punkten auf dem maximal möglichen Niveau geblieben. Die Gewalt gegen Christen, die von Boko Haram, ISWAP und Fulani-Kämpfern sowie von bewaffneten Banditen verübt wurde, verursacht weiterhin großes Leid unter den Christen in den nördlichen und zentralen Teilen des Landes. Die höhere Punktzahl für den durchschnittlichen Druck wurde durch die Auswirkungen der zunehmenden Gewalt verursacht, die auf den südlichen Teil des Landes überschwappt, was zu einem Anstieg des Drucks in verschiedenen Lebensbereichen der Christen im Süden beigetragen hat. Der Sicherheitsapparat, der weitgehend unter föderaler Kontrolle steht und während Buharis Präsidentschaft stark islamisiert wurde, handelt oft nicht zum Schutz der Christen. Die Situation nähert sich in dieser zweiten Amtszeit von Präsident Buhari einem kritischen Punkt.

2. Trends und Entwicklungen

1) Nigeria wird durch eine komplexe Kombination von tief verwurzelten Problemen geschwächt

Als eine der komplexesten und korruptesten Nationen in Westafrika hat Nigeria mit tiefgreifenden Problemen zu kämpfen. Aufgrund seiner Größe und seiner menschlichen und natürlichen Ressourcen hat es das Potenzial, eine starke Kraft auf dem Kontinent zu sein. Die politische Instabilität, die Unsicherheit und die grassierende Korruption, die das Land seit Jahrzehnten prägen und immer noch andauern, haben es jedoch erheblich geschwächt. Regionale, ethnische und religiöse Spannungen und die Konkurrenz unter Politikern verschärfen das Problem. Das Ausmaß, in dem diese Probleme angegangen werden, wird darüber entscheiden, ob Nigeria in der Lage sein wird, sein Potenzial zu verwirklichen und ein wohlhabendes und stabiles Land zu werden oder nicht. Die aktuellen Trends im Land scheinen jedoch darauf hinzudeuten, dass Nigeria auch weiterhin ein Land sein wird, das darum kämpft, sich über Wasser zu halten.

2) Die Regierung hat keine funktionierenden Lösungen für die Sicherheitskrise vorgelegt

Der Aufstieg von Boko Haram im letzten Jahrzehnt hat die Situation noch komplexer gemacht. Seit Präsident Buhari an der Macht ist, haben Militäroffensiven zur zahlenmäßigen Dezimierung von Boko Haram geführt. Aber die Kämpfer von Boko Haram haben ihre Widerstandsfähigkeit bewiesen, indem sie in schwache Nachbarländer ausgewichen sind und auch in Nigeria ihre Kräfte wieder aufgebaut haben. ISWAP ergänzte das Spektrum der gewalttätigen islamistischen Gruppen. Außerdem gibt es zahlreiche Angriffe von militanten Fulani und bewaffneten Banditen im Norden, die sich sogar auf den Süden ausweiten. Die Regierung hat keinen funktionierenden Plan zur Lösung der Krise vorgelegt.

Infolgedessen gibt es sowohl im mittleren Gürtel als auch in Norden Nigerias eine große Anzahl von Binnenflüchtlingen, unter ihnen zahlreiche Christen. Viele von ihnen werden nicht von nationalen oder internationalen Hilfsorganisationen versorgt. Sie sind ein sichtbares Zeugnis für die Übermacht der Täter und die hohe Verletzlichkeit der Opfer von Übergriffen in dieser Region. Dies wiederum fördert weitere, unbestrafte Gewalt und gipfelt in ständiger Angst unter der christlichen Bevölkerung, wo Angriffe an der Tagesordnung sind.

Dieser Teufelskreis kann nur durchbrochen werden, wenn die internationale Gemeinschaft mit humanitärer (und anderer) Hilfe eingreift und Druck auf die nigerianische Regierung ausübt, damit diese eine umfassende Politik zur Bewältigung dieser komplexen und tödlichen Situation entwickelt.

3) Christen haben angeblich begonnen, ihre eigene Verteidigung zu organisieren

Angeblich organisieren Christen zunehmend ihre eigene Verteidigung, obwohl sie kaum mit den Arten und Mengen von Waffen mithalten können, die ihre Gegner einsetzen. Ein Großteil der Christen in Nigeria ist jedoch immer noch nicht bereit, mit Gewalt zu reagieren. Einzelne christliche junge Männer, die sehen, wie ihre Mütter und Schwestern vergewaltigt und ihre Väter und Brüder getötet werden, neigen jedoch zunehmend dazu, sich zu bewaffnen und ihre Familien und Dörfer zu verteidigen. Dies ist eine sehr riskante Situation, denn ungeachtet des Konzepts des „gerechten Krieges“ (Selbstverteidigung) kann es leicht zu unverhältnismäßigen Vergeltungsmaßnahmen an Fulani-Dorfbewohnern und anderen Muslimen führen, sowie zu offenem Banditentum, wenn „gerechter Krieg“ und „persönliche Gewinnsucht“ verwechselt werden. Boko Haram, ISWAP, militante Fulani und bewaffnete Banditen verfügen über Waffentypen und -mengen, die Fragen nach ihrer Herkunft aufwerfen. Eine der Quellen könnte die Türkei sein, wie CBN News 2019 berichtete. Das Chaos, das durch eine solche Situation unter dem passiv beobachtenden Auge einer untätigen Regierung entsteht, verstärkt den Verdacht, dass bewusst ein Klima der Straflosigkeit, Anarchie und Korruption geschaffen wird, um die Agenda der Islamisierung voranzutreiben.

4) Nigeria könnte zu einer destabilisierenden Macht für die gesamte Region und darüber hinaus werden

Insbesondere durch die Taten von Boko Haram und ISWAP ist Nigeria zu einer destabilisierenden Macht für die umliegenden Länder geworden. Wenn Nigeria in naher oder ferner Zukunft aus dem derzeitigen Chaos als islamisierte Nation hervorgeht, die sich auf den Einfluss gewalttätiger islamischer Militanz stützt, wird Nigeria zu einer noch stärker destabilisierenden Macht für die gesamte Region, wenn nicht sogar für den gesamten afrikanischen Kontinent und vielleicht sogar darüber hinaus werden. Mit einer ähnlichen Situation sah sich die internationale Gemeinschaft konfrontiert, als der IS Teile Syriens und des Iraks eroberte. Die Situation in Nigeria wird jedoch vernachlässigt.

3. Religiöse Situation im Land

Nigeria ist eine religiös und ethnisch vielfältige Nation mit einer religiösen Bruchlinie: Der südliche Teil Nigerias ist überwiegend christlich, während der Norden Nigerias überwiegend muslimisch geprägt ist. Dies geht auf die Beschränkungen zurück, die während der Kolonialzeit für die Missionstätigkeit im Norden Nigerias galten, sowie auf die Dominanz der muslimischen Händler, die vor und während der Kolonialzeit in den nördlichen Teilen des Landes tätig waren. Diese regionale religiöse Kluft deckt sich teilweise auch mit der ethnischen Kluft in Nigeria. Von den drei großen ethnischen Gruppen in Nigeria sind die Hausa-Fulani im Norden Nigerias überwiegend muslimisch und die Igbo im Südosten Nigerias hauptsächlich christlich, während es unter den Yoruba im Südwesten Nigerias sowohl eine bedeutende muslimische als auch eine bedeutende christliche Gruppe gibt.

Religion spielt eine zentrale Rolle in der nigerianischen Gesellschaft. Nach Schätzungen der World Christian Database (WCD) von 2020 sind 46,2 % der Bevölkerung muslimisch und 46,3 % christlich. Obwohl Nigeria verfassungsmäßig ein säkularer Staat ist und die Religionsfreiheit in der Verfassung verankert ist, hat die herrschende Elite des Nordens seit fast 40 Jahren Muslime bevorzugt und Christen diskriminiert. Seit 1999 wurde die Scharia in zwölf nördlichen Bundesstaaten eingeführt, sehr zum Unmut und der Besorgnis der Christen. In der Region des mittleren Gürtels in Nigeria, einschließlich des südlichen Bundesstaates Kaduna, töten und vertreiben militante Fulani-Kämpfer Christen und übernehmen ihr Ackerland. Es wurde wenig getan, um die Übergriffe gegen Christen in diesen Gebieten zu stoppen.

Obwohl es eine religiöse Bruchlinie zwischen Nord- und Südnigeria gibt, ist die Situation nicht so eindeutig, wie sie zunächst scheint. Es gibt viele Christen im Norden und im mittleren Gürtel und viele Muslime, die im Süden leben. Zusammen machen Christen und Muslime 92,5 % der Bevölkerung aus. Die 7,2 % Anhänger traditioneller Religionen verteilen sich auf 32 der 37 politischen Bezirke des Landes. Der muslimische Bevölkerungsanteil kann direkt vom christlichen Bevölkerungsanteil abgeleitet werden, wie unten beschrieben:

  • In den zwölf nördlichen Scharia-Staaten (Bauchi, Borno, Gombe, Jigawa, Kaduna, Kano, Katsina, Kebbi, Niger, Sokoto, Yobe, Zamfara) leben 11.750.000 Christen (15 %) bei einer Bevölkerung von 78.364.000 Menschen. Muslime machen also 85 % der Bevölkerung aus, oder etwas weniger.
  • In den sieben Staaten im mittleren Gürtel (Adamawa, Benue, Kogi, Kwara, Nassarawa, Plateau, Taraba) leben 15.150.000 Christen (50 %) bei einer Bevölkerung von 30.067.000 Menschen. Muslime machen hier demnach 50 % der Bevölkerung aus, oder etwas weniger.
  • In den 17 südlichen Staaten (Abia, Akwa Ibom, Anambra, Bayelsa, Cross River, Delta, Ebonyi, Edo, Ekiti, Enugu, Imo, Lagos, Ogun, Ondo, Osun, Oyo, Rivers) leben 67.632.000 Christen (71 %) bei einer Bevölkerung von 95.658.000 Menschen. Muslime machen hier demnach 29 % der Bevölkerung aus, oder etwas weniger.
  • Die Region um die Hauptstadt Abuja weist eine christliche Bevölkerung von 40 % auf: 826.000 Menschen der hier lebenden 2.064.000 Menschen sind Christen. Muslime machen hier demnach 60 % der Bevölkerung aus, oder etwas weniger.

Diese Daten, die auf Recherchen von WCD basieren, implizieren, dass religiöse und ethnisch-religiöse Spannungen leicht zu einem landesweiten Problem werden können, wie es derzeit der Fall ist.

4. Triebkräfte der Verfolgung

Die Verfolgung in Nigeria ist eine Mischung aus vier sehr starken Triebkräften:

  • Islamische Unterdrückung
  • Ethnisch-religiöse Feindseligkeit
  • Diktatorische Paranoia
  • Organisiertes Verbrechen und Korruption

Eine Reihe von Indizien deutet darauf hin, dass einflussreiche Akteure die Islamisierung Nigerias um jeden Preis vorantreiben wollen. Das Leitmotiv hinter dieser potenziell explosiven Mischung aus Triebkräften der Verfolgung scheint Islamisierung um jeden Preis zu sein. Es ist schwer zu sagen, ob es so etwas wie eine politische Leitlinie (oder mehrere Leitlinien) gibt, die darauf ausgerichtet ist, oder ob man eher bewusst den Dingen ihren Lauf lässt. Ein früheres Zitat des amtierenden Präsidenten wäre ein Hinweis darauf, dass Chaos und Straflosigkeit Teil einer gezielte Eskalationsstrategie sind, um den Einfluss des Islam auszuweiten. So zitiert der nigerianische Autor Funom Makamas Buhari aus einer früheren Rede vor islamischem Studenten in Kaduna im Jahr 2001 mit folgenden Worten: „So Gott will, werden wir die Agitation für die vollkommene Implementierung der Scharia nicht aufhalten.“

In den nördlichen Staaten zwingen die Scharia-Gesetze Christen zunehmend in die Position von Bürgern zweiter Klasse. Sollte die Scharia zur Norm für das ganze Land werden, könnte dies die Zukunft für alle Christen in Nigeria sein, ebenso wie für Anhänger traditioneller Religionen.

Der Islamisierungsprozess in Nigeria wird von den drei ethnischen Gruppen der Fulani, Hausa und Kanuri in einer Art Koalition intensiv vorangetrieben. Bis auf einige ihrer Mitglieder, die sich dem christlichen Glauben zugewandt haben, folgen sie einer stark islamisch geprägten politischen Agenda. Die politisch derzeit einflussreichsten Akteure in Nigeria gehören diesen drei ethnischen Gruppen an. Dadurch entsteht die Gefahr eines ethnischen Konflikts. Ein nigerianischer Analyst glaubt, dass andere ethnische Gruppen außerhalb dieser Koalition nur eine Zuschauerrolle einnehmen. Wenn die Fulani, Hausa und Kanuri zu weit gehen, könnte es sogar zu einem Krieg kommen. Aus Sicht des Analysten stellt dieses Szenario eine zunehmend realistisch Bedrohung dar, wenn sich das Land weiter in die derzeitige Richtung entwickelt, weil viele Menschen sich dadurch ausgeschlossen fühlen.

Im Norden Nigerias (einschließlich des Mittelgürtels) grassiert die im Namen des Islam von Boko Haram und ISWAP begangene Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, insbesondere gegen Christen. Dasselbe gilt für die Gewalt, die von Fulani-Kämpfern und bewaffneten Banditen verübt wird. Die Einflusskreise dieser verschiedenen Gruppen überschneiden sich zunehmend, ähnlich wie ihre Agenden. Dies stellt nicht nur für die nördlichen Staaten, einschließlich der Staaten des Mittelgürtels, eine Bedrohung dar, sondern auch für die südlichen Staaten. Deutliche Beispiele für Landraub und damit verbundene Gewalt durch militante Fulani sind bereits im Südwesten und Südosten zu sehen.

Während der Prozess der Islamisierung bis vor kurzem nur in einzelnen Staaten stattfand, scheint er unter der Regierung von Präsident Muhammadu Buhari zunehmend auf nationaler (bundesstaatlicher) Ebene vorangetrieben zu werden. Dies zeigt sich insbesondere in der Strategie der Regierung bei der Nominierung von Kandidaten für Schlüsselpositionen und in der Art und Weise, wie eine Umgebung der Straffreiheit zugelassen wird, die hauptsächlich gewalttätige islamische Gruppen sowie Gruppen von Kriminellen begünstigt.

Wenn sich die aktuellen Entwicklungen im Land so fortsetzen, könnten die Lage eskalieren. Die Folge wäre ein Chaos, in dem die „guten“ kaum von den „bösen“ Akteuren zu unterscheiden wären. Letztendlich würde eine solche Unordnung ein neues Nigeria hervorbringen, das von der Scharia beherrscht wird und auf Gewalt, Diskriminierung und Intoleranz gegen Christen und andere Minderheiten gegründet ist, die nicht der islamistischen Agenda folgen.

5. Verfolger

Ausgehend von der Mischung aus islamischer Unterdrückung, ethnisch-religiöser Feindseligkeit, diktatorischer Paranoia sowie organisiertem Verbrechen und Korruption

  • Regierungsbeamte: Unter der Regierung von Präsident Muhammadu Buhari hat sich die Islamisierung Nigerias verstärkt. Es scheint, als nutze er seine Machtposition, um Muslime in Schlüsselpositionen der Regierung einzusetzen und eine Kultur der Straffreiheit zuzulassen (wenn nicht sogar zu fördern). Diese ermöglicht, dass die Verfolgung von Christen weitgehend unbemerkt bleibt („Verdunkelung der Verfolgung“). Die Regierungen und nichtstaatliche Akteure der zwölf Scharia-Staaten haben diesen Weg bereits eingeschlagen, doch mit dem Präsidenten als Vorbild könnten sie sich ermutigt fühlen, ihre Staaten weiter zu islamisieren, statt die Grundrechte ihrer christlichen Bürger zu garantieren (wie Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit). Regierungen und nichtstaatliche Akteure in anderen Staaten könnten sich ebenfalls ermutigt oder teilweise gezwungen fühlen, ihre Staaten ebenfalls (weiter) zu islamisieren, selbst im Süden. Einige Landesregierungen versuchen, stark zu bleiben und ihre gesamte Bürgerschaft zu schützen.
  • Anführer ethnischer Gruppen: Von Anführern ethnischer Gruppen gehen Verfolgung, Diskriminierung und Intoleranz auf zwei Arten aus: Zum einen entscheiden sie, ob und wie sie Mitglieder ihrer Gruppe verfolgen, die sich von ihrer eigenen Religion (dem Islam oder einer traditionellen afrikanischen Religion) ab- und dem christlichen Glauben zugewandt haben. Zum anderen entscheiden sie, ob und wie sie Verfolgung, Diskriminierung und Intoleranz zwischen ethnischen Gruppen unterschiedlicher Religionen vorantreiben. In der Vergangenheit, als traditionelle afrikanische Religionen dominierten, war es üblich, dass deren Anhänger christliche Konvertiten verfolgten. Diese Verfolgung hat jedoch allmählich nachgelassen und geht heute hauptsächlich von den muslimischen Hausa-Fulani (zusammen mit den Kanuris) aus. Anders als im Süden Nigerias, wo es ethnische Stammesführer gibt, haben die meisten nördlichen Stämme religiöse Leiter oder Emire. Viele von ihnen unterstützen eine Agenda der weiteren Islamisierung ihrer ethnischen Gruppen und darüber hinaus.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Viele nichtchristliche religiöse Leiter, insbesondere muslimische religiöse Leiter, sind Auslöser von Christenverfolgung in den Bereichen von religiöser Ideologie, Anstiftung zu Intoleranz und Hetze.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Es gibt verschiedene gewalttätige Gruppen, doch im Rahmen des Weltverfolgungsindex sind die bedeutendsten Boko Haram, ISWAP, Fulani-Kämpfer und bewaffnete Banditen.
  • Ideologische Interessengruppen: Die „Miyetti Allah Cattle Breeders Association of Nigeria“ (MACBAN) muss hier besonders erwähnt werden: Nicht alle Fulani-Hirten sind gewalttätig. Einige fühlen sich sogar als Opfer, weil sie zwar Fulani sind, sich aber nicht an gewalttätigen Angriffen beteiligen. Die Aktivitäten von MACBAN haben jedoch durch Verbindungen zu mächtigen Förderern wie dem Präsidenten von Nigeria und dem Sultan von Sokoto in letzter Zeit stark an politischem Gewicht gewonnen. MACBAN bietet den Fulani-Kämpfern Schutz und Rechtfertigung für ihre Gewalttaten. Der Präsident von Nigeria und der Sultan von Sokoto unterstützen die expansive Agenda der Fulani-Kämpfer anhaltend und stillschweigend.
    MACBAN nimmt für sich in Anspruch, eine sozio-kulturelle Gruppe zu sein, die die Interessen aller Viehzüchter in ganz Nigeria vertritt. In ihrer Zusammensetzung und Ausrichtung ist sie jedoch eindeutig ethnisch geleitet. Es ist wichtig zu beachten, dass viele der Fulani-Hirten nur als Fassade für einflussreiche Leute dienen, denen das Vieh tatsächlich gehört. Es gibt heutzutage auch zahlreiche christliche Fulani und Nicht-Fulani, die in Nigeria große Herden besitzen, von MACBAN jedoch nicht als vertrauenswürdige Mitglieder behandelt werden. MACBAN tritt für muslimische Fulani ein, und rechtfertigt dabei auch deren Gewalt gegen Bauern. Die Bauern unter den Fulani sind unterschiedlich ausgerichtet. Über die gemeinsame ethnische und religiöse Identität hinaus haben nicht alle Verbindungen zu den Fulani-Hirten. Die Hirten sind eher Anhänger von Naturreligionen oder damit vermischten Formen des Islam und von traditioneller Religion. Fulani-Siedler sind meist Muslime, obwohl es auch christliche Fulani gibt. Viele muslimische Fulani-Siedler arbeiten mit muslimischen Hausa zusammen, um Christen in ihrem Umfeld politisch, sozial und wirtschaftlich zu unterdrücken.
  • Gewöhnliche Bürger und Mobs: Neben der Feindseligkeit vonseiten staatlicher und organisierter nichtstaatlicher Akteure ist die „Straßengewalt“ eine weitere Quelle der Verfolgung und Intoleranz. Dabei kommt es im Norden Nigerias zu Ausschreitungen durch Muslime in den lokalen Gemeinschaften, die Christen wegen falscher Blasphemie-Anschuldigungen angreifen. Dies geschieht meistens im Zusammenhang mit islamischer Unterdrückung. Eine Muslima aus dem Süden, die im Norden aufgewachsen ist, berichtete kürzlich, Muslime aus dem Norden hätten sich bei ihr Geld geliehen und ihr versprochen, es bei den „nächsten Unruhen“ zurückzuzahlen. Diese Anekdote belegt, dass die Angriffe nicht immer nur spontan geschehen, sondern manchmal vorsätzlich angezettelt werden, um „Ungläubige“ auszuplündern. Seit Jahrzehnten verlieren Christen durch die wiederkehrende Gewalt Eigentum, Kirchengebäude und ihr Leben.
  • Die eigene (Groß-)Familie: In Bezug auf den Glaubenswechsel vom Islam hin zum christlichen Glauben ist die eigene (Groß-)Familie die größte Bedrohung. Sie erfährt oft als erste davon, und wird (je nach Stellung im sozialen Umfeld) häufig als erste die Familienehre verteidigen. Dies trifft insbesondere in den nördlichen Staaten zu, aber auch im Zentralgürtel in Regionen mit muslimischer Mehrheit, wo der Islam ein allumfassendes Identitätsmerkmal geworden ist, oder wo die islamische religiöse Identität politisch aufgeladen ist (nicht nur aufgrund der Ereignisse in jenen Staaten, sondern auch zunehmend durch die Entwicklungen auf nationaler Ebene unter der Präsidentschaft von Muhammadu Buhari).
  • Politische Parteien: Die Trennlinie zwischen den beiden wichtigsten politischen Parteien in Nigeria verläuft entlang der religiösen Unterschiede. Dabei ist nicht die Ideologie, sondern die religiöse Gesinnung ausschlaggebend. Die Partei „People‘s Democratic Party“ (PDP) wird von der nigerianischen Öffentlichkeit als pro-christlich, die „All Progressive Congress“-Partei (APC) als pro-islamisch angesehen. Derzeit regiert die APC Nigeria – die tatsächlich ein Bündnis zwischen Muslimen aus dem Norden und dem Süden des Landes darstellt. Dies spiegelt sich in ihrer Handhabung von Regierungsführung und Programmen wider, die an sich pro-islamisch und christenfeindlich ausgerichtet sind.
  • Kartelle oder Netzwerke des organisierten Verbrechens: Die Verfolger der Triebkraft organisiertes Verbrechen und Korruption können Regierungsbeamte auf verschiedenen Ebenen sein, zusammen mit anderen führenden Personen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft.

Weitere Verfolger sind kriminelle Gruppen. Im nigerianischen Kontext sind diese häufig zugleich religiös-extremistische Gruppen wie Boko Haram, ISWAP, militante Fulani und einige bewaffnete Banden. Sie sind nicht immer direkt für die Verfolgung von Christen verantwortlich. Manchmal sind sie nur indirekt beteiligt – indem sie etwa zur Eskalation von Chaos beitragen. Dadurch wird die Verfolgung verschleiert und die Islamisierung weiter vorangetrieben.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Nigeria hat sechs geopolitische Zonen: Nord-Zentral (auch bekannt als der Mittelgürtel), Nord-Ost, Nord-West, Süd-Ost, Süd-West, Süd-Süd (auch bekannt als Niger-Delta-Region).

Jede dieser Zonen hat ihr eigenes Profil der Diskriminierung von Christen und anderen. In Nord-Ost geht Gewalt vor allem von Boko Haram und ISWAP aus. In Nord-West sind es bewaffnete Banditen. Im mittleren Gürtel, einschließlich des Staates Kaduna agieren militante Fulani. Die Einflusskreise dieser verschiedenen Gruppen überschneiden sich zunehmend, ähnlich wie ihre Agenden. Das liegt zum großen Teil an der Führung von Boko Haram, die versucht, Bündnisse mit verschiedenen Gruppen im Norden zu schaffen, und so auch den Süden zu erreichen.

In den zwölf im Norden gelegenen Scharia-Staaten und im Mittelgürtel sind Verfolgung, Diskriminierung und Intoleranz am stärksten. Diese 19 Staaten entsprechen den geopolitischen Zonen Nord-West, Nord-Ost und Nord-Zentral, einschließlich der Hauptstadt Abuja.

Die Verfolgungssituation in den zwölf Scharia-Staaten lässt sich mit „Unterwerfung unter das Dhimmi-Sein“ beschreiben (Dhimmi = „Schutzbefohlener“, der den Herrschenden eine Schutzsteuer entrichtet), dem klassischen islamischen Konzept der Bürgerschaft zweiter Klasse. Es gibt jedoch einige Unterschiede zwischen den Staaten. Die zwölf Scharia-Staaten im Norden des Landes sind: Bauchi, Borno, Gombe, Jigawa, Kaduna, Kano, Katsina, Kebbi, Niger, Sokoto, Yobe und Zamfara. Der Anteil der christlichen Bevölkerung dort liegt bei 15 %: Von 78.364.000 Einwohnern sind 11.750.000 Christen. Zusätzlich zu Gewalt erleben Christen Druck in allen Lebensbereichen. Mehr Informationen dazu gibt es im Abschnitt „Betroffene Lebensbereiche“.

In den sieben Staaten des mittleren Gürtels (Adamawa, Benue, Kogi, Kwara, Nassarawa, Plateau und Taraba) ist die Situation vergleichbar mit der in den zwölf Scharia-Staaten. Der Anteil der christlichen Bevölkerung macht hier 50 % aus: 15.150.000 von 30.067.000 Menschen sind Christen. Die Christen in diesen Staaten sind zudem mit einer Mischung aus Gewalt und „Dhimmi-Sein“ in den mehrheitlich muslimischen Gebieten konfrontiert. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Gewalt, die vor allem von militanten Fulani und bewaffneten Banditen ausgeübt wird, obwohl auch Boko Haram zunehmend seinen Anteil daran hat. Es ist auch wichtig zu erkennen, dass sowohl Boko Haram als auch Fulani-Militante häufig von Kämpfern aus den Nachbarländern unterstützt werden.

Eine sehr spezifische Form der Gewalt gegen Christen sind die Überfälle auf (oft) kleine christliche Gemeinschaften oder Dörfer in den ländlichen Gebieten verschiedener Bundesstaaten. Wenn eine (hauptsächlich) christliche Gemeinschaft angegriffen wird, werden einige der Bewohner getötet, andere werden (schwer) verwundet, wieder andere werden entführt. Oft werden Männer und Jungen getötet und Frauen und Mädchen entführt. Vielen müssen aus ihren Häusern und von ihren Feldern fliehen. Angst ist allgegenwärtig. Die Menschen haben Angst vor der Nacht und einem nächtlichen Angriff und davor, was ihnen selbst und ihren Familien passieren könnte. Wird ein Ehemann oder Sohn getötet, lässt das die Mutter und die jüngeren Kinder völlig schutzlos zurück. Wenn eine Ehefrau oder Tochter entführt wird, kann sich der Mann nur noch vorstellen, was mit ihnen geschehen könnte – solche Gedanken quälen den Geist unaufhörlich.

Die Überfälle auf christliche Gemeinschaften und andere Formen der Gewalt führen dazu, dass eine große Zahl von Christen (und auch anderer Nigerianer) gezwungen ist, in formellen oder informellen Flüchtlingslagern zu leben. Sie führen für die Betroffenen zum Verlust von Ackerland und Eigentum und damit den Verlust des zukünftigen Wohlergehens. Frauen und Kinder sind in diesen Umständen besonders gefährdet: Kinder sind anfällig für gesundheitliche Probleme und Frauen und Mädchen für Missbrauch und Menschenhandel. Verschärft wird diese Situation dadurch, dass die nigerianische Regierung kaum etwas unternimmt, um diesen Binnenflüchtlingen zu helfen und die krisenhafte Situation unvermindert fortbestehen lässt.

Gewalt und Landraub sind nicht nur auf den Norden beschränkt. Am 15. September 2019 forderte die „Afenifere Renewal Group“ (eine gesellschaftspolitische Pan-Yoruba-Organisation) alle Gouverneure im Südwesten auf, der zunehmenden Flut von Angriffen durch militante Fulani in der Region ein Ende zu setzen, und wies darauf hin, dass ihr unangemessenes Schweigen Frieden und Sicherheit nicht fördern würde. Am 3. März 2020 verabschiedeten fünf südwestliche Parlamente Gesetzesentwürfe für die Einrichtung von „Amotekun“, einer Sicherheitseinheit, die sich mit den Sicherheitsproblemen in der Region befassen soll und die Staaten Lagos, Osun, Ondo, Oyo und Ogun umfasst.

Bis vor kurzem war der südöstliche Teil des Landes noch relativ friedlich. Dies ändert sich nun. Laut einem Bericht des „Global Sentinel“ vom 28. Mai 2020 behauptete die nigerianische Gruppe „Intersociety“ in einem Sonderbericht über Probleme, die das Volk der Igbo im Südosten und Süden Nigerias betreffen, dass „nicht weniger als 350 Igbo-Gemeinden, Dörfer und andere Orte jetzt von den dschihadistischen Fulani-Hirten und ‚importierten‘ Shuwa-Arabern, die auf Arabisch auch ‚Kuhhirten‘ genannt werden, überfallen wurden und dauerhaft besetzt sind“. Die Zahl lag im August 2019 bei 139 und stieg im Mai 2020 auf 350. Intersociety stellt fest, dass die mutmaßliche Besetzung „indirekt von der nigerianischen Regierung und ihren Sicherheitsorganen, insbesondere der Armee und der Polizei, unterstützt wird“. Weitere Recherchen ergaben, dass die Invasion und permanente Besetzung von Gemeinden, Dörfern und Orten hier anders verstanden werden muss als im nördlichen Kontext. Es scheint, dass die Bevölkerung nicht direkt aus ihren Dörfern vertrieben wurde, sondern in vielen Fällen feststellen musste, dass ihre weiter entfernten Wälder und Ackerflächen von militanten Fulani (und Shuwa-Arabern) übernommen worden waren.

In gewisser Weise wird so das ganze Land zunehmend zu einem Krisenherd der Verfolgung, wie in verschiedenen Abschnitten dieses Länderprofils deutlich wird. Die Islamisierung unter Präsident Buhari bekommt einen solchen Auftrieb, dass sich die Frage stellt, wie lange es noch dauern wird, bis sich die Verhältnisse in den nördlichen Scharia-Staaten und den zentralen Staaten auf die südlichen Bundesstaaten Nigerias übertragen.

7. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Sie sind nicht gezwungen, ihren Glauben isoliert zu leben. Daher wird diese Kategorie nicht in die Analyse des Weltverfolgungsindex aufgenommen.

Christen aus traditionellen Kirchen

Dazu gehören in Nigeria die Römisch-Katholische Kirche und protestantische Kirchen wie Anglikaner, Methodisten und Lutheraner. Diese Kirchen sind vor allem in den nördlichen Staaten (und auch im Mittelgürtel) gewalttätigen Angriffen auf ihr Leben und ihren Besitz durch militante Gruppen und Diskriminierung durch die lokalen Behörden ausgesetzt.

Christen anderer religiöser Herkunft

Die meisten dieser Christen sind muslimischer Herkunft. Wegen der Gefahr schwerer Verfolgung und möglicher Ermordung sind sie oft gezwungen, in Zufluchtshäusern Schutz zu suchen. Christen muslimischer Herkunft aus dem Norden des Landes (einschließlich der mehrheitlich muslimischen Gebiete des Mittelgürtels) müssen oft aus ihren Häusern und Staaten fliehen, um nicht getötet oder schikaniert zu werden. Im Süden ist dies weniger wahrscheinlich, obwohl es in südwestlichen Gebieten in begrenztem Umfang ebenfalls geschieht. Auch in anderen Teilen des Landes wird manchmal Druck auf Christen muslimischer Herkunft ausgeübt, aber dies geschieht seltener und mit (viel) weniger Intensität als andernorts.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Die evangelikalen und Pfingstgemeinden machen mittlerweile einen beträchtlichen Teil der nigerianischen Gemeinde aus. Wie im Fall der Christen aus traditionellen Kirchen, haben die evangelikalen und Pfingstgemeinden in den nördlichen und zentralen Staaten mit Diskriminierung vonseiten der lokalen Behörden zu kämpfen, sowie mit gewaltsamen Angriffen von militanten Gruppen auf ihr Leben und ihren Besitz. Ihre Situation und die der Christen aus traditionellen Kirchen sind miteinander vergleichbar. Einige von ihnen verbreiten das Evangelium sehr aktiv und gehen auch an gefährliche Orte. Das kann die Gefahr, angegriffen zu werden, erhöhen.

Obwohl keine genauen Daten über das Wachstum der Kirche verfügbar sind, ergibt sich der Eindruck, dass das Wachstum der nigerianischen Kirche im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 durch die kombinierten Auswirkungen der Gewalt und des Covid-19-Lockdowns ernsthaft behindert wurde. Während gewalttätige militante Gruppen die Gelegenheit nutzten, den monatelangen Lockdown zu Intensivierung ihrer Gewalt gegen Christen (und andere) zu nutzen, machte der Lockdown traditionelle Formen der Evangelisation praktisch unmöglich.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

 

Privatleben 13.3
Familienleben 13.2
Gesellschaftliches Leben 13.9
Leben im Staat 14.1
Kirchliches Leben 14.1
Auftreten von Gewalt 16.7

 

Grafik: Verfolgungsmuster Nigeria

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen in Nigeria hat ein sehr hohes Ausmaß und liegt mit 13,7 Punkten einen vollen Punkt über der Wertung im Weltverfolgungsindex 2020.
  • Alle Lebensbereiche erreichten eine Wertung von 13 oder mehr von 16,7 möglichen Punkten. Die Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, des Lebens im Staat und des kirchlichen Lebens weisen alle ein extremes Maß an Druck auf. Der Unterschied zwischen der niedrigsten Wertung (Familienleben) und den höchsten (Leben im Staat und kirchliches Leben) beträgt dabei nur 0,9 Punkte. Im Vorjahr waren es 1,6 Punkte.
  • Im Bereich Auftreten von Gewalt erhielt Nigeria wie im Vorjahr die Maximalwertung von 16,7 Punkten.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Christen muslimischer Herkunft aus dem Norden des Landes (und Teilen des Mittelgürtels Nigerias) müssen oft aus ihren Häusern und Staaten fliehen, um nicht getötet oder schikaniert zu werden. Sie finden in der Regel Hilfe in sogenannten Zufluchtshäusern. Im Süden ist dies weniger wahrscheinlich, obwohl es in südwestlichen Gebieten in begrenztem Umfang ebenfalls auftritt. Auch in anderen Teilen des Landes wird manchmal Druck auf Christen muslimischer Herkunft ausgeübt, aber dies geschieht seltener und mit (viel) weniger Intensität.

War es für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen?

Jegliche öffentliche Identifikation mit dem christlichen Glauben ist für Christen muslimischer Herkunft im Norden des Landes (einschließlich des Mittelgürtels) gefährlich. Für andere Christen kann dies bei Angriffen und manchmal auch in Flüchtlingssituationen ebenfalls gefährlich sein. Christen werden häufig an ihrem christlichen Namen erkannt. Der Pass kann dabei häufig über Leben und Tod entscheiden, wie beispielsweise an Straßensperren, die von gewalttätigen islamischen Gruppen (einschließlich bewaffneten Banditen) errichtet werden. Das kann sogar in einigen Teilen des Südens passieren; hier ist es aber (viel) weniger wahrscheinlich.

War es für Christen riskant, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden, die nicht zum engsten Kreis gehören (erweiterte Familie, andere)?

Im Norden des Landes (einschließlich des Mittelgürtels) ist es für Christen muslimischer Herkunft sehr riskant, ihren Glauben ihrer muslimischen Familie mitzuteilen. Dies ist im Süden weniger riskant, obwohl es auch dort in begrenztem Maße zutrifft. Außerdem kann das Bekanntwerden ihres Glaubens ein Risiko auch für andere Christen bei Angriffen und manchmal in Flüchtlingssituationen darstellen.

War es für Christen riskant, mit ihren engsten Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden?

Dies ist vergleichbar mit der vorangegangenen Frage. Die Wertung ist hier jedoch ein wenig niedriger. Für Christen muslimischer Herkunft ist es vielleicht sogar noch gefährlicher, wenn die Familie muslimisch ist. Für andere Christen ist es jedoch meistens einfacher.

Christen muslimischer Herkunft leben privat unter großem Stress. Oft müssen sie ihren Glaubenswechsel aus Angst vor Entdeckung verbergen, oder fliehen, damit ihr neuer Glaube nicht entdeckt wird. Die zunehmende Islamisierung im Land hat diese Situation im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 nicht verbessert. Aber es gibt noch mehr zu beachten: Auch andere Christen können allein dadurch in Gefahr geraten, dass sie als Christen erkannt werden; zum Beispiel an Straßensperren, in der Schule oder in ihren Dörfern. Viele Christen im Norden leben als Binnenvertriebene in Situationen, wo sie sich manchmal auch zurückhalten müssen. Dies gilt besonders für christliche Mädchen und Frauen.  Sogar im ruhigeren Südosten, in einer der LGAs (Verwaltungseinheiten) des Bundesstaates Anambra, berichtete eine Persönlichkeit von internationalem Ruf kürzlich Intersociety, dass Fulani-Hirten in die Gegend kamen und sich auf der Spitze eines Hügels niederließen, um von dort aus einheimische Mädchen und junge verheiratete Frauen zu beobachten, die auf den Farmen arbeiteten; dahinter sah er mögliche Entführungen und sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung und erzwungener Schwangerschaften. All das macht das Leben für Christen sehr schwer.

Familienleben

Sind Kinder von Christen wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert oder diskriminiert worden?

Dies passiert zumeist im Norden, inzwischen jedoch auch immer mehr im Süden. In öffentlichen Schulen, Ämtern, Krankenhäusern usw. ist die Diskriminierung von Christen allgegenwärtig, schon allein wenn sie biblische oder englische Namen haben. Die Kinder von Christen sind oft anfälliger für solche Diskriminierungen als Erwachsene. Das trifft auch für verschiedene Formen von Gewalt zu: Manchmal werden Kinder wegen des christlichen Glaubens ihrer Eltern getötet oder verstümmelt, entführt oder sexuell missbraucht.

Haben christliche Ehepartner und/oder Kinder von Christen bedingt durch Verfolgung über einen längeren Zeitraum Trennung erlitten?

Dies passiert zumeist im Norden, inzwischen jedoch auch immer mehr im Süden. Die Gewalt, die von gewalttätigen islamischen Milizen ausgeht, hat zur Folge, dass viele Christen von ihren Angehörigen getrennt werden. Viele waren gezwungen, ihre Familien entweder in einem Lager für Binnenvertriebene oder an einem anderen sicheren Ort zurückzulassen und dann an andere Orte zu gehen, um Arbeit zu finden und ihre Familien zu unterstützen. Oder sie bleiben aus demselben Grund in den gefährlicheren Regionen. Kinder werden auch durch Entführungen von ihren Eltern getrennt. Ein Beispiel dafür ist Leah Sharibu, die stellvertretend für viele andere steht. Doch nicht nur durch islamistische Milizen werden im Norden christliche Mädchen entführt, zwangsbekehrt und zwangsverheiratet. Es gibt sogar Fälle von christlichen Mädchen, die aus dem Süden entführt wurden, um im Norden verheiratet zu werden.

Wurden Eltern daran gehindert, ihre Kinder nach ihrem christlichen Glauben zu erziehen?

Dies passiert zumeist im Norden, inzwischen jedoch auch immer mehr im Süden. Für Christen muslimischer Herkunft ist es aufgrund der Angst vor Entdeckung in ihren Familien und darüber hinaus sehr schwierig. Wenn die Hinwendung vom Islam zum christlichen Glauben eines Elternteils entdeckt wird, werden oft die Kinder weggenommen, oder diese Person muss fliehen und verliert den Kontakt zu ihren Kindern. Wenn eine christliche Frau Witwe wird, nehmen manchmal muslimische Verwandte die Kinder zu sich und erziehen sie im muslimischen Glauben. Dies kann sogar passieren, nachdem verwitwete Mütter die Kinder seit Jahren im christlichen Glauben großgezogen haben. Manche christlichen Eltern müssen ihre christliche Identität vor ihren Kindern verstecken, um Verfolgung zu entgehen. Viele Eltern müssen ihre Kinder als Flüchtlinge aufziehen. Das macht es für christliche Eltern schwer, ihre Kinder im christlichen Glauben und seinen Werten zu unterrichten.

Wurden christliche Kinder unter Druck gesetzt, auf irgendeiner Bildungsebene an antichristlichem oder an die Mehrheitsreligion propagierendem Unterricht teilzunehmen?

In fast allen Scharia-Staaten wurde christlicher Religionsunterricht aus den öffentlichen Schulen verbannt. Kinder von Christen werden gezwungen, Islamunterricht zu besuchen. Manchmal werden Kinder von Christen sogar dazu gezwungen, während der Schulzeit an muslimischen Gebeten teilzunehmen. An den meisten Universitäten des Nordens werden diejenigen, die Jura studieren, gezwungen, Scharia-Recht als Pflichtfach zu studieren. Christliche Schüler sind gezwungen, das Rezitieren muslimischer Gebete zu lernen. Für Kinder von Christen muslimischer Herkunft ist die Situation noch schwieriger, weil sie keine unnötige Aufmerksamkeit auf den Glaubenswechsel ihrer Eltern lenken wollen.

Gesellschaftliches Leben

Waren Christen von Entführung und/oder Zwangsheirat bedroht?

Entführung und/oder Zwangsverheiratung kommt vor allem im Norden, zunehmend aber auch im Süden vor. Christliche Mädchen und Frauen sind davon am stärksten betroffen. Christinnen muslimischer Herkunft sind besonders gefährdet, entführt und zwangsverheiratet zu werden. Christliche Männer werden oft entführt, um Lösegeld zu erpressen.

Besonders Gemeindeleiter werden immer mehr zum Ziel. Auch die Kinder von Pastoren werden ins Visier genommen, um ihre Väter zu treffen und die christliche Gemeinschaft zu provozieren. Eine zusätzliche Motivation für die Entführung christlicher Mädchen und ihre Zwangsverheiratung könnte der Wunsch sein, dass es immer weniger Christen und immer mehr Muslime gibt. Selbst verheiratete christliche Frauen werden manchmal zum Ziel. Entführungen zum Zwecke der Zwangsverheiratung geschehen teilweise sogar mit der aktiven Duldung der Emire.

Wurden Christen wegen ihres Glaubens daran gehindert, öffentliche Ressourcen zu nutzen (z. B. sauberes Trinkwasser)?

Dies passiert zumeist im Norden, inzwischen jedoch auch immer mehr im Süden. Das hat zwei Dimensionen: Einerseits geht es darum, dass Christen, die im selben Ort wie Muslime leben, keinen Zugang zum Brunnen oder zur örtlichen Apotheke haben, weil sie als „unrein“ gelten. Die andere hat mit den lokalen oder nationalen Behörden zu tun. Teile der staatlichen Sozialversorgung erreichen die christlichen Gemeinschaften nicht so, wie sie sollten. Oft erhalten sie nur einen symbolischen Betrag. Im Bereich der Infrastrukturentwicklung wird in Bundesstaaten, in denen Christen und Muslime fast zu gleichen Teilen repräsentiert sind, mehr in muslimisch dominierte Gebiete investiert als in christlich geprägte Gebiete. Einige christliche Gemeinschaften in ländlichen Gebieten wurden komplett vom Wasser abgeschnitten (oder blieben ohne eigenen Zugang) und müssen stundenlang wandern, um Wasser zu holen. Sogar in Städten werden den christlichen Vierteln manchmal Elemente der Grundversorgung wie etwa sanitäre Einrichtungen verweigert. Zudem gibt es im Norden (inklusive des Mittelgürtels) viele christliche Binnenflüchtlinge. Die nigerianische Notfallbehörde ist jedoch voreingenommen, wenn es um die Verteilung von Hilfsgütern geht, und Christen werden oft übergangen. Die Organisation ist auch dafür bekannt, dass sie nicht schnell reagiert, wenn Christen von Notfällen betroffen sind. Selbst wenn sie reagiert, sind die erbrachten Hilfsgüter oder -maßnahmen oft bei weitem nicht ausreichend.

Haben Christen auf irgendeiner Ebene im Bereich ihrer Bildung aus religiösen Gründen Nachteile erlitten (z. B. Einschränkungen des Zugangs zur Bildung)?

Dies passiert zumeist im Norden des Landes. Christen werden in ihrem Bildungsweg oft diskriminiert. Trägt jemand einen christlichen Namen oder einen Stammesnamen, kann es deutlich schwieriger werden, Zugang zu Bildung zu erhalten. Christlichen oder ethnischen Minderheiten in überwiegend muslimischen Gebieten wird häufig der Zugang zu Schulen verweigert. Wo sie zugelassen werden, dürfen sie oft nicht die gewünschten Kurse belegen. An Universitäten und Hochschulen werden Menschen mit christlichen Namen häufig automatisch von der Zulassung zu Studiengängen, beispielsweise in der Medizin, ausgeschlossen. Christen mussten ihre Namen in muslimische Namen ändern, um zugelassen zu werden. Ergebnisse und Zertifikate können jahrelang zurückgehalten werden, um Christen zu frustrieren. Einige junge Christen, die keine Zulassung zu den Universitäten erhalten und keine Arbeit finden, sehen sich gezwungen, das Land auf der Suche nach besseren Möglichkeiten zu verlassen.

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Dies passiert zumeist im Norden, inzwischen jedoch auch immer mehr im Süden. In überwiegend von Muslimen bewohnten Gebieten und Gemeinschaften werden Christen wegen ihrer Kleidung, Sprache und ihrer Art Gottesdienst zu feiern, belästigt. Einige sehen Christen als Ungläubige und Bürger zweiter Klasse. Christinnen können sich nicht auf bestimmte Art und Weise kleiden, wenn sie in ein Büro, eine Schule, ein Krankenhaus etc. gehen, wenn der Staat oder die Dorfgemeinschaft überwiegend aus (strenggläubigen) Muslimen besteht. Es kann passieren, dass Kinder Steine auf Frauen oder Mädchen werfen. Sie können sogar durch die Hisbah (Religionspolizei) verhaftet werden. Selbst Männer können dafür festgenommen werden, einen „unmoralischen Haarschnitt“ zu haben.

Leben im Staat

Wurden Personen, die Christen Schaden zugefügt haben, bewusst von der Strafverfolgung ausgenommen?

Das Problem der Straflosigkeit ist in Nigeria von größter Bedeutung. Nach Angriffen auf Christen werden die Täter fast nie verhaftet. Ein Länderexperte bestätigt, dass dies einer der Gründe ist, warum die Angriffe auf Christen und ihren Besitz ständig zunehmen. Wenn Angreifer verhaftet werden, werden sie oft schnell wieder freigelassen. Das ist üblich, wenn die Gewalt von Fulani-Kämpfern oder bewaffneten Banditen im Kontext der islamischen Militanz ausgeübt wird.

Schränkt die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) die Religionsfreiheit, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ein?

Die nigerianische Verfassung sieht Religionsfreiheit vor. Abschnitt 10 der Verfassung von 1999 verbietet die Annahme einer Staatsreligion. Nach Abschnitt 15 ist die Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion, sozialem Stand, ethnischer oder sprachlicher Zugehörigkeit verboten. Mit der Übernahme des Scharia-Rechtssystems in den nördlichen Bundesstaaten wird die Scharia jedoch über die Verfassung gestellt. Die Anwendung der Scharia wirkt sich negativ auf Christen aus. Diese Frage wird nur für die Scharia-Staaten gewertet, obwohl die bloße Existenz der Problematik Rückschlüsse auf die Art und Weise zulässt, wie die ganze Nation regiert wird.

Wurde angeklagten Christen die Gleichbehandlung vor Gericht verwehrt?

Dies passiert zumeist im Norden, wo die lokalen Gerichte zur Unterdrückung von Christen beitragen. In der Rechtsprechung herrscht eine große Ungleichheit, da die Mehrheit der Richter Muslime sind, die in einem zunehmend radikalisierten islamischen Umfeld leben. Sollte es ein Problem zwischen einem Christen und einem Muslim geben, kann der Muslim in aller Regel davon ausgehen, dass er bevorzugt wird. Christen haben Gefängnisstrafen für Verbrechen verbüßt, wegen derer ein Muslim rasch freigesprochen oder nicht einmal angeklagt wird. Manchmal werden Christen sogar vor Scharia-Gerichten angeklagt, die gar keine Zuständigkeit für Christen haben. Ihre Beweise sind nur halb so viel wert wie die eines Muslims.

War die Berichterstattung in den Medien falsch oder voreingenommen gegenüber Christen?

Dies ist ein großes Problem in den nördlichen Staaten (einschließlich Teilen des Mittelgürtels), erstreckt sich aber über das ganze Land. Angriffe auf christliche Gemeinschaften werden oft als „kommunale Zusammenstöße“ gemeldet. Bei Vergeltungsangriffen werden oft Christen als die Initiatoren dargestellt. Die Medienberichterstattung seitens der Regierung und muslimischer Medien verzerrt und verschweigt oft bewusst die Verfolgung und Angriffe auf Christen durch Muslime. Manchmal werden Berichte zunächst von der Regierung gefälscht und dann in den Medien präsentiert. Auch internationale Medien berichten oft verzerrt über die Verfolgung von Christen. Die nigerianische Regierung investiert massiv in Kampagnen zur Beeinflussung der internationalen Medien.

Kirchliches Leben

Wurden kirchliche Aktivitäten überwacht, behindert, gestört oder blockiert?

Dies geschieht hauptsächlich im Norden, inzwischen jedoch auch immer mehr im Süden. Die Aktivitäten von Kirchen werden durch ständige Angriffe und durch die Zerstörung von Kirchengebäuden sowie durch Ermordungen oder Entführungen von Pastoren und Christen gestört. Die Aktivitäten von Kirchen werden außerdem von Zeit zu Zeit überwacht, blockiert oder behindert. Kirchliche Aktivitäten können aufgrund der großen Unsicherheit oft nicht stattfinden. Manchmal kann man den von den Behörden zum Schutz der Christen eingesetzten Sicherheitskräften nicht trauen: Sie agieren eventuell selbst als Informanten oder bieten keinen Schutz. In mehreren der nördlichen Bundesstaaten wird Christen der Erwerb von Land für den Bau einer Kirche verwehrt. Kürzlich wurde davon sogar aus östlichen Teilen Nigerias berichtet.

Wurden Kirchen daran gehindert, Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten) offen zu integrieren?

Dies passiert zumeist im Norden des Landes. Die offene Integration von Christen muslimischer Herkunft in eine Gemeinde könnte Gewalt gegen die Kirche und ihr Eigentum provozieren. Viele der Konvertiten vom Islam zum christlichen Glauben müssen wegen der Gefahr eines Angriffs an sichere Orte in anderen Teilen Nigerias gebracht werden.

Sind Pastoren, christliche Leiter oder deren Familienmitglieder wegen ihres Glaubens in besonderem Maß zum Ziel von Schikanen geworden?

Dies passiert zumeist im Norden, inzwischen jedoch auch immer mehr im Süden. Pastoren und ihre Familienangehörigen werden zunehmend zur Zielscheibe von Angriffen (beispielsweise Entführung oder Ermordung). Im Jahr 2019 erstellte die Leitung der Christian Association of Nigeria (CAN) Statistiken über Kirchenleiter, die entweder entführt, getötet oder angegriffen wurden (insbesondere über diejenigen, die sich zur Verfolgungssituation äußerten). Dieser Trend hat sich im Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2021 fortgesetzt.

War es für Kirchen oder christliche Organisationen riskant, sich verbal gegen Anstifter von Verfolgung zur Wehr zu setzen?

In einer Atmosphäre der „bewussten Eskalation“, von Chaos, Straflosigkeit und der zunehmenden Islamisierung ist es sehr riskant, sich öffentlich gegen die Verfolgung von Christen auszusprechen – vor allem in den Gebieten, in denen offene Gewalt herrscht. Wie stark sich der Einzelne für Gerechtigkeit einsetzen kann, hängt vom jeweiligen Bekanntheitsgrad der Person in ihrem Umfeld ab. In den am stärksten von Gewalt betroffenen Gebieten haben Menschen mit hohem Bekanntheitsgrad mehr Möglichkeiten als Menschen mit niedrigem Bekanntheitsgrad. Doch selbst für sie ist es nicht ungefährlich, sich für verfolgte Christen einzusetzen.

Auftreten von Gewalt

Die Berechnung der Zahl der getöteten Christen ist das Ergebnis einer ausführlichen Datenerhebung der Forschungsabteilung World Watch Research von Open Doors in Zusammenarbeit mit dem „Kukah-Zentrum“ und der „Para-Mallam Peace Foundation“. Das Projekt hat sich nicht nur mit getöteten Christen beschäftigt, sondern auch mit getöteten Muslimen (und anderen). Es erfasst auch die Anzahl der getöteten Christen pro Monat für den Zeitraum von Oktober 2019 bis September 2020. Es ist anzumerken, dass der Großteil der Angriffe auf Christen und christliche Gemeinschaften während der Zeit des Covid-19-Lockdowns stattfand.

Die Zahl der getöteten Christen ist von 1.350 im Weltverfolgungsindex 2020 auf 3.530 im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 angestiegen. Dieser Anstieg ist nicht nur auf eine bessere Datenerfassung zurückzuführen; er spiegelt auch die Realität vor Ort wider. Es scheint, dass die Lockdowns aufgrund der Covid-19-Pandemie gewöhnliche Bürger zum Verbleib in ihren Häusern bewegt haben, die Angreifer aber auf die Straßen und in den Busch. Dies war eine extrem belastende Erfahrung für Nigerianer im Allgemeinen und Christen im Besonderen.

Hinter den nackten Zahlen für die verschiedenen Kategorien von Gewalt verbirgt sich vieles, was sich dem Auge entzieht. Wird ein Ehemann oder Sohn getötet, lässt das die Mutter und die jüngeren Kinder in einem Zustand großer Schutzlosigkeit zurück. Wenn eine Ehefrau oder Tochter entführt wird, kann sich der Mann nur noch vorstellen, was mit ihnen geschehen könnte – solche Gedanken quälen den Geist unaufhörlich.

Wenn eine (hauptsächlich) christliche Gemeinschaft angegriffen wird, werden einige getötet, andere werden (schwer) verwundet, wieder andere werden entführt. Oft werden Männer und Jungen getötet und Frauen und Mädchen entführt. Viele müssen aus ihren Häusern und von ihren Feldern fliehen. Ihr Eigentum wird geraubt, ihre Ernten werden zerstört oder ihr Ackerland wird in Besitz genommen. Wenn die Christen es wagen, zurückzukommen, ist immer die Angst vor einem erneuten Angriff da. Einige Gemeinschaften wurden von ihren christlichen Bewohnern dauerhaft verlassen und von militanten Fulani besetzt. Die Überschneidungen zwischen militanten Fulani und sogenannten „bewaffneten Banditen“ sind beträchtlich. Boko Haram und ISWAP operieren etwas anders – aber die Konsequenzen für Christen ähneln sich.

Angst regiert: Wenn die Nacht hereinbricht, ist immer die Angst vor einem weiteren Angriff da – verbunden mit Gedanken darüber, was mit einem selbst und seiner Familie passieren könnte.

Gewalt zeigt sich auf unterschiedliche Weisen. Sie bedeutet nicht immer, dass (größtenteils) von Christen bewohnte Dörfer angegriffen werden. Aber wenn das geschieht, ist es unwahrscheinlich, dass die Angreifer darauf abzielen so viele Mitglieder der Dörfer wie möglich zu töten. In diesem Fall würden sie die Angriffe anders ausführen. Es scheint vielmehr, dass sie eine Atmosphäre des Terrors schaffen wollen. Dazu kommt die Gelegenheit, den Besitz anderer Menschen zu rauben. Das Ziel könnte auch einfach darin bestehen, alles Eigentum dieser Leute für einen bestimmten Zeitraum, wenn nicht sogar auf unbestimmte Zeit, zu übernehmen.

Auch die Entführungen nehmen zu. Einige werden entführt, um als Sexsklavinnen zu dienen oder zwangsverheiratet zu werden. Dazu werden hauptsächlich Frauen und Mädchen entführt. Andere werden entführt, um Lösegeld zu fordern – oft Männer. Gemeindeleiter sind ein beliebtes Ziel, wahrscheinlich weil man sich dadurch erhofft, schnell große Geldsummen von ihren Gemeinden oder Institutionen erpressen zu können. So sind Entführungen zu einem erfolgreichen „Geschäftsmodell“ geworden.

Viele Christen leben als Binnenflüchtlinge. Einige können überleben und weitermachen, während andere lange Zeit ohne alles dastehen. Frauen und Kinder sind in diesen Umständen besonders gefährdet: Kinder sind anfällig für gesundheitliche Probleme und Frauen und Mädchen für Missbrauch und Menschenhandel.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2021 gab es mehrere Berichte über Anhänger traditioneller Religionen, die Anfeindungen ausgesetzt waren. Im Bundesstaat Kebbi beispielsweise wurden die als Anuhula bekannten Anhänger traditioneller afrikanischer Religionen von der Regierung des Bundesstaates mithilfe militanter Fulani schwer angegriffen. Viele von ihnen wurden daran gehindert, auf die Märkte zu kommen, und ihre Häuser wurden zerstört.

Muslime, die nicht zu einer militanten Gruppe gehören, die Gemeinschaften angreift, sind ebenfalls gefährdet, Opfer von Angriffen zu werden. Vor allem in den nordwestlichen Bundesstaaten wurden viele Muslime von denselben Gruppen getötet, die auch Christen getötet haben, und mussten ebenfalls aus ihren Dörfern fliehen. Die Daten zu den in Nigeria getöteten Menschen zeigen, dass 3.530 Christen von Boko Haram, ISWAP, Fulani-Kämpfern und bewaffneten Banditen getötet wurden, aber auch 1.020 Muslime – die meisten von ihnen von denselben Gruppen. Einige wurden auch bei Fällen von Selbstjustiz durch Christen getötet: Viele Fulani, vor allem diejenigen, die seit vielen Jahren mit ihren christlichen Nachbarn zusammenleben, wollen einfach nur ihr tägliches Leben leben. Einige von ihnen sind zunehmend mit Gewalt in Form von Vergeltungsangriffen durch junge Christen konfrontiert.

Laut der Zusammenfassung des im Auftrag des US-Außenministeriums erstellten Berichts zur internationalen Religionsfreiheit 2019 führten schiitische Muslime unter der Schirmherrschaft der „Islamischen Bewegung von Nigeria“ (IMN) im Jahr 2019 eine Reihe von Demonstrationen durch, die im Juli 2019 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften führten. Dabei starben bis zu 30 Menschen, darunter Demonstranten und Polizisten. Im September 2019 schossen Sicherheitskräfte auf religiöse Prozessionen der Schiiten zu Aschura und töteten nach Angaben der IMN 12 Menschen. Nach den Gewalttaten im Juli verbot die Regierung die IMN und erklärte die Gruppe zu einer terroristischen Organisation.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Nigeria:

  • Bitten Sie um Gottes Trost für die Christen, die vertrieben wurden, geliebte Menschen und ihr Zuhause verloren haben und traumatisiert sind.
  • Beten Sie für die entführten Christen, dass sie Gottes Nähe erfahren und er sie befreit.
  • Beten Sie für Präsident Muhammadu Buhari und seine Regierung. Beten Sie, dass sie entscheidende Maßnahmen ergreifen, um alle Bürger in jedem Teil des Landes zu schützen.
  • Beten Sie, dass die Hilfe durch Partner von Open Doors die Gemeinde stärkt, auch unter schwierigsten Umständen das Evangelium zu bezeugen und weiterzugeben.