Länderprofil Türkei

Türkei

25
Weltverfolgungsindex
2021
Flagge Türkei
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
36
Karte Türkei
Christen
0,17
Bevölkerung
83.84
Islamische Unterdrückung
Ethnisch-religiöse Feindseligkeit
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Privatleben: 12.500
Familienleben: 11.500
Gesellschaftliches Leben: 10.800
Leben im Staat: 13.300
Kirchliches Leben: 11.600
Auftreten von Gewalt: 9.300

Länderprofil Türkei

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 25 / 69 Punkte (WVI 2020: Platz 36 / 63 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2019 – 30. September 2020

Vollständiges Länderprofil

Dieses Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Country Dossier mit weiteren Hintergrundinformationen finden Sie hier.

Kurze Zusammenfassung

Der sehr starke religiöse Nationalismus in der Gesellschaft sorgt für starken Druck auf Christen. Im Gegensatz zu früheren Berichtszeiträumen des Weltverfolgungsindex hat die Regierung nun nicht nur ausländische (westliche) Christen ins Visier genommen, sondern auch ausländische Christen mit türkischen Ehepartnern und Kindern aus dem Land verbannt. Hinzu kommt, dass der Nationalismus in der Gesellschaft Christen fast keinen Raum lässt, ein alternatives Narrativ zu vermitteln. Zwar ist der Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen Glauben nicht gesetzlich verboten, christliche Konvertiten werden jedoch von ihren Familien und ihrem sozialen Umfeld unter Druck gesetzt, zum Islam zurückzukehren. Daher führen Christen manchmal ein Doppelleben und halten ihren Glaubenswechsel geheim. Obwohl ehemalige Muslime ihre Religionszugehörigkeit auf dem Personalausweis legal zum Christentum ändern können, kann dies ein schwieriger und belastender Prozess sein, und unter Umständen sind sie der Diskriminierung einzelner Regierungsbeamter ausgesetzt. Einmal entdeckt, können Christen mit muslimischem Hintergrund von Familienmitgliedern mit Scheidung und dem Entzug von Erbrechten bedroht werden.

Die Mischung aus Islam und Nationalismus betrifft auch Christen, die keinen muslimischen Hintergrund haben. Diese gehören meist ethnischen Minderheiten an (z. B. Griechen, Armenier, Syrer). Sie werden selten als vollwertige Mitglieder der türkischen Gesellschaft angesehen und stoßen auf alle möglichen rechtlichen und bürokratischen Hindernisse.

Christen aller unten genannten Kategorien haben nur begrenzten Zugang zu einer Anstellung im öffentlichen Dienst; und in der privaten Wirtschaft erfahren sie Diskriminierung, insbesondere wenn Arbeitgeber Verbindungen zur Regierung unterhalten. Da die Religionszugehörigkeit weiterhin in den Personalausweisen (heutzutage auf einem elektronischen Chip) vermerkt ist, ist es sehr einfach, christliche Bewerber zu diskriminieren.

 

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Jahr

Punktzahl

Platzierung

2021

69

25

2020

63

36

2019

66

26

2018

62

31

2017

57

37

Die Punktzahl stieg im Weltverfolgungsindex 2021 um 6 Punkte im Vergleich zum Weltverfolgungsindex 2020. Der Wert des durchschnittlichen Drucks auf Christen blieb zwar gleich (bei 11,9 Punkten), der Grund für den Anstieg der gesamten Punktzahl liegt jedoch im stark erhöhten Wert der Gewalt gegen Christen (von 3,7 auf 9,3 Punkte). Erstens wurden im Gegensatz zum Weltverfolgungsindex 2020 im diesjährigen Berichtszeitraum zwei Christen getötet. Zweitens gab es im aktuellen Berichtszeitraum mehr gemeldete Angriffe und Übergriffe auf Kirchengebäude. Dazu gehört auch die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee, was eine tiefgreifende Wirkung auf die traditionellen christlichen Kirchen in der Türkei entfaltete. Und drittens wurden im diesjährigen Berichtszeitraum mehr Christen verhaftet oder angegriffen.

In der Türkei ist der Islam gänzlich mit einem starken Nationalismus vermischt. Die scharfe Rhetorik aufseiten der Regierung lässt weniger Raum für andere Stimmen, einschließlich der christlichen. Das Misstrauen gegenüber Christen ist gewachsen, was ein Engagement von Christen in der Öffentlichkeit erschwert; die Folge ist ein hohes Maß an gesellschaftlichem Widerstand.

2. Trends und Entwicklungen

1) Die Sicherheitsdienste gehen weiterhin gegen jede Opposition vor

Zwar ist der Ausnahmezustand, der nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 ausgerufen wurde, offiziell beendet, doch die Sicherheitsdienste gehen weiterhin gegen jede Form von Opposition vor. Menschenrechtsorganisationen behaupten, dass mit neuverabschiedeten Gesetzen der Ausnahmezustand zum Dauerzustand gemacht wurde. Auch vier Jahre später gibt es immer noch Verhaftungen angeblicher Anhänger von Fethullah Gülen. Im September 2020 wurden beispielsweise 132 Haftbefehle gegen (Ex-)Soldaten erlassen, die Verbindungen zur Gülen-Bewegung haben sollen. Häufig werden Anti-Terrorismus-Gesetze auch dazu eingesetzt, um Regierungskritiker und die letzten verbliebenen unabhängigen Journalisten in der Türkei ins Visier zu nehmen.

2) Die Wirtschaft und die geopolitischen Aktivitäten der Türkei deuten auf eine ungewisse Zukunft hin

Obwohl die Türkei seit dem Jahr 2000 ein enormes Wirtschaftswachstum verzeichnen konnte, herrscht nun große Unsicherheit über die (wirtschaftliche) Zukunft. Der Wert der türkischen Lira befindet sich seit fast zwei Jahren in einer Abwärtsspirale, und die Jugendarbeitslosigkeit bleibt hoch; die negativen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie werden zusätzlichen Schaden anrichten. Eine weitere große Herausforderung ist die instabile politische Situation auf geopolitischer Ebene: Innerhalb des Landes kämpft die Türkei gegen die „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) und in Syrien gegen die kurdisch geführten „Demokratischen Kräfte Syriens“ (SDF); weiterhin unterstützt die Türkei die „Streitkräfte Libyens“ (GNA) und half Aserbaidschan im Bergkarabach-Krieg. Damit spielt Präsident Erdogan an mehreren Fronten ein unsicheres (geopolitisches) Spiel, das die Türkei in den kommenden Jahren schwer beeinträchtigen könnte.

3) Alle nichtsunnitischen Bürger werden zunehmend unter Druck gesetzt

Infolge der rigorosen Regierungspolitik ist das Maß der Intoleranz gestiegen; alle, die nicht auf der Seite von Präsident Erdogan stehen, sehen sich mit Unterdrückung konfrontiert. Nichtsunnitische Bürger, einschließlich der winzigen christlichen Minderheit, sind einem wachsenden Druck ausgesetzt. Dieser schlägt sich zunehmend in gewalttätigen Zwischenfällen nieder. Christen scheinen zwar nicht im direkten Fokus staatlicher Verfolgung zu stehen, aber die allgemeine Situation für sie verschlechtert sich. Besonders besorgniserregend ist die Situation für Christen traditioneller Kirchen im Südosten der Türkei. Ein Großteil ihres Besitzes wurde in den letzten Jahren von der türkischen Regierung beschlagnahmt und ihre traditionsreiche Kultur verschwindet allmählich. Außerdem zeigt die Verhaftung und strafrechtliche Verfolgung des US-amerikanischen Pastors Andrew Brunson, der von 2016 bis 2018 als politische Geisel festgehalten wurde, deutlich, dass sich die türkische Regierung unter Präsident Erdogan zu einem skrupellosen Regime entwickelt hat. Insgesamt werden sich Christen vorsichtig verhalten müssen, besonders im öffentlichen Raum.

3. Religiöse Situation im Land

Nach Schätzungen der „World Christian Database“ (WCD) sind 98,3 Prozent der türkischen Bevölkerung Muslime. Ein Drittel davon sind Aleviten oder Schiiten, aber die meisten Türken sind sunnitische Muslime. Nur 0,2 Prozent der Bevölkerung sind Christen.

In der Türkei vollzieht sich derzeit ein allmählicher Wandel – weg von einem streng säkularen Land und hin zu einem Land, das auf islamischen Normen und Werten basiert. Als der Säkularismus noch herrschte, erfuhren die Christen in der Türkei viele Einschränkungen; Grund dafür war das Verständnis des Staates, wonach Säkularismus weitreichende staatliche Kontrollen bedeutete und keine Religion ermutigt werden sollte, sich zu entfalten. Unter dem gegenwärtigen Regime von Präsident Erdogan hat der Säkularismus stetig abgenommen und das Land nimmt eine stärkere islamische Prägung an.

Nichtmuslime werden von Arbeitsstellen in der staatlichen Verwaltung und den Sicherheitskräften stillschweigend ausgeschlossen. Nichtmuslime geben an, dass, wenn sie sich zum Militärdienst melden, ihre Religionszugehörigkeit von ihren Vorgesetzten vermerkt wird und sie sich zudem einer „Sicherheitsüberprüfung“ unterziehen müssen. Es gibt keine Nichtmuslime unter den türkischen Militäroffizieren, Provinzgouverneuren oder Bürgermeistern. Bei den Wahlen im Juni 2011 wurde jedoch zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei ein syrisch-orthodoxer Bürger ins Parlament gewählt.

Im Mai 2010 wurde ein Regierungserlass für alle Regierungsorgane veröffentlicht, wonach die Rechte der christlichen und jüdischen Minderheiten zu respektieren seien und auch ihre Leiter mit Respekt behandelt werden sollten. Im August 2011 veröffentlichte die Regierung ein Dekret zur Rückgabe von staatlich konfisziertem Vermögen, das einst griechischen, armenischen oder jüdischen Stiftungen gehörte. Dazu muss jedoch angemerkt werden, dass es für eine Rückgabe von Grundstücken notwendig ist, eine registrierte Organisation zu sein, und dass eine solche Registrierung in der Türkei sehr schwierig ist. Zudem wird die wachsende türkische evangelische Kirche in den Erlassen mit keinem Wort erwähnt. Selbige hat die Regierung auch nicht daran gehindert, seit 2014 über 100 Besitzurkunden der Syrischen Kirche zu beschlagnahmen. 55 davon wurden im Mai 2018 zurückgegeben, nachdem sich auch das EU-Parlament mit dem Thema befasst hatte.

Berichte anderer Quellen:

  • In ihrem jährlichen „Bericht zur internationalen Religionsfreiheit“ setzte die „United States Commission on International Religious Freedom“ (USCIRF) im Jahr 2020 die Türkei auf ihre besondere Beobachtungsliste, nachdem ein starker Anstieg der Gewalt festgestellt wurde. Verschiedene religiöse und ethnische Minderheiten waren sowohl mit Gewaltandrohungen als auch mit tatsächlicher Gewaltausübung konfrontiert; dazu zählen mindestens zwei Morde.
  • Die Organisation „Middle East Concern“ berichtet: „Seit 2018 ist eine erhebliche Anzahl von ausländischen Christen, die in der Türkei leben, aus dem Land verbannt worden. Im Jahr 2018 versuchte die Armenische Apostolische Kirche in der Türkei, einen neuen Patriarchen zu wählen, da der Amtsinhaber an Demenz litt und nicht mehr in der Lage war, sein Amt auszuüben. Die Wahl wurde jedoch vom Staat verhindert – eine staatliche Einmischung, die vom Verfassungsgericht verurteilt wurde. Erst der Tod des Patriarchen im Jahr 2019 machte den Weg frei für Wahlen. Im selben Jahr legte Präsident Erdogan den Grundstein für eine neue syrische Kirche in Istanbul – die erste derartige Kirche, die seit der Gründung der Republik im Jahr 1923 gebaut wird.“

4. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung vermischt mit religiösem Nationalismus

Der starke und oftmals fanatische Nationalismus beeinträchtigt alle Christen in der Türkei. Dem größten Druck sind ehemalige Muslime ausgesetzt. Familie, Freunde und soziales Umfeld üben oft starken Druck auf sie aus, damit sie zum Islam, dem Glauben der Väter, zurückkehren. Allgemein herrscht zudem die Meinung, dass ein wahrer Türke Muslim ist. Eine Hinwendung zu Jesus Christus verletzt nicht nur die Familienehre, sie wird als Beleidigung des Türkentums verstanden. Dies kann Gerichtsverfahren und Haftstrafen nach sich ziehen. Die Mischung aus Islam und Nationalismus betrifft auch andere Christen, die überwiegend ethnischen Minderheiten angehören (z. B. Griechen, Armenier, Syrer). Sie werden selten als vollwertige Mitglieder der türkischen Gesellschaft angesehen und stoßen auf alle möglichen rechtlichen und bürokratischen Hindernisse.

Ethnisch-religiöse Feindseligkeit

Diese Triebkraft der Verfolgung hat sich im vorherigen Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex im Zusammenhang mit dem Konflikt mit den Kurden weiter verstärkt. Syrische Christen in der südöstlichen Region spüren besonders den Druck des syrischen Bürgerkriegs; sie werden von allen Seiten bedrängt – von kurdischen Clans, der Regierung und der kurdischen militanten Gruppe PKK. Stammesführer nutzen ihre Macht, um Syrer aus ihrer Heimat im Südosten der Türkei zu vertreiben. Dies betrifft insbesondere Christen, die auf dem Land leben. Viele Christen leben in den großen urbanen Zentren im Westen der Türkei und sind davon nicht stark betroffen. Eine gesellschaftliche Feindseligkeit gegenüber ethnischen christlichen Minderheiten ist jedoch im ganzen Land vorhanden.

Unterdrückung durch den Clan/Stamm

Stammesrecht und -bräuche spielen nach wie vor eine wichtige Rolle, insbesondere in den östlichen Provinzen der Türkei. Christen muslimischer Herkunft droht dort noch härtere Verfolgung, da die Hinwendung zum christlichen Glauben nicht nur als Verrat am Islam, sondern auch an der Familie und dem Clan angesehen wird.

Diktatorische Paranoia

Seit dem gescheiterten Putsch vom Juli 2016 hat Präsident Erdogans Regierung die Maske der Demokratieförderung fallen gelassen und schränkt nun unverblümt die Freiheit in der gesamten türkischen Gesellschaft ein. Die Medien wurden eingeschränkt und alle Formen der Opposition werden verfolgt. Erdogan hat außerdem erklärt, dass „Demokratie und freie Presse unvereinbar sind“, was angesichts der vielen inhaftierten Journalisten nicht verwundert. Obwohl Christen derzeit nicht direkt von der Regierung angegriffen werden, hat das Regime den sunnitischen Islam offen zur religiösen Norm im Land erklärt und damit Christen klar ausgegrenzt.

5. Verfolger

Ausgehend von islamischer Unterdrückung und religiös motiviertem Nationalismus

  • Regierungsbeamte: Präsident Erdogan scheint entschlossen zu sein, die Türkei von einem säkularen in einen sunnitisch-muslimischen Staat umzuwandeln. Die Änderungen dahingehend wurden schrittweise umgesetzt. Einer dieser Schritte war die Verfassungsänderung nach dem Referendum im April 2017, die dem Präsidenten mehr Macht gab und ihm den Weg für zwei weitere Wahlkandidaturen ebnete. Im Gegensatz zu den Vorjahren hat die Regierung nun auch damit begonnen, türkischstämmige Christen so ins Visier zu nehmen, dass man in einigen Fällen nichttürkische Ehepartner solcher türkischstämmiger Christen aus dem Land verbannt hat. Dazu kommt, dass viele ausländische Christen, die wichtige Funktionen innerhalb der evangelischen Kirchen innehatten, aus dem Land verbannt wurden. In jüngster Vergangenheit gab es Probleme mit kirchlichem Eigentum, insbesondere in der unruhigen südöstlichen Region. Dort schloss und beschlagnahmte die Regierung aus verschiedenen Gründen Kirchengebäude. In einigen Fällen sagte die Regierung, dass dies wegen des reformierten Grundbuchrechts und der Reorganisation der Stadtverwaltung geschehen sei, in anderen Fällen habe man aus Sicherheitsgründen die Kontrolle über die Kirchen ergriffen. Obwohl es schwierig zu beweisen ist, ob die Regierung absichtlich christliche Gemeinschaften behindert oder nicht, ist ein Experte für das Land überzeugt, dass die Regierung versucht, die bereits geschwächten traditionellen christlichen Gemeinschaften aus der Türkei zu vertreiben.
  • (Groß-)Familie und gewöhnliche Bürger: Christen muslimischer Herkunft werden von ihren Familien und ihrem sozialen Umfeld unter Druck gesetzt, zum Islam zurückzukehren. Einmal entdeckt, kann einem Christen mit muslimischem Hintergrund mit Scheidung und dem Verlust von Erbrechten gedroht werden.
  • Politische Parteien: Im Juli 2017 organisierte die Opposition, die Cumhuriyet Halk Partisi (türkisch für „Republikanische Volkspartei“, CHP), einen „Marsch für die Gerechtigkeit“ gegen die Regierung, an dem Hunderttausende teilnahmen. Nichtsdestotrotz sieht es so aus, als ob keine der Oppositionsparteien wirklich die Stimme für die traditionellen und anderen christlichen Gemeinden erhebt, womit diese dem Druck der Regierung ausgeliefert sind. Dagegen fördern Koalitionsparteien das islamisch-nationalistische Narrativ.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Die „Grauen Wölfe“ sind eine Gruppe, deren Einfluss in der Türkei gewachsen ist, unter anderem bedingt durch die nationalistische Rhetorik von Präsident Erdogan. Bei ihrem ausgeprägten Nationalismus vermischen sie türkische Identität mit dem Islam. Die Grauen Wölfe schrecken nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden und es wird vermutet, dass ihre Mitglieder hinter mehreren Angriffen auf Christen stehen, insbesondere auf christliche Flüchtlingsgemeinden. Gleichwohl scheinen sie bei ihren Angriffen nicht sehr gut organisiert zu sein.

Ausgehend von ethnisch-religiöser Feindseligkeit

  • Gewöhnliche Bürger und Mobs: Die türkische Gesellschaft steht den ethnisch-religiösen Minderheiten im Allgemeinen feindselig gegenüber. Besonders Flüchtlingskinder werden in den Schulen schikaniert; und während des Bergkarabach-Krieges 2020 fuhr ein rechter einschüchternder Mob durch armenische Stadtteile in Istanbul.
  • Anführer ethnischer Gruppen: In den ländlicheren Gebieten werden konservative Normen und Werte von Anführern ethnischer Gruppen aufrechterhalten. Im Südosten scheint es, dass kurdische Oberhäupter versuchen, die historisch verwurzelte syrische Gemeinschaft aus dem traditionell christlich geprägten Gebiet zu verdrängen. Die kurdische PKK versucht zudem, die Syrer aus nationalistischen Gründen bewusst in ihren Konflikt mit der türkischen Regierung hineinzuziehen.
  • Regierungsbeamte: Regierungsbeamte haben oftmals eine negative Einstellung gegenüber den Christen traditioneller (armenischer, syrischer und griechischer) Kirchen.

Ausgehend von Unterdrückung durch den Clan/Stamm

  • Gewöhnliche Bürger und die eigene (Groß-)Familie: Familienbande in der Türkei können sehr eng sein und die Gesellschaft ist der Meinung, dass ein wahrer Türke ein sunnitischer Muslim sein muss. Christen, selbst solche aus den traditionellen christlichen Kirchen, werden als Fremde angesehen und ein Übertritt vom Islam zum christlichen Glauben wird oft als Schande für die Ehre der Familie erachtet.

Ausgehend von diktatorischer Paranoia

  • Regierungsbeamte: Die Gegenreaktion auf den Putschversuch vom Juli 2016 hat zu einer verstärkten Polarisierung geführt. Jeder, der (angeblich) die Türkei oder Erdogans Vision für die Türkei nicht unterstützt, wurde öffentlich zum Sündenbock gemacht. Die Tatsache, dass der angebliche Urheber des Putschs, Fethullah Gülen, in Pennsylvania ansässig ist und dass die USA ihn bisher nicht ausgeliefert haben (mangels Beweisen, den besagten Staatsstreich in die Wege geleitet zu haben), hat die Spannungen zwischen der Türkei und den USA verstärkt. Vor allem evangelische Christen haben die Verschlechterung der Beziehungen zu spüren bekommen. Da die USA als christlich betrachtet werden, werden Christen in der Türkei als Spione des Westens dargestellt. Hassreden und Drohungen gegen evangelische Kirchen haben zugenommen. Im Allgemeinen ist die Atmosphäre angespannt; der Mord an dem südkoreanischen Evangelisten Jinwook Kim im November 2019 hat Ängste geschürt.

6. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Traditionelle christliche Gruppen wie die der armenischen und der assyrischen (syrischen) Kirche stehen im Südosten der Türkei hohem Druck und Feindseligkeiten gegenüber. Seit Jahrzehnten stehen sie zwischen den rivalisierenden Frontlinien der türkischen Armee und der kurdischen Widerstandsgruppen. Die meisten dieser Christen leben nicht mehr in den Gebieten ihrer Vorfahren und sind in den Westen der Türkei umgezogen.

Die meisten türkischen evangelischen Gemeinden gibt es in den westlichen Küstenstädten, einschließlich Istanbul. Diese Städte sind tendenziell liberaler und säkularer, während die Gebiete im Landesinneren eher konservativ, islamisch und gesellschaftlich feindlich gesinnt gegenüber Christen sind. Allerdings gibt es auch innerhalb der größeren Städte diesbezüglich Unterschiede, und einige Stadtgebiete sind ebenso konservativ.

7. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Es gibt ausländische Christen im Land, aber sie sind nicht unfreiwillig von anderen Christen isoliert. Weil sie frei mit anderen christlichen Gemeinden in Kontakt treten können, werden sie bei der Analyse des Weltverfolgungsindex nicht als separate Kategorie betrachtet.

Christen aus traditionellen Kirchen

Dazu gehören Gemeinden der Armenisch-Apostolischen und der Griechisch-Orthodoxen Kirche (die einzigen Kirchen, die 1923 im Vertrag von Lausanne „anerkannt“ wurden). Hinzu kommen die Assyrische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche und die Syrisch-Katholische Kirche, die alle regelmäßig überwacht und von der Regierung kontrolliert und eingeschränkt werden. Ihre Mitglieder gelten in vielen offiziellen Angelegenheiten sowie in der Öffentlichkeit als „fremd“. Sie werden selten als vollwertige Mitglieder der türkischen Gesellschaft angesehen und stoßen auf alle möglichen rechtlichen und bürokratischen Hindernisse. So benötigen zum Beispiel die Armenische Kirche und die Griechisch-Orthodoxe Kirche die Erlaubnis der türkischen Regierung, neue Kirchenleiter zu bestimmen.

Es gibt auch ausländische Christen, die traditionellen Kirchen angehören. So gibt es russisch-orthodoxe Christen, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben, und auch römisch-katholische Christen, hauptsächlich Einwanderer aus Afrika und den Philippinen. In den letzten Jahren ist ihre Zahl mit der Ankunft Zehntausender christlicher Flüchtlinge gewachsen, die aus Syrien und dem Irak kamen, um dem Krieg in ihren Heimatländern zu entkommen.

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Christen mit muslimischem Hintergrund tragen in der Türkei die Hauptlast der Verfolgung. Der Druck kommt von Familie, Freunden, dem sozialen Umfeld und sogar von den lokalen Behörden. Sie gelten als Verräter der türkischen Identität. Neben Christen muslimischer Herkunft, die aus der Türkei stammen, gibt es auch Gemeinden von ehemaligen Muslimen, die aus anderen Ländern, wie Iran, stammen.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Baptistengemeinden, evangelikale und Pfingstgemeinden bestehen meist aus kleinen Gruppen, von denen einige es sich nicht leisten können, Räumlichkeiten für Gottesdienste zu mieten. Viele von ihnen treffen sich in Privathäusern, was zu Widerstand der Nachbarn führen kann.

8. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

 

Privatleben 12.5
Familienleben 11.5
Gesellschaftliches Leben 10.8
Leben im Staat 13.3
Kirchliches Leben 11.6
Auftreten von Gewalt 9.3

 

Grafik: Verfolgungsmuster Türkei

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen bleibt sehr hoch (11,9 Punkte) und hat sich im Vergleich zum Vorjahr nicht geändert. Vor allem im Bereich des Lebens im Staat verharrt der Druck auf sehr hohem Niveau. Dies steht in direktem Zusammenhang mit der wachsenden Feindseligkeit gegen Christen (verursacht sowohl durch nationalistische Gefühle als auch den wachsenden Widerstand der Gesellschaft gegen Christen).
  • Obwohl alle Lebensbereiche sehr hohen Druck aufweisen, ist der Druck im Leben im Staat und im Privatleben am größten. Die Punktzahl für das Privatleben spiegelt sowohl die Schwierigkeit für Christen muslimischer Herkunft wider, ihren Glauben unter ihren Familienmitgliedern offen zu leben, als auch den wachsenden Druck auf alle Christen, vorsichtig zu sein, wie und mit wem sie – in einem dem christlichen Glauben gegenüber feindlichen Klima – über ihren Glauben sprechen können. Die sehr hohe Punktzahl für das Leben im Staat zeigt nicht nur, wie schwer es Christen als Privatpersonen haben, sondern auch christliche Organisationen, die in der Türkei arbeiten. Die Medienberichterstattung über Christen ist stark voreingenommen und Christen erfahren regelmäßig Diskriminierung, wenn sie mit den Behörden zu tun haben.
  • Der Wert für das Auftreten von Gewalt stieg von 3,7 Punkten im Weltverfolgungsindex 2020 auf 9,3 im Weltverfolgungsindex 2021. Im aktuellen Berichtszeitraum wurden zwei Morde gemeldet und die Anzahl der Angriffe auf Kirchen war höher als im Vorjahr. Hinzu kam die erzwungene Deportation von mindestens 25 Ausländern und ihren Familien (wovon über 100 Christen betroffen waren), die mit verschiedenen kirchlichen Gruppen zusammengearbeitet hatten. Dies erhöhte die Punktzahl im Bereich Gewalt deutlich.

Zu jedem untersuchten Lebensbereich sind im Folgenden vier der jeweils am höchsten bewerteten Fragen des Fragebogens, der zur Erstellung des Weltverfolgungsindex ausgefüllt wird, sowie Erkenntnisse aus deren Beantwortung angeführt. Den vollständigen Fragebogen finden Sie unter: www.opendoors.de/methodik

Privatleben

Wurde ein Wechsel der Religion (auch der Wechsel der Denomination innerhalb des Christentums) abgelehnt, verboten oder mit einer Strafe belegt?

Der Wechsel zum christlichen Glauben ist nicht gesetzlich verboten. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass ein Übertritt vom muslimischen zum christlichen Glauben (oder sogar von einer christlichen Denomination zu einer anderen) familiär und gesellschaftlich Auswirkungen hat. Das Ausmaß und die Art der Unterdrückung können sich je nach Hintergrund der Familie erheblich unterscheiden, allgemein wird die Hinwendung zum christlichen Glauben aber weithin als unannehmbar angesehen.

War es für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder Facebook etc.)?

Der öffentliche Ausdruck des Glaubens in schriftlicher Form kann in gewissem Maß Verfolgung nach sich ziehen. Besonders Christen muslimischer Herkunft können unter Umständen ihre Arbeit verlieren, Belästigungen von Familie und Freunden ausgesetzt sein oder bedroht werden, nachdem ihr neuer Glauben offenbart wurde.

War es für Christen riskant, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden, die nicht zum engsten Kreis gehören (erweiterte Familie, andere)?

Das Maß der gesellschaftlichen Feindseligkeit gegen den christlichen Glauben ist in der Türkei hoch und ein Übertritt zum christlichen Glauben gilt weithin als inakzeptabel. Über den eigenen christlichen Glauben mit Mitbürgern zu diskutieren, kann zu Schikane und sozialer Ausgrenzung führen.

War es für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen?

Die Schikane von Christen ist in der Türkei weitverbreitet und das Zeigen von christlichen Symbolen kann Feindseligkeit und (körperliche) Gewalt hervorrufen.

Familienleben

Sind Kinder von Christen wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert oder diskriminiert worden?

Es gab in den letzten Jahren mehrere Berichte, dass Kinder christlicher Eltern Mobbing ausgesetzt waren. Kinder von Christen, insbesondere von Christen muslimischer Herkunft, erfahren oft Schikane, entweder wegen der religiösen Intoleranz der Gesellschaft oder aus nationalistischem Eifer.

Wurden christliche Kinder unter Druck gesetzt, auf irgendeiner Bildungsebene an antichristlichem oder an die Mehrheitsreligion propagierendem Unterricht teilzunehmen?

Wenn in ihrem Ausweis „Muslim“ eingetragen ist, sind die Kinder von Christen muslimischer Herkunft verpflichtet, in der Schule Islamunterricht zu besuchen. Es ist zwar in letzter Zeit einfacher geworden, eine Freistellung vom Islamunterricht zu erwirken, doch viele Christen muslimischer Herkunft lassen ihre religiöse Zugehörigkeit nicht ändern, da dies für sie und ihre Kinder ein soziales Stigma darstellt. Zudem ist der Lehrplan generell vom türkischen Nationalismus und der Idee beeinflusst, dass der christliche Glaube etwas der türkischen Gesellschaft Fremdes ist.

Sind christliche Paare aufgrund ihres Glaubens daran gehindert worden, Kinder zu adoptieren oder sie als Pflegekinder aufzunehmen?

Adoption ist in der Türkei nicht weitverbreitet und für Christen ist es noch schwieriger, ein Kind zu adoptieren. Präsident Erdogan sagte 2013, dass türkische Kinder, die von christlichen (oder homosexuellen) Paaren im Ausland adoptiert wurden, wiedergefunden und in die Türkei zurückgebracht werden sollten. Daher ist es für Christen fast unmöglich, ein muslimisches Kind zu adoptieren.

Wurden Eltern daran gehindert, ihre Kinder nach ihrem christlichen Glauben zu erziehen?

Die feindlich gesinnte Umgebung erschwert es Christen, ihre Kinder auf christliche Weise großzuziehen, besonders da es diesbezüglich auch Druck durch die eigenen (Groß-)Familien gibt.

Gesellschaftliches Leben

Wurden Christen am Arbeitsplatz im öffentlichen oder privaten Bereich aus religiösen Gründen diskriminiert?

Christen haben keinen Zugang zu staatlichen Arbeitsstellen und erfahren Diskriminierung in der Privatwirtschaft, insbesondere wenn Arbeitgeber Verbindungen zur Regierung unterhalten.

Wurden Christen im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z. B. weil sie sich nicht an durch die Mehrheitsreligion oder die Tradition vorgeschriebene Kleiderordnungen usw. halten)?

Viele Christen in der Türkei erleben Beschimpfungen, Todesdrohungen oder andere Schikane.

Haben Christen auf irgendeiner Ebene im Bereich ihrer Bildung aus religiösen Gründen Nachteile erlitten (z. B. Einschränkungen des Zugangs zur Bildung)?

Im Schulsystem gibt es verbindlichen Islamunterricht, allerdings können nichtmuslimische Kinder sich davon freistellen lassen. Es gibt jedoch Berichte über Diskriminierung der Kinder, die abgemeldet wurden, seitens der Gesellschaft und der Lehrer. Christliche Schulkinder werden im Unterricht regelmäßig diskriminiert, sowohl von Lehrern als auch von anderen Schülern. Es gibt Christen, die an türkischen Universitäten studieren, ihnen ist es aber nicht möglich, höhere Positionen oder Professuren auf Universitätsniveau zu erreichen. Zudem wurden in den letzten Jahren Hunderte neuer Imam-Hatip-Schulen eröffnet, was die Zahl dieser islamischen Schulen auf über 5.000 anhebt. Hatip-Schulen spielen eine immer wichtiger werdende Rolle im türkischen Bildungssystem und sind für Christen nicht zugänglich.

Wurden Christen unter Druck gesetzt, an nichtchristlichen religiösen Zeremonien oder Gemeinschaftsveranstaltungen teilzunehmen?

Christen werden sowohl durch die Regierung als auch durch die Gesellschaft beobachtet. Türkische Christen wissen, dass all ihre Kommunikation von der Regierung überwacht wird und dass eine Unterwanderung nicht selten ist. Selbst Zeitungen stellen dabei eine Gefahr dar, da einige Medien negative Artikel (inklusive Namen und Bilder) über mehrere Christen veröffentlicht haben.

Leben im Staat

Schränkt die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) die Religionsfreiheit, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, ein?

Die türkische Verfassung ist in ihrer Haltung in Bezug auf religiöse Minderheitenrechte sehr restriktiv. Die Verfassung schränkt die Religionsfreiheit zwar nicht ein, aber sie begünstigt das „Türkentum“ eindeutig gegenüber allen anderen Ideologien.

Wurden Christen von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen, oder wurde ihre Beförderung aus religiösen Gründen behindert?

Der Zugang zu Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst, dem Sicherheitsapparat des Staates und den Ordnungskräften wird Christen verwehrt, ebenso wie Beförderungen in der Armee – obwohl auch für Christen Wehrpflicht gilt. Die Religionszugehörigkeit ist auf den neuen Personalausweisen nicht mehr sichtbar vermerkt, aber sie ist immer noch auf dem Chip in der Karte registriert.

War die Berichterstattung in den Medien falsch oder voreingenommen gegenüber Christen?

Vor allem lokale Medien und Kolumnisten sind gegenüber Christen voreingenommen. Es wurde mehrfach von Fällen von Intoleranz und Vorurteilen gegen Christen berichtet.

Wurden Christen daran gehindert, ihre Ansichten oder Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern?

Christen müssen sehr vorsichtig sein, wenn sie sich in der Öffentlichkeit äußern. Gesellschaftliche Vorurteile machen es schwierig, die eigene Meinung offen auszusprechen und die türkische Regierung akzeptiert keine Kritik.

Kirchliches Leben

War es für Kirchen schwierig, von behördlichen Stellen eine Registrierung oder einen offiziellen Status zu erhalten?

Es ist nicht möglich, sich als Religionsgemeinschaft neu zu registrieren. Obwohl sich Kirchen als „Verein“ registrieren können, ist dies ein komplizierter Prozess und einige Anträge wurden abgelehnt. Auch die Gründung von Stiftungen zur Unterstützung einer neuen Religionsgemeinschaft ist verboten.

Wurden christliche Gemeinden beim Bau oder der Renovierung von Kirchengebäuden oder bei der Zurückforderung bzw. erneuten Nutzung historischer religiöser Gebäude und Gotteshäusern behindert, die ihnen früher genommen wurden?

Behördliche Genehmigungen für die Reparatur oder Renovierung von Kirchengebäuden zu erhalten, ist schwierig. Viele Kirchengebäude, Seminare oder Schulen, die in der Vergangenheit beschlagnahmt wurden, wurden nicht zurückgegeben. Eine neue Kirche zu bauen, ist nahezu unmöglich. Es ist eine absolute Ausnahme – das erste Mal seit hundert Jahren – dass sich nun eine neue Kirche in Istanbul im Bau befindet. Der Grundstein für diese syrisch-orthodoxe Kirche wurde im August 2019 von Präsident Erdogan selbst gelegt.

Wurden Christen bei der Ausbildung ihrer eigenen religiösen Leiter behindert?

Die Ausbildung von christlichen Leitern ist rechtlich unmöglich. Die Ausbildungsstätten der traditionellen Kirchen wurden in den 1970ern geschlossen und seitdem nicht mehr geöffnet, trotz einer Kampagne der Griechisch-Orthodoxen Kirche zur Wiedereröffnung ihres Seminars in Halki. Es kann nur eine inoffizielle Ausbildung stattfinden. Viele Kirchenleiter werden für ihre Ausbildung ins Ausland geschickt.

Wurden Kirchen bei der Gründung, Verwaltung, Instandhaltung und Leitung von Schulen oder karitativen, humanitären, medizinischen, sozialen oder kulturellen Organisationen, Einrichtungen und Verbänden behindert?

Es bleibt sehr schwierig, einen Verein mit einem klar christlichen Profil zu gründen und zu betreiben. Alle Aktivitäten in dieser Richtung werden überwacht und Christen leiden im Vereinsbereich sogar noch mehr, da dieser oft durch ausländische Kirchen unterstützt wird, was mit Argwohn beobachtet wird.

Auftreten von Gewalt

  • Getötete Christen: Zwei Christen wurden aufgrund ihres Glaubens getötet. Im November 2019 wurde der südkoreanische christliche Evangelist Jinwook Kim in Diyarbakir erstochen. Im Januar 2020 wurde das chaldäische Ehepaar Hormuz und Şimoni Diril aus ihrem Dorf im Südosten der Türkei entführt. Während Hormuz weiterhin vermisst wird, wurde Şimoni im März 2020 tot aufgefunden.
  • Angriffe auf Christen: Mehrere Christen wurden belästigt und tyrannisiert.
  • Verhaftungen von Christen: Der assyrische Priester Pater Sefer Bileçen wurde festgenommen und inhaftiert, da ihm die Unterstützung der verbotenen PKK vorgeworfen wurde. Sein Fall ist ein Paradebeispiel dafür, wie Christen traditioneller Kirchen zu Opfern der anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Separatisten und den türkischen Behörden werden.
  • Christen wurden gezwungen, das Land zu verlassen: Mindestens 25 ausländische Christen wurden mit Einreiseverboten belegt oder wurden auf andere Weise gezwungen, das Land mit ihren Familien zu verlassen, wovon insgesamt mehr als 100 Personen betroffen waren.
  • Angriffe auf Kirchen: Die Umwandlung der Hagia Sophia und der byzantinischen Chora-Kirche in Moscheen entfaltete eine tiefgreifende Wirkung auf die traditionellen christlichen Kirchen in der Türkei. Darüber hinaus wurden mehrere andere Kirchengebäude angegriffen und christliche Gräber und Friedhöfe vandalisiert. Hinzu kommt, dass viele historische Kirchengebäude stark renovierungsbedürftig sind. Diese Vernachlässigung führt zu einem langsamen, aber kontinuierlichen Verschwinden des christlichen Erbes im Land.
  • Angriffe auf Häuser und Geschäfte von Christen: Es kam zu mehreren Vorfällen, bei denen Eigentum einzelner Christen und christlicher Gemeinden beschädigt wurde.

9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Sowohl Regierung als auch Gesellschaft greifen religiöse Minderheiten wie Aleviten und Juden sowie ethnische Minderheiten wie Kurden verbal an. Dieser Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen. Die Türkei ist ein Unterstützer von Organisationen der Muslimbruderschaft wie der Hamas und ist daher zum Gegner Israels geworden. Die gesamtgesellschaftliche Haltung ist infolgedessen zunehmend antiisraelisch und antisemitisch geprägt. Dies hat natürlich Ängste bei der kleinen jüdischen Gemeinschaft in der Türkei geschürt und einige Hundert von ihnen sind vor Kurzem nach Israel ausgewandert, was die Verbleibenden noch verwundbarer macht.

In der Türkei lassen sich junge nationalistische Türken schnell von Hassreden und Propaganda überzeugen; die Folge sind Gewalttaten, die in der Überzeugung geschehen, die Zustimmung des Staates und der Gesellschaft zu haben. Darüber hinaus wird die Gülen-Bewegung seit dem Putschversuch 2016 schwer verfolgt. Die Jesiden im Südosten der Türkei stehen vor ähnlichen Problemen wie die syrischen Christen. Flüchtlinge der Nusayri (Alawiten) aus Syrien stehen unter enormem Druck, das Land zu verlassen. Auch allgemein werden Kurden diskriminiert sowie die Aleviten, die offiziell nicht als eigene Gruppe existieren und keine Gotteshäuser betreiben können.

Das US-Außenministerium stellt in seinem „Bericht zur internationalen Religionsfreiheit 2019“ für die Türkei fest: „Die Regierung hat die Rechte nichtmuslimischer Minderheiten weiter eingeschränkt, besonders derjenigen, die sie nicht im Lausanner Vertrag von 1923 anerkannt hat, welcher nur armenisch-apostolische Christen, Juden und griechisch-orthodoxe Christen umfasst. Sie bezeichnet das Alevitentum weiterhin als eine heterodoxe muslimische ‚Sekte‘ und erkennt weiterhin keine alevitischen Gotteshäuser (Cemevis) an, trotz eines Richterspruchs durch das oberste Berufungsgericht, das Cemevis als Gotteshäuser anerkennt. Im März 2018 sagte der Leiter von Diyanet (des Präsidiums für Religionsangelegenheiten), Moscheen seien der angemessene Anbetungsort sowohl für Aleviten als auch für Sunniten.“

Der Bericht legt ferner dar, dass nichtsunnitische religiöse Minderheiten auch im Bildungssystem benachteiligt werden: „Nichtsunnitische und säkulare Muslime gaben an, dass sie Schwierigkeiten hatten, eine Befreiung vom obligatorischen Religionsunterricht in Grund- und weiterführenden Schulen zu erhalten, und dass sie oft Wahlfächer belegen mussten, die sich mit verschiedenen Aspekten des sunnitischen Islam befassten. Die Regierung behauptete zwar, der Pflichtunterricht decke eine Reihe von Weltreligionen ab, doch einige religiöse Gruppen, darunter Aleviten und Mitglieder christlicher Kirchen, erklärten, die Kurse spiegelten größtenteils die hanafitisch-sunnitische islamische Doktrin wider und enthielten negative und falsche Informationen über andere religiöse Gruppen.“

Im November 2018 entschied das Berufungsgericht, dass die Regierung die Stromkosten für Cemevis übernehmen sollte, wie sie es auch für Moscheen tut. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte jedoch bereits 2016 ein ähnliches Urteil gefällt, das aber von der Regierung ignoriert wurde. Wenn die Regierung diesem Urteil nun folgt, könnte das Kirchen die Möglichkeit eröffnen, ebenfalls Gleichbehandlung zu fordern.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für die Türkei:

  • Beten Sie für eine Veränderung der erdrückenden und misstrauischen Atmosphäre für Christen in der Türkei.
  • Beten Sie um Gunst für ausländische Christen bei ihren Aufenthaltsanträgen und bei laufenden Berufungen gegen Aufenthaltsverbote.
  • Bitten Sie darum, dass alle Christen mit muslimischem Hintergrund, die wegen ihres Glaubens an Jesus unter Druck stehen, standhaft bleiben, in ihrer Liebe zu Jesus wachsen und vor allem Unheil bewahrt werden.