Länderprofil Türkei

Türkei

36
Weltverfolgungsindex
2020
Flagge Türkei
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
26
ISO
TR
Karte Türkei
Christen
0,17
Bevölkerung
82.96
Islamische Unterdrückung
Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen
Diktatorische paranoia
Privatleben: 12.600
Familienleben: 11.800
Gesellschaftliches Leben: 10.700
Leben im Staat: 13.300
Kirchliches Leben: 11.300
Auftreten von Gewalt: 3.700

Länderprofil Türkei

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 36 / 63 Punkte (WVI 2019: Platz 26 / 66 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. November 2018 – 31. Oktober 2019

Zusammenfassung

Der sehr starke religiöse Nationalismus in der Gesellschaft sorgt für hohen Druck auf die Christen. Die Regierung wendet sich nicht speziell gegen Christen, aber der Nationalismus in der Gesellschaft lässt den Christen fast keinen Raum, eine andere Botschaft zu verbreiten. Insbesondere jene, die sich vom Islam zu Jesus Christus bekehrt haben, werden in der Gesellschaft abgelehnt, obwohl ein Glaubenswechsel vom Islam zum Christentum nicht gesetzlich verboten ist. Ehemalige Muslime werden von ihren Familien und ihrem Lebensumfeld unter Druck gesetzt, zum Islam zurückzukehren. Selbst der Wechsel von einer christlichen Konfession zu einer anderen kann problematisch sein. Daher führen Christen manchmal ein Doppelleben und halten ihre Bekehrung geheim. Obwohl ehemalige Muslime ihre Religionszugehörigkeit auf dem Personalausweis legal zum Christentum ändern können, kann dies ein schwieriger und belastender Vorgang sein. Einmal entdeckt, können Christen mit muslimischem Hintergrund von Familienmitgliedern mit Scheidung und dem Entzug von Erbrechten bedroht werden.

Die Mischung aus Islam und Nationalismus betrifft auch Christen, die keinen muslimischen Hintergrund haben. Diese gehören meist ethnischen Minderheiten an (z.B. Griechen, Armenier, Syrer). Sie werden kaum als Vollmitglieder der türkischen Gesellschaft angesehen und stoßen auf alle möglichen rechtlichen und bürokratischen Hindernisse. Christen bekommen keine Anstellung im öffentlichen Dienst und werden in der privaten Wirtschaft diskriminiert, insbesondere wenn Arbeitgeber Verbindungen zur Regierung haben. Da die Religionszugehörigkeit auf jedem alten Personalausweis und im elektronischen Chip der neuen Ausweise vermerkt ist, ist es sehr einfach, christliche Bewerber zu diskriminieren.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 wurden mindestens 23 ausländische Christen mit einer Einreisesperre belegt oder wurden anderweitig gezwungen, das Land mit ihren Familien zu verlassen. Dies ist ein großer Schlag für die türkischen Kirchen, da viele dieser Christen seit Jahren in den Gemeinden aktiv waren. Es wird befürchtet, dass diese Welle von Ausweisungen von Ausländern ein Vorbote für weitere Einschränkungen der einheimischen türkischen Kirche ist.
  • Mehrere Kirchen berichteten, wie sie Ziel von Hassreden und Vandalismus wurden. Besonders Weihnachten ist oft eine Zeit intensivierten gesellschaftlichen Hasses auf die Kirchen.
  • Einige Christen erhielten Morddrohungen, während andere auf der Straße belästigt wurden. Besonders jene, die an (Straßen-) Evangelisation beteiligt sind, stehen in Gefahr.
  • Im Mai 2019 „konvertierte“ der populäre Theologe Nihat Hatipoğlu einen 13-jährigen armenischen Jungen in einer Fernsehshow zum Islam, obwohl er nicht das Einverständnis der Mutter des Jungen hatte.
  • Im Oktober 2019 zeigten Plakate in Konya einen Vers aus dem Koran, der Muslime dazu aufruft, nicht Freunde mit Christen und Juden zu sein. Die Plakate wurden nach öffentlichem Protest entfernt.
  • Der folgende Vorfall – ein Mord – geschah nur wenige Tage außerhalb des Berichtszeitraums des Weltverfolgungsindex 2020 und wird hier wegen der Schwere seiner Bedeutung bereits erwähnt, aber erst in der Analyse des Weltverfolgungsindex 2021 gewertet: Am 19. November 2019 wurde der südkoreanische Evangelist Jinwook Kim in Diyarbakir erstochen. Ein 16 Jahre alter Junge wurde verhaftet, in diesem Zusammenhang wurde berichtet, dass der Vorfall ein „versuchter Raub“ gewesen sei, aber viele bezweifeln, dass der Junge allein gehandelt hat. Der Mord erinnerte viele Christen an die Malatya-Morde aus dem Jahr 2007, bei denen zwei türkische Christen muslimischer Herkunft und ein deutscher Christ gefoltert und ermordet wurden.

Meldungen und Beiträge zur Türkei

Nachrichten Nachrichten
Hagia Sophia in Istanbul
Türkei
Die gesellschaftliche Stimmung in der Türkei richtet sich immer stärker gegen Christen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der türkischen „Vereinigung Protestantischer Kirchen“.
Nachrichten Nachrichten
Gerichtskomplex in Aliaga, in dem Brunsons Anhörung stattfand
Türkei
Nach 22 Monaten in Haft gibt es Anlass zur Hoffnung, der US-amerikanische Pastor Andrew Brunson könnte in naher Zukunft freigelassen werden. Eine türkische Delegation ist für Verhandlungen nach Washington gereist.
Nachrichten Nachrichten
Die Kirche Santa Maria in Trabzon (Bildquelle: WWM)
Türkei
(Open Doors, Kelkheim) – Am 4. Februar wurde auf dem Grundstück einer Kirche in der Hafenstadt Trabzon ein Sprengkörper gefunden. Der Anschlag reiht sich ein in eine Folge von Angriffen auf Kirchen im vergangenen Jahr; die Feindseligkeit gegen die Christen im Land hat merklich zugenommen.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit 63 Punkten belegt die Türkei Platz 36 auf dem Weltverfolgungsindex 2020.

Damit sank die Wertung um 3 Punkte gegenüber dem Weltverfolgungsindex 2019. Obwohl der durchschnittliche Druck auf Christen angestiegen ist, liegt der Rückgang der Gesamtpunktzahl an einem starken Abfall der Punktzahl für Gewalt: von 7,2 auf 3,7 Punkte. Es gab weniger Angriffe auf Kirchengebäude im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020. Die scharfe Rhetorik der Regierung hat weniger Spielraum für andere Stimmen gelassen, einschließlich der christlichen. Es gibt mehr Misstrauen gegen Christen, was die Verkündigung des Evangeliums erschwert und zu hohem Widerstand durch die Gesellschaft führt. In der Türkei ist die Hauptreligion, der Islam, vollständig mit einem starken Nationalismus vermischt.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung / Religiöser Nationalismus

Der starke und oftmals fanatische Nationalismus beeinträchtigt alle Christen in der Türkei. Dem größten Druck sind ehemalige Muslime ausgesetzt. Familie, Freunde und Gemeinschaft üben oft starken Druck auf sie aus, damit sie zum Islam, dem Glauben der Väter, zurückkehren. Allgemein herrscht die Meinung, dass ein wahrer Türke ein Muslim ist. Eine Bekehrung zu Jesus Christus verletzt nicht nur die Familienehre, sondern wird als Beleidigung des Türkentums verstanden. Dies kann Gerichtsverfahren und Haftstrafen nach sich ziehen. Die Mischung aus Islam und Nationalismus betrifft auch Christen, die überwiegend ethnischen Minderheiten angehören (z.B. Griechen, Armenier, Syrer). Sie werden kaum als vollwertige Mitglieder der türkischen Gesellschaft angesehen und stoßen auf alle möglichen rechtlichen und bürokratischen Hindernisse.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen

Diese Triebkraft der Verfolgung hat sich im vorherigen Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex (WVI 2019) im Zusammenhang mit dem Kurdenkonflikt weiter verstärkt. Syrische Christen in der südöstlichen Region spüren besonders den Druck des syrischen Bürgerkriegs und sind zwischen den kurdischen Clans, der Regierung und der kurdischen militanten Gruppe PKK gefangen.

Die Stammesführer nutzen ihre Macht, um die Syrer aus ihrer Heimat im Südosten zu vertreiben. Dies betrifft jedoch nur die christliche Landbevölkerung. Die meisten Christen in der Türkei leben in Großstädten und sind nicht stark von Clans und ethnisch begründeten Anfeindungen betroffen. Darüber hinaus spielen Stammesrecht und -bräuche nach wie vor eine wichtige Rolle, insbesondere in den östlichen Provinzen der Türkei. Christen muslimischer Herkunft droht dort noch härtere Verfolgung, da die Bekehrung zum Christentum nicht nur als Verrat am Islam, sondern auch an der Familie und dem Clan angesehen wird. Nicht zuletzt ist die Geschichte der Türkei von der Betonung auf Volkszugehörigkeit und Religion geprägt. Diese Ausrichtung führte zunächst zum Völkermord an Armeniern, Syrern und griechisch-orthodoxen Christen, der vom Ersten Weltkrieg bis in die 1920er-Jahre andauerte, und hat seither die weitere Ausgrenzung von Minderheiten bewirkt.

Diktatorische Paranoia

Seit dem gescheiterten Putsch vom Juli 2016 hat die Regierung von Präsident Erdogan ihre Maske der Unterstützung der Demokratie fallen lassen und beschneidet unverblümt die Freiheit in der gesamten türkischen Gesellschaft. Die Medien wurden eingeschränkt und alle Formen der Opposition werden verfolgt. Erdogan hat außerdem erklärt, dass „Demokratie und freie Presse unvereinbar sind“, was angesichts der vielen inhaftierten Journalisten nicht verwundert. Obwohl Christen im Moment nicht direkt von der Regierung angegriffen werden, hat das Regime den sunnitischen Islam offen zur religiösen Norm im Land erklärt und damit das Christentum klar ausgegrenzt.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung und religiös motiviertem Nationalismus

  • Regierungsbeamte: Präsident Erdogan scheint die Türkei von einem säkularen zu einem sunnitisch-muslimischen Staat umwandeln zu wollen. Bisher wurden die Änderungen nur schrittweise umgesetzt. Einer dieser Schritte war die Verfassungsänderung nach dem Referendum im April 2017, die dem Präsidenten mehr Macht gab und ihm den Weg für zwei weitere Wahlen ebnete. Abgesehen von den ausländischen Christen hat die Regierung türkische Christen noch nicht speziell ins Visier genommen. Allerdings gab es Probleme mit kirchlichem Eigentum, insbesondere in der unruhigen südöstlichen Region. Dort schloss und beschlagnahmte die Regierung aus verschiedenen Gründen Kirchengebäude. In einigen Fällen sagte die Regierung, dass dies wegen des reformierten Grundbuchrechts und der Reorganisation der Stadtverwaltung geschehen sei, in anderen Fällen ergriff die Regierung aus Sicherheitsgründen die Kontrolle über die Kirchen. Obwohl es schwierig zu beweisen ist, ob die Regierung absichtlich christliche Gemeinschaften behindert oder nicht, ist ein Experte für das Land überzeugt, dass die Regierung versucht, die bereits geschwächten traditionellen christlichen Gemeinschaften aus der Türkei zu vertreiben.
  • Anführer ethnischer Gruppen: Kurdische Führer sind eine Quelle des Drucks für die traditionellen christlichen Gemeinschaften im Südosten der Türkei.
  • (Groß-)Familie und gewöhnliche Bürger: Christen muslimischer Herkunft werden von ihren Familien und Gemeinschaften unter Druck gesetzt, zum Islam zurückzukehren. Einmal entdeckt, kann ein Christ mit muslimischem Hintergrund von Scheidung und dem Verlust von Erbrechten bedroht sein.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Die türkischen Grauen Wölfe sind eine Gruppe, deren Einfluss in der Türkei gewachsen ist, unter anderem bedingt durch die nationalistische Rhetorik von Präsident Erdogan. In ihrem strengen Nationalismus vermischen sie die türkische Identität mit dem Islam. Die Grauen Wölfe schrecken nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden, und es wird vermutet, dass ihre Mitglieder hinter mehreren Angriffen auf Christen stehen, insbesondere auf christliche Gemeinschaften von Flüchtlingen.
  • Politische Parteien: Im Juli 2017 organisierte die Opposition, die republikanische Volkspartei (CHP), einen „Marsch für die Gerechtigkeit“ gegen die Regierung, an dem Hunderttausende teilnahmen. Nichtsdestoweniger sieht es so aus, als ob keine der Oppositionsparteien wirklich die Stimme für die traditionellen und andere christlichen Gemeinschaften erhebt, was diese damit weiter verwundbar macht für den Druck durch die Regierung.

Ausgehend von ethnisch oder traditionell begründeten Anfeindungen

  • Anführer ethnischer Gruppen: In den ländlicheren Gebieten werden konservative Normen und Werte von ethnischen Führern aufrechterhalten. Im Südosten scheint es, dass kurdische Oberhäupter versuchen, die historisch verwurzelte syrische Gemeinschaft aus dem traditionell christlichen Gebiet zu verdrängen. Die kurdische PKK versucht zudem, die Syrer aus nationalistischen Gründen bewusst in ihren Konflikt mit der türkischen Regierung hineinzuziehen.
  • Gewöhnliche Bürger und die eigene (Groß-)Familie: Die Familienbande in der Türkei können sehr eng sein und die Gesellschaft ist der Meinung, dass ein wahrer Türke ein sunnitischer Muslim sein muss. Christen, selbst solche aus den traditionellen christlichen Gemeinschaften, werden als Fremde angesehen und ein Übertritt vom Islam zum christlichen Glauben wird oft als Schande für die Familie erachtet.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

  • Regierungsbeamte: Die Gegenreaktion auf den Putschversuch vom Juli 2016 hat zu einer verstärkten Polarisierung geführt und jeder wurde öffentlich zum Sündenbock gemacht, der (angeblich) die Türkei oder Erdogans Vision für die Türkei nicht unterstützt. Die Tatsache, dass der vermeintliche Urheber des Putschs, Fethullah Gülen, in Pennsylvania ansässig ist und dass die USA ihn bisher nicht ausgeliefert haben (mangels Beweisen, den besagten Staatsstreich in die Wege geleitet zu haben), hat die Spannungen zwischen der Türkei und den USA verstärkt. Vor allem die evangelischen Christen haben die Verschlechterung der Beziehungen gespürt. Da die USA als christlich angesehen werden, stellt man Christen in der Türkei als Spione des Westens dar. Hassreden und Drohungen gegen evangelische Kirchen haben zugenommen. Die allgemeine Atmosphäre ist angespannt und der Mord an dem südkoreanischen Evangelisten Jinwook Kim im November 2019 hat Ängste geschürt.

4. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Traditionelle christliche Gruppen wie die armenischen und assyrischen (syrischen) Kirchen stehen im Südosten der Türkei hohem Druck und Feindseligkeiten gegenüber. Seit Jahrzehnten sind sie in Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und kurdischen Widerstandsgruppen gefangen. Die meisten dieser Christen leben nicht mehr in den Gebieten ihrer Vorfahren und sind in den Westen der Türkei umgezogen.

Christen muslimischer Herkunft bevorzugen es, eher in städtischen Regionen zu leben als in ländlichen, da die soziale Kontrolle in städtischen Regionen deutlich geringer ausfällt.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Es gibt ausländische Christen im Land, aber sie werden nicht unfreiwillig von anderen christlichen Gemeinschaften isoliert. Da diese ausländischen Christen frei mit anderen christlichen Gemeinschaften in Verbindung treten können, werden sie bei den Analysen zum Weltverfolgungsindex nicht als eine separate Kategorie betrachtet.

Christen aus traditionellen Kirchen

Christen aus traditionellen Kirchen: Dazu gehören armenisch-apostolisch-orthodoxe und griechisch-orthodoxe Kirchen (die einzigen Kirchen, die 1923 im Vertrag von Lausanne „anerkannt“ wurden) sowie die assyrische, syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Kirche, die alle regelmäßig überwacht und von der Regierung kontrolliert und eingeschränkt werden; ihre Mitglieder gelten in vielen offiziellen Angelegenheiten sowie in der Öffentlichkeit als „fremdländisch“. Sie werden kaum als Vollmitglieder der türkischen Gesellschaft angesehen und stoßen auf alle möglichen rechtlichen und bürokratischen Hindernisse. So benötigen zum Beispiel die armenische und griechisch-orthodoxe Kirche die Erlaubnis der türkischen Regierung, neue Kirchenleiter zu bestimmen.

Es gibt auch ausländische Christen, die traditionellen Kirchen angehören. Es gibt russisch-orthodoxe Christen, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben, und auch römisch-katholische Christen, hauptsächlich Einwanderer aus Afrika und den Philippinen. In den letzten Jahren ist ihre Zahl um Zehntausende von christlichen Flüchtlingen gewachsen, die aus Syrien und dem Irak kamen, um dem Krieg in ihren Heimatländern zu entkommen.

Christen muslimischer Herkunft

Christen mit muslimischem Hintergrund tragen in der Türkei die Hauptlast der Verfolgung. Der Druck kommt von Familie, Freunden, dem Lebensumfeld und sogar von den lokalen Behörden. Sie gelten als Verräter der türkischen Identität. Neben Christen muslimischer Herkunft, die aus der Türkei stammen, gibt es auch Gemeinschaften von ehemaligen Muslimen, die aus anderen Ländern, wie Iran, stammen.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Baptistengemeinden, evangelikale und Pfingstgemeinden bestehen meist aus kleinen Gruppen und einige können es sich nicht leisten, Räumlichkeiten für Gottesdienste zu mieten. Viele von ihnen treffen sich in Privathäusern, was zu Widerstand bei den Nachbarn führen kann.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 12.6
Familienleben 11.8
Gesellschaftliches Leben 10.7
Leben im Staat 13.3
Kirchliches Leben 11.3
Auftreten von Gewalt 3.7

Grafik: Verfolgungsmuster Türkei

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen beträgt ein sehr hohes Maß; der Wert stieg von 11,7 Punkten im Vorjahr auf 11,9 Punkte im aktuellen Berichtszeitraum. Grund für den Anstieg ist, dass der Druck insgesamt zugenommen hat, besonders in den Lebensbereichen „Leben im Staat“, „Gesellschaftliches Leben“ und „Familienleben“. Dies steht in direktem Zusammenhang mit der wachsenden Feindseligkeit gegen Christen (verursacht sowohl durch nationalistische Gefühle als auch den wachsenden Widerstand der Gesellschaft gegen Christen).
  • Obwohl alle Lebensbereiche sehr hohen Druck aufweisen, ist der Druck in den Bereichen „Privatleben“ und „Leben im Staat“ am größten. Die Punktzahl für das Privatleben spiegelt sowohl die Schwierigkeit für ehemalige Muslime wider, ihren Glauben inmitten ihrer Familienmitglieder offen zu leben, als auch den wachsenden Druck auf alle Christen, vorsichtig zu sein, wie und mit wem man in einem dem christlichen Glauben gegenüber feindlichen Klima über seinen Glauben sprechen kann. Die sehr hohe Punktzahl für das Leben im Staat zeigt, wie schwierig es für Christen und christliche Organisationen ist, in der Türkei zu arbeiten. Die Medienberichterstattung über Christen ist sehr voreingenommen und Christen erfahren regelmäßig Diskriminierung, wenn sie mit den Behörden zu tun haben.
  • Der Wert für das Auftreten von Gewalt ist im Vergleich zum Vorjahr von 7,2 auf nun 3,7 Punkte gesunken. Im Berichtszeitraum des WVI 2020 wurden keine Morde gemeldet und die Anzahl der Angriffe auf Kirchen war niedriger als im Weltverfolgungsindex 2019. Dies hielt den Punktwert für Gewalt niedrig, trotz der erzwungenen Ausweisung von mindestens 23 Ausländern und ihren Familien, die mit verschiedenen Kirchen arbeiteten.

Zu jedem der Lebensbereiche sind im Folgenden jeweils ausgewählte Teilaspekte genannt, die im betreffenden Lebensbereich für die Christen zu den gravierendsten Schwierigkeiten gehören.

Privatleben

  • Die Hinwendung zum christlichen Glauben wird stark abgelehnt: Die Konversion zum christlichen Glauben ist nicht gesetzlich verboten. Doch ist es wahrscheinlich, dass ein Übertritt vom muslimischen zum christlichen Glauben familiär und gesellschaftlich Auswirkungen hat. Wenn sich auch das Ausmaß und die Art der Unterdrückung je nach Hintergrund der Familie erheblich unterscheiden können, wird die Bekehrung zum Christentum weithin als unannehmbar angesehen.
  • Es ist gefährlich für Christen, ihrem Glauben in schriftlicher Form persönlich Ausdruck zu geben, etwa in Internetblogs oder auf Facebook: Der öffentliche Ausdruck des Glaubens in schriftlicher Form kann in gewissem Maß Verfolgung nach sich ziehen. Besonders Christen muslimischer Herkunft können manchmal ihre Arbeit verlieren, Belästigungen von Familie und Freunden ausgesetzt sein oder bedroht werden, nachdem sie ihren neuen Glauben öffentlich gemacht haben.
  • Es ist ein Risiko für Christen, über ihren Glauben mit anderen als mit ihren engsten Familienangehörigen zu sprechen: Das Maß der gesellschaftlichen Feindschaft gegen den christlichen Glauben ist hoch in der Türkei und ein Übertritt zum christlichen Glauben gilt weithin als inakzeptabel. Über den eigenen christlichen Glauben mit Mitbürgern zu diskutieren, kann zu Schikane und sozialer Ausgrenzung führen.
  • Es ist für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen: Die Schikane von Christen ist in der Türkei weitverbreitet und das Zeigen von christlichen Symbolen kann zu (körperlicher) Gewalt führen.

Christen führen manchmal ein Doppelleben und verbergen ihre Bekehrung, was bedeutet, dass sie nur versteckt beten, Bibel lesen und christliche Webseiten besuchen. Diese Art von Unterdrückung wird als „normal“ angesehen und kaum berichtet oder dokumentiert, es sei denn, es kommt zu körperlicher Gewalt. Diejenigen, die ihre christliche Identität verbergen, haben oft zu große Angst, sich mit anderen Christen zu treffen.

Familienleben

  • Wegen des christlichen Glaubens ihrer Eltern werden Kinder diskriminiert oder schikaniert: Es gab in den letzten Jahren mehrere Berichte, dass Kinder christlicher Eltern schikaniert wurden. Kinder von Christen, und insbesondere von Christen muslimischer Herkunft, werden oft schikaniert, entweder wegen der religiösen Intoleranz der Gesellschaft oder aus nationalistischem Eifer.
  • Kinder christlicher Eltern werden dazu gedrängt, an nichtchristlichem Unterricht oder dem allgemeinen Religionsunterricht teilzunehmen: Wenn im Ausweis „Muslim“ eingetragen ist, sind die Kinder von Christen muslimischer Herkunft verpflichtet, in der Schule Islamkurse zu besuchen. Obwohl es in letzter Zeit einfacher geworden ist, eine Freistellung vom Islamunterricht zu erwirken, haben viele Christen muslimischer Herkunft ihre religiöse Zugehörigkeit nicht ändern lassen, da es für sie und ihre Kinder ein soziales Stigma darstellt. Zudem ist der türkische Lehrplan generell vom türkischen Nationalismus und der Idee beeinflusst, dass das Christentum etwas der türkischen Gesellschaft Fremdes ist.
  • Christliche Paare werden aufgrund ihres Glaubens daran gehindert, Kinder zu adoptieren oder Pflegekinder aufzunehmen: Adoption ist in der Türkei nicht weitverbreitet und für Christen ist es noch außergewöhnlicher, ein Kind zu adoptieren. Erdogan teilte im Jahr 2013 mit, dass türkische Kinder, die von christlichen Paaren im Ausland adoptiert wurden, in die Türkei zurückgebracht werden sollten. Daher ist es für Christen fast unmöglich, ein muslimisches Kind zu adoptieren.
  • Eltern werden daran gehindert, ihre Kinder gemäß ihrem christlichen Glauben aufzuziehen: Die feindlich gesinnte Umgebung erschwert es Christen, ihre Kinder auf christliche Weise großzuziehen, besonders da es auch Druck durch die eigene (Groß-)Familie gibt.

Obwohl ehemalige Muslime ihre Religionszugehörigkeit auf dem Personalausweis legal zum Christentum ändern können, kann dies ein schwieriger und belastender Vorgang sein. Sofern Konvertiten zum christlichen Glauben nicht die Religionszugehörigkeit in ihren Ausweisen geändert haben, werden ihre Kinder automatisch als sunnitische Muslime registriert. Sobald ihre Konversion zum christlichen Glauben bekannt wird, kann Christen die Scheidung und der Verlust ihrer Erbrechte drohen. Sie können auch Schwierigkeiten bei der Organisation einer christlichen Hochzeit oder Beerdigung haben (z.B. in Fällen, wo die letzten Wünsche eines ehemaligen Muslims nicht respektiert werden und die Beerdigung nach islamischem Ritus durchgeführt wird). Anträge auf christliche Friedhöfe wurden in einigen Teilen des Landes abgelehnt. Wo dies geschehen ist, können Christen nur in Bereichen, die allen Nichtmuslimen vorbehalten sind, nach christlichen Riten begraben werden, oder auf einem historisch christlichen Friedhof.

Ehepartner von Christen muslimischer Herkunft werden gelegentlich unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen.

Gesellschaftliches Leben

  • Christen werden in der Erwerbstätigkeit aufgrund ihres Glaubens diskriminiert: Christen haben keinen Zugang zu staatlichen Arbeitsstellen und erfahren Diskriminierung in der Privatwirtschaft, insbesondere wenn Arbeitgeber Verbindungen zur Regierung haben.
  • Christen erfahren wegen ihres Glaubens Benachteiligungen im Bereich der Bildung: Im Schulsystem gibt es verbindlichen Islamunterricht, allerdings können nichtmuslimische Kinder sich davon abmelden. Es gibt jedoch Berichte über Diskriminierung der Kinder, die sich abgemeldet haben, seitens der Gesellschaft und der Lehrer. Christliche Schulkinder werden im Unterricht regelmäßig diskriminiert, sowohl von Lehrern als auch von anderen Schülern. Es gibt Christen, die an türkischen Universitäten studieren, aber es ist ihnen nicht möglich, höhere Positionen oder Professuren auf Universitätsniveau zu erreichen. Zudem wurden in den letzten Monaten Hunderte neuer Imam-Hatip-Schulen eröffnet, was die Zahl dieser islamischen Schulen auf über 5000 anhebt. Hatip-Schulen spielen eine immer wichtiger werdende Rolle im türkischen Bildungssystem und sind für Christen nicht zugänglich.
  • Christen werden im Alltag aufgrund ihres Glaubens belästigt, bedroht oder behindert: Viele Christen in der Türkei erleben Beschimpfungen, Todesdrohungen oder andere Schikanen.
  • Christen stehen unter Beobachtung durch ihr soziales oder privates Umfeld: Christen werden sowohl durch die Regierung als auch durch die Gesellschaft überwacht. Türkische Christen wissen, dass all ihre Kommunikation von der Regierung überwacht wird und dass eine Unterwanderung nicht selten ist. Selbst Zeitungen sind hier eine Gefahr, da einige Medien negative Artikel (inklusive Namen und Bildern) über verschiedene Christen veröffentlicht haben.

Leben im Staat

  • Die Verfassung schränkt die Religionsfreiheit gemäß Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein: Die türkische Verfassung ist in ihrer Haltung gegenüber den Rechten religiöser Minderheiten sehr restriktiv. Die Verfassung schränkt die Freiheit von Christen zwar nicht ein, aber sie bevorzugt das „Türkentum“ gegenüber allen anderen Ideologien.
  • Christen werden aufgrund ihres Glaubens von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen: Der Zugang zu Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst, dem Sicherheitsapparat des Staates und den Ordnungskräften wird den Christen verweigert, ebenso wie die Beförderung in der Armee, trotz Wehrpflicht. Obwohl die eigene Religionszugehörigkeit auf den neuen Personalausweisen nicht mehr sichtbar vermerkt wird, ist sie dennoch auf dem Chip in der Karte registriert.
  • Medienberichte über Christen sind inkorrekt oder voreingenommen: Vor allem die lokalen Medien und Kolumnisten sind gegenüber Christen voreingenommen. Es gibt mehrere Berichte über Intoleranz und Vorurteile gegen Christen.
  • Christen erleben Einschränkungen in der öffentlichen Meinungsäußerung: Christen müssen sehr vorsichtig sein, wenn sie sich in der Öffentlichkeit äußern. Gesellschaftliche Vorurteile machen es schwierig, Dinge anzusprechen und die türkische Regierung akzeptiert keine Kritik.

Christen muslimischer Herkunft (insbesondere solche, die im Südosten oder in ländlichen Gebieten Gemeinden leiten) werden von Polizei und Sicherheitskräften wegen ihrer offen christlichen Identität mitunter entwürdigend behandelt. Christen haben Schwierigkeiten, Genehmigungen für den Bau von Kirchen oder die Registrierung eines Versammlungsorts als Gotteshaus zu erhalten. Der Aufstieg des Nationalismus im Land verursacht Probleme für nichtmuslimische Geschäftsleute, da Berichten zufolge Vetternwirtschaft unter der regierenden Partei AKP weit verbreitet ist. Es bestehen Bedenken hinsichtlich der Unparteilichkeit der Justiz in Gerichtsverfahren, an denen christliche Minderheiten beteiligt sind, insbesondere nachdem die Regierung mehr als 4000 Mitglieder der Justiz wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung entlassen hat.

Kirchliches Leben

  • Auf allen Ebenen der Verwaltung ist es schwierig, als Kirche eine Registrierung zu bekommen: Es ist nicht möglich, sich als Religionsgemeinschaft neu zu registrieren. Obwohl sich Kirchen als „Verein“ registrieren können, ist dies ebenfalls ein schwieriger Prozess und einige Anträge wurden abgelehnt. Auch die Gründung von Stiftungen zur Unterstützung einer neuen Religionsgemeinschaft ist verboten.
  • Christliche Gemeinschaften wurden daran gehindert, Kirchengebäude zu bauen oder zu renovieren oder historisch-religiöse Stätten zu beanspruchen, die ihnen früher genommen wurden: Es ist sehr schwierig, behördliche Genehmigungen für die Reparatur oder Renovierung von Kirchengebäuden zu erhalten. Viele Kirchengebäude, Seminare oder Schulen, die in der Vergangenheit beschlagnahmt wurden, wurden nicht zurückgegeben. Eine neue Kirche zu bauen ist nahezu unmöglich.
  • Kirchen werden daran gehindert, Schulen, wohltätige, humanitäre, medizinische, soziale oder kulturelle Organisationen, Einrichtungen oder Vereine zu gründen und zu führen: Es bleibt sehr schwierig, einen Verein mit einem klar christlichen Profil zu gründen und zu betreiben. Alle Aktivitäten in dieser Richtung werden überwacht und Christen leiden in diesem Bereich sogar noch mehr, da sie oft durch ausländische Kirchen unterstützt werden, was mit Argwohn beobachtet wird.
  • Christen werden daran gehindert, eigene Kirchenleiter auszubilden: Die Ausbildung von christlichen Leitern ist rechtlich unmöglich. Die Ausbildungsstätten der traditionellen Gemeinschaften wurden in den 1970ern geschlossen und seitdem nicht mehr geöffnet, trotz einer Kampagne der griechisch-orthodoxen Kirche zur Wiedereröffnung ihres Seminars in Halki. Es kann nur eine inoffizielle Ausbildung stattfinden. Viele Kirchenleiter werden für ihre Ausbildung ins Ausland geschickt.

Der türkische Geheimdienst (MIT) beobachtet christliche Gruppen und ihre Aktivitäten aufmerksam, obwohl Kirchen auch von den Sicherheitsdiensten während der Gottesdienste (sichtbar) geschützt werden, insbesondere nach Drohungen durch den „Islamischen Staat“ (IS).

Die Durchführung von Aktivitäten außerhalb der dafür vorgesehenen kirchlichen Einrichtungen wird allgemein als Missionierung angesehen und daher sowohl von den örtlichen Amtsträgern als auch von der Bevölkerung behindert. Besonders schwierig ist dies nach dem Putsch und dem anschließenden Ausnahmezustand geworden, weil jedes vermeintlich verdächtige Verhalten zu Verhaftungen führen kann. Die offene Integration von ehemaligen Muslimen in bestehende Kirchen wird erschwert, hauptsächlich durch das soziale Umfeld.

Leitungswechsel in der griechisch-orthodoxen und armenisch-apostolischen Kirche müssen von der Regierung genehmigt werden, auch wenn es sich dabei um Leiter von Religionsgemeinschaften handelt, die es dem Gesetz zufolge nicht gibt und deren persönliche Positionen im Gesetz nicht anerkannt sind. Christliche Materialien sind auf Türkisch verfügbar, aber ihre Verbreitung bleibt schwierig, da sie automatisch mit Missionierung in Verbindung gebracht werden.

Es ist für Kirchenleiter schwierig, ein Visum zu erhalten. Vielen ausländischen Mitarbeitern religiöser Organisationen wird entweder ein Visum verweigert oder ihre Aufenthaltserlaubnis wird einfach nicht verlängert.

Auftreten von Gewalt

  • Es wurden keine Christen wegen ihres Glaubens getötet (allerdings gab es den Mord an einem christlichen Evangelisten im November 2019, außerhalb des Berichtszeitraums des Weltverfolgungsindex 2020).
  • Mehrere Christen wurden belästigt und tyrannisiert.
  • Es wurden keine Christen verhaftet, aber mindestens 23 ausländische Christen wurden mit Einreiseverboten belegt oder wurden auf andere Weise gezwungen, das Land mit ihren Familien zu verlassen.
  • Eine Kirche wurde von der Polizei gestürmt, während andere Kirchen durch Vandalismus beschädigt wurden. Ein Kloster meldete eine Brandstiftung, die 800 Olivenbäume zerstörte.
  • Es gab Berichte, wonach im Südosten der Türkei Felder, die syrischen Christen gehörten, in Brand gesteckt wurden.

7. Verfolgungssituation für Männer und Frauen

Wie Frauen Verfolgung erfahren:

  • Ausschluss aus der Gemeinschaft
  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Vertreibung aus Wohnung/Wohnhaus
  • (Haus-)Arrest durch die Familie
  • Körperliche Gewalt
  • Psychische Gewalt
  • Verbale Gewalt

Obwohl das Rechtssystem der Türkei generell keine Religion in ihren Freiheiten benachteiligt und es außerdem gleiche Rechte für Frauen und Männer zusichert, sind die vorherrschende Kultur und die Umsetzung der Gesetze oft Gründe für Verfolgung. Die Bekehrung zu Jesus Christus ist für Frauen wahrscheinlich schwieriger, besonders in ländlichen Gegenden, da sie in einer islamischen Gesellschaft, in der sie eine untergeordnete Stellung einnehmen und der Kontrolle der Familie unterstehen, stärker von Verfolgung bedroht sind. Angesichts des derzeitigen Wiedererstarkens des Islam werden Frauen wahrscheinlich wachsendem Druck ausgesetzt sein, die islamischen Erwartungen an Kleidung und Verhalten zu erfüllen.

Generell wird von Frauen erwartet, dass sie ihre Familien mit ihrer Berufswahl, ihren Freundschaften und der Wahl des Ehepartners ehren. Die Verfolgung von Frauen und Mädchen betrifft auch ihre Familien, sie weckt Wut, Angst und Sorge bei anderen Familienangehörigen.

Christin zu werden oder einen Christen zu heiraten, gilt als Bedrohung der Erwartung, der Familie Ehre zu bringen. Manchmal werden Christinnen muslimischer Herkunft von ihren Familien verstoßen oder daran gehindert, sich mit anderen Christen in den östlichen Provinzen zu treffen, oder durch Dorfbewohner, die in die Stadt gezogen sind.

Wie Männer Verfolgung erfahren:

  • Beschlagnahme von Erbschaft und Besitz
  • Diskriminierung/Schikane im Bildungsbereich
  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Vertreibung aus Wohnung/Wohnhaus
  • Zwangsrekrutierung zum Militärdienst
  • Ermordung
  • Körperliche Gewalt
  • Psychische Gewalt
  • Verbale Gewalt

Der Druck auf Christen durch Medien, Polizei, Behörden und das gesellschaftliche Umfeld richtet sich sowohl gegen Männer als auch gegen Frauen. Dennoch stehen Männer zusätzlichem Druck durch die Verflechtung von religiösen und kulturellen Erwartungen gegenüber: Von ihnen wird erwartet, Verteidiger des Islam und des Türkentums zu sein, Konzepte, die in der öffentlichen Wahrnehmung eng miteinander verbunden sind. Die Nichterfüllung dieser Erwartung baut Druck auf die Männer auf, der sie daran hindern kann, jemals in eine Kirche zu gehen.

Quellen zufolge können Jungen und Männer von den Behörden verhaftet und misshandelt werden; sie stehen in der Gefahr, ihre Arbeit oder ihr Erbe zu verlieren oder von der Familie verstoßen zu werden. Während des Militärdienstes befinden sich die Männer in einer Umgebung, in der sie, wenn ihre christliche Konfession in ihrem Ausweis vermerkt ist, von ihren Vorgesetzten mit Argwohn betrachtet und von ihren Altersgenossen tyrannisiert werden. Trotz Wehrpflicht ist es sehr unwahrscheinlich, dass Christen in der Armee Karriere machen. Außerdem haben Christen Schwierigkeiten, eine Arbeit im öffentlichen Dienst zu finden.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Sowohl Regierung als auch Gesellschaft greifen religiöse Gruppen wie Aleviten und Juden und ethnische Gruppen wie die Kurden verbal an. Dieser Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen. Die Türkei ist ein Unterstützer von Einrichtungen der Muslimbruderschaft wie der Hamas und ist daher zum Gegner Israels geworden. Die öffentliche Einstellung ist infolgedessen zunehmend anti-israelisch und antisemitisch geworden. Dies hat natürlich Ängste bei der kleinen jüdischen Gemeinschaft in der Türkei geschürt und einige Hundert von ihnen sind vor Kurzem nach Israel ausgewandert, was die Verbleibenden noch verwundbarer macht.

In der Türkei können junge nationalistische Türken schnell mit hasserfüllter Propaganda gewonnen werden und sie führen in der Folge Gewalttaten aus, in der Überzeugung, die Zustimmung des Staates und der Gesellschaft zu haben. Darüber hinaus wurde die Gülen-Bewegung seit dem Putsch 2016 schwer verfolgt. Die Jesiden im Südosten der Türkei stehen vor ähnlichen Problemen wie die syrischen Christen. Nusayri-Flüchtlinge (Alawiten) aus Syrien stehen unter enormem Druck, das Land zu verlassen. Auch die Aleviten werden diskriminiert (offiziell existieren sie nicht als eigene Gruppe und können keine Gotteshäuser unterhalten), sowie allgemein die Kurden.

Das US-Außenministerium berichtet in seinem International Religous Freedom Report for Turkey 2017 (S. 1): „Die Regierung hat die Rechte nichtmuslimischer Minderheiten weiter eingeschränkt, besonders derjenigen, die sie nicht im Lausanner Vertrag von 1923 als geschützt anerkannt hat, welcher nur armenisch-apostolisch-orthodoxe Christen, Juden und griechisch-orthodoxe Christen umfasst. Sie bezeichnet das Alevitentum weiterhin als eine heterodoxe muslimische Gruppe und erkennt weiterhin keine alevitischen Gotteshäuser (Cemevis) an, trotz eines Richterspruchs durch das oberste Berufungsgericht im November, das Cemevis als Gotteshäuser anerkennt. Die Regierung erkennt das Recht zur Verweigerung des Militärdienstes aus Gewissensgründen nicht an. Religiöse Minderheiten berichten, dass bürokratische und administrative Hürden weiterhin bestehen, inklusive der Verhinderung von Vorstandswahlen für religiöse Stiftungen, die viele Aktivitäten von religiösen Gemeinschaften verwalten."

Im Dezember 2018 entschied das Berufungsgericht, dass die Regierung die Stromkosten für Cemevis (alevitische Gotteshäuser) übernehmen sollte, wie die Regierung es auch für Moscheen tut. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EMRK) hatte bereits 2016 ein ähnliches Urteil gefällt, das aber von der Regierung ignoriert wurde. Wenn die Regierung diesem Urteil folgt, könnte das den Kirchen die Möglichkeit eröffnen, ebenfalls Gleichbehandlung zu fordern.

9. Der Ausblick für Christen

Islamische Unterdrückung / Religiös motivierter Nationalismus

Es ist ein Anstieg von Hassreden in der Presse (oft in der Lokalpresse) zu verzeichnen, die sich gegen Kirchen und ausländische christliche Kirchenmitarbeiter richten. Dies hat dazu geführt, dass Stadtverwaltungen und Kommunalbeamte versuchen, Kirchen zu schließen. Die allgemeine Atmosphäre bleibt angespannt. Christliche Flüchtlinge erfahren immer mehr Einschränkungen durch die Behörden und werden mit Abschiebung bedroht. Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Situation verbessern wird. Die Islamisierung des Landes setzt sich fort und der Druck auf die christliche Gemeinschaft hat seit dem Putschversuch 2016 massiv zugenommen – und wächst weiter.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen

Der Anteil der christlichen Bevölkerung ist winzig, sie macht gerade einmal 0,2% der Gesamtbevölkerung aus. In Anbetracht der Tatsache, dass noch vor einem Jahrhundert die Christen 20% ausmachten, ist die Angst vor einem völligen Aussterben nicht unbegründet, insbesondere nicht für die traditionellen christlichen Gemeinschaften. Die allgemeine Atmosphäre ist Christen gegenüber feindselig, weil das Christentum als etwas Fremdes angesehen wird. Solange „Armenier“ als Beleidigung benutzt wird, anstatt eine respektierte und legitime Minderheit zu bezeichnen, ist es unwahrscheinlich, dass sich die Einstellung gegenüber Christen ändern wird.

Diktatorische Paranoia

Die Verhaftung und bis 2018 andauernde Inhaftierung von Pastor Andrew Brunson hat dazu geführt, dass viele ausländische Familien das Land verlassen haben und weniger neue Arbeitnehmer erwägen, eine Stelle in der Türkei anzunehmen. Zudem hat die Regierung im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 mindestens 23 ausländische Christen und ihre Familien des Landes verwiesen. Es besteht die Angst, dass die türkische Regierung als nächstes die einheimischen türkischen Christen ins Visier nehmen wird, nachdem alle ausländischen Christen vertrieben wurden. Darüber hinaus braucht Erdogan, nachdem er den Notstand im Juli 2018 nach zwei Jahren beendete, dank seiner neuen präsidialen Vollmachten den Notstand nicht mehr, um das Land mit eiserner Hand zu kontrollieren.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für die Türkei:

  • Beten Sie, dass die Gemeinden den Verlust der des Landes verwiesenen Christen gut bewältigen und dass Jesus Christus an deren Stelle neue Leiter beruft und befähigt.
  • Beten Sie für diejenigen, die als Verräter bezeichnet und behandelt werden, nachdem sie Jesus angenommen haben, dass Jesus sie stärkt und ermutigt. Der Glaubenswechsel hat für sie schwerwiegende soziale und familiäre Auswirkungen.
  • Beten Sie für die Christen, die aus anderen Ländern in die Türkei geflohen sind und nun zunehmende Einschränkungen erfahren. Beten Sie um Schutz vor Abschiebung, um Kraft und Gunst bei den Behörden und in der Bevölkerung.

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