Niger
Christenverfolgung im Niger
Berichtszeitraum: 1. Oktober 2024 – 30. September 2025
1. Überblick
Die Lage der Christen im Niger hat sich insbesondere nach dem Putsch vom Juli 2023 erheblich verschärft. Dieser Putsch hat unter Christen ein Gefühl der Angst ausgelöst. Islamistische Milizen machen das Leben der Christen im Land immer schwieriger. Infolge der geschwächten Zentralgewalt des Landes können sie weitgehend ungestraft in verschiedenen Regionen operieren. Dschihadistische Gruppen, darunter „Islamischer Staat – Sahel Provinz“ (ISSP), „Jama’at Nasr al-Islam wal Muslimin“ (JNIM), Boko Haram und „Islamic State – West Africa Province“ („Islamischer Staat in der Provinz Westafrika“, ISWAP), haben ihre Präsenz ausgebaut und ihre Angriffe auf christliche Gemeinschaften verstärkt. Die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) hat empfohlen, diese Gruppen als „Entities of Particular Concern“ – als besonders besorgniserregende Gruppen – einzustufen. In den westlichen Regionen Tillabéri und Tahoua setzen ISSP und JNIM eine strenge Form der Scharia durch und nehmen Christen und christliche Konvertiten ins Visier. In der südöstlichen Region Diffa zerstören Boko Haram und ISWAP weiterhin Kirchen, entführen Entwicklungshelfer und töten Christen. Dadurch beeinträchtigen militante Gruppen die Freiheit und Sicherheit der Christen in den Gebieten unter ihrer Kontrolle erheblich. Die extremistischen Gruppierungen nutzen die durchlässigen Grenzen Nigers zu Mali, Burkina Faso und Nigeria aus, um ihre Macht weiter zu festigen. Christen, insbesondere Konvertiten muslimischer Herkunft, sind gezwungen, ihren Glauben heimlich zu praktizieren und leben in der ständigen Gefahr, angegriffen, entführt oder getötet zu werden. Christliche Konvertiten muslimischer Herkunft stehen zudem seitens ihrer Familien weiterhin unter starkem Druck, ihren neuen Glauben zu widerrufen.
Länderprofil als PDF
Das nachfolgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus den ausführlichen Berichten von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Dieses deutsche Länderprofil finden Sie hier auch als PDF zum Download.
2. Hintergrund
Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1960 hat der Niger eine bewegte politische Geschichte mit mindestens vier Militärputschen erlebt. Seit 2011 gab es vielversprechende Anzeichen für eine Demokratisierung des Landes mit verbesserter Pressefreiheit und friedlichen Versammlungen politischer und ziviler Gruppen. Dieser Fortschritt wurde jedoch durch den Militärputsch im Juli 2023 abrupt zunichte gemacht. Die Machtübernahme führte nicht nur zum Abbau demokratischer Institutionen, sondern isolierte Niger auch regional und diplomatisch. Der Niger trat im Jahr 2023 aus der sogenannten „G5 Sahel“ aus, und Anfang 2024 hat sich das Land auch aus der „Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft“ (ECOWAS) zurückgezogen. Somit wurden wichtige Sicherheitspartnerschaften aufgelöst und koordinierte Maßnahmen gegen gewalttätigen Extremismus untergraben. Dieses Vakuum hat dschihadistische Gruppen wie ISSP, JNIM, Boko Haram und ISWAP gestärkt, die nun in den westlichen und südöstlichen Regionen Nigers operieren. Diese Gruppen nutzen die durchlässigen Grenzen und die schwache Regierungsführung Nigers aus, integrieren sich in ländliche Gemeinden und finanzieren ihre Operationen durch länderübergreifende kriminelle Netzwerke.
Die Mehrheit der nigrischen Bevölkerung praktiziert den Islam und gehört einem Sufi-Orden an, entweder dem Tidschaniya- oder dem Qadiriya-Orden. Die islamistischen Milizen versuchen jedoch, diese Sufi-Zusammenschlüsse zu zerschlagen und den Salafismus zu fördern. Durch ihre Kampagne gegen Sufi-Führer und für eine einheitliche religiöse Linie ist die religiöse Toleranz weiter gesunken. Dies zeigt sich besonders in abgelegenen Regionen, wo Menschen sowohl von bewaffneten Gruppen als auch aus ihrem sozialen Umfeld unter Druck gesetzt werden, sich anzupassen.
Der christliche Glaube wurde größtenteils von amerikanischen Missionsorganisationen eingeführt. Historisch gesehen existierte der christliche Glaube in Niger am Rande der Gesellschaft und wurde stillschweigend in kleinen katholischen und protestantischen Gemeinden praktiziert. Dieser relative Frieden verschlechtert sich rapide. In Regionen wie Tillabéri, Tahoua und Diffa wurden Kirchen niedergebrannt, Christen hingerichtet oder entführt und Hauskirchen in den Untergrund getrieben. Christen, insbesondere diejenigen, die vom Islam zum christlichen Glauben konvertiert sind, werden von den lokalen Gemeinschaften oft ausgegrenzt und manchmal auch gewaltsam angegriffen, vor allem in der Nähe der südlichen Landesgrenze. Christliche Frauen und Mädchen sind besonders von Entführung und sexualisierter Gewalt bedroht, während Jungen in der Gefahr stehen, von militanten Gruppen zwangsrekrutiert zu werden.
Die politische Landschaft hat sich im Juli 2023 mit einem erneuten Militärputsch auf dramatische Weise verändert. Der Putsch droht, die Fortschritte hin zu einer Mehrparteiendemokratie zunichtezumachen und die bereits grassierende dschihadistische Gewalt weiter eskalieren zu lassen. So wirft diese Entwicklung einen dunklen Schatten auf die Zukunft der Religionsfreiheit im Niger.
| Weltanschauungen | Anhänger | % |
| Christen | 74.900 | 0,3 |
| Muslime | 28.041.000 | 95,7 |
| Anhänger ethnischer Religionen | 1.165.000 | 3,9 |
| Bahai | 10.600 | < 0,1 |
| Atheisten | 140 | < 0,1 |
| Agnostiker | 16.700 | < 0,1 |
| Andere | 7.100 | < 0,1 |
3. Gibt es regionale Unterschiede?
In Gebieten außerhalb der großen Städte werden Christen am stärksten verfolgt. In Regionen wie Tillabéri, Tahoua und Diffa, in denen militante islamistische Gruppen wie ISSP, JNIM, Boko Haram und ISWAP operieren, sind Christen und Kirchen einer extremen Gefahr von Angriffen ausgesetzt. Im Gegensatz dazu bieten die Hauptstadt Niamey und einige wenige städtische Zentren vergleichsweise mehr Sicherheit, was zum Teil auf eine stärkere Präsenz des Staates zurückzuführen ist. Doch selbst in den Städten sind Christen mit gesellschaftlichem Druck, Überwachung und gelegentlicher Schikane konfrontiert.
4. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?
Islamische Unterdrückung, gemischt mit Unterdrückung durch den Clan oder Stamm
Den Islam zu verlassen, wird als Verrat betrachtet. Das führt dazu, dass christliche Konvertiten mit Anfeindungen seitens ihrer muslimischen Familien und der örtlichen Gemeinschaften rechnen müssen, wenn ihr Glaube entdeckt wird. Konvertiten werden oft verstoßen, angegriffen oder in extremen Fällen von ihren eigenen Verwandten oder lokalen Netzwerken getötet, um die „Ehre“ der Familie wiederherzustellen. Muslimische Religionsführer der „Izala-Bewegung“, einer islamisch-extremistischen Gruppierung aus Nordnigeria, sind im Niger aktiv und bedrohen die Freiheit der Christen. Ähnliche Interessen verfolgen islamische Gruppierungen, die in bestimmten Teilen des Landes tätig sind, etwa in der Stadt Maradi oder der Hauptstadt Niamey, beispielsweise die Sufi-Bruderschaft „Tariqa“ (Arabisch für „der Weg“ beziehungsweise für die Art und Weise, wie sich Sufis Allah zu nähern suchen). Anhänger von Izala und Tariqa üben Druck auf religiöse Minderheiten sowie auf Muslime aus, die in ihren Augen vom Islam abweichen. Zwischen der muslimischen Mehrheit und den deutlich kleineren Minderheitsreligionen herrschen im Niger traditionell gute Beziehungen. Gleichwohl hat der Kampf des Landes gegen Boko Haram auf lokaler Ebene zu Spannungen zwischen den örtlichen Gemeinschaften geführt und die Sicherheit und Freiheit der Christen im Land untergraben.
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Länderübergreifende kriminelle Netzwerke, von denen einige mit dschihadistischen Gruppen verbündet sind, nutzen die Fragilität des Staates und die Unsicherheit an den Grenzen aus, um Menschen, Waffen, Wildtiere, Drogen und wertvolle Ressourcen wie Gold und Uran zu schmuggeln. Diese Netzwerke finanzieren Aufständische und verschärfen die regionale Instabilität. Der frühere Präsident Mahamadou Issoufou erklärte in seiner Amtszeit die Korruptionsbekämpfung innerhalb der Regierung zu einer seiner Prioritäten. Inzwischen sind Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung Bestandteil der Rechtsordnung geworden. Sie zielen auf Regierungsbeamte, ihre Familienangehörigen und alle politischen Parteien ab. Ebenso gibt es jetzt Gesetze zur Vermeidung von Interessenkonflikten bei der Auftragsvergabe; die Bestechung von Amtsträgern durch private Unternehmen ist nun offiziell illegal. In der Justiz bleibt Korruption jedoch ein Problem. Straflosigkeit ist eine ernste Herausforderung für das Land; Amtsträger, die gegen das Gesetz verstoßen und sich an korrupten Praktiken beteiligen, ziehen sich zwar den Unmut der Öffentlichkeit zu, werden aber nicht angemessen strafrechtlich verfolgt. Sicherheits- und Justizbehörden sind oft von denselben Netzwerken unterwandert, die sie eigentlich bekämpfen sollen. Für die kleine und gefährdete christliche Gemeinschaft im Niger bedeutet diese Gesetzlosigkeit, dass sie kaum Möglichkeiten hat, sich zu wehren, wenn sie von bewaffneten Akteuren angegriffen oder von lokalen Behörden schikaniert wird. Kriminelle Netzwerke arbeiten oft mit gewalttätigen extremistischen Gruppen zusammen und versorgen diese mit Finanzmitteln, Logistik und sicheren Durchgangswegen im Austausch für Schutz oder Zugang zu Schmuggelkorridoren. In diesem Umfeld, in dem staatlicher Schutz käuflich ist und bewaffnete Akteure von der Instabilität des Landes profitieren, leiden Christen doppelt: unter Verfolgung und unter dem Ausbleiben staatlichen Schutzes.
5. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?
Ausländische Christen und Arbeitsmigranten
Ausländische Christen und Missionare sind besonders gefährdet und von Entführungen bedroht, vor allem in ländlichen und konfliktreichen Gegenden.
Christen aus traditionellen Kirchen
Zu dieser Gruppe gehören sowohl evangelische als auch katholische Christen. Sie leiden unter der zunehmenden Gewalt durch islamistische Milizen im Niger. In den vergangenen Jahren wurden sie von bewaffneten Gruppen wie Boko Haram in den Departements der Region Diffa nahe der Grenze zu Nigeria angegriffen. Pastoren und Gemeindeleiter aus den betroffenen Dörfern sahen sich gezwungen, in größere Städte zu fliehen, da sie um ihre Sicherheit fürchteten. Auch im Departement Tillabéri wurde dies beobachtet. Viele Christen traditioneller Kirchen im Grenzgebiet zu Nigeria leben in Angst vor gewaltsamen Übergriffen.
Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)
In einigen Fällen ist der Druck auf christliche Konvertiten, die den Islam verlassen haben, besonders ausgeprägt – vor allem in den Bereichen Privatleben, Familienleben und gesellschaftliches Leben. Konvertiten erfahren wegen ihres Glaubenswechsels von Eltern und Verwandten mitunter stärkeren Widerstand als von der Regierung. Extremistische Imame und muslimische Lehrer wiegeln die muslimische Bevölkerung dahingehend auf, dass sie christliche Konvertiten sowie diejenigen Christen, die sie unterstützen, angreifen und verjagen.
Christen aus protestantischen Freikirchen
Im Niger gibt es es baptistische, evangelikale und pfingstkirchliche Gruppen. Sie alle stehen unter ähnlichem Druck wie Christen aus traditionellen Kirchen. Im Vergleich zu christlichen Konvertiten aus dem Islam trifft sie der gesellschaftliche Druck jedoch weniger hart.
6. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?
Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.
Privatleben
Im Niger wird Religion vom Staat als Privatangelegenheit angesehen. Die Trennung von Religion und Staat wird jedoch zunehmend infrage gestellt vonseiten islamistischer Gruppen wie der Izala-Bewegung; sie lehnen den säkularen Charakter des Staates und der Regierung ab. Ihre starke Feindseligkeit gegenüber dem christlichen Glauben und sogar gegenüber Muslimen, die mit Nicht-Muslimen in Kontakt stehen, hat eine Atmosphäre geschaffen, in der selbst Bekundungen des christlichen Glaubens im privaten Kontext gefährlich sind. Konvertiten muslimischer Herkunft sind am stärksten gefährdet, da private Glaubensausübungen – darunter Gebet, Bibellesen oder Gespräche über den Glauben – zu Überwachung, Verleumdung oder gewaltsamer Vergeltung führen können. In Gebieten, die unter dem Einfluss von Boko Haram oder AQIM (al-Qaida im Islamischen Maghreb) stehen, ist die Bedrohung noch größer. Für viele Christen, insbesondere Konvertiten, ist bereits die private Ausübung des christlichen Glaubens mit hohen Risiken verbunden.
Familienleben
Der Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen Glauben ist in der Gesellschaft zu einer der gefährlichsten persönlichen Entscheidungen geworden. Christliche Konvertiten sind mitunter extremer Feindseligkeit seitens ihrer Familien und ihres sozialen Umfelds ausgesetzt. Ihnen drohen die Zwangsscheidung oder – bei Frauen – die Zwangsheirat mit einem muslimischen Mann oder Vergewaltigung. Außerdem wird ihnen oftmals das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen oder verweigert, da laut Gesetz zum christlichen Glauben konvertierte Eltern zwar das Sorgerecht für ihre Kinder beantragen dürfen, sie in der Praxis damit jedoch keinen Erfolg haben. Vielen Konvertitinnen wird außerdem ihr Erbrecht verweigert, weil sie sich dem christlichen Glauben zugewandt haben. Christen, die keine Konvertiten sind, werden nicht in dieser Weise verfolgt und können ihren Glauben im privaten Kontext praktizieren. Doch selbst Christen, die in christliche Familien hineingeboren wurden, müssen mit Misstrauen innerhalb der Familie kämpfen, insbesondere in Gebieten mit starkem Einfluss bewaffneter Islamisten. Die Angst vor Verrat durch Verwandte ist allgegenwärtig.
Gesellschaftliches Leben
Christliche Konvertiten muslimischer Herkunft werden von ihrem sozialen Umfeld als Ausgestoßene behandelt und sind zuweilen gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. In den von den Islamisten kontrollierten Grenzregionen werden Christen daran gehindert, christliche Hochzeiten zu feiern. Im öffentlichen Sektor erfahren Christen keine Gleichbehandlung. Es ist ihnen nur selten möglich, eine Anstellung bei kommunalen Verwaltungsbehörden zu finden, und eine Beförderung wird ihnen häufig verweigert. Christliche Männer müssen damit rechnen, aufgrund ihres Glaubens entlassen zu werden; christliche Ladeninhaber werden häufig von Muslimen boykottiert. Für christliche Männer bedroht diese wirtschaftliche Marginalisierung das Überleben ihrer Familien und verstärkt psychischen Stress.
Leben im Staat
Die Angriffe von Boko Haram, Ablegern des sogenannten „Islamischen Staates“ und anderen islamisch-extremistischen Gruppen lösen unter den Christen nach wie vor Angst aus. Die christliche Gemeinschaft ist nachhaltig durch die schwierige Sicherheitslage im Land beeinträchtigt. Da die Dschihadisten nicht nur Organe der Staatsgewalt, sondern auch Christen ins Visier nehmen, müssen diese darauf achten, möglichst nicht aufzufallen. Viele Christen, die vor den Angriffen geflohen sind, leben weiterhin in Flüchtlingslagern in Bosso und Yebbi im Niger oder jenseits der südlichen Grenze in Maiduguri und Yola in Nigeria. Auch die Gewalt im sozialen Umfeld hält an. Die Regierung bietet kaum wirksamen Schutz, und Christen müssen sich versteckt halten, um Vergeltungsmaßnahmen zu vermeiden.
Kirchliches Leben
Christliche Versammlungen können aufgrund der Gefahr, von Islamisten angegriffen zu werden, oftmals nur im Geheimen stattfinden. Das Registrierungsverfahren für Kirchen ist sehr kompliziert und langwierig. Geistliche stehen unter ständigem Druck: Sie müssen mit Angst, Feindseligkeit innerhalb ihres sozialen Umfelds und Gleichgültigkeit seitens des Staates umgehen, um auch nur ein minimales religiöses Leben aufrechtzuerhalten. Diesen Druck spüren vor allem die Gemeinden in den westlichen und südlichen Grenzgebieten.
Beispiele für das Auftreten von Gewalt
Die österreichische Entwicklungshelferin Eva Gretzmacher wurde am 11. Januar 2025 von bewaffneten Kämpfern entführt, gefolgt von der Entführung der Schweizer Entwicklungshelferin Claudia Abbt am 13. April 2025. Sie nahmen die christlichen humanitären Helfer vermutlich ins Visier, um Lösegeld zu erpressen oder aus religiösen Motiven. Seit Oktober 2024 haben kirchliche Netzwerke und lokale Quellen eine Welle von Angriffen auf christliches Eigentum in den Regionen Tillabéri, Tahoua und Diffa dokumentiert. Kirchen, Gebetshäuser, Gemeindezentren und Häuser von Christen wurden niedergebrannt, geplündert oder gewaltsam geschlossen. Die Gemeinden haben nun keine sicheren Orte mehr, an denen sie ihren Glauben praktizieren können.
Laut lokalen Quellen wurden seit Ende 2024 zudem Tausende von Christen aus den Regionen Tillabéri, Tahoua und Maradi vertrieben. Viele Familien flohen nach direkten Drohungen, Kirchenbränden und gewaltsamen Überfällen. Die vertriebenen Christen leben nun in Niamey in provisorischen Lagern oder sind nach Benin und Burkina Faso geflohen.
7. Entwicklung in den letzten 5 Jahren
| Jahr | Platzierung | Punktzahl |
| 2026 | 26 | 72 |
| 2025 | 28 | 72 |
| 2024 | 27 | 70 |
| 2023 | 28 | 70 |
| 2022 | 33 | 68 |
Die Gesamtpunktzahl für den Niger beläuft sich in diesem Berichtszeitraum wie auch im Vorjahr auf 72 Punkte. Die Stabilität der Punktzahl spiegelt eine Situation wider, in der die Hauptursachen für Druck und Gewalt weiterhin bestehen bleiben, anstatt sich zu verbessern. Christen leben unter einer anhaltenden Mischung aus dschihadistischer Gewalt und sozialem Druck, insbesondere in den Regionen Tillabéri, Tahoua und Diffa, wo die islamistischen Gruppen ISSP und JNIM ihre Präsenz durch Morde, Entführungen, Überfälle auf Dörfer, Erpressungen und Verhöre an Straßensperren durchsetzen. Kirchen, christliche Familien und Konvertiten muslimischer Herkunft sind den heftigsten Reaktionen von Verwandten und ihrem sozialen Umfeld ausgesetzt, oft ohne jeglichen Schutz durch die Behörden. Seit dem Staatsstreich 2023 stehen große ländliche Gebiete unter dem Einfluss bewaffneter Gruppen oder krimineller Netzwerke. Dies hat zu einer Situation geführt, in der Christen in ständiger Vorsicht leben und ihren Glauben in der ständigen Gewissheit praktizieren, dass sie unter keinem Schutz der Behörden stehen.
8. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?
Frauen
Wie in vielen anderen Ländern der Sahelzone sind Frauen und Mädchen bedroht von Entführungen, Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch durch islamisch-extremistische und andere Gruppen. Ihre Familien melden Vergewaltigungen oft nicht, weil diese mit Stigma und Scham verbunden sind und die Familien befürchten, dass dies die Heiratsaussichten der Frau beeinträchtigen könnte. Laut der Menschenrechtsorganisation "Girls Not Brides" hat Niger im Jahr 2025 weltweit die höchste Kinderheiratsrate: 76 Prozent der Mädchen werden dort vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. Christliche Konvertitinnen sind zudem extremen Anfeindungen seitens ihrer Familien und ihres sozialen Umfelds ausgesetzt. Ihnen drohen Zwangsheirat mit einem Muslim und Vergewaltigung. Außerdem wird ihnen oftmals das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen oder verweigert. Vielen Konvertitinnen wird außerdem ihr Erbrecht verweigert, weil sie sich dem christlichen Glauben zugewandt haben.
Männer
Männliche christliche Konvertiten stehen in der Gefahr, von ihren Familien verstoßen, aus ihrem Elternhaus vertrieben oder unter Hausarrest gestellt zu werden. Männliche Christen müssen damit rechnen, aufgrund ihres Glaubens ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder, wenn sie einen Laden oder ein Geschäft betreiben, von Muslimen boykottiert zu werden. Die damit verbundenen finanziellen Konsequenzen gefährden die gesamte Familie. Vor allem Jungen stehen in der Gefahr, entführt und von militanten Gruppen zwangsrekrutiert zu werden, wobei allerdings unklar ist, inwieweit dies Christen besonders betrifft. Außerdem wurden christliche Männer und Jungen von islamisch-extremistischen Gruppen ermordet. Ein Anstieg der Angriffe durch bewaffnete islamistische Milizen hat viele, insbesondere Gemeindeleiter und Pastoren, zur Flucht gezwungen.
9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen
Zeugen Jehovas und Bahai, die vor allem in den großen Städten vertreten sind, sind der Gewalt islamisch-extremistischer Gruppen ausgesetzt. Sie müssen vorsichtig sein, um nicht Aufmerksamkeit und Verfolgung auf sich zu ziehen.
10. Gebetsanliegen
Bitte beten Sie für den Niger:
- Bitten Sie für die Heilung von Christen, die durch die Gewalt schwer traumatisiert wurden.
- Beten Sie um Kraft und Weisheit für die christlichen Konvertiten im Umgang mit den Anfeindungen aus ihrem muslimischen Umfeld.
- Bitten Sie darum, dass Gott Christen vor den Angriffen bewaffneter islamistischer Gruppen beschützt und dass die Extremisten durch Jesu Liebe verändert werden und umkehren.
- Beten Sie, dass sich nach dem Putsch die politischen Verhältnisse stabilisieren und dass eine demokratische Regierung gebildet wird, die für Frieden und Sicherheit im Land sorgt.