Länderprofil Niger

Niger

33
Weltverfolgungsindex
2022
Flagge Niger
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Semipräsidialrepublik
Karte Niger
Christen
0,06
Bevölkerung
25.01
Islamische Unterdrückung
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Unterdrückung durch den Clan/Stamm
Privatleben: 9.400
Familienleben: 9.500
Gesellschaftliches Leben: 13.900
Leben im Staat: 7.200
Kirchliches Leben: 12.800
Auftreten von Gewalt: 14.800

Länderprofil Niger

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 33 / 68 Punkte

Berichtszeitraum: 1. Oktober 2020 – 30. September 2021

Überblick

Im Niger versuchen die Familien von christlichen Konvertiten, diese dazu zu bringen, dem christlichen Glauben abzuschwören, entweder durch Drohungen oder Gewaltanwendung. Das Land ist einer zunehmenden Gefährdung durch Dschihadisten ausgesetzt. Diese sind im Westen und Südosten aktiv; in den Gebieten, die die Dschihadisten effektiv kontrollieren, stehen Christen vor äußerst großen Herausforderungen und Schwierigkeiten. Christen werden daran gehindert, christliche Hochzeiten zu feiern. Gemeinsame Gottesdienste und Versammlungen von Christen werden in solchen Gebieten nur mit Vorsicht durchgeführt, weil islamisch-extremistische Gruppen angedroht haben, gewaltsam dagegen vorzugehen. Die islamisch-extremistische Ideologie wirkt sich auch auf das soziale Umfeld aus, da viele örtliche Gemeinschaften eine ultrakonservative Haltung annehmen. Infolgedessen werden Christen im öffentlichen Sektor diskriminiert – sie sind nur selten in der Lage, eine Anstellung bei kommunalen Verwaltungsbehörden zu finden, und es ist gängige Praxis, Christen eine Beförderung zu verweigern. Das rechtliche Verfahren für die Registrierung von Kirchen ist sehr langwierig und mühsam.

Länderprofil als PDF

Das folgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus dem Country Dossier von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Das vollständige Dossier auf Englisch sowie das gekürzte Länderprofil auf Deutsch (beides als PDF) finden Sie hier zum Download.

Country Dossier als PDF

Länderprofil als PDF

1. Hintergrund

Der Niger erklärte im Jahr 1960 seine Unabhängigkeit von Frankreich. Seither hat das Land mindestens vier Militärputsche erlebt. Seit der Amtszeit von Mahamadou Issoufou, der von 2011 bis April 2021 Präsident des Landes war, können sich jedoch politische und zivilgesellschaftliche Gruppen friedlich versammeln, die Situation für Journalisten und die Pressefreiheit haben sich verbessert, und der Niger ist auf dem Weg zu einer Mehrparteiendemokratie. In jüngster Vergangenheit gab es Bedenken hinsichtlich der sogenannten „Versicherheitlichung“ der Außen- und Innenpolitik des Nigers. Seit Anfang 2021 hat die dschihadistische Gewalt im Niger zugenommen, vor allem im Dreiländereck zwischen Niger, Mali und Burkina Faso, wo in den ersten drei Monaten des Jahres schätzungsweise 300 Menschen bei Anschlägen getötet wurden. Islamisch-extremistische Gruppierungen widersetzten sich dem säkularen Charakter der Regierung des Nigers. Das Land kämpft gegen verschiedene solcher islamisch-extremistischer Gruppen: „al-Qaida im Islamischen Maghreb“ (AQIM), „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (MUJAO) an der nördlichen Westgrenze zu Mali, und Boko Haram an der südlichen Grenze zu Nigeria.

Der Niger ist ein mehrheitlich muslimisches Land; schätzungsweise 96,5 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Die meisten Muslime im Niger gehören einem Sufi-Orden an, entweder dem Tidschaniya- oder dem Qadiriya-Orden, obwohl Islamisten versuchen, die Bevölkerung vom Sufismus abzubringen und den Salafismus zu fördern.

Die Rechtslage im Niger diskriminiert Frauen und Mädchen nach wie vor, insbesondere in Bezug auf die Ehe. Der Niger hat weltweit die höchste Rate an Kinderehen: 76 Prozent der Mädchen werden mit unter 18 Jahren verheiratet.

Weltanschauungen

Anhänger

%

Christen

64.700

0,3

Muslime

24.144.000

96,6

Anhänger ethnischer Religionen

771.000

3,1

Bahai

8.200

0,0

Atheisten

210

0,0

Agnostiker

13.400

0,1

Andere

4.900

0,0

2. Gibt es regionale Unterschiede?

In den Gebieten außerhalb der großen Städte, insbesondere außerhalb der Hauptstadt, werden Christen besonders verfolgt. Infolge der Covid-19-Krise konnten islamistische Kämpfer ihren Einflussbereich ausweiten.

3. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?

Islamische Unterdrückung

Obwohl der Niger ein mehrheitlich muslimisches Land ist, wird Religion als Privatsache betrachtet. Der Staat politisiert die Religion nicht, sondern versucht, die Trennung von Staat und Religion aufrechtzuerhalten. Allerdings gerät diese Trennung zunehmend unter Druck. Muslimische Religionsführer der „Izala-Bewegung“, einer islamisch-extremistischen Gruppierung aus Nordnigeria, sind im Niger aktiv und bedrohen die Freiheit der Christen. Ähnliche Interessen verfolgen islamische Gruppierungen wie die „Tariqa“ (wörtlich übersetzt: „der Weg“ – für die Art und Weise, wie sich Sufis Allah zu nähern suchen), die in bestimmten Teilen des Landes tätig sind, etwa in den Regionen um die Hauptstadt Niamey und Maradi. Anhänger von Izala und Tariqa üben Druck auf religiöse Minderheiten sowie auf Muslime aus, die ihrer Meinung nach vom Islam abweichen. Seit jeher gibt es im Niger meist gute Beziehungen zwischen Muslimen und den deutlich kleineren Minderheitsreligionen; gleichwohl hat Nigers Kampf gegen Boko Haram auf lokaler Ebene zu Spannungen zwischen den örtlichen Gemeinschaften geführt und die Sicherheit und Freiheit der Christen im Land untergraben.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Ex-Präsident Mahamadou Issoufou erklärte in seiner Amtszeit die Korruptionsbekämpfung innerhalb der Regierung zu einer seiner Prioritäten. Inzwischen sind Korruptionsbekämpfungsmaßnahmen gesetzlich verankert worden. Sie zielen auf Regierungsbeamte, ihre Familienangehörigen und alle politischen Parteien ab. Ebenso gibt es jetzt Gesetze gegen Interessenkonflikte bei der Auftragsvergabe, und die Bestechung von Amtsträgern durch private Unternehmen ist nun offiziell illegal. In der Justiz bleibt Korruption jedoch ein Problem. Straffreiheit ist eine ernste Herausforderung für das Land, denn Amtsträger, die gegen das Gesetz verstoßen und korrupte Praktiken anwenden, stehen in der Öffentlichkeit zwar schlecht da, werden aber nicht angemessen strafrechtlich verfolgt. Das wirkt sich negativ auf die Gesellschaft aus, auch auf die christliche Bevölkerung.

Unterdrückung durch den Clan oder Stamm

Für den Großteil der Bevölkerung gilt der Islam als fester Bestandteil ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Wer Nigrer ist, ist Muslim; alles, was dem gegenläufig ist, wird als Verrat betrachtet. Das führt dazu, dass christliche Konvertiten und andere einheimische Christen verfolgt werden.

Eine vollständige Übersicht aller im Land wirksamen Triebkräfte finden Sie im ungekürzten, englischen Länderprofil.

4. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?

Christen aus traditionellen Kirchen

Zu dieser Gruppe gehören sowohl evangelische als auch katholische Christen. Sie leiden unter der zunehmenden Gewalt durch islamisch-extremistische Milizen im Niger. In den letzten Jahren wurden sie von bewaffneten Gruppen angegriffen wie von Boko Haram in den Departements der Region Diffa, nahe der Grenze zu Nigeria. Pastoren und Gemeindeleiter aus den betroffenen Dörfern waren gezwungen, in größere Städte zu fliehen, da sie um ihre Sicherheit fürchteten. Solche Vorfälle wurden auch im Departement Tillabéri beobachtet. Viele Christen traditioneller Kirchen im Grenzgebiet zu Nigeria leben in Angst vor gewaltsamen Übergriffen.

Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)

Der Druck auf Konvertiten, die den Islam verlassen und sich dem christlichen Glauben zugewandt haben, ist besonders ausgeprägt in den Bereichen des Privatlebens, Familienlebens und gesellschaftlichen Lebens. Eltern und Verwandte widersetzen sich unter Umständen stärker der Hinwendung eines Familienmitglieds zum christlichen Glauben, als das die Regierung tut. Extremistische Imame und muslimische Lehrer beeinflussen gewöhnliche Muslime und erwirken, dass christliche Konvertiten sowie Christen, die sich für diese einsetzen, angegriffen und verjagt werden.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Im Niger gibt es baptistische, evangelikale und pfingstkirchliche Gruppen. Sie stehen in derselben Weise unter Druck wie Christen traditioneller Kirchen, doch im Vergleich zu christlichen Konvertiten erfährt diese Gruppe weniger gesellschaftlichen Druck.

5. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?

Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 9.4
Familienleben 9.5
Gesellschaftliches Leben 13.9
Leben im Staat 7.2
Kirchliches Leben 12.8
Auftreten von Gewalt 14.8

 

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Privatleben

Im Niger wird Religion vom Staat als Privatangelegenheit angesehen. Die Trennung von Religion und Staat gerät jedoch zunehmend vonseiten islamisch-extremistischer Gruppen wie der Izala-Bewegung unter Druck, die den säkularen Charakter der Regierung ablehnen. Dies wirkt sich nachteilig auf die Christen im Niger aus, da die Region bereits stark durch die Aktivitäten von Boko Haram und AQIM geprägt ist.

Familienleben

Christliche Konvertiten sind mitunter extremer Feindseligkeit seitens ihrer Familien und ihres sozialen Umfelds ausgesetzt. Sie werden gegebenenfalls geschieden, in eine Ehe mit einem muslimischen Mann gezwungen oder vergewaltigt. Oder ihnen wird das Sorgerecht für ihre Kinder verweigert, denn dem Gesetz nach können zum christlichen Glauben konvertierte Eltern das Sorgerecht für ihre Kinder zwar beantragen, aber in der Praxis haben sie damit keinen Erfolg. Vielen Konvertiten wird außerdem ihr Erbrecht verweigert, weil sie sich dem christlichen Glauben zugewandt haben. Andere Gruppen von Christen werden nicht in dieser Weise verfolgt und können ihren Glauben im privaten Kontext Ausdruck verleihen.

Gesellschaftliches Leben

Christen mit muslimischem Hintergrund werden von ihrem sozialen Umfeld als Ausgestoßene behandelt und sind zuweilen gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt. In den von den Islamisten kontrollierten Grenzregionen wurden Christen daran gehindert, christliche Hochzeiten zu feiern. Im öffentlichen Sektor erfahren Christen keine Gleichbehandlung. Sie sind nur selten in der Lage, eine Anstellung bei kommunalen Verwaltungsbehörden zu finden, und eine Beförderung wird ihnen häufig verweigert. Wer Christ ist, muss als Mann im Niger damit rechnen, dass er aufgrund seines Glaubens entlassen oder sein Geschäft von Muslimen boykottiert wird.

Leben im Staat

Die Angriffe von Boko Haram, Ablegern des „Islamischen Staats“ (IS) und anderen islamisch-extremistischen Gruppen lösen unter der christlichen Minderheit im Niger weiterhin Angst aus. Die Christen sind durch den Mangel an Sicherheit im Land erheblich beeinträchtigt. Da die Dschihadisten nicht nur staatliche Behörden, sondern auch Christen ins Visier nehmen, müssen diese darauf achten, möglichst nicht aufzufallen. Viele Christen, die den Konfliktzonen entkommen sind, leben als Binnenvertriebene in Bosso oder auch in Flüchtlingslagern in Yebbi, Maiduguri und Yola in Nigeria.

Kirchliches Leben

Bei gemeinsamen Gottesdiensten und Versammlungen von Christen ist wegen der drohenden Gewalt durch islamisch-extremistische Gruppen große Vorsicht geboten und gelegentlich wurden Christen auch daran gehindert, sich überhaupt zu versammeln. Das rechtliche Verfahren für die Registrierung von Kirchen ist sehr langwierig und schwierig.

Beispiele für Auftreten von Gewalt

  • Bei einem Terrorangriff auf das Dorf Fantio in der Region Tillabéri wurde eine Kirche verwüstet, fünf Menschen wurden getötet und zwei schwer verletzt. Die Aktivisten zerstörten Wände und verbrannten Gesangbücher sowie Messgewänder.
  • Im Juni 2021 griffen islamistische Kämpfer das mehrheitlich christliche Dorf Dolbel in der Region Tillabéri im Südwesten des Niger an.

6. Entwicklung in den letzten 5 Jahren

Jahr

Platzierung

Punktzahl

2022

33

67,54

2021

54

61,56

2020

50

59,74

2019

58

52,13

2018

58

45,00

Der Niger ist nach einem Anstieg von sechs Punkten dieses Jahr wieder auf dem Weltverfolgungsindex gelistet. Dieser Zuwachs ist vor allem auf den anhaltenden Druck und die Gewalt durch gewalttätige islamistische Kämpfer in der Sahelzone zurückzuführen – der Wert im Bereich Gewalt stieg daher um mehr als vier Punkte, aber auch die Bewertung des Drucks in den verschiedenen Lebensbereichen hat zugenommen. Genau wie in Mali und Burkina Faso haben die Dschihadisten ihren Einflussbereich im Land erweitert.

7. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?

Frauen: Wie in vielen anderen Ländern der Sahelzone sind Frauen durch Entführung, Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch durch extremistische Gruppen und andere Akteure gefährdet. Ihre Familien melden Vergewaltigungen oft nicht, weil sie befürchten, dass sich dies auf die Heiratsaussichten des Opfers auswirkt, und weil dies mit Stigma und Scham verbunden ist. Christliche Konvertitinnen sind zudem extremer Feindseligkeit seitens ihrer Familien und ihres sozialen Umfelds ausgesetzt – Sie werden gegebenenfalls geschieden, in eine Ehe mit einem muslimischen Mann gezwungen oder vergewaltigt. Oder ihnen wird das Sorgerecht für ihre Kinder verweigert und vielen von ihnen wird ihr Erbrecht aberkannt.

Männer: Männliche christliche Konvertiten stehen in der Gefahr, von ihren Familien verstoßen, aus ihrem Elternhaus vertrieben oder unter Hausarrest gestellt zu werden. Ein Experte für das Land macht auf die seelischen Auswirkungen dieses Drucks aufmerksam: „In vielen Berichten haben wir davon gehört, dass Konvertiten aufgrund der langen Isolationshaft psychisch krank geworden sind.“ Christlichen Männern im Niger droht zudem die Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses oder der Boykott ihres Geschäfts durch das muslimische Umfeld. Da die Männer in der Regel die Haupteinkommensbezieher sind, gerät die Familie dadurch in finanzielle Not. Jungen stehen in der Gefahr, durch militante Gruppierungen entführt und zwangsrekrutiert zu werden.

8.  Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Dem Bericht zur internationalen Religionsfreiheit zufolge, der im Auftrag des US-Außenministeriums erstellt wird, gibt es vonseiten der Regierung keine Hindernisse für bestimmte Glaubensrichtungen: „Die Regierung verbietet allen religiösen Gruppen, Bekehrungsveranstaltungen unter freiem Himmel durchzuführen, da sie Sicherheitsbedenken äußert. Es gibt aber keine rechtlichen Beschränkungen für eine private, friedliche Missionsarbeit oder für den Wechsel einer Person von einem religiösen Glauben zu einem anderen, solange die Gruppe, die den Übertritt unterstützt, bei der Regierung registriert ist.“ Zeugen Jehovas und Bahai, die vor allem in den großen Städten vertreten sind, droht jedoch Gewalt durch islamisch-extremistische Gruppen; sie müssen vorsichtig sein, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen oder Verfolgung hervorzurufen.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für den Niger:

  • Dass die Gewalt gegenüber Christen aufhört und der Einfluss militanter islamistischer Gruppen schnell abnimmt.
  • Für die Heilung von Christen, die schwer traumatisiert wurden.
  • Dass die Schulungsprogramme von Open Doors die Christen befähigen, in Verfolgung standhaft zu bleiben und Jesus Christus an dem Ort zu dienen, wo sie leben.