Länderprofil Iran

Iran

9
Weltverfolgungsindex
2020
Flagge Iran
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
9
ISO
IR
Karte Iran
Christen
0,80
Bevölkerung
82.82
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 14.100
Familienleben: 14.300
Gesellschaftliches Leben: 14.100
Leben im Staat: 15.800
Kirchliches Leben: 16.500
Auftreten von Gewalt: 10.400

Länderprofil Iran

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 9 / 85 Punkte (WVI 2019: Platz 9 / 85 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. November 2018 – 31. Oktober 2019

Zusammenfassung

Ehemalige Muslime, die den christlichen Glauben angenommen haben, tragen die Hauptlast der Verfolgung – insbesondere durch die Regierung, und in einem geringeren Ausmaß durch ihre Familien und die Gesellschaft. In diesen Christen muslimischer Herkunft sieht die Regierung einen Versuch westlicher Länder, den Islam und die islamische Regierung Irans zu untergraben. Leiter von Gruppen solcher christlichen Konvertiten werden verhaftet, vor Gericht gestellt und wegen „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ zu langen Haftstrafen verurteilt. Die traditionellen armenischen und assyrischen Kirchen sind zwar durch den Staat anerkannt und geschützt, ihre Mitglieder werden jedoch als Bürger zweiter Klasse behandelt. Ihnen ist der Kontakt mit (farsisprachigen) Christen muslimischer Herkunft verboten, ihre Gottesdienste dürfen diese Konvertiten nicht besuchen.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 wurden mindestens 169 Christen verhaftet, 114 von ihnen in einer einzigen Woche Ende 2018. Viele Christen, besonders solche mit muslimischem Hintergrund, wurden vor Gericht gestellt und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Andere warten noch auf ihren Prozess. Ihre Familien sind während dieser Zeit öffentlichen Demütigungen ausgesetzt.
  • In mehreren Hauskirchen wurden während des Berichtszeitraums Razzien durchgeführt. Die meisten dieser Hauskirchen können nicht mehr wie bisher als Hauskirchen fungieren.
  • Gerichte verlangen hohe Kautionssummen. Inhaftierte Christen, die diese Summen aufbringen können und gegen Kaution entlassen werden, verlieren das Geld jedoch, wenn sie nach ihrer Entlassung aus dem Land fliehen.
  • Berichten zufolge werden junge Frauen oder Mädchen, die an Gottesdiensten von Hauskirchen teilnehmen, von Sicherheitsbehörden bei ihren Eltern gemeldet und behauptet, sie hätten in unangemessener Weise Umgang mit Männern gehabt. Unverheiratete Frauen öffentlich anzuprangern ist ein wirksames Mittel, um ihren Ruf und sozialen Status zu schädigen. Dies gilt insbesondere für konservativ geprägte Gebiete.

Meldungen und Beiträge zum Iran

Nachrichten Nachrichten
iranische Christin mit ihrer Tochter
Iran
Anlässlich der Forderung nach Abschiebungsstopp für Konvertiten in den Iran weist das christliche Hilfswerk Open Doors auf die andauernde Gefährdung von Christen und insbesondere Konvertiten im Iran hin.
Open Doors Tage
Darya aus dem Iran

Darya aus dem Iran

07:43 Minuten
Iran
Darya, die iranische Wurzeln hat und heute in Deutschland lebt, berichtete von einer großen Erweckung im Iran; davon, wie Jesus Muslimen dort begegnet. Für sie ist klar: Gottes Herz schlägt für den Iran!
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Informationen für den Gemeindebrief Informationen für den Gemeindebrief
Pastor Haik Hovsepian
Iran
Pastor Haik Hovsepian ist einer der bekanntesten Zeugen des Evangeliums im Iran. Er war ein kühner Verteidiger der Religionsfreiheit, bevor er im Januar 1994 ermordet wurde. Kurz zuvor hatte er noch Bruder Andrew getroffen.
Persönliche Berichte Persönliche Berichte
Sina Moloudian (links) und Ismaeil Maghrebinejad (Bildquellen: Article 18)
Iran
In der vergangenen Woche wurden im Iran erneut zwei Christen verhaftet. Der 26-jährige Sina Moloudian wurde am Mittwoch vor den Augen seiner Eltern aus dem Haus geführt. Zwei Tage später, am Freitag, nahmen Beamte den 64-jährigen Ismaeil Maghrebinejad in Gewahrsam.
Blickpunkt Iran
Seit der Iran 1979 eine Islamische Republik wurde, liegt die Macht des Landes beim religiösen Oberhaupt des Landes, dem Obersten Führer. Die Regierung übt einen hohen Druck auf Christen aus.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 85 Punkten belegt Iran auf dem Weltverfolgungsindex 2020 Platz 9.

Auf dem Weltverfolgungsindex der Vorjahre (2019 und 2018) betrug die Wertung Irans ebenfalls 85 Punkte. Der Druck auf Christen hat in allen Lebensbereichen weiterhin ein extremes Ausmaß. Der Wert für das „Auftreten von Gewalt“ bleibt mit 10,4 Punkten sehr hoch, obwohl die Anzahl an Verhaftungen gegenüber dem Vorjahr stark zugenommen hat.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Der schiitische Islam ist die offizielle Staatsreligion. Alle Gesetze müssen mit der offiziellen Auslegung der Scharia übereinstimmen. Die Verfassung verbietet dem Parlament, Gesetze zu verabschieden, die dem Islam widersprechen. Weiterhin heißt es in der Verfassung, dass ihre Vorschriften bezüglich der „islamischen Natur“ des politischen Systems und des Rechtswesens, sowie bezüglich der Festlegung des schiitischen Islam dschafaritischer Prägung (die Dschafariya ist eine schiitische Rechtsschule) als Staatsreligion nicht geändert werden dürfen. Um die islamischen Bestimmungen zu schützen und die Vereinbarkeit der vom Parlament verabschiedeten Gesetze mit dem Islam zu gewährleisten, muss ein Wächterrat, der aus schiitischen Rechtsgelehrten und Geistlichen besteht, alle Gesetzesentwürfe prüfen und genehmigen.

Der Wächterrat prüft auch alle Kandidaten für die höchsten öffentlichen Ämter wie die Präsidentschaft und das Parlament. Dies erklärt, warum selbst die Reformer innerhalb der Regierung konservativ sind, und warum Christen und andere religiöse Minderheiten von hohen Ämtern und anderen einflussreichen Positionen im System ausgeschlossen werden.

Nach Ansicht der Regierung, und in geringerem Maße auch der allgemeinen Gesellschaft, sind ethnische Perser per Definition Muslime. Daher gelten persische Christen als Abtrünnige. Das macht fast alle christlichen Aktivitäten illegal, vor allem, wenn sie in Farsi stattfinden: Evangelisation, biblischer Unterricht, die Herausgabe christlicher Bücher oder Verkündigung in Farsi. Allerdings ist die iranische Gesellschaft viel weniger fanatisch als ihre Führung. Dies ist zum Teil auf den weit verbreiteten Einfluss des gemäßigteren und mystischen Sufismus zurückzuführen, sowie auf den Stolz des iranischen Volkes auf die vorislamische persische Kultur.

Diktatorische Paranoia

Der unbedingte Wille zum Machterhalt geht mit „Islamischer Unterdrückung“ einher. Das islamische Regime ist vor allem bestrebt, die Werte der Islamischen Revolution von 1979 zu beschützen. Der christliche Glaube gilt als verwerflicher westlicher Einfluss und als ständige Bedrohung der islamischen Identität der Republik. Nur die traditionellen armenischen und assyrischen Kirchen werden vom Regime als Christen akzeptiert, obwohl auch ihre Mitglieder als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Jede andere Form des christlichen Glaubens wird als gefährlicher westlicher Einfluss behandelt, was erklärt, warum viele Christen, vor allem Christen muslimischer Herkunft, wegen „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ verurteilt werden.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Inhaftierten Christen, besonders Christen mit muslimischem Hintergrund, wird manchmal eine Entlassung gegen Kaution angeboten. Dabei geht es oft um hohe Geldbeträge, die Berichten zufolge zwischen 2.000 und 200.000 US-Dollar liegen. Die betroffenen Christen oder deren Familien müssen für diese Beträge ihre Häuser oder Geschäfte mit Hypotheken belasten. Kommt die Person auf Kaution frei, ist oftmals unklar, wie lange ihr Besitz einbehalten wird – eine Unsicherheit, die Christen zum Schweigen bringen kann, da sie den Verlust ihres Familienbesitzes fürchten müssen. Das iranische Regime drängt Christen, die in ihrer Hauskirche aktiv sind und für ihr Engagement dort oder bei evangelistischen Aktivitäten verhaftet wurden, das Land zu verlassen und damit ihre Kaution aufzugeben. Teilweise geht dies auch mit Drohungen einher.

Konfessioneller Protektionismus

In den Medien und auf internationaler Ebene unterstreichen die iranischen Behörden gerne die Präsenz von Vertretern der armenischen und assyrischen Kirche, um den Eindruck religiöser Toleranz im Land zu vermitteln. Solche Kirchenvertreter äußern sich öffentlich zu „der Freiheit, die alle Christen genießen“, auch wenn in Wirklichkeit nur ein kleiner Teil der christlichen Gemeinde ein sehr begrenztes Maß an Freiheit genießt. Derartige Aussagen werden oft benutzt, um anderen christlichen Konfessionen die Legitimation abzusprechen – vor allem protestantischen Christen muslimischer Herkunft, die sich den staatlichen Einschränkungen nicht beugen und ihre Religionsfreiheit in stärkerem Maße ausüben wollen.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

  • Regierungsbeamte: Regierungsbeamte sind für die vielen Verhaftungen und Verurteilungen von Christen, insbesondere Christen mit muslimischem Hintergrund, verantwortlich. Alle christlichen Gruppen werden durch die Geheimdienste streng überwacht, selbst die offiziell anerkannten traditionellen armenischen und assyrischen Kirchen. Durch diese enge Überwachung und die Verhaftungen derer, die das Evangelium weitergeben, übt die Regierung Druck aus, um sicherzustellen, dass Christen nicht unter Muslimen missionieren.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Lokale muslimische Geistliche rufen manchmal zu Gewalt gegen Minderheiten auf.
  • Politische Parteien: Die islamischen Rechten (die Prinzipalisten) dominieren das Parlament und den Wächterrat, der sein Veto gegen jedes vom Parlament verabschiedete Gesetz einlegen kann. Solange der rechte Flügel Iran als islamisches Land für schiitische Muslime betrachtet, das von westlichen (christlichen) Ländern und deren Kultur bedroht ist, werden Christen, insbesondere Christen mit muslimischem Hintergrund, verfolgt werden.
  • Paramilitärische Gruppen: Die Prinzipalisten stärken ihre Unterstützerbasis durch die Freiwilligen-Miliz der Revolutionsgarde, genannt Basidsch. Dies ist eine fanatische paramilitärische Gruppierung der Rechten, die für ihre Loyalität zum Obersten Religionsführer bekannt ist. Die Miliz verfügt über Büros und Stützpunkte im ganzen Land. Sie sichert die Unterstützung für die Prinzipalisten. Wenn sie dazu aufgefordert wird, übt sie Gewalt gegen alle Feinde des Staates aus, Christen inbegriffen.
  • Die Gesellschaft/die eigene (Groß-)Familie: Obwohl die iranische Gesellschaft viel gemäßigter ist als ihre Führung, üben religiöse Familien oft Druck auf Angehörige aus, die vom Islam zum christlichen Glauben konvertiert sind.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

  • Regierungsbeamte: „Diktatorische Paranoia“ und Islamische Unterdrückung lassen sich in Iran nicht klar trennen. Andere Ideologien und Religionen zu verdrängen, hilft den führenden iranischen Geistlichen, ihre Macht zu erhalten. Ihr Ziel ist es, ein nach den Regeln des schiitischen Islam regiertes Land zu schaffen. Laut des Länderberichts zu Iran im Bertelsmann Transformation Index 2018 wird Iran de facto von „einigen einflussreichen Geistlichen und ihren Familienangehörigen gesteuert, die Monopole auf lukrative Wirtschaftsbereiche, insbesondere den Import bestimmter Waren, halten“. In diesem Bericht heißt es auch, dass „der Privatsektor nur etwa 20 Prozent der Gesamtwirtschaft ausmacht“, womit die große Rolle des Staates und die enormen wirtschaftlichen Interessen der Machthaber aufgezeigt werden.

Ausgehend von Organisiertem Verbrechen und Korruption

  • Regierungsbeamte: Die Regierung nutzt Kautionszahlungen, um verurteilte Christen verarmen zu lassen, und drängt sie so dazu, das Land zu verlassen. Berichten zufolge nutzen einige Beamte das System aus, um sich selbst zu bereichern.

Ausgehend von Konfessionellem Protektionismus

  • Christliche Leiter anderer Kirchen / Anführer ethnischer Gruppen: Die armenischen und assyrischen Christen verfügen über drei Repräsentanten im iranischen Parlament. Sie tendieren dazu, Iran als ein freies Land darzustellen, in dem Minderheiten die gleichen Rechte haben wie alle anderen Bürger. Sie gehen sogar so weit, die iranische Regierung und die Sicherheitsbehörden zu loben, sie würden andere ethnisch-christliche Minderheiten im Ausland schützen, obwohl Christen im eigenen Land zu langen Haftstrafen verurteilt werden. Jedoch ist dies wahrscheinlich der einzige Weg, um als ethnisch-christliche Minderheit inmitten des Drucks der Regierung zu überleben.

4. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Die von der Regierung ausgeübte Kontrolle ist in städtischen Gegenden am höchsten. Ländliche Gebiete werden weniger stark überwacht. In der Anonymität von Städten haben Christen jedoch mehr Freiheiten, Treffen und Aktivitäten zu organisieren, als in ländlichen Gebieten, in denen die Kontrolle durch die Gesellschaft stärker ist.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Zu dieser Gruppe gehören ausländische Christen und Arbeitsmigranten aus Asien (z. B. von den Philippinen oder aus Südkorea) und dem Westen, darunter viele Angehörige der katholischen, lutherischen oder presbyterianischen Kirche. Einige der wenigen ausländische Gemeinden mussten schließen, nachdem einheimische Christen muslimischer Herkunft an den Gemeindeversammlungen teilgenommen hatten. Gemeinsame jährliche Gebetstreffen zwischen Kirchenleitern verschiedener Konfessionen wurden in der Vergangenheit ebenfalls abgesagt, weil der Druck vonseiten des iranischen Sicherheitsapparates zu hoch war.

Christen aus traditionellen Kirchen

Volksgruppen wie die Armenier oder Assyrer sind traditionell mehrheitlich Christen; sie leben als Minderheiten im Land, sind aber relativ frei in der Ausübung ihres Glaubens und dürfen Angehörigen ihres eigenen Volkes in ihrer jeweiligen Muttersprache predigen. Es ist ihnen jedoch verboten, (farsisprachige) Menschen muslimischer Herkunft miteinzubeziehen oder sie an den armenischen und assyrischen Gottesdiensten teilnehmen zu lassen. Obwohl sie offiziell anerkannt und gesetzlich geschützt sind, werden sie als Bürger zweiter Klasse behandelt. Zudem riskieren sie Freiheitsentzug, körperliche Misshandlungen, Schikanen und Diskriminierung, wenn sie sich an Muslime wenden.

Christen muslimischer Herkunft

Ehemalige Muslime, die den christlichen Glauben angenommen haben, machen die größte Kategorie von Christen in Iran aus. Sie tragen die Hauptlast der Verfolgung, insbesondere durch die Regierung und in einem geringeren Ausmaß durch ihre (Groß-)Familien und die Gesellschaft. Im Gegensatz zu den traditionellen Kirchen betrachtet die Regierung sie als einen Versuch westlicher Länder, den Islam und die islamische Regierung Irans zu untergraben. Die Taufe wird als öffentliches Zeichen der Hinwendung zum christlichen Glauben und somit als Angriff auf den Islam gesehen und ist deshalb verboten. Außerdem werden die meisten Kinder von Christen muslimischer Herkunft automatisch als Muslime registriert. Besonders die Leiter von Gruppen von Christen muslimischer Herkunft werden verhaftet, vor Gericht gestellt und wegen „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ zu langen Haftstrafen verurteilt. Ähnliche Strafanzeigen erhalten seit 2014 jedoch vermehrt auch Mitglieder von Hauskirchen, die keine Leitungsfunktion innerhalb der Gruppen ausüben. Aufgrund dieses hohen Drucks müssen Christen muslimischer Herkunft sehr vorsichtig sein, und viele von ihnen leben ihren Glauben isoliert, ohne Gemeinschaft mit anderen Christen zu haben. Es gibt zudem eine wachsende Gemeinschaft iranischer Christen muslimischer Herkunft weltweit, da viele von ihnen im Laufe der Jahre aus dem Land geflohen und andere Iraner im Ausland ebenfalls Christen geworden sind.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Eine weitere Gruppe von Christen besteht aus Evangelikalen, Baptisten und Mitgliedern von Pfingstgemeinden. Zwar ist es schwierig, klar zwischen ihnen und den Gemeinschaften von Christen muslimischer Herkunft zu trennen, doch haben die Christen protestantischer Freikirchen oft einen armenischen, assyrischen, jüdischen oder zoroastrischen Hintergrund; andere sind Kinder oder Enkel von Christen muslimischer Herkunft. Sie sind der gleichen schweren Verfolgung durch die Regierung ausgesetzt und werden von der Gesellschaft diskriminiert, insbesondere, wenn sie sich bei evangelistischen Aktivitäten oder in Hauskirchen engagieren.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

 

Privatleben 14.1
Familienleben 14.3
Gesellschaftliches Leben 14.1
Leben im Staat 15.8
Kirchliches Leben 16.5
Auftreten von Gewalt 10.4

 

Grafik: Verfolgungsmuster Iran

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der Durchschnittswert für den Druck auf Christen hat weiterhin das gleiche extreme Ausmaß wie im Weltverfolgungsindex 2019 (14,9 Punkte). Die iranische Regierung übt in großem Umfang Druck auf Christen aus.
  • Auch wenn der Druck in allen Lebensbereichen ein extremes Ausmaß hat, erreicht er die höchste Stufe im „Kirchlichen Leben“ und im „Leben im Staat“. Darin spiegelt sich, dass der Druck hauptsächlich von der Regierung ausgeht. Das gesamte kirchliche Leben ist stark eingeschränkt, auch das der offiziell anerkannten armenischen und assyrischen Christen, die das Evangelium nicht weitergeben und in ihren Gottesdiensten kein Farsi sprechen dürfen.
  • Der Wert für das Auftreten von Gewalt beträgt wie im Vorjahr 10,4 Punkte.

Zu jedem der Lebensbereiche sind im Folgenden jeweils ausgewählte Teilaspekte genannt, die im betreffenden Lebensbereich für die Christen zu den gravierendsten Schwierigkeiten gehören.

Privatleben

  • Es ist gefährlich für Christen, ihrem Glauben in schriftlicher Form persönlich Ausdruck zu geben, etwa in Internetblogs oder auf Facebook: Der iranische Geheimdienst sucht in sozialen Netzwerken nach Äußerungen, die mit dem christlichen Glauben zu tun haben, und sammelt diese als belastende Beweise für Inhaftierungen. Einige Kirchenleiter wurden bereits bei Verhören mit ihren privaten Nachrichten und Posts im Internet konfrontiert. Dies betrifft zwar vor allem Christen muslimischer Herkunft, doch auch für Christen aus traditionellen Kirchen und protestantischen Freikirchen ist es riskant, sich im Internet über ihren christlichen Glauben zu äußern, da dies als Missionierungsversuch interpretiert werden könnte – insbesondere wenn diese Äußerungen auf Farsi geschrieben sind.
  • Es ist gefährlich, christliches Material zu besitzen oder aufzubewahren: Für alle Christen kann es gefährlich sein, christliche Literatur in Farsi zu besitzen – besonders in größerer Anzahl, da dies darauf hindeutet, dass sie zur Weitergabe an muslimische Iraner gedacht ist. Christen aus traditionellen Kirchen dürfen christliche Literatur in ihrer Muttersprache (Armenisch oder Assyrisch) besitzen.
  • Für Christen ist es gefährlich, sich mit anderen Christen zu treffen: Besonders für Christen muslimischer Herkunft ist es gefährlich, wenn sie dabei entdeckt werden, wie sie sich mit anderen Christen treffen. Doch auch für ausländische Christen ist es riskant, sich mit iranischen Christen zu treffen – besonders mit Christen muslimischer Herkunft – da der Geheimdienst jede Bewegung von Ausländern im Land genau beobachtet. Iranische Christen, die Kontakt zu ausländischen Christen haben, werden als Sicherheitsbedrohung angesehen.
  • Es ist für Christen gefährlich, auf christliches Radio und Fernsehen oder christliches Material im Internet zuzugreifen: Der Zugriff auf christliche Inhalte ist gefährlich, da alle Medien sehr stark überwacht werden. Die Behörden überwachen christliche Programme und Internetseiten, um Christen muslimischer Herkunft aufzuspüren.

Christen muslimischer Herkunft können ihren christlichen Glauben nicht öffentlich leben. Jeder Hinweis darauf, dass sie Christen sein könnten, kann ernsthafte Folgen haben. Wenn in ihrer Familie außer ihnen niemand an Jesus Christus glaubt, müssen sie sehr vorsichtig sein, wie sie im privaten Kontext ihren Glauben leben.

Familienleben

  • Christliche Paare werden aufgrund ihres Glaubens daran gehindert, Kinder zu adoptieren oder Pflegekinder aufzunehmen: Für Christen ist es unmöglich, ein muslimisches Kind zu adoptieren. Armenische und assyrische Paare dürfen nur Kinder aus ihrer eigenen Volksgruppe adoptieren und das auch nur, wenn sie den Adoptionsantrag bei einem armenischen oder assyrischen Waisenhaus stellen. Wollen sie jedoch ein Kind aus einem staatlichen Waisenhaus adoptieren, wird ihr Antrag abgelehnt.
  • Kinder christlicher Eltern werden dazu gedrängt, an nichtchristlichem Unterricht oder dem allgemeinen Religionsunterricht teilzunehmen: Die Kinder von Christen muslimischer Herkunft werden automatisch als Muslime registriert und müssen das iranische Bildungssystem absolvieren, welches auf dem Islam basiert und nach der Revolution 1979 noch einmal stärker islamisiert wurde. Einige Christen muslimischer Herkunft haben bereits versucht, dagegen Einspruch zu erheben, was aber nur dazu geführt hat, dass sie vor Gericht gestellt und ihre Kinder bedroht wurden. Aus Angst vor noch mehr Verfolgung, versuchen viele Christen deshalb erst gar nicht rechtlich gegen diese Regelung vorzugehen. Darüber hinaus werden die Kinder von armenischen oder assyrischen Christen gezwungen, in der Grundschule am Koran- und Islamunterricht teilzunehmen. Fächer wie „Geschichte des Islam“ oder „Lehren des Korans“ sowie Arabisch sind Pflichtkurse für alle Oberstufenschüler, unabhängig von ihrer jeweiligen Religionszugehörigkeit. Außerdem muss man bei der Bewerbung an einer Universität seine Religionszugehörigkeit angeben. Gibt eine Person muslimischer Herkunft an, dass sie Christ ist, wird sie nicht an der Universität aufgenommen. Somit ist es praktisch unmöglich für Christen muslimischer Herkunft, zu studieren – es sei denn, sie lügen bei der Bewerbung bezüglich ihres Glaubens.
  • Kinder und Ehepartner von Christen sind langen Zeiten der Trennung von ihren Eltern oder Partnern ausgesetzt, wenn diese aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden: Kirchenleiter und zunehmend auch immer mehr Gemeindemitglieder werden oft zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, was ihre Familie häufig negativ belastet.
  • Muslime verlieren nach ihrer Hinwendung zum christlichen Glauben ihren Erbschaftsanspruch dasselbe gilt für Christen, die zu einer anderen Denomination übertreten: Das iranische Zivilrecht enthält einige diskriminierende Gesetze – zum Beispiel das Erbschaftsrecht. Laut Artikel 881 des Zivilgesetzbuchs kann jemand, der kein Muslim ist, beispielsweise nicht von einem Muslim erben. Auch wenn ein Nichtmuslim stirbt und nur ein einziger seiner Erben Muslim ist, fällt diesem der gesamte Nachlass zu – zuungunsten der anderen nichtmuslimischen Erben. Diese Regelung gilt unabhängig von Verwandtschaftsgrad oder Beziehung des muslimischen Erben mit dem Verstorbenen. Dieses Gesetz benachteiligt so nicht nur religiöse Minderheiten, sondern führt auch dazu, dass Menschen aus materiellen Gründen zum Islam konvertieren.

Gesellschaftliches Leben

  • Christen stehen unter Beobachtung durch ihr soziales oder privates Umfeld. Sie werden beispielsweise bei der Polizei angezeigt, beschattet, ihre Telefongespräche werden mitgehört und E-Mails gelesen oder zensiert: Alle der oben genannten Gruppen von iranischen Christen werden überwacht. Der iranische Geheimdienst nutzt hoch entwickelte Überwachungstechnologien. Wenn eine Person verdächtigt wird, eine Hauskirche zu leiten oder an evangelistischen Aktivitäten teilzunehmen, wird diese Person beschattet und häufig in vielerlei Weise belästigt. Diese Überwachung reicht weit über die Grenzen Irans hinaus. Es gibt zuverlässige Berichte über iranische Spitzel in westlichen Ländern, die dem iranischen Geheimdienst Informationen über christliche Aktivitäten zukommen lassen.
  • Christen werden wegen ihres Glaubens verhört oder dazu gezwungen, sich bei der Polizei zu melden. Christen, besonders wenn sie verdächtigt werden, das Evangelium weiterzugeben, werden häufig zu Verhören vorgeladen – einige wurden bereits unzählige Male verhört. Das Ziel dieser Verhöre ist es, Christen einzuschüchtern, ohne sie vor Gericht zu stellen oder inhaftieren zu müssen. Je nach Schwere der Anschuldigungen und den vorhandenen „Beweisen“ kann es jedoch auch dazu kommen, dass Christen nach diesen Verhören eingesperrt und strafrechtlich angeklagt werden.
  • Christen werden im Alltag aufgrund ihres Glaubens belästigt, bedroht oder eingeschränkt. Gründe dafür sind zum Beispiel, wenn sie nicht den religiösen oder traditionellen Kleidungsvorschriften oder Vorschriften für Bärte der muslimischen Mehrheit folgen: In Iran herrscht Kopftuchpflicht für alle Frauen. Christen müssen sehr weise ausloten, wie sie sich so verhalten, dass sie von ihrem sozialen Umfeld keine Probleme bekommen. Der Druck auf Christen ist während islamischer Feiertage, im Ramadan, oder dann, wenn christliche Feste mit schiitischen Trauertagen zusammenfallen, besonders intensiv. Vor allem Christen muslimischer Herkunft werden teilweise täglich schikaniert, wenn ihr Glaubenswechsel bekannt ist, beispielsweise von ihren Nachbarn, Vorgesetzten oder Kollegen.
  • Christen werden wegen ihres Glaubens im Geschäftsleben behindert, etwa bei der Vergabe von Krediten, Subventionen oder staatlichen Aufträgen oder durch den Boykott ihrer Geschäfte: Mehr als 60 % des Wirtschaftssektors werden direkt von der iranischen Regierung kontrolliert. Klientelpolitik und Vetternwirtschaft sind sehr weit verbreitet. Christen aus traditionellen Kirchen, wie armenische und assyrische Christen, werden im Geschäftsleben diskriminiert. Den anderen Christen in Iran ist es gar nicht möglich, Handel zu treiben.

Durch ständige Benachteiligung werden alle Christen in Iran mehr oder weniger unter Druck gesetzt, ihren Glauben aufzugeben. Vor allem in Dörfern, ländlichen Regionen und in konservativ geprägten Städten werden Christen muslimischer Herkunft als unrein angesehen. Streng konservative Muslime geben Christen nicht die Hand, berühren sie nicht und nehmen kein von ihnen zubereitetes Essen zu sich. Am Arbeitsplatz, sowohl an staatlichen als auch an privaten Arbeitsstätten, müssen alle Christen mit Schikane und Diskriminierung rechnen, besonders gilt das aber für Christen muslimischer Herkunft, deren christlicher Glaube entdeckt wird.

Leben im Staat

  • Christen werden aufgrund ihres Glaubens von öffentlichen Ämtern oder Beförderungen ausgeschlossen: Hohe Positionen in der Gesellschaft oder in der Regierung werden nur an schiitische Muslime vergeben; Minderheiten werden in Iran stark benachteiligt. Alle Christen sind von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen, mit Ausnahme von drei Sitzen im Parlament, die für Christen der armenischen und assyrischen ethnischen Minderheit reserviert sind.
  • Christen erleben Einschränkungen in der öffentlichen Meinungsäußerung: Es gibt keine Meinungsfreiheit in Iran und Kritik an der Regierung kann schwerwiegende Folgen haben. Armenische und assyrische Christen müssen sehr vorsichtig sein, dass sie nicht die Regierung kritisieren oder sich so äußern, dass es als Evangelisationsversuch interpretiert werden könnte. Wo sich iranische Christen schon im Privaten sehr vorsichtig verhalten müssen, gilt dies umso mehr für die öffentliche Meinungsäußerung, insbesondere für Christen muslimischer Herkunft.
  • Medienberichte über Christen sind inkorrekt oder voreingenommen: Die staatlichen iranischen Medien werden strikt überwacht und dürfen keine abweichenden Meinungen oder Ansichten veröffentlichen. Immer wieder sprechen sich Regierungsbeamte gegen Christen aus, wobei sie typischerweise „Zionismus“ und Hauskirchen anführen. Diese Äußerungen rufen Wellen von Hassreden gegen Christen hervor. Von der Regierung multimedial verbreitete Hetze und Hassreden gegen iranische Christen, vor allem gegen Protestanten und christenfeindliche Rhetorik von Imamen, hatten während des Berichtszeitraums zum Weltverfolgungsindex 2020 weiterhin ein hohes Ausmaß.
  • Wer Christen schadet, wird absichtlich ungestraft gelassen: Regierungsbeamte setzen bei Verhaftungen und Verhören von Christen oft Gewalt ein. (Sexuelle) Belästigung ist weit verbreitet und auch wenn solche Handlungen nach iranischem Recht unter Strafe stehen, wird nicht dagegen vorgegangen. Dazu kommt, dass Verbrechen straffrei bleiben, die an Christen muslimischer Herkunft von ihrer eigenen Familie begangen werden.

Kirchliches Leben

  • Kirchliche Aktivitäten werden überwacht, gestört oder verhindert. Viele, wenn nicht alle, öffentliche Gottesdienste werden geheimdienstlich überwacht. Armenische und assyrische Christen werden zwar überwacht, jedoch nicht davon abgehalten, ihre Gottesdienste zu besuchen, solange sie sie in ihrer eigenen Muttersprache abhalten und keine Christen muslimischer Herkunft teilnehmen lassen. Die Regierung hat ihre Anstrengungen weiter verstärkt, farsisprachige Christen aus dem Land zu vertreiben. In den letzten Jahren wurden viele Kirchen geschlossen, enteignet oder dazu gezwungen, Gottesdienste in Farsi aufzugeben. Auch wurden ihre Kirchenleiter oft verhaftet. Offiziell gibt es nahezu keine farsisprachigen Kirchen mehr im Land. Die strenge Überwachung von Hauskirchen löst bei deren Mitgliedern zunehmend Furcht aus.
  • Kirchen werden davon abgehalten, Christen muslimischer Herkunft öffentlich aufzunehmen: Allen Kirchen ist es verboten, ethnische Perser regelmäßig an ihren Aktivitäten teilnehmen zu lassen. Diese Maßnahme war Teil eines von 2008 bis 2010 eingeführten Sicherheitsprogramms. Kirchen wurden vom Geheimdienst besucht und Kirchenleiter von Regierungsbeamten vorgeladen. Sie mussten eine Liste der Gottesdienstbesucher vorlegen und ihnen wurde verboten, ethnische Perser an ihren Gottesdiensten teilnehmen zu lassen. Außerdem wurden Gottesdienste auf Farsi verboten. Kirchenleiter, die sich weigerten, diese Regelungen zu befolgen, wurden unter großen Druck gesetzt und dazu gezwungen, das Land zu verlassen. Die Regelungen gelten noch immer. Inzwischen halten sich alle übriggebliebenen Kirchen daran und wissen, dass sie keine Christen muslimischer Herkunft aufnehmen dürfen.
  • Christen werden daran gehindert, Kirchenleiter auszubilden: Den armenischen, assyrischen, katholischen und anglikanischen Kirchen in Iran ist es möglich, Geistliche einzusetzen, die im Ausland ausgebildet wurden. Protestantische Freikirchen und Hauskirchen müssen ihre Leiter jedoch selbst ausbilden. Die Verfolgung von Kirchenleitern, sei es durch Gefängnisstrafen oder erzwungener Emigration, hat zu einem Mangel an erfahrenen christlichen Lehrern im Land geführt. Diese Unterdrückung und Einmischung vonseiten des Staats behindert das Wachstum und die geistliche Reife der christlichen Gemeinschaft in Iran, auch wenn christliche Medien und Internetseiten versuchen, auf diese Not zu reagieren.
  • Kirchen werden daran gehindert, Schulen, wohltätige, humanitäre, medizinische, soziale oder kulturelle Organisationen, Einrichtungen oder Vereine zu gründen und zu führen: Ausländische Kirchen, die Schulen, Krankenhäuser und andere soziale oder humanitäre Einrichtungen gegründet hatten, wurden nach der Islamischen Revolution 1979 dazu gezwungen, diese der islamischen Regierung zu überlassen. Seitdem ist es ihnen verboten, Einrichtungen dieser Art zu gründen oder zu führen. Diese Regelung gilt seit den 1990er-Jahren auch für protestantische Freikirchen. Die einzigen verbliebenen kirchlichen Einrichtungen und Vereine dieser Art gehören zu den armenischen und assyrischen Kirchen. Sie werden sogar von der Regierung subventioniert. Die Leiter von armenischen und assyrischen Schulen sind jedoch in den meisten Fällen Muslime.

Auftreten von Gewalt

  • Die physische Auslöschung von Christen will und kann sich die pragmatische Regierung Irans politisch nicht leisten. Deshalb setzt sie auf eine langsame, schleichende und leise Beseitigung von Christen. Es gab im Berichtszeitraum für den Weltverfolgungsindex 2020 keine Berichte von um ihres Glaubens willen getöteten Christen.
  • Die Zahl der verhafteten Christen im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 ist im Gegensatz zum Vorjahr jedoch deutlich gestiegen. Bei einer Verhaftungswelle Ende 2018 wurden 114 Christen festgenommen. Viele von ihnen warten noch auf ihren Gerichtsprozess und die Verkündung ihres Strafmaßes. Einige von ihnen wurden entlassen, nachdem sie eine Erklärung unterschrieben, mit der sie sich verpflichteten, keinen Kontakt zu Christen zu haben.
  • Viele Christen werden bei Verhören geschlagen, (sexuell) belästigt oder sehr stark unter Druck gesetzt – beispielsweise durch Einzelhaft, Schlafentzug, Verhöre über lange Zeiträume hinweg, Androhung von Gewalt gegen Familienmitglieder (unter anderem Vergewaltigung) oder Morddrohungen gegen sie selbst oder gegen ihre Familie.
  • Hauskirchen wurden vom Geheimdienst durchsucht und zerstört. Kirchengebäude zerfallen mit der Zeit, weil dringend benötigte Reparaturen nicht durchgeführt werden dürfen.
  • Zahlreiche inhaftierte Christen müssen Hypotheken aufnehmen, um die hohen Kautionszahlungen für ihre Entlassung aufbringen zu können. Weil sie befürchten, dass ein Gerichtsurteil zu einer langen Gefängnisstrafe führt, fliehen viele iranische Christen nach ihrer vorläufigen Entlassung aus dem Land, wobei sie ihre Kaution – und somit häufig auch ihren Grundbesitz – verlieren. Andere Christen verlieren ihre Privathäuser, weil diese bei Hausdurchsuchungen zerstört werden.

7. Verfolgungssituation für Männer und Frauen

Wie Frauen Verfolgung erfahren:

  • Ausschluss aus der Gemeinschaft
  • Verweigerung des Sorgerechts für Kinder
  • Diskriminierung/Schikanierung im Bildungsbereich
  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Erzwungene Einhaltung von Kleidungsvorschriften
  • Zwangsscheidung
  • Zwangsverheiratung
  • Verhaftung durch die Behörden
  • Körperliche Gewalt
  • Sexuelle Gewalt
  • Verbale Gewalt

Frauen genießen in Iran nur einen sehr beschränkten gesetzlichen Schutz, was die Lage für christliche Frauen, die wegen ihres Glaubens eingesperrt werden, besonders gefährlich macht. Die Zahl von Christinnen muslimischer Herkunft, die verhaftet werden, ist gestiegen, seitdem die Regierung begonnen hat, nicht nur Leiter von Hauskirchen, sondern auch andere Mitglieder dieser Gemeinden ins Visier zu nehmen. Einigen Schätzungen zufolge machen Frauen die Mehrheit der Mitglieder von Hauskirchen in Iran aus. Sie laufen Gefahr, von den Behörden festgenommen und von Mitgliedern des Sicherheitsdienstes sexuell belästigt zu werden. Eine Christin berichtete: „Die Sicherheitsbeamten verhielten sich sehr aggressiv und gewalttätig, als sie unsere Hauskirche durchsuchten. Sie behandelten uns – vor allem uns Frauen – so, als ob sie es mit Prostituierten zu tun hätten. Das Schlimmste war für uns Frauen die Art und Weise, wie sie uns anschauten. Wir fühlten uns nackt – als ob sie durch unsere Kleidung hindurchsehen würden.“ Frauen in dieser Weise öffentlich bloßzustellen, ist ein wirksames Mittel, um ihren Ruf und sozialen Status zu schädigen.

Es gibt kaum Schutz vor sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt. Häusliche Gewalt ist nicht gesetzlich verboten; von den Behörden wird Missbrauch innerhalb der Familie vielmehr als Privatangelegenheit betrachtet und deshalb selten öffentlich gemacht. Zwar ist Vergewaltigung illegal, doch muss ein Opfer als Beweis des Verbrechens vier männliche und zwei weibliche Zeugen anführen. Dieser fehlende gesetzliche Schutz vor Gewalt führt dazu, dass gewaltsame religiöse Verfolgung von christlichen Frauen – unter anderem im häuslichen Kontext – in vielen Fällen ungestraft bleibt. Da iranische Frauen nicht frei und allein reisen können, wird die Flucht aus einer gefährlichen Situation schwierig, ebenso wie die Suche nach einer sicheren Unterkunft.

Es kann außerdem passieren, dass eine Christin muslimischer Herkunft gezwungen wird, einen muslimischen Ehemann zu heiraten. Dies geschieht jedoch vermutlich nicht oft. Mädchen gelten ab 13 Jahren laut Gesetz als heiratsfähig. Doch schon ab neun Jahren kann ein Mädchen mit dem Einverständnis des Gerichts sowie seines Vaters verheiratet werden. Wenn eine verheiratete Frau mit Kindern den christlichen Glauben annimmt, wird ihr meistens das Sorgerecht für die Kinder entzogen, was großes Leid für Mutter und Kinder verursacht. Die Möglichkeit, dass eine Frau das Oberhaupt einer Familie oder eines Haushalts wird, ist gesetzlich explizit eingeschränkt. Frauen und Männer sind im Erbschaftsrecht nicht gleichberechtigt; gesetzliche Hürden machen es Frauen unmöglich, ihren geerbten Anteil an Grundbesitz zu übernehmen. Eine alleinstehende christliche Frau ist auf dem Arbeitsmarkt nicht gern gesehen und wird benachteiligt.

Nach den iranischen Kleidungsvorschriften muss eine Frau in der Öffentlichkeit ein Kopftuch („Hijab“) und einen langen Mantel („Manteau“) tragen oder sich mit einem großen Tuch um Kopf und Körper verhüllen („Tschador“). Verstöße gegen diese Vorschrift werden mit Prügel und Geldstrafen geahndet.

Wie Männer Verfolgung erfahren:

  • Wirtschaftliche Schikane im Berufs-/Geschäftsleben
  • Falsche Anklagen
  • Erzwungene Flucht aus Stadt oder Land
  • Inhaftierung durch die Behörden
  • Ermordung
  • Körperliche Gewalt
  • Psychische Gewalt

2019 wurden mehr Männer durch die Regierung verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt als Frauen. Ein Grund dafür könnte sein, dass Männer mehr Leitungspositionen innerhalb der verschiedenen (Untergrund-)Kirchen in Iran innehaben, obwohl Kontaktpersonen darauf hinweisen, dass Hauskirchen auch oft von Frauen geleitet werden. In Städten werden Männer häufiger verhaftet als in ländlichen Gegenden, wo sie stattdessen gezwungen werden, aus ihren Dörfern zu fliehen.

Männer sind in ihren Familien meist die Hauptverdiener, besonders wenn die Kinder noch klein sind. Wenn sie sich dem christlichen Glauben zuwenden, riskieren sie, ihre Arbeitsstelle zu verlieren, vor allem, wenn sie verhaftet werden. Wenn sie ein Geschäft eröffnen wollen und ihr christlicher Glaube dabei entdeckt wird, wird ihr Geschäftsantrag meistens abgelehnt. Das setzt Familien zusätzlich unter finanziellen und psychologischen Druck. Der körperliche und seelische Missbrauch beinhaltet unter anderem: Einzelhaft, Schlafentzug, Verhöre über lange Zeiträume hinweg, Androhung von Gewalt gegen Familienmitglieder (unter anderem Vergewaltigung) oder Morddrohungen.

Wenn alleinstehende christliche Männer durch Überwachung und Bedrängung unter erhöhten Stress geraten, fliehen sie häufig aus dem Land, wodurch ihre Herkunftsfamilien emotional und finanziell in Mitleidenschaft gezogen werden.

Im Gegensatz zu Frauen werden Männer nicht als „irregeleitet“ erachtet, sondern als Menschen, die vorsätzlich falsche Entscheidungen treffen. Daher sind ihre Strafen härter und sie erleiden mit höherer Wahrscheinlichkeit körperlichen Missbrauch und Folter. Ihnen stehen lange Haftstrafen bevor und viele sind gezwungen, in westliche Länder auszuwandern. Das schwächt die Kirche, denn diese Männer fehlen ihr als erfahrene Gemeindeleiter.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Bahai, Sunniten, Sufis (Derwische) und andere religiöse Minderheiten werden in Iran ebenfalls verfolgt. Seit vielen Jahren wurde kein Christ mehr vom Regime getötet, wahrscheinlich aus Angst vor den daraus resultierenden Folgen auf internationaler Ebene. Jedoch wurden viele Regimekritiker aus anderen Gruppen hingerichtet – vor allem unter dem Vorwurf des Terrorismus (anstelle von „Apostasie“). Auch ethnische Minderheiten wie Kurden, Belutschen und iranische Araber werden von der Regierung verdächtigt und verfolgt. Beispiele:

  • Im Oktober 2019 wurden drei junge Bahai zu insgesamt 20 Jahren Gefängnis verurteilt.
  • Im September 2019 wurden mindestens 16 Bahai vom Universitätsstudium ausgeschlossen.
  • Zwei Männer der ahwasisch-arabischen Minderheit wurden im August 2019 gefoltert und hingerichtet, obwohl sich Amnesty International für sie eingesetzt hatte.
  • Im Februar 2019 berichtete die Bahai-Gemeinde, dass zu diesem Zeitpunkt mindestens 97 ihrer Mitglieder inhaftiert waren.
  • Im Juni 2018 berichtete Amnesty International über die Hinrichtung eines Busfahrers, der den sufistischen Derwischen angehörte. Laut diesem Bericht wurde ihm vorgeworfen, mit seinem Bus drei Polizisten überfahren zu haben. Er beteuerte, er sei zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht einmal in der Nähe des fraglichen Ortes gewesen.

9. Der Ausblick für Christen

Islamische Unterdrückung

Solange das gegenwärtige islamische Regime die Kontrolle über alle staatlichen Institutionen behält und die iranische Wirtschaft fest im Griff hat, ist es unwahrscheinlich, dass sich die Dinge in Iran grundlegend ändern werden. Positiv ist die Entwicklung in dem Sinne, dass immer mehr Iraner dem Regime nicht mehr vertrauen und offen Veränderung fordern. Möglich ist ein Wechsel von der Staatsreligion hin zu einer Form des Säkularismus, dessen Einfluss deutlich zunimmt. Noch ist dieser jedoch zu schwach, als dass man davon in naher Zukunft eine wirkliche Veränderung erwarten könnte.

Diktatorische Paranoia

Da mehr Interaktion mit der übrigen Welt möglich wird – durch das Internet und auch die vielen tausenden Iraner im Ausland – dürften die Sicherheitsdienste ihre Überwachung intensivieren. Infolgedessen könnten religiöse Minderheiten wie Christen und Anhänger der Bahai genauer beobachtet werden – insbesondere solche, die Kontakte zu westlichen Glaubensgenossen pflegen. Es wird berichtet, dass christliche Medien und Websites in Farsi besonders genau beobachtet werden.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Die iranische Regierung wird aller Wahrscheinlichkeit nach weiterhin versuchen, mit unverhältnismäßig hohen Kautionszahlungen inhaftierte Christen finanziell zu ruinieren. Es ist wahrscheinlich, dass die iranischen Behörden Verfolgung nutzen, um sich selbst zu bereichern.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Iran:

  • Die Haupttriebkraft der Verfolgung in Iran ist Islamische Unterdrückung. Nahezu alle Kirchen, die Gottesdienste auf Farsi abhielten, wurden in den letzten Jahren geschlossen und ihre Leiter verhaftet. Bitte beten Sie für die Christen in den iranischen Gefängnissen, dass sie aufrichtige Liebe für ihre Wärter und Mitgefangenen haben.
  • Der schiitische Islam ist in Iran die Staatsreligion. Alle Gesetze müssen mit der offiziellen Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts, übereinstimmen. Jeder Muslim, der den Islam verlässt, kann zum Tode verurteilt werden, auch wenn die Behörden dieses Gesetz in den vergangenen Jahren nicht angewendet haben. Bitte beten Sie, dass die Gesetze geändert werden und Religionsfreiheit ermöglicht wird.
  • Für eine muslimische Familie ist es eine große Schande, wenn einer ihrer Angehörigen den Islam verlässt. Beten Sie für die Christen, die wegen ihres Glaubens von ihren Familien abgelehnt und verstoßen wurden.

 

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