Länderprofil Iran

Iran

9
Weltverfolgungsindex
2019
Flagge Iran
Hauptreligion
Islam
Offizielle Staatsform
Islamische Republik
Platz Vorjahr
10
ISO
IR
Karte Iran
Christen
0,80
Bevölkerung
82.01
Islamische Unterdrückung
Diktatorische paranoia
Privatleben: 14.000
Familienleben: 14.300
Gesellschaftliches Leben: 14.300
Leben im Staat: 15.800
Kirchliches Leben: 16.500
Auftreten von Gewalt: 10.400

Länderprofil Iran

Berichtszeitraum: 1. November 2017 – 31. Oktober 2018

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 9 / 85 Punkte (WVI 2018: Platz 10 / 85 Punkte)

Welche Triebkräfte sind für die Verfolgung verantwortlich?

Islamische Unterdrückung: Der schiitische Islam ist die offizielle Staatsreligion. Alle Gesetze müssen mit der offiziellen Auslegung der Scharia übereinstimmen.

Diktatorische Paranoia: Der unbedingte Wille zum Machterhalt zielt darauf ab, die Werte der Islamischen Revolution von 1979 zu beschützen. Das Christentum gilt als verwerflicher westlicher Einfluss und als ständige Bedrohung der islamischen Identität der Republik.

Von wem geht die Verfolgung aus?

Das iranische Regime versucht aktiv, den Einfluss des schiitischen Islam zu erweitern. Dagegen betrachtet die Regierung Christen und andere Minderheiten als ernsthafte Bedrohung. Obwohl manchmal davon berichtet wird, wie Familien und Gemeinschaften auf ehemalige Muslime, die den christlichen Glauben angenommen haben, Druck ausüben, ist die iranische Gesellschaft viel weniger fanatisch als die Staatsführung.

Wie äußert sich die Verfolgung?

Muslime, die den christlichen Glauben angenommen haben, tragen die Hauptlast der Verfolgung – insbesondere durch die Regierung und in einem geringeren Ausmaß durch ihre Familien und die Gesellschaft. In diesen Christen muslimischer Herkunft sieht die Regierung einen Versuch westlicher Länder, den Islam und die islamische Regierung des Iran zu untergraben. Leiter von Gruppen solcher christlichen Konvertiten wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und wegen „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ zu langen Haftstrafen verurteilt. Die traditionellen armenischen und assyrischen Kirchen sind zwar durch den Staat anerkannt und geschützt, ihre Mitglieder werden aber als Bürger zweiter Klasse behandelt. Ihnen ist der Kontakt mit (Farsi-sprachigen) Christen muslimischer Herkunft verboten, ihre Gottesdienste dürfen diese Konvertiten nicht besuchen.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

  • Im Berichtszeitraum des WVI 2019 wurden mindestens 67 Christen verhaftet. Viele Christen, besonders Christen mit muslimischem Hintergrund, wurden vor Gericht gestellt und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Andere warten noch auf ihren Prozess. Ihre Familien sind während dieser Zeit öffentlichen Demütigungen ausgesetzt.
  • Mehrere Hauskirchen wurden während des Berichtszeitraums durchsucht. Die meisten von ihnen können nicht weiter als Hauskirche fungieren.
  • Berichten zufolge werden Frauen oder Mädchen, die an Gottesdiensten von Hauskirchen teilnehmen, von Sicherheitsbehörden bei ihren Eltern gemeldet und behauptet, sie hätten Umgang mit Männern in einer unangemessenen Weise gehabt. Unverheiratete Frauen öffentlich anzuprangern ist ein wirksames Mittel, um ihren Ruf und sozialen Status zu schädigen. Dies gilt insbesondere für konservativ geprägte Gebiete.

Meldungen und Beiträge zum Iran

Informationen für den Gemeindebrief Informationen für den Gemeindebrief
Pastor Haik Hovsepian
Iran
Pastor Haik Hovsepian ist einer der bekanntesten Zeugen des Evangeliums im Iran. Er war ein kühner Verteidiger der Religionsfreiheit, bevor er im Januar 1994 ermordet wurde. Kurz zuvor hatte er noch Bruder Andrew getroffen.
Persönliche Berichte Persönliche Berichte
Sina Moloudian (links) und Ismaeil Maghrebinejad (Bildquellen: Article 18)
Iran
In der vergangenen Woche wurden im Iran erneut zwei Christen verhaftet. Der 26-jährige Sina Moloudian wurde am Mittwoch vor den Augen seiner Eltern aus dem Haus geführt. Zwei Tage später, am Freitag, nahmen Beamte den 64-jährigen Ismaeil Maghrebinejad in Gewahrsam.
Blickpunkt Iran
Seit der Iran 1979 eine Islamische Republik wurde, liegt die Macht des Landes beim religiösen Oberhaupt des Landes, dem Obersten Führer. Die Regierung übt einen hohen Druck auf Christen aus.
Nachrichten Nachrichten
Ebrahim Firouzi aus dem Iran
Iran
Innerhalb einer einzigen Woche sind im Iran 114 Christen verhaftet worden. Mansour Borji von der Menschenrechtsorganisation Artikel 18 sieht darin eine Warnung an alle Christen, die Weihnachtszeit nicht zur Verbreitung des Evangeliums zu nutzen.
Weltweiter Gebetstag für verfolgte Christen
Jedes Jahr beten Christen weltweit an einem Sonntag im November für verfolgte Christen. Dieses Jahr haben in Deutschland rund 4000 Gemeinden und Gruppen, insgesamt zehntausende Christen, mitgemacht und für Turkmenistan und den Iran gebetet.
Interview interview
Symbolbild iranische Jugendliche
Iran
Hamid erzählt im Gespräch, welche Schwierigkeiten die verfolgten Gemeinden im Iran haben, warum viele Jugendliche sich dort als Außenseiter fühlen und wie er ihnen hilft, zu bleiben – und die Gemeinden aktiv mitzugestalten.
Informationen für den Gemeindebrief Informationen für den Gemeindebrief
Naser Navard Gol-Tapeh (© Article 18)
Iran
Der zu 10 Jahren Haft verurteilte Gol-Tapeh fragt die Regierung in einem offenen Brief: „Gefährdet die Gemeinschaft einiger Christen, die Anbetungslieder singen und in der Bibel lesen, die nationale Sicherheit?“

Schreibaktion für inhaftierte iranische Christen

Naser Navard Gol-Tapeh aus dem Iran
Naser Navard Gol-Tapeh aus dem Iran wurde im Mai 2017 wegen »missionarischer Aktivitäten« und »Handlungen gegen die nationale Sicherheit« zu 10 Jahren Haft verurteilt. Medizinische Behandlung wurde ihm verweigert.
Victor Bet-Tamraz und seine Frau Shamiram Isavi Khabizeh aus dem Iran
Pastor Victor Bet-Tamraz aus dem Iran wurde wegen christlichen Engagements zu 10 Jahren Haft verurteilt, seine Ehefrau Shamiram Isavi Khabizeh zu 5 Jahren. Die Entscheidung des Gerichts über ihre Berufung steht noch aus.
Ebrahim aus dem Iran
Ebrahim Firouzi aus dem Iran ist seit August 2013 wegen »evangelistischer Aktivitäten« im Gefängnis. Die Haftbedingungen sind schlecht, er wird immer wieder geschlagen. Während seiner Haftzeit starb seine Mutter.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Die Wertung blieb für den Weltverfolgungsindex (WVI) 2019 bei 85 Punkten. Dies zeigt, unter welch extremem Druck Christen im Iran stehen. Das Land belegt den 9. Platz und im Berichtszeitraum gab es keine wesentlichen Veränderungen gegenüber dem WVI des Vorjahres. 

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Der schiitische Islam ist die offizielle Staatsreligion. Alle Gesetze müssen mit der offiziellen Auslegung der Scharia übereinstimmen. Die Verfassung verbietet dem Parlament Gesetze zu verabschieden, die dem Islam widersprechen und erklärt, dass ihre Vorschriften nicht geändert werden dürfen, seien sie auf den „islamischen Charakter“ des politischen Systems, auf das Gerichtswesen oder auf die Festlegung des schiitischen Islam dschafaritischer Prägung (die Dschafariya ist eine schiitische Rechtsschule) bezogen. Um die islamischen Bestimmungen zu schützen und die Vereinbarkeit der vom Parlament verabschiedeten Gesetze mit dem Islam zu gewährleisten, muss ein Wächterrat, der aus schiitischen Rechtsgelehrten und Geistlichen besteht, alle Gesetzesentwürfe prüfen und genehmigen. Der Wächterrat prüft auch alle Kandidaten für die höchsten öffentlichen Ämter wie die Präsidentschaft und das Parlament. Dies erklärt, warum selbst die Reformer innerhalb der Regierung konservativ sind, und warum Christen und andere religiöse Minderheiten von hohen Ämtern und anderen einflussreichen Positionen im System ausgeschlossen werden.

Nach Ansicht der Regierung, und im geringeren Maße auch der allgemeinen Gesellschaft, sind ethnische Perser per definitionem Muslime. Daher gelten persische Christen als Abtrünnige. Das macht fast alle christlichen Aktivitäten illegal, vor allem, wenn sie in Farsi stattfinden: Evangelisation, biblischer Unterricht, die Herausgabe christlicher Bücher oder Verkündigung in Farsi. Allerdings ist die iranische Gesellschaft viel weniger fanatisch als ihre Führung. Dies ist zum Teil auf den weit verbreiteten Einfluss des gemäßigteren und mystischen Sufismus zurückzuführen sowie auf den Stolz des iranischen Volkes auf die vorislamische persische Kultur.

Diktatorische Paranoia

Der unbedingte Wille zum Machterhalt geht mit „Islamischer Unterdrückung“ einher. Das islamische Regime ist vor allem bestrebt, die Werte der Islamischen Revolution von 1979 zu beschützen. Das Christentum gilt als verwerflicher westlicher Einfluss und als ständige Bedrohung der islamischen Identität der Republik. Nur die traditionellen Gemeinschaften der Armenier und Assyrer werden vom Regime als christlich angesehen, obwohl auch sie als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Jede andere Form des Christentums wird als gefährlicher westlicher Einfluss behandelt, was erklärt, warum viele Christen, vor allem Christen muslimischer Herkunft, wegen „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ verurteilt werden.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Inhaftierten Christen, besonders Christen mit muslimischem Hintergrund, wird manchmal eine Entlassung gegen Kaution angeboten. Dabei geht es oft um hohe Geldbeträge, die Berichten zufolge zwischen 2.000 und 200.000 US-Dollar liegen. Die betroffenen Christen oder deren Familien müssen für diese Beträge ihre Häuser oder Geschäfte mit Hypotheken belasten. Kommt die Person auf Kaution frei, ist oftmals unklar, wie lange der Besitz einbehalten wird – eine Unsicherheit, die Christen zum Schweigen bringen kann, da sie den Verlust ihres Familienbesitzes fürchten müssen. Das iranische Regime drängt Christen, die aktiv in ihrer Hauskirche sind und für ihr Engagement dort oder bei evangelistischen Aktivitäten verhaftet wurden, das Land zu verlassen und damit ihre Kaution aufzugeben. Teilweise geht dies auch mit Drohungen einher.

Konfessioneller Protektionismus

Auch wenn der Einfluss dieser Triebkraft von Verfolgung als gering eingestuft wird, bedürfen die zugrundeliegenden Probleme weiterer Ausführung: In den Medien und auf internationaler Ebene unterstreichen die iranischen Behörden gerne die Präsenz von Vertretern der armenischen und assyrischen Kirche, um einen Eindruck religiöser Toleranz des Landes zu vermitteln. Solche Kirchenvertreter äußern sich öffentlich zu „der Freiheit, die alle Christen genießen", auch wenn tatsächlich nur ein kleiner Teil der christlichen Gemeinde ein sehr begrenztes Maß an Freiheit genießt. Derartige Aussagen werden oft benutzt, um anderen christlichen Konfessionen die Legitimation abzusprechen – vor allem protestantischen Christen muslimischer Herkunft, die sich den staatlichen Einschränkungen nicht beugen und ihre Religionsfreiheit in stärkerem Maße ausüben wollen.

3. Verfolger

Ausgehend von Islamischer Unterdrückung

Regierungsbeamte sind für die vielen Verhaftungen und Verurteilungen von Christen, insbesondere Christen mit muslimischem Hintergrund, verantwortlich. Alle christlichen Gruppen werden durch die Geheimdienste streng überwacht, selbst die offiziell anerkannten traditionellen armenischen und assyrischen Kirchen. Durch diese enge Überwachung und die Verhaftungen derer, die das Evangelium weitergeben, übt die Regierung Druck aus, um sicherzustellen, dass Christen nicht unter Muslimen missionieren.

Das derzeitige politische Spektrum im Iran ist im Prinzip zwischen der islamischen Linken (den Reformern) und der islamischen Rechten (den Prinzipalisten) gespalten. Die Reformer dominieren das Parlament, die islamische beratende Versammlung, genannt Madschles. Der wiedergewählte Präsident Rohani kann als Reformer angesehen werden. Allerdings dominieren die Prinzipalisten den Wächterrat, der sein Veto gegen alle Gesetze des Parlaments einlegen kann. Die Ernennungen der Mitglieder des Wächterrats werden vom Obersten Religionsführer des Iran, der die höchste Autorität im Land hat, kontrolliert. Dieser ist selbst Prinzipalist. Auf diese Weise hat das gemäßigte Parlament nicht viel Macht, um Veränderungen herbeizuführen. Solange der rechte Flügel den Iran als islamisches Land für schiitische Muslime betrachtet, das von westlichen (christlichen) Ländern und deren Kultur bedroht ist, werden Christen, insbesondere Christen mit muslimischem Hintergrund, verfolgt.

Die Prinzipalisten stärken ihre Unterstützerbasis zum Beispiel durch die Revolutionsgarde, besonders durch eine Freiwilligen-Miliz, genannt Basidsch. Dies ist eine fanatische paramilitärische Gruppierung der Rechten, die für ihre Loyalität zum Obersten Religionsführer bekannt ist. Die Miliz verfügt über Büros und Stützpunkte im ganzen Land. Sie sichert die Unterstützung für die Prinzipalisten und, wenn sie dazu aufgefordert wird, übt sie Gewalt gegen alle Feinde des Staates aus, Christen mit einbegriffen.

Nichtchristliche religiöse Leiter, wie muslimische Geistliche, rufen manchmal zu Gewalt gegen Minderheiten auf. Obwohl die iranische Gesellschaft im Vergleich zu ihrer Führung gemäßigt ist, üben Familien oft Druck auf Angehörige aus, die vom Islam zum christlichen Glauben konvertiert sind.

Ausgehend von Diktatorischer Paranoia

„Diktatorische Paranoia“ und „Islamische Unterdrückung“ sind im Iran ineinander verschlungen. Andere Ideologien und Religionen zu verdrängen hilft den führenden iranischen Klerikern, ihre Macht zu erhalten. Ihr Ziel ist es, ein nach den Regeln des schiitischen Islam regierten Landes zu schaffen. Laut des Länderberichts zum Iran im Bertelsmann Transformation Index 2018 wird der Iran de facto von „einigen einflussreichen Klerikern und ihren Familienangehörigen gesteuert, die Monopole auf lukrative Wirtschaftsbereiche insbesondere den Import bestimmter Waren halten." In diesem Bericht heißt es auch, dass „der Privatsektor nur etwa 20 Prozent der Gesamtwirtschaft ausmacht", womit die große Rolle des Staates, und die enormen wirtschaftlichen Interessen der Machthaber aufgezeigt werden. 

Ausgehend von Organisiertem Verbrechen und Korruption

Die Regierung nutzt Kautionszahlungen, um verurteilte Christen vorsätzlich verarmen zu lassen, und drängt sie dazu, das Land zu verlassen. Einige Beamte nutzen das System aus, um sich selbst zu bereichern, wie die britische Zeitung „The Guardian“ im Juli 2018 zum Fall von Mahmoud Sadeghi berichtete.

Ausgehend von Konfessionellem Protektionismus

Die armenischen und assyrischen Christen verfügen über drei Repräsentanten im iranischen Parlament. Sie stellen den Iran als ein freies Land dar, in dem Minderheiten die gleichen Rechte haben wie alle anderen Bürger. Sie gehen sogar so weit, die iranische Regierung und die Sicherheitsbehörden zu loben, sie würden durch ihr Eingreifen in den Krieg im benachbarten Syrien andere ethnisch-christliche Minderheiten im Ausland schützen, obwohl Christen im eigenen Land zu langen Haftstrafen verurteilt werden. Jedoch ist dies wahrscheinlich der einzige Weg, um als ethnisch-christliche Minderheit inmitten des Drucks der Regierung zu überleben. 

4. Hintergrund

Die iranische Regierung geht weiterhin hart gegen Christen mit muslimischem Hintergrund vor, um in Fortführung der Islamischen Revolution von 1979 einen islamischen Staat auf Grundlage des schiitischen Islam zu schaffen. (Es kann jedoch irreführend sein, die Iranische Revolution von 1979 als "Islamische Revolution" zu bezeichnen – auch wenn das sehr gut in die Geschichtsschreibung des Regimes passt. Denn diejenigen, die gegen den Schah putschten, hatten nicht einfach nur islamische oder schiitische Vorstellungen und Absichten - Kommunisten spielten beispielsweise ebenso eine Rolle. Andere Gruppierungen wurden jedoch nach der Revolution verdrängt, viele ihrer Anhänger wurden vom neuen Regime umgebracht.)

Heute versucht die Regierung aktiv, den Einfluss des schiitischen Islam in der Region auszudehnen. Sie nutzt dazu internationale Diplomatie, wirtschaftliche Anreize und sogar Militärinterventionen. Die Anwendung von Gewalt, selbst gegen die Bürger des eigenen Landes, schafft in Verbindung mit einer starken Ideologie einen totalitären Staat.

Im Juli 2015 wurde eine Vereinbarung zwischen dem Iran und sechs Weltmächten getroffen, die darauf abzielte, das iranische Atomprogramm einzuschränken und im Gegenzug die Sanktionen zu lockern. Diese Vereinbarung wurde während der ersten Amtszeit von Präsident Rohani getroffen, der als gemäßigt bekannt ist. Die Erfolge der Gemäßigten bei den Wahlen zum iranischen Parlament und zum Expertenrat im Februar 2016 sowie die Wiederwahl von Präsident Rohani im Mai 2017 scheinen den Aufstieg der gemäßigten Politik im Iran zu unterstreichen. Allerdings wurde ein anti-westlich eingestellter Hardliner zum Vorsitzenden des Expertenrats gewählt – er steht damit derjenigen Versammlung vor, welche die Aufgabe hat, die höchste Autorität im Iran zu wählen, den Obersten Religionsführer. Das zeigt erneut eindeutig, dass letztlich der Oberste Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei, die politischen Strippen im Iran zieht – ungeachtet aller vorgeblichen demokratischen Prozesse. Nachdem die Vereinigten Staaten von Amerika im Mai 2018 aus dem Atomabkommen ausgestiegen sind und die Sanktionen wiedereingesetzt haben, könnten die konservativen Hardliner künftig weiteren politischen Einfluss im Iran erhalten und die moderaten Reformer dafür verantwortlich machen, dem Erzfeind Amerika überhaupt vertraut zu haben.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Zu dieser Gruppe gehören ausländische Christen und Arbeitsmigranten aus Asien (z. B. von den Philippinen oder Südkorea) und dem Westen, darunter viele Angehörige einer katholischen, lutherischen oder presbyterianischen Kirche. Einige ausländische Gemeinden mussten schließen, nachdem einheimische Christen muslimischer Herkunft an den Gemeindeversammlungen teilgenommen hatten. Gemeinsame jährliche Gebetstreffen zwischen Kirchenleitern verschiedener Konfessionen wurden in der Vergangenheit abgesagt, weil der Druck vonseiten des iranischen Sicherheitsapparates zu hoch war.

Christen aus traditionellen Kirchen

Volksgruppen wie die Armenier oder Assyrer sind traditionell mehrheitlich Christen; sie leben als Minderheiten im Land, sind aber relativ frei in der Ausübung ihres Glaubens und dürfen Angehörigen ihres eigenen Volkes in ihrer jeweiligen Muttersprache predigen. Es ist ihnen jedoch verboten, (Farsi-sprachige) Menschen muslimischer Herkunft miteinzubeziehen oder sie an den armenischen und assyrischen Gottesdiensten teilnehmen zu lassen. Obwohl sie formell anerkannt und gesetzlich geschützt sind, werden sie als Bürger zweiter Klasse behandelt. Zudem riskieren sie Freiheitsentzug, körperliche Misshandlungen, Schikanen und Diskriminierung, wenn sie sich an Muslime wenden.

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Ehemalige Muslime, die den christlichen Glauben angenommen haben, machen die größte Kategorie von Christen im Iran aus. Sie tragen die Hauptlast der Verfolgung, insbesondere durch die Regierung und in einem geringeren Ausmaß durch ihre (Groß-)Familien und die Gesellschaft. Im Gegensatz zu den traditionellen Kirchen betrachtet die Regierung sie als einen Versuch westlicher Länder, den Islam und die islamische Regierung des Iran zu untergraben. Die Taufe wird als öffentliches Zeichen des Übertritts zum Christentum und somit als Angriff auf den Islam gesehen und ist deshalb verboten. Außerdem werden die meisten Kinder von Christen muslimischer Herkunft automatisch als Muslime registriert. Besonders die Leiter von Gruppen von Christen muslimischer Herkunft wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und wegen „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ zu langen Haftstrafen verurteilt. Ähnliche Strafanzeigen erhielten seit 2014 jedoch vermehrt auch Mitglieder von Hauskirchen, die nicht als Leiter tätig sind. Aufgrund dieses hohen Drucks müssen Christen mit muslimischem Hintergrund sehr vorsichtig sein, und viele von ihnen leben ihren Glauben isoliert, ohne Gemeinschaft mit anderen Christen. Es gibt zudem eine wachsende Gemeinschaft iranischer Christen weltweit, da viele Christen muslimischer Herkunft im Laufe der Jahre aus dem Land geflohen und andere Iraner im Ausland Christen geworden sind.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Eine weitere Gruppe von Christen besteht aus Evangelikalen, Baptisten und Mitgliedern von Pfingstgemeinden. Zwar ist es schwierig, eine scharfe Trennung zwischen ihnen und den Gemeinschaften von Christen muslimischer Herkunft zu ziehen, doch haben die Christen protestantischer Freikirchen oft einen armenischen, assyrischen, jüdischen oder zoroastrischen Hintergrund; andere sind Kinder oder Enkel von Christen muslimischer Herkunft. Sie sind der gleichen schweren Verfolgung durch die Regierung ausgesetzt und werden von der Gesellschaft diskriminiert, insbesondere, wenn sie sich bei evangelistischen Aktivitäten oder in Hauskirchen engagieren.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben 14
Familienleben 14.3
Gesellschaftliches Leben 14.3
Leben im Staat 15.8
Kirchliches Leben 16.5
Auftreten von Gewalt 10.4

Grafik: Verfolgungsmuster Iran

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der Durchschnittswert für den Druck auf Christen bleibt auf dem gleichen extrem hohen Niveau wie im WVI 2018 (15,0 Punkte). Die iranische Regierung übt in großem Umfang Druck auf Christen aus.
  • Auch wenn dieser Druck in allen Lebensbereichen äußerst hoch ist, die höchste Stufe erreicht der Druck im „Kirchlichen Leben“ und im „Leben im Staat“. Darin spiegelt sich, dass Druck hauptsächlich von der Regierung ausgeht. Das gesamte kirchliche Leben ist stark eingeschränkt, auch das der offiziell anerkannten armenischen und assyrischen Kirchen, die das Evangelium nicht weitersagen und in ihren Gottesdiensten kein Farsi sprechen dürfen.
  • Der Wert für das „Auftreten von Gewalt“ ist im Vergleich zum WVI 2018 von 10,0 auf 10,4 Punkte gestiegen. Dieser Anstieg ist vor allem darauf zurückzuführen, dass berücksichtigt wurde, dass christliche Frauen aus religiösen Gründen zur Heirat gezwungen wurden, etwa wenn Christinnen mit muslimischem Hintergrund einen muslimischen Ehemann heiraten müssen.

Privatleben

Christen muslimischer Herkunft können ihren christlichen Glauben nicht öffentlich leben. Jeder Hinweis für ihr soziales Umfeld, dass sie Christen sein könnten, hätte ernsthafte Folgen. Wenn in ihrer Familie außer ihnen niemand an Jesus Christus glaubt, müssen sie sehr vorsichtig sein, wie sie im privaten Kontext ihren Glauben leben. Für alle Christen kann es gefährlich sein, christliche Literatur in Farsi zu besitzen – besonders in größerer Anzahl, da dies darauf hindeutet, dass sie zur Weitergabe an muslimische Iraner gedacht ist. Christen aus traditionellen Kirchen dürfen christliche Literatur in ihrer Muttersprache (Armenisch oder Assyrisch) besitzen, ohne Schwierigkeiten befürchten zu müssen.

Familienleben

Für eine muslimische Familie ist es eine große Schande, wenn einer ihrer Angehörigen den Islam verlässt. Im Falle einer Erbschaft oder von Sorgerechtsfragen bei einer Scheidung wird häufig zum Nachteil der Christen entschieden, wenn die anderen Familienangehörigen muslimisch sind. Beispielsweise kann jemand, der kein Muslim ist, nicht von einem Muslim erben. Ein muslimischer Mann kann zwar eine nichtmuslimische Frau heiraten, das Gegenteil ist jedoch nicht der Fall – eine Ehe zwischen einem nichtmuslimischen Mann und einer muslimischen Frau wird nicht einmal als solche anerkannt. In der Schule werden Kinder, deren Eltern Christen muslimischer Herkunft sind, zu Muslimen gezählt und verpflichtet, am Islamunterricht teilzunehmen. Bei akademischen Bildungsgängen sind alle Christen gezwungen, islamische Kurse zu belegen. Im Allgemeinen ist das Bildungssystem stark von schiitischen Lehren geprägt.

Gesellschaftliches Leben

Durch ständige Benachteiligung werden alle Christen im Iran mehr oder weniger unter Druck gesetzt, ihren Glauben aufzugeben. Vor allem in Dörfern, ländlichen Regionen und in konservativ geprägten Städten werden Christen muslimischer Herkunft als unrein angesehen. Extremistische Muslime geben Christen nicht die Hand, berühren sie nicht und nehmen kein von ihnen zubereitetes Essen zu sich. Am Arbeitsplatz, sowohl an staatlichen als auch an privaten Arbeitsstätten, müssen alle Christen mit Schikane und Diskriminierung rechnen, besonders gilt das aber für Christen muslimischer Herkunft, deren christlicher Glaube entdeckt wird.

Leben im Staat

Alle Christen sind von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen, mit Ausnahme von drei Sitzen im Parlament, die für Christen der aramäischen und assyrischen ethnischen Minderheit reserviert sind. Es gibt keine Meinungsfreiheit im Iran, und Kritik an der Regierung kann schwerwiegende Folgen haben. Von der Regierung multimedial verbreitete Hetze und Hassreden gegen iranische Christen, vor allem gegen Protestanten, und christenfeindliche Rhetorik von Imamen waren während des Berichtszeitraums zum WVI 2019 weiterhin auf einem hohen Niveau.

Kirchliches Leben

Jedem Muslim, der den Islam verlässt, droht offiziell die Todesstrafe wegen Apostasie. Jedoch war die einzige Person, die im Iran deshalb hingerichtet wurde, Pastor Hossein Soodmand im Jahr 1990. Infolgedessen geriet das Regime unter starken Druck der internationalen Gemeinschaft und führte keine weiteren Hinrichtungen wegen Apostasie durch. Im Fokus der Regierung stehen Christen, die auch auf Konvertiten zugehen; selbst etablierte Kirchen sind nicht vor Schikane gefeit, wenn sie sich um Muslime kümmern: Ihre Mitglieder werden von der Polizei verhört, verhaftet, ins Gefängnis geworfen und geschlagen. Viele, wenn nicht alle, öffentliche Gottesdienste werden geheimdienstlich überwacht. Die Regierung hat ihre Anstrengungen weiter verstärkt, Farsi-sprachige Christen aus dem Land zu vertreiben. In den letzten Jahren wurden viele Kirchen geschlossen, enteignet oder dazu gezwungen, Gottesdienste in Farsi aufzugeben. Auch wurden die Kirchenleiter oft verhaftet. Offiziell gibt es nur noch drei kleine Farsi-sprachige Kirchen im Land. Sie werden genaustens beobachtet, dürfen keine neuen Mitglieder mit muslimischem Hintergrund aufnehmen, und die verbleibenden Gemeinden überaltern. Die strenge Überwachung von Hauskirchen löst bei deren Mitgliedern zunehmend Furcht aus. Evangelisation, biblischer Unterricht sowie die Veröffentlichung oder der Import von Bibeln auf Farsi sind illegal.

Auftreten von Gewalt

Während des Berichtszeitraums des WVI 2019 ging die meiste Gewalt gegen Christen von der Regierung aus; mindestens 82 Christen waren zumindest zeitweise inhaftiert. Die stärkste Verfolgung erlitten Christen mit muslimischem Hintergrund, die daran beteiligt waren, Muslimen aktiv das Evangelium zu verkündigen. Häuser von Christen mit muslimischem Hintergrund wurden durchsucht und viele christliche Konvertiten wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Regierung führte außerdem ihre Praxis fort, inhaftierte Christen unter finanziellen Druck zu setzen, indem sie unverhältnismäßig hohe Kautionssummen verlangte.

Beispiele dazu im Abschnitt "Zusammenfassung".

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Das „Tahirih Justice Center" berichtet, dass Frauen und Mädchen in der iranischen Gesellschaft besonders verwundbar sind, weil sie von ihren Ehemännern und Vormündern abhängig sind. Es gibt kaum Schutz vor (sexuellem) Missbrauch und häuslicher Gewalt. Ferner ist die Thematik von Ehre und Schande ein wichtiger Bestandteil der iranischen Gesellschaft. Die Hinwendung einer Frau zum christlichen Glauben und ihre Verhaftung sind für die Familie deshalb oft noch beschämender, als wenn ein männliches Familienmitglied den Islam verlässt – zumal die Festnahme und Inhaftierung von Frauen kulturell als besorgniserregender gilt, weil sie möglicherweise Opfer von sexueller Belästigung durch Sicherheitskräfte werden könnten.

Berichten zufolge werden Frauen oder Mädchen, die an Gottesdiensten von Hauskirchen teilnehmen, von Sicherheitsbehörden bei ihren Eltern gemeldet und gesagt, sie hätten Umgang mit Männern in einer unangemessenen Weise gehabt. Unverheiratete Frauen öffentlich anzuprangern, ist ein wirksames Mittel, um ihren Ruf und sozialen Status zu schädigen. Dies gilt insbesondere für konservativ geprägte Gebiete. Da iranische Frauen nicht frei und allein reisen können, wird die Flucht aus einer gefährlichen Situation schwierig, ebenso wie die Suche nach einer sicheren Unterkunft. Damit stehen sie in der Gefahr, ausgebeutet zu werden. Wenn eine Konvertitin Mutter ist, wird ihr meistens auch das Sorgerecht für die Kinder entzogen – was großes Leid für Mutter und Kinder verursacht.

Dennoch nehmen mehr Frauen als Männer im Iran den christlichen Glauben an. Die Zahl von Christinnen mit muslimischem Hintergrund, die verhaftet und festgehalten wurden, ist gestiegen, seitdem die Regierung begonnen hat, nicht nur Leiter von Hauskirchen, sondern auch andere Mitglieder dieser Gemeinden ins Visier zu nehmen. Trotzdem bleibt die Zahl der Verhaftungen von Frauen hinter der von Männern zurück. Ein Grund dafür könnte sein, dass Verurteilungen von Frauen zu Gefängnisstrafen negative internationale Konsequenzen für das iranische Regime haben könnten, da die Öffentlichkeit dazu neigt, mehr Mitgefühl mit weiblichen Häftlingen zu haben. Ein weiterer Grund mag sein, dass weibliche Konvertiten in islamischen Ländern tendenziell für „irregeleitet" erklärt werden, denen man eher den richtigen Weg zeigen, als sie bestrafen müsse. Sie zu zwingen, einen muslimischen Ehemann zu heiraten, ist eine der Methoden, die in dieser Hinsicht angewandt werden, auch wenn dies wohl nicht oft geschieht.

Im Allgemeinen können Frauen keine hohen öffentlichen Ämter, wie zum Beispiel ein Richteramt, einnehmen, da das iranische Zivilrecht im Einklang mit der Scharia steht.

Männer

Im Berichtszeitraum des WVI 2019 wurden mehr Männer durch die Regierung verhaftet, vor Gericht gestellt und verurteilt, als Frauen. Ein Grund dafür könnte sein, dass Männer mehr Leitungspositionen innerhalb der verschiedenen (Untergrund-)Kirchen im Iran innehaben, obwohl Kontaktpersonen darauf hinweisen, dass Hauskirchen auch oft von Frauen geleitet werden. In ihren Familien sind sie meist die Hauptverdiener, besonders wenn die Kinder noch klein sind. Wenn sie sich dem christlichen Glauben zuwenden, riskieren sie, ihre Arbeitsstelle zu verlieren, vor allem wenn sie verhaftet werden. Dies setzt die Familien unter zusätzlichen (finanziellen) Druck. Und wenn alleinstehende christliche Männer durch Überwachung und Bedrängung unter erhöhten Stress geraten, fliehen sie häufig aus dem Land, wodurch ihre Herkunftsfamilien emotional und finanziell in Mitleidenschaft gezogen werden.

Im Gegensatz zu Frauen werden Männer nicht als „irregeleitet" erachtet, sondern als solche, die vorsätzlich falsche Entscheidungen treffen. Daher sind ihre Strafen härter, und sie erleiden mit höherer Wahrscheinlichkeit körperlichen Missbrauch und Folter. Ihnen stehen lange Haftstrafen bevor, und viele sind gezwungen in westliche Länder auszuwandern. Das schwächt die Kirche, denn diese Männer fehlen ihr als erfahrene Gemeindeleiter.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Bahai, Sunniten, Sufis (Derwische) und andere religiöse Minderheiten werden im Iran ebenso verfolgt. Seit vielen Jahren wurde kein Christ mehr vom Regime getötet, wahrscheinlich aus Angst vor den daraus resultierenden internationalen Folgen. Jedoch wurden viele Regimekritiker anderer Gruppen hingerichtet – vor allem unter dem Vorwurf des Terrorismus (anstelle von „Apostasie“). Auch ethnische Minderheiten wie Kurden, Belutschen und iranische Araber werden von der Regierung verdächtigt und verfolgt. Beispiele:

  • Im März 2018 berichtete die Bahai-Gemeinde, dass zu diesem Zeitpunkt mindestens 97 ihrer Mitglieder inhaftiert waren.
  • Im Juni 2018 berichtete Amnesty International über die Hinrichtung eines Busfahrers, der den sufistischen Derwischen angehörte. Laut diesem Bericht wurde ihm vorgeworfen, mit seinem Bus drei Polizisten überfahren zu haben. Er beteuerte, er sei zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht einmal in der Nähe des fraglichen Ortes gewesen. 
  • Im September 2018 wurden mindestens 20 Anhänger der Bahai von Staatssicherheitsbeamten verhaftet. Auch Computer und Literatur wurden beschlagnahmt. (Quelle: Iran Human Rights Monitor, 27 September 2018).

9. Ausblick

Die politische Perspektive

Die konservativen Kreise innerhalb der iranischen Regierung, die als Prinzipalisten bekannt sind, wollen ihre Stellung wahren und fürchten jegliche Verletzung der Werte der Islamischen Revolution von 1979. Wahrscheinlich werden sie versuchen der derzeitigen, eher gemäßigten Entwicklung, entgegenzutreten, indem sie jeden Versuch, soziale oder politische Reformen einzuführen, blockieren werden. Dass das Atomabkommen nicht das Ende der Werte der Revolution bedeutet, wird auch im scharfen Vorgehen gegen Medien, Menschenrechts- und politische Aktivisten sichtbar. Der Druck auf Iraner mit doppelter Staatsbürgerschaft wurde erhöht, weil sie Verbindungen ins Ausland und zu ausländischen Firmen unterhalten. Auch der Druck auf Dissidenten, einschließlich religiöser Minderheiten, hat aufgrund ihrer politischen oder religiösen Überzeugungen zugenommen. Sie gelten als Bedrohung für den islamischen Charakter der Republik. Ein Teil dieser Unterdrückung spiegelt sich in der gestiegenen Zahl der Verhaftungen wider, aber auch in Hetzkampagnen gegen religiöse Minderheiten, insbesondere gegen Christen und Anhänger der Bahai.

Die Entwicklung einer moderateren Politik könnte rasch an ihr Ende kommen, da die USA nicht mehr Teil des Atomabkommens sind, und die Sanktionen wieder eingeführt wurden. Dies wird jene wachsende Bevölkerungsgruppe enttäuschen, die ihr Vertrauen in die Regierung und deren islamische Doktrin verloren haben. Die anhaltenden und wachsenden Proteste, sogar in ländlichen und konservativen Gebieten des Landes, sind ein Zeichen dafür, dass die iranische Bevölkerung sich Veränderung wünscht. Im Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2019 wurden sogar Lehrer nach einem Sitzstreik verhaftet; Stahlarbeiter skandierten Protestrufe, in denen die Regierenden als „Diebe" bezeichnet wurden. Immer mehr Bürger, so scheint es, wollen nicht nur eine moderatere Politik – sie wollen einen Wandel des gesamten politischen Systems. Dies untergräbt die Autorität des Regimes. Als Reaktion darauf und aus der Angst heraus, die Iraner könnten ihren Glauben an die Prinzipien der Islamischen Revolution verlieren, erhöht die Regierung den Druck auf jede Gruppe, die eine Alternative zur schiitischen islamischen Ideologie unterstützt. Um der sich abzeichnenden Radikalisierung unter den Regimegegnern entgegenzuwirken, entwickelt sich eine Gegenradikalisierung unter den Regimeanhängern. Damit entsteht eine neue Generation kämpferischer Hardliner. In gewisser Weise hat das Atomabkommen den internen politischen Machtkampf im Iran weiter angeheizt. In diesem Konflikt, der voraussichtlich nicht so schnell beigelegt werden wird, scheint der Wahlsieg des gemäßigten amtierenden Präsidenten Rohani im Mai 2017 über den sehr konservativen Kandidaten, der vom Obersten Religionsführer unterstützt wurde, darauf hinzudeuten, dass die Mehrheit der iranischen Gesellschaft die Reformer unterstützt. Diese Unterstützung könnte jedoch nachlassen, wenn Rohanis Politik keinen wirtschaftlichen Fortschritt mit sich bringt.

Der Ausblick für Christen

Mit Hinblick auf Islamische Unterdrückung: Solange das gegenwärtige islamische Regime die Kontrolle über alle staatlichen Institutionen behält und die iranische Wirtschaft fest im Griff hat, ist es unwahrscheinlich, dass sich die Dinge im Iran grundlegend ändern werden. Positiv ist die Entwicklung in dem Sinne, dass immer mehr Iraner dem Regime nicht mehr vertrauen und offen nach Veränderung rufen. Möglich ist ein Wechsel von der Staatsreligion hin zu einer Form des Säkularismus, dessen Einfluss deutlich zunimmt. Noch ist dieser jedoch zu schwach, um davon in naher Zukunft eine wirkliche Veränderung erwarten zu können.

Mit Hinblick auf Diktatorische Paranoia: Da mehr Interaktion mit der übrigen Welt möglich wird – durch das Internet und auch die vielen tausenden Iraner im Ausland – dürften die Sicherheitsdienste ihre Überwachung intensivieren. Infolgedessen könnten religiöse Minderheiten, wie Christen und Anhänger der Bahai, genauer beobachtet werden – insbesondere solche, die Kontakte zu westlichen Glaubensgenossen pflegen. Es wird berichtet, dass christliche Medien und Websites in Farsi besonders genau beobachtet werden.

Schlussfolgerung

Aufgrund der enormen Machtbasis der Konservativen (einschließlich dem Militär und den Revolutionsgarden) und ihrer Verbindungen zur Justiz, ist der Ausgang des internen Machtkampfes ungewiss. Zumindest auf dem Papier könnten sich die aktuellen Entwicklungen langfristig für Christen und andere Minderheiten positiv auswirken; vorerst bleibt der Druck auf sie jedoch extrem hoch.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für den Iran:

  • Die Haupttriebkraft der Verfolgung im Iran ist Islamische Unterdrückung. Nahezu alle Kirchen, die Gottesdienste auf Farsi abhielten, wurden in den letzten Jahren geschlossen und ihre Leiter verhaftet. Bitte beten Sie für die Christen in den iranischen Gefängnissen, dass sie aufrichtige Liebe für ihre Wärter und Mitgefangenen haben.
  • Der schiitische Islam ist im Iran die Staatsreligion. Alle Gesetze müssen mit der offiziellen Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts, übereinstimmen. Jeder Muslim, der den Islam verlässt, kann zum Tode verurteilt werden, auch wenn die Behörden dieses Gesetz in den vergangenen Jahren nicht angewendet haben. Bitte beten Sie, dass die Gesetze geändert werden und Religionsfreiheit ermöglicht wird.
  • Es ist für eine muslimische Familie eine große Schande, wenn einer ihrer Angehörigen den Islam verlässt. Beten Sie für die Christen, die wegen ihres Glaubens von ihren Familien abgelehnt und verstoßen wurden.

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