Länderprofil Saudi-Arabien

Saudi-Arabien

13
Weltverfolgungsindex
2020
Flagge Saudi-Arabien
Hauptreligion
Islam
Platz Vorjahr
15
ISO
SA
Karte Saudi-Arabien
Christen
1,42
Bevölkerung
34.14
Islamische Unterdrückung
Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen
Diktatorische paranoia
Privatleben: 15.100
Familienleben: 14.900
Gesellschaftliches Leben: 14.100
Leben im Staat: 15.500
Kirchliches Leben: 16.500
Auftreten von Gewalt: 2.400

Länderprofil Saudi-Arabien

Position auf dem Weltverfolgungsindex

Platz 13 / 79 Punkte (WVI 2019: Platz 15 / 77 Punkte)

Berichtszeitraum: 1. November 2018 – 31. Oktober 2019

Zusammenfassung

Die meisten Christen in Saudi-Arabien leben und arbeiten nur vorübergehend im Land. Der Großteil der ausländischen Christen stammt aus Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen wie Indien, den Philippinen und afrikanischen Ländern, doch manche kommen auch aus der westlichen Welt. Die asiatischen und afrikanischen Arbeiter werden nicht nur ausgebeutet und schlecht bezahlt, aufgrund ihrer ethnischen Herkunft und ihres geringen sozialen Status sind sie regelmäßig auch verbaler und körperlicher Gewalt ausgesetzt – hierbei kann außerdem ihr christlicher Glaube eine Rolle spielen. Ausländische Christen sind in ihren Möglichkeiten, sich zum Gottesdienst zu versammeln und ihren Glauben mit Muslimen zu teilen, extrem eingeschränkt, da Verhaftung und Ausweisung drohen.

Die wenigen saudischen Christen muslimischer Herkunft stehen jedoch unter noch stärkerem Druck, besonders durch ihre Familien. Auch ausländische Muslime, die zum christlichen Glauben konvertieren, sehen sich starker Verfolgung ausgesetzt, die wahrscheinlich ähnlich hoch ist wie in ihrem Heimatland. Aufgrund des extrem hohen Drucks sprechen ausländische Christen nicht über ihren Glauben. Die meisten von ihnen sind wie auch die saudischen Christen muslimischer Herkunft sind gezwungen, ihren Glauben geheim zu halten. Dennoch wächst die kleine Zahl der saudi-arabischen Christen allmählich. Sie werden immer mutiger darin, ihren Glauben weiterzugeben, etwa im Internet oder in christlichen Satelliten-Fernsehprogrammen. Solch öffentliche Bekenntnisse haben jedoch häufig zu ernsthaften Konsequenzen vonseiten ihrer Familien oder der Behörden geführt.

Beispiele aus dem aktuellen Berichtszeitraum

Aus Sicherheitsgründen können hierzu nur wenige detaillierte Angaben gemacht werden.

  • Vergewaltigungen und sexuelle Belästigung sind unverändert ein massives Problem in Saudi-Arabien; Christinnen, die als Hauspersonal arbeiten, sind besonders gefährdet.
  • Viele Christen muslimischer Herkunft stehen unter enormem Druck ihrer Familien. Mehrere saudische Christen wurden Berichten zufolge wegen ihres Glaubens körperlich missbraucht, meist innerhalb ihrer Familie.
  • Es gab Berichte über Verhaftungen mehrerer saudischer und ausländischer Christen.

Meldungen und Beiträge zu Saudi-Arabien

Persönliche Berichte Persönliche Berichte
Symbolbild
Saudi-Arabien
„Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Jamila* kann das ganze Gewicht dieser alten Worte Jesu an seine Jünger gut ermessen. Die biblischen Berichte über den Mann aus Nazareth faszinierten die 20-jährige Frau aus Saudi-Arabien.
Nachrichten Nachrichten
Weihnachtsdekoration bei einem geheimen Treffen von Christen in Saudi-Arabien
Saudi-Arabien
(Open Doors, Kelkheim) – Weihnachten feiern im streng islamischen Saudi-Arabien – offiziell ist das unmöglich. Doch finden im Land lebende Christen dennoch Wege, dieses für sie und Christen weltweit so wichtige Fest zu begehen
Nachrichten Nachrichten
Saudi-Arabien
Saudi-Arabien
(Open Doors, Kelkheim) – Am 14. November empfingen der saudi-arabische König Salman bin Abdulaziz sowie Thronfolger Mohammad bin Salman das Oberhaupt der maronitischen Kirche im Libanon, Bechara Boutros Rai.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 79 Punkten nimmt Saudi-Arabien Rang 13 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2020 ein. Der Anstieg um zwei Punkte und zwei Positionen im Vergleich zu WVI 2019 erklärt sich durch eine höhere Punktzahl für den Druck, da mehr Informationen aus dem Land eingegangen sind. Die Punktzahl für Gewalt ist im Vergleich zum Vorjahr gleichgeblieben. Die durchschnittliche Punktzahl für den Druck verbleibt auf einem extremen Niveau in Saudi-Arabien, einem der wenigen Länder, in denen Kirchengebäude immer noch verboten sind, wobei die Punktzahl für die Gewalt relativ gering ist.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Das Wüstenkönigreich ist vom Wahhabismus geprägt und kontrolliert die islamischen heiligen Städte Mekka und Medina. Der Koran und die Sunna (wörtlich: „Traditionen“) sind in Saudi-Arabien zur Verfassung erklärt worden und werden von religiösen Führern nach der strengen Lehrrichtung der Hanbaliten interpretiert. Saudi-Arabiens Rechtssystem basiert auf islamischer Rechtsprechung, der Scharia. Auf dieser Rechtsgrundlage darf nur der offiziell anerkannte wahhabitische Islam öffentlich praktiziert werden; andere Religionen offen auszuüben, ist verboten.

Alle saudischen Bürger gelten als Muslime; ausländische Anhänger anderer Religionen dürfen ihren Glauben nur im privaten Rahmen ausüben. Auf Apostasie, den Abfall vom Islam, steht weiterhin die Todesstrafe, auch wenn in den letzten Jahren keine Beispiele von gerichtlich angeordneten Hinrichtungen aus diesem Grund bekannt geworden sind.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen (vermischt mit Islamischer Unterdrückung)

Ausgehend von dieser Triebkraft wird in aller Regel Druck ausgeübt, um den fortwährenden Einfluss jahrhundertealter traditioneller Bräuche von Stämmen oder ethnischer Volksgruppen in Gemeinschaften und Haushalten durchzusetzen. Im Fall von Saudi-Arabien sind die ethnisch begründeten Anfeindungen stark durch den Islam geprägt. Davon betroffen sind vor allem Christen muslimischer Herkunft.

Diktatorische Paranoia

Die saudische Monarchie hat die absolute Macht und Autorität im Land. So kann der Monarch jedes von ihm gewünschte Gesetz umsetzen, solange es mit der Scharia und dem Koran übereinstimmt. In einem unerwarteten Schritt beförderte König Salman im Juni 2017 seinen Sohn zum Kronprinzen. Nach Ansicht von Beobachtern unternahm er diesen Schritt wohl eher, um die monarchische Vorherrschaft der Familie zu bewahren als aufgrund einer klar definierten Vision für das Land. Ein Hauptziel der Herrscher, vor allem des Königs und des Kronprinzen, ist die Erhaltung des Status quo, indem sie ihre eigene Macht behaupten. Das beinhaltet die sorgfältige Kontrolle aller Strömungen, die als regimekritisch angesehen werden oder soziale Spannungen entfachen könnten. Die beiden obersten Autoritäten des Landes haben viele Veränderungen vorgenommen, die zwar vor allem einheimische Bürger betreffen, sich jedoch auch auf Ausländer im Allgemeinen auswirken. Dabei zielen die Änderungen nicht in erster Linie auf die wenigen Christenunter ihnen ab. Ein Beispiel dafür ist die Erhöhung der Visagebühren für alle Angehörigen von in Saudi-Arabien lebenden Ausländern, die dazu führt, dass mehr ausländische Christen das Land aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Das schmälert die christliche Präsenz und die damit Möglichkeiten, den christlichen Glauben ins Land zu tragen.

3. Verfolger

Islamische Unterdrückung

  • Regierungsbeamte: Saudi-Arabien möchte als Verteidiger des Islam gesehen werden, als Land mit einer hundertprozentig muslimischen Bürgerschaft. Verfolgung gilt jedem, der dieses Bild trübt. Die Behörden tragen durch Aufrechterhaltung und Umsetzung von hochgradig repressiven Gesetzen, die die Religionsfreiheit einschränken, stark zur Verfolgung bei. Allerdings bleibt der Staat oft verhältnismäßig passiv und verlässt sich auf den noch stärkeren gesellschaftlichen Druck, um sicherzustellen, dass Christen und andere religiöse Minderheiten in Schach gehalten werden. Dies betrifft:
  1. Ausländische Christen und Arbeitsmigranten: Für die vielen Gruppen, die sich regelmäßig in privaten Räumlichkeiten zu Gottesdiensten treffen, geht die größte Gefahr von Nachbarn und dem sozialen Umfeld aus. Die staatlichen Behörden schalten sich normalerweise nur dann ein, wenn das soziale Umfeld dies verlangt.
  2. Christen muslimischer Herkunft (vor allem saudische Staatsbürger): Die Behörden können ihnen gegenüber zwar hart durchgreifen und tun dies auch; in der Praxis geschieht dies jedoch oft nur auf Veranlassung von Angehörigen der Familie oder des sozialen Umfelds hin.             

Die Religionspolizei war früher dafür zuständig, die Einhaltung religiöser Regeln durchzusetzen. Sie bestrafte jeden, der sich nicht an die Kleiderordnungen hielt (etwa Männer in Shorts oder Frauen mit nicht vollständig bedecktem Haar), und übte Druck auf diejenigen aus, die sich während der Gebetszeiten außerhalb der Moschee aufhielten. In den letzten Jahren hat sich die Macht der Religionspolizei jedoch deutlich verringert.

  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Oft betrachten prominente Führungspersönlichkeiten oder Personen mit hohem Ansehen in ihrem sozialen Umfeld wie Imame, Universitätsprofessoren oder Ärzte es als ihre Aufgabe, die Gesellschaft vor schlechten Einflüssen zu bewahren. Das funktioniert gewissermaßen wie ein Stammessystem in einer Gemeinschaft, die im Alltag kaum noch derartige Merkmale aufweist (z.B. in den Städten). Die Angst vor feindseligen Äußerungen oder Handlungen islamischer Führer trägt dazu bei, dass sich Christen muslimischer Herkunft zu großer Vorsicht gezwungen sehen. Obwohl nicht viele Fälle bekannt sind, in denen religiöse Führer im Berichtszeitraum WVI 2020 Übergriffe gegen Christen unmittelbar angezettelt haben, tragen sie vor dem vor dem Hintergrund der allgemein herrschenden Feindseligkeit (insbesondere gegenüber Konvertiten) durch ihre besondere Autorität erheblich zum Druck auf die Christen bei. Dazu gehören zum Beispiel Aufrufe zur radikalen Einhaltung der wahhabitischen Regeln, einschließlich des Appells, Druck auf jeden auszuüben, der die Lehren dieser strengen Form des Islam missachtet.
  • Gewöhnliche Bürger: Generell gibt es in der Gesellschaft eine ausgeprägte antichristliche (und gegen alles nicht-islamische gerichtete) Haltung. Obwohl die Gesellschaft im weiteren Sinne keine unmittelbare Bedrohung darstellt, gehen aus ihrer Mitte häufig Impulse für staatliche oder familiäre Interventionen aus. Wenn sich Nachbarn beispielsweise darüber beschweren, dass ausländische Christen bei ihren Treffen übermäßigen Lärm verursachen oder rücksichtslos parken, könnten sich die Behörden gezwungen sehen, Maßnahmen zu ergreifen. Eine ähnliche Reaktion ist wahrscheinlich, wenn Arbeitskollegen oder Nachbarn eine Person aus ihrem Umfeld verdächtigen zum christlichen Glauben übergetreten zu sein. Sie würden höchstwahrscheinlich die Familie des Konvertiten informieren, die dann schwerwiegende Maßnahmen ergreifen könnte. Diese Bedrohung durch die Gesellschaft gilt gleichermaßen im Kontext des Internets und der sozialen Medien.
  • Die eigene Familie: Die Entscheidung eines Familienmitglieds für den christlichen Glauben gilt als eine große Schande, die von der Familie getilgt werden muss. Handelt es sich um einen verheirateten Mann, werden ihm Frau und Kinder weggenommen; von der Familie des Ehemannes wird in diesem Fall erwartet, dass sie geeignete Maßnahmen ergreift, um den Ehemann zum wahren Islam zurückzuführen. Feindseligkeit vonseiten der Familie und Gesellschaft (beziehungsweise die Angst davor) ist eine der am meisten verbreiteten Arten, wie saudische Christen Verfolgung erleben. (Dies betrifft vor allem saudische Christen muslimischer Herkunft, da die meisten ausländischen Konvertiten ihre Familien nicht bei sich haben. Allerdings ist das Ausmaß der Verfolgung durch die Gesellschaft im Allgemeinen vergleichbar mit dem der saudischen Christen.)
  • Anführer ethnischer Gruppen: Stammesführer setzen den Islam als Teil ihrer Jahrhunderte alten Stammeswerte durch. Jeder Stamm geht auf eigene Art mit Abweichungen um. Wird der Glaubenswechsel eines ihrer Mitglieder öffentlich, sind sie in der Regel bereit, zu jedem Mittel zu greifen, um ihn oder sie zum ursprünglichen Glauben des Stammes (Islam) zurückzubringen. Dazu gehört die erzwungene Entlassung eines Konvertiten aus dem Arbeitsleben, Scheidung, erzwungene Rückkehr von einem Auslandsstudium, Zwangsheirat etc.
  • Gewalttätige religiöse Gruppen: Hier handelt es sich um unabhängige Gruppen, die keinen Respekt vor Stämmen oder der Regierung haben und versuchen, die Gesellschaft zu radikalisieren, wie z.B. die Gruppe des Islamischen Staates (IS). Al-Kaida ist im Jemen aktiv, und es wird angenommen, dass sie auch in Saudi-Arabien eine Bedrohung darstellen. Diese zumeist sunnitischen Gruppen haben eine starke Gruppenkultur; sie versuchen, schiitische Muslime und Ausländer zu bekehren und beeinflussen die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Wenn lokale Gruppen von christlichen Konvertiten hören, werden sie alles Erdenkliche tun, um diese Christen zu verfolgen. Vor allem saudische Christen wissen, dass diese Gruppen wahrscheinlich unbestraft bleiben, wenn sie gegen einen „Abtrünnigen“ vorgehen. Im Allgemeinen ist die Regierung recht erfolgreich darin, terroristische und gewalttätige religiöse Gruppen in Schach zu halten, die eine Gefahr für die Herrscher und die nationale Stabilität darstellen. Deshalb gibt es also keine ständige Bedrohung durch gewalttätige religiöse Gruppen. Allerdings gibt es Unsicherheiten und Unklarheiten in den saudischen Beziehungen zu einigen religiösen Gruppen, die Gewalttaten in der Region verübt haben. Obwohl die Aktivitäten solcher Gruppen höchstwahrscheinlich begrenzt sind, bedeutet das hohe Maß an Feindseligkeit solcher Gruppen (besonders) gegenüber Konvertiten und ausländischen Christen, dass sie immer noch eine Bedrohung für das christliche Leben darstellen.

Ethnisch oder traditionell begründete Anfeindungen (vermischt mit Islamischer Unterdrückung)

  • Anführer ethnischer Gruppen: Jeder Stamm geht auf eigene Art mit Abweichungen um. Wenn der christliche Glaube eines Stammesangehörigen öffentlich wird, greifen Stammesmitglieder auf alle erdenklichen Mittel zurück, um eine Rückkehr zum Islam zu erzwingen.
  • Die eigene Familie: Das Verlassen des Islam ist eine große Verletzung der Familien- und Stammesehre und wird ziemlich sicher zu gewalttätigen Reaktionen der direkten oder erweiterten Familie eines Konvertiten führen.
  • Regierungsbeamte: Die Regierungsbehörden ziehen es normalerweise vor, sich nicht in Glaubensfragen einzumischen, aber sie werden es tun, wenn die Stammesführer dem zustimmen. Außerdem werden sie wahrscheinlich nicht eingreifen, wenn Stammesführer gewalttätig gegen eines ihrer Mitglieder agieren, das zum christlichen Glauben übergetreten ist.
  • Nichtchristliche religiöse Leiter: Religiöse oder örtliche Führer sehen es als ihre Verantwortung, ihre Gemeinschaft von christlichen und anderen unerwünschten Einflüssen frei zu halten. Dies funktioniert ähnlich wie in einem Stammessystem - vor allem dort, wo der Stamm weniger Einfluss hat, wie zum Beispiel in Städten.
  • Gewöhnliche Bürger: In der Stammesgesellschaft ist es gefährlich, gegen traditionelle Meinungen und Lebensweisen zu verstoßen. Das erweiterte Umfeld stellt eine stetige Bedrohung für Konvertiten dar; denn sobald jemand von ihrem Glaubenswechsel erfährt, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Familie des „Abtrünnigen“ informieren.

Diktatorische Paranoia

  • Regierungsbeamte: Die saudischen Herrscher, insbesondere der König und der Kronprinz, setzen ihr Möglichstes daran, den Status quo zu erhalten. Sie wollen in jedem Fall die eigene Macht behaupten und kontrollieren deshalb sorgfältig alle Strömungen, die als regimekritisch angesehen werden oder soziale Spannungen entfachen könnten. Besonders saudische Christen muslimischer Herkunft „beflecken“ den stolzen Ruf des Landes als Hüter der beiden heiligen Moscheen, daher wird die Existenz dieser Christen geleugnet. Staatsbeamte handeln oft gegen Christen, wenn sie von Familienmitgliedern oder Menschen aus dem sozialen Umfeld dazu aufgefordert werden.

4. Regionale Brennpunkte der Verfolgung

Das Verfolgungsniveau in Saudi-Arabien ist im Allgemeinen landesweit gleich, obwohl die soziale Kontrolle in ländlichen Gebieten wahrscheinlich höher ist. Eine mögliche Ausnahme sind Wohnkomplexe westlicher Ausländer, bei denen es weniger Kontrolle und Druck gibt, sich an strenge islamische Normen zu halten.

5. Betroffene Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Die meisten in Saudi-Arabien lebenden Christen sind Ausländer, die nur zeitweise im Land leben und arbeiten. Dabei handelt es sich sowohl um Christen aus Ländern der westlichen Welt und des Mittleren Ostens als auch aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen wie Indien, den Philippinen oder afrikanischen Ländern. Die asiatischen und afrikanischen Gastarbeiter werden nicht nur ausgebeutet und schlecht bezahlt; aufgrund ihrer ethnischen Herkunft und ihres geringen sozialen Status sind sie regelmäßig auch verbaler und körperlicher Gewalt ausgesetzt und stehen unter ständigem Druck, zum Islam zu konvertieren. Ausländische Christen sind in ihren Möglichkeiten, sich zum Gottesdienst zu versammeln und ihren Glauben mit Muslimen zu teilen, extrem eingeschränkt, da Verhaftung und Ausweisung drohen.

Christen anderer religiöser Herkunft

Christen anderer religiöser Herkunft entstammen meist muslimischem Hintergrund und sind vor allem unter arabischen Migranten zu finden. Oftmals sind sie enttäuscht über die Radikalisierung der islamischen Gesellschaft.

Wenn diese im Ausland lebenden Konvertiten früher als Muslime bekannt waren und Teil von Kleinstgemeinschaften ihres Heimatlandes sind, sind sie in der Regel der gleichen (oder stärkerer) Verfolgung ausgesetzt wie in ihrem Heimatland. Deshalb leben die meisten als geheime Christen, um den Verlust des Arbeitsplatzes sowie körperlichen oder geistigen Missbrauch zu vermeiden.

Die wenigen saudische Christen muslimischer Herkunft müssen ihren Glauben im Allgemeinen strengstens geheim halten. Viele von ihnen sind durch christliches Satellitenfernsehen zum Glauben gekommen oder sind Jesus Christus in Träumen und Visionen begegnet. Das geschieht manchmal, während sie sich auf der islamischen Pilgerreise nach Mekka befinden, dem sogenannten Hadsch. Außerdem trägt das Internet dazu bei, dass Einheimische Zugang zu christlichem Material erhalten – auch wenn dieser Zugang stark eingeschränkt ist, da die Nutzung des Internets in Saudi-Arabien von den Behörden streng kontrolliert wird. Dennoch ist die kleine Zahl der saudi-arabischen Christen gewachsen und sie sind mutiger geworden. Einige teilen ihren Glauben mit anderen sogar über das Internet oder christliche (Satelliten-)Fernsehprogramme. Ein solches öffentliches Zeugnis hat aber häufig zu ernsthaften Konsequenzen vonseiten der eigenen Familie oder der Behörden geführt.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

 

Privatleben 15.1
Familienleben 14.9
Gesellschaftliches Leben 14.1
Leben im Staat 15.5
Kirchliches Leben 16.5
Auftreten von Gewalt 2.4

 

Grafik: Verfolgungsmuster Saudi-Arabien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Das Verfolgungsmuster zeigt:

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen liegt auf einem extremen Niveau und steigt, bedingt durch mehr Informationen aus dem Land, von 14,9 Punkten aus dem WVI 2019 auf 15,2 im WVI 2020.
  • Die Wertung in allen Lebensbereichen ist exrem hoch. Der höchste Druck herrscht in den Bereichen „Kirchliches Leben“, „Leben im Staat“ und „Privatleben“. Das ist typisch für eine Situation, bei der Islamische Unterdrückung die Haupttriebkraft der Verfolgung darstellt und mit Diktatorischer Paranoia verknüpft ist.
  • Die Verfolgung, die von einer Mischung aus Islamischer Unterdrückung und Ethnisch begründeter Anfeindungen ausgeht, ist vor allem in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“ und „Gesellschaftliches Leben“ präsent. Besonders Christen mit muslimischem Hintergrund sind davon betroffen – sie erfahren Verfolgung durch ihr soziales Umfeld.
  • Der Wert für „Auftreten von Gewalt“ bleibt wie im Vorjahr bei 2,4 Punkten im WVI 2020.

Zu jedem der Lebensbereiche sind im Folgenden jeweils ausgewählte Teilaspekte genannt, die im betreffenden Lebensbereich für die Christen zu den gravierendsten Schwierigkeiten gehören.

Privatleben

  • Es ist für Christen riskant, ihren Glauben in schriftlicher Form persönlich zu bekunden (auch auf Blogs oder über Facebook, etc.): Es kann für alle Christen riskant sein, über ihren Glauben in sozialen Medien zu schreiben, da dies als Evangelisieren von Staatsangehörigen wahrgenommen werden kann. Das ist für nicht-sunnitische islamische Glaubensrichtungen streng verboten. Ausländische Christen müssten in einem solchen Fall Konsequenzen für ihre Arbeitssituation befürchten. Die drohenden Konsequenzen dürften für Christen muslimischer Herkunft besonders schwerwiegend sein, da sie auf diesem Weg einen Beweis für ihren Glaubensabfall vom Islam liefern würden.
  • Es ist für Christen riskant, christliche Bilder oder Symbole zu zeigen: Es kommt einer Provokation gleich, christliche Bilder und Symbole in der Öffentlichkeit zu zeigen. Westliche Christen aus dem Ausland vermeiden dies, da es zu Ärger bei den Einheimischen und/oder Ausweisung führen kann. Für saudische oder andere Christen mit muslimischem Hintergrund käme die Zurschaustellung christlicher Symbole einem Eingeständnis von Apostasie gleich und könnte so heftige Reaktionen von Staat, Gemeinde und Familie auslösen.
  • Es ist für Christen riskant, mit Familienmitgliedern über ihren Glauben zu reden, die nicht zum engsten Kreis gehören (erweiterte Familie, andere): Da die stärkste Verfolgung von Christen muslimischer Herkunft durch ihre Familie und ihr soziales Umfeld geschieht, lassen die meisten von ihnen bei Gesprächen über religiöse Themen extreme Vorsicht walten. Das betrifft auch den erweiterten Familienkreis, denn oft rührt von dort der Druck her, der zu Gewalttaten durch Familienangehörige führt. Die einzige Ausnahme ist, wenn auch unter den Freunden Christen sind; aber auch in diesem Fall würde man derartige Gespräche an einem geheimen Ort führen. Ausländer müssen um jeden Preis den Anschein vermeiden, ihr Ziel sei es, Muslime für den christlichen Glauben zu gewinnen.
  • Christen werden von anderen Familienmitgliedern oder gleich gesinnten Christen isoliert (beispielsweise durch Hausarrest: Für saudische Konvertiten stellt das Bekanntwerden ihres Glaubens eine erhebliche Bedrohung dar. Ächtung oder Isolation von Familienmitgliedern sind weit verbreitet (und stellen angesichts der Akzeptanz von mehr gewaltsamen Maßnahmen eine vergleichsweise milde Reaktion dar). Die Isolierung von anderen Christen ist oft selbst auferlegt, weil sie nur sehr zögerlich Vertrauen fassen und Angst vor den Auswirkungen haben, wenn breitere Kreise von ihrem neuen Glauben erfahren. Auch christliche Hausmädchen und ausländische Arbeiter in Wohnquartieren sind aufgrund der Arbeitsbedingungen oft von der Gemeinschaft mit anderen Christen abgeschnitten.

Familienleben

  • Christliche Taufen werden be- oder verhindert: Saudische oder andere Christen muslimischer Herkunft können nicht offen getauft werden. Wenn eine Taufe bei den Behörden oder innerhalb des sozialen Umfeldes bekannt wird, hat dies starke Auswirkungen, da die Taufe ein klarer Beweis für den Glaubensabfall ist. Die öffentliche Taufe eines ausländischen Christen würde gegen das Verbot der öffentlichen Ausübung der nicht-islamischen Religion verstoßen und würde voraussichtlich zur raschen Abschiebung der betroffenen Ausländer führen.
  • Christen werden aus religiösen Gründen daran gehindert, eine christliche Hochzeit zu feiern: Es gibt keinen Spielraum für die Formalisierung einer nicht-islamischen Ehe in Saudi-Arabien, wie auch keinerlei öffentliche nicht-islamische Religionsausübung erlaubt ist. Jede christliche Hochzeitszeremonie innerhalb Saudi-Arabiens müsste daher privat durchgeführt werden und die Ehe könnte nicht offiziell bei den saudischen Behörden registriert werden. Christen muslimischer Herkunft müssen nach islamischen Riten heiraten und Christen, die Muslime heiraten wollen, müssen zum Islam konvertieren.
  • Beerdigungen von Christen werden behindert oder unter Zwang anhand nicht-christlicher Riten durchgeführt: Generell besteht kein Spielraum für nicht-islamische Bestattungen, da dies eine nicht-islamische Religionsausübung darstellen würde, die im wahhabitischen Königreich verboten ist. Jeder saudische oder andere Christ muslimischer Herkunft wird bei seinem Tod als Muslim betrachtet und nach islamischen Riten bestattet. Bei ausländischen Christen werden die Leichen nach dem Tod in der Regel in ihr Heimatland überführt. Für Ausnahmefälle und Notfälle gibt es eine inoffizielle nicht-muslimische Bestattungseinrichtung, die vor der Öffentlichkeit verborgen bleibt.
  • Kinder von Christen werden wegen des Glaubens ihrer Eltern schikaniert oder diskriminiert: Wird der Glaube von Kindern eines Christen mit saudischem oder anderem muslimischen Hintergrund bekannt, wird in der Regel erheblicher Druck ausgeübt – insbesondere dann, wenn dem christlichen Elternteil das Sorgerecht für die Kinder entzogen wird. Saudischen Kindern wird von klein auf beigebracht aufeinander zu achten, um sicherzustellen, dass die islamischen Rituale durchgeführt werden. Wird dies vernachlässigt, ist die Ächtung erheblich. Da Nicht-Muslime als unrein gelten, will sich die Gesellschaft von ihnen fernhalten, um nicht selbst verunreinigt zu werden.

Gesellschaftliches Leben

  • Christen werden im Alltag aus religiösen Gründen belästigt, bedroht oder behindert (z.B. weil sie sich nicht an die Vorschriften für Kleidung oder Bärte halten): Christlichen muslimischer Herkunft sind in Gefahr, sobald ihr Glaube bekannt wird. Der Islam ist im täglichen Leben sehr präsent, und dies führt zu verschiedenen Einschränkungen. Frauen müssen eine Abaya (traditionelles islamisches Kleidungsstück, eine Art Überkleid) und eine Kopfbedeckung tragen. Christen und alle anderen Ausländer folgen dieser Kleiderordnung, wie sie der Islam verlangt, um Belästigungen oder Einschränkungen zu vermeiden. Dies ist zwar nicht mehr gesetzlich vorgeschrieben, aber immer noch die übliche Praxis. Frauen können mittlerweile unterschiedliche Farben für ihre Abaya wählen. Die saudische Kleiderordnung für Männer wird auch an saudischen Schulen und Gebetsstätten durchgesetzt.
  • Christen werden von ihren lokalen Gemeinschaften oder von privaten Gruppen überwacht (dazu gehören auch Meldungen an die Polizei, Beschattung, das Abhören von Telefonleitungen, das Lesen/Zensieren von E-Mails usw.): Die Überwachung von Christen muslimischer Herkunft, deren christlicher Glaube entdeckt wurde, ist sehr verbreitet und wird insbesondere von dem örtlichen sozialen Umfeld durchgeführt. Ausländer stehen vor allem hinsichtlich der Einhaltung sozialer Normen im Blickpunkt der Gesellschaft. Arbeitgeber und andere Personen, die derselben ethnischen/nationalen Gruppe angehören, kontrollieren Migranten, was die Harmonie in der Gemeinschaft und die gegenseitige Unterstützung für das Leben in der saudischen Kultur sicherstellen soll. Telefongespräche, E-Mails und soziale Medien werden eng überwacht.
  • Christen werden aus religiösen Gründen daran gehindert, am öffentlichen Leben, Foren usw. teilzunehmen: Es gibt absolut keinen Raum für eine offen christliche (oder andere nicht-muslimische) Form der Repräsentation. In Saudi-Arabien existieren keine nicht-islamischen kommunalen Einrichtungen. Im Prinzip gelten diese Einschränkungen auch Christen muslimischer Herkunft. Allerdings wäre es in der Praxis sehr unwahrscheinlich, dass ein Konvertit versuchen würde, sich aktiv in kommunalen Einrichtungen zu engagieren, wenn sein Glaube bekannt wäre, da er sich dadurch selbst in Schwierigkeiten bringen würde.
  • Christen werden am Arbeitsplatz im öffentlichen oder privaten Bereich aus religiösen Gründen diskriminiert: Wenn der neue Glaube eines christlichen Konvertiten aus dem Islam bekannt ist, droht ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit der Verlust seiner Arbeitsstelle. Bei Ausländern wird ihr Glaube im Rahmen des Bewerbungsverfahrens erfasst. Jede Erwähnung des christlichen Glaubens kann dazu führen, ihre Einstellung zu verhindern. Christen, die ihren Glauben aktiv ausleben, und dadurch andere Menschen beeinflussen, können ihren Arbeitsplatz verlieren.

Leben im Staat

  • Die Verfassung (oder vergleichbare nationale oder staatliche Gesetze) schränkt die Religionsfreiheit ein, basierend auf der Formulierung in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Die Religionsfreiheit ist im saudischen Recht weder geschützt noch vorgesehen. Das Grundsystem des Konsultativrates verankert den Islam als Staatsreligion und die Scharia als Grundlage für die Gesetzgebung. Der Koran und die Sunna (Traditionen) gelten als Verfassung Saudi-Arabiens. Nur der wahhabitische Islam darf öffentlich praktiziert werden. Schiitische Moscheen sind zwar erlaubt, unterliegen in der Praxis aber starken Einschränkungen. Alle saudischen Staatsbürger werden vom Staat zu Muslimen erklärt.
  • Christliche Organisationen der Zivilgesellschaft oder politische Parteien werden aufgrund ihrer christlichen Überzeugung in ihrer Arbeit behindert oder sind verboten: In Saudi-Arabien gibt es keine politischen Parteien. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich Christen (und insbesondere diejenigen mit muslimischem Hintergrund) um die Gründung einer Nichtregierungsorganisation oder Partei mit einer offen christlichen Identität bewerben, da sie wissen, dass eine solche Organisation zwangsläufig untersagt werden würde.
  • Christen werden daran gehindert, ihre Ansichten oder Meinungen in der Öffentlichkeit zu äußern: Blasphemie, Verleumdung von Religionen und nicht-islamische Mission sind verboten, ebenso wie jede öffentliche Form nicht-islamischer Anbetung. Öffentlich kritische Meinungen zu äußern ist kaum möglich, und ausländische Christen laufen dabei Gefahr, ihren Arbeitsvertrag zu verlieren oder ausgewiesen zu werden. Die meisten Christen (sowohl saudische als auch ausländische) achten sehr darauf, Provokationen zu vermeiden; sie üben eine vorsorgliche „Selbstzensur“ und vermeiden insbesondere jede direkte Kritik am Islam.
  • Christen, Kirchen oder christliche Organisationen werden daran gehindert, religiöse Symbole öffentlich zu zeigen: Saudi-Arabien erlaubt keine öffentliche Zurschaustellung nicht-islamischer Religion, wie z.B. das Zeigen christlicher Symbole. Deshalb lassen Unternehmen keine Weihnachtsfeiern zu, Weihnachtsschmuck wird an der Grenze beschlagnahmt. Logos von Unternehmen werden auch auf nicht-muslimische religiöse Bilder hin geprüft.

Kirchliches Leben

  • Kirchliche Aktivitäten werden überwacht, behindert, gestört oder blockiert: Das Verbot nicht-islamischer Gottesdienste in jeglicher öffentlichen Form stellt für die Kirchen eine ständige Einschränkung dar. Bei den Tausenden von informellen Zusammenkünften für Ausländer, die sich an privaten Orten treffen, gibt es immer wieder Hinweise auf eine routinemäßige Überwachung durch die Behörden, auch wenn diese meist diskret handeln, um nicht auf ihre Aktivitäten aufmerksam zu machen. Die Möglichkeiten zur Durchführung christlicher Gottesdienste sind durch die strikte Trennung der Geschlechter stark eingeschränkt. So ist es Männern und Frauen aus unterschiedlichen Familien verboten, gemeinsam im selben Raum Gottesdienste zu feiern. Der rechtliche Status privater Religionsausübung bleibt unklar, da es hierzu kein formell festgeschriebenes Recht gibt; er wird hauptsächlich aus offiziellen Verlautbarungen in den Medien abgeleitet. Regelmäßige Zusammenkünfte von saudischen Christen sind aus Angst vor Überwachung nicht möglich.
  • Christliche Gemeinschaften werden beim Bau oder der Renovierung von Kirchengebäuden oder bei der Zurückforderung bzw. erneuten Nutzung historischer religiöser Gebäude und Gotteshäuser behindert, die ihnen früher genommen wurden: Das Verbot nicht-islamischer Gottesdienste in jeglicher öffentlichen Form bedeutet, dass kein Kirchengebäude zur Nutzung als Kirche gebaut oder gemietet werden kann.
  • Kirchen werden daran gehindert, christliches Material aus dem Ausland zu importieren: Die Einfuhr von nicht-islamischen religiösen Materialien in arabischer Sprache nach Saudi-Arabien ist verboten.
  • Kirchen, christliche Organisationen, Institutionen oder Gruppen werden daran gehindert, Massenmedien zur Präsentation ihres Glaubens zu nutzen (z.B. über lokales oder nationales Radio, via Fernsehen, Internet, soziale Medien, Mobiltelefone): Die öffentliche Ausübung einer anderen Religion als des Islam ist verboten. Christliche Organisationen sind nicht zugelassen. Die Medien, einschließlich des Internets, werden routinemäßig auf politisches, pornografisches und religiöses Material hin untersucht, das als anstößig oder gegen den Islam gerichtet eingestuft wird.

Auftreten von Gewalt

Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2020 waren die Meldungen über antichristliche Gewalt mit denen des WVI 2019 vergleichbar, was zu der gleichen Gesamtpunktzahl für Gewalt führte. Grundsätzlich verhalten sich Christen äußerst vorsichtig, um ernsthafte Repressalien zu vermeiden. Dadurch bleibt der Wert für das „Auftreten von Gewalt“ relativ niedrig.

  • In Saudi-Arabien leben mehr als 1,4 Millionen ausländische Christen, von denen eine große Zahl als Hausangestellte beschäftigt sind. Wie in früheren WVI-Berichtszeiträumen stellen Vergewaltigung und sexuelle Belästigung in Saudi-Arabien ein ernstes Problem dar. Asiatische und afrikanische Christen, vor allem Hausmädchen, die in saudischen Häusern arbeiten, sind sehr verletzlich und werden oft schlecht behandelt, u.a. aufgrund diskriminierender Ansichten bezüglich Rasse und Religion.
  • Überprüfbare Statistiken sind aufgrund des gesellschaftlichen Tabus und des Mangels an Rechtsschutz/Gerechtigkeit kaum vorhanden.

7. Verfolgungssituation für Männer und Frauen

Wie Frauen Verfolgung erfahren:

  • Beschlagnahmung von Erbschaft und Besitz
  • Zwangsscheidung
  • Zwangsverheiratung
  • Verhaftung durch die Behörden
  • Verhaftung und (Haus-)Arrest durch die Familie
  • Ermordung
  • Körperliche Gewalt
  • Psychische Gewalt
  • Sexuelle Gewalt
  • Verbale Gewalt

Für saudische und andere Christen mit muslimischem Hintergrund geht Verfolgung am häufigsten von der Familie und dem sozialen Umfeld aus. Dies bekommen üblicherweise Frauen und Mädchen am stärksten zu spüren (gefolgt von jüngeren und auch älteren Männern), entsprechend dem generellen Status und Grad der Freiheit innerhalb der saudisch-islamischen Kultur.

In Saudi-Arabien sind die offizielle Religion und das Gesetz islamisch, und es wird erwartet, dass alle Bürger Muslime sind. In der strikt islamischen Gesellschaft Saudi-Arabiens, in der Frauen Männern untergeordnet sind, werden Frauen streng überwacht. Den Ruf der Familie zu erhalten hat höchste Priorität.

Die Abkehr vom Islam ist eine der größten Sünden, die ein Muslim begehen kann; Christinnen mit muslimischem Hintergrund sind einem erheblichen Druck ausgesetzt. Dieser wird zwar durch ihren Glauben ausgelöst, durch ihre Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht jedoch zusätzlich verstärkt. Wenn ihr Glaubenswechsel entdeckt wird, riskieren sie körperliche Gewalt, verbale Belästigung, Hausarrest und die Zwangsverheiratung mit konservativen Muslimen als „korrektive“ Maßnahme (manchmal als Zweitfrau). Innerhalb solcher Ehen leiden Frauen nicht selten unter sexuellem und psychologischem Missbrauch. Außerhalb des Kontextes von Ehen berichten Quellen, dass Fälle von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen in Saudi-Arabien für die Tausenden nicht-saudischer (insbesondere asiatischer und afrikanischer) christlicher (oder nicht-islamischer) Hausmädchen im ganzen Land alltäglich sind. In dieser Position werden sie häufig missbraucht und praktisch wie Sklaven behandelt. Dies hängt stark mit der untergeordneten Stellung der Frau in der saudischen Gesellschaft zusammen sowie mit dem ungeschützten Status von Frauen, die auf sich selbst gestellt sind (etwa wenn sie außerhalb ihres Hauses arbeiten).

Da die Konvertiten durch ihren Wechsel zum christlichen Glauben Schande über ihre Familie bringen, besteht die Gefahr von Ehrenmorden. Wenn eine Konvertitin verheiratet ist, riskiert sie die Scheidung und den Verlust des Sorgerechts für ihre Kinder. Das bedeutet zudem den Verlust des sozialen Sicherheitsnetzes und auch generell von Schutz. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Frauen ihr Christsein verheimlichen oder das Land zu ihrer eigenen Sicherheit verlassen. In einem Fall überlebte eine saudische Konvertitin einen Anschlag und versuchte daraufhin, aus dem Land zu fliehen. Sie konnte ihren Plan allerdings nicht umsetzen, da sie die Erlaubnis eines männlichen Familienmitglieds benötigte, um zu reisen – was ihr verweigert wurde. Im August 2019 wurden die Reisebeschränkungen gelockert, so dass Frauen nun auch ohne Zustimmung eines männlichen Familienmitglieds einen Reisepass beantragen können. Während Frauen diese Entwicklung zwar begrüßen, üben ihre Familien dennoch weiterhin eine enge Kontrolle über sie aus, indem sie typischerweise ihr Geld und ihren Besitz zurückhalten oder die Frauen im Haus einsperren.

Wie Männer Verfolgung erfahren:

  • Ausschluss aus der Gemeinschaft
  • Verhaftung durch die Behörden
  • Ermordung
  • Körperliche Gewalt
  • Psychische Gewalt
  • Verbale Gewalt

Saudi-arabische christliche Männer zahlen einen beträchtlichen Preis, wenn ihr Glaube bekannt wird. Die streng islamische Prägung der saudischen Gesellschaft führt dazu, dass jede Abweichung vom Standardverhalten schnell offenbar wird. Männliche Konvertiten sehen sich dem Druck ihrer Familien und der Gesellschaft im Allgemeinen ausgesetzt. Sie riskieren öffentliche Schande, körperliche Gewalt, und emotionalen Missbrauch – einschließlich Morddrohungen und des Verlustes jeglicher Form von Hilfe und Zugang zum Gemeinschaftsleben. Konvertiten werden materielle Anreize geboten, um sie zur Rückkehr zum Islam zu bewegen; dadurch soll die Schande, die ihr Glaubensabfall über die Familie gebracht hat, wieder getilgt werden. Wenn jedoch klar wird, dass sich ein Konvertit nicht ändern wird, ist die Gefahr der Ermordung nur allzu greifbar.

Werden Konvertiten festgehalten oder inhaftiert, sind ihre Familien von ihrer Abwesenheit auf wirtschaftlicher Ebene betroffen, da in saudischen Familien in der Regel die Männer die Ernährer sind. Angesichts dieses Drucks und der potenziell lähmenden Auswirkungen, die sie auf ihre Familien haben könnten, entscheiden sich die meisten Bekehrten dafür, ihren Glauben heimlich zu leben. Dies geht so weit, dass sie nicht einmal ihren eigenen Kindern von ihrem Glauben erzählen, aus Angst, dass Mitglieder der Großfamilie oder Schulpersonal ihre Abkehr vom Islam entdecken könnten.

8. Verfolgung anderer religiöser Gruppen

Eine größere religiöse Minderheit, die in Saudi-Arabien mit Diskriminierung und Verfolgung konfrontiert ist, sind schiitische Muslime. Sie sind vor allem in der östlichen Provinz ansässig. Von saudischen Herrschern während des größten Teils der Landesgeschichte bis heute als Ketzer angesehen, erleben Schiiten Diskriminierung im Justizsystem, im Bildungswesen, hinsichtlich Anstellungsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst und bei Regierungsämtern sowie bei religiösen Aktivitäten. Schiiten streben nach mehr politischer Partizipation und mehr religiöser Toleranz. Doch nach den konfessionellen Spannungen in der Region, einschließlich des Krieges gegen die vom Iran unterstützten Rebellen im Jemen, schwindet die Hoffnung der Schiiten auf Toleranz und Pluralismus. Schiitische Geistliche und Aktivisten, die sich für die Gleichbehandlung schiitischer Muslime einsetzen, riskieren Verhaftung und sogar Hinrichtung unter dem Vorwurf, sich der Regierung widersetzt zu haben.

Der britische Online-Nachrichtendienst „Middle East Eye“ berichtete beispielsweise am 19. April 2018: „In einem Bericht von 2017 sprach Amnesty International (zusammen mit Human Rights Watch) davon, dass in den letzten Jahren eine Zunahme von Todesurteilen gegen politisch Andersdenkende in Saudi-Arabien, einschließlich gegen Angehörige der schiitischen muslimischen Minderheit, zu verzeichnen gewesen sei. Die Organisationen gaben an, es seien derzeit mindestens 38 Mitglieder der saudischen Schiiten-Gemeinschaft, welche insgesamt zehn bis fünfzehn Prozent der Landesbevölkerung ausmacht, zum Tode verurteilt.“

9. Der Ausblick für Christen

Islamische Unterdrückung / Ethnisch begründete Anfeindungen

Die „Vision 2030“-Pläne wurden beeinflusst i) durch Forderungen der jüngeren Generation, ii) durch die Notwendigkeit, sich aus der Abhängigkeit von der Ölindustrie zu lösen, und iii) durch die Verschiebungen in regionalen und globalen politischen Allianzen. Die Pläne sind nicht neu, aber wenn dem Kronprinzen ihre Umsetzung gelingt, könnten sich bedeutende Veränderungen in der Gesellschaft vollziehen, die zu mehr Offenheit und einem Übergang zu einer gemäßigteren Form des Islam führen. Soziale und wirtschaftliche Reformen dürften anhaltende Auswirkungen haben, insbesondere wenn sie von der demografischen Struktur und vom großen Bevölkerungsanteil, den junge Menschen ausmachen, sowie vom technologischen Fortschritt getragen werden; Saudis gehören zu den aktivsten Nutzern von Social Media weltweit. Die allgemeine Erwartung ist, dass einige Teile der saudi-arabischen Gesellschaft zukünftig größere Freiheit empfinden könnten, Toleranz gegenüber Nicht-Muslimen zu zeigen.

Nichtsdestoweniger ist der ultra-konservative Islam in Saudi-Arabien immer noch sehr lebendig und aktiv und wird keine allzu umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen zulassen. Reformen könnten sogar zu einer Polarisierung der Gesellschaft führen, was in einer Zunahme der Verfolgung von Minderheiten, einschließlich Christen, durch ultra-konservative Kräfte wie islamische Leiter und Stammesführer resultieren könnte.

So prognostiziert die Forschergruppe der Ratingagentur „Fitch Ratings“ in ihrem Länderrisikobericht für das vierte Quartal 2018 in Saudi-Arabien ein erhöhtes Risiko, dass konservative Kräfte versuchen könnten, angesichts fortschreitender Reformen die Oberhand zu gewinnen. Aufgrund der Herausforderungen, mehr konservative Elemente an Bord des Reformprogramms zu holen (und einer möglichen Gegenreaktion der Konservativen), könnten sich der König und der Kronprinz gezwungen sehen, ihre strenge islamische Glaubwürdigkeit zu behaupten oder wieder zu bekräftigen. Dies könnte dazu führen, dass die Kontrolle ausländischer Christen deutlich verschärft wird.

Außerdem warnen Beobachter davor, dass eine wachsende Zahl saudischer Christen und eine zunehmende Offenheit gegenüber dem Christentum in nicht allzu ferner Zukunft zu einem Anstieg der Verfolgungsfälle gegen Konvertiten führen könnte.

Es ist jedoch zu erwarten, dass die schwerwiegenden religiösen Einschränkungen, die typisch sind für eine Verfolgung durch Islamische Unterdrückung vermischt mit Ethnisch begründeten Anfeindungen, auch in 2020 (und darüber hinaus) fortbestehen und der massive Druck auf religiöse Minderheiten, einschließlich der Christen, anhält.

Diktatorische Paranoia

Kronprinz Mohammed bin Salman hat einige soziale Restriktionen gelockert, die sich auf die Jugend des Landes auswirken. So wurden zum ersten Mal seit 35 Jahren Kinos geöffnet, und Frauen dürfen seit Juni 2018 selbst Auto fahren. Dieser scheinbare Wandel, weg von den traditionellen Wurzeln und hin zu einer jüngeren und toleranteren Führung des Landes, entspringt dem Bemühen, die junge saudische Generation und ihre Forderungen nach mehr Freiheit einzubinden. Auch die Befugnisse der Religionspolizei wurden beschnitten; gerade dieser Zweig der Sicherheitskräfte war für Razzien in christlichen Migranten-Hauskirchengemeinden verantwortlich. Überdies verkündigte der Kronprinz im Oktober 2017, das Königreich müsse zu einem „moderaten Islam zurückkehren, der allen Religionen und der ganzen Welt gegenüber offen ist“. Er empfing und besuchte Vertreter des Vatikans sowie der koptischen, anglikanischen und evangelischen Kirchen – Indikatoren für eine größere Offenheit gegenüber einem direkten interreligiösen Engagement.

In Saudi-Arabien arbeitende ausländische Christen hoffen darauf, dass dies letztendlich zu mehr Toleranz gegenüber anderen Religionen führen wird. Allerdings haben die Gespräche noch nicht zu einer wesentlichen Verbesserung in der Behandlung ausländischer Christen geführt und auch nicht die Absicht zu erkennen gegeben, die Religionsfreiheit einheimischer Christen zu erweitern. Kommentatoren warnen davor, diese Reformen könnten größtenteils „kosmetischer Natur“ sein. Denn es war ebenfalls der Kronprinz, der den Krieg im Jemen begann, der zur derzeit größten humanitären Krise der Welt führte und zur gesteigerten Verfolgung der dortigen Christen beigetragen hat. Zudem zeigt das Einfrieren der diplomatischen Beziehung zu Kanada, nachdem das kanadische Außenministerium im August 2018 auf Menschenrechtsverletzungen hingewiesen hatte, wie entschlossen das saudi-arabische Regime seine politischen Vorstellungen verfolgt und sich gegen Einmischung von außen wehrt.

Unter dem Einfluss der konservativeren Elemente im Königreich könnten sowohl der König als auch der Kronprinz zu dem Entschluss kommen, den islamischen Charakter des Landes stärker zu betonen (siehe Abschnitt über die islamische Unterdrückung oben). Das könnte dazu führen, dass die eine Triebkraft (Diktatorische Paranoia) die andere (Islamische Unterdrückung) verstärkt, was einen höheren Druck auf die Christen zur Folge haben könnte.

10. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Saudi-Arabien:

  • Beten Sie für Christen in Saudi-Arabien, die isoliert und ohne christliche Gemeinschaft ihren Glauben leben. Sie stehen oft unter enormem Druck von Familie und Gesellschaft, ihren Glauben zu widerrufen oder leben in ständiger Angst, ihr Glaube könnte entdeckt werden. Sie brauchen Gemeinschaft, Begleitung in ihrem geistlichen Wachstum und ein Gefühl der Zugehörigkeit.
  • Beten Sie, dass saudische Christen Möglichkeiten finden, ihren Familienmitgliedern das Evangelium nahe zu bringen. Beten Sie, dass die Familienmitglieder die Wahrheit suchen und nicht mit Zorn reagieren.
  • Das Wüstenkönigreich wird durch die Lehre des Wahhabismus bestimmt, einer puristischen und strengen Auslegung des Islam. Andere Religionen dürfen ihren Glauben nicht öffentlich praktizieren. Die Abkehr vom Islam kann mit dem Tode bestraft werden. Bitte beten Sie, dass muslimische Saudis Jesus kennenlernen.

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