Gottes verborgenes Wirken

Berichte über die andere Seite der Christenverfolgung

Pastor Jean (links) und Pastor Pierre

„Selig sind, die Frieden stiften“

Pastor Jean und Pastor Pierre aus der Zentralafrikanischen Republik

 

„Marktplatz“ ist ein zu großes Wort für den staubigen Straßenrand, an dem Muslime und Christen ihre Produkte verkaufen. Große Stücke rohen Fleisches werden in der Hitze auf Holztischen ausgebreitet. Die Pastoren Jean und Pierre kaufen etwa ein Pfund Fleisch bei dem freundlich lächelnden muslimischen Metzger. Dieses friedliche Zusammenleben in der Stadt Boda im Süden der Zentralafrikanischen Republik ist nichts weniger als ein Wunder.

 

Seit Generationen leben Muslime und Christen in Boda. Die Muslime lebten hauptsächlich vom Handel mit Diamanten, die Christen arbeiteten als Bauern oder in den Diamantminen. Die Muslime hatten ihren eigenen Stadtteil im Zentrum, die Christen wohnten in den umliegenden Vierteln der Stadt. Doch 2012 eroberten die Seleka-Rebellen, ein Verband muslimischer Milizen, fast das gesamte Staatsgebiet. Eine Reihe von Muslimen aus Boda schloss sich der Seleka-Miliz an, die die Zentralafrikanische Republik in ein muslimisches Land verwandeln wollte. Die Kämpfer griffen die von Christen und Animisten bewohnten Stadtteile Bodas an. Es kam zu Morden, Plünderungen und Zerstörungen. Tausende flohen in behelfsmäßige Flüchtlingslager, wo sie unter erbärmlichen Bedingungen leben mussten.
 

Nahe der ehemaligen „roten Linie“
Bild: Nahe der ehemaligen „roten Linie“ zwischen dem muslimischen und dem christlichen Viertel

Das Blatt wendet sich

Zum Schutz der Bevölkerung vor den Seleka-Rebellen hatte sich die Anti-Balaka-Miliz gebildet, doch schon bald machte sich diese Gruppe, die sich vor allem aus Animisten rekrutierte, ähnlicher Grausamkeiten schuldig. Als 2014 die Seleka-Rebellen von internationalen Truppen zurückgedrängt wurden, blieben die Muslime Bodas zurück. Ihr Wohnviertel wurde von den internationalen Streitkräften beschützt, doch die Muslime fürchteten den Tag, an dem diese abziehen würden – sie hatten Angst, dass die Christen sich für die begangenen Gräueltaten rächen könnten. Die Stimmung war äußerst angespannt. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis die Kämpfe wiederaufflammen würden.

Versöhnung statt Rache

Mitarbeiter von Open Doors hatten schon seit längerer Zeit Beziehungen zu Christen in Boda aufgebaut und sie in ihren Flüchtlingslagern mit Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern versorgt. Außerdem führten sie Schulungen durch. 2014 organisierte ein Team von Open Doors ein Seminar über Versöhnung, das sich besonders an die Pastoren der vielen verschiedenen Kirchen am Ort richtete. Das Seminar motivierte die Pastoren Jean und Pierre zu einem großen Glaubensschritt. Jean erinnert sich: „Während des Seminars entschied ich mich, den Muslimen zu vergeben, was sie mir und meiner Familie angetan hatten. Vor all den anderen Pastoren erklärte ich, dass ich vergeben und mich mit den Muslimen treffen wolle.“ Pierre entschied, sich ihm anzuschließen.
 

Versöhnung zwischen Christen und Moslems
Bild: Versöhnung zwischen Pastor Jean (Mitte), Pastor Pierre (rechts), anderen christlichen Pastoren und muslimischen Leitern

Über die „rote Linie“

Der nächste Tag war ein Sonntag. Jean und Pierre beteten zusammen, bevor sie sich aufmachten. „Ich muss zugeben, dass ich Angst hatte“, sagt Jean. „Zumindest, bis wir beteten. Nachdem wir Gott gebeten hatten, unser Friedensangebot zu segnen, verlor ich all meine Furcht. Zusammen mit Pierre ging ich auf das muslimische Viertel zu, das etwa fünf Minuten von meinem Haus entfernt war.“ Eine unsichtbare „rote Linie“ trennte das muslimische Wohnviertel vom Rest der Stadt. Niemand wagte, diese Linie ohne den Schutz der internationalen Truppen zu überschreiten. Auf beiden Seiten gab es bewaffnete Kämpfer, die versteckt den Ort überwachten. „Jeder wusste, dass man sein Leben riskierte, wenn man ohne Schutz die Linie überschritt. Aber da gingen wir. Langsam, ruhig, mitten auf der Straße, für alle sichtbar, die Bibel in der Hand. Wir überquerten die ,rote Linie‘. Nichts geschah. Die Leute starrten uns an und wussten nicht, was sie tun sollten. Wir gingen weiter.“

Mutig Grenzen überschreiten

Einige der muslimischen Ältesten beobachteten, wie die beiden Pastoren in ihr Viertel kamen. Sie kannten sie gut, vor Beginn der Kämpfe 2012 hatten sie sie oft getroffen. Diese muslimischen Autoritätspersonen kamen auf die Straße und gingen den mutigen Pastoren entgegen. Dann, für alle sichtbar, gaben Jean und Pierre den muslimischen Leitern die Hand und umarmten sie. „Wir sagten ihnen, dass wir ihnen vergeben hatten und sie liebten“, erzählt Jean. „Wir baten sie, unser Friedensangebot anzunehmen, was sie bereitwillig taten. Es ist nicht so, dass jeder Muslim darauf aus war, Christen zu töten.“ Gemeinsam mit den Muslimen setzten die beiden Pastoren ihren Weg durch das muslimische Viertel fort, bis sie zur „roten Linie“ auf der anderen Seite kamen. Dort verabschiedeten sie sich von ihren Begleitern und verließen das muslimische Viertel.

Widerstände überwinden

Was Jean und Pierre getan hatten, verbreitete sich in Windeseile in der Stadt. Nicht jeder war damit einverstanden. Die Pastoren mussten auf beiden Seiten noch viele Menschen für den Frieden gewinnen. „Die Muslime hatten Geld, aber nichts zu essen. Die Christen hatten landwirtschaftliche Produkte und Feuerholz, aber kein Geld“, erklärt Pierre. So gründeten die beiden einen Markt – direkt auf der „roten Linie“. Muslime und Christen kamen wieder mehr in Kontakt und Feindseligkeiten wurden abgebaut. Jean und Pierre luden zu Treffen zwischen christlichen und muslimischen Leitern ein. Gemeinsam gewannen sie eine große Mehrheit der Bevölkerung für Frieden und Versöhnung. Scheich Ali Bouba, einer der Leiter der muslimischen Gemeinschaft Bodas, erklärt: „Der Friede, den diese beiden mutigen Pastoren initiiert haben, hat uns die Möglichkeit gegeben, uns zu versöhnen, gemeinsam zu essen und den Frieden zu feiern. Das war fantastisch. Jetzt, wo wieder Frieden herrscht, können wir uns wieder begegnen.“

 

Alle Berichte

 

Video zum Bericht

Jean und Pierre kehren zur damaligen »roten Linie« zurück und erzählen ihre Geschichte:
 

Video: Zentralafrikanische Republik – Selig sind die Friedensstifter

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