Persönliche Berichte

Afghanistan: „Möge der Herr euch erinnern“

Eine afghanische Christin schildert eindrücklich ihre Ängste und Hoffnungen

(Open Doors, Kelkheim) – „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ (Römer 8,35). Gulshan* lebte früher in Kabul. Als Mutter und Christin hat sie schlimme Monate hinter sich. Die Erlebnisse haben sie tief geprägt, doch ihre Hoffnung gilt Jesus – und den Gebeten anderer Christen. Wer ihr zuhört, ahnt, warum diese Gebete für sie so unendlich wichtig sind. Hier ist Gulshans Bericht.

Wir lebten in der Angst dass entweder die Taliban uns holen kommen oder wir verhungern.
„Wir lebten in der Angst, dass entweder die Taliban uns holen kommen oder wir verhungern.“

Flucht schien undenkbar

In der Nacht des 15. August schliefen wir. Auf uns allen lag eine seltsame Schwere. Unsere Sorge war nicht, dass die Amerikaner abziehen würden. Unsere wirkliche Angst war, dass wir den Taliban ausgeliefert sein würden: Den Taliban, deren religiöse Ideologie sie zum Töten auffordert. Den Taliban, die die Ausbildung von Frauen nicht nur als Fehler, sondern als Sünde betrachten. Den Taliban, die Frauen steinigen, nur weil sie sich mit jemandem unterhalten haben, der nicht zur Familie gehört.

Wie konnte ich meiner Tochter in die Augen sehen? Sollte ich ihr sagen, dass der Engel des Todes ihr Leben verschonen wird? Wenn sie von unserem Glauben erfuhren, was würde dann geschehen? Sollten wir um unser Leben fliehen, oder sollten wir bleiben? Aber wohin fliehen? Wenn wir blieben, was sollte dann aus uns werden?

Wenn ich an Flucht dachte, wurde ich an die Bombenexplosion erinnert. Ich werde diesen Tag [den 26. August] nie vergessen; die Detonation ließ unsere Wände erzittern. Es war unmöglich, die weinenden Kinder zum Schweigen zu bringen. Ihre Augen waren voller Schrecken. Wir hatten Angst, dass ihr Weinen die Aufmerksamkeit der Taliban auf sich ziehen würde. An diesem Tag verloren 13 US-Soldaten und mehr als 160 Afghanen ihr Leben. Es war mehr als ein Terrorakt, es war eine Warnung an uns: Wenn ihr versucht, das Land zu verlassen, werden wir euch vernichten.

Sorge um die Kinder und die Nachbarn

Wir lebten in der Angst, dass entweder die Taliban uns holen kommen oder wir verhungern. Drei Tage lang lebte meine ganze Familie von einer Schüssel Linsensuppe. Ich wusste nicht, wie ich sie weiter versorgen sollte, denn die Linsen waren bald aufgebraucht.

Unsere Nachbarskinder waren sehr jung. Ich fragte mich, ob ihre Eltern es schaffen würden, Milch für die Kinder zu besorgen. Ich fragte mich, wie es dem Jüngsten ging, denn ich hatte seine Stimme seit vielen Tagen nicht mehr gehört. Ich betete: „Lieber Gott, bitte schenke ihm Leben und Gesundheit.“

Jesus hat uns aufgerufen, viel Leid zu ertragen. Wenn die Menschen Christus nicht verschont haben, warum sollten sie dann uns verschonen? Ich bereitete mich und meinen Mann auf diese Schwierigkeiten vor. Aber wenn ich meinen Sohn und meine Tochter ansah, sank mein Herz und ich verlor allen Mut. „Gott gib mir Mut für den Moment, wenn .... Nein... niemals, ich kann diese Worte nicht sagen. Herr, erbarme dich!“

Die Taliban gingen von Tür zu Tür, entführten junge Mädchen und zerstörten Familien. Und Gott allein weiß, wer sie über den Aufenthaltsort und die Identität der Christen informiert hat. Sie durchsuchten ein Haus nach dem anderen, um uns zu finden. Ich wusste: „Wenn sie uns finden, töten sie uns als Christen auf der Stelle. So wie es mit meinen Verwandten geschehen ist... Wer weiß, wann sie vor unserer Haustür auftauchen werden?“

Sehnsucht nach gemeinsamer Anbetung

Es war unser großer Wunsch, mit unseren Brüdern und Schwestern zusammenzukommen und gemeinsam Gott anzubeten. Aber das war einfach nicht möglich. Wir konnten unseren Pastor nur mitten in der Nacht treffen, so dass niemand ihn oder uns erkennen konnte.

Unser Vertrauen gilt allein Christus und wird es bis zu unserem letzten Atemzug bleiben. Ich habe nicht den Mut, euch die sensiblen Details meiner Freuden und Sorgen mitzuteilen. Es ist so gefährlich. Aber ich weiß, dass wir alle an denselben Jesus glauben. Durch das Gebet sind wir eingeladen, denn wir sind der Leib Christi. Möge der Herr euch an unsere Schmerzen erinnern.

Und wir sind sicher, dass unsere vereinten Gebete in Christus die Lösung sind.

*Name geändert

Bitte beten Sie für Gulshan und die Christen in Afghanistan!

  • Danken Sie Gott dafür, dass er Gulshan und ihre Familie bis zu diesem Tag bewahrt hat.
  • Beten Sie, dass Jesus seine starke Hand schützend über all die Christen hält, die noch in Afghanistan sind.
  • Beten Sie, dass er inmitten all der Ängste und Schrecken ihren Glauben erneuert, so dass sie wieder Hoffnung haben.
  • Beten Sie um Schutz und Versorgung auch für die Christen, die aus Afghanistan fliehen konnten und jetzt im Ausland oft unter schwierigsten Bedingungen leben.

Vielen Dank für Ihr Gebet

Unser Gebet macht einen Unterschied – wie viel es unseren verfolgten Geschwistern bedeutet, lesen Sie hier

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