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Marveys letzter Tag

Dieser Text wurde von einem ägyptischen Kontakt von Open Doors geschrieben. Unser Kontakt hat Erfahrungen aus seiner Kindheit und der Situation von Christen in Ägypten sowie den veröffentlichten Details zu dem Anschlag von al-Minya genutzt, um ein persönliches Bild von dem Attentat zu zeichnen und die Identifikation mit den betroffenen Familien zu ermöglichen.

(Open Doors, Kelkheim) – Der vierjährige Marvey hatte die ganze Nacht von dem Ausflug geträumt. Gemeinsam mit seiner Mutter würde er das St.-Samuel-Kloster in al-Minya besuchen. Weil Marvey in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bani Suwaif wohnte, hatte er kaum jemals die Gelegenheit, in einem schnellen Fahrzeug unterwegs zu sein. Wie für die meisten Kinder in seinem Umfeld waren die Fahrten zu den Klöstern die einzigen Ausflüge, die die Familie unternahm. Marvey konnte sich nichts Aufregenderes vorstellen, als in dem großen Bus zu fahren und Autos, Felder und Gebäude vorbeiziehen zu sehen.

Früh am Morgen startete der Bus voller christlicher Familien in Richtung des Klosters. Aufgeregt saß Marvey neben seiner Mutter und aß ein Sandwich. Zuvor hatte er einige der anderen Kinder kennengelernt und gemeinsam mit den Familien christliche Lieder gesungen. Als der Bus dem Kloster näher kam und sich ihre Fahrt dem Ende zuneigte, bog der Fahrer von der befestigten Straße ab, um den restlichen Weg auf einer staubigen Nebenstraße zurückzulegen.

Und dann veränderte sich in nur wenigen Augenblicken der fröhliche und friedliche Morgen in eine Szene aus Chaos und Panik. Ein Hagel von Kugeln stoppte den Bus. Marvey konnte nicht begreifen, was hier vor sich ging. Er hörte, wie seine Mutter schrie und Gott um Gnade anflehte. Maskierte Männer mit großen Waffen stiegen in den Bus. Angsterfüllt suchte Marvey in den Armen seiner Mutter nach Schutz.

Die Männer blieben in jeder Reihe des Busses stehen. Marvey konnte sehen, wie die Passagiere ihnen alle ihre Wertsachen übergaben. Zitternde Hände hielten Mobiltelefone, Geld und Schmuck in die Höhe. Er hörte, wie die Männer den Christen wütend befahlen, die „Shahada“ (das islamische Glaubensbekenntnis) aufzusagen. Marvey verstand nicht, was passierte.

Während er noch in den Armen seiner Mutter zitterte, sah er, wie sich die Männer wieder in den vorderen Teil des Busses bewegten. „Endlich“, dachte Marvey. Endlich würde der Albtraum vorbei sein. Doch dann drehten sich die Männer noch einmal um. Sie hoben ihre Maschinengewehre und begannen zu schießen.

Das Sandwich fiel aus Marveys kleinen Händen, als ihn eine Kugel im Kopf traf.

Am 26. Mai 2017 starb Marvey zusammen mit 27 anderen Männern, Frauen und Kindern auf dem Weg zum Kloster St. Samuel. Dies war der vierte große Anschlag auf Christen in Ägypten in den vergangenen sechs Monaten.

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