Gott dringt bis in finstere Kerker
„Du musst sehen, dass der Tod der einzige Weg zu sein scheint, meine Qualen zu beenden“, schrieb Alexander Ogorodnikov 1986 an seine Mutter. „Ich habe bereits die schwere Sünde begangen, einen Selbstmordversuch zu unternehmen ... Also bitte ich dich noch einmal – appelliere an das Präsidium des Obersten Sowjets, mir etwas Gnade zu zeigen und meine Hinrichtung durch ein Erschießungskommando anzuordnen, um die Aussicht auf lebenslange, schmerzhaft langsame Folter zu beenden.“
Mehr als sieben Jahre in sowjetischen Gefangenenlagern hatten Alexander gebrochen. Weil er sich für die Verbreitung des christlichen Glaubens eingesetzt hatte, wurde er verhaftet und war die meiste Zeit davon im Arbeitslager Perm 36 in Sibirien inhaftiert. Zwangsarbeit, Einzelhaft und andere Haftstrapazen zermürbten ihn. Isoliert von der Welt und seinen Mitgefangenen, in düsteren, eiskalten Zellen, seiner Bibel und Notizbücher beraubt, systematisch gedemütigt, bei schlechter Gesundheit, nachdem er fast sein Augenlicht und die meisten seiner Zähne verloren hatte, war das Schwerste für Alexander das Gefühl, vergessen zu sein. Doch er war nicht vergessen: Während Alexander seine dunkelsten Stunden erlebte, berief Jesus Menschen, für ihn zu beten, unter anderem durch eine Gebetskampagne von Open Doors.
Eines Nachts war er in eine eiskalte Einzelzelle gesperrt, in der er eigentlich hätte erfrieren müssen. In dieser Situation der Kälte, des Hungers und des nahenden Todes kamen Alexander Zweifel. Hatte Gott ihn verlassen, hatten seine christlichen Glaubensgeschwister und seine Familie ihn vergessen? Waren all die Jahre seines Leidens umsonst gewesen? Er betete. Zunächst im Stillen, dann fing er an, Gott laut anzurufen: „Hast du mich verlassen?“ Auf einmal spürte Alexander, wie ihn eine körperliche Wärme einhüllte. Nicht wie von einer Heizung, sondern wie wenn eine Mutter ihr frierendes Kind an sich zieht.
„In diesen schrecklichen Momenten in den eisigen Zellen spürte ich körperlich die Wärme eurer Gebete“, schrieb er später.
Alexander überlebte und wurde einige Monate nach dem verzweifelten Brief an seine Mutter freigelassen. „Gebet öffnet die Gefängnistüren“, sagte er rückblickend.
