Länderprofil Afghanistan

Afghanistan

2
Weltverfolgungsindex
2018
Flagge Afghanistan
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Islamische Republik
Platz Vorjahr
3
ISO
AF
Karte Afghanistan
Karte Afghanistan
Christen
einige Tausend
Bevölkerung
34.17
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 16.700
Familienleben: 16.700
Gesellschaftliches Leben: 16.700
Leben im Staat: 16.700
Kirchliches Leben: 16.700
Auftreten von Gewalt: 10.000
Länderprofil Afghanistan

Berichtszeitraum: 1. November 2016 – 31. Oktober 2017

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

93 Punkte / Platz 2 (WVI 2017: 89 Punkte / Platz 3)

Von wem Verfolgung ausgeht

Da Afghanistan laut Verfassung ein islamischer Staat ist, werden alle anderen Religionen als dem Land fremd angesehen und folgerichtig stehen Regierungsbeamte allen Anzeichen des christlichen Glaubens feindlich gegenüber. Dies gilt umso mehr für die Führungspersönlichkeiten der ethnischen und religiösen Gruppen. Die Stammesgemeinschaft ist in Afghanistan sehr viel stärker und wichtiger als der Staat. Wenn jemand diese Gemeinschaft verlässt, beispielsweise indem er seine Religion verlässt und den christlichen Glauben annimmt, gilt er als Abtrünniger, der zurückgebracht werden muss. Für die meisten Familien stellt ein Glaubenswechsel eine große Schande dar, und die Familienmitglieder werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Konvertiten zum Islam zurückzubringen oder für die Schande büßen zu lassen. Zusätzlich erweitern extremistische Gruppierungen wie die Taliban und der „Islamische Staat“ (IS), der erst seit kurzer Zeit in Afghanistan aktiv ist, ihre Gebiete und kontrollieren bereits mehr als 40 Prozent des Landes.

Auswirkungen der Verfolgung auf Christen

Alle Christen in Afghanistan sind Konvertiten und können ihren Glauben nicht offen leben, weder allein noch in Gemeinschaft. Sie müssen ihren christlichen Glauben um jeden Preis geheim halten. In Kabul gibt es eine kleine Gemeinschaft von ausländischen Christen, die vor allem aus Diplomaten und Mitgliedern der internationalen Streitkräfte besteht, doch wenn diese sich überhaupt treffen können, dann in der stark gesicherten diplomatischen Zone. Da dies nichts mit der Situation im großen Rest Afghanistans zu tun hat, wird diese Gemeinschaft von Ausländern bei der Erstellung des Weltverfolgungsindex (WVI) nicht berücksichtigt.

In vielen Fällen werden Konvertiten einfach als geisteskrank betrachtet, da man davon ausgeht, dass niemand bei klarem Verstand den Islam verlassen würde. Wenn sie sich nicht überzeugen lassen, zu ihrem alten Glauben zurückzukehren, können sie in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen, von Nachbarn und Freunden zusammengeschlagen und/oder ihre Häuser und Geschäfte zerstört werden. Je nach Familie können sie sogar getötet werden. Auf der anderen Seite kann es auch geschehen, dass die ganze Familie den christlichen Glauben annimmt, wenn sie die lebensverändernde Kraft Christi im Leben eines Konvertiten erfährt. In einem solchen Fall muss dies absolut geheim gehalten werden. Aufgrund von extrem starkem Druck müssen manche Christen das Land verlassen.

Beispiele

Jegliche Äußerungen ihres Glaubenslebens bringen Christen in Gefahr. Da alle Veränderungen, die die Religion betreffen, beobachtet und weitergegeben werden, bedeutet dies oft, dass Familien umziehen müssen, weil der Druck durch die Nachbarschaft groß und der Einfluss der Taliban oder des IS stark ist. Sich auch nur mit anderen Religionen zu beschäftigen und allein der Verdacht, den Islam verlassen zu haben, kann mit dem Tod bestraft werden – dies hängt von der Familie ab. Christen werden nur so lange Arbeit bekommen, wie man sie für afghanische Muslime hält. Sobald entdeckt wird, dass sie sich auch nur mit dem christlichen Glauben befassen, etwa indem sie sich im Internet darüber informieren, wird sofort gehandelt, indem man sie indoktriniert, bis sie und ihre Kontaktpersonen gehorchen. Das kann Folter einschließen.

Es gibt Berichte von Konvertiten, die getötet wurden, aber aus Sicherheitsgründen können keine Einzelheiten veröffentlicht werden. Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen wird an der Ermordung einer christlichen Entwicklungshelferin aus Deutschland deutlich, die seit 13 Jahren in Afghanistan lebte. Sie wurde am 20. Mai 2017 in Kabul angegriffen und ermordet. Der Afghane, der das Gelände bewachte, wurde enthauptet.

Beiträge zu Afghanistan

Nachrichten Nachrichten
Blick auf Kabul
Afghanistan
Im Januar 2018 hat Afghanistan erneut einen der schlimmsten Monate seiner Geschichte in Bezug auf Sicherheit erlebt. Zwischen dem 20. und 29. Januar wurden fünf verheerende Anschläge in Großstädten durchgeführt.
Beten für die islamische Welt
Muslime, die Christen wurden, erleben oft heftige Verfolgung. Ihre dringendste Bitte ist die nach unserem Gebet. Mit der Gebetskampagne „Gefährlicher Glaube“ wollen wir auf ihre Bitte antworten.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex (WVI) 2018 ist die Wertung für den Druck auf Christen stark angestiegen, sodass Afghanistan nun sehr nahe an die Wertung von Nordkorea auf Rang 1 kommt. Obwohl die Situation für Christen in den beiden Ländern sehr verschieden ist, unterscheidet sich die Wertung nur in einer geringfügig niedrigeren Punktzahl für den Bereich „Auftreten von Gewalt“ in Afghanistan. Beide Länder erreichen in allen Lebensbereichen die Höchstwerte, verbunden mit einem sehr hohen Maß an Gewalt, die gegen Christen gerichtet ist. Der Anstieg der Punktzahl hat zwei Gründe: Zunächst ist eine stärkere Betonung von Loyalität dem Stamm und seiner Rechtsprechung gegenüber zu beobachten. Diese Entwicklung ist bereits ein Vorzeichen für die Parlamentswahlen, die für den Sommer 2018 geplant sind. Zum anderen haben sich die Unruhen im Land verstärkt. Nicht nur hat sich der IS neben den Taliban als gewalttätige, islamistische Gruppierung in Afghanistan positioniert, beide kontrollieren auch immer mehr Gebiete des Landes.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Weder erlaubt die Islamische Republik Afghanistan afghanischen Staatsbürgern, Christen zu werden, noch erkennt sie Konvertiten als solche an. Wechselt jemand seine Religion, wird das als Abfall vom Glauben betrachtet, der Schande über die Familie und Gemeinschaft bringt. Aus diesem Grund verbergen Konvertiten ihren neugefundenen Glauben so weit wie möglich. Die Taliban haben ihre Herrschaft über Teile des Landes ausgeweitet – laut einem Bericht vom September 2017 kontrollieren oder kämpfen sie um die Kontrolle von etwa 45 Prozent des Landes. Der Einfluss nimmt also weiter zu, wie auch die hohe Zahl von Anschlägen und Gefechten mit Regierungstruppen im Kampf um die Vorherrschaft in verschiedenen Provinzen zeigt. Die neue Führung der Taliban neigt noch mehr zu extremistischen religiösen Ansichten. Auch der Zustrom von Gruppen, die mit dem IS in Verbindung stehen (ISKP in der Provinz Chorasan), hat dazu geführt, dass die Zahl der Menschen, die durch Anschläge getötet oder vertrieben wurden, nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) sogar noch gestiegen ist (8.019 Zivilisten waren in den ersten neun Monaten 2017 betroffen; 2.640 von ihnen starben, 5.379 wurden verletzt). Schätzungsweise 600.000 Flüchtlinge wurden aus dem benachbarten Pakistan zurückgeschickt, was das Land unter enormen Druck gesetzt hat.

Alle afghanischen Christen sind Konvertiten mit muslimischem Hintergrund. Wenn sie entdeckt werden, drohen ihnen seitens ihrer Familie, Freunde und der Gesellschaft Diskriminierung und Feindseligkeit bis hin zur Ermordung. Höchstwahrscheinlich werden islamische Führungspersönlichkeiten die Anstifter sein und auch die lokalen Behörden können darin verwickelt sein. Laut einer Umfrage, die im November 2017 veröffentlicht wurde, haben die Bürger Afghanistans das stärkste Vertrauen in ihre religiösen Führer und in die Medien – weit stärker als ihr Vertrauen in Politiker. Mehr als 60 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass sich religiöse Leiter mehr an der Politik beteiligen sollten. In den südwestlichen und östlichen Teilen des Landes waren es sogar 75 Prozent. Konvertiten werden unter starken Druck gesetzt, ihren christlichen Glauben aufzugeben. Sie gelten als Abtrünnige und befinden sich in einer äußerst gefährlichen Situation.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Der Begriff „Nation“ ist der afghanischen Denkweise fremd. Zuerst kommt die eigene Familie, dann der Clan und dann der Stamm – und all diese sind viel wichtiger als das Land. Die Menschen sind tief darin verwurzelt, sich um ihre Familien, Dörfer und Stämme zu kümmern. Wagt es jemand, sich von seinem Stamm abzuwenden, um etwas Neues und vielleicht sogar Fremdes anzunehmen, wird großer Druck ausgeübt, um die betreffende Person dazu zu bringen, wieder zu den traditionellen Normen zurückzukehren. Weigert sie sich, wird die Person als Verräter der Gemeinschaft betrachtet und folglich ausgeschlossen. Das trifft auf alle „Abweichungen“ zu, doch ganz besonders, wenn jemand den christlichen Glauben annimmt. Die christliche Religion wird in Afghanistan als westlich betrachtet sowie als feindlich gegenüber der einheimischen Kultur und Gesellschaft und dem Islam. Aus dieser Perspektive gilt ein Glaubenswechsel weg vom Islam als Verrat.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Der Mangel an Exportgütern hat zu einer großen Schieflage in der Handelsbilanz geführt, was das Land in andauernde finanzielle Not gebracht hat. Erstaunliche 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) stammen aus der Schattenwirtschaft. Korruption und Kriminalität sind allgegenwärtig. Davon sind auch Christen betroffen, die überwiegend der armen Bevölkerungsmehrheit angehören. Eines der großen wirtschaftlichen Probleme Afghanistans besteht darin, dass der Anbau von Mohn für die Herstellung illegaler Drogen wie Opium viel lukrativer ist als der Anbau praktisch jeder anderen Kulturpflanze. Im Vergleich zu Weizen können Bauern damit elfmal so viel Geld verdienen. Folglich hat der Opiumhandel ein Volumen, das laut dem jährlichen Bericht der UN von 2017 etwa sieben Prozent des offiziellen BIPs entspricht. Die Taliban sind stark in die Drogenproduktion verwickelt; Schätzungen zufolge landen 70-80 Prozent aller Gewinne aus dem Drogenhandel in ihren Taschen.

Afghanistans wichtigstes Zentrum der Opiumproduktion, die im Süden gelegene Provinz Helmand, umfasst rund 50 Prozent des für den Mohnanbau geeigneten Gebietes und ist eine Hochburg der Taliban. Im November 2017 hob das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hervor, dass die afghanische Opiumproduktion im Jahr 2017 mit einer Zunahme von 87 Prozent gegenüber dem Vorjahr in beispiellose Höhen gestiegen ist. Die Gesamtfläche der Mohnfelder hat sich laut dem Bericht um fast die Hälfte erhöht. Es ist kein Geheimnis, dass mit den Einnahmen militante Gruppen unterstützt werden und die Korruption weiter angeheizt wird. Jeder, der den Drogenbossen im Weg steht, wird einfach aus dem Weg geräumt, eine Praxis, die sich verstärkt hat. Die Situation wird dadurch noch schwieriger, dass die Drogenbarone in vielen Gebieten Bürger unter Druck setzen und Teile des Landes dadurch außer Kontrolle geraten. Dies betrifft zumeist nicht speziell Christen, die ja ohnehin nicht als solche sichtbar sind. Doch sie sind auch betroffen, da sie keine Alternative und niemanden haben, an den sie sich hilfesuchend wenden könnten.

3. Verfolger

Da Afghanistan laut Verfassung ein islamischer Staat ist, werden alle anderen Religionen als dem Land fremd angesehen und folgerichtig stehen Regierungsbeamte allen Anzeichen des christlichen Glaubens feindlich gegenüber. Dies gilt umso mehr für die Führungspersönlichkeiten der ethnischen und religiösen Gruppen. Die Stammesgemeinschaft ist in Afghanistan stärker und wichtiger als der Staat. Wenn jemand diese Gemeinschaft verlässt, beispielsweise indem er seine Religion wechselt und den christlichen Glauben annimmt, gilt er als Abtrünniger, der zurückgebracht werden muss. Für die meisten Familien stellt ein Glaubenswechsel eine große Schande dar, und die Familienmitglieder werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Konvertiten zum Islam zurückzubringen oder für die Schande büßen zu lassen. Das gleiche gilt für die Gemeinschaft (Nachbarn und Freunde). Die sich fortsetzenden Unruhen durch die Taliban und seit kurzer Zeit den IS (teils, indem Einheiten der Taliban nunmehr die Seiten gewechselt und dem IS die Treue geschworen haben) verstärken den Druck auf die Christen, die sich ohnehin verstecken müssen. Wird ihr Glaube entdeckt, müssen sie fast immer mit dem Tod rechnen.

4. Hintergrund

Afghanistan ist schon seit Jahrhunderten eine unberechenbare Region. Bevor es 1709 die Unabhängigkeit erlangte, wurde es von den Persern regiert. Der Nordwesten des Landes ist Teil des alten „Chorasan“; ein Name, der wieder Bedeutung erlangte, als militante Muslime im Januar 2015 dem IS Treue schworen und die Einführung des „Kalifats von Chorasan“ bekanntgaben. Sie kämpfen im Nordosten des Landes gegen afghanische Regierungstruppen und greifen weiterhin muslimische Minderheiten wie die schiitischen Hazara an. Auch wenn dies eine gefährliche Entwicklung ist, ist fraglich, ob der IS wirklich die größte Gefahr für den Frieden im Land darstellt. Auch die Taliban haben deutlich gezeigt, dass ihre Macht zu verwüsten und zu zerstören ungehindert ist. Im April 2017 führten die Taliban ihren größten Anschlag seit 2001 durch, bei dem 140 Regierungssoldaten in der Provinz Balch getötet wurden.

Das westliche Konzept eines Nationalstaates ist den Afghanen fremd. Ihre Loyalität gilt Stamm, Sprache und Volksgruppe, jedoch nicht dem Staat. Aus diesem Grund muss man jede Entscheidung des Landes aus diesem Blickwinkel sehen. Wer in Kabul herrscht, beherrscht noch lange nicht die Provinzen. Das erklärt zumindest teilweise die komplizierte Politik des Landes. Es gibt eine sehr reale Gefahr, dass die Regierung der Nationalen Einheit auseinanderbricht, noch bevor die allgemeinen Wahlen 2018 stattfinden können. Seit einiger Zeit schwelen interne Machtkämpfe in der Regierung, die im Juli 2017 offenbar wurden, als Vizepräsident Dostum (welcher der ethnischen Minderheit der Usbeken angehört) die Wiedereinreise nach Afghanistan verwehrt wurde, nachdem er zur medizinischen Behandlung in der Türkei gewesen war. Im Ausland verkündete er die Gründung einer neuen politischen Partei.

Angesichts von über hundert Todesopfern bei Selbstmordattentaten Ende Mai und Anfang Juni 2017 ist es wenig überraschend, dass es im wahrsten Sinne des Wortes ein harter Kampf ist, der kriegsmüden Zivilbevölkerung des Landes Frieden zu bringen. Die Anführer der militanten Gruppen, sei es des IS oder der Taliban, zu töten, scheint keine vielversprechende Strategie zu sein. Gleiches kann von der Formierung und Ausrüstung weiterer Milizen, wie der im September 2017 angeregten „Afghan Territorial Army“, gesagt werden. Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen extremistischen islamischen Gruppen, die in Afghanistan aktiv sind, seien es der „IS in der Provinz Chorasan“, die Taliban oder kleinere Gruppen wie das Haqqani-Netzwerk. Obwohl sie alle ihre eigene Agenda haben, einen sie ihre Bemühungen, die Regierung zu schädigen und – wenn möglich – zu stürzen. Dass im Juli 2017 der dritte IS-Führer innerhalb eines Jahres getötet wurde, wird nicht dazu beitragen, die heikle Sicherheitslage zu beruhigen. Das Land wurde von einer steigenden Anzahl von Anschlägen im Oktober 2017 und vermehrten Angriffen auf schiitische Andachtsstätten erschüttert. Demnach versuchen sunnitische Extremisten, konfessionelle Gräben auszunutzen.

Eine weitere ständige Herausforderung ist, wie sich alle islamistischen Gruppen finanzieren. Global Witness veröffentlichte im Juni 2016 einen Bericht, in dem beschrieben wird, wie der Verkauf kostbarer Mineralien einige dieser Gruppen im Norden Afghanistans finanziell unterstützt. Eine weitere wichtige Einnahmequelle ist der Handel mit Opium, insbesondere für die Taliban. Deshalb bemühten sie sich, so viel Einfluss wie möglich auf die südliche Provinz Helmand zu gewinnen, die als Wiege des Drogenhandels bekannt ist. Die Gewinne werden jedoch nicht nur von den Taliban eingestrichen, sondern auch von Regierungsbeamten.

Wie oben erwähnt, werden schiitische Muslime von extremistischen sunnitischen Gruppierungen angegriffen, um die bereits bestehenden Unterschiede zwischen den islamischen Konfessionen zu verstärken. Auch die muslimische Minderheit der Sufi ist von religiöser Verfolgung betroffen.

5. Betroffene Kategorien von Christen

Gemeinschaften von ausländischen Christen und Arbeitsmigranten

Diese Christen werden für den WVI nicht berücksichtigt, da sie so wenige sind und so geschützt und isoliert leben, dass sie von der Situation im Land kaum beeinflusst werden.

Christen muslimischer Herkunft

Sie versuchen ihr Äußerstes, um nicht von Familie, Freunden, Nachbarn oder der Gesellschaft erkannt zu werden. Je nach Familie müssen sie sogar um ihr Leben fürchten. Es ist für sie nicht möglich, offen als Christen zu leben. Bereits der bloße Verdacht, jemand könnte Christ sein, führt zu ernsthafter Verfolgung.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 16.700
Familienleben: 16.700
Gesellschaftliches Leben: 16.700
Leben im Staat: 16.700
Kirchliches Leben: 16.700
Auftreten von Gewalt: 10.000

Grafik: Verfolgungsmuster Afghanistan

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster

  • Der Druck auf Christen hat sich in allen Lebensbereichen verstärkt. Die durchschnittliche Wertung ist so von 15,7 Punkten auf dem WVI 2017 auf den Höchstwert 16,7 angestiegen. Das Land fällt immer weiter auseinander, da rivalisierende islamistische Gruppen um die Vorherrschaft im Land kämpfen und die Regierung zersplittert bleibt.
  • Alle Lebensbereiche zeigen einen extremen Druck auf Christen und haben die höchstmögliche Wertung erreicht. Während Druck in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“ und „Gesellschaftliches Leben“ typisch für ein streng islamisches Land ist, weist der Druck in den Bereichen „Leben im Staat“ und „Kirchliches Leben“ auf eine Regierung hin, die islamische Gesetze streng interpretiert, und darauf, dass in Afghanistan weiterhin eine Stammesgesellschaft besteht (trotz aller Versprechungen an internationale Gremien, Menschenrechte zu schützen).
  • Der Wert für das Auftreten von Gewalt ist im Berichtszeitraum von 10,2 leicht auf 10,0 Punkte gesunken. Dies heißt jedoch nicht unbedingt, dass es weniger Gewalt gegen Christen gibt; es zeigt vielmehr, dass es aufgrund der Unruhen im Land schwieriger ist, Berichte zu einzelnen Vorfällen zu erhalten (siehe Abschnitt „Auftreten von Gewalt“).

Privatleben

Sowohl die Regierung als auch der durchschnittliche Bürger meinen, kein Afghane könne Christ sein und es sei ungesetzlich, einen anderen als den muslimischen Glauben zu haben. Deshalb müssen ehemalige Muslime sehr vorsichtig sein. Schon der Verdacht, jemand könnte sich einem anderen Glauben zugewandt haben, kann ernste Folgen wie Verhaftung und Zerstörung der Wohnung haben. Oft verheimlichen Eltern ihren Kindern ihren Glauben. Weil Christen muslimischer Herkunft nie wissen können, welche Mitglieder ihres Clans vom IS oder den Taliban rekrutiert wurden, sind sie äußerst vorsichtig, wem sie in Bezug auf ihren Glauben vertrauen. Die soziale Kontrolle ist hoch, sodass es sehr schwierig ist, seinen neuen Glauben langfristig zu verheimlichen. Das gilt besonders für Familien mit Kindern. Zudem befinden sich ehemalige Muslime in einer Zwickmühle, weil sie ihre Kinder nicht auf eine Medresse schicken wollen, ihnen aber auch nichts von ihrem neuen Glauben erzählen können, da es einfach viel zu gefährlich ist. Ein Treffen mit anderen Christen kann nur unter extremen Vorsichtsmaßnahmen stattfinden.

Familienleben

Man kann sich nur mit islamischer Religionszugehörigkeit registrieren lassen. Jeder Bürger wird also als Muslim registriert. Alles andere wäre inakzeptabel und undenkbar. Es ist nicht möglich, eine Konversion eintragen zu lassen. Eine Taufe ist eine Straftat, für die die Todesstrafe droht. Deshalb müssen Taufen heimlich stattfinden. Da die meisten Christen ihren Glauben geheim halten, werden sie nach islamischem Ritus beerdigt. Wenn herauskommt, dass eine Familie sich zu Jesus Christus bekehrt hat, werden ihre Kinder zur Adoption in eine muslimische Familie gegeben, wo ihnen ein Leben voller Übergriffe vonseiten der neuen Familie und in der Schule droht. Wenn es eine Familie schafft, ihren Glauben geheim zu halten, müssen die Kinder dennoch eine Medresse besuchen. Dies wird wahrscheinlich zu viel Verwirrung führen, wenn sie den Glauben ihrer Eltern kennen. Wird ein Christ muslimischer Herkunft entdeckt, wird der Ehepartner häufig gezwungen, die Scheidung einzureichen. Er verliert das Sorgerecht für die Kinder an den muslimischen Ehepartner und alle Erbschaftsansprüche. Manchmal werden ehemalige Muslime in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, weil die Familien glauben, dass niemand mit gesundem Verstand jemals den Islam verlassen würde.

Gesellschaftliches Leben

Jeder entdeckte Christ muslimischer Herkunft verliert den Zugang zu den gemeinschaftlich genutzten Ressourcen und zur Gesundheitsversorgung. Alle Menschen stehen unter dem Druck, die Moschee zu besuchen, sodass ein ehemaliger Muslim nicht einfach fernbleiben kann, ohne Verdacht zu erregen. Das soziale Umfeld übt erheblichen Druck aus. Um Loyalität und Ordnung sicherzustellen, wird jeder beobachtet. Vermutet man bei jemandem ein Abweichen, wird er dazu genötigt, wieder zur regulären religiösen und politischen Gesinnung zurückzukehren – sei es durch körperliche Folter oder mithilfe okkulter Praktiken, da viele Afghanen abergläubisch sind. Ehemalige Muslime haben zudem Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil sie sie vor falscher Indoktrinierung schützen wollen und befürchten, ein Kind könnte sie verraten. Dies führt zu einer Vielzahl von Schwierigkeiten. Im Fall einer Entdeckung werden Christen auf jeden Fall zur weiteren Untersuchung und Befragung mitgenommen. Diese Verhöre sind hart, ungeachtet dessen, ob die Christen es mit der Regierung, den Taliban oder dem IS zu tun haben.

Leben im Staat

Artikel 3 der Verfassung legt fest, dass kein Gesetz den Lehren und Grundlagen des Islam entgegenstehen darf. Dies führt zu Einschränkungen in vielen Lebensbereichen. Und da die Wortwahl viel Spielraum zulässt, bleibt oft unklar, was als unangemessen oder gegen den Islam verstanden werden kann. Afghanistan ist eine islamische Republik und erlaubt keinerlei Abweichung vom muslimischen Glauben. Abwendung vom Islam kommt der Lästerung des Islam und des Propheten gleich. Weder Christen noch Angehörige anderer religiöser – selbst muslimischer – Minderheiten haben Religionsfreiheit. Jeder muss sich den Anforderungen des Islam, des Stammes und der Kultur fügen. Werden Christen angeklagt, so offiziell nicht wegen ihres Glaubens, sondern wegen anderer ernster Verbrechen, die sie angeblich begangen haben (z. B. Verrat durch Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten, Mord oder Drogenhandel).

Kirchliches Leben

In Afghanistan gibt es keine öffentlich zugängliche Kirche. Die einzige genutzte Kapelle befindet sich im Keller der italienischen Botschaft in Kabul. Sie ist nur für die kleine Zahl ausländischer Christen in Kabul vorgesehen, für überwiegend diplomatisches und militärisches Personal, das noch in der Stadt arbeitet. Jede Form einer organisierten Versammlung, von der die Taliban oder Überwachungsorgane Wind bekommen, erregt starke Aufmerksamkeit. Hauszellen von Christen (wie klein sie auch sein mögen) müssen bei der Wahl ihrer Treffpunkte extrem vorsichtig sein. Sie werden häufig eine Zeit lang beschattet, bis sie sich mit einer größeren Gruppe treffen oder aktiv werden, indem sie etwa Bibeln verteilen. Dann werden sie zum Verhör abgeführt. Christliche Literatur darf natürlich nicht legal eingeführt werden, das Internet wird genauestens überwacht. In den abgelegenen Teilen des Landes ist das Internet ohnehin nicht zugänglich.

Auftreten von Gewalt

Die Ermordung einer deutschen und die Entführung einer finnischen Staatsbürgerin im Mai 2017 – beide Frauen arbeiteten für die schwedische Hilfsorganisation Operation Mercy in Kabul – zeigen die Gefahr, mit der Christen im Land konfrontiert sind. Es ist unklar, ob die Opfer angegriffen wurden, weil sie als christliche Missionare angesehen wurden. Die afghanische Wache im Gästehaus wurde enthauptet. Die finnische Entwicklungshelferin wurde am 14. September 2017 freigelassen. Es gibt weitere Berichte von afghanischen Christen, die wegen ihres Glaubens getötet wurden, und von Afghanen, die getötet wurden, weil sie verdächtigt wurden, Christen zu sein. Aus Sicherheitsgründen können dazu keine Details veröffentlicht werden.

7. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Afghanistan sieht weiterhin einer unsicheren und sehr gewaltsamen Zukunft entgegen, gerade angesichts der bevorstehenden Wahlen 2018 und 2019. Auch die kleine christliche Gemeinde steht vor dieser schwierigen Zukunft. Die Islamische Unterdrückung durch einheimische und ausländische Gruppen wird – neben derjenigen durch Familie und Gesellschaft – zweifellos die Haupttriebkraft der Christenverfolgung in Afghanistan bleiben. Beobachter sehen kaum Anlass zur Hoffnung auf einen Verhandlungsfrieden mit den Taliban, anderen Aufständischen und regionalen Warlords. Das hat im Wesentlichen vier Gründe:

1) Politische Gründe: Die Regierung der Nationalen Einheit bricht immer mehr auseinander, und es ist schwer vorstellbar, inwiefern die Parlamentswahlen (die für Juli 2018 angesetzt sind) und die Präsidentschaftswahlen (die 2019 stattfinden sollen) angesichts der politischen Distanz zwischen den verschiedenen Fraktionen und ethnischen Gruppen Lösungen für die zahlreichen Herausforderungen bringen können, mit denen das Land konfrontiert ist. Die Gründung einer neuen Oppositionsgruppe, „Mehwar-e Mardom-e Afghanistan“, die enge Beziehungen zum ehemaligen Präsidenten Hamid Karzai unterhalten soll (der zu einem scharfen Kritiker der internationalen Militärpräsenz in Afghanistan geworden ist), könnte die politischen Turbulenzen noch verstärken.

2) Wirtschaftliche Gründe: Obwohl die Staatseinnahmen Afghanistans ein starkes Wachstum verzeichneten, sind sie noch weit davon entfernt, den Gesamthaushalt zu decken, was bedeutet, dass die Regierung weiterhin nicht in der Lage sein wird, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu stillen.

3) Militärische Gründe: Aufständische haben ihre Angriffe verstärkt und kontrollieren immer mehr Gebiete im ganzen Land – obwohl die US-Streitkräfte und die internationalen Streitkräfte im August 2017 beschlossen haben, ihre Truppenstärke zu erhöhen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in Afghanistan weiterhin Angriffe und Blutvergießen geben wird. Die Tatsache, dass sich das Internationale Komitee des Roten Kreuzes vollständig aus zwei nördlichen Provinzen des Landes zurückzieht und seine Präsenz in anderen Provinzen reduziert (wie im Oktober 2017 angekündigt), ist in dieser Hinsicht ein klares und sehr beunruhigendes Zeichen.

4) Geostrategische Gründe: Vorerst sind es Pakistan und vielleicht der Iran, die die Schlüssel zu einer Gesamtlösung in Afghanistan in Händen halten. Dies wurde erneut deutlich, als Pakistan damit drohte, die schätzungsweise drei Millionen afghanischen Flüchtlinge, die derzeit in Pakistan leben, nach Hause zu schicken. Die 600.000 Flüchtlinge, die von dort 2016 zurückgeschickt wurden und die sich größtenteils in der Provinz Nangrahar niederließen, haben die Möglichkeiten Afghanistans bereits weit überstiegen. Darüber hinaus florieren Organisiertes Verbrechen und Korruption durch die zunehmende Opiumproduktion, welche extremistische Gruppen finanziert, was sich in weiterer Gewalt (auch gegen Christen) niederschlägt.

Es scheint keinen Ausweg aus dem Kreislauf von Gewalt, Unsicherheit und Armut im Land zu geben. Es ist völlig unklar – menschlich gesprochen – woher die Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation kommen kann. Dies gilt insbesondere für die kleine christliche Minderheit im Land: Die Verfolgung wird nicht aufhören.

8. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Afghanistan

  • Christen muslimischer Herkunft stehen unter starkem Druck vonseiten ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Nachbarn, ihren christlichen Glauben zu widerrufen. Je nach Familie müssen sie sogar um ihr Leben fürchten. Offen als Christ zu leben, ist nicht möglich. Bitte beten Sie um Mut und Schutz für die Christen in Afghanistan.
  • Die Islamische Republik Afghanistan erlaubt es nicht, vom Islam zu einer anderen Religion zu wechseln. Dies wird als Abfall vom Islam betrachtet und bringt Schande auf die Familie und das gesellschaftliche Umfeld. Bitte beten Sie dafür, dass eine Veränderung im Land geschieht, dass es Offenheit gibt für andere Religionen als den Islam.
  • Die sehr wenigen Christen mit muslimischem Hintergrund im Land müssen sich weiter verstecken. Die wachsende Gewalt schafft ein generelles Gefühl der Unsicherheit und es gibt keine Anzeichen für eine Verbesserung in absehbarer Zukunft. Bitte beten Sie für Stabilität und Frieden in Afghanistan.

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