Länderprofil Algerien

Algerien

42
Weltverfolgungsindex
2018
Flagge Algerien
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Demokratische Volksrepublik
Platz Vorjahr
36
ISO
DZ
Karte Algerien
Karte Algerien
Christen
0,07
Bevölkerung
41.06
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Diktatorische paranoia
Privatleben: 12.300
Familienleben: 13.100
Gesellschaftliches Leben: 7.500
Leben im Staat: 10.400
Kirchliches Leben: 12.400
Auftreten von Gewalt: 2.000
Länderprofil Algerien

Berichtszeitraum: 1. November 2016 – 31. Oktober 2017

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

58 Punkte / Platz 42 (WVI 2017: 58 Punkte / Platz 36)

Von wem Verfolgung ausgeht

Eine der Hauptursachen für die Verfolgung in Algerien ist die Intoleranz, die Angehörige und Nachbarn von Christen muslimischer Herkunft zeigen. Sie üben Druck auf diese Christen aus und machen es ihnen schwer, ihren Glauben zu leben. Der Staat verstärkt diesen Druck durch Gesetze und Verwaltungsbürokratie, welche die Religionsfreiheit einschränken. Die Verfolgung, der Christen ausgesetzt sind, wird auch durch die Spannungen zwischen Amazighs (ethnische Berber im westlichen Nordafrika) und Arabern verstärkt, da der größte Teil des Wachstums der algerischen Kirche in der Kabylei-Region unter Amazighs stattfindet. Der Einfluss und die Aktivitäten extremistischer islamischer Gruppen in der Region ist für die Christen in Algerien ebenfalls eine Quelle der Gefahr und Verfolgung.

Auswirkungen der Verfolgung auf Christen

Christen in Algerien sind mit verschiedenen Einschränkungen und Herausforderungen ihrer Religionsfreiheit vonseiten des Staats oder der Gesellschaft konfrontiert. Es gibt Gesetze, welche den nichtmuslimischen Gottesdienst regulieren und die Konversion weg vom Islam verbieten. Außerdem gibt es Blasphemiegesetze, die es Christen erschweren, ihren Glauben zu teilen – aus Angst, dass ihre Gespräche als blasphemisch angesehen werden könnten. Christen leiden auch unter Belästigungen und Diskriminierungen in ihrem alltäglichen Leben. Mitglieder der Großfamilie und Nachbarn versuchen, Christen muslimischer Herkunft zu zwingen, sich an islamische Normen zu halten und islamischen Riten zu folgen. Der Druck und die Gefahr, mit denen Christen konfrontiert sind, sind in den ländlichen und religiös konservativeren Teilen des Landes besonders hoch. Diese Regionen waren eine Hochburg für islamistische Aufständische im Kampf gegen die Regierung in den 1990er-Jahren.

Beispiele

  • Ein junger Christ muslimischer Herkunft wurde von seiner Familie geschlagen und gezwungen, weiterhin die örtliche Moschee zu besuchen, nachdem seine Familie eine Bibel unter seinem Bett gefunden hatte. Ein anderer Christ mit muslimischem Hintergrund wurde zur Scheidung von seiner Ehefrau gezwungen, als ihre Familie herausfand, dass er kein Muslim mehr war.
  • Während des Ramadan 2017 wurde eine Kirche in Ouargla angegriffen, indem fast täglich Steine auf sie geworfen wurden. Im August 2017 wurde dieselbe Kirche in Ouargla durch einen Mob lokaler Einwohner attackiert. In Sidi Moussa wurde am 9. Juni 2017 eine katholische Kirche für Arbeitsmigranten zerstört.
  • Ein weiterer Christ muslimischer Herkunft wurde geschlagen und von seiner Familie verstoßen, nachdem entdeckt wurde, dass er Christ geworden war. Er war gezwungen, unterzutauchen, da er um sein Leben fürchtete.
  • Im Berichtszeitraum des Weltverfolgungsindex 2018 wurden mehrere Kirchen, die zur protestantischen Kirche Algeriens (EPA) gehören, von lokalen Behörden angewiesen, ihre Versammlungen auf der Grundlage eines Gesetzes aus dem Jahr 2006, das nichtmuslimische Gottesdienste reguliert, zu beenden.

1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit 58 Punkten auf dem Weltverfolgungsindex 2018 hat Algerien die gleiche Gesamtpunktzahl wie 2017 erreicht. Der Druck blieb in allen Lebensbereichen bis auf dem Bereich „Gesellschaftliches Leben“ sehr hoch. Die Wertung für Gewalt stieg leicht an, aber es gab keine neuen Fälle von Inhaftierungen von Christen und es gab weniger Berichte über Zwangsehen und Entführungen.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Während der Islam seit einigen Jahren in der Regierung Algeriens immer mehr an Einfluss gewinnt, wird die Freiheit von Christen immer weiter eingeschränkt. Der Druck auf Regierung und Gesellschaft seitens islamistischer Bewegungen sowie der Druck von Familienmitgliedern auf Christen muslimischer Herkunft haben die Lage für Christen schwierig gemacht. Vom Arabischen Frühling in anderen nordafrikanischen Ländern ermutigt, haben islamistische Gruppen ihren Druck auf die Regierung, die bereits mit islamischen Parteien zusammenarbeitet, weiter verstärkt. Trotz dieser Zusammenarbeit ist die Islamische Heilsfront (FIS) noch immer verboten. Islamisten treten zunehmend in Erscheinung und beobachten die Aktivitäten von Christen und anderen nichtmuslimischen Minderheiten wie den kleinen Gemeinschaften der Juden und Bahai.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Die meisten algerischen Christen leben in der Region Kabylei im Norden des Landes. Seit der Unabhängigkeit Algeriens gibt es politische Spannungen zwischen dieser Region und der algerischen Zentralregierung. Unter anderem spielen Fragen der ethnischen Identität, Kultur und Sprache eine wichtige Rolle in der schwierigen Beziehung zwischen der Regierung und den Bewohnern der Kabylei, von denen die meisten ethnische Berber sind, während die vorherrschende ethnische Identität im Land arabisch ist. Die ethnische Spannung und Feindseligkeit wirkt sich auch auf die Religion aus und trägt zur Verfolgung von Christen in der Region Kabylei bei.

Diktatorische Paranoia

Diese Triebkraft findet wegen des autokratischen Regierungsstils von Präsident Bouteflika Erwähnung, der ebenfalls für Einschränkungen von Christen verantwortlich ist. Aufgrund ihres autokratischen Charakters und ihrer fehlenden demokratischen Legitimation hat die Regierung nicht die Unterstützung des Volkes, um substanzielle Reformen durchzuführen, welche die Rechte von Christen besser berücksichtigen würden. Obwohl die Regierung Christen nicht unbedingt als Bedrohung ihrer Macht betrachtet, ist sie immer noch nicht in der Lage, einen wirksamen Schutz ihrer Rechte zu gewährleisten, da dies ihre Stellung bei den konservativeren islamischen Bevölkerungsgruppen untergraben würde. Daher könnten einige der Maßnahmen der Regierung auch als Versuch gesehen werden, diesen Teil der Gesellschaft zu beschwichtigen. Aufgrund ihrer antikolonialen und revolutionären Wurzeln hat die Regierungspartei, die seit der Unabhängigkeit an der Macht ist, darüber hinaus eine ideologische Perspektive, die sie misstrauisch gegenüber christlichen Missionstätigkeiten macht, insbesondere wenn sie mit Kirchen und christlichen Gruppen im Westen in Verbindung stehen.

3. Verfolger

Verfolger der Triebkraft Islamische Unterdrückung

Wie in den meisten anderen Ländern der Region geht die Verfolgung in Algerien hauptsächlich von der Gesellschaft, von extremistischen islamischen Lehrern sowie von Beamten aus, die deren Ansichten teilen. Algerische Christen, von denen die meisten muslimischer Herkunft sind, werden vor allem von ihren Familienmitgliedern und Großfamilien verfolgt. Daher sind die Familie und das Umfeld wichtige Verfolger, einschließlich lokaler traditioneller (Stammes-)Führer und Ältester. Auch Staatsbedienstete auf verschiedenen Ebenen der Verwaltungshierarchie spielen eine Rolle, wenn es darum geht, Druck auf Christen auszuüben, ihren Glauben aufzugeben und darum, die Freiheit der Christen einzuschränken, ihre Meinung zu äußern und ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu leben. Einige islamische Lehrer setzen sich aktiv für die Verfolgung von Christen ein.

Verfolger der Triebkraft Ethnisch begründete Anfeindungen

Regierungsbeamte, politische Parteien und Führungspersönlichkeiten spielen eine wichtige Rolle als Verfolger. Die Feindseligkeit dieser Akteure gegenüber den kulturellen, sprachlichen und politischen Ansprüchen nichtarabischer ethnischer Gruppen bedeutet, dass infolge ihrer Bemühungen, solche Forderungen zu unterdrücken, auch die örtlichen Kirchen Beschränkungen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Das Wachstum der Kirche, vor allem in der Kabylei-Region, wird als Bedrohung für die vorwiegend arabische und islamische Identität des Landes wahrgenommen. Folglich fördern Regierung und Regierungspartei Verfolgung durch „Ethnisch begründete Anfeindungen“.

Verfolger der Triebkraft Diktatorische Paranoia

Algerien ist eines der wenigen Länder Nordafrikas, in dem sich das Regime dauerhaft an der Macht halten und weitreichende demokratische Reformen umgehen konnte. Seit der Unabhängigkeit ist die Nationale Befreiungsfront trotz mehrerer Präsidentenwechsel an der Macht geblieben. Die Nationale Befreiungsfront wurde oft von islamistischen politischen Bewegungen herausgefordert und um die Anhänger der islamistischen Bewegungen für sich zu gewinnen und ihre Legitimität zu stärken, schränkt die Regierung die Freiheit von Christen ein.

4. Hintergrund

2014 wurde Präsident Bouteflika für eine vierte Amtsperiode wiedergewählt. Die algerische Verfassung erlaubt nur zwei Amtsperioden, doch mit Unterstützung islamistischer Parteien konnte er eine Verfassungsänderung vornehmen. Seit er 2013 einen Schlaganfall erlitt, trat der Präsident kaum in der Öffentlichkeit auf und führte nicht einmal eine Wahlkampagne zur Präsidentschaftswahl 2014 durch. Die Zukunft Algeriens wird in hohem Maße davon abhängen, wer dem angeschlagenen Präsidenten nachfolgen wird. Algerien verabschiedete 2016 eine Reihe von Verfassungsänderungen, die dem Parlament mehr Macht einräumen und die Begrenzung der Präsidentschaft auf zwei Amtszeiten wiederherstellt. Jedoch haben viele Kritiker und Gegner des Regimes diese Reformversuche als oberflächlich abgetan. Der Rückgang der Preise für Erdgas, ein wichtiges Exportgut in Algerien, hat die wirtschaftlichen Herausforderungen für das Land verschärft.

Algerien belegt auf dem Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen Rang 83 von 188 Ländern. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 75 Jahren und einer Alphabetisierungsrate von 80,2 Prozent scheint Algerien bei der Bereitstellung sozialer Güter und Dienstleistungen viel besser abzuschneiden als die meisten afrikanischen und arabischen Länder. Indes ist die Jugendarbeitslosigkeit weiterhin ein Problem und der Rückgang der Energiepreise hat den algerischen Staat vor eine ernsthafte wirtschaftliche Herausforderung gestellt. Dennoch haben Algerier mit einem Bruttonationaleinkommen pro Kopf von 13,533 US-Dollar eine bessere Lebensperspektive und bessere wirtschaftliche Bedingungen als die meisten anderen Länder Afrikas und einiger arabischer Länder.

Trotz seiner gewaltsamen Vergangenheit und der anhaltenden Bedrohung durch islamische Erhebungen ist Algerien relativ stabil. Diese Stabilität ist jedoch gefährdet und könnte aus vielen Gründen zerstört werden. Anlass zur Besorgnis ist der zunehmende wirtschaftliche Druck auf die Regierung, die mit steigender Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Unzufriedenheit angesichts sinkender Erdgaseinnahmen umgehen muss. Besorgniserregend ist auch die Möglichkeit eines Kampfs zwischen Offizieren der Armee um die Nachfolge. Es besteht auch die Gefahr, dass die Gesetzlosigkeit in Libyen die Stabilität in Algerien untergraben könnte, da die beiden Länder eine lange Grenze teilen. Jede Instabilität, die in Algerien aufgrund einer dieser Ursachen entstehen könnte, würde die Situation der Christen wahrscheinlich noch verschlimmern.

Neben Christen sind auch algerische Juden und Ahmadis in unterschiedlichem Maß mit Verfolgung konfrontiert. Algerische Juden fürchten wegen der Androhung von Gewalt durch Islamisten um ihre Sicherheit und es gab Fälle von Schändungen jüdischer Friedhöfe. Die Ahmadiyya sieht sich einer stärkeren Verfolgung ausgesetzt, einschließlich strafrechtlicher Vorwürfe wegen „Verunglimpfung des Dogmas oder der Gebote des Islam“, feindseliger Reden von Amtsträgern und der Verweigerung des Vereinigungsrechts.

5. Betroffene Kategorien von Christen

Christen aus traditionellen Kirchen

Zu dieser Kategorie gehören die Römisch-Katholische und einige evangelische Kirchen unter dem Dach der EPA (Protestantische Kirche Algeriens). Diese Gemeinschaften sind außerhalb ihrer Gottesdiensträume mit Einschränkungen konfrontiert, sind aber erlaubt, sofern sie registriert sind. Katholische Kirchen (einschließlich einer Kathedrale in Algier, dem Sitz des Erzbischofs) führen Gottesdienste ohne staatliche Einmischung durch, ebenso wie die Protestantische Kirche Algeriens, die ein Bund verschiedener christlicher Gemeinden (Denominationen) ist. Es gibt auch eine kleine Zahl christlicher Studenten aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara, die an Universitäten oder in ihrem alltäglichen Leben in den Städten mit Diskriminierung konfrontiert sind.

Christen muslimischer Herkunft

Fast alle Christen Algeriens sind muslimischer Herkunft und werden verfolgt. Das Gesetz verbietet alle öffentlichen Versammlungen, bei denen ein anderer Glaube als der Islam praktiziert wird. In der Berber-Region gibt es eine große Zahl inoffizieller Gruppen, die sich regelmäßig treffen; Nichtmuslime versammeln sich zum Gottesdienst meist in Privathäusern. Gemeindeleiter geben an, dass Christen konstant unter Druck gesetzt werden. Unabhängigen christlichen Gemeinden wird eine Registrierung häufig verwehrt. Die sehr junge algerische Kirche (sie besteht zumeist aus Christen der ersten Generation) ist in vielfältiger Form Diskriminierungen durch den Staat und Familienmitgliedern ausgesetzt. Während die protestantischen Kirchen unter dem Dachverband EPA (Protestantische Kirche Algeriens) bereits zur Kolonialzeit entstanden, gehören dazu auch Gemeinschaften von Christen muslimischer Herkunft.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 12.300
Familienleben: 13.100
Gesellschaftliches Leben: 7.500
Leben im Staat: 10.400
Kirchliches Leben: 12.400
Auftreten von Gewalt: 2.000

Grafik: Verfolgungsmuster Algerien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster

  • Der Druck auf Christen in Algerien ist sehr leicht zurückgegangen: Die Durchschnittswertung sank von 11,2 Punkten im Weltverfolgungsindex 2017 auf 11,1 Punkte.
  • Es gab keine nennenswerten Veränderungen, was das Ausmaß des Drucks auf Christen betrifft. Der Druck ist am stärksten im Bereich „Familienleben“ (13,1), da für Christen muslimischer Herkunft die Verfolgung hauptsächlich von nahen Verwandten und Familienmitgliedern ausgeht.
  • Die Punktzahl im Bereich „Auftreten von Gewalt“ stieg von 1,7 im Weltverfolgungsindex 2017 auf 2,0 Punkte im aktuellen Berichtszeitraum.

Privatleben

In Algerien ist jeder Versuch, einen Muslim von einem anderen Glauben zu überzeugen oder ihn zur Konversion zu ermutigen, gesetzlich verboten. Allerdings ist die Bekehrung vom Islam an sich nicht kriminalisiert (Apostasie ist kein Verbrechen). Juristisch sind es also diejenigen, die die Bekehrung verursacht haben oder versuchen, jemanden zur Bekehrung zu bewegen, und nicht der Bekehrte selbst, die strafrechtlich haftbar gemacht werden. Das Hauptproblem für Christen muslimischer Herkunft ist daher die Verfolgung innerhalb der Familie, die sehr gefährliche Ausmaße annehmen kann. Kirchenleiter berichten, dass Christen muslimischer Herkunft (besonders Frauen) manchmal von ihren muslimischen Familien zu Hause eingesperrt werden. Sie dürfen keinerlei Kontakt zu anderen Christen haben, geschweige denn sich mit ihnen treffen. Da es christliche Sender gibt, die nach Algerien ausstrahlen, werden ihnen Fernsehen und Radio verboten. Im arabischen Teil des Landes ist die Verfolgung noch bedrohlicher und Christen mit muslimischem Hintergrund laufen Gefahr, getötet zu werden. Vielen Christen ist es nicht möglich, anderen Familienmitgliedern oder Gästen von ihrem Glauben zu berichten. Oft sind sie häuslicher Gewalt schutzlos ausgesetzt.

Familienleben

Für die algerische Regierung ist jeder Bürger ein Muslim. Es gibt Fälle, in denen muslimische Dorfbewohner Christen verwehrt haben, ihre verstorbenen Angehörigen zu beerdigen. Christliche Eheschließungen sind nur innerhalb der Kirche gültig, aber trotzdem nicht vom Staat anerkannt – die Behörden registrieren diese Ehen als muslimisch.

Gesellschaftliches Leben

Algerische Christen reden meist nur von „Dorfbewohnern, die nicht mit uns sprechen“, wohingegen christliche Menschenrechtsorganisationen von regelmäßigen verbalen und körperlichen Angriffen berichten. Laut dem „Internationalen Bericht zur Religionsfreiheit“ der US-Regierung aus dem Jahr 2012 werden „Ausländer und Bürger, die eine andere Religion als den Islam praktizieren, im Allgemeinen toleriert. Jedoch haben einige Christen muslimischer Herkunft aus Sorge über ihre persönliche Sicherheit ihren Glauben verschwiegen.“ Die Regierung ist besonders beunruhigt über Berichte von Missionierungen in den konservativeren muslimischen Gemeinden, wie beispielsweise in Gebieten, die als Basis von extremistisch-islamischen Gruppierungen dienten, die im Bürgerkrieg (1991-1999) gegen die Regierung kämpften. Christen, die dort leben, müssen ihren Glauben geheim halten, weil sie sonst keinen Zutritt zu Universitäten erhalten und von Lehrern diskriminiert werden.

Leben im Staat

Die konsequente Umsetzung der sehr restriktiven Verordnung 06-03 schränkt die Freiheit von Christen im Bereich „Leben im Staat“ besonders ein. Das Gesetz, das Gottesdienste nichtmuslimischer Religionen nur unter Auflagen erlaubt, wurde im Februar 2006 verabschiedet und trat im darauffolgenden September in Kraft. Die Einführung dieses Anti-Konversions-Gesetzes im Jahr 2006 war für die christliche Kirche Algeriens ein Wendepunkt und markierte einen Rückschritt für die Religionsfreiheit. Die Verordnung 06-03 verbietet jede Handlung, welche „einen Muslim zum Übertritt zu einer anderen Religion auffordert, nötigt oder entsprechende Verführungsmethoden einsetzt oder hierfür Unterrichts-, Bildungs-, Gesundheitseinrichtungen oder Einrichtungen gesellschaftlicher oder kultureller Natur oder Schulungsinstitutionen oder irgendeine andere Einrichtung oder finanzielle Mittel nutzt.“ Die Zuwiderhandlung wird mit zwei bis fünf Jahren Gefängnis und einem Bußgeld geahndet. Das Gesetz verbietet auch alle christlichen Veranstaltungen außerhalb staatlich anerkannter Kirchengebäude. Seit November 2007 haben sich Maßnahmen gegen Kirchengemeinden und der Druck auf Christen beachtlich gesteigert. Zwischen November 2007 und Mai 2008 hat die Regierung 26 Kirchengemeinden geschlossen, und seit Januar 2008 wurden etwa fünfzehn Christen verhaftet und angeklagt. Einige von ihnen wurden zu Gefängnisstrafen und hohen Bußgeldern verurteilt. Ein besonders beunruhigender Aspekt der Verordnung 06-03 ist die vage Formulierung, die eine sehr willkürliche Auslegung und Anwendung ermöglicht.

Die Freiheit von Christen steht im Bereich „Leben im Staat“ besonders unter Druck, weil die Verordnung 06-03 weiterhin durchgesetzt wird. Der Trend zur Inhaftierung von Christen wegen Social-Media- oder Blogeinträgen hat sich auch im aktuellen Berichtszeitraum fortgesetzt. Ein algerischer Christ, Samir Chamek, wurde wegen Blasphemie angeklagt und im Januar 2017 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er auf Facebook einen Beitrag veröffentlicht hatte, der als islamkritisch empfunden wurde.

Kirchliches Leben

Der scheinbar positiven Nachricht, dass die EPA (Protestantische Kirche Algeriens) nach jahrelangen Bemühungen im Jahr 2011 endlich die offizielle Registrierung erhielt, folgte eine Enttäuschung. Es wurde keine wirkliche Freiheit gewährt, und die Ortsgemeinden sind weiterhin verpflichtet, eine eigene Registrierung zu beantragen. Auf lokaler Ebene hat sich die Unterdrückung noch verschärft und keine Ortskirchen, die der EPA angehören, wurden registriert. Die Regierung hat seit Inkrafttreten der Verordnung 06-03 im Februar 2006 keine neuen Kirchen mehr registriert, sodass sich viele Christen weiterhin in inoffiziellen Hauskirchen treffen, die oft Privathäuser oder Büroräume von Gemeindemitgliedern sind. Aus rechtlicher Sicht legt die Verordnung 06-03 Vorschriften für kirchliche Bauten fest, sodass eine Versammlung zuhause verboten ist. Die Strafe kann bis zu drei Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 300.000 Algerischen Dinar (etwa 3.000 Euro) betragen. Derzeit sind keine Christen aus diesem Grund im Gefängnis und die Christen treffen sich weiterhin in ihren Häusern. Dennoch hängt das Gesetz wie ein Damoklesschwert über ihnen. Im aktuellen Berichtszeitraum wurden mehrere Kirchen, die der Protestantischen Kirche Algeriens (EPA) angehören, von lokalen Behörden angewiesen, ihre Versammlungen auf der Grundlage des Gesetzes von 2006 zu beenden, das nichtmuslimische Gottesdienste reguliert.

Auftreten von Gewalt

Gewaltsame Verfolgung von Christen geht in Algerien weiterhin in erster Linie von nahen Familienangehörigen und Verwandten aus. Das erweiterte Umfeld trägt unter dem Einfluss extremistischer islamischer Lehrer ebenfalls zur gewaltsamen Christenverfolgung in Algerien bei.

Beispiele:

  • Ein junger Christ muslimischer Herkunft wurde von seiner Familie geschlagen und gezwungen, weiterhin die örtliche Moschee zu besuchen, nachdem seine Familie eine Bibel unter seinem Bett gefunden hatte. Ein anderer Christ mit muslimischem Hintergrund wurde zur Scheidung von seiner Ehefrau gezwungen, als ihre Familie herausfand, dass er kein Muslim mehr war.
  • Eine Kirche in Ouargla wurde angegriffen, indem während des Ramadan 2017 fast täglich Steine auf sie geworfen wurden. Im August 2017 wurde dieselbe Kirche in Ouargla durch einen Mob lokaler Einwohner attackiert. In Sidi Moussa wurde am 9. Juni 2017 eine katholische Kirche für Arbeitsmigranten zerstört.
  • Ein Christ muslimischer Herkunft wurde geschlagen und von seiner Familie verstoßen, nachdem entdeckt wurde, dass er Christ geworden war. Er war gezwungen, unterzutauchen, da er um sein Leben fürchtete.

7. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Die große Zahl von Wählern, die die Präsidentschaftswahl 2014 boykottierten, ist ein stummer Ausdruck der weitverbreiteten Unzufriedenheit der Bevölkerung angesichts der Arbeitslosigkeit, der Wohnungskrise und der politischen Stagnation. Sollte Präsident Bouteflika im Amt sterben, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass unter dem Druck einer jüngeren Generation, die sich verzweifelt nach Veränderung sehnt, soziale Unruhen ausbrechen – 70 % der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Die Frage ist, ob das, was nach Bouteflikas Herrschaft kommt, für die Christen des Landes eine Verbesserung bringt. In der gegenwärtigen Lage steht die christliche Gemeinde zwar unter großem Druck, hat aber dennoch Wege gefunden, zu überleben und sogar zu wachsen. Die Kirche könnte in einer neuen politischen Konstellation viel schlechter dastehen, wenn Islamisten aus der gesellschaftlichen Unzufriedenheit Kapital schlagen, wie sie es in Tunesien und Ägypten getan haben.

Die Zukunft des Landes wird auch von den Entwicklungen in den Nachbarländern abhängen. Es steht fest, dass der Islamismus in Nordafrika an Einfluss gewinnt, was ernsthafte Herausforderungen und Sorgen verursacht. Dazu gehören die unerbittlichen Bestrebungen extremistischer Muslime, die Ermordung von Sicherheitskräften, Zivilisten und Christen durch ihre Auslegung des Islam zu rechtfertigen.

8. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Algerien

  • Die politische Zukunft Algeriens bleibt unsicher und es scheint, dass die Regierung die Nachfolge für Präsident Bouteflika vorzubereiten versucht. Beten Sie um einen reibungslosen Übergang ohne Gewalt. Beten Sie auch dafür, dass die „neue“ Regierung offener gegenüber Christen sein wird und ihre Rechte als legitime Bürger anerkennt.
  • Zu sehen, dass die algerische Kirche weiterhin wächst, ist ein Grund, Gott zu preisen. Beten Sie für die neuen Christen, die sich der Gemeinde anschließen, dass sie im Glauben wachsen.
  • Beten Sie für die Christen muslimischer Herkunft, die vonseiten ihrer Familien verfolgt werden. Beten Sie um Schutz und dafür, dass sie ihren Verfolgern mit Liebe und Vergebung begegnen können.

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