Länderprofil Irak

Irak

8
Weltverfolgungsindex
2018
Flagge Irak
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Republik
Platz Vorjahr
7
ISO
IQ
Karte Irak
Karte Irak
Christen
0,26
Bevölkerung
38.65
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Privatleben: 14.700
Familienleben: 14.700
Gesellschaftliches Leben: 14.900
Leben im Staat: 14.900
Kirchliches Leben: 15.100
Auftreten von Gewalt: 11.300
Länderprofil Irak

Berichtszeitraum: 1. November 2016 – 31. Oktober 2017

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

86 Punkte / Platz 8 (WVI 2017: 86 Punkte / Platz 7)

Von wem Verfolgung ausgeht

Extremistische Bewegungen wie der „Islamische Staat“ (IS) und andere militante Gruppen sind bekannt dafür, gezielt Christen und andere religiöse Minderheiten durch Entführungen und Morde anzugreifen. Obwohl der IS sein Territorium im Irak fast vollständig verloren hat, lebt seine Ideologie weiter und hat die lokale Bevölkerung beeinflusst. Die Vorstellung, Christen seien Ungläubige und „unrein“, hat sich weit verbreitet. Außerdem sind Berichten zufolge schätzungsweise 3.000 IS-Kämpfer aus Mossul in der allgemeinen Bevölkerung untergetaucht. Obwohl einige christliche Familien in ihre Häuser zurückgekehrt sind, geht die Auswanderung der Christen weiter, weil sie Angst und keine Hoffnung auf eine gute Zukunft haben. Für die Christen im Norden haben auch die Nachwirkungen des Referendums über die kurdische Unabhängigkeit eine Rolle gespielt. Weitere Verfolgung geht von islamischen Leitern auf jeder Ebene aus, meist in Form von Hassreden in Moscheen. Regierungsbeamte auf allen Ebenen bedrohen Berichten zufolge Christen und „ermutigen“ sie auszuwandern. Clanführer, die (Groß-)Familie und „gewöhnliche Bürger“ üben erheblichen Druck auf Christen muslimischer Herkunft aus, um sie dazu zu bringen, wieder zum Islam zurückzukehren, und manchmal versuchen sie sogar, die „abgefallene“ Person zu töten. Indem sie es versäumen, eine pluralistische Gesellschaft zu fördern, tragen auch politische Parteien zur Verfolgung von Christen bei. Die Entführung von Christen geschieht oft in Form von organisierter Kriminalität, wobei finanzielle und religiöse Motive zusammenkommen. Auf einer niedrigeren Ebene der Verfolgung haben Leiter historischer Kirchen manchmal die offizielle Anerkennung neuer christlicher Konfessionen verhindert.

Auswirkungen der Verfolgung auf Christen

Christen muslimischer Herkunft erfahren den größten Druck durch die (Groß-)Familie und halten ihren Glauben oft geheim, da sie in der Gefahr stehen, von Familienmitgliedern, Clanführern und der Gesellschaft um sie herum bedroht zu werden. Als Konvertiten zum christlichen Glauben riskieren sie, Erbrechte zu verlieren sowie das Recht und die Möglichkeit zu heiraten. Offen den Islam zu verlassen führt im ganzen Land zu schwierigen Situationen. Besonders gefährlich war es in Gebieten, die noch vom IS gehalten wurden, es kann aber auch in der weniger radikalen Region unter der Herrschaft der kurdischen Autonomiebehörde riskant sein. Im Zentral- und Südirak erfahren Christen muslimischer Herkunft nicht nur Druck durch die (Groß-)Familie, sondern auch durch die Regierung in Bagdad, da die irakische Gesetzgebung auf der Scharia basiert, die für Abgefallene vom Islam die Todesstrafe vorsieht.

Die Assyrische Kirche des Ostens, die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Chaldäisch-Katholische Kirche und die Armenisch-Orthodoxe Kirche sind alle stark von Verfolgung betroffen, besonders durch extremistische islamische Bewegungen und nichtchristliche Leiter. Sie werden auch von den Behörden diskriminiert. Im Zentral- und Südirak zeigen Christen oft keine christlichen Symbole (wie z. B. ein Kreuz), da dies zu Belästigungen oder Diskriminierungen an Checkpoints, in der Universität oder am Arbeitsplatz sowie in Regierungsgebäuden führen kann. Sogar Christen in der autonomen Region Kurdistan haben Berichten zufolge das Kreuz aus ihren Autos entfernt, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen. Vor einigen Jahren konnte das katholische Seminar in Bagdad aufgrund von Entführungsdrohungen und Angriffen islamischer Kämpfer nicht mehr weiter betrieben werden und war gezwungen, nach Norden in die kurdische Autonomiebehörde umzuziehen. Auch die evangelischen, baptistischen und pfingstlerischen Kirchen in Bagdad und Basra sind von der Verfolgung durch extremistische islamische Bewegungen und nichtchristliche Leiter stark betroffen und werden regelmäßig von den Behörden diskriminiert. Bekennende Christen sind immer wieder zu Zielscheiben im Zentral- und Südirak geworden. Auch Blasphemiegesetze können gegen sie angewendet werden, wenn sie im Verdacht stehen, missionarisch unter Muslimen zu arbeiten.

Schließlich werden auch Christen, die ihre Kirchenzugehörigkeit wechseln (beispielsweise von einer orthodoxen zu einer evangelischen Gemeinde), oft durch Verweigerung bestimmter Rechte oder den Verlust des Arbeitsplatzes bestraft. Es ist bekannt, dass Leiter orthodoxer und katholischer Kirchen sich weigern, Eheschließungen für Mitglieder durchzuführen, die protestantische Kirchen besuchen.

Beispiele

  • In der Nähe von Bagdad wurden bei einem Angriff auf zwei Geschäfte, in denen Alkohol verkauft wird, am 23. Dezember 2016 mindestens drei Christen getötet und zwei verwundet. Die einheimischen Christen sehen darin einen gezielten Angriff auf Christen, gerade in Anbetracht des Zeitpunkts unmittelbar vor Weihnachten und der Tatsache, dass im Irak nur Christen Alkohol verkaufen.
  • Gräueltaten, die während oder vor der Befreiung hauptsächlich von Christen bewohnter Städte wie Karakosch vom IS begangen wurden, kamen im Januar 2017 ans Licht, als acht Leichen – höchstwahrscheinlich von Christen – gefunden wurden. Einige waren vor über einem Jahr getötet worden, andere erst vor Kurzem. Sie sind ein klarer Beweis dafür, wie gewalttätig der IS während und vor der Befreiung der Ninive-Ebene im Oktober und November 2016 vorging. Aber da es ungewiss ist, ob die Morde im aktuellen Berichtszeitraum stattfanden, wurden sie für den WVI 2018 nicht in die Wertung der Gewalt einbezogen.
  • Mindestens zwei Christen, eine Witwe und ihr jugendlicher Sohn, wurden in Mossul offiziell vom IS im Gefängnis festgehalten und im November 2016 gezwungen, Muslime zu werden. Sie konnten aus der Stadt fliehen. Mindestens 58 Christen wurden in Mossul während des Berichtszeitraums zum WVI 2018 festgehalten und werden derzeit immer noch vermisst. Es ist nicht bekannt, ob sie getötet oder entführt wurden.
  • Im aktuellen Berichtszeitraum gab es mehrere Vorfälle, in denen Christen mit muslimischem Hintergrund aufgrund ihres Glaubenswechsels von ihren Familien körperlich angegriffen, gefoltert oder entführt wurden.
  • Tausende von Christen suchten weiterhin nach einem Ort innerhalb oder außerhalb des Landes, an dem sie sicher leben können.
  • Schließlich wurden während oder vor der Befreiung von der Herrschaft des IS zahlreiche christliche Häuser und Besitztümer beschädigt oder geplündert.
  • Über ein eklatantes Beispiel für Hassreden wurde von Middle East Monitor am 17. Mai 2017 berichtet: Einer der höchsten schiitischen Regierungsbeamten des Irak erklärte öffentlich, dass Christen, Juden und andere religiöse Minderheiten zum Islam konvertieren, die religiöse Steuer („Dschizya“) zahlen oder getötet werden müssten. Scheich Alaa Al-Mousawi nannte die Christen auch „Ungläubige“ und „Polytheisten“ und betonte die Notwendigkeit des Dschihad gegen sie. Als Reaktion darauf reichten fast 200 irakische christliche Familien eine Klage ein, in der sie ihn beschuldigten, zu religiös motivierter Gewalt gegen Christen aufzuhetzen.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2018 hat der Irak mit 86 Punkten die gleiche Punktzahl wie im letzten Jahr. Allerdings ist die Platzierung mit Rang 8 um einen Platz niedriger als im Vorjahr, als der Irak Rang 7 belegte. Diese Änderung erklärt sich durch einen Anstieg der Werte anderer Länder. Die Punktzahl für den Druck auf Christen ging leicht zurück und die Punktzahl für Gewalt nahm zu. Die etwas niedrigere Punktzahl für den Druck erklärt sich vor allem dadurch, dass der „Islamische Staat“ (IS) den Großteil seines Territoriums im Irak verloren hat. Seine Ideologie lebt jedoch weiter und hat die lokale Bevölkerung beeinflusst. Obwohl einige christliche Familien in ihre Häuser zurückgekehrt sind, setzt sich die Auswanderung der Christen fort, weil sie Angst und keine Hoffnung auf eine gute Zukunft haben. Für die Christen im Norden haben auch die Folgen des Referendums über die kurdische Unabhängigkeit eine Rolle gespielt. Gewalttaten gegen alteingesessene Christen wurden meist von extremistischen militanten Gruppen oder Einzelpersonen begangen, während Konvertiten aus dem Islam am meisten mit Gewalt aus ihren (Groß-)Familien konfrontiert wurden.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Islamisch extremistische Gruppen wollen eine religiöse Säuberung des Irak und streben danach, den Irak ganz und gar zu einem islamischen Land zu machen. Seit der US-geführten Invasion im Irak im Jahr 2003 hat sich die Situation kontinuierlich verschlechtert. Anti-westliche (und damit auch anti-christliche) Stimmungen wirken zusammen mit beträchtlicher Gewalt durch islamische Extremisten und Gruppen von Aufständischen. Die Situation verschlimmert sich noch durch mangelnde Strafverfolgung und Gesetzlosigkeit. Darüber hinaus sind die islamistischen Milizen im Norden und im Westen zahlenmäßig gewachsen, beeinflusst durch den Bürgerkrieg in Syrien.

Im Juni 2014 rief der IS ein Kalifat in großen Teilen des Nord- und West-Irak aus, zusammen mit den Gebieten, die er in Syrien kontrolliert. Der IS führte strenge islamische Regeln ein und ist für den Großteil der Gewalt gegen Christen im Irak verantwortlich. Bis Ende 2017 wurden die meisten bislang vom IS gehaltenen Gebiete befreit und durch den IS begangene Gräueltaten wurden öffentlich. Man sagt, dass viele IS-Kämpfer in der Bevölkerung „untergetaucht” sind und damit eine Bedrohung für religiöse Minderheiten darstellen. Neue islamistische Gruppen sind entstanden wie „Chorasan“, eine Gruppierung, die mutmaßlich aus ehemaligen Mitgliedern von Al Kaida besteht. Unter dem Einfluss islamisch-extremistischer Gruppen wurde das islamische Bewusstsein zu einem neuen Faktor im Land, einschließlich des kurdischen Autonomiegebiets. Bedingt durch regionale Entwicklungen nimmt die Bedeutung des Islam in den irakischen und kurdischen Regierungen zu. Mehrere schiitische Parteien haben gute Beziehungen zur Islamischen Republik Iran und folglich wächst der Einfluss des Iran im Irak. Christen, besonders solche mit muslimischem Hintergrund, berichten bereits jetzt, dass sie in Gebieten nahe der iranischen Grenze von iranischen Geheimdiensten beobachtet werden. Generell scheint die Gesellschaft des Irak islamischer zu werden. Die soziale Kontrolle von Frauen sowie der Zwang zum Tragen eines Kopftuches und zur Einhaltung des Ramadan nehmen zu. Selbst christliche Frauen in Bagdad und Basra sind gezwungen, sich zu verschleiern, damit sie sich sicher außerhalb ihres Zuhauses bewegen können. In den noch vom IS kontrollierten Gebieten werden alle Frauen zur Vollverschleierung gezwungen.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Die irakische Gesellschaft ist immer noch sehr durch Stämme geprägt. Die Zugehörigkeit zu einem Stamm ist oft wichtiger, als dem Gesetz der Regierung zu gehorchen. Uralte Normen und Werte üben einen bestimmenden Einfluss auf die Stammesgesellschaft aus. Wo dieses Stammesdenken sich mit dem Islam vermischt, betrifft es insbesondere Christen muslimischer Herkunft. Wenn der Stammeshintergrund eines Christen muslimischer Herkunft bekannt ist, kann das andere Christen davon abhalten, ihm oder ihr zu helfen, weil sie dann selbst in Schwierigkeiten geraten können. Stammesgruppen haben in einigen Gebieten Einfluss innerhalb von und auf Regierungsbehörden.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Die Korruption spielt bei der Verfolgung von Christen eine wichtige Rolle, wie sich bei Lösegeldforderungen bei Entführungen von Christen zeigt oder bei der illegalen Übernahme von Häusern von Christen und deren Grundbesitz. Der Nichtregierungsorganisation „Bagdad Beituna“ („Bagdad, unser Zuhause“) zufolge gab es mehr als 7.000 Rechtsverletzungen gegen Eigentum irakischer Christen in Bagdad seit 2003. Ein Beamter aus Bagdad gab an, dass nahezu 70 Prozent der Häuser von Christen illegal übernommen wurden. Die Verwundbarkeit religiöser Minderheiten wie der Christen wird ausgenutzt. Korruption ist in der irakischen Gesellschaft tief verankert, bis hinauf in die höchsten Ebenen. Zudem sind es besonders Menschen mit politischer Macht – durch den Iran unterstützte muslimische Milizen eingeschlossen – die nicht nur Häuser von Christen besetzen, sondern auch Kirchen und Klöster.

Konfessioneller Protektionismus

Im Zentral- und Südirak stehen Christen, die aus einer traditionell christlichen Gemeinschaft zu einer protestantischen Freikirche wechseln, Drohungen und Widerstand von Familienmitgliedern, Stammesführern und der Gesellschaft gegenüber. Dies umfasst die Drohung, den Arbeitsplatz zu verlieren, den Verlust von Erbschaften oder von Ersparnissen für die Hochzeit. Angehörigen traditioneller christlicher Gemeinschaften, die freikirchliche Gemeinden besuchten, wurde verweigert, von ihrem Bischof getraut zu werden. Familien und Gemeinschaften distanzieren sich oft von solchen Christen, die ihre Konfession gewechselt haben.

3. Verfolger

Extremistische Bewegungen wie der IS und andere militante Gruppen sind bekannt dafür, gezielt Christen und andere religiöse Minderheiten durch Entführungen und Morde anzugreifen. Verfolgung geht aber auch von islamischen Leitern auf jeder Ebene aus, vor allem in Form von Hasspredigten in Moscheen. Regierungsbeamte auf allen Ebenen bedrohen Berichten zufolge Christen und „ermutigen“ sie auszuwandern. Auch im Norden haben gewöhnliche Bürger Berichten zufolge in der Öffentlichkeit die Frage aufgeworfen, warum immer noch Christen im Irak sind. Clanführer, die (Groß-)Familie und gewöhnliche Bürger üben erheblichen Druck auf Christen muslimischer Herkunft aus, um sie dazu zu bringen, wieder zum Islam zurückzukehren, und manchmal versuchen sie sogar, die „abgefallene“ Person zu töten. Indem sie es versäumen, eine pluralistische Gesellschaft zu fördern, tragen auch politische Parteien zur Verfolgung von Christen bei. Die Entführung von Christen geschieht oft in Form von organisierter Kriminalität, wobei finanzielle und religiöse Motive zusammenkommen. Auf einer niedrigeren Ebene der Verfolgung haben Leiter historischer Kirchen manchmal die offizielle Anerkennung neuer christlicher Konfessionen verhindert. Schließlich wird berichtet, dass internationale Organisationen wie UN/UNHCR oder große internationale Hilfswerke manchmal christliche Flüchtlingslager bei der Hilfe ignorieren und andere Organisationen, die sich auf die Hilfe für christliche Binnenvertriebene konzentrieren, ablehnen.

4. Hintergrund

Die Christen im Irak haben eine lange Tradition. Mossul – Iraks zweitgrößte Stadt, seit Mitte 2017 aus der Hand von IS-Milizen befreit – ist der heutige Name der früheren Stadt Ninive, aus dem biblischen Buch Jona. Schon lange lebten Christen in Städten wie Bagdad, Mossul und Basra. Vor der amerikanischen Invasion im Jahr 2003 war der Irak Heimat einer der größten christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten. Christen leben hier seit zwei Jahrtausenden, stehen aber jetzt am Rande der Auslöschung. In den letzten Jahren litt der Irak unter struktureller Unsicherheit, Konflikten und Instabilität. Ein Tiefpunkt wurde erreicht, als weite Teile im Norden und Westen des Irak Teil des durch den IS ausgerufenen Kalifats wurden. Die irakische Regierung ist weder in der Lage, Recht und Gesetz durchzusetzen, noch ein Minimum an Sicherheit zu gewährleisten. Korruption grassiert und die religiös begründete Gewalt scheint nicht aufzuhören.

Der Irak teilt sich in zwei Teile: in die halb-autonome Kurdenregion im Norden, offiziell durch die Kurdische Regionalregierung (KRG) in Erbil verwaltet, und den größeren arabischen Teil, größtenteils von der irakischen Regierung in Bagdad kontrolliert. Kurden und Araber haben jeweils ihre eigene Kultur und Sprache. Ein Großteil der irakischen Erdöl-Vorkommen findet sich nahe Kirkuk und Mossul, der Grenzregion zwischen den Kurdengebieten und dem arabischen Irak. Diese Region ist seit langem eines der gewalttätigsten Gebiete des Irak. Die Christen sind hier zwischen die Fronten zweier unterschiedlicher Kriege geraten: der eine um ein unabhängiges Kurdistan und der andere in Form einer religiösen Säuberung durch islamistische Gruppierungen, die ein rein islamisches Land anstreben. Andererseits gibt es Hoffnungsschimmer. Ende 2017 waren die meisten Gebiete, die der IS besetzt hatte, wieder unter Kontrolle der irakischen Regierung, und der irakische Premierminister Haider al-Abadi erklärte den Krieg gegen den IS für beendet. Die Zusammenarbeit von christlichen Pastoren mit muslimischem Hintergrund hat in einigen Orten im Norden zugenommen. Traditionelle Christen und deren Organisationen erreichen Flüchtlinge aus IS-kontrollierten Gebieten und Syrien durch die Verteilung von Decken und Spielzeug. Kirchengemeinden in Erbil und Dohuk leisten zudem in großem Umfang humanitäre Hilfe für Tausende (Binnen-)Flüchtlingsfamilien.

Andere religiöse Minderheiten, die im Irak verfolgt werden, sind Jesiden, Kakai und Mandäer. Sie werden als Nichtmuslime diskriminiert und ausgeschlossen. Es ist bekannt, dass insbesondere Jesiden durch den IS Gräueltaten erlitten haben, besonders Frauen und Mädchen, die als Sexsklavinnen missbraucht wurden. Über 3.500 jesidische Frauen und Mädchen sind derzeit immer noch vermisst und möglicherweise immer noch in Händen des IS.

5. Betroffene Kategorien von Christen

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten

Ausländische Christen und Arbeitsmigranten existieren im Irak, sind aber nicht unfreiwillig isoliert von anderen christlichen Gruppen und wurden daher nicht als eigenständige Gruppe in der Bewertung der Situation gezählt.

Christen aus traditionellen Kirchen

Kirchen wie die Assyrisch-Orthodoxe Kirche, die Chaldäisch-Katholische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche und die Armenische Kirche sind alle erheblich von Verfolgung durch extremistische islamische Gruppierungen und nichtchristliche Leiter betroffen. Zudem sind sie mit Diskriminierung durch Regierungsstellen konfrontiert. Im Zentral- und Südirak tragen Christen oft keine offen sichtbaren christlichen Symbole wie Kreuze, da dies zu Belästigungen und Diskriminierungen an Kontrollpunkten, in Universitäten, am Arbeitsplatz oder in Regierungsgebäuden führen kann. Es wurde berichtet, dass Christen selbst in der Autonomen Region Kurdistan Kreuze an ihren Autos entfernt hätten, um ungewollte Aufmerksamkeit zu vermeiden. (Bereits vor einigen Jahren konnte das katholische Seminar in Bagdad aufgrund von Androhungen von Entführungen und Angriffen durch islamische Extremisten nicht mehr weiterarbeiten und war gezwungen, in die Autonome Region Kurdistan umzuziehen).

Christen muslimischer Herkunft (Konvertiten)

Es gibt sowohl christliche Konvertiten mit einem muslimischen als auch mit einem traditionell christlichen Hintergrund, die nun zusammen mit protestantisch-freikirchlichen Christen Gottesdienst feiern. Christen muslimischer Herkunft erleben den meisten Druck durch die (Groß-)Familie und halten oft ihren neuen Glauben geheim, da sie riskieren, von ihren Familienangehörigen, Stammesführern und den Menschen in ihrem Umfeld bedroht zu werden. Sie riskieren, ihr Anrecht auf ein Erbe zu verlieren sowie das Recht und die Mittel zu heiraten. Offen aus dem Islam zu konvertieren, führt überall im Land zu schwierigen Situationen und ist besonders im vom IS besetzten Gebiet sehr gefährlich. Im Zentral- und Südirak werden Konvertiten auch von Regierungsbehörden unter Druck gesetzt. Die Kirche zu wechseln (z. B. aus einer orthodoxen Kirche zu einer freikirchlich-protestantischen Gemeinde) wird ebenfalls häufig mit dem Entzug von Rechten bestraft, wie mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Ein Bischof weigerte sich, Trauungen von Mitgliedern seiner Kirche durchzuführen, die freikirchlich-protestantische Gemeinden besucht hatten.

Christen aus protestantischen Freikirchen

Evangelikale Gemeinden, etwa in Bagdad und Basra, sind ebenso erheblich von der Verfolgung durch extremistische islamische Bewegungen und nichtchristliche Leiter betroffen, einschließlich Diskriminierungen durch die Behörden. In gewissem Maße sind freikirchliche Christen außerdem von Widerstand durch die eigene (Groß-)Familie betroffen. Freimütig auftretende Christen sind regelmäßig zu Zielen im Zentral- und Südirak geworden. Blasphemiegesetze können gegen sie verwendet werden, sollten sie verdächtigt werden, missionarisch unter Muslimen zu arbeiten. Für freikirchliche Christen gibt es keine gesetzliche Grundlage, um Bibelschulen zu errichten oder auswärtige Organisationen zu engagieren, ihnen dabei zu helfen.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 14.700
Familienleben: 14.700
Gesellschaftliches Leben: 14.900
Leben im Staat: 14.900
Kirchliches Leben: 15.100
Auftreten von Gewalt: 11.300

Grafik: Verfolgungsmuster Irak

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster

  • Der durchschnittliche Druck auf Christen im Irak ist extrem hoch (14,9 Punkte), wobei er gegenüber dem Berichtszeitraum zum WVI 2017 (15,2) leicht gesunken ist. Der Druck ist in allen Lebensbereichen extrem. Dies ist typisch für eine Situation, in der viele verschiedene Triebkräfte der Verfolgung zusammenwirken:
  • Der Druck durch Islamische Unterdrückung betrifft alle fünf Lebensbereiche, besonders für Christen muslimischer Herkunft.
  • Ethnisch begründete Anfeindungen (verbunden mit Islamischer Unterdrückung) betreffen besonders die Lebensbereiche Familienleben und Privatleben.
  • Organisiertes Verbrechen und Korruption werden besonders im Bereich des gesellschaftlichen Lebens und des Lebens im Staat sichtbar.
  • Konfessioneller Protektionismus betrifft besonders die Bereiche „Kirchliches Leben“, „Familienleben“ und „Privatleben“.
  • Das Ausmaß der Gewalt gegen Christen ist sehr hoch (11,3 Punkte) und gegenüber dem WVI 2017 (10,4) noch gestiegen. Der Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass drei Christen getötet wurden, zwei Christen inhaftiert wurden (im IS-Gebiet) und ein Christ zum Tode verurteilt wurde (im IS-Gebiet). Zudem wurden im Berichtszeitraum des WVI 2018 etwa 60 Christen entführt oder vermisst. Weitere Informationen folgen im Abschnitt „Auftreten von Gewalt“. Diese Zahlen waren höher als beim WVI 2017, sind aber immer noch vorsichtige Angaben; in Wirklichkeit könnten die Zahlen höher sein. Es waren keine verifizierten Berichte über die Anzahl der Zwangsverheiratungen verfügbar (im Berichtszeitraum zum WVI 2017 kamen unter dem IS mehr als zehn Fälle vor).
  • Die generelle Verfolgungssituation war im Berichtszeitraum zum WVI 2018 gekennzeichnet von mangelnder Strafverfolgung, der Bedrohung durch Angriffe von islamischen Extremisten und der Behandlung von Christen als Bürger zweiter Klasse durch die Behörden.

Privatleben

Die Christen mit muslimischem Hintergrund sind von allen Christen am meisten in der persönlichen Ausübung ihres Glaubens eingeschränkt. Meist können sie nicht öffentlich ihren Glauben teilen oder christliches Material/Literatur besitzen. Der Druck war besonders hoch im durch den IS kontrollierten Gebiet, aber auch im Zentral- und Südirak. In geringerem Maße trifft dies auch für die Autonome Region Kurdistan zu. Nur sehr wenige Christen sind noch im IS-kontrollierten Gebiet verblieben. In ihrem persönlichen Gottesdienst sind sie stark eingeschränkt, lautes (d. h. öffentlich vernehmbares) Singen geistlicher Lieder etwa ist unmöglich.

Familienleben

Christen muslimischer Herkunft müssen ihren neuen Glauben meist vor ihrer Familie verstecken, weil dieser Schande über die Familie bringt. Sie riskieren, bedroht und isoliert zu werden. Unter allen Christen ist das Leben der Familien, die in den vom IS kontrollierten Gebieten leben, am stärksten eingeschränkt. Aber auch in den anderen Teilen des Irak müssen christliche Eltern vorsichtig sein, was sie ihren Kindern von ihrem Glauben mitteilen. Wenn die Kinder zum Beispiel in der Schule von ihrem Glauben erzählen – besonders im Islamunterricht – riskiert die Familie, der Blasphemie beschuldigt zu werden.

Gesellschaftliches Leben

Auch in ihrem gesellschaftlichen Umfeld ist es für Christen muslimischer Herkunft zu gefährlich, offen über ihren Glauben zu reden. Wenn ihr Glaube bekannt wird, sind sie sich – im günstigsten Fall – Diskriminierung ausgesetzt. Noch schlimmer ist dies in den vom IS kontrollierten Gebieten, in denen alle Kategorien von Christen über ihren Glauben Stillschweigen bewahren müssen. Als Konvertit aus dem Islam zum christlichen Glauben entdeckt zu werden, ist in vom IS kontrolliertem Gebiet wie ein Todesurteil. Das gilt aber auch in den zentralen und südlichen Regionen. Alle Frauen im IS-Gebiet sind zur Vollverschleierung gezwungen. Aber auch in Bagdad und Basra wird auf christliche Frauen Druck ausgeübt, einen Schleier zu tragen. Selbst im Norden des Landes (Dohuk, Zakho und einige Gebiete Erbils) wächst der soziale Druck auf Frauen, ein Kopftuch zu tragen. In der Autonomen Region Kurdistan stehen die Christen mehr und mehr unter Druck durch die einheimische muslimische Bevölkerung, die sie beschuldigt, ihnen die Arbeitsplätze wegzunehmen.

Leben im Staat

Die Scharia ist die Hauptquelle für die Rechtsprechung. Sie verbietet die Konversion von Muslimen hin zu anderen Religionen. Daher werden Christen mit muslimischem Hintergrund auf Ebene des Staates diskriminiert, wenn ihr neuer Glaube bekannt wird. Es ist ihnen nicht möglich, ihre Religion in ihren Ausweispapieren ändern zu lassen, und ihre Kinder werden automatisch als Muslime registriert. Die fortwährende Islamisierung des gesamten Landes, die Autonome Region Kurdistan eingeschlossen, zeigte sich auch bei der Umsetzung des Gesetzes zur religiösen Registrierung im Jahr 2015 und dem Verbot des Verkaufs von Alkohol im Oktober 2016. Nachdem letzteres verabschiedet worden war, wurde unmittelbar vor Weihnachten 2016 ein Angriff auf zwei Läden verübt, die sich im Besitz von Christen befanden und bei denen mindestens drei Christen getötet und zwei weitere verletzt wurden.

Das Registrierungsgesetz zwingt nichtmuslimische Kinder, Muslime zu werden, wenn der Vater zum Islam konvertiert oder ihre Mutter einen Muslim heiratet. Das Gesetz wurde trotz Protesten religiöser Minderheiten verabschiedet. Einige Tage nach dem Alkoholverkaufsverbot wurde ein Christ, Eigentümer eines Restaurants und eines Ladens, in dem man Alkohol erwerben konnte, vor seinem Geschäft ermordet. Im nordirakischen Kurdengebiet gibt es Bemühungen, die Gesellschaft zu „kurdisieren“, indem in einigen vorwiegend von Christen bewohnten Gebieten und Städten Land an kurdische Muslime oder Jesiden verkauft wird. Dieser „demografische Umkehrprozess“ vollzieht sich seit einigen Jahren in vielen mehrheitlich von Christen bewohnten Gebieten in der kurdischen Autonomieregion. Eine neuere Entwicklung ist, dass auch Schiiten demografische Veränderungen in der Ninive-Ebene vornehmen wollen. In diesem Sinne wurde im Unterbezirk Bartella eine vom Iran finanzierte und nach dem ersten geistlichen Führer der Islamischen Republik „Imam Khomeini“ benannte Schule eröffnet.

Kirchliches Leben

In Gebieten, die vom IS kontrolliert werden, wurden Kirchen und Klöster entweder zerstört oder zu anderen Zwecken genutzt (Gefängnisse, islamische Zentren, Ställe). Es war praktisch unmöglich, irgendeine Art von Gemeindeleben im IS-Gebiet zu haben: Öffentliche Versammlungen, die nicht vom IS organisiert wurden, waren verboten. Die meisten Christen waren aus diesen Gebieten geflohen, doch einige wenige blieben, manche versteckt, andere in Gefangenschaft. Die meisten wurden gezwungen, zum Islam zu konvertieren und an den islamischen Gebeten teilzunehmen. Wer sich weigerte, wurde geschlagen. Eine sehr beunruhigende Entwicklung im Zentral- und Südirak ist der Mangel an Priestern oder an Gottesdienstbesuchern in manchen Kirchen – aufgrund von Auswanderung oder Gefahr für die Kirchenleiter. Aus diesem Grund mussten manche Kirchengebäude verkauft werden. Kirchenleiter wie Pastoren und Priester werden gezielt angegriffen und von islamischen Extremisten getötet, um ein Exempel zu statuieren und andere Christen in Angst zu versetzen, besonders in Bagdad.

Auftreten von Gewalt

Gewalttaten gegen Christen aus traditionellen Kirchen wurden meist von islamisch-extremistischen Gruppen oder Einzelpersonen begangen, während Christen mit muslimischem Hintergrund meist Gewalt seitens ihrer (Groß-)Familien erfahren haben.

  • In der Nähe von Bagdad wurden bei einem Angriff auf zwei Geschäfte, in denen Alkohol verkauft wird, am 23. Dezember 2016 mindestens drei Christen getötet und zwei verwundet. Die einheimischen Christen sehen darin einen gezielten Angriff auf Christen, gerade in Anbetracht des Zeitpunkts unmittelbar vor Weihnachten und der Tatsache, dass im Irak nur Christen Alkohol verkaufen.
  • Gräueltaten, die während oder vor der Befreiung hauptsächlich von Christen bewohnter Städte wie Karakosch vom IS begangen wurden, kamen im Januar 2017 ans Licht, als acht Leichen – höchstwahrscheinlich von Christen – gefunden wurden. Einige waren vor über einem Jahr getötet worden, andere erst vor Kurzem. Sie sind ein klarer Beweis dafür, wie gewalttätig der IS während und vor der Befreiung der Ninive-Ebene im Oktober und November 2016 vorging, aber da es ungewiss ist, ob die Morde im aktuellen Berichtszeitraum stattfanden, wurden sie für den WVI 2018 nicht in die Wertung der Gewalt einbezogen.
  • Mindestens zwei Christen, eine Witwe und ihr jugendlicher Sohn, wurden in Mossul offiziell vom IS im Gefängnis festgehalten und im November 2016 gezwungen, Muslime zu werden. Sie konnten aus der Stadt fliehen. Mindestens 58 Christen wurden in Mossul während des Berichtszeitraums zum WVI 2018 festgehalten und werden derzeit immer noch vermisst. Es ist nicht bekannt, ob sie getötet oder entführt wurden.
  • Während des Berichtszeitraums des WWL 2018 gab es mehrere Vorfälle, in denen Christen mit muslimischem Hintergrund von ihren Familien wegen ihrer Bekehrung körperlich angegriffen, gefoltert oder entführt wurden.
  • Über ein eklatantes Beispiel für Hassreden wurde von Middle East Monitor am 17. Mai 2017 berichtet: Einer der höchsten schiitischen Regierungsbeamten des Irak erklärte öffentlich, dass Christen, Juden und andere religiöse Minderheiten zum Islam konvertieren, die religiöse Steuer („Dschizya“) zahlen oder getötet werden müssten. Scheich Alaa Al-Mousawi nannte die Christen auch „Ungläubige“ und „Polytheisten“ und betonte die Notwendigkeit des Dschihad gegen sie. Als Reaktion darauf reichten fast 200 irakische christliche Familien eine Klage ein, in der sie ihn beschuldigten, zu religiös motivierter Gewalt gegen Christen aufzuhetzen.
  • Tausende von Christen waren weiterhin auf der Suche nach einem Ort innerhalb oder außerhalb des Landes, wo sie sicher leben können. Dies geschah unter dem Einfluss verschiedener politischer Entwicklungen im Land, nicht zuletzt der Erfahrung, bei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen die Fronten zu geraten, wie etwa bei den Kämpfen zwischen irakischen und kurdischen Streitkräften nach dem Referendum zur kurdischen Unabhängigkeit. Für die Wertung auf dem WVI wurden nur Fälle mit einbezogen, bei denen es sich nachweislich um Verfolgung aufgrund des christlichen Glaubens handelte.
  • Schließlich wurde in der Ninive-Ebene während oder vor der Befreiung vom IS im letzten Quartal 2017 eine große Zahl von Häusern und Grundstücken, die Christen gehörten, beschädigt, eingenommen oder geplündert. Allerdings werden in Bagdad und Städten im Süden wie Al Basrah, Al Nasiriyah, Al Emara, Babylon und Al Kut seit Jahren Immobilien, die Christen gehören, übernommen. Laut Joseph Slewa, Vertreter der Christen im irakischen Parlament, wurden in „etwa dreißigtausend Fällen Land und Grundstücke beschlagnahmt, die syrischen und chaldäischen Christen in Bagdad und anderen Provinzen gehörten“. Diese wurden von Milizen übernommen, die einigen politischen Parteien im Irak angehören. Laut Slewa sind die Täter „mächtige Gruppen, die ihre Autorität ausnutzen, um Eigentum zu beschlagnahmen. Einige Gruppen nutzen ihre Arbeit und Autorität bei den Regierungsstellen“, um Dokumente zu fälschen. Mafiöse Gruppen arbeiten über Immobilienbüros und betreiben betrügerische Machenschaften, um in den Besitz von Immobilien zu gelangen, die Christen gehören.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Unter allen im Weltverfolgungsindex untersuchten Kategorien von Christen sind Frauen, die sich vom Islam zum Christentum bekehrt haben, besonders schutzlos Verfolgung wegen ihres Glaubens ausgesetzt. Aber auch andere christliche Frauen sind mit Ungleichheit konfrontiert, z. B. wenn ihre Ehemänner zum Islam konvertieren. Bei Christinnen muslimischer Herkunft kommt der Druck am häufigsten vonseiten der (Groß-)Familie. Wenn eine Christin mit muslimischem Hintergrund noch bei ihrer Familie wohnt, riskiert sie Misshandlungen in Form von Hausarrest, sexueller Belästigung, Vergewaltigung und sogar Tod, wenn ihr Glaube bekannt wird. Christinnen muslimischer Herkunft können offiziell keine christlichen Männer heiraten, da der irakische Staat sie nach wie vor als Muslimas betrachtet und muslimische Frauen keinen Nichtmuslim heiraten dürfen. Wenn eine Frau mit einem muslimischen Ehemann verheiratet ist, riskiert sie Missbrauch und Morddrohungen von ihrem Ehemann oder seiner Familie, was einige zur Flucht veranlasst. Sie sind auch mit Reisebeschränkungen konfrontiert. Reiseverbote können von den Behörden, aber auch von der Familie verhängt werden, um z. B. zu verhindern, dass Christinnen muslimischer Herkunft das Land verlassen. Wird gegen dieses Verbot verstoßen, kann ein Gerichtsverfahren wegen „unerlaubten Reisens“ eingeleitet werden. Auch drohen Christinnen muslimischer Herkunft Zwangsscheidungen. Die Haltung der Familie des Ehepartners ist in dieser Frage von entscheidender Bedeutung.

Der IS ist bekannt für seine geringschätzige Behandlung von Frauen, insbesondere von Frauen aus religiösen Minderheiten. Seit der Einrichtung des sogenannten Kalifats in Teilen des Irak und Syriens im Juni 2014 entführte der IS in großer Zahl jesidische Frauen, aber auch einige Christinnen, um sie zu Ehen mit IS-Kämpfern zu zwingen. Sie erlitten sexuelle Versklavung und wurden verkauft. Obwohl es inzwischen weniger sind, könnten jesidische und christliche Frauen, die immer noch vermisst werden, auch weiterhin mit sexuellem Missbrauch konfrontiert sein. Außerdem hat der IS Berichten zufolge Frauen getötet, weil sie kein Kopftuch trugen, und Nichtmuslimas gezwungen, sich ebenfalls zu verschleiern. Auch außerhalb des IS-Gebietes tragen christliche Frauen und Mädchen jetzt zu ihrer eigenen Sicherheit Schleier. Unverschleierte Frauen in Bagdad und Basra sind in großer Gefahr, belästigt , mit Steinen beworfen, entführt oder getötet zu werden.

Insgesamt ist die irakische Gesellschaft durch weit verbreitete Gesetzlosigkeit gekennzeichnet. Für christliche Frauen wird dies noch dadurch verstärkt, dass Handlungen gegen Christen generell ungestraft bleiben, sei es bei Diebstahl, Entführung, sexuellem Missbrauch oder Korruption. Die besseren Verbindungen und der höhere Status des muslimischen Täters bedeuten, dass er immer den Prozess gewinnen wird, besonders unter dem Stammesjustizsystem, welches die staatliche Justiz außer Kraft setzen kann. Auf kommunaler Ebene, in staatlichen Schulen, werden christliche Mädchen als schwächer angesehen und oft wegen ihres Glaubens verspottet, wie ein Feldforscher berichtet. Berichten zufolge stehen sie unter dem Druck, sich zum Islam zu bekehren, und ihre Noten können beeinträchtigt werden, wenn sie Konzepte, die ihrem christlichen Glauben widersprechen, offen in Frage stellen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass christliche Frauen – vor allem solche muslimischer Herkunft – in allen Bereichen der Gesellschaft unter Ungleichbehandlung leiden.

Männer

Christliche Männer sind im Irak Berichten zufolge bei der Arbeit und bei der Ausbildung mit Diskriminierung konfrontiert. Die Diskriminierung am Arbeitsplatz betrifft Männer aus allen im Weltverfolgungsindex unterschiedenen Kategorien von Christen, insbesondere solche, die im öffentlichen Sektor arbeiten. Christen im Zentral- und Südirak wurden unter Druck gesetzt, ihren Arbeitsplatz zu verlassen, insbesondere wenn sie für ausländische Organisationen arbeiten oder auf höheren gesellschaftlichen Ebenen (z. B. bei staatlichen Firmen) beschäftigt sind. Im Norden berichten Christen darüber, wie sie darum kämpfen müssen, überhaupt eine Anstellung zu bekommen. Auch fühlten sie sich verwundbar und anfällig für Ausbeutung an ihrem Arbeitsplatz, wie ein Feldforscher berichtet. In der sehr traditionellen und stammesbewussten irakischen Gesellschaft sind Männer oft die Hauptverdiener für ihre Familien, und der Verlust ihres Arbeitsplatzes kann erhebliche Auswirkungen auf christliche Familien haben. Dieses Problem betrifft Christen mit muslimischem Hintergrund in allen Bereichen der Gesellschaft; wenn ihr Glaube bekannt ist, werden sie ernsthafte Probleme haben, Arbeit zu finden und zu behalten.

Christliche Männer mit muslimischem Hintergrund können von ihren Familien verfolgt werden, bis hin zur Ermordung. Auch Christen mit nichtmuslimischem Hintergrund laufen Gefahr, für ihren Glauben getötet zu werden, wobei die Täter meist islamische Extremisten sind. Die Folgen davon können für ihre Familien sehr weitreichend sein, da diese nicht nur ohne Einkommen bleiben, sondern auch oft mit einem emotionalen Trauma konfrontiert sind, wenn der Mann flieht oder getötet wird. Die Familie eines Christen muslimischer Herkunft könnte auch Spott und Druck seitens seiner muslimischen Familie ausgesetzt sein. Der Verlust der christlichen Männer betrifft nicht nur ihre direkten Familien, sondern auch die Ortsgemeinde, die infolgedessen mit einem Mangel an potenziellen Leitern konfrontiert ist. Christliche Männer – insbesondere ehemalige Muslime – sind als solche in einer sehr gefährdeten Position, um ihre Familien zu versorgen.

8. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Die Economist Intelligence Unit (EIU) fasst die wichtigsten jüngsten Entwicklungen und ihre Prognosen für den Irak wie folgt zusammen: „Die irakischen Streitkräfte haben 2017 bedeutende Fortschritte im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) gemacht. Die dschihadistische Gruppierung wird wahrscheinlich am Ende des Jahres 2017 ihr Herrschaftsgebiet verloren haben. Dies wird, in Verbindung mit der raschen Rückeroberung der umstrittenen Gebiete von den Kurden nach dem Referendum Ende September, Premierminister Haider al-Abadi eine gute Position verschaffen, um die Wahlen 2018 zu gewinnen. Jedoch werden ihn die Auswirkungen der niedrigen Ölpreise und die enormen Kosten für den Wiederaufbau im Staatshaushalt weiterhin unter einen gewissen Druck setzen.“

Trotz des bevorstehenden Siegs über den IS im Irak ist nicht zu erwarten, dass die Bedrohung durch Verfolgung Islamische Unterdrückung kurzfristig bedeutend abnehmen wird. Der IS mag zwar Territorium verloren haben, aber seine Ideologie ist immer noch sehr lebendig und nicht auf sein Herrschaftsgebiet beschränkt. Um zu beweisen, dass mit ihm immer noch zu rechnen ist, führt der IS weiterhin Angriffe im Westen und im Nahen Osten durch oder inspiriert sie. Unterdessen sind Tausende von fliehenden IS-Kämpfern „verschwunden“ und in der Zivilbevölkerung der Ninive-Ebene untergetaucht – was das Gefühl der Unsicherheit bei religiösen Minderheiten wie den Christen verstärkt. Außerdem ist der IS nicht der einzige Verfolger, der von dieser Triebkraft motiviert ist. Es gibt immer noch Al-Kaida-Anhänger, ferner schiitische Milizen und andere militante islamische Gruppen wie die Chorazan-Gruppe, die sich aus ehemaligen Al-Kaida-Mitgliedern zusammensetzt und den Ruf hat, noch grausamer zu sein als der IS. Druck kommt auch von schiitischen Führern und Regierungsbeamten, die beleidigende öffentliche Erklärungen gegen Christen abgeben. Unterdessen erwacht Berichten zufolge in den kurdischen Autonomiegebieten im Norden ein islamisches Bewusstsein. Folglich wird davon ausgegangen, dass die Islamische Unterdrückung weiterhin eine Bedrohung für die Christen im Irak darstellt, die zu einem hohen Maß an Angst führt und Christen zur Auswanderung ermutigt.

Dass durch den IS ein gemeinsamer Feind wegfällt, wird wahrscheinlich ebenso wie das folgende Machtvakuum und die Folgen des kurdischen Unabhängigkeitsreferendums die Spaltungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen vertiefen. Dies könnte Ethnisch begründete Anfeindungen verstärken. Der Druck wird vor allem für Christen mit muslimischem Hintergrund zunehmen, die am meisten unter dieser Triebkraft der Verfolgung leiden, aber auch für andere Christen.

Inmitten dieser wachsenden Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen drohen die Christen zwischen die Fronten sich gegenseitig bekämpfender Gruppen zu geraten. Das könnte dazu führen, dass die Christen in sicherere Gebiete umsiedeln werden. Sie laufen auch Gefahr, in diesen politischen Machtkampf mit hineingerissen oder dabei benutzt zu werden, eine Entwicklung, welche die Diktatorische Paranoia verstärken wird. Darüber hinaus besteht die ernste Gefahr, dass der nächste Krieg nach der Niederlage des IS zwischen schiitischen Streitkräften und den Kurden stattfinden wird. Diktatorische Paranoia ist als Triebkraft der Verfolgung auch in der irakischen Regierung wirksam und verhindert, dass eine pluralistische Gesellschaft gefördert wird, in der religiöse Minderheiten wie Christen wirklich willkommen wären. Im Falle eines großen Machtkampfes dürfte eine weitere Triebkraft der Verfolgung im Irak an Bedeutung gewinnen: Organisiertes Verbrechen und Korruption. Sowohl bei der kurdischen Regierung als auch bei der Regierung in Bagdad ist bereits ein zunehmendes Maß an Korruption zu beobachten. Durch diese Triebkraft motivierte Verfolger benachteiligen insbesondere Christen in den Bereichen Arbeitssuche und Registrierung christlicher Unternehmen, aber eignen sich auch Besitz von Christen an.

Es ist schwer zu sagen, wie sich die Triebkraft Konfessioneller Protektionismus entwickeln wird. Einerseits besteht in Drucksituationen die Notwendigkeit, dass Christen zusammenarbeiten, was den Einfluss dieser Triebkraft mildern könnte. Kurzfristig ist aber zu erwarten, dass eine solche Zusammenarbeit zwar gesucht wird, gleichzeitig aber zunehmende Zersplitterungen entlang der Stammeslinien und Angst um das Überleben auch in die entgegengesetzte Richtung wirken.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für den Irak

  • Es gab viele ermutigende Nachrichten von Menschen, die in den südlichen Teilen des Irak zu Jesus fanden. Bitte beten Sie, dass Gott gute Hirten beruft und dass er ihren Hunger stillt, ihn zu kennen.
  • Danken Sie Jesus für die vielen Binnenvertriebenen, die in die Dörfer in der Ninive-Ebene zurückkehren konnten, seit der selbsternannte Islamische Staat vertrieben wurde. Bitte beten Sie für die Binnenvertriebenen aus der Ninive-Ebene, die immer noch ratlos sind. Sie wissen nicht, was sie tun sollen – ob sie in ihr ursprüngliches Dorf zurückkehren, in ihrer derzeitigen Situation als Binnenvertriebene bleiben oder das Land ganz verlassen sollen. Bitte beten Sie, dass sie bald Klarheit diesbezüglich bekommen.
  • Beten Sie für die Priester und Pastoren, die im Irak dienen, damit sie lebendige Beispiele für die Gegenwart Christi sind. Beten Sie, dass der Leib Christi die Hoffnung bewahrt.

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