Länderprofil Syrien

Syrien

15
Weltverfolgungsindex
2018
Flagge Syrien
Hauptreligion
Islam
Staatsform
Arabische Republik
Platz Vorjahr
6
ISO
SY
Karte Syrien
Karte Syrien
Christen
0,79
Bevölkerung
18.91
Islamische Unterdrückung
Ethnisch begründete Anfeindungen
Diktatorische paranoia
Privatleben: 14.400
Familienleben: 14.300
Gesellschaftliches Leben: 14.100
Leben im Staat: 14.500
Kirchliches Leben: 14.700
Auftreten von Gewalt: 3.700
Länderprofil Syrien

Berichtszeitraum: 1. November 2016 – 31. Oktober 2017

Zusammenfassung

Position auf dem Weltverfolgungsindex

76 Punkte / Platz 15 (WVI 2017: 86 Punkte / Platz 6)

Von wem Verfolgung ausgeht

Für Christen aller Kategorien sind militante islamische Gruppen eine deutliche Bedrohung. Die stärkste Verfolgung für Konvertiten vom Islam geht jedoch von der (Groß-)Familie aus. Regierung und Behörden schränken die Aktivitäten evangelischer Christen und Konvertiten ein, um aus ihrer Sicht jegliche Instabilität zu unterbinden. Es kommt zu Verhören und Überwachung. Initiativen dazu gehen manchmal von der Familie des Konvertiten oder auch von traditionellen Kirchen aus. Es gibt Hassreden gegen Christen durch islamische Führer. In von der Regierung kontrollierten Gebieten sind diese jedoch verboten. Geistliche Leiter des Islam üben direkt oder indirekt Druck auf Konvertiten aus, durch deren Familien oder Sicherheitskräfte.

Auswirkungen der Verfolgung auf Christen

Als Personen des öffentlichen Lebens stehen besonders Leiter der traditionellen Kirchen in Gefahr, entführt zu werden. Das gilt, wenn auch weniger stark, ebenso für Gemeinden der Baptisten, Evangelikale und Pfingstgemeinden. Sie sind bekannt für ihre Nähe zum Westen und verfügen oft nur über eine lose Organisation und keine starke Leiterschaft. Zudem haben sie keinen prominenten Fürsprecher im Ausland (wie etwa einen Papst oder Bischof), der ihr Anliegen öffentlich vorbringen kann. In den von extremistisch-islamischen Gruppen kontrollierten Gebieten sind die meisten historischen Kirchengebäude entweder zerstört oder zu Islamzentren umfunktioniert. Der christliche Glaube darf nicht öffentlich gezeigt werden. Kirchen und Klöster dürfen nicht repariert oder wiederaufgebaut werden, unabhängig davon, ob es sich um einen Kollateral- oder absichtlich herbeigeführten Schaden handelt. In von der Regierung kontrollierten Gebieten gibt es wegen des Krieges wenig Überwachung der Christen. Wofür eine Denomination, Kirchengemeinden und lokale Geistliche jeweils politisch stehen, hat großen Einfluss auf das Maß an Verfolgung und Unterdrückung, die sie von den Gruppen erfahren, die gegen Präsident Assad kämpfen.

Christen muslimischer Herkunft werden von ihren Familien besonders unter Druck gesetzt, da ihr Abfall vom Islam große Unehre über die Familie bringt. Dies gilt besonders in mehrheitlich von Sunniten bewohnten Regionen, wo sie riskieren, von ihren Familien verstoßen zu werden, oder Schlimmeres. Auf die Kurdengebiete trifft dies weniger stark zu, da kurdische Sunniten insgesamt weniger extremistisch ausgerichtet sind. Im Regierungsbezirk Nord-Aleppo gibt es sogar anerkannte kurdische Christengemeinden.

Beispiele

  • Die Punktzahl im Bereich „Auftreten von Gewalt“ nahm gegenüber dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2017 erheblich ab. Es liegen keine Berichte darüber vor, dass Christen wegen ihres Glaubens ermordet, zwangsverheiratet oder ihre Geschäfte und Unternehmen attackiert wurden (was nicht bedeutet, dass es solche Vorfälle nicht gegeben hat). Es ist anzunehmen, dass die Gewalt deshalb abnahm, weil die vom „Islamischen Staat“ (IS) kontrollierten Gebiete kleiner wurden.
  • Wie im Vorjahr haben sich Christen wegen Verfolgung aus Glaubensgründen einen sichereren Ort im Land oder im Ausland gesucht. Davon betroffen waren hauptsächlich Konvertiten zum christlichen Glauben, aber auch andere Christen und letztere besonders in vom IS kontrollierten Gebieten.
  • Eine Christin mit drusischem Hintergrund aus der Provinz Sweida im Süden Syriens versteckt sich derzeit im Libanon. Als sie Christin wurde, nahm ihr die Großfamilie die Tochter weg und drohte, sie umzubringen.
  • Berichten zufolge wurden sechs Christen entführt, zwei Erzbischöfe sowie ein Priester gelten noch immer als vermisst. Andere kamen frei. Das sind: Zwei Leiter eines Dienstes, die unter Konvertiten aus dem Islam tätig waren und deren Entführung nur einen Tag währte. Des Weiteren eine Assyrerin aus dem Irak, die 2014 vom IS in Karakosch entführt und nach Angaben der „Syrian Democratic Forces“ im November 2017 in der Stadt Deir el-Zur befreit worden war. Sie war an verschiedene IS-Anhänger verkauft worden, durch die sie mehrfach Missbrauch verschiedener Art erleiden musste. Außerdem war sie gezwungen worden, Videos über Enthauptungen von Nichtmuslimen anzusehen. Durch tägliche Schläge sollte sie zum Islam gezwungen werden.

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1. Position auf dem Weltverfolgungsindex

Mit einer Wertung von 76 Punkten belegt Syrien Platz 15 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) 2018. Im Vorjahr belegte Syrien Rang 6 mit 86 Punkten. Der Hauptgrund für die Verbesserung ist die geringere Punktzahl im Bereich „Auftreten von Gewalt“. Der Druck auf Christen in den unterschiedlichen Lebensbereichen bleibt jedoch auf sehr hohem Niveau. Es wurden weniger Vorfälle von Gewalt gegen Christen aus Glaubensgründen berichtet, auch deshalb, weil der „Islamische Staat“ (IS) immer weniger und kleinere Gebiete kontrolliert. Im Chaos des Bürgerkrieges war es zudem außerordentlich schwierig, zuverlässige Informationen zu erhalten. Das bedeutet also nicht, dass Gewalt gegen Christen aufgehört hätte; es kommt weiterhin zu Entführungen, physischem und sexuellem Missbrauch, und Christen fliehen ins Ausland oder innerhalb des Landes.

2. Triebkräfte der Verfolgung

Islamische Unterdrückung

Die Kämpfer des IS und in geringerem Maß auch die Anhänger von Jabhat al-Nusra (Al Nusra Front) sowie anderer extremistischer Gruppierungen sind gegenwärtig die brutalsten Verfolger der Christen in Syrien. Vor dem Bürgerkrieg genossen Christen in Syrien ein vergleichsweise hohes Maß an Freiheiten. Das änderte sich mit dem Auftreten der islamisch-extremistischen Gruppierungen. Ende Juni 2014 rief der IS sein Kalifat in weiten Teilen Syriens und des Irak aus und führte dort eine strikte Form der Scharia ein. Bereits im Februar 2014 waren Christen im syrischen Rakka gezwungen worden, einen „Dhimmi-Vertrag“ (Dhimmi = „Schutzbefohlener“ des Islam mit eingeschränkten Rechten; der Status verpflichtet zur Zahlung einer – oftmals extrem hohen – Kopfsteuer) zu unterzeichnen, eine deutliche Verletzung ihrer Glaubensfreiheit. Besonders in vom IS kontrollierten Gebieten hat sich die Gesellschaft schnell radikalisiert. Von dort sind die meisten Christen geflohen. Doch seit Beginn des Jahres 2016 hat der IS mehr und mehr Gebiete verloren und im Oktober 2017 sogar die Kontrolle über die selbsternannte Hauptstadt Rakka. Die Bedrohung durch Vergeltungsschläge des IS ist jedoch weiter präsent. „Islamische Unterdrückung“ ist auch in von der Regierung kontrollierten Regionen zu finden, und wird – wenn auch in schwächerer Form – von islamischen Leitern vorangetrieben.

Ethnisch begründete Anfeindungen

Die in Syrien herrschende Stammeskultur ist von der Loyalität dem eigenen Stamm oder der Familie gegenüber bestimmt. Dieses System strebt die Aufrechterhaltung traditioneller Werte und Normen für bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen an. Wie in vielen Ländern des Mittleren Ostens, ist die Stammeskultur stark vom Islam beeinflusst. Dies wirkt sich besonders auf Christen muslimischer Herkunft aus. Die Stärke dieser Verfolgungstriebkraft variiert je nach Größe einer Stadt und nach Region. Die kurdischen Gebiete im Norden sowie die Wüstenregion in der Landesmitte sind stärker betroffen.

Diktatorische Paranoia

Vor dem Bürgerkrieg waren die von „Diktatorischer Paranoia“ motivierten Verfolger meistens Regierungsbeamte. Der Staat überwachte damals beispielsweise Kirchengemeinden, um die Verkündigung auf politische Aussagen zu prüfen. Die Behörden versuchten auch den Glaubenswechsel vom Islam zum christlichen oder jeden anderen Glauben zu verhindern, da Glaubenswechsel als Bedrohung für die gesellschaftliche Stabilität und Quelle für Konflikte zwischen Gruppierungen gesehen wurden. Während letzteres noch gilt, finden Überwachungen von Christen durch die Behörden kaum noch statt, da die Regierung sich ganz dem Kampf gegen die verschiedenen Oppositionsgruppen widmet. Aufgrund der Umstände des Krieges gibt es kaum Anstrengungen, die Glaubensfreiheit der Christen zu schützen. Im heutigen Syrien ist diese Triebkraft weniger bei der Regierung, sondern hauptsächlich bei bewaffneten Gruppierungen zu beobachten, die Teile von Syrien unter ihre Kontrolle gebracht haben und entschlossen sind, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben.

Organisiertes Verbrechen und Korruption

Der Bürgerkrieg in Syrien hat jegliche behördliche Strafverfolgung beendet. Deshalb sind „Organisiertes Verbrechen und Korruption“ weit verbreitet und betreffen sogar den Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe. Menschen nutzen die Gelegenheit, sich selbst zu bereichern, beispielsweise auch durch Entführungen und Lösegeldforderungen. Als Geiseln werden Angehörige verschiedener Religionsgemeinschaften genommen. Für die Entführung von Christen gibt es finanzielle, aber auch politische und ideologische Motive. Sie stehen in dem Ruf, wohlhabend und regimetreu zu sein. Hinzu kommt, dass sie Teil einer besonders verwundbaren religiösen Minderheit sind.

3. Verfolger

Für Christen aller Kategorien sind militante islamische Gruppen wie der IS, al-Nusra und andere eine deutliche Bedrohung. Die stärkste Verfolgung für Konvertiten vom Islam geht jedoch von der (Groß-)Familie aus. Regierung und Behörden schränken die Aktivitäten evangelischer Christen und Konvertiten ein, um aus ihrer Sicht jegliche Instabilität zu unterbinden. Es kommt zu Verhören und Überwachung. Initiativen dazu gehen manchmal von der Familie des Konvertiten oder auch von traditionellen Kirchen aus. Es gibt Hassreden gegen Christen. In von der Regierung kontrollierten Gebieten sind diese jedoch verboten. Geistliche Leiter des Islam üben direkt oder indirekt Druck auf Konvertiten aus, durch deren Familien oder Sicherheitskräfte. Dies kann auch geschehen durch Leiter ethnischer Gruppen oder Personen im Umfeld. Außerdem werden immer wieder Christen von kriminellen Banden entführt, die Lösegeld erpressen, obwohl dies im Berichtszeitraum abgenommen hat.

4. Hintergrund

Der syrische Bürgerkrieg begann im Jahr 2011 als ein Volksaufstand, bei dem es um größere politische Freiheiten und wirtschaftliche Reformen ging – ähnlich wie in anderen arabischen Ländern zur selben Zeit. Die Wurzeln dieses Konflikts liegen jedoch tiefer und sind komplexer. Dazu gehören Kämpfe verschiedener sozialer Klassen, Spannungen zwischen Stadt- und Landbevölkerung und Unterdrückung der politischen Freiheit. Das erklärt zum Teil, warum der Konflikt sich so schnell zu einem extrem gewalttätigen Konflikt religiöser Prägung entwickeln konnte, der mittlerweile sieben Jahre andauert. Der religiöse Aspekt besteht hauptsächlich in der Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten (einschließlich der Alawiten). Viele Sunniten in von der Regierung kontrollierten Gebieten unterstützen jedoch das Assad-Regime, um sich dem Einfluss gewaltbereiter religiöser Gruppierungen entgegenzustellen. Mit dem Eindringen ausländischer extremistisch-islamischer Kämpfer hat die syrische Opposition eine zunehmende Islamisierung erfahren und der Bürgerkrieg entwickelt sich mehr und mehr zum „Dschihad“ gegen die syrische Regierung. Durch diesen Konflikt leiden alle Teile der syrischen Bevölkerung, allerdings sind einige verwundbarer als andere.

Ein wesentliches Merkmal der syrischen Christen ist, dass ethnische und religiöse Identität eng miteinander verknüpft sind. Um die Situation der Christen im Zusammenhang des gegenwärtigen Bürgerkrieges zu verstehen, muss man die geografische Konzentration der Christen auf einige strategische Gebiete des Landes berücksichtigen, die von Regierungstruppen und der Opposition stark umkämpft sind. Dazu gehören etwa die Städte Aleppo und Damaskus mitsamt ihrer Umgebung sowie die südlichen Bereiche der Provinz Homs in der Nähe der libanesischen Grenze. Dieser Aspekt trägt maßgeblich zur erhöhten Verwundbarkeit der Christen bei; ihre angebliche Nähe zur Regierung ist ein weiterer Faktor.

Auch andere religiöse Minderheiten wie die Jesiden sind von Verfolgung betroffen. Es handelt sich dabei um kurdische Religionsgruppen, die vom Regime nicht anerkannt sind. Ihre Kinder werden als Sunniten registriert, in der Schule müssen sie am Islamunterricht teilnehmen. Ihre Lage war vor dem Bürgerkrieg wahrscheinlich schwieriger, da ihre Regionen inzwischen mehr und mehr durch die kurdischen Streitkräfte kontrolliert werden, was ihnen mehr Freiheiten gibt.

5. Betroffene Kategorien von Christen

Christen aus drei der vier im WVI verwendeten Kategorien existieren in Syrien und sind von Verfolgung betroffen, die auch in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg steht.

Gemeinschaften ausländischer Christen

Es gibt ausländische Christen in Syrien, die jedoch in die bestehenden Kirchengemeinden integriert sind und nicht gesondert untersucht werden.

Christen aus traditionellen Kirchen (zumeist Syrisch-Orthodox und Römisch-Katholisch)

Als größte christliche Gruppe im Land werden Angehörige der historisch gewachsenen christlichen Gemeinschaften gezielt angegriffen. Sie leben im ganzen Land und damit auch in den Kampfgebieten. Aus dieser Gruppe stehen aufgrund ihrer öffentlichen Präsenz besonders die Leiter im Fadenkreuz der Islamisten. Geistliche der traditionellen Kirchen sind leicht an ihrer Kleidung erkennbar, was sie manchmal zu einem einfachen Angriffsziel macht. Angehörige dieser Konfessionen sind auch wegen der markanten Kirchengebäude oft leichter zu identifizieren als Christen anderer Kategorien. Hinzu kommt, dass viele von ihnen engere wirtschaftliche oder soziale Kontakte zu staatlichen Stellen pflegen. Die Intensität der Verfolgung oder Unterdrückung durch Regimegegner hängt zudem maßgeblich vom politischen Ruf einzelner Denominationen, Gemeinden oder Kirchenleiter ab. Entscheidend dafür ist, wie sich eine Gemeinde oder ein Christ in der Vergangenheit in politischer Hinsicht positioniert hat: wurde Präsident Assad offen unterstützt, war man um Neutralität bemüht, hat man sich distanziert oder gar gegen ihn opponiert?

Christen muslimischer Herkunft

Christliche Konvertiten mit muslimischem oder drusischem Hintergrund werden besonders durch ihre Familien unter Druck gesetzt, für die es eine große Schande darstellt, wenn ein Familienmitglied den Islam verlässt. Das trifft besonders in mehrheitlich sunnitischen Gebieten zu, wo Christen muslimischer Herkunft die Verbannung durch ihre Familien oder Schlimmeres droht. Als Folge der wachsenden Radikalisierung des Islam ist die Intensität der Verfolgung von Konvertiten durch die eigene Familie und die Gesellschaft in den von Rebellen kontrollierten Gebieten spürbar gestiegen. In den Kurdengebieten war der Druck im Rahmen der Familie weniger intensiv, da die kurdischen Sunniten in der Regel weniger fundamentalistisch eingestellt sind. Da die Behörden gegenwärtig andere Prioritäten zu setzen haben, wird von ihnen anders als in früheren Jahren kaum noch Druck auf Christen muslimischer Herkunft ausgeübt.

Protestantische Freikirchen

Es handelt sich vor allem um Baptisten sowie evangelikale und pfingstliche Gemeinschaften. Diese Gemeinden sind stark gefährdet, da sie für ihre Nähe zum Westen bekannt sind, oft nur über eine lose Organisation und keine starke Leiterschaft verfügen; zudem haben sie keinen prominenten Fürsprecher im Ausland (wie etwa einen Papst oder Bischof), der ihr Anliegen öffentlich vorbringen kann.

6. Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt

Privatleben: 14.400
Familienleben: 14.300
Gesellschaftliches Leben: 14.100
Leben im Staat: 14.500
Kirchliches Leben: 14.700
Auftreten von Gewalt: 3.700

Grafik: Verfolgungsmuster Syrien

Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die WVI-Platzierung. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.

Erläuterung zum Verfolgungsmuster Syrien:

Der Druck auf Christen in Syrien ist nach wie vor in allen Lebensbereichen extrem hoch. Die Punktzahl ist im Vergleich zum WVI 2017 (14,6) jedoch leicht gesunken, auf 14,4.

Der Druck ist in allen Lebensbereichen extrem hoch, am höchsten im Bereich „Kirchliches Leben“ (14,7), dann „Leben im Staat“ (14,5) und „Privatleben“ (14,4). Dies ist typisch für eine Situation, in der Islamische Unterdrückung in Kombination mit Diktatorischer Paranoia, die Hauptverfolgungstriebkräfte sind.

Druck durch Islamische Unterdrückung entsteht hauptsächlich durch das soziale Umfeld in den Bereichen „Privatleben“, „Familienleben“ und „Gesellschaftliches Leben“.

Das Ausmaß von „Auftreten von Gewalt“ ist im Vergleich zum WVI 2017 (13,7) um 10 Punkte zurückgegangen auf 3,7. Mit den Gebietsverlusten des IS gab es auch weniger Berichte gewaltsamer Vorfälle. Im Chaos des Bürgerkrieges war es zudem schwierig, überhaupt Informationen zu erhalten. Anders als im WVI 2017 liegen keine Berichte vor, dass Christen um ihres Glaubens willen ermordet, zwangsverheiratet sowie ihre Geschäfte und Unternehmen attackiert wurden. Dennoch gibt es weiter Gewalt gegen Christen, wie Entführungen, physischen und sexuellen Missbrauch, und Christen mussten aus ihren Wohnorten und teils aus dem Land fliehen – allerdings weniger als im WVI 2017.

Die Gesamtsituation in Syrien ist charakterisiert von schwerer Verfolgung von Christen aller Kategorien in den vom IS und Islamisten gehaltenen Gebieten und von Druck auf Christen mit muslimischem Hintergrund im ganzen Land.

Privatleben

Der Druck ist besonders groß in den von Islamisten kontrollierten Teilen des Landes. Christen aller Kategorien sind in ihrem Glaubensleben stark eingeschränkt und dürfen beispielsweise keine christlichen Lieder singen. Unter dem Einfluss eines radikalisierten Islam erleben Christen muslimischer Herkunft größeren Druck im Bereich ihrer persönlichen Glaubenspraxis. Das gilt besonders in den von Islamisten kontrollierten Gebieten, weniger in den Kurdengebieten.

Familienleben

Besonders Christen muslimischer Herkunft erleben intensive Verfolgung in diesem Lebensbereich, sobald ihr neuer Glaube bekannt wird. Dies gilt weniger stark in den Kurdengebieten. Ehemalige Muslime haben keine Möglichkeit, ihre Religionszugehörigkeit in ihren Ausweispapieren ändern zu lassen, sie können sich also nicht christlich taufen, trauen oder bestatten lassen. All dies gilt seit kurzem nicht mehr für die Kurdengebiete. In vom IS kontrollierten Gebieten sind solche Themen für alle Kategorien von Christen problematisch. Im ganzen Land wird christlichen Ehepartnern von Muslimen im Falle einer Scheidung meistens das Sorgerecht für die Kinder entzogen.

Gesellschaftliches Leben

In IS-kontrollierten Gebieten ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Christen extrem eingeschränkt. Wird bekannt, dass sich ein Muslim dem christlichen Glauben zugewandt hat, stößt er im ganzen Land auf diese Schwierigkeiten. Im Herrschaftsbereich des IS gelten die islamischen Kleidervorschriften auch für Christen. Dort werden Christen auch Schutzgeldzahlungen, die Beachtung besonderer Vorschriften für Handel und Ernährung einschließlich eines strikten Alkoholverbots aufgezwungen.

Leben im Staat

Aufgrund der aktuellen Zersplitterung des Landes haben die herrschende Ungerechtigkeit und der Mangel an Strafverfolgung weiter zugenommen. In von der Regierung kontrollierten Gebieten erleben Christen im öffentlichen Leben generell keine unmittelbare Diskriminierung durch die Behörden. Sie müssen jedoch jederzeit damit rechnen, im öffentlichen Dienst auf erschwerte berufliche Aufstiegsmöglichkeiten zu stoßen. Besonders Christen muslimischer Herkunft werden häufig benachteiligt, sobald ihr neuer Glaube bekannt wird. Die Weitergabe des Evangeliums und die Abkehr vom Islam sind verboten. In von extremistischen Kräften kontrollierten Gebieten gelten alle Nichtmuslime einschließlich der Christen als Bürger zweiter Klasse.

Kirchliches Leben

In den von Islamisten beherrschten Gebieten sind die meisten Kirchen entweder zerstört oder zu islamischen Zentren umfunktioniert worden. Öffentliche Ausdrucksformen des christlichen Glaubens sind verboten und weder Kirchengebäude noch Klöster dürfen repariert werden. Letzteres gilt unabhängig davon, ob die Beschädigung dem Gebäude absichtlich zugefügt wurde oder nicht. In von der Regierung kontrollierten Gebieten werden Christen aufgrund des Krieges weniger als früher überwacht. Eheschließungen von Christen muslimischer Herkunft sind im ganzen Land nicht möglich und deshalb illegal.

Auftreten von Gewalt

Gewaltsame Vorfälle wie im Berichtszeitraum des WVI 2017, in dem für mehrere Fragen die Maximalpunktzahl erreicht wurde, sind für den aktuellen WVI nicht gemeldet worden. Es gab jedoch entsprechende Vorfälle, wie ein Bericht aus der Stadt Al-Qaryatayn zeigt. Als syrische Regierungstruppen die vom IS besetzte Stadt zurückeroberten, stellten sie fest, dass der IS in den letzten Tagen vor der Niederlage noch 128 Personen tötete. Aus der mehrheitlich von Christen bewohnten Stadt waren jedoch bei der Erstürmung durch den IS 2015 die meisten Christen geflohen, deshalb war unklar, wie viele der 128 getöteten Personen Christen waren.

Einige Beispiele für gewaltsame Übergriffe sind nachfolgend genannt:

  • Berichten zufolge wurden sechs Christen entführt. Drei von ihnen werden noch immer vermisst: Yohanna Ibrahim, Erzbischof der Syrisch-Orthodoxen Kirche und Paul Yazigi, Erzbischof der Griechisch-Orthodoxen Kirche sowie der Jesuitenpater Paolo Dall‘ Oglio (alle 2013 entführt).
  • Eine Assyrerin aus dem Irak, die der IS 2014 in Karakosch entführt hatte, wurde im November 2017 durch die „Syrian Democratic Forces“ befreit. Sie war an verschiedene IS-Anhänger verkauft worden, durch die sie mehrfach Missbrauch verschiedener Art erleiden musste. Außerdem war sie gezwungen worden, Videos über Enthauptungen von Nichtmuslimen anzusehen. Durch tägliche Schläge und Folter und durch Todesdrohungen sollte sie zum Islam gezwungen werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass weitere christliche Mädchen und Frauen ähnliche Leiden erfahren mussten.
  • Milizionäre haben Berichten zufolge Häuser von Christen in Idlib und im Christenviertel von Aleppo attackiert und beschlagnahmt. Ihre Motive sind gemischt religiös und politisch.
  • Laut Berichten waren Dutzende von Christen muslimischer Herkunft wegen ihres Glaubens gezwungen worden, ihre Heimat und teils auch das Land zu verlassen. Eine Frau drusischer Herkunft aus der Provinz Sweida in Südsyrien versteckt sich beispielsweise im Libanon. Als sie Christin wurde, nahm man ihr die Tochter weg, und ihre Familie drohte, sie zu töten. Auch Christen aus anderen Gemeinschaften haben aus verschiedenen Gründen das Land verlassen, auch wegen der durch den Krieg bedingten Unsicherheit.

7. Verfolgungssituation für Frauen und Männer

Frauen

Frauen und Mädchen aus religiösen Minderheiten, also auch Christinnen, stehen in Gefahr von sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Das kann in regierungskontrollierten Regionen genauso geschehen wie in Rebellengebieten, wobei die Bedrohung dort größer ist. Konvertitinnen können in beiden Gebieten entführt und/oder zur Ehe mit einem Muslim gezwungen werden. So wurden Christinnen mit IS-Kämpfern verheiratet, manchmal auch mit mehreren. Der IS hat in seinem Magazin veröffentlicht, dass Christinnen und Jesidinnen als „Kriegsbeute“ zu betrachten sind. Viele von ihnen wurden vergewaltigt. Glaubhaften Berichten zufolge wurde Vergewaltigung gezielt zur Einschüchterung als Waffe eingesetzt, unabhängig von der Religion des Opfers; obwohl Religion ein weiteres Motiv für Vergewaltigung sein kann.

Gefahr für Frauen und Mädchen kommt jedoch nicht nur von gewaltbereiten islamischen Gruppen. Konvertitinnen können bei Bekanntwerden ihres Glaubenswechsels Gewalt auch von der Familie erfahren. Frauen sind wegen der islamischen Kultur von Ehre und Scham besonders gefährdet. Abwendung vom Islam ist ein großes Tabu und verletzt die Familienehre schwer. Somit erhöht sich das Risiko von Übergriffen und Ehrenmorden. Außerdem gibt es allgemein für Mädchen und Frauen in der Praxis (und fraglich, ob in der Rechtsprechung) nur wenig Schutz vor Gewalt in der Familie. Gemäß der Scharia darf eine Muslima keinen Christen heiraten (wohl aber ein Muslim eine Christin). Eine Heirat zwischen einer Christin muslimischer Herkunft und einem Christen ist per Gesetz unmöglich.

Konvertitinnen, die mit einem Muslim verheiratet sind, riskieren die Scheidung, insbesondere wenn die Schwiegereltern von ihrem neuen Glauben erfahren. Sehr wahrscheinlich wird ihnen dann das Sorgerecht für die Kinder entzogen. Obwohl es stark auf die Einstellung der muslimischen Familie ankommt, spricht die Scharia dem muslimischen Mann das Sorgerecht für die Kinder zu. Christliche Frauen haben nur dann Anspruch auf ein Erbe, wenn sie zum Islam konvertieren. Dies ist problematisch für Christinnen mit muslimischen Männern und auch für christliche Männer muslimischer Herkunft, da sie gemäß Scharia noch immer als Muslime gelten. Für alle hier Genannten ist es daher äußerst schwierig, ein stabiles Familienleben aufzubauen.

Männer

In Syrien sind alle Männer ab dem 18. Lebensjahr zum Militärdienst verpflichtet. Einige Christen verweigern den Wehrdienst aus Gewissensgründen und ziehen deshalb eine Auswanderung in Betracht.

Erleiden christliche Männer Verfolgung, so zieht dies ihre Familie stark in Mitleidenschaft, besonders wenn sie getötet oder entführt werden. Der Familie fehlen dann Einkommen und Grundversorgung. In der syrischen Kultur gilt der Mann als Versorger der Familie.

8. Ausblick

Erkennbare Trends und ihre Bedeutung für die Kirche

Mit der Beendigung der dreijährigen Belagerung von Deir el-Zur und der Befreiung der „IS Hauptstadt“ Rakka scheint nach Einschätzung des Sicherheits- Informationsdienstes Stratfor ein Ende des Bürgerkrieges in Syrien nahe. Politische Lösungen für den Konflikt liegen jedoch noch in weiter Ferne. Die „Economist Intelligence Unit“ (EIU) fasst die gegenwärtige Situation und Erwartungen für die nächsten drei Jahre wie folgt zusammen: „Das Assad Regime hat ein halbwegs dauerhaftes Gebiet unter seine Kontrolle gebracht, das sich über Westsyrien erstreckt. Es wird jedoch Mühe haben, die jüngsten militärischen Erfolge zu festigen, nicht zuletzt wegen des Richtungswechsels in der amerikanischen Außenpolitik, der sich besonders deutlich beim Luftschlag am 7. April 2017 gegen die Luftwaffenstützpunkte Assads zeigte. Auf jeden Fall werden – trotzt eines Waffenstillstandes vom Dezember 2016 – unterschiedliche Ansichten über die Zukunft von Baschar al-Assad und der Ausschluss einiger Rebellengruppen eine anhaltende politische Lösung verhindern.

Die Gebietsverluste des IS bedeuten offensichtlich eine große Befreiung für die in diesen Gebieten lebenden Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Triebkraft Islamische Unterdrückung dadurch entscheidend geschwächt ist. Es ist zu erwarten, dass der IS seine terroristischen Aktivitäten verdoppeln wird – im Mittleren Osten und weiteren Regionen – um seine Relevanz als weltpolitischer Faktor zu beweisen. In einer Vergeltungsaktion hat der IS beispielsweise im Dezember 2017 in Homs bei einem Anschlag mit einer Autobombe viele Menschen getötet, darunter auch zwei Christen. Der IS ist jedoch nicht alleine Betreiber der Islamischen Unterdrückung, auch dschihadistische Milizen der sunnitischen Opposition tragen dazu bei. Ihre Zeit ist noch nicht vorüber. Während des Bürgerkrieges haben national sowie international Mächtige gerne in den ländlichen Regionen die Karte der Stammeszugehörigkeit ausgespielt. Als Folge sind die Stämme zersplittert und haben sich zum Teil als konkurrierende Clans gegeneinander in Stellung gebracht, was die Abhängigkeit des Einzelnen vom eigenen Stamm noch vergrößert. In diesen Umständen bieten Stammeswerte, die sich zumeist auf den Islam gründen, Sicherheit und sind besonders wichtig. Die so gestärkte Triebkraft Ethnisch begründete Anfeindungen erhöht noch einmal den Druck auf Konvertiten seitens ihrer Familien und Gemeinschaften. Eine Verbesserung der Situation ist kurzfristig nicht zu erwarten.

Vom syrischen Regime müssen die Christen keine Überwachung fürchten, da die Regierung noch viel zu beschäftigt ist mit der Bekämpfung oppositioneller Truppen, und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Die stärksten Betreiber der Triebkraft Diktatorische Paranoia sind die bewaffneten oppositionellen Gruppen in den von ihnen kontrollierten Gebieten. Einige haben sich bereits zu einer nationalen Oppositionsarmee zusammengeschlossen. Dies könnte zu einem massiven und entscheidenden Zusammenstoß mit der Regierungsarmee führen, woraus sich wiederum ein größerer Druck auf alle religiösen Minderheiten – die Christen eingeschlossen – ergibt. Spätestens dann, wenn sie sich für die eine oder andere Seite entscheiden müssen.

Die Triebkraft Organisiertes Verbrechen und Korruption hat laut inländischen Beobachtern zumindest hinsichtlich Entführungen und Lösegelderpressungen von Christen nachgelassen. Diese finden jedoch nach wie vor statt, besonders in von Alawiten besiedelten Dörfern in Zentralsyrien, wo junge Alawiten an ihren eigenen inoffiziellen Checkpoints nach Sonnenuntergang Autos von Christen stehlen und/oder diese entführen. Deshalb bleiben Christen, wenn es dunkel wird, lieber in ihren Dörfern. Obwohl die Anzahl der gemeldeten Entführungen rückläufig ist, wird in einem Land mit einer auf Korruption angelegten Gesellschaft und meist fehlender Rechtsstaatlichkeit diese Triebkraft der Verfolgung in naher Zukunft kaum an Kraft verlieren.

9. Gebetsanliegen

Bitte beten Sie für Syrien:

  • Beten Sie für die Friedensverhandlungen für Syrien. Die Auswirkungen des Krieges sind sehr weitreichend, und die Menschen im Land leiden furchtbar. Beten Sie, dass Gottes Güte die Menschen zur Umkehr führt und das Evangelium des Friedens im Land verkündet wird.
  • Da der Krieg an verschiedenen Orten noch anhält, sind viele Menschen auf Unterstützung angewiesen. Beten Sie, dass unsere Brüder und Schwestern durch die Hilfe, die sie erhalten, ermutigt und geistlich gestärkt werden, damit sie weiter Gemeinde bauen.
  • Beten Sie um Weisheit für die Regierenden in Syrien, dass sie Maßnahmen zum Schutz der Christen und religiösen Minderheiten treffen, und dass Christen volle Bürgerrechte erhalten.

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