Nicaragua
Christenverfolgung in Nicaragua
Berichtszeitraum: 1. Oktober 2024 – 30. September 2025
1. Überblick
Unter Präsident Daniel Ortega und Vizepräsidentin Rosario Murillo werden diejenigen Kirchen und Christen als destabilisierende Kräfte betrachtet, die ihre Kritik an den Handlungen der Regierung zum Ausdruck bringen. Dies macht sie zur Zielscheibe von Einschüchterung, Schikanen, Überwachung, rechtlicher Verfolgung, Schließung und Enteignung vieler christlicher Organisationen (einschließlich Universitäten und Kirchen) sowie gewalttätigen Aktionen. Das Ziel dabei ist, die Kirche zu „ersticken“ und sie zum Schweigen zu bringen. Seit den sozialen Protesten im Jahr 2018 hat sich diese Lage immer weiter verschärft, da christliche Leiter und andere Personen der Kirche anhaltend das von der Regierung begangene Unrecht und die Menschenrechtsverletzungen angeprangert haben. Die Wahlen im November 2021, die ihnen vorausgegangene Änderung des Wahlrechts sowie die Verfassungsänderung im Jahr 2025 wurden genutzt, um Restriktionen gegenüber christlichen Gemeinden und ihre Leitern weiter zu legitimieren – davon betroffen sind insbesondere diejenigen Christen, die öffentlich die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit und die Wiederherstellung der Demokratie fordern. Ebenfalls besonders betroffen und gefährdet sind diejenigen Gemeinden und Gemeindeleiter, die die Freilassung politischer Gefangener fordern, einschließlich religiöser Führungspersonen, und die den Bedürftigsten helfen. Das Regime versucht, die Kirche zum Schweigen zu bringen und ihren Einfluss zu schwächen. Das geschieht durch willkürliche Inhaftierung oder Verbannung von Christen (einschließlich Aberkennung der Staatsbürgerschaft) und durch die Aufhebung des Rechtsstatus von Gemeinden.
Länderprofil als PDF
Das nachfolgende Länderprofil ist ein übersetzter Auszug aus den ausführlichen Berichten von World Watch Research, der Forschungsabteilung von Open Doors. Dieses deutsche Länderprofil finden Sie hier auch als PDF zum Download.
2. Hintergrund
Im Jahr 1979 ließ Nicaragua eine vier Jahrzehnte währende Diktatur hinter sich. Daniel Ortega wurde 1984 Präsident des Landes und schied 1990 aus dem Amt. Im Jahr 2006 übernahm er erneut das Präsidentenamt und ist seitdem an der Macht. Im Laufe der Jahre hat Ortega zunehmend diktatorische Züge an den Tag gelegt. Bei den Wahlen im November 2021 haben er und seine Verbündeten ihre Macht gefestigt, allerdings unter dem Vorwurf von Unregelmäßigkeiten und schweren Menschenrechtsverletzungen. Die internationale Gemeinschaft sowie multilaterale Organisationen haben den Wahlvorgang verurteilt und Sanktionen gegen Nicaragua verhängt. Die Verfassungsreform von 2025 hat den diktatorischen Kurs jedoch weiter vertieft.
Nach Schätzungen der World Christian Database für 2025 sind 75,3 Prozent der nicaraguanischen Christen Katholiken. Die Gemeinden traditioneller protestantischer Kirchen wie auch freikirchlicher evangelikaler Konfessionen sind im Land weiterhin stark vertreten.
Seit Beginn der sozialen Unruhen im April 2018 waren Leiter der Kirchen, vor allem aus der römisch-katholischen Kirche, am offiziellen Dialog zwischen Oppositionsgruppen und der Regierung beteiligt, zunächst als Vermittler und später als Beobachter. Jedoch beschloss die katholische Kirche im März 2019, sich nicht mehr aktiv an den Gesprächen zu beteiligen – aus Protest gegen das mangelnde Entgegenkommen des Regimes und die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen. Aufgrund dieser klaren Stellungnahme zur Situation im Land wird die katholische Kirche von der Regierung und ihren Verbündeten seither als „Staatsfeind“ betrachtet. Infolgedessen waren Gemeinden und Leiter der Kirchen häufig Ziel von Vergeltungsmaßnahmen aller Art. Die Regierung Ortegas brachte dabei Gesetze zur Anwendung, die oppositionelle Stimmen unterdrücken und kriminalisieren sollen.
Einzelheiten zu gezielten Angriffen auf Kirchen und ihre Gemeindeleiter werden unter „Beispiele für das Auftreten von Gewalt“ angegeben. In Kürze kann gesagt werden, dass Pastoren, besonders wenn sie als regimekritisch gelten, systematisch verfolgt werden: Sie können ihre Staatsbürgerschaft verlieren, mit Geldstrafen belegt, rechtswidrig inhaftiert oder zur Flucht aus dem Land gezwungen werden. Ein prominentes Beispiel ist Bischof Rolando Álvarez, der 2023 zu 26 Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde, nachdem er sich geweigert hatte, ins Exil zu gehen. Außerdem wurde ihm die Staatsbürgerschaft entzogen. Im Januar 2024 wurde er aus der Haft entlassen und in die Vatikanstadt abgeschoben. Außerdem dokumentierte im Februar 2024 die UN-Expertengruppe für Menschenrechte in Nicaragua („Group of Human Rights Experts on Nicaragua“, GHREN) Fälle von Schikane, körperlicher und verbaler Aggression sowie von Kriminalisierung mehrerer evangelikaler Pastoren.
Hilfsprogramme, die über Kirchen lebensnotwendige Güter wie Lebensmittel, Gesundheitsversorgung und Bildung liefern, stuft das Ortega-Regime als Schwächung seiner Kontrolle über die Bevölkerung ein. Die Sperrung von Bankkonten der Kirchen hindert die Kirchen in großem Maß daran, Gemeinschaftsprojekte zur Unterstützung der Armen fortzuführen. Die Regierung hat die staatliche Registrierung und den rechtlichen Status mehrerer kirchlicher Einrichtungen wie zum Beispiel von Universitäten aufgehoben, kirchliches Eigentum an sich gerissen, christliche Presseorgane beschlagnahmt und katholische Radio- und Fernsehsender stillgelegt. Mit der Freilassung vieler inhaftierter Gemeindeleiter und ihrer Exilierung ist das Maß der Christenverfolgung in Nicaragua nicht zurückgegangen. Im Gegenteil: Offene Gewalt wurde weitgehend durch noch stärkere Einschüchterung ersetzt, bei der Angst und Zensur an die Stelle offener Brutalität getreten sind.
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Weltanschauungen |
Anhänger |
% |
|
Christen |
6.832.000 |
94,4 |
|
Muslime |
1.400 |
< 0,1 |
|
Buddhisten |
9.200 |
0,1 |
|
Anhänger ethnischer Religionen |
35.400 |
0,5 |
|
Juden |
230 |
< 0,1 |
|
Bahai |
15.000 |
0,2 |
|
Atheisten |
3.700 |
0,1 |
|
Agnostiker |
228.000 |
3,2 |
|
Andere |
112.100 |
1,5 |
3. Gibt es regionale Unterschiede?
Die Verfolgung findet landesweit und auf allen Ebenen statt. Im Berichtszeitraum zum Weltverfolgungsindex 2026 wurden die meisten Fälle von Christenverfolgung aus der Autonomen Region Karibikküste gemeldet sowie aus den Städten Bluefields, Chinandega, Estelí, Granada, Jinotega, Jinotepe, León, Masaya, Managua, Matagalpa und Rivas.
4. Was sind die stärksten Triebkräfte der Verfolgung?
Diktatorische Paranoia
Leiter von Kirchen und Gemeinden und christliche Gruppen, insbesondere römisch-katholische, sehen sich Repressalien ausgesetzt, wenn sie das Regime anprangern und die Achtung der Menschenrechte und der demokratischen Grundsätze fordern. Leiter von Kirchen und Gemeinden wurden misshandelt, bedroht, schikaniert, als Verräter und Staatsfeinde beschuldigt, verhaftet, angeklagt und verurteilt. Kirchen wurden zudem verwüstet und Gottesdienste gestört und genaustens überwacht, was zu einem Klima der Angst geführt hat. Darüber hinaus wurden christliche Organisationen geschlossen, Vermögenswerte beschlagnahmt und Leiter ausgewiesen, um die öffentliche Präsenz der Kirche zu ersticken und ihr wirtschaftlich zu schaden. Evangelikale und protestantische Gemeinden werden unter Druck gesetzt, politische Loyalität zu zeigen, um Repressalien zu vermeiden und ihren rechtlichen Status zu behalten.
Kommunistische Unterdrückung
Die sozialistisch-kommunistische Ideologie wird in den Schulen gelehrt und den Bürgern durch staatliche Institutionen aufgezwungen, manchmal auch mit Gewalt. Neben Unterdrückung, intensiver Überwachung, Zensur und Schikanen sind Christen auch damit konfrontiert, dass Teile ihres Glaubens (religiöse Feste, biblische Bezüge) absichtlich verfälscht werden, um die Interessen des Regimes zu unterstützen. Die Überwachung durch Nachbarschaftskomitees wie die „Ausschüsse für Familie, Nachbarschaft und Leben“ („Gabinetes de la Familia, la Comunidad y la Vida“, ehemals „Consejos de Poder Cuidadano“) hat zugenommen. Die administrative Kontrolle über Kirchen und christliche Leiter, die als illoyal gegenüber der Regierung gelten, wurde verschärft. Die Verfassungsreform hat unter dem Vorwand des Schutzes der öffentlichen Ordnung rechtliche Mechanismen zur Einschränkung der Religionsausübung verankert, die willkürliche Repressionen ermöglichen. Diese Praktiken werden auch in den kommunistischen Nachbarländern Kuba und Venezuela angewandt, zu denen Nicaragua enge Beziehungen unterhält.
Organisiertes Verbrechen und Korruption
Zusammen mit dem illegalen Drogenhandel ist auch die Korruption ein zunehmendes Problem in Nicaragua. Das Justizsystem, die Sicherheitskräfte und die öffentlichen Dienste arbeiten daran, die Anführer der Regierungspartei an der Macht zu halten, indem sie verschiedene Mittel einsetzen: Bestechung, Manipulation, politische Einflussnahme. Gewalttätige paramilitärische Gruppen (auch bekannt als „Ortega-Todesschwadronen“), kriminelle Gruppen und sandinistische Banden arbeiten mit der Regierung zusammen, um Gegner und Dissidenten zu unterdrücken. Christen sind eine besonders gefährdete Gruppe, da sie nirgendwo Schutz finden.
5. Welche Christen sind von Verfolgung betroffen?
Christen aus traditionellen Kirchen
Die römisch-katholische Kirche erlebt vielfältige Formen der Aggression und Verfolgung durch staatliche Akteure, insbesondere dann, wenn sie sich gegen die diktatorischen Maßnahmen der Regierung ausspricht. Derzeit ist sie die christliche Gruppe, die am meisten von staatlichen Repressalien betroffen ist, weil sie eine der letzten unabhängigen Stimmen im Land ist und von der Gesellschaft als legitime Institution und Stimme der Moral angesehen wird. Schikane, Überwachung und Verleumdung nimmt zu, wenn Kirchenführer Missstände der Regierung anprangern. Des Weiteren wurden Geistliche inhaftiert, ins Exil geschickt oder unter Hausarrest gestellt, andere sehen sich mit Reiseverboten und rechtlichen Drohungen wegen ihrer pastoralen und humanitären Arbeit konfrontiert.
Christen anderer religiöser Herkunft (Konvertiten)
Christliche Konvertiten sind in Nicaragua hauptsächlich ehemalige Regimesympathisanten oder Regierungsbeamte. Wenn sie Christen werden, betrachtet man sie folglich als Teil der Opposition, und sie sind so ebenfalls Anfeindungen seitens des Regimes ausgesetzt.
Christen aus protestantischen Freikirchen
Zu dieser Kategorie gehören Christen aus Baptisten- und Pfingstgemeinden. Die Christen dieser Gruppe sind zwar eine Minderheit, werden aber auch angefeindet, wenn sie sich gegen das Regime aussprechen (vor allem, wenn sie zuvor staatliche Unterstützung bekommen haben). Die größte Gefahr für sie besteht darin, dass sie ihren legalen Status verlieren, um im Land tätig zu sein. Doch auch mittels Überwachung, Verweigerung von Genehmigungen oder Inhaftierung ihrer Pastoren werden sie zu politischer Anpassung gezwungen.
6. Wie erfahren Christen Druck und Gewalt?
Betroffene Lebensbereiche und Auftreten von Gewalt
Die Summe der Wertungen aller sechs Bereiche (die maximale Punktzahl beträgt jeweils 16,7) ergibt die Gesamtpunktzahl und somit die Platzierung auf dem Weltverfolgungsindex. Das Verfolgungsmuster zeigt das Ausmaß von Druck und Gewalt, welche durch das Zusammenwirken der Triebkräfte hervorgerufen werden.
Privatleben
Christen werden vom Regime ins Visier genommen und bedroht, wenn sie sich auf der Grundlage ihres Glaubens kritisch über die Politik der Regierung äußern, auch in den sozialen Medien. Das Sondergesetz zur Cyberkriminalität (eingeführt im Jahr 2020) bestraft diejenigen, die regimekritische Inhalte im Internet veröffentlichen, was bei vielen zu einer Selbstzensur geführt hat. Wenn ein Christ als Regimekritiker bekannt ist, kann es außerdem vorkommen, dass die Angehörigen seiner (Groß-)Familie von der Regierung verhört werden. Dies wiederum hat dazu geführt, dass Familienmitglieder Informationen über die Aktivitäten und Treffpunkte ihrer christlichen Verwandten an die Regierung weitergeben. Treffen mit anderen Christen können als Verschwörung gegen das Regime ausgelegt werden, insbesondere unter katholischen Christen und in Masaya, Matagalpa und León. Versammlungen von Christen wurden von staatlichen Akteuren überwacht oder gestört, und Autos wurden fotografiert.
Nicaraguaner dürfen in der Regel Bibeln und andere religiöse Materialien besitzen, in staatlicher Haft ist dies jedoch nicht gestattet.
Familienleben
Bildungsprogramme in den Schulen indoktrinieren schon kleine Kinder mit der Ideologie des Regimes. Kinder werden gezwungen, Fahnen und Transparente zu tragen, die das Regime preisen, und an regierungsfreundlichen Kundgebungen teilzunehmen. Wenn Eltern versuchen, ihre Kinder vor staatlicher Propaganda zu schützen, werden sie als Regimegegner angesehen und sind Repressalien und sozialem Druck ausgesetzt. Ihre Kinder werden diskriminiert und misshandelt und als „Kinder von Terroristen“ oder „Putschisten“ abgestempelt. Regimekritische Christen sind der Gefahr von Entführung, willkürlicher Verhaftung und Inhaftierung ausgesetzt. Viele waren gezwungen, aus ihrem Heimatort oder sogar dem Land zu fliehen, was zu einer langfristigen Trennung der Familien führte. Auch im aktuellen Berichtszeitraum bleibt es einigen Christen verwehrt, nach Nicaragua zurückzukehren, wodurch sie weiterhin von ihren Angehörigen getrennt bleiben.
Gesellschaftliches Leben
Christen sind in ihren Wohnvierteln, Schulen und an ihren Arbeitsplätzen ständiger Überwachung ausgesetzt, insbesondere wenn sie mit regimekritischen Kirchenführern in Verbindung stehen. Am Arbeitsplatz (besonders im öffentlichen Sektor) werden Christen unter Druck gesetzt, an staatlichen Propagandaveranstaltungen teilzunehmen, die Regierungspartei zu preisen und ihre christlichen Ansichten zu verschweigen. In einem solchen Kontext wird kirchliches Engagement oder sogar jegliche Verbindung mit Leitern der Kirchen und Gemeinden als Zeichen des Verrats an der Nation angesehen.
Einige Christen werden außerdem regelmäßig verhört, um Informationen über bestimmte Gemeindeleiter zu erhalten. Studenten, die mit christlichen Regimegegnern oder bestimmten „unliebsamen“ Leitern der Kirchen und Gemeinden in Verbindung stehen, werden von regimetreuen Akademikern und Verwaltungsangestellten schikaniert: Sie werden von der Hochschule suspendiert, verwiesen oder unter dem Vorwurf des Terrorismus der Polizei übergeben.
Leben im Staat
Wer auch nur mit der Opposition in Verbindung gebracht wird (beispielsweise durch Äußerungen oder Bilder), gerät ins Visier des Regimes. Sogar politische Neutralität kann als Opposition verstanden werden, da sie das Regime nicht verteidigt. Die einzige politische Partei, die ungehindert arbeiten kann, ist die Regierungspartei des Regimes, die „Sandinistische Nationale Befreiungsfront“. Christen, die versucht haben, ein christliches politisches Bündnis zu gründen, um an demokratischen Wahlen teilzunehmen, sind auf Einschränkungen gestoßen. Christliche zivilgesellschaftliche Organisationen sehen sich mit einem neuen Gesetz konfrontiert, das jede politische Opposition gegen das Regime als staatsfeindlich einstuft, wobei sie mitunter sogar der Planung eines Putsches mit ausländischer Hilfe beschuldigt werden. Diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Zivilgesellschaft fast verschwunden ist. Auch das Gesetz gegen Cyberkriminalität, das durch die Verfassungsreform von 2025 bekräftigt wurde, untermauert die Unterdrückung von Christen zusätzlich. Die Kontrolle des Regimes über die Medien, darunter auch die sozialen Medien, ermöglicht es, Christen so darzustellen, als seien sie Terroristen und Verräter, die einen Staatsstreich planten – wodurch ein Klima der Intoleranz gegenüber der Kirche gefördert wird. Angriffe auf Christen werden nicht strafrechtlich verfolgt oder bestraft, was Straffreiheit für die Täter und Stabilität für das Regime gewährleistet.
Kirchliches Leben
Viele Kirchen und die ihnen angeschlossenen Einrichtungen stehen in der ständigen Gefahr, dass ihnen ihr rechtlicher Status aberkannt wird, ihnen Genehmigungen und Zulassungen verweigert werden oder sie finanziell erstickt werden, wenn sie keine Loyalität gegenüber dem Regime bekunden. Damit soll gezielt die Rolle der Kirche in der humanitären und medizinischen Hilfe untergraben und die Abhängigkeit der Menschen vom Staat erhöht werden. Die meisten katholischen Geistlichen leben mittlerweile im Exil, was den pastoralen Dienst der katholischen Kirche in Nicaragua erheblich schwächt. Kirchliche Aktivitäten, darunter Gebete für den Frieden in Israel, für politische Gefangene und für Geistliche im Exil, werden streng überwacht und willkürlich verboten. Christliche Leiter sind Verleumdung, Strafverfolgung und Zwangsexil (einschließlich Aberkennung der Staatsbürgerschaft) ausgesetzt. Viele Kirchen äußern sich nicht mehr öffentlich, aus Angst vor gewalttätigen Repressalien, wie sie in früheren Berichtszeiträumen zu beobachten waren. Das Regime ist auch dafür bekannt, dass es „religiöse Veranstaltungen“ ohne die Beteiligung von kirchlichen Leitern organisiert, um diese zu diskreditieren und die Christen zu verwirren.
Beispiele für das Auftreten von Gewalt
Am 28. Januar 2025 beschlagnahmten lokale Behörden gewaltsam die Klöster und Besitztümer der Franziskanerinnen von St. Klara in Managua und Chinandega und vertrieben etwa dreißig Nonnen. Ihr Verbleib ist weiterhin unbekannt.
Am 17. Juli 2025 wurde Pastor Rudy Palacios Vargas festgenommen und in das Hochsicherheitsgefängnis La Granja gebracht. In einer virtuellen Anhörung wurden ihm ohne glaubwürdige Beweise Verrat und Verschwörung vorgeworfen. Er hatte 2018 Missstände kritisiert, woraufhin seiner Kirche 2019 der Rechtsstatus entzogen wurde. Die Kreuzwegandacht am Karfreitag (18.04.2025) in der Kathedrale von Managua fand unter starker polizeilicher Überwachung statt. Bewaffnete Beamte blockierten die Ausgänge und beschränkten die Prozession auf das Kirchengelände. Eine Ausgangssperre für religiöse Aktivitäten ab 18 Uhr schränkte die Religions- und Bewegungsfreiheit weiter ein.
7. Entwicklung in den letzten 5 Jahren
|
Jahr |
Platzierung |
Punktzahl |
|
2026 |
32 |
71 |
|
2025 |
30 |
71 |
|
2024 |
30 |
70 |
|
2023 |
50 |
65 |
|
2022 |
61 |
56 |
Die Gesamtpunktzahl für Nicaragua auf dem Weltverfolgungsindex 2026 blieb mit 71 Punkten dieselbe wie im Vorjahr. Während die Punktzahl für Gewalt leicht sank (von 9,6 auf 9,1 Punkte), stieg der Druck in allen Lebensbereichen, mit Ausnahme des gesellschaftlichen Lebens, leicht an. Im aktuellen Berichtszeitraum war die Unterdrückung der Kirche durch die Regierung weniger sichtbar, was die Zahl der dokumentierten Fälle beziehungsweise ihre Öffentlichkeitswirkung angeht. Jedoch nahm das diktatorische Regime verstärkt Christen ins Visier, die sich weigerten, politische Loyalität zu zeigen. Dies ist auf die zunehmenden Anfeindungen gegen Christen zurückzuführen, die sich weigern, Loyalität gegenüber dem Regime zu zeigen, und die stattdessen ihre Kirchen und Leiter standhaft unterstützen, auch wenn sie als „Terroristen“ oder „Feinde“ der Regierung bezeichnet werden. Die repressiven Methoden haben mittlerweile ein so systematisches Ausmaß angenommen, dass sie nicht nur die normalen Abläufe kirchlicher Aktivitäten stören, sondern auch eine Kultur der Angst unter den Gemeindemitgliedern schaffen. Diese zensieren sich daher häufig selbst, weil sie verhindern wollen, ins Visier der Regierung zu geraten. So wird die Arbeit der Kirche im Land immer weiter eingeschränkt. Für den Weltverfolgungsindex 2026 spiegelt sich diese Dynamik in einem leichten Anstieg des durchschnittlichen Werts für den Druck auf Christen von 12,2 auf 12,3 Punkte im Vergleich zum vorherigen Berichtszeitraum wider.
8. Sind Frauen und Männer unterschiedlich von Verfolgung betroffen?
Frauen
Nicaraguas Recht gewährt Glaubensfreiheit, freie Religionsausübung sowie Freiheit zum Gottesdienst und fördert die gleichberechtigte Teilhabe von christlichen Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft. Das harte Vorgehen der Regierung gegen die politische Opposition hat jedoch dazu beigetragen, dass die bürgerlichen Freiheiten von Frauen immer stärker eingeschränkt werden. Am stärksten betroffen sind Menschenrechtsaktivistinnen, Regimegegnerinnen oder Angehörige von Regimegegnern. Dazu zählen immer wieder auch Christinnen, besonders Katholikinnen. Diese Frauen stehen unter ständiger Überwachung und sind der Willkür der Handlanger der Regierung ausgeliefert. Aufgrund des mangelnden Vertrauens in die Justiz zeigen viele Opfer die gegen sie begangenen Straftaten nicht an. Christliche Frauen und Mädchen leiden auch dann, wenn männliche Familienmitglieder inhaftiert, entführt oder zur Flucht aus Nicaragua gezwungen werden und sie allein zurückbleiben.
Männer
Verbale Beleidigungen, Morddrohungen oder die Zerstörung religiöser Gegenstände: Ein erheblicher Teil der Anfeindungen durch die Regierung und regierungsnahe Gruppen richtete sich gegen katholische Priester, Bischöfe und andere Leiter der Kirchen und Gemeinden und damit zumeist gegen Männer. Sowohl der Präsident als auch weitere Politiker bezeichneten die katholischen Geistlichen in Nicaragua als „Mörder“ und „Putschisten“, die den „amerikanischen Imperialismus“ propagieren würden. Leiter von Kirchen und Gemeinden, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, werden zur Flucht gezwungen oder verhaftet und unter falschen Anschuldigungen zu langen Haftstrafen verurteilt. Berichten zufolge wurde Angehörigen von Kirchenleitern untersagt, den Inhaftierten Medikamente zu bringen, was eine Verletzung ihrer Menschenrechte darstellt. Außerdem werden den Inhaftierten Bibeln vorenthalten und in vielen Fällen wird ihnen jeglicher Kontakt zu ihren Familien verwehrt. Auch Institutionen, die mit Regimegegnern in Verbindung stehen, werden von der Regierung mit harten Sanktionen belegt oder geschlossen.
9. Verfolgung anderer religiöser Gruppen
Laut des Berichts zur internationalen Religionsfreiheit des US-Außenministeriums haben unbekannte Personen am 21. und 22. Oktober 2023 mindestens 41 jüdische Gräber in einem kleinen Bereich des Hauptfriedhofs der Hauptstadt Managua geschändet. Die Gräber wurden mit roter Farbe und Hakenkreuzen beschmiert, und auch ein kleines öffentliches Denkmal mit einer Menora wurde beschmiert und beschädigt. Berichten zufolge ließ die Regierung die Schmierereien entfernen. Im Oktober 2024 brach Nicaragua wegen Israels Vorgehen im Gazastreifen die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Dieser Schritt trägt zu einem feindseligen Klima bei, das die kleine jüdische Gemeinde in Nicaragua künftig stärker zu spüren bekommen könnte. Der Mangel an institutioneller Unterstützung könnte Juden daran hindern, ihren Glauben frei auszuüben und ihre Bürgerrechte in einem zunehmend restriktiven Umfeld wahrzunehmen.
10. Gebetsanliegen
Bitte beten Sie für Nicaragua:
- Beten Sie um Weisheit, Kraft und Mut für die Gemeindeleiter. Beten Sie um Heilung und Stärkung für diejenigen, die wegen ihres Glaubens Druck und Gewalt erlitten haben oder aktuell inhaftiert sind.
- Beten Sie um Mut und Gottes Leitung für die Christen, damit sie trotz der Verfolgung weiter mutig ihre Stimme erheben, zum Segen für ihr Land und zur Ausbreitung des Evangeliums.
- Beten Sie, dass der Heilige Geist an den Herzen der Regierenden wirkt, damit sie Kritiker nicht verfolgen, sondern sich für das Evangelium öffnen.